(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Gesammelte Schriften VIII Krankengeschichten"



H^sz i^^4^,. 






SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 

SCHRIFTEN 

VIII 



^ 



GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



ACHTER BAND 



KRANKENGESCHICHTEN 

BRUCHSTÜCK EINER HYSTERIEANA LYSE / ANALYSE DER PHOBIE 
EINES FÜNFJÄHRIGEN KNABEN / ÜBER EINEN FALL VON ZWANGS- 
NEUROSE /PSYCHOANALYTISCHE BEMERKUNGEN ÜBER EINEN AUTO- 
BIOGRAPHISCH BESCHRIEBENEN FALL VON PARANOIA / AUS DER 
GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



Die Herausgabe dieses Randes besorgten 

unter Mitwirkung des Verfassers 

Anna Freud, Otto Rank und A. J. Storfer 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung vorbehalten 

Copyright 1924 by „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. b. H.'\ Wien 



Gedruckt bei K. Liebe] in Wien 



BRUCHSTÜCK EINER 
HYSTERIE-ANALYSE 



Das „Bruchstück einer Hysterie- Analyse 1 " erschien im Jahre TQOJ in der 
Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie (llerausg. von ('. II er nicke 
und Th. Ziehen), dann in Buchform in der „Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. Von Prof. Dr. Sigm. Freud." '/.weite Folge (Verlag Franz 
Deuticke, Leipzig u. Wien l°0o. — 2. Aufl. I<JI2. — ). Aufl. l'j2l). — 
Die Aufnahme in diese Gesamtausgabe erfolgt mit Genehmigung des Ver- 
lages Franz Deuticke. 



VORWORT 



Wenn ich nach längerer Pause daran gehe, meine in den 
Jahren 1895 und 1896 aufgestellten Behauptungen über die Patho- 
genese hysterischer Symptome und die psychischen Vorgänge bei 
der Hysterie durch ausführliche Mitteilung einer Kranken- und 
Behandlungsgeschichte zu erhärten, so kann ich mir dieses Vor- 
wort nicht ersparen, welches mein Tun einerseits nach verschie- 
denen Richtungen rechtfertigen, anderseits die Erwartungen, die 
es empfangen werden, auf ein billiges Maß zurückführen soll. 

Es war sicherlich mißlich, daß ich Forschungsergebnisse, und 
zwar solche von überraschender und wenig einschmeichelnder Art, 
veröffentlichen mußte, denen die Nachprüfung von seiten der 
Fachgenossen notwendigerweise versagt blieb. Es ist aber kaum 
weniger mißlich, wenn ich jetzt beginne, etwas von dem Material 
dem allgemeinen Urteil zugänglich zu machen, aus dem ich jene 
Ergebnisse gewonnen hatte. Ich werde dem Vorwurfe nicht ent- 
gehen. Hatte er damals gelautet, daß ich nichts von ineinen 
Kranken mitgeteilt, so wird er nun lauten, daß ich von meinen 
Kranken mitgeteilt, was man nicht mitteilen soll. Ich hoffe, es 
werden die nämlichen Personen sein, welche in solcher Art den 
Vorwand für ihren Vorwurf wechseln werden, und gebe es von 
vornherein auf, diesen Kritikern jemals ihren Vorwurf zu entreißen. 
Die Veröffentlichung meiner Krankengeschichten bleibt für mich 
eine schwer zu lösende Aufgabe, auch wenn ich mich um jene 



Krankengeschichten 



einsichtslosen Übelwollenden weiter nicht bekümmere. Die Schwie- 
rigkeiten sind zum Teil technischer Natur, /.um andern Teil gehen 
sie aus dem Wesen der Verhältnisse selbst hervor. Wenn es richtig 
ist, daß die Verursachung der hysterischen Erkrankungen in den 
Intimitäten des psycho-sexuellen Lebens der Kranken gefunden 
wird, und daß die hysterischen Symptome der Ausdruck ihrer 
geheimsten verdrängten Wünsche sind, so kann die Klarlegung 
eines Falles von Hysterie nicht anders, als diese Intimitäten auf- 
decken und diese Geheimnisse verraten. Es ist gewiß, daß die 
Kranken nie gesprochen hätten, wenn ihnen die Möglichkeil einer 
wissenschaftlichen Verwertung ihrer Geständnisse in den Sinn ge- 
kommen wäre, und ebenso gewiß, daß es ganz vergeblich bliebe, 
wollte man die Erlaubnis zur Veröffentlichung von ihnen selbst 
erbitten. Zartfühlende, wohl auch zaghafte Personen würden unter 
diesen Umständen die Pflicht der ärztlichen Diskretion in den 
Vordergrund stellen und bedauern, der Wissenschaft hierin keine 
Aufklärungsdienste leisten zu können. Allein ich meine, der Arzt 
hat nicht nur Pflichten gegen den einzelnen Kranken, sondern 
auch gegen die Wissenschaft auf sich genommen. Gegen die 
Wissenschaft, das heißt im Grunde nichts anderes als gegen die 
vielen anderen Kranken, die an dem Gleichen leiden oder noch 
leiden werden. Die öffentliche Mitteilung dessen, was man über 
die Verursachung und das Gefüge der Hysterie zu wissen glaubt, 
wird zur Pflicht, die Unterlassung zur schimpflichen Feigheit, 
wenn man nur die direkte persönliche Schädigung des einen 
Kranken vermeiden kann. Ich glaube, ich habe alles getan, um 
eine solche Schädigung für meine Patientin auszuschließen, Ich 
habe eine Person ausgesucht, deren Schicksale nicht in Wien, 
sondern in einer fernab gelegenen Kleinstadt spielten, deren per- 
sönliche Verhältnisse in Wien also so gut wie unbekannt sein 
müssen; ich habe das Geheimnis der Behandlung so sorgfältig 
von Anfang an gehütet, daß nur ein einziger vollkommen ver- 
trauenswürdiger Kollege darum wissen kann, das Mädchen sei 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 



6 



meine Patientin gewesen; ich habe nach Abschluß der Behandlung 
noch vier Jahre lang mit der Publikation gewartet, bis ich von 
einer Änderung in dem Leben der Patientin hörte, die mich an- 
nehmen ließ, ihr eigenes Interesse an den hier erzählten Begeben- 
heiten und seelischen Vorgängen könnte nun verblaßt sein. Es ist 
selbstverständlich, daß kein Name stehen geblieben ist, der einen 
Leser aus Laienkreisen auf die Spur führen könnte; die Publika- 
tion in einem streng wissenschaftlichen Fachjournal sollte übrigens 
ein Schutz gegen solche unbefugte Leser sein. Ich kann es natür- 
lich nicht verhindern, daß die Patientin selbst eine peinliche 
Empfindung verspüre, wenn ihr die eigene Krankengeschichte 
durch einen Zufall in die Hände gespielt wird. Sie erfährt aber 
nichts aus ihr, was sie nicht schon weiß, und mag sich die Frage 
vorlegen, wer anders daraus erfahren kann, daß es sich um ihre 
Person handelt. 

Ich weiß, daß es — in dieser Stadt wenigstens — viele Ärzte 
gibt, die — ekelhaft genug — eine solche Krankengeschichte 
nicht als einen Beitrag zur Psychopathologie der Neurose, sondern 
als einen zu ihrer Belustigung bestimmten Schlüsselroman lesen 
wollen. Dieser Gattung von Lesern gebe ich die Versicherung, 
daß alle meine etwa später mitzuteilenden Krankengeschichten 
durch ähnliche Garantien des Geheimnisses vor ihrem Scharfsinn 
behütet sein werden, obwohl meine Verfügung über mein Material 
durch diesen Vorsatz eine ganz außerordentliche Einschränkung 
erfahren muß. 

In dieser einen Krankengeschichte, die ich bisher den Ein- 
schränkungen der ärztlichen Diskretion und der Ungunst der 
Verhältnisse abringen konnte, werden nun sexuelle Beziehungen 
mit aller Freimütigkeit erörtert, die Organe und Funktionen des 
Geschlechtslebens bei ihren richtigen Namen genannt, und der 
keusche Leser kann sich aus meiner Darstellung die Überzeugung 
holen, daß ich mich nicht gescheut habe, mit einer jugendlichen 
weiblichen Person über solche Themata in solcher Sprache zu 



Krankeneeschichten 



verhandeln. Ich soll mich nun wohl auch gegen diesen Vorwurf 
verteidigen? Ich nehme einlach die Rechte des Gynäkologen — 
oder vielmehr sehr viel bescheidenere als diese — für mich in 
Anspruch und erkläre es als ein Anzeichen einer perversen und 
fremdartigen Lüsternheit, wenn jemand vermuten sollte, solche 
Gespräche seien ein gutes Mittel zur Aufreizung oder zur Be- 
friedigung sexueller Gelüste. Im übrigen verspüre ich die Neigung, 
meinem Urteil hierüber in einigen entlehnten Worten Ausdruck 
zu geben. 

„Es ist jämmerlich, solchen Verwahrungen und Beteuerungen 
einen Platz in einem wissenschaftlichen Werke einräumen zu 
müssen, aber man mache mir darob keine Vorwürfe, sondern 
klage den Zeitgeist an, durch den wir glücklich dahin gekommen 
sind, daß kein ernstes Buch mehr seines Lebens sicher ist." 1 

Ich werde nun mitteilen, aufweiche Weise ich für diese Kranken- 
geschichte die technischen Schwierigkeiten der Berichterstattung 
überwunden habe. Diese Schwierigkeiten sind sehr erhebliche fin- 
den Arzt, der sechs oder acht solcher psycho-therapeutischer Be- 
handlungen täglich durchzuführen hat und während der Sitzung 
mit dem Kranken selbst Notizen nicht machen darf, weil er das 
Mißtrauen des Kranken erwecken und sich in der Erfassung des 
aufzunehmenden Materials stören würde. Es ist auch ein für mich 
noch ungelöstes Problem, wie ich eine Behandlungsgeschichte von 
langer Dauer für die Mitteilung fixieren könnte. In dem hier vor- 
liegenden Falle kamen mir zwei Umstände zu Hilfe: erstens, daß 
die Dauer der Behandlung sich nicht über drei Monate erstreckte, 
zweitens, daß die Aufklärungen sich um zwei — in der Mitte 
und am Schlüsse der Kur erzählte Träume gruppierten, deren 

Wortlaut unmittelbar nach der Sitzung festgelegt wurde, und die 
einen sicheren Anhalt für das anschließende Gespinst von Deu- 
tungen und Erinnerungen abgeben konnten. Die Krankengeschichte 

1) Richard Schmidt, Beitrüge zur indischen Erotik. 1902. (Im Vorwort.) 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse j 

selbst habe ich erst nach Abschluß der Kur aus meinem Gedächt- 
nisse niedergeschrieben, so lange meine Erinnerung noch frisch 
und durch das Interesse an der Publikation gehoben war. 
Die Niederschrift ist demnach nicht absolut — phonographisch 
— getreu, aber sie darf auf einen hohen Grad von Verläß- 
lichkeit Anspruch machen. Es ist nichts anderes, was wesentlich 
wäre, in ihr verändert, als etwa an manchen Stellen die Reihen- 
folge der Aufklärungen, was ich dem Zusammenhange zu- 
liebe tat. 

Ich gelte daran, hervorzuheben, was man in diesem Berichte 
finden und was man in ihm vermissen wird. Die Arbeit führte 
ursprünglich den Namen „Traum und Hysterie", weil sie mir 
ganz besonders geeignet schien, zu zeigen, wie sich die Traum- 
deutung in die ßehandlungsgeschichte einflicht und wie mit 
deren Hilfe die Ausfüllung der Amnesien und die Aufklärung 
der Symptome gewonnen werden kann. Ich habe nicht ohne gute 
Gründe im Jahre 1900 eine mühselige und tief eindringende 
Studie über den Traum meinen beabsichtigten Publikationen zur 
Psychologie der Neurosen vorausgeschickt', allerdings auch aus 
deren Aufnahme ersehen können, ein wie unzureichendes Ver- 
ständnis derzeit noch die Fachgenossen solchen Bemühungen ent- 
gegenbringen. In diesem Falle war auch der Einwand nicht 
stichhaltig, daß meine Aufstellungen wegen Zurückhaltung des 
Materials eine auf Nachprüfung gegründete Überzeugung nicht 
gewinnen lassen, denn seine eigenen Träume kann jedermann zur 
analytischen Untersuchung heranziehen, und die Technik der 
Traumdeutung ist nach den von mir gegebenen Anweisungen 
und Beispielen leicht zu erlernen. Ich muß heute wie damals 
behaupten, daß die Vertiefung in die Probleme des Traumes 
eine unerläßliche Vorbedingung für das Verständnis der psychi- 
schen Vorgänge bei der Hysterie und den anderen Psy choneurosen 



1) Die Traumdeutung. Wien, 1900. 7. Aufl. 1922. 



Krankengeschichten 



ist, und daß niemand Aussicht hat, auf diesem Gebiete auch nur 
einige Schritte weit vorzudringen, der sich jene vorbereitende 
Arbeit ersparen will. Da also diese Krankengeschichte die Kennt- 
nis der Traumdeutung voraussetzt, wird ihre Lektüre für jeder- 
mann höchst unbefriedigend ausfallen, bei dem solche Voraus- 
setzung nicht zutrifft. Er wird nur Befremden anstatt der gesuchten 
Aufklärung in ihr finden und gewiß geneigt sein, die Ursache 
dieses Befremdens auf den für phantastisch erklärten Autor zu 
projizieren. In Wirklichkeit haftet solches Befremden an den Er- 
scheinungen der Neurose selbst; es wird dort nur durch unsere 
ärztliche Gewöhnung verdeckt und kommt beim Erklärungsversuch 
wieder zum Vorschein. Gänzlich zu bannen wäre es ja nur, wenn 
es gelänge, die Neurose restlos von Momenten, die uns bereits 
bekannt geworden sind, abzuleiten. Aber alle Wahrscheinlichkeit 
spricht dafür, daß wir im Gegenteil aus dem Studium der Neurose 
den Antrieb empfangen werden, sehr vieles Neue anzunehmen, 
was dann allmählich Gegenstand sicherer Erkenntnis werden 
kann. Das Neue hat aber immer Befremden und Widerstand 
erregt. 

Irrtümlich wäre es, wenn jemand glauben würde, daß Träume 
und deren Deutung in allen Psychoanalysen eine so hervorragende 
Stellung einnehmen wie in diesem Beispiel. 

Erscheint die vorliegende Krankengeschichte betreffs der Ver- 
wertung der Träume bevorzugt, so ist sie dafür in anderen 
Punkten armseliger ausgefallen, als ich es gewünscht hätte. Ihre 
Mängel hängen aber gerade mit jenen Verhältnissen zusammen, 
denen die Möglichkeit, sie zu publizieren, zu verdanken ist. Ich 
sagte schon, daß ich das Material einer Behandlungsgeschichte, 
die sich etwa über ein Jahr erstreckt, nicht zu bewältigen 
wüßte. Diese bloß dreimonatige Geschichte ließ sich übersehen 
und erinnern; ihre Ergebnisse sind aber in mehr als einer 
Hinsicht unvollständig geblieben. Die Behandlung wurde nicht 
bis zum vorgesetzten Ziele fortgeführt, sondern durch den 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 



Willen der Patientin unterbrochen, als ein gewisser Punkt er- 
reicht war. Zu dieser Zeit waren einige Rätsel des Krankheits- 
falles noch gar nicht in Angriff genommen, andere erst unvoll- 
kommen aufgehellt, während die Fortsetzung der Arbeit gewiß 
an allen Punkten bis zur letzten möglichen Aufklärung vor- 
gedrungen wäre. Ich kann also hier nur ein Fragment einer 
Analyse bieten. 

Vielleicht wird ein Leser, der mit der in den „Studien über 
Hysterie" dargelegten Technik der Analyse vertraut ist, sich dar- 
über verwundern, daß sich in drei Monaten nicht die Möglich- 
keit fand, wenigstens die in Angriff genommenen Symptome zu 
ihrer letzten Lösung zu bringen. Dies wird aber verständlich, 
wenn ich mitteile, daß seit den „Studien" die psychoanalytische 
Technik eine gründliche Umwälzung erfahren hat. Damals ging 
die Arbeit von den Symptomen aus und setzte sich die Auflösung 
derselben der Reihe nach zum Ziel. Ich habe diese Technik 
seither aufgegeben, weil ich sie der feineren Struktur der Neu- 
rose völlig unangemessen fand. Ich lasse nun den Kranken selbst 
das Thema der täglichen Arbeit bestimmen und gehe also von 
der jeweiligen Oberfläche aus, welche das Unbewußte in ihm 
seiner Aufmerksamkeit entgegenbringt. Dann erhalte ich aber, 
was zu einer Symptomlösung zusammengehört, zerstückelt, in ver- 
schiedene Zusammenhänge verflochten und auf weit auseinander- 
liegende Zeiten verteilt. Trotz dieses scheinbaren Nachteils ist 
die neue Technik der alten weit überlegen, ohne Widerspruch 
die einzig mögliche. 

Angesichts der Unvollständigkeit meiner analytischen Ergebnisse 
blieb mir nichts übrig, als dem Beispiel jener Forscher zu folgen, 
welche so glücklich sind, die unschätzbaren wenn auch verstüm- 
melten Reste des Altertums aus langer Begrabenheit an den 
Tag zu bringen. Ich habe das Unvollständige nach den besten 
mir von anderen Analysen her bekannten Mustern ergänzt, aber 
ebensowenig wie ein gewissenhafter Archäologe in jedem Falle 



10 



Krankengeschichten 



anzugeben versäumt, wo meine Konstruktion an das Authen- 
tische ansetzt. 

Eine andere Art von Unvollständigkeit habe ich selbst mit 
Absicht herbeigeführt. Ich habe nämlich die Deutungsarbeit, die 
an den Einfällen und Mitteilungen der Kranken zu vollziehen 
war, im allgemeinen nicht dargestellt, sondern bloB die Ergebnisse 
derselben. Die Technik der analytischen Arbeit ist also, abgesehen 
von den Träumen, nur an einigen wenigen Stellen enthüllt 
worden. Es lag mir in dieser Krankengeschichte daran, die Deter- 
minierung der Symptome und den intimen Aul bau der neurotischen 
Erkrankung aufzuzeigen; es hätte nur unauflösbar«: Verwirrung 
erzeugt, wenn ich gleichzeitig versucht hätte, auch die andere 
Aufgabe zu erfüllen. Zur Begründung der technischen, zumeist 
empirisch gefundenen Regeln müßte man wohl das Material aus 
vielen Behandlungsgeschichten zusammentragen. Endes möge man 
sich die Verkürzung durch die Zurückhaltung der Technik für 
diesen Fall nicht besonders groß vorstellen. Gerade «Ins schwieligste 
Stück der technischen Arbeit ist bei der Kranken nicht in Frage 
gekommen, da das Moment der „Übertragung", von dem zu Ende 
der Krankengeschichte die Rede ist, während der kurzen Behand- 
lung nicht zur Sprache kam. 

An einer dritten Art von Unvollständigkeit dieses Berichtes 
tragen weder die Kranke noch der Autor die Schuld. Es ist viel- 
mehr selbstverständlich, daß eine einzige Krankengeschichte, selbst 
wenn sie vollständig und keiner Anzweiflung ausgesetzt wäre, 
nicht Antwort auf alle Fragen geben kann, die sich aus dem 
Hysterieproblem erheben. Sie kann nicht alle Typen der Er- 
krankung, nicht alle Gestaltungen der inneren Struktur der Neu- 
rose, nicht alle bei der Hysterie möglichen Arten des Zusammen- 
hanges zwischen Psychischem und Somatischem kennen lehren. 
Man darf billigerweise von dem einen Fall nicht mehr fordern, 
als er zu gewähren vermag. Auch wird, wer bisher nicht an 
die allgemeine und ausnahmslose Gültigkeit der psychosexuellen 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 



1 1 



Ätiologie für die Hysterie glauben wollte, diese Überzeugung durcb 
die Kenntnisnahme einer Krankengeschichte kaum gewinnen, 
sondern am besten sein Urteil aufschieben, bis er sich durch 
eigene Arbeit ein Recht auf eine Überzeugung erworben hat'. 



i) {Zusatz ip2}:] Die hier mitgeteilte Behandlung' wurde am 31. Dezember 1899 
unterbrochen, der Bericht über sie in den nächstfolgenden zwei Wochen niederge- 
schrieben, aber erst 1905 publiziert. Es ist nicht zu erwarten, daß mehr als zwei 
Dezennien fortgesetzter Arbeit nichts an der Auffassung und Darstellung eines solchen 
Krankheitsfalles geändert haben sollten, aber es wäre offenbar unsinnig, diese Kranken- 
geschichte durch Korrekturen und Erweiterungen „up 10 date" zu bringen, sie dem 
heutige" Stande unseres Wissens anzupassen. Ich habe sie also im Wesentlichen un- 
berührt gelassen und in ihrem Text nur Flüchtigkeiten und Uligenauigkeiten verbessert, 
auf die meine ausgezeichneten englischen Übersetzer, Mr. und Mrs. James Strachey 
meine Aufmerksamkeit gelenkt hatten. Was mir an kritischen Zusätzen zulässig schien, 
habe ich in diesen Zusätzen zur Krankengeschichte untergebracht, so daß der Leser 
zur Annahme berechtigt ist, ich hielte noch heute an den im Text vertretenen 
Meinungen fest, wenn er in den Zusätzen keinen Widerspruch dagegen findet. Das 
Problem der ärztlichen Diskretion das mich in dieser Vorrede beschäftigt, fällt für 
die anderen Krankengeschichten dieses Bandes außer Betracht, denn drei derselben sind 
mit ausdrücklicher Zustimmung der Behandelten, beim kleinen Hans mit der des Vulers, 
veröffentlicht worden und in einem Falle (Sehreber) ist das Objekt der Analyse 
nicht eigentlich eine Person, sondern ein von ihr ausgehendes Buch. Im Falle Dora 
ist das Geheimnis bis zu diesem Jahr- gehütet worden. Ich habe kürzlich gehört, daß 
die mir längst entschwundene, jetzt neuerlich über andere Anlässe erkrankte Frau 
ihrem Arzt eröffnet hat, sie sei als Mädchen Objekt meiner Analyse gewesen und 
diese Mitteilung machte es dem kundigen Kollegen leicht, in ihr die Dora aus dem 
Jahre 1899 zu erkennen. Daß die drei Monate der damaligen Behandlung nicht mehr 
leisteten als die Erledigung des damaligen Konflikts, daß sie nicht auch einen Schutz 
gegen spätere Erkrankungen hinterlassen konnten, wird kein billig Denkender der 
analytischen Therapie zum Vorwurf machen. 



DER KRANKHEITSZUSTAND 

Nachdem ich in meiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung" 
nachgewiesen habe, daß Träume im allgemeinen deutbar sind, 
und daß sie nach vollendeter Deutungsarbeit sich durch tadellos 
gebüdete, an bekannter Stelle in den seelischen Zusammenhang 
einfügbare Gedanken ersetzen lassen, möchte ich auf den nach- 
folgenden Seiten ein Beispiel von jener einzigen praktischen Ver- 
wendung geben, welche die Kunst des Traumdeutens zuzulassen 
scheint. Ich habe schon in meinem Buche 1 erwähnt, auf welche 
Weise ich an die Traumprobleme geraten bin. Ich fand sie auf 
meinem Wege, während ich Psychoneurosen durch ein besonderes 
Verfahren der Psychotherapie zu heilen bemüht war, indem mir 
die Kranken unter anderen Vorfällen aus ihrem Seelenleben auch 
Träume berichteten, welche nach Einreihung in den lange aus- 
gesponnenen Zusammenhang zwischen Leidenssymptom und patho- 
gener Idee zu verlangen schienen. Ich erlernte damals, wie man 
aus der Sprache des Traumes in die ohne weitere Nachhilfe ver- 
ständliche Ausdrucksweise unserer Denksprache übersetzen muß. 
Diese Kenntnis, darf ich behaupten^ist für den Psychoanalytiker 
unentbehrlich, denn der Traum stellt einen der Wege dar, wie 
dasjenige psychische Material zum Bewußtsein gelangen kann, 
welches kraft des Widerstrebens, das sein Inhalt rege macht, vom 



1) Die Traumdeutimg. i 9 oo, p. 68. — 7 . Aufl., 1922, p. 70. 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 13 

Bewußtsein abgesperrt, verdrängt und somit pathogen geworden 
ist. Der Traum ist, kürzer gesagt, einer der Umwege zur Um- 
gehung der Verdrängung, eines der Hauptmittel der sogenannten 
indirekten Darstellungsweise im Psychischen. Wie die Traum- 
deutung in die Arbeit der Analyse eingreift, soll nun das vor- 
liegende Bruchstück aus der Behandlungsgeschichte eines hysteri- 
schen Mädchens dartun. Es soll mir gleichzeitig Anlaß bieten, 
von meinen Ansichten über die psychischen Vorgänge und über 
die organischen Bedingungen der Hysterie zum ersten Male in 
nicht mehr mißverständlicher Breite einen Anteil öffentlich zu 
vertreten. Der Breite wegen brauche ich mich wohl nicht mehr 
zu entschuldigen, seitdem es zugegeben wird, daß man nur durch 
liebevollste Vertiefung, aber nicht durch vornehmtuende Gering- 
schätzung den großen Ansprüchen nachkommen kann, welche die 
Hysterie an den Arzt und Forscher stellt. Freilich: 

„Nicht Kunst und Wissenschaft allein, 

Geduld will bei dem Werke sein!" 



Eine lückenlose und abgerundete Krankengeschichte voran- 
anschicken, hieße den Leser von vornherein unter ganz andere 
Bedingungen versetzen, als die des ärztlichen Beobachters waren. 
Was die Angehörigen des Kranken — in diesem Falle der Vater 
des 18 jährigen Mädchens — berichten, gibt zumeist ein sehr 
unkenntliches Bild des Krankheitsverlaufs. Ich beginne dann zwar 
die Behandlung mit der Aufforderung, mir die ganze Lebens- 
und Krankheitsgeschichte zu erzählen, aber was ich darauf zu 
hören bekomme, ist zur Orientierung noch immer nicht genügend. 
Diese erste Erzählung ist einem nicht schiffbaren Strom vergleich- 
bar, dessen Bett bald durch Felsmassen verlegt, bald durch Sand- 
bänke zerteilt und untief gemacht wird. Ich kann mich nur ver- 
wundern, wie die glatten und exakten Krankengeschichten Hyste- 
rischer bei den Autoren entstanden sind. In Wirklichkeit sind 
die Kranken unfähig, derartige Berichte über sich zu geben. Sie 






14 



Ä ranken geschieht en 



können zwar über diese oder jene Lebenszeit den Arzt aus- 
reichend und zusammenhängend informieren, dann folgt aber 
eine andere Periode, in der ihre Auskünfte seicht werden, Lücken 
und Rätsel lassen, und ein andermal steht man wieder vor ganz 
dunkeln, durch keine brauchbare Mitteilung erhellten Zeiten. Die 
Zusammenhänge, auch die scheinbaren, sind meist zerrissen, die 
Aufeinanderfolge verschiedener Begebenheiten unsicher; während 
der Erzählung selbst korrigiert die Kranke wiederholt eine Angabe, 
ein Datum, um dann nach längerem Schwanken etwa wieder auf 
die erste Aussage zurückzugreifen. Die Unfähigkeit der Kranken 
zur geordneten Darstellung ihrer Lebensgeschichte, soweit sie mit 
der Krankheitsgeschichte zusammenfällt, ist nicht nur charakte- 
ristisch für die Neurose', sie entbehrt auch nicht einer großen 
theoretischen Bedeutsamkeit. Dieser Mangel hat nämlich folgende 
Begründungen: Erstens hält die Kranke einen Teil dessen, was 
ihr wohlbekannt ist und was sie erzählen sollte, bewußt und ab- 
sichtlich aus den noch nicht überwundenen Motiven der Scheu 
/und Scham (Diskretion, wenn andere Personen in Betracht kommen) 
tzurück; dies wäre der Anteil der bewußten Unaufrichtigkeit. 
Zweitens bleibt ein Teil ihres anamnestischen Wissens, über 
welchen die Kranke sonst verfügt, während dieser Erzählung aus, 
ohne daß die Kranke einen Vorsatz auf diese Zurückhaltung ver- 
wendet: Anteil der unbewußten Unaufrichtigkeit. Drittens fehlt 
es nie an wirklichen Amnesien, Gedächtnislücken, in welche nicht 
nur alte, sondern selbst ganz rezente Erinnerungen hineingeraten 
sind, und an Erinnerungstäuschungen, welche sekundär zur Aus- 

1) Einst übergab mir ein Kollege seine Scbwester zur psychotherapeutischen Be- 
handlung, die, wie er sagte, seit Jahren erfolglos wegen Hysterie (Schmerzen und 
Gangstörung) behandelt worden sei. Die kurze Information schien mit der Diagnose 
gut vereinbar; ich ließ mir in einer ersten Stunde von der Kranken selbst ihre Ge- 
schichte erzählen. Als diese Erzählung trotz der merkwürdigen Begebenheiten, auf 
die sie anspielte, vollkommen klar und ordentlich ausfiel, sagte ich mir, der Fall 
könne keine Hysterie sein, und stellte unmittelbar darauf eine sorgfältige körperliche 
Untersuchung an. Das Ergebnis war die Diagnose einer mäßig vorgeschrittenen Tabes, 
die dann auch durch Hg-Injcktionen (Ol. cinereum, von Prof. Lang ausgeführt) eine 
erhebliche Besserung erfuhr. 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 15 

füllung dieser Lücken gebildet wurden 1 . Wo die Begebenheiten 
selbst dem Gedächtnis erhalten geblieben, da wird die den Am- 
nesien zugrunde liegende Absicht ebenso sicher durch Aulhebung 
eines Zusammenhanges erreicht, und der Zusammenhang wird 
am sichersten zerrissen, wenn die Zeitfolge der Begebenheiten 
verändert wird. Letztere erweist sich auch stets als der vulne- 
rabelste, der Verdrängung am ehesten unterliegende Bestandteil 
des Erinnerungsschatzes. Manche Erinnerungen trifft man sozu- 
sagen in einem ersten Stadium der Verdrängung, sie zeigen sich 
mit Zweifel behaftet. Eine gewisse Zeit später wäre dieser Zweifel 
durch Vergessen oder Fehlerinnern ersetzt 2 . 

Ein solcher Zustand der auf die Krankheitsgeschichte bezüg- 
lichen Erinnerungen ist das notwendige, theoretisch geforderte 
Korrelat der Krankheitssymptome. Im Verlaufe der Behandlung 
trägt dann der Kranke nach, was er zurückgehalten oder was 
ihm nicht eingefallen ist, obwohl er es immer gewußt hat. Die 
Erinnerungstäuschungen erweisen sich als unhaltbar, die Lücken 
der Erinnerung werden ausgefüllt. Gegen Ende der Behandlung 
erst kann man eine in sich konsequente, verständliche und lücken- 
lose Krankengeschichte überblicken. Wenn das praktische Ziel der / 
Behandlung dahin geht, alle möglichen Symptome aufzuheben \ 
und durch bewußte Gedanken zu ersetzen, so kann man als ein 
anderes, theoretisches Ziel die Aufgabe aufstellen, alle Gedächtnis- 
schäden des Kranken zu heilen. Die beiden Ziele fallen zusammen; / 
wenn das eine erreicht ist, ist auch das andere gewonnen; der 
nämliche Weg führt zu beiden. 



1) Amnesien und Erinnerungstäuschungen stehen im komplementären Verhältnis 
ineinander. Wo sich große Erinnerungslücken ergeben, wird man auf wenig Er- 
inncrungstäuschungen stoßen. Umgekehrt können letztere das Vorhandensein von Am- 
nesien für den ersten Anschein völlig verdecken. 

2) Bei zweifelnder Darstellung, lehrt eine durch Erfahrung gewonnene Regel, (\ s 
sehe man von dieser Urteilsäußcrung des Erzählers völlig ah. Bei zwischen zwei Ge- 
staltungen schwankender Darstellung halte man eher die erst geäußerte für richtig, 

die zweite für ein Produkt der Verdrängung. 



1 6 Krankengeschichten 



Aus der Natur der Dinge, welche das Material der Psycho- 
analyse bilden, folgt, daß wir in unseren Krankengeschichten 
den rein menschlichen und sozialen Verhältnissen der Kranken 
ebensoviel Aufmerksamkeit schuldig sind wie den somatischen 
Daten und den Krankheitssymptomen. Vor allem anderen wird 
sich unser Interesse den Familienverhältnissen der Kranken zu- 
wenden, und zwar, wie sich ergeben wird, auch anderer Be- 
ziehungen wegen als nur mit Rücksicht auf die zu erforschende 
Heredität. 

Der Familienkreis der 1 8 jährigen Patientin umfaßte außer 
ihrer Person das Elternpaar und einen um iV 3 Jahre älteren 
Bruder. Die dominierende Person war der Vater, sowohl durch 
seine Intelligenz und Charaktereigenschaften wie durch seine 
Lebensumstände, welche das Gerüst für die Kindheits- und 
Krankengeschichte der Patientin abgeben. Er war zur Zeit, als ich 
das Mädchen in Behandlung nahm, ein Mann in der zweiten 
Hälfte der Vierzigerjahre, von nicht ganz gewöhnlicher Rührigkeit 
und Begabung, Großindustrieller in sehr behäbiger materieller 
Situation. Die Tochter hing an ihm mit besonderer Zärtlichkeit 
und ihre frühzeitig erwachte Kritik nahm umso stärkeren Anstoß 
an manchen seiner Handlungen und Eigentümlichkeiten. 

Diese Zärtlichkeit war überdies durch die vielen und schweren 
Erkrankungen gesteigert worden, denen der Vater seit ihrem 
sechsten Lebensjahr unterlegen war. Damals wurde seine Er- 
krankung an Tuberkulose der Anlaß zur Übersiedlung der Familie 
in eine kleine, klimatisch begünstigte Stadt unserer südlichen 
Provinzen; das Lungenleiden besserte sich daselbst rasch, doch 
blieb der für nötig gehaltenen Schonung zuliebe dieser Ort, den 
ich mit B. bezeichnen werde, für die nächsten zehn Jahr ungefähr 
der vorwiegende Aufenthalt sowohl der Eltern wie auch der 
Kinder. Der Vater war, wenn es ihm gut ging, zeitweilig ab- 
wesend, um seine Fabriken zu besuchen $ im Hochsommer wurde 
ein Höhenkurort aufgesucht. 



1 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 17 

Als das Mädchen etwa zehn Jahre alt war, machte eine Netz- 
hautablösung beim Vater eine Dunkelkur notwendig. Bleibende 
Einschränkung des Sehvermögens war die Folge dieses Krankheits- 
zufalles. Die ernsteste Erkrankung ereignete sich etwa zwei Jahre 
später; sie bestand in einem Anfalle von Verworrenheit, an den 
sich Lähmungserscheinungen und leichte psychische Störungen 
anschlössen. Ein Freund des Kranken, dessen Rolle uns noch 
später beschäftigen wird, bewog damals den nur wenig Gebesserten, 
mit seinem Arzte nach Wien zu reisen, um meinen Rat einzu- 
holen. Ich schwankte eine Weile, ob ich nicht bei ihm eine 
Taboparalyse annehmen sollte, entschloß mich aber dann zur 
Diagnose diffuser vaskulärer AfJektion und ließ, nachdem eine 
spezifische Infektion vor der Ehe vom Kranken zugestanden war, 
eine energische antiluetische Kur vornehmen, infolge deren sich 
alle noch vorhandenen Störungen zurückbildeten. Diesem glück- 
lichen Eingreifen verdankte ich wohl, daß mir der Vater vier 
Jahre später seine deutlich neurotisch gewordene Tochter vorstellte 
und nach weiteren zwei Jahren zur psychotherapeutischen Be- 
handlung übergab. 

Ich hatte unterdes auch eine wenig ältere Schwester des 
Patienten in Wien kennen gelernt, bei der man eine schwere 
Form von Psychoneurose ohne charakteristisch-hysterische Symp- 
tome anerkennen mußte. Diese Frau starb nach einem von einer 
unglücklichen Ehe erfüllten Leben unter den eigentlich nicht voll 
aufgeklärten Erscheinungen eines rapid fortschreitenden Marasmus. 

Ein älterer Bruder des Patienten, den ich gelegentlich zu Ge- 
sichte bekam, war ein hypochondrischer Junggeselle. 

Das Mädchen, das im Alter von 18 Jahren meine Patientin 
wurde, hatte von jeher mit seinen Sympathien auf Seite der 
väterlichen Familie gestanden und, seitdem sie erkrankt war, ihr 
Vorbild in der erwähnten Tante gesehen. Es war auch mir nicht 
zweifelhaft, daß sie sowohl mit ihrer Begabung und intellektuellen 
Frühreife als auch mit ihrer Krankheitsveranlagung dieser Familie 

Freud. VIII. 2 



18 Krankeneeschichten 



angehörte. Die Mutter habe ich nicht kennen gelernt. Nach den 
Mitteilungen des Vaters und des Mädchens mußte ich mir die 
Vorstellung machen, sie sei eine wenig gebildete, vor allem aber 
unkluge Frau, die besonders seit der Erkrankung und der ihr 
folgenden Entfremdung ihres Mannes alle ihre Interessen auf die 
Hauswirtschaft konzentriere und so das Bild dessen biete, was 
man die „Hausl'rauenpsychose" nennen kann. Ohne Verständnis 
für die regeren Interessen ihrer Kinder, war sie den ganzen Tag 
mit Reinmachen und Reinhalten der Wohnung, Möbel und Ge- 
rätschaften in einem Maße beschäftigt, welches Gebrauch und 
Genuß derselben fast unmöglich machte. Man kann nicht umhin, 
diesen Zustand, von dem sich Andeutungen häufig genug bei 
normalen Hausfrauen finden, den Formen von Wasch- und anderem 
Reinlichkeitszwang an die Seite zu stellen 5 doch fehlt es bei 
solchen Frauen, wie auch bei der Mutter unserer Patientin, völlig 
an der Krankheitserkenntnis und somit an einem wesentlichen 
Merkmal der „Zwangsneurose". Das Verhältnis zwischen Mutter 
und Tochter war seit Jahren ein sehr unfreundliches. Die Tochter 
übersah die Mutter, kritisierte sie hart und hatte sich ihrem 
Einfluß völlig entzogen'. 



1) Ich stehe zwar nicht auf dem Standpunkte, die einzige Ätiologie der Hysterie sei 
die Heredität, möchte aber gerade mit Hinblick auf frühere Publikationen (L'heredite et 
l'etiologie des nevroses. Revue neurologique, i8g6. Enthalten in Bd. 1 dieser Gesamt- 
ausgabe), in denen ich den obigen Satz bekämpfe, nicht den Anschein erwecken, als unter- 
schätzte ich die Heredität in der Ätiologie der Hysterie oder hielte sie überhaupt für ent- 
behrlich. Für den Fall unserer Patientin ergibt sich eine genügende Krankheitsbelastimg 
aus dem üher den Vater und dessen Geschwister Mitgeteilten; ja, wer der Anschauung 
ist, daß auch Krankheitszustände wie der der Mutter ohne hereditäre Disposition unmög- 
lich sind, wird die Heredität dieses Falles für eine konvergente erklären können. Mir 
erscheint für die hereditäre oder hesser konstitutionelle Disposition des Mädchens ein 
anderes Moment bedeutsamer. Ich habe erwähnt, daß der Vater vor der Ehe Syphilis 
überstanden hatte. Nun stammt ein auffällig großer Prozentsatz meiner psychoana- 
lytisch behandelten Kranken von Vätern ab, die an Tabes oder an Paralyse gelitten haben. 
Infolge der Neuheit meines therapeutischen Verfahrens fallen mir nur die schwersten 
Fälle zu, die bereits jahrelang ohne jeglichen Erfolg behandelt worden sind. Tabes 
oder Paralyse des Erzeugers darf man als Anhänger der Erb-Fournicrschen Lehre als 
Hinweise auf eine stattgehabte luctische Infektion aufnehmen, welche in einer Anzahl 
von Fällen bei diesen Vätern auch von mir direkt festgestellt worden ist. In der 



Bruchstück eine?- Hysterie- Analyse 19 

Der einzige, um iV 2 Jahre ältere Bruder des Mädchens war 
ihr in früheren Jahren das Vorbild gewesen, dem ihr Ehrgeiz, 
nachgestrebt hatte. Die Beziehungen der beiden Geschwister hatten 
sich in den letzten Jahren gelockert. Der junge Mann suchte sich 
den Familienwirren möglichst zu entziehen; wo er Partei nehmen 
mußte, stand er auf seiten der Mutter. So hatte die gewöhnliche 
sexuelle Attraktion Vater und Tochter einerseits, Mutter und Sohn 
anderseits einander näher gebracht. 

Unsere Patientin, der ich fortan ihren Namen Dora geben will, 
zeigte schon im Alter von acht Jahren nervöse Symptome. Sie 
erkrankte damals an permanenter, änfalls weise sehr gesteigerter 
Atemnot, die zuerst nach einer kleinen Bergpartie auftrat und 
darum auf Überanstrengung bezogen wurde. Der Zustand klang 
im Laufe eines halben Jahres langsam unter der ihr aufgenötigten 
Ruhe und Schonung ab. Der -Hausarzt der Familie scheint bei 
der Diagnose einer rein nervösen Störung und beim Ausschluß 
einer organischen Verursachung der Dyspnoe keinen Moment 
geschwankt zu haben, aber er hielt offenbar solche Diagnose für 
vereinbar mit der Ätiologie der Überanstrengung 1 . 

Die Kleine machte die gewöhnlichen Kinderinfektionskrankheiten 
ohne bleibende Schädigung durch. Wie sie (in symbolisierender 
Absicht!) erzählte, machte gewöhnlich der Bruder den Anfang 
mit der Erkrankung, die er im leichten Grade hatte, worauf sie 
mit schweren Erscheinungen nachfolgte. Gegen das Alter von 
1 2 Jahren traten migräneartige halbseitige Kopfschmerzen und 
Anfälle von nervösem Husten bei ihr auf, anfangs jedesmal mit- 
einander, bis sich die beiden Symptome voneinander lösten, um 
eine verschiedene Entwicklung zu erfahren. Die Migräne wurde 



letzten Diskussion über die Nachkommenschaft Syphilitischer (XIII. Internat. Medizin. 
Kongreß zu Paris. 2.-9. August 1900, Referate von Pinger, Tarnowsky, Jullien 
u. a.) vermisse ich die Erwähnung der Tatsache, zu deren Anerkennung mich meine 
Erfahrung als Neuropathologe drängt, daß Syphilis der Erzeuger als Ätiologie für die 
neuropathische Konstitution der Kinder sehr wohl in Betracht kommt. 

1) Über den wahrscheinlichen Anlaß dieser ersten Erkrankung siehe weiter unten. 



2 o Krankengeschichten 



seltener und war mit ]6 Jahren überwunden. Die Anfälle von 
Tussis nervosa, zu denen ein gemeiner Katarrh wohl den Anstoß 
gegeben hatte, hielten die ganze Zeit über an. Als sie mit 
]8 Jahren in meine Behandlung kam, hustete sie neuerdings in 
charakteristischer Weise. Die Anzahl dieser Anfälle war nicht 
festzustellen, die Dauer derselben betrug drei bis fünf Wochen, 
einmal auch mehrere Monate. In der ersten Hälfte eines solchen 
Anfalles war wenigstens in den letzten Jahren komplette Stimm- 
losigkeit das lästigste Symptom gewesen. Die Diagnose, daß es 
sich wieder um Nervosität handle, stand längst fest; die mannig- 
fachen gebräuchlichen Behandlungen, auch Hydrotherapie und 
lokale Elektrisierung, blieben ohne Erfolg. Das unter diesen Zu- 
ständen zum reifen, im Urteil sehr selbständigen Mädchen heran- 
gewachsene Kind gewöhnte sich daran, der Bemühungen der 
Ärzte zu spotten und zuletzt auf ärztliche Hilfe zu verzichten. 
Sie hatte sich übrigens von jeher gesträubt, den Arzt zu Rate zu 
ziehen, obwohl sie gegen die Person ihres Hausarztes keine Ab- 
neigung hatte. Jeder Vorschlag, einen neuen Arzt zu konsultieren, 
erregte ihren Widerstand, und auch zu mir trieb sie erst das 
M achtwort des Vaters. 

Ich sah sie zuerst im Frühsommer ihres 16. Jahres mit Husten 
und Heiserkeit behaftet und schlug schon damals eine psychische 
Kur vor, von der dann Abstand genommen wurde, als auch dieser 
länger dauernde Anfall spontan verging. Im Winter des nächsten 
Jahres war sie nach dem Tode ihrer geliebten Tante in Wien 
im Hause des Onkels und dessen Töchter und erkrankte hier 
fieberhaft an einem Zustand, der damals als Blinddarmentzündung 
diagnostiziert wurde 1 . In dem darauffolgenden Herbst verließ die 
Familie endgültig den Kurort B., da die Gesundheit des Vaters 
dies zu gestatten schien, nahm zuerst in dem Orte, wo sich die 
Fabrik des Vaters befand, und kaum ein Jahr später in Wien 
dauernden Aufenthalt. 

1) Vgl. über denselben die Analyse des zweiten Traumes. 






Bruchstück einer Hysterie- Analyse 21 

Dora war unterdes zu einem blühenden Mädchen von intelli- 
genten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen, das ihren 
Eltern aber schwere Sorge bereitete. Das Hauptzeichen ihres 
Krankseins war Verstimmunag und Chrakterveränderung geworden. 
Sie war offenbar weder mit sich noch mit den Ihrigen zufrieden, 
begegnete ihrem Vater unfreundlich und vertrug sich gar nicht 
mehr mit ihrer Mutter, die sie durchaus zur Teilnahme an der 
Wirtschaft heranziehen wollte. Verkehr suchte sie zu vermeiden; 
soweit die Müdigkeit und Zerstreutheit, über die sie klagte, es 
zuließen, beschäftigte sie sich mit dem Anhören von Vorträgen 
für Damen und trieb ernstere Studien. Eines Tages wurden die 
Eltern in Schreck versetzt durch einen Brief, den sie auf oder 
in dem Schreibtisch des Mädchens fanden, in dem sie Abschied 
von ihnen nahm, weil sie das Leben nicht mehr ertragen 
könne 1 . Die nicht geringe Einsicht des Vaters ließ ihn zwar 
annehmen, daß kein ernsthafter Selbstmordvorsatz das Mädchen 
beherrsche, aber er blieb erschüttert, und als sich eines Tages 
nach einem geringfügigen Wortwechsel zwischen Vater und 
Tochter bei letzterer ein erster Anfall von Bewußtlosigkeit 2 
einstellte, für den dann auch Amnesie bestand, wurde trotz ihres 
Sträubens bestimmt, daß sie in meine Behandlung treten solle. 

Die Krankengeschichte, die ich bisher skizziert, erscheint wohl 
im ganzen nicht mitteilenswert. „Petite Hysterie" mit den aller- 
gewöhnlichsten somatischen und psychischen Symptomen : Dyspnoe, 
Tussis nervosa, Aphonie, etwa noch Migränen, dazu Verstimmung, 

1) Diese Kur und somit meine Einsicht in die Verkettungen der Krankengeschichte 
ist, wie ich bereits mitgeteilt habe, ein Bruchstück geblieben. Ich kann darum über 
manche Punkte keinen Aufschluß geben oder nur Andeutungen und Vermutungen 
verwerten. Als dieser Brief in einer Sitzung zur Sprache kam, fragte das Mädchen 
wie erstaunt: „Wie haben sie den Brief nur gefunden? Er war doch in meinem 
Schreibtische eingeschlossen." Da sie aber wußte, daß die Eltern diesen Entwurf zu 
einem Abschiedsbrief gelesen hatten, so schließe ich, daß sie ihnen denselben selbsl 
in die Hände gespielt. 

2) Ich glaube, daß in diesem Anfalle auch Krämpfe und Delirien zu beobachten 
waren. Da aber die Analyse auch zu diesem Ereignis nicht vorgedrungen ist, verfüge 
ich über keine gesicherte Erinnerung hierüber. 



22 Krankengeschichten 



hysterische Unverträglichkeit und ein wahrscheinlich nicht ernst 
gemeintes Taedium vitae. Es sind gewiß interessantere Kranken- 
geschichten von Hysterischen veröffentlicht worden und sehr oft 
sorgfältiger aufgenommene, denn auch von Stigmen der Haut- 
empfindlichkeit, Gesichtsfeldeinschränkung u. dgl. wird man in 
der Fortsetzung nichts finden. Ich gestatte mir bloß die Bemerkung, 
daß uns alle Sammlungen von seltsamen und erstaunlichen Phäno- 
menen bei Hysterie in der Erkenntnis dieser noch immer rätsel- 
haften Erkrankung um nicht vieles gefördert haben. Was uns not 
tut, ist gerade die Aufklärung der allergewöhnlichsten Fälle und 
der allerhäufigsten, der typischen Symptome bei ihnen. Ich wäre 
zufrieden, wenn mir die Verhältnisse gestattet hätten, für diesen 
Fall kleiner Hysterie die Aufklärung vollständig zu geben. Nach 
meinen Erfahrungen an anderen Kranken zweifle ich nicht daran, 
daß meine analytischen Mittel dafür ausgereicht hauen. 

Im Jahre 1896, kurz nach der Veröffentlichung meiner „Studien 
über Hysterie" mit Dr. J. Breuer bat ich einen hervorragenden 
Fachgenossen um sein Urteil über die darin vertretene psycho- 
logische Theorie der Hysterie. Er antwortete unumwunden, er 
halte sie für eine unberechtigte Verallgemeinerung von Schlüssen, 
die für einige wenige Fälle richtig sein mögen. Seither habe ich 
reichlich Fälle von Hysterie gesehen, habe mich einige Tage, 
Wochen oder Jahre mit jedem Falle beschäftigt und in keinem 
einzigen Falle habe ich jene psychischen Bedingungen vermißt, 
welche die „Studien" postulieren, das psychische Trauma, den 
Konflikt der Affekte und, wie ich in späteren Publikationen hin- 
zugefügt habe, die Ergriffenheit der Sexualsphäre. Man darf bei 
Dingen, welche durch ihr Bestreben, sich zu verbergen, pathogen 
geworden sind, freilich nicht erwarten, daß die Kranken sie dem 
Arzt entgegentragen werden, oder darf sich nicht bei dem ersten 
„Nein", das sich der Forschung entgegensetzt, bescheiden 1 . 

1) Hier ein Beispiel fürs letztere. Einer meiner Wiener Kollegen, dessen Über- 
zeugung von der Belanglosigkeit sexueller Momente für die Hysterie durch solche 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 23 



Bei meiner Patientin Dora dankte ich es dem schon mehrmals 
hervorgehobenen Verständnis des Vaters, daß ich nicht selbst nach 
der Lebensanknüpfung, wenigstens für die letzte Gestaltung der 
Krankheit, zu suchen brauchte. Der Vater berichtete mir, daß er 
wie seine Familie in B. intime Freundschaft mit einem Ehepaar 
geschlossen hätten, welches seit mehreren Jahren dort ansässig 
war. Frau K. habe ihn während seiner großen Krankheit gepflegt 
und sich dadurch einen unvergänglichen Anspruch auf seine 
Dankbarkeit erworben. Herr K. sei stets sehr liebenswürdig gegen 
seine Tochter Dora gewesen, habe Spaziergänge mit ihr unter- 
nommen, wenn er in B. anwesend war, ihr kleine Geschenke 
gemacht, doch hätte niemand etwas Arges daran gefunden. Dora 
habe die zwei kleinen Kinder des Ehepaares K. in der sorgsamsten 
Weise betreut, gleichsam Mutterstelle an ihnen vertreten. Als 
Vater und Tochter mich im Sommer vor zwei Jahren aufsuchten, 
waren sie eben auf der Reise zu Herrn und Frau K. begriffen, 
die Sommeraufenthalt an einem unserer Alpenseen genommen 
hatten. Dora sollte mehrere Wochen im Hause K. bleiben, der 
Vater wollte nach wenigen Tagen zurückreisen. Herr K. war in 
diesen Tagen auch zugegen. Als der Vater aber zur Abreise 
rüstete, erklärte das Mädchen plötzlich mit größter Entschieden- 
heit, sie reise mit, und sie hatte es auch so durchgesetzt. Einige 
Tage später gab sie erst die Aufklärung für ihr auffälliges Be- 
Erfahrungen wahrscheinlich sehr gefestigt worden ist, entschloß sich, bei einem 
14jährigen Mädchen mit bedrohlichem hysterischen Erbrechen zur peinlichen Frage, 
ob sie vielleicht gar eine Liebesbeziehung gehabt hätte. Das Kind antwortete: Nein, 
wahrscheinlich mit gut gespieltem Erstaunen, und erzählte in seiner respektlosen 
Weise der Mutter: Denk' Dir, der dumme Kerl hat mich gar gefragt, ob ich verliebt 
bin. Es kam dann in meine Behandlung und enthüllte sich — freilich nicht gleich 
bei der ersten Unterredung — als eine langjährige Masturbantin mit starkem Fluor 
albus (der viel Bezug auf das Erbrechen hatte), die sich endlich selbst entwöhnt hatte, 
in der Abstinenz aber von dem heftigsten Schuldgefühl gepeinigt wurde, so daß sie 
alle Unfälle, welche die Familie betrafen, als göttliche Strafe für ihre Versündigung 
ansah. Außerdem stand sie unter dem Einflüsse des Romans ihrer Tante, deren un- 
eheliche Gravidität (mit zweiter Determination für das Erbrechen) ihr angeblich 
glücklich verheimlicht worden war. Sie galt als ein „ganzes Kind", erwies sich aber 
als eingeweiht in alles Wesentliche der sexuellen Beziehungen. 



24 Krankengeschichten 



nehmen, indem sie der Mutter zur Weiterbeförderung an den 
Vater erzählte, Herr K. habe auf einem Spaziergang nach einer 
Seefahrt gewagt, ihr einen Liebesantrag zu machen. Der Be- 
schuldigte, beim nächsten Zusammentreffen von Vater und Onkel 
zur Rede gestellt, leugnete aufs Nachdrücklichste jeden Schritt 
seinerseits, der solche Auslegung verdient hätte, und begann das 
Mädchen zu verdächtigen, das nach der Mitteilung der Frau K. 
nur für sexuelle Dinge Interesse zeige und in ihrem Hause am 
See selbst Mantegazzas „Physiologie der Liebe" und ähnliche 
Bücher gelesen habe. Wahrscheinlich habe sie, durch solche Lektüre 
erhitzt, sich die ganze Szene, von der sie erzählt, „eingebildet". 

„Ich bezweifle nicht," sagte der Vater, „daß dieser Vorfall die 
Schuld an Doras Verstimmung, Gereiztheit und Selbstmordideen 
trägt. Sie verlangt von mir, daß ich den Verkehr mit Herrn und 
besonders mit Frau K., die sie früher geradezu verehrt hat, ab- 
breche. Ich kann das aber nicht, denn erstens halte ich selbst die 
Erzählung Doras von der unsittlichen Zumutung des Mannes 
für eine Phantasie, die sich ihr aufgedrängt hat, zweitens bin ich 
an Frau K. durch ehrliche Freundschaft gebunden und mag ihr 
nicht wehe tun. Die arme Frau ist sehr unglücklich mit ihrem 
Manne, von dem ich übrigens nicht die beste Meinung habe} 
sie war selbst sehr nervenleidend und hat an mir den einzigen 
Anhalt. Bei meinem Gesundheitszustand brauche ich Ihnen wohl 
nicht zu versichern, daß hinter diesem Verhältnis nichts Un- 
erlaubtes steckt. Wir sind zwei arme Menschen, die einander, so 
gut es geht, durch freundschaftliche Teilnahme trösten. Daß ich 
nichts an meiner eigenen Frau habe, ist Ihnen bekannt. Dora 
aber, die meinen harten Kopf hat, ist von ihrem Haß gegen die 
K. nicht abzubringen. Ihr letzter Anfall war nach einem Gespräch, 
in dem sie wiederum dieselbe Forderung an mich stellte. Suchen 
Sie sie jetzt auf bessere Wege zu bringen." 

Nicht ganz im Einklang mit diesen Eröffnungen stand es, daß 
der Vater in anderen Reden die Hauptschuld an dem unerträg- 






\ 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 25 



liehen Wesen seiner Tochter auf die Mutter zu schieben suchte, 
deren Eigenheiten allen das Haus verleideten. Ich hatte mir aber 
längst vorgenommen, mein Urteil über den wirklichen Sachverhalt 
aufzuschieben, bis ich auch den anderen Teil gehört hätte. 

In dem Erlebnis mit Herrn K. — in der Liebeswerbung und 
der darauffolgenden Ehrenkränkung — wäre also für unsere 
Patientin Dora das jpsychische Trauma gegeben, welches seiner- 
zeit Breuer und ich als unerläßliche Vorbedingung für die Ent- 
stehung eines hysterischen Krankheitszustandes hingestellt haben. 
Dieser neue Fall zeigt aber auch alle die Schwierigkeiten, die 
mich seither veranlaßt haben, über diese Theorie hinaus zu gehen 1 , 
vermehrt durch eine neue Schwierigkeit besonderer Art. Das uns 
bekannte Trauma der Lebensgeschichte ist nämlich, wie so oft 
in den hysterischen Krankengeschichten, untauglich, um die Eigen- 
art der Symptome zu erklären, sie zu determinieren; wir würden 
ebensoviel oder ebensowenig vom Zusammenhang erfassen, wenn 
andere Symptome als Tussis nervosa, Aphonie, Verstimmung und 
Taedium vitae der Erfolg des Traumas gewesen wären. Nun 
kommt aber hinzu, daß ein Teil dieser Symptome — der Husten 
und die Stimmlosigkeit — schon Jahre vor dem Trauma von der 
Kranken produziert worden sind, und daß die ersten Erscheinungen 
überhaupt der Kindheit angehören, da sie in das achte Lebensjahr 
fallen. Wir müssen also, wenn wir die traumatische Theorie nicht 
aufgeben wollen, bis auf die Kindheit zurückgreifen, um dort 
nach Einflüssen oder Eindrücken zu suchen, welche analog einem 



1) Ich bin über diese Theorie hinausgegangen, ohne sie aufzugeben, d. h. ich 
erkläre sie heute nicht für unrichtig, sondern für unvollständig. Aufgegeben habe ich 
bloß die Betonung des sogenannten hypnoiden Zustandes, der aus Anlaß des Traumas 
bei dem Kranken auftreten und die Begründung für das weitere psychologisch abnorme 
Geschehen auf sich nehmen soll. Wenn es bei gemeinsamer Arbeit gestattet ist, nach- 
träglich eine Eigentumsscheidimg vorzunehmen, so möchte ich hier doch aussagen, 
daß die Aufstellung der „hypnoiden Zustände", in welcher dann manche Referenten 
den Kern unserer Arbeit erkennen wollten, der ausschließlichen Initiative Breuers 
entsprungen ist. Ich halte es für überflüssig und irreleitend, die Kontinuität des 
Problems, worin der psychische Vorgang bei der hysterischen Symptombildung bestehe, 
durch diese Namengebung zu unterbrechen. 



-v 



^< 



26 Krankengeschichten 



Trauma wirken können, und dann ist es recht bemerkens- 
wert, daß mich auch die Untersuchung von Fällen, deren erste 
Symptome nicht bereits in der Kindheit einsetzten, zur Ver- 
folgung der Lebensgeschichte bis in die ersten Kinderjahre an- 
geregt hat'. 

Nachdem die ersten Schwierigkeiten der Kur überwunden 
waren, machte mir Dorn Mitteilung von einem früheren Erleb- 
nisse mit Herrn K., welches sogar besser geeignet war, als sexuelles 
Trauma zu wirken. Sie war damals 14. Jahre alt. Herr K. hatte 
mit ihr und seiner Frau verabredet, daß die Damen am Nach- 
mittag in seinen Geschäftsladen auf dem Hauptplatz von B. kom- 
men sollten, um von dort aus eine kirchliche Feierlichkeit mit- 
anzusehen. Er bewog aber seine Frau, zu Hause zu bleiben, ent- 
ließ die Kommis und war allein, als das Mädchen ins Geschäft 
trat. Als die Zeit der Prozession herannahte, ersuchte er das 
Mädchen, ihn bei der Türe, die aus dem Laden zur Treppe ins 
höhere Stockwerk führte, zu erwarten, während er die Rollbalken 
herunterließ. Er kam dann zurück, und anstatt durch die offene 
Türe hinauszugehen, preßte er plötzlich das Mädchen an sich und 
drückte ihm einen Kuß auf die Lippen. Das war wohl die Situation, 
um bei einem 14jährigen unberührten Mädchen eine deutliche 
Empfindung sexueller Erregtheit hervorzurufen. Dora empfand 
aber in diesem Moment einen heftigen Ekel, riß sich los und 
eilte an dem Manne vorbei zur Treppe und von dort zum Haustor. 
Der Verkehr mit Herrn K. dauerte nichtsdestoweniger fort; keiner 
von ihnen tat dieser kleinen Szene je Erwähnung, auch will sie 
dieselbe bis zur Beichte in der Kur als Geheimnis bewahrt haben. 
In der nächsten Zeit vermied sie übrigens die Gelegenheit, mit 
Herrn K. allein zu sein. Das Ehepaar K. hatte damals einen 
mehrtägigen Ausflug verabredet, an dem auch Dora teilnehmen 

1) Vgl. meine Abhandlung: Zur Ätiologie der Hysterie. Wiener klinische Rund- 
schau. 1896. Nr. 22 — 26. (Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre, 1. Folge, 1906. 
3. Aufl. ig2o. — Enthalten in Bd. 1 dieser Gesamtausgabe.) 






Bruchstück einer Hysterie- Analyse 



27 



sollte. Nach dem Kuß im Laden sagte sie ihre Beteiligung ab, 
ohne Gründe anzugeben. 

In dieser, der Reihe nach zweiten, der Zeit nach früheren 
Szene ist das Benehmen des 14jährigen Kindes bereits ganz und 
voll hysterisch. Jede Person, bei welcher ein Anlaß zur sexuellen 
Erregung überwiegend oder ausschließlich Unlustgefühle hervor- 
ruft würde ich unbedenklich für eine Hysterica halten, ob sie 
nun somatische Symptome zu erzeugen fähig sei oder nicht. Den 
Mechanismus dieser Affektverkehrung aufzuklären, bleibt eine j 
der bedeutsamsten, gleichzeitig eine der schwierigsten Aufgaben 
der Neurosenpsychologie. Nach meinem eigenen Urteil bin ich 
noch ein gut Stück Weges von diesem Ziel entfernt; im Rahmen 
dieser Mitteilung werde ich aber auch von dem, was ich weiß, 
nur einen Teil vorbringen können. 

Der Fall unserer Patientin Dora ist durch die Hervorhebung 
der Affektverkehrung noch nicht genügend charakterisiert 5 man 
muß außerdem sagen, hier hat eine Verschiebung der Emp- 
findung stattgefunden. Anstatt der Genitalsensation, die bei einem, 
gesunden Mädchen unter solchen Umständen 1 gewiß nicht gefehlt 
hätte, stellt sich bei ihr die Unlustempfindung ein, welche dem 
Schleimhauttrakt des Einganges in den Verdauungskanal zugehört, 
der Ekel. Gewiß hat auf diese Lokalisation die Lippenerregung 
durch den Kuß Einfluß genommen ; ich glaube aber auch noch 
die Wirkung eines anderen Moments zu erkennen 2 . 

Der damals verspürte Ekel ist bei Dora nicht zum bleibenden 
Symptom geworden, auch zur Zeit der Behandlung war er nur 
gleichsam potentiell vorhanden. Sie aß schlecht und gestand eine 
gelinde Abneigung gegen Speisen zu. Dagegen hatte jene Szene 

1) Die Würdigimg dieser Umstände wird durch eine spätere Aufklärung erleichtert 
werden. 

2) Akzidentelle Ursachen hatte der Ekel Do ras bei diesem Kusse sicherlich nicht, 
diese wären unfehlbar erinnert und erwähnt worden. Ich kenne zufällig Herrn K.; 
es ist dieselbe Person, die den Vater der Patientin zu mir begleitet hat, ein noch 
jugendlicher Mann von einnehmendem Äußern. 



it 



s8 Krankengeschichten 



eine andere Folge zurückgelassen, eine Empfindungshalluzination, 
die von Zeit zu Zeit auch während ihrer Erzählung wieder auf- 
trat. Sie sagte, sie verspüre jetzt noch den Druck auf den Ober- 
körper von jener Umarmung. Nach gewissen Regeln der Symptom- 
bildung, die mir bekannt geworden sind, im Zusammenhalt mit 
anderen, sonst unerklärlichen Eigentümlichkeiten der Kranken, 
diez. B. an keinem Manne vorbeigehen wollte, den sie in eifrigem 
oder zärtlichem Gespräch mit einer Dame stellen sali, habe ich 
mir von dem Hergang in jener Szene folgende Rekonstruktion 
geschaffen. Ich denke, sie verspürte in der stürmischen Umarmung 
nicht bloß den Kuß auf ihren Lippen, sondern auch das An- 
drängen des erigierten Gliedes gegen ihren Leib. Diese ihr an- 
stößige Wahrnehmung wurde für die Erinnerung beseitigt, ver- 
drängt und durch die harmlose Sensation des Druckes am Thorax 
ersetzt, die aus der verdrängten Quelle ihre übergroße Intensität 
bezieht. Eine neuerliche Verschiebung also vom Unterkörper auf 
den Oberkörper'. Der Zwang in ihrem Benehmen ist hingegen 
so gebildet, als ginge er von der unveränderten Erinnerung aus. 
Sie mag an keinem Manne, den sie in sexueller Erregung glaubt, 
vorbeigehen, weil sie das somatische Zeichen derselben nicht wieder 
sehen will. 

Es ist bemerkenswert, wie hier drei Symptome — der Ekel 
die Drucksensation am Oberkörper und die Scheu vor Männern 
in zärtlichem Gespräch — aus einem Erlebnis hervorgehen, und 
wie erst die Aufeinanderbeziehung dieser drei Zeichen das Ver- 
ständnis für den Hergang der Symptombildung ermöglicht. Der 
Ekel entspricht dem Verdrängungssymptom von der erogenen 



1) Solche Verschiebungen werden nicht etwa mm Zwecke dieser einen Erklärung 
angenommen, sondern ergeben sich für eine große Reihe von Symptomen als unab- 
weisbare Forderung. Ich habe seither von einer früher zärtlich verliebten Braut, die 
sich wegen plötzlicher Erkaltung gegen ihren Verlobten, die unter schwerer Ver- 
stimmung 1 eintrat, an mich wendete, denselben Schreckeffekt einer Umarmung (ohne 
Kuß) vernommen. Hier gelang die Zurückführung des Schrecks auf die wahrgenommene, 
aber fürs Bewußtsein beseitigte Erektion des Mannes ohne weitere Schwierigkeit. 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 29 



(durch infantiles Lutschen, wie wir hören werden, verwöhnten) 
Lippenzone. Das Andrängen des erigierten Gliedes hat wahrschein- 
lich die analoge Veränderung an dem entsprechenden weiblichen 
Organ, der Clitoris, zur Folge gehabt und die Erregung dieser 
zweiten erogenen Zone ist durch Verschiebung auf die gleich- 
zeitige Drucksensation am Thorax fixiert worden. Die Scheu vor 
Männern in möglicherweise sexuell erregtem Zustande folgt dem 
Mechanismus einer Phobie, um sich vor einer neuerlichen Wieder- 
belebung der verdrängten Wahrnehmung zu sichern. 

Um die Möglichkeit dieser Ergänzung darzutun, habe ich in 
der vorsichtigsten Weise bei der Patientin angefragt, ob ihr von 
körperlichen Zeichen der Erregtheit am Leibe des Mannes etwas 
bekannt sei. Die Antwort lautete für heute: ja, für damals: sie 
glaube nicht. Ich habe bei dieser Patientin von Anfang an die 
größte Sorgfalt aufgewendet, um ihr keinen neuen Wissensstoff aus 
dem Gebiete des Geschlechtslebens zuzuführen, und dies nicht aus 
Gründen der Gewissenhaftigkeit, sondern weil ich meine Voraus- 
setzungen an diesem Falle einer harten Probe unterziehen wollte. Ich 
nannte ein Ding also erst dann beim Namen, wenn ihre allzu deut- 
lichen Anspielungen die Übersetzung ins Direkte als ein sehr gering- 
fügiges Wagstück erscheinen ließen. Ihre prompte und ehrliche Ant- 
wort ging auch regelmäßig dahin, das sei ihr bereits bekannt, aber 
das Rätsel, woher sie es denn wisse, war durch ihre Erinnerungen 
nicht zu lösen. Die Herkunft all dieser Kenntnisse hatte sie vergessen 1 . 

Wenn ich mir die Szene des Kusses im Laden so vorstellen 
darf, so gelange ich zu folgender Ableitung für den Ekel 2 . Die 
Ekelempfündung scheint ja ursprünglich die Reaktion auf den 
Geruch (später auch auf den Anblick) der Exkremente zu sein. 
An die exkrementeilen Funktionen können die Genitalien und 
speziell das männliche Glied aber erinnern, weil hier das Organ 

1) Vgl. den zweiten Traum. 

2) Hier wie an allen ähnlichen Stellen mache man sich nicht auf einfache, sondern 
auf mehrfache Begründung, auf Üb er determinierung gefaßt. 



'V 



3" 



A rtiTikeiigeschichten 



außer der sexuellen auch der Funktion der Harnentleerung dient. 
Ja, diese Verrichtung ist die alter bekannte und die in der vor- 
sexuellen Zeit einzig bekannte. So gelangt der Ekel unter die 
Affektäußerungen des Sexuallebens. Es ist das intcr urinas et 
faeces nascimur des Kirchenvaters, welches dem Sexualleben 
anhaftet und aller idealisierenden Bemühung zum Trotze von 
ihm nicht abzulösen ist. Ich will es aber ausdrücklich als meinen 
Standpunkt hervorheben, daß ich das Problem durch den Nach- 
weis dieses Assoziationsweges nicht für gelöst halte. Wenn diese 
Assoziation wachgerufen werden kann, so ist damit noch nicht 
erklärt, daß sie auch wachgerufen wird. Sie wird es nicht unter 
normalen Verhältnissen. Die Kenntnis der Wege macht die Kennt- 
nis der Kräfte nicht überflüssig, welche diese Wege wandeln'. 

Im übrigen fand ich es nicht leicht, die Aufmerksamkeit meiner 
Patientin auf ihren Verkehr mit Herrn K. zu lenken. Sie be- 
hauptete, mit dieser Person abgeschlossen zu haben. Die oberste 
Schicht all ihrer Einfälle in den Sitzungen, alles was ihr leicht 
bewußt wurde und was sie als bewußt vom Vortag erinnerte, 
bezog sich immer auf den Vater. Es war ganz richtig, daß sie 
dem Vater die Fortsetzung des Verkehres mit Herrn und be- 
sonders mit Frau K. nicht verzeihen konnte. Ihre Auffassung 
dieses Verkehrs war allerdings eine andere, als die der Vater 
selbst gehegt wissen wollte. Für sie bestand kein Zweifel, daß 
es ein gewöhnliches Liebesverhältnis sei, das ihren Vater an 
die junge und schöne Frau knüpfe. Nichts was dazu beitragen 
konnte, diesen Satz zu erhärten, war ihrer hierin unerbitterlich 
scharfen Wahrnehmung entgangen, hier fand sich keine Lücke 



1) An all diesen Erörterungen ist viel Typisches und für Hysterie allgemein 
Gültiges. Das Thema der Erektion löst einige der interessantesten unter den hysteri- 
schen Symptomen. Die weibliche Aufmerksamkeit für die durch die Kleider wahr- 
nehmbaren Umrisse der männlichen Genitalien wird nach ihrer Verdrängung zum 
Motiv so vieler Fälle von Menschenscheu und Gesellschaftsangst. Die breite Ver- 
bindung zwischen dem Sexuellen und dem Exkrementellen, deren pathogene Bedeutung 
wohl nicht groß genug veranschlagt werden kann, dient einer überaus reichlichen 
Anzahl von hysterischen Phobien zur Grundlage. 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 31 



in ihrem Gedächtnisse. Die Bekanntschaft mit den K. hatte 
schon vor der schweren Erkrankung des Vaters begonnen; sie 
wurde aber erst intim, als sich während dieser Krankheit die 
junge Frau förmlich zur Pflegerin aufwarf, während die Mutler 
sich vom Bette des Kranken ferne hielt. In dem ersten Sommer- 
aufenthalte nach der Genesung ereigneten sich Dinge, die jeder- 
mann über die wirkliche Natur dieser „Freundschaft" die Augen 
öffnen mußten. Die beiden Familien hatten gemeinsam einen 
Trakt im Hotel gemietet, und da geschah es eines Tages, daß 
Frau K. erklärte, sie könne das Schlafzimmer nicht beibehalten, 
welches sie bisher mit einem ihrer Kinder geteilt hatte, und 
wenige Tage nachher gab ihr Vater sein Schlafzimmer auf und 
beide bezogen neue Zimmer, die Endzimmer, die nur durch den 
Korridor getrennt waren, während die aufgegebenen Räume solche I 
Garantie gegen Störung nicht geboten hatten. Wenn sie dem 
Vater später Vorwürfe wegen der Frau K. machte, so pflegte er 
zu sagen, er begreife diese Feindschaft nicht, die Kinder hätten 
vielmehr allen Grund, der Frau K. dankbar zu sein. Die Mama, ; 
an welche sie sich dann um Aufklärung dieser dunkeln Rede 
wandte, teilte ihr mit, der Papa sei damals so unglücklich ge- 
wesen, daß er im Walde einen Selbstmord habe verüben w ollen j 
Frau K., die es geahnt, sei ihm aber nachgekommen und habe 
ihn durch ihr Bitten bestimmt, sich den Seinigen zu erhalten. 
Sie glaube natürlich nicht daran, man habe wohl die beiden im 
Walde mitsammen gesehen und da habe der Papa dies Märchen 
vom Selbstmord erfunden, um das Rendezvous zu rechtfertigen 1 . 
Als sie dann nach B. zurückkehrten, war der Papa täglich zu 
bestimmten Stunden bei Frau K., während der Mann im Geschäft 
war. Alle Leute hätten darüber gesprochen und sie in bezeichnender 
Weise danach gefragt. Herr K. selbst habe oft gegen ihre Mama 
bitter geklagt, sie selbst aber mit Anspielungen auf den Gegen- 

1) Dies die Anknüpfung für ihre eigene Selbstmordkomödie, die also etwa die 
Sehnsucht nach einer ähnlichen Liebe ausdrückt. 



32 Krankengeschichten 



1 



stand verschont, was sie ihm als Zartgefühl anzurechnen schien. 
Bei gemeinsamen Spaziergängen wußten Papa und Frau K. es 
regelmäßig so einzurichten, daß er mit Frau K. allein blieb. Es 
war kein Zweifel, daß sie Geld von ihm nahm, denn sie machte 
Ausgaben, die sie unmöglich aus eigenen Mitteln oder aus denen 
ihres Mannes bestreiten konnte. Der Papa begann auch, ihr große 
Geschenke zu machen ; um diese zu verdecken, wurde er gleich- 
zeitig besonders freigiebig gegen die Mutter und gegen sie (Dora) 
selbst. Die bis dahin kränkliche Frau, die selbst für Monate 
eine Nervenheilanstalt aufsuchen mußte, weil sie nicht gehen 
konnte, war seither gesund und lebensfrisch. 

Auch nachdem sie B. verlassen hatten, setzte sich der mehr- 
jährige Verkehr fort, indem der Vater von Zeit zu Zeit erklärte 
er vertrage das rauhe Klima nicht, müsse etwas für sich tun zu 
husten und zu klagen begann, bis er plötzlich nach B. abgereist 
war, von wo aus er die heitersten Briefe schrieb. All diese Krank- 
heiten waren nur Vorwände, um seine Freundin wiederzusehen. 
Dann hieß es eines Tages, sie übersiedelten nach Wien, und sie 
fing an, einen Zusammenhang zu vermuten. Wirklich waren sie 
kaum drei Wochen in Wien, als sie hörte, K. seien gleichfalls 
nach Wien übersiedelt. Sie befänden sich auch gegenwärtig hier 
und sie träfe den Papa häufig mit Frau K. auf der Straße. Auch 
Herrn K. begegne sie öfters, er blicke ihr immer nach, und als 
er sie einmal alleingehend getroffen, sei er ihr ein großes Stück 
weit nachgegangen, um sich zu überzeugen, wohin sie gehe, ob 
sie nicht etwa ein Rendezvous habe. 

Daß der Papa unaufrichtig sei, einen Zug von Falschheit in 
seinem Charakter habe, nur an seine eigene Befriedigung denke 
und die Gabe besitze, sich die Dinge so zurecht zu legen, wie 
es ihm am besten passe, solche Kritik bekam ich besonders in 
den Tagen zu hören, als der Vater wieder einmal seinen Zustand 
verschlimmert fühlte und für mehrere Wochen nach B. abreiste, 
worauf die scharfsichtige Dora bald ausgekundschaftet hatte, daß 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 33 

auch Frau K. eine Reise nach demselben Ziel zum Besuch ihrer 
Verwandten unternommen hatte. 

Ich konnte die Charakteristik des Vaters im allgemeinen nicht 
bestreiten 5 es war auch leicht zu sehen, mit welchem besonderen 
Vorwurf Dora im Rechte war. Wenn sie in erbitterter Stimmung 
war, drängte sich ihr die Auffassung auf, daß sie Herrn K. aus- 
geliefert worden sei als Preis für seine Duldung der Beziehungen 
zwischen Doras Vater und seiner Frau, und man konnte hinter 
ihrer Zärtlichkeit für den Vater die Wut über solche Verwen- 
dung ahnen. Zu anderen Zeiten wußte sie wohl, daß sie sich 
mit solchen Reden einer Übertreibung schuldig gemacht hatte. 
Einen förmlichen Pakt, in dem sie als Tauschobjekt behandelt 
worden, hatten die beiden Männer natürlich niemals geschlossen; 
der Vater zumal wäre vor einer solchen Zumutung entsetzt 
zurückgewichen. Aber er gehörte zu jenen Männern, die einem 
Konflikt dadurch die Spitze abzubrechen verstehen, daß sie ihr 
Urteil über das eine der zum Gegensatze gekommenen Themata 
verfälschen. Auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, daß einem 
heranwachsenden Mädchen aus dem beständigen und unbeauf- 
sichtigten Verkehr mit dem von seiner Frau unbefriedigten Manne 
Gefahr erwachsen könne, hätte er sicherlich geantwortet: Auf 
seine Tochter könne er sich verlassen, der könne ein Mann wie 
K. nie gefährlich werden, und sein Freund selbst sei solcher Ab- 
sichten unfähig. Oder: Dora sei noch ein Kind und werde von 
K. als Kind behandelt. Es war aber in Wirklichkeit so gekommen, 
daß jeder der beiden Männer es vermied, aus dem Benehmen 
des andern jene Konsequenz zu ziehen, welche für seine eigenen 
Begehrungen unbequem war. Herr K. durfte Dora alle Tage 
seiner Anwesenheit ein Jahr hindurch Blumen schicken, jede Ge- 
legenheit zu kostbaren Geschenken benutzen und alle seine freie 
Zeit in ihrer Gesellschaft zubringen, ohne daß ihre Eltern 
in diesem Benehmen den Charakter der Liebeswerbung erkannt 
hätten. 

Freud, VIII. , 



ia Krankengeschichten 



Wenn in der psychoanalytischen Behandlung eine korrekt be- 
gründete und einwandfreie Gedankenreihe auftaucht, so gibt es 
wohl einen Moment der Verlegenheit für den Arzt, den der 
Kranke zur Frage ausnutzt: „Das ist doch wohl alles wahr und 
richtig? Was wollen Sie daran ändern, wenn ich's Ihnen erzählt 
habe?" Man merkt dann bald, daß solche für die Analyse unan- 
greifbare Gedanken vom Kranken dazu benutzt worden sind, um 
andere zu verdecken, die sich der Kritik und dem Bewußtsein 
entziehen wollen. Eine Reihe von Vorwürfen gegen andere Per- 
sonen läßt eine Reihe von Selbstvorwürfen des gleichen Inhalts 
vermuten. Man braucht nur jeden einzelnen Vorwurf auf die 
eigene Person des Redners zurückzuwenden. Diese Art, sich gegen 
einen Selbstvorwurf zu verteidigen, indem man den gleichen Vor- 
wurf gegen eine andere Person erhebt, hat etwas unleugbar 
Automatisches. Sie findet ihr Vorbild in den „Retourkutschen" 
der Kinder, die unbedenklich zur Antwort geben: „Du bist ein 
Lügner", wenn man sie der Lüge beschuldigt hat. Der Er- 
wachsene würde im Bestreben nach Gegenbeschimpfung nach 
irgend einer realen Blöße des Gegners ausschauen und nicht den 
Hauptwert auf die Wiederholung des nämlichen Inhalts legen. 
In der Paranoia wird diese Projektion des Vorwurfes auf einen 
anderen ohne Inhaltsveränderung und somit ohne Anlehnung an 
die Realität als wahnbildender Vorgang manifest. 

Auch die Vorwürfe Doras gegen ihren Vater waren mit Selbst- 
vorwürfen durchwegs des nämlichen Inhalts „unterfüttert", „doub- 
liert", wie wir im einzelnen zeigen werden : Sie hatte recht darin, 
daß der Vater sich Herrn K.s Benehmen gegen seine Tochter 
nicht klar machen wollte, um nicht in seinem Verhältnis zu 
Frau K. gestört zu werden. Aber sie hatte genau das nämliche 
getan. Sie hatte sich zur Mitschuldigen dieses Verhältnisses ge- 
macht und alle Anzeichen abgewiesen, welche sich für die wahre 
Natur desselben ergaben. Erst seit dem Abenteuer am See datierte 
ihre Klarheit darüber und ihre strengen Anforderungen an den 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 



35 



Vater. All die Jahre vorher hatte sie dem Verkehr des Vaters mit 
Frau K. jeden möglichen Vorschub geleistet. Sie ging nie zu Frau 
K., wenn sie den Vater dort vermutete. Sie wußte, dann würden 
die Kinder weggeschickt worden sein, richtete ihren Weg so ein, 
daß sie die Kinder antraf, und ging mit ihnen spazieren. Es 
hatte eine Person im Hause gegeben, welche ihr frühzeitig die 
Augen über die Beziehungen des Vaters zur Frau K. öffnen und 
sie zur Parteinahme gegen diese Frau anreizen wollte. Dies war 
ihre letzte Gouvernante, ein älteres, sehr belesenes Mädchen von 
freien Ansichten 1 . Lehrerin und Schülerin standen eine Weile 
recht gut miteinander, bis Dora sich plötzlich mit ihr verfeindete, 
und auf ihrer Entlassung bestand. So lange das Fräulein Einfluß 
besaß, benutzte sie ihn dazu, gegen Frau K. zu hetzen. Sie setzte 
der Mama auseinander, daß es mit ihrer Würde unvereinbar sei, 
solche Intimität ihres Mannes mit einer Fremden zu dulden; sie 
machte auch Dora auf alles aufmerksam, was an diesem Ver- 
kehr auffällig war. Ihre Bemühungen waren aber vergebens, Dora 
blieb Frau K. zärtlich zugetan und wollte von keinem Anlaß 
wissen, den Verkehr des Vaters mit ihr anstößig zu finden. Sie 
gab sich anderseits sehr wohl Rechenschaft über die Motive, die 
ihre Gouvernante bewegten. Blind nach der einen Seite, war sie 
scharfsichtig genug nach der anderen. Sie merkte, daß das Fräu- 
lein in den Papa verliebt sei. Wenn der Papa anwesend war, 
schien sie eine ganz andere Person, dann konnte sie amüsant und 
dienstfertig sein. Zur Zeit, als die Familie in der Fabrikstadt 
weilte und Frau K. außer dem Horizonte war, hetzte sie gegen 
die Mama als die jetzt in Betracht kommende Nebenbuhlerin. 
Das alles nahm ihr Dora noch nicht übel. Erbost wurde sie erst, 
als sie merkte, daß sie selbst der Gouvernante ganz gleichgültig 

l) Diese Gouvernannte, die alle Bücher über Geschlechtsleben u. dgl. las und mit 
dem Mädchen darüber sprach, sie aber freimütig bat, alles darauf Bezügliche vor 
den Eltern geheim zu halten, weil man ja nicht wissen könne, auf welchen Stand- 
punkt die sich stellen würden, — in diesem Madchen suchte ich eine Zeitlang die 
Quelle für all die geheime Kenntnis Doras, und ich ging vielleicht nicht völlig irre. 

3* 



s6 Krankengeschichten 

sei, und daß die ihr erwiesene Liebe tatsächlich dem Papa gelte. 
Während der Abwesenheit des Papas von der Fabrikstadt hatte 
das Fräulein keine Zeit für sie, wollte nicht mit ihr spazieren 
gehen, interessierte sich nicht für ihre Arbeiten. Kaum daß der 
Papa von B. zurückgekommen war, zeigte sie sich wieder zu allen 
Dienst- und Hilfeleistungen bereit. Da ließ sie sie fallen. 

Die Arme hatte ihr mit unerwünschter Klarheit ein Stück 
ihres eigenen Benehmens beleuchtet. Sowie das Fräulein zeitweise 
gegen Dora, so war Dora gegen die Kinder des Herrn K. ge- 
wesen. Sie vertrat Mutterstelle an ihnen, unterrichtete sie, ging 
mit ihnen aus, schuf ihnen einen vollen Ersatz für das geringe 
Interesse, das die eigene Mutter ihnen zeigte. Zwischen Herrn 
und Frau K. war oft von Scheidung die Rede gewesen ; sie kam 
nicht zustande, weil Herr K., der ein zärtlicher Vater war, auf 
keines der beiden Kinder verzichten wollte. Das gemeinsame In- 
teresse an den Kindern war von Anfang an ein Bindemittel des 
Verkehrs zwischen Herrn K. und Dora gewesen. Die Beschäf- 
tigung mit den Kindern war für Dora offenbar der Deckmantel, 
der ihr selbst und Fremden etwas anderes verbergen sollte. 

Aus ihrem Benehmen gegen die Kinder, wie es durch das Be- 
nehmen des Fräuleins gegen sie selbst erläutert wurde, ergab 
sich dieselbe Folgerung wie aus ihrer stillschweigenden Ein- 
willigung in den Verkehr des Vaters mit Frau K., nämlich, daß 
sie all die Jahre über in Herrn K. verliebt gewesen war. Als ich 
diese Folgerung aussprach, fand ich keine Zustimmung bei ihr. 
Sie berichtete zwar sofort, daß auch andere Personen, z. B. eine 
Cousine, die eine Weile in B. auf Besuch war, ihr gesagt hätten: 
„Du bist ja ganz vernarrt in den Mann"; sie selbst wollte sich 
aber an diese Gefühle nicht erinnern. Späterhin, als die Fülle 
des auftauchenden Materials ein Ableugnen erschwerte, gab sie 
zu, sie könne Herrn K. in B. geliebt haben, aber seit der Szene 
am See sei das vorüber 1 . Jedenfalls stand es fest, daß der Vor- 

1) Vgl. den zweiten Traum. 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 57 

wurf, sich gegen unabweisliche Pflichten taub gemacht und sich 
die Dinge so zurecht gelegt zu haben, wie es der eigenen ver- 
liebten Regung bequem war, der Vorwurf, den sie gegen den 
Vater erhob, auf ihre eigene Person zurückfiel 1 . 

Der andere Vorwurf, daß er seine Krankheiten als Vorwände 
schaffe und als Mittel benütze, deckt wiederum ein ganzes Stück 
ihrer eigenen geheimen Geschichte. Sie klagte eines Tages über 
ein angeblich neues Symptom, schneidende Magenschmerzen, und 
als ich fragte: „Wen kopieren Sie damit?" hatte ich es getroffen. 
Sie hatte am Tage vorher ihre Cousinen, die Töchter der ver- 
storbenen Tante, besucht. Die jüngere war Braut geworden, die ältere 
war zu diesem Anlaß an Magenschmerzen erkrankt und sollte 
auf den Semmering gebracht werden. Sie meinte, das sei bei der 
Älteren nur Neid, die werde immer krank, wenn sie etwas er- 
reichen wolle, und jetzt wolle sie eben vom Hause weg, um das 
Glück der Schwester nicht mit anzusehen 2 . Ihre eigenen Magen- 
schmerzen sagten aber aus, daß sie sich mit der für eine Simu- 
lantin erklärten Cousine identifiziere, sei es, weil sie gleichfalls 
die Glücklichere um ihre Liebe beneidete, oder weil sie im Schick- 
sal der älteren Schwester, der kurz vorher eine Liebesaffäre un- 
glücklich ausgegangen war, das eigene gespiegelt sah 3 . Wie nützlich 
sich Krankheiten verwenden lassen, hatte sie aber auch durch 
die Beobachtung der Frau K. erfahren. Herr K. war einen Teil 
des Jahres auf Reisen; so oft er zurückkam, fand er die Frau 
leidend, die einen Tag vorher noch, wie Dora wußte, wohlauf 
gewesen war. Dora verstand, daß die Gegenwart des Mannes 

1) Hier erhebt sich die Frage: Wenn Dora Herrn K. geliebt, wie begründet sicli 
ihre Abweisung in der Szene am See oder wenigstens die brutale, auf Erbitterung 
deutende Form dieser Abweisung? Wie konnte ein verliebtes Mädchen in der — wie t 
wir spater hören werden — keineswegs plump oder anstößig vorgebrachten Werbung 
eine Beleidigung sehen? 

2) Ein alltägliches Vorkommnis zwischen Schwestern. 

5) Welchen weiteren Schluß ich aus den Magenschmerzen zog, wird später zur 
Sprache kommen. 



58 Krankengeschichten 



krankmachend auf die Frau wirkte, und daß dieser das Krank- 
sein willkommen war, um sich den verhaßten ehelichen Pflichten 
zu entziehen. Eine Bemerkung über ihre eigene Abwechslung 
von Leiden und Gesundheit während der ersten in B. verbrachten 
Mädchenjahre, die sich an dieser Stelle plötzlich einfügte, mußte 
mich auf die Vermutung bringen, daß ihre eigenen Zustände in 
einer ähnlichen Abhängigkeit wie die der Frau K. zu betrachten 
seien. In der Technik der Psychoanalyse gilt es nämlich als Regel, 
daß sich ein innerer, aber noch verborgener Zusammenhang durch 
die Kontiguität, die zeitliche Nachbarschaft der Einfälle kundtut, 
genau so wie in der Schrift a und b nebeneinander gesetzt be- 
deutet, daß daraus die Silbe ab gebildet werden soll. Dora hatte 
eine Unzahl von Anfällen von Husten mit Stimmlosigkeit gezeigt; 
sollte die Anwesenheit oder Abwesenheit des Geliebten auf dieses 
Kommen und Schwinden der Krankheitserscheinungen Einfluß 
geübt haben? Wenn dies der Fall war, so mußte sich irgendwo 
eine verräterische Übereinstimmung nachweisen lassen. Ich fragte, 
welches die mittlere Zeitdauer dieser Anfälle gewesen war. Etwa 
drei bis sechs Wochen. Wie lange die Abwesenheiten des Herrn 
K. gedauert hätten? Sie mußte zugeben, gleichfalls zwischen drei 
und sechs Wochen. Sie demonstrierte also mit ihrem Kranksein 
ihre Liebe für K. wie dessen Fravi ihre Abneigung. Nur durfte 
man annehmen, daß sie sich umgekehrt wie die Frau benommen 
hätte, krank gewesen wäre, wenn er abwesend, und gesund, nach- 
dem er zurückgekehrt. Es schien auch wirklich so zu stimmen, 
wenigstens für eine erste Periode der Anfälle 5 in späteren Zeiten 
ergab sich ja wohl eine Nötigung, das Zusammentreffen von 
Krankheitsanfall und Abwesenheit des heimlich geliebten Mannes 
zu verwischen, damit das Geheimnis nicht durch die Konstanz 
desselben verraten würde. Dann blieb die Zeitdauer des Anfalls 
als Marke seiner ursprünglichen Bedeutung übrig. 

Ich erinnerte mich, seinerzeit auf der Charcotschen Klinik ge- 
sehen und gehört zu haben, daß bei den Personen mit hysteri- 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 39 



schem Mutismus das Schreiben vikariierend für das Sprechen ein- 
trat. Sie schrieben geläufiger, rascher und besser als andere und 
als vorbin. Dasselbe war bei Dora der Fall gewesen. In den 
ersten Tagen ihrer Aphonie war ihr „das Schreiben immer be- 
sonders leicht von der Hand gegangen". Diese Eigentümlichkeit 
erforderte als der Ausdruck einer physiologischen Ersatzfunktion, 
welche sich das Bedürfnis schafft, ja eigentlich keine psychologi- 
sche Aufklärung; es war aber bemerkenswert, daß eine solche 
doch leicht zu haben war. Herr K. schrieb ihr reichlich von der 
Reise, schickte Ansichtskarten; es kam vor, daß sie allein von 
dem Termine seiner Rückkehr unterrichtet war, die Frau von 
ihm überrascht wurde. Daß man mit dem Abwesenden, den man 
nicht sprechen kann, korrespondiert, ist übrigens kaum weniger 
naheliegend, als daß man sich beim Versagen der Stimme durch 
die Schrift zu verständigen sucht. Die Aphonie Doras ließ also 
folgende symbolische Deutung zu: Wenn der Geliebte ferne war, 
verzichtete sie auf das Sprechen; es hatte seinen Wert verloren, 
da sie mit ihm nicht sprechen konnte. Dafür bekam das Schreiben 
Bedeutung als das einzige Mittel, sich mit dem Abwesenden in 
Verkehr zu setzen. 

Werde ich nun etwa die Behauptung aufstellen, daß in allen 
Fällen von periodisch auftretender Aphonie die Diagnose auf die 
Existenz eines zeitweilig ortsabwesenden Geliebten zu stellen sei? 
Gewiß ist das nicht meine Absicht. Die Determination des Sym- 
ptoms im Falle Doras ist allzu spezifiziert, als daß man an eine 
häufige Wiederkehr der nämlichen akzidentellen Ätiologie denken 
könnte. Welchen Wert hat aber dann die Aufklärung der Aphonie 
in unserem Falle? Haben wir uns nicht vielmehr durch ein Spiel 
des Witzes täuschen lassen? Ich glaube nicht. Man muß sich 
hierbei an die so häufig gestellte Frage erinnern, ob die Symptome 
der Hysterie psychischen oder somatischen Ursprunges seien, oder 
wenn das erstere zugestanden ist, ob sie notwendig alle psychisch 
bedingt seien. Diese Frage ist, wie so viele andere, an deren 



4° Krankengeschichten 



Beantwortung man die Forscher immer wieder sich erfolglos 
bemühen sieht, eine nicht adäquate. Der wirkliche Sachverhalt 
ist in ihre Alternative nicht eingeschlossen. Soviel ich sehen kann, 
bedarf jedes hysterische Symptom des Beitrages von beiden Seiten. 
Es kann nicht zustande kommen ohne ein gewisses somatisches 
Entgegenkommen, welches von einem normalen oder krank- 
haften Vorgang in oder an einem Organe des Körpers geleistet 
wird. Es kommt nicht öfter als einmal zustande, — und zum 
Charakter des hysterischen Symptoms gehört die Fähigkeit, sich 
zu wiederholen — wenn es nicht eine psychische Bedeutung, 
einen Sinn hat. Diesen Sinn bringt das hysterische Symptom 
nicht mit, er wird ihm verliehen, gleichsam mit ihm verlötet, 
und er kann in jedem Falle ein anderer sein, je nach der Be- 
schaffenheit der nach Ausdruck ringenden unterdrückten Gedanken. 
Allerdings wirkt eine Reihe von Momenten darauf hin, daß die 
Beziehungen zwischen den unbewußten Gedanken und den ihnen 
als Ausdrucksmittel zu Gebote stehenden somatischen Vorgängen 
sich minder willkürlich gestalten und sich mehreren typischen Ver- 
knüpfungen annähern. Für die Therapie sind die im akzidentellen 
psychischen Material gegebenen Bestimmungen die wichtigeren; 
man löst die Symptome, indem man nach der psychischen Be- 
deutung derselben forscht. Hat man dann abgeräumt, was durch 
Psychoanalyse zu beseitigen ist, so kann man sich allerlei, wahr- 
scheinlich zutreffende Gedanken über die somatischen, in der 
Regel konstitutionell-organischen Grundlagen der Symptome ma- 
chen. Auch für die Anfälle von Husten und Aphonie bei Dora 
werden wir uns nicht auf die psychoanalytische Deutung be- 
schränken, sondern hinter derselben das organische Moment nach- 
weisen, von dem das „somatische Entgegenkommen" für den 
Ausdruck der Neigung zu einem zeitweilig abwesenden Geliebten 
ausging. Und wenn uns die Verknüpfung zwischen symptomati- 
schem Ausdruck und unbewußtem Gedankeninhalt in diesem 
Falle als geschickt und kunstvoll gefertigt imponieren sollte, so 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 41 

werden wir gerne hören, daß sie den gleichen Eindruck in jedem 
anderen Falle, bei jedem anderen Beispiel, zu erzielen vermag. 

Ich bin nun darauf vorbereitet, zu hören, daß es einen recht 
mäßigen Gewinn bedeutet, wenn wir also, dank der Psychoanalyse, 
das Rätsel der Hysterie nicht mehr in der „besonderen Labilität 
der Nervenmoleküle" oder in der Möglichkeit hypnoider Zustände, 
sondern im „somatischen Entgegenkommen" suchen sollen. 

Gegen diese Bemerkung will ich doch betonen, daß das Rätsel 
so nicht nur um ein Stück zurückgeschoben, sondern auch um 
ein Stück verkleinert ist. Es handelt sich nicht mehr um das 
ganze Rätsel, sondern um jenes Stück desselben, in dem der be- 
sondere Charakter der Hysterie zum Unterschiede von anderen 
Psychoneurosen enthalten ist. Die psychischen Vorgänge bei allen 
Psychoneurosen sind eine ganze Strecke weit die gleichen, dann 
erst kommt das „somatische Entgegenkommen" in Betracht, welches 
den unbewußten psychischen Vorgängen einen Ausweg ins Körper- 
liche verschafft. Wo dies Moment nicht zu haben ist, wird aus 
dem ganzen Zustand etwas anderes als ein hysterisches Symptom, 
aber doch wieder etwas Verwandtes, eine Phobie etwa oder eine 
Zwangsidee, kurz ein psychisches Symptom. 

Ich kehre zu dem Vorwurf der „Simulation" von Krankheiten 
zurück, den Dora gegen ihren Vater erhob. Wir merkten bald, </ 
daß ihm nicht nur Selbstvorwürfe betreffs früherer Krankheits- 
zustände, sondern auch solche, die die Gegenwart meinten, ent- 
sprachen. An dieser Stelle hat der Arzt gewöhnlich die Aufgabe, 
zu erraten und zu ergänzen, was ihm die Analyse nur in An- 
deutungen liefert. Ich mußte die Patientin aufmerksam machen, 
daß ihr jetziges Kranksein gerade so motiviert und tendenziös 
sei wie das von ihr verstandene der Frau K. Es sei kein Zweifel, 
daß sie einen Zweck im Auge habe, den sie durch ihre Krank- 
heit zu erreichen hoffe. Dieser aber könne kein anderer sein, als 
den Vater der Frau K. abwendig zu machen. Durch Bitten und 
Argumente gelänge ihr dies nicht; vielleicht hoffe sie es zu 



42 Krankengeschichten 



erreichen, wenn sie den Vater in Schreck versetze (siehe den Ab- 
schiedsbrief), sein Mitleid wachrufe (durch die Anfälle von Ohn- 
macht), und wenn dies alles nichts nütze, so räche sie sich 
wenigstens an ihm. Sie wisse wohl, wie sehr er an ihr hänge, 
und daß ihm jedesmal die Tränen in die Augen treten, wenn er 
nach dem Befinden seiner Tochter gefragt werde. Ich sei ganz 
überzeugt, sie werde sofort gesund sein, wenn ihr der Vater er- 
kläre, er bringe ihrer Gesundheit Frau K. zum Opfer. Ich hoffe, 
er werde sich dazu nicht bewegen lassen, denn dann habe sie 
erfahren, welches Machtmittel sie in Händen habe, und werde 
gewiß nicht versäumen, sich ihrer Krankheitsmöglichkeiten jedes 
künftige Mal wieder zu bedienen. Wenn aber der Vater ihr nicht 
nachgebe, sei ich ganz gefaßt darauf, daß sie nicht so leicht auf 
ihr Kranksein verzichten werde. 

Ich übergehe die Einzelheiten, aus denen sich ergab, wie voll- 
kommen richtig dies alles war, und ziehe es vor, einige allge- 
meine Bemerkungen über die Rolle der Krankheitsmotive bei 
der Hysterie anzuschließen. Die Motive zum Kranksein sind be- 
grifflich scharf zu scheiden von den Krankheitsmöglichkeiten, von 
dem Material, aus dem die Symptome gefertigt werden. Sie haben 
keinen Anteil an der Symptombildung, sind auch zu Anfang der 
Krankheit nicht vorhanden; sie treten erst sekundär hinzu, aber 
erst mit ihrem Auftreten ist die Krankheit voll konstituiert 1 . Man 

1) [Zusatz 192]:] Hier ist nicht alles richtig. Der Satz, daß die Krankheitsmotive 
zu Anfang der Krankheit nicht vorhanden sind und erst sekundär hinzutreten, ist 
nicht aufrecht zu halten. Auf nächster Seite werden denn auch bereits Motive zum 
Kranksein erwähnt, die vor dem Ausbruch der Krankheit bestehen und an diesem 
Ausbruch mitschuldig sind. Ich habe später dem Sachverhalt besser Rechnung getragen, 
indem ich die Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Krankheits- 
gewinn einführte. Das Motiv zum Kranksein ist ja allemal die Absicht eines Ge- 
winnes. Für den sekundären Krankheitsgewinn trifft zu, was in den weiteren Sätzen 
dieses Abschnittes gesagt ist. Ein primärer Krankheitsgewinn ist aber für jede neu- 
rotische Erkrankung anzuerkennen. Das Krankwcrden erspart zunächst eine psychische 
Leistung, ergibt sich als die ökonomisch bequemste Lösung im Falle eines psychischen 
Konflikts (Flucht in die Krankheit), wengleich sich in den meisten Füllen später 
die Unzweckmüßigkeit eines solchen Ausweges unzweideutig erweist. Dieser Anteil 
des primären Krankeitsgewinnes kann als der innere, psychologische bezeichnet werden; 



t 



f 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 



43 



kann auf ihr Vorhandensein in jedem Falle rechnen, der ein 
wirkliches Leiden bedeutet und von längerem Bestände ist. Das 
Symptom ist zuerst dem psychischen Leben ein unwillkommener 
Gast, es hat alles gegen sich und verschwindet darum auch so 
leicht von selbst, wie es den Anschein hat, durch den Einfluß 
der Zeit. Es hat anfangs keine nützliche Verwendung im psychi- 
schen Haushalt, aber sehr häufig gelangt es sekundär zu einer 
solchen j irgend eine psychische Strömung findet es bequem, sich des 
Symptoms zu bedienen, und damit ist dieses zu einer Sekundär- 
funktion gelangt und im Seelenleben wie verankert. Wer den 
Kranken gesund machen will, stößt dann zu seinem Erstaunen 
auf einen großen Widerstand, der ihn belehrt, daß es dem Kranken 
mit der Absicht, das Leiden aufzugeben, nicht so ganz, so voll 
ernst ist 1 . Man stelle sich einen Arbeiter, etwa einen Dachdecker 
vor, der sich zum Krüppel gefallen hat und nun an der Straßen- 
ecke bettelnd sein Leben fristet. Man komme nun als Wunder- 
täter und verspreche ihm, das krumme Bein gerade und gehfähig 
herzustellen. Ich meine, man darf sich nicht auf den Ausdruck 
besonderer Seligkeit in seiner Miene gefaßt machen. Gewiß fühlte 
er sich äußerst unglücklich, als er die Verletzung erlitt, merkte, 
er werde nie wieder arbeiten können und müsse verhungern 
oder von Almosen leben. Aber seither ist, was ihn zunächst erwerb- 
los machte, seine Einnahmsquelle geworden; er lebt von seiner 
Krüppelhaftigkeit. Nimmt man ihm die, so macht man ihn viel- 
leicht ganz hilflos; er hat sein Handwerk unterdessen vergessen, 
seine Arbeitsgewohnheiten verloren, hat sich an den Müßiggang, 
vielleicht auch ans Trinken gewöhnt. 

Die Motive zum Kranksein beginnen sich häufig schon in der 
Kindheit zu regen. Das liebeshungrige Kind, welches die Zart- 
er ist sozusagen konstant. Überdies können äußere Momente, wie die als Beispiel an- 
geführte Lage der von ihrem Manne unterdrückten Frau, Motive zum Krankwerden 
abgeben und so den äußerlichen Anteil des primären Krankheitsgewinnes herstellen. 

1) Ein Dichter, der allerdings auch Arzt ist, Arthur Schnitzler, hat dieser 
Erkenntnis in seinem „Paracelsus" sehr richtigen Ausdruck gegeben. 



44 



Krankengeschichten 



h 



I 



lichkeit der Eltern ungern mit seinen Geschwistern teilt, bemerkt, 
daß diese ihm voll wieder zuströmt, wenn die Eltern durch seine 
Erkrankung in Sorge versetzt werden. Es kennt jetzt ein Mittel, 
die Liebe der Eltern hervorzulocken, und wird sich dessen be- 
dienen, sobald ihm das psychische Material zu Gebote steht, um 
Kranksein zu produzieren. Wenn das Kind dann Frau geworden 
und ganz im Widerspruche zu den Anforderungen seiner Kinder- 
zeit mit einem wenig rücksichtsvollen Manne verheiratet ist, der 
ihren Willen unterdrückt, ihre Arbeitskraft schonungslos ausnützt 
und weder Zärtlichkeit noch Ausgaben an sie wendet, so wird 
das Kranksein ihre einzige Waffe in der Lebensbehauptung. Es 
verschafft ihr die ersehnte Schonung, es zwingt den Mann zu 
Opfern an Geld und Rücksicht, die er der Gesunden nicht ge- 
bracht hätte, es nötigt ihn zur vorsichtigen Behandlung im Falle 
der Genesung, denn sonst ist der Rückfall bereit. Das anscheinend 
Objektive, Ungewollte des Krankheitszustandes, für das auch der 
behandelnde Arzt eintreten muß, ermöglicht ihr ohne bewußte 
Vorwürfe diese zweckmäßige Verwendung eines Mittels, das sie 
in den Kinderjahren wirksam gefunden hat. 

Und doch ist dieses Kranksein Werk der Absicht! Die Krank- 
heitszustände sind in der Regel für eine gewisse Person bestimmt, 
so daß sie mit deren Entfernung verschwinden. Das roheste und 
banalste Urteil über das Kranksein der Hysterischen, das man 
von ungebildeten Angehörigen und von Pflegerinnen hören kann, 
ist in gewissem Sinne richtig. Es ist wahr, daß die gelähmte 
Bettlägerige aufspringen würde, wenn im Zimmer Feuer ausbräche, 
daß die verwöhnte Frau alle Leiden vergessen würde, wenn ein 
Kind lebensgefährlich erkrankte oder eine Katastrophe die Stellung 
des Hauses bedrohte. Alle, die so von den Kranken sprechen, 
haben recht bis auf den einen Punkt, daß sie den psychologi- 
schen Unterschied zwischen Bewußtem und Unbewußtem ver- 
nachlässigen, was etwa beim Kind noch gestattet ist, beim Er- 
wachsenen aber nicht mehr angeht. Darum können alle diese 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 45 

Versicherungen, daß es nur am Willen liege, und alle Auf- 
munterungen und Schmähungen der Kranken nichts nützen. Man 
muß erst versuchen, sie selbst auf dem Umwege der Analyse 
von der Existenz ihrer Krankheitsabsicht zu überzeugen. 

In der Bekämpfung der Krankheitsmotive liegt bei der Hysterie 
ganz allgemein die Schwäche einer jeden Therapie, auch der 
psychoanalytischen. Das Schicksal hat es hierin leichter, es braucht x 
weder die Konstitution noch das pathogene Material des Kranken 
anzugreifen; es nimmt ein Motiv zum Kranksein weg und der 
Kranke ist zeitweilig, vielleicht selbst dauernd von der Krankheit 
befreit. Wieviel weniger Wunderheilungen und spontanes Ver- 
schwinden von Symptomen würden wir Ärzte bei der Hysterie 
gelten lassen, wenn wir häufiger Einsicht in die uns verheimlichten 
Lebensinteressen der Kranken bekämen! Hier ist ein Termin ab- 
gelaufen, die Rücksicht auf eine zweite Person entfallen, eine 
Situation hat sich durch äußeres Geschehen gründlich verändert 
und das bisher hartnäckige Leiden ist mit einem Schlage gehoben, 
anscheinend spontan, in Wahrheit, weil ihm das stärkste Motiv, 
eine seiner Verwendungen im Leben, entzogen worden ist. 

Motive, die das Kranksein stützen, wird man wahrscheinlich 
in allen vollentwickelten Fällen antreffen. Aber es gibt Fälle mit 
rein innerlichen Motiven, wie z. B. Selbstbestrafung, also Reue 
und Buße. Man wird dann die therapeutische Aufgabe leichter 
lösbar finden, als wo die Krankheit in Beziehung zu der Er- 
reichung eines äußeren Zieles gesetzt ist. Dies Ziel war für Dora 
offenbar, den Vater zu erweichen und ihn der Frau K. abwendig 
zu machen. 

Keine seiner Handlungen schien sie übrigens so erbittert zu 
haben wie seine Bereitwilligkeit, die Szene am See für ein Pro- 
dukt ihrer Phantasie zu halten. Sie geriet außer sich, wenn sie 
daran dachte, sie sollte sich damals etwas eingebildet haben. Ich 
war lange Zeit in Verlegenheit, zu erraten, welcher Selbstvorwurf 
sich hinter der leidenschaftlichen Abweisung dieser Erklärung 



, fi <f - 



46 



Krankengeschichten 



?• 



verberge. Man war im Rechte, etwas Verborgenes dahinter zu 
vermuten, denn ein Vorwurf, der nicht zutrifft, der beleidigt auch 
nicht nachhaltig. Anderseits kam ich zürn Schlüsse, daß die Er- 
zählung Doras durchaus der Wahrheit entsprechen müsse. Nach- 
dem sie nur Herrn K's. Absicht verstanden, hatte sie ihn nicht 
ausreden lassen, hatte ihm einen Schlag ins Gesicht versetzt und 
war davongeeilt. Ihr Benehmen erschien dem zurückbleibenden 
Manne damals wohl ebenso unverständlich wie uns, denn er 
mußte längst aus unzähligen kleinen Anzeichen geschlossen haben, 
daß er der Neigung des Mädchens sicher sei. In der Diskussion 
über den zweiten Traum werden wir dann sowohl der Lösung 
dieses Rätsels als auch dem zunächst vergeblich gesuchten Selbst- 
vorwurf begegnen. 

Als die Anklagen gegen den Vater mit ermüdender Monotonie 
wiederkehrten und der Husten dabei fortbestand, mußte ich daran 
denken, daß dies Symptom eine Bedeutung haben könne, die sich 
auf den Vater beziehe. Die Anforderungen, die ich an eine Sym- 
ptomerklärung zu stellen gewohnt bin, waren ohnedies lange 
nicht erfüllt. Nach einer Regel, die ich immer wieder bestätigt 
gefunden, aber allgemein aufzustellen noch nicht den Mut hatte, 
bedeutet ein Symptom die Darstellung ■ Realisierung — einer 
Phantasie mit sexuellem Inhalt, also eine sexuelle Situation. Ich 
würde besser sagen, wenigstens eine der Bedeutungen eines Sym- 
ptoms entspricht der Darstellung einer sexuellen Phantasie, während 
für die anderen Bedeutungen solche Inhaltsbeschränkung nicht 
besteht. Daß ein Symptom mehr als eine Bedeutung hat, gleichzeitig 
mehreren unbewußten Gedankengängen zur Darstellung dient, er- 
fährt man nämlich sehr bald, wenn man sich in die psychoanaly- 
tische Arbeit einläßt. Ich möchte noch hinzufügen, daß nach meiner 
Schätzung ein einziger unbewußter Gedankengang oder Phantasie 
kaum jemals zur Erzeugung eines Symptoms hinreichen wird. 

Die Gelegenheit, dem nervösen Husten eine solche Deutung 
durch eine phantasierte sexuelle Situation zuzuweisen, ergab sich 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 47 

sehr bald. Als sie wieder einmal betonte, Frau K. liebe den Papa 
nur, weil er ein vermögender Mann sei, merkte ich aus ge- 
wissen Nebenumständen ihres Ausdrucks, die ich hier wie das 
meiste rein Technische der Analysenarbeit übergehe, daß sich 
hinter dem Satze sein Gegenteil verberge: Der Vater sei ein 
unvermögender Mann. Dies konnte nur sexuell gemeint sein, 
also: Der Vater sei als Mann unvermögend, impotent. Nachdem 
sie diese Deutung aus bewußter Kenntnis bestätigt, hielt ich ihr 
vor, in welchen Widerspruch sie verfalle, wenn sie einerseits 
daran festhalte, das Verhältnis mit Frau K. sei ein gewöhnliches 
Liebesverhältnis, und anderseits behaupte, der Vater sei impotent, 
also unfähig, ein solches Verhältnis auszunützen. Ihre Antwort 
zeigte, daß sie den Widerspruch nicht anzuerkennen brauchte. 
Es sei ihr wohl bekannt, sagte sie, daß es mehr als eine Art der 
sexuellen Befriedigung gebe. Die Quelle dieser Kenntnis war ihr 
allerdings wieder unauffindbar. Als ich weiter fragte, ob sie die 
Inanspruchnahme anderer Organe als der Genitalien für den 
sexuellen Verkehr meine, bejahte sie, und ich konnte fortsetzen: 
dann denke sie gerade an jene Körperteile, die sich bei ihr in 
gereiztem Zustande befänden (Hals, Mundhöhle). Soweit wollte 
sie freilich von ihren Gedanken nichts wissen, aber sie durfte es 
sich auch gar nicht völlig klargemacht haben, wenn das Symptom 
ermöglicht sein sollte. Die Ergänzung war doch unabweisbar, daß 
sie sich mit ihrem stoßweise erfolgenden Husten, der wie ge- 
wöhnlich einen Kitzel im Halse als Reizanlaß angab, eine Situation 
von sexueller Befriedigung per os zwischen den zwei Personen 
vorstellte, deren Liebesbeziehung sie unausgesetzt beschäftigte. Daß 
die kürzeste Zeit nach dieser stillschweigend hingenommenen Auf- 
klärung der Husten verschwunden war, stimmte natürlich recht 
gut. 5 wir wollten aber nicht zu viel Wert auf diese Veränderung 
legen, weil sie ja schon so oft spontan eingetreten war. 

Wenn dieses Stückchen der Analyse bei dem ärztlichen Leser, 
außer dem Unglauben, der ihm ja freisteht, Befremden und 



48 Krankengeschichten 



Grauen erregt haben sollte, so bin ich bereit, diese beiden Reak- 
tionen an dieser Stelle auf ihre Berechtigung zu prüfen. Das 
Befremden denke ich mir motiviert durch mein Wagnis, mit 
einem jungen Mädchen — oder überhaupt, einem Weib im 
Alter der Geschlechtlichkeit — von so heikein und so abscheu- 
lichen Dingen zu reden. Das Grauen gilt wohl der Möglichkeit, 
daß ein unberührtes Mädchen von derlei Praktiken wissen und 
seine Phantasie mit ihnen beschäftigen könnte. In beiden Punkten 
würde ich zur Mäßigung und Besonnenheit raten. Es liegt weder 
hier noch dort ein Grund zur Entrüstung vor. Man kann mit 
Mädchen und Frauen von allen sexuellen Dingen sprechen, ohne 
ihnen zu schaden und ohne sich in Verdacht zu bringen, wenn man 
erstens eine gewisse Art, es zu tun, annimmt, und zweitens, wenn 
man bei ihnen die Überzeugung erwecken kann, daß es unver- 
meidlich ist. Unter denselben Bedingungen erlaubt sich ja auch der 
Gynäkologe, sie allen möglichen Entblößungen zu unterziehen. 
Die beste Art, von den Dingen zu reden, ist die trockene und 
direkte; sie ist gleichzeitig von der Lüsternheit, mit welcher die 
nämlichen Themata in der „Gesellschaft" behandelt werden und 
an die Mädchen wie Frauen sehr wohl gewöhnt sind, am weitesten 
entfernt. Ich gebe Organen wie Vorgängen ihre technischen Namen 
und teile dieselben mit, wo sie — die Namen — etwa unbe- 
kannt sind. »Tappelte im chat un chat". Ich habe wohl von 
ärztlichen und nichtärztlichen Personen gehört, welche sich über 
eine Therapie skandalisieren, in der solche Besprechungen vor- 
kommen, und die entweder mich oder die Patienten um den 
Kitzel zu beneiden scheinen, der sich nach ihrer Erwartung da- 
bei einstellt. Aber ich kenne doch die Wohlanständigkeit dieser 
Herren zu genau, um mich über sie zu erregen. Ich werde der 
Versuchung, eine Satire zu schreiben, aus dem Wege gehen. Nur 
das eine will ich erwähnen, daß ich häufig die Genugtuung er- 
fahre, von einer Patientin, der die Offenheit in sexuellen Dingen 
anfänglich nicht leicht geworden, späterhin den Ausruf zu hören: 






Bruchstück einer Hysterie- Analyse 



49 



„Nein, Ihre Kur ist doch um vieles anständiger als die Gespräche 
des Herrn X.!" 

Von der Unvermeidlichkeit der Berührung sexueller Themata 
muß man überzeugt sein, ehe man eine Hysteriebehandlung 
unternimmt, oder muß bereit sein, sich durch Erfahrungen über- 
zeugen zu lassen. Man sagt sich dann: pour faire une omelette 
ü faut casser des oeufs. Die Patienten selbst sind leicht zu über- 
zeugen ; der Gelegenheiten dazu gibt es im Laufe der Behandlung 
allzu viele. Man braucht sich keinen Vorwurf daraus zu machen, 
daß man Tatsachen des normalen oder abnormen Sexuallebens 
mit ihnen bespricht. Wenn man einigermaßen vorsichtig ist, 
übersetzt man ihnen bloß ins Bewußte, was sie im Unbewußten 
schon wissen, und die ganze Wirkung der Kur ruht ja auf der 
Einsicht, daß die Affektwirkungen einer unbewußten Idee stärker 
und, weil unhemmbar, schädlicher sind als die einer bewußten. 
Man läuft niemals Gefahr, ein unerfahrenes Mädchen zu ver- 
derben j wo auch im Unbewußten keine Kenntnis sexueller Vor- 
gänge besteht, da kommt auch kein hysterisches Symptom zu- 
stande. Wo man Hysterie findet, kann von „Gedankenunschuld" 
im Sinne der Eltern und Erzieher keine Rede mehr sein. Bei 
10-, 12- und 14jährigen Kindern, Knaben wie Mädchen, habe 
ich mich von der ausnahmslosen Verläßlichkeit dieses Satzes 
überzeugt. 

Was die zweite Gefühlsreaktion betrifft, die sich nicht mehr 
gegen mich, sondern gegen die Patientin, im Falle, daß ich recht 
haben sollte, richtet und den perversen Charakter von deren Phan- 
tasien grauenhaft findet, so möchte ich betonen, daß solche Leiden- 
schaftlichkeit im Verurteilen dem Arzte nicht ansteht. Ich finde 
es auch unter anderem überflüssig, daß ein Arzt, der über die 
Verirrungen der sexuellen Triebe schreibt, jede Gelegenheit 
benutze, um in den Text den Ausdruck seines persönlichen 
Abscheus vor so widrigen Dingen einzuschalten. Hier liegt 
eine Tatsache vor, an die wir uns, mit Unterdrückung unserer 

Freud, VI11. 



50 Krankengeschichten 



Geschmacksrichtungen, hoffentlich gewöhnen werden. Was wir die 
sexuellen Perversionen heißen, die Überschreitungen der Sexual- 
funktion nach Körpergebiet und Sexualobjekt, davon muß man 
ohne Entrüstung reden können. Schon die Unbestimmtheit der 
Grenzen für das normal zu nennende Sexualleben bei verschiedenen 
Rassen und in verschiedenen Zeitepochen sollte die Eiferer 
abkühlen. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß die uns 
widrigste dieser Perversionen, die sinnliche Liebe des Mannes 
für den Mann, bei einem uns so [sehr kulturüberlegenen Volke 
wie den Griechen nicht nur geduldet, sondern selbst mit wich- 
tigen sozialen Funktionen betraut war. Ein Stückchen weit, bald 
hier, bald dort, überschreitet jeder von uns die fürs Normale ge- 
zogenen engen Grenzen in seinem eigenen Sexualleben. Die Per- 
versionen sind weder Bestialitäten noch Entartungen im pathe- 
tischen Sinne des Wortes. Es sind Entwicklungen von Keimen, 
die sämtlich in der indifferenzierten sexuellen Anlage des Kindes 
enthalten sind, deren Unterdrückung oder Wendung auf höhere 
asexuelle Ziele — deren Sublirnierung — - die Kräfte für eine 
gute Anzahl unserer Kulturleistungen abzugeben bestimmt ist. 
Wo also jemand grob und manifest pervers geworden ist, da 
kann man richtiger sagen, er sei es geblieben, er stellt ein 
Stadium einer Entwicklungshemmung dar. Die Psychoneuro- 
tiker sind sämtlich Personen mit stark ausgebildeten, aber im 
Laufe der Entwicklung verdrängt und unbewußt gewordenen 
perversen Neigungen. Ihre unbewußten Phantasien weisen daher 
genau den nämlichen Inhalt auf wie die aktenmäßig festgestellten 
Handlungen der Perversen, auch wenn sie die „Psychopathia 
sexualis" von v. Krafft-Ebing, der naive Menschen soviel Mit- 
schuld an der Entstehung perverser Neigungen zumessen, nicht 
gelesen haben. Die Psychoneurosen sind sozusagen das Negativ 
der Perversionen. Die sexuelle Konstitution, in welcher der Aus- 
druck der Heredität mitenthalten ist, wirkt bei den Neurotikern 
zusammen mit akzidentellen Lebenseinflüssen, welche die Ent- 



1 ' ■■ — • 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 



51 



faltung der normalen Sexualität stören. Die Gewässer, die in dem 
einen Strombett ein Hindernis finden, werden in ältere, zum Ver- 
lassen bestimmte Stromläufe zurückgestaut. Die Triebkräfte für 
die Bildung hysterischer Symptome werden nicht nur von der 
verdrängten normalen Sexualität, sondern auch von den unbe- 
wußten perversen Regungen beigestellt 1 . 

Die minder abstoßenden unter den sogenannten sexuellen Per- 
versionen erfreuen sich der größten Verbreitung unter unserer 
Bevölkerung, wie jedermann mit Ausnahme des ärztlichen Autors 
über diese Gegenstände weiß. Oder vielmehr der Autor weiß es 
auch; er bemüht sich nur, es zu vergessen in dem Moment, da 
er die Feder zur Hand nimmt, um darüber zu schreiben. Es ist 
also nicht wunderbar, wenn unsere bald 19 jährige Hysterica, die von 
dem Vorkommen eines solchen Sexualverkehrs (des Saugens am 
Gliede) gehört hat, eine solche unbewußte Phantasie entwickelt 
und durch die Sensation von Reiz im Halse und durch Husten 
zum Ausdruck bringt. Es wäre auch nicht wunderbar, wenn sie 
ohne äußere Aufklärung zu solcher Phantasie gekommen wäre, 
wie ich es bei anderen Patientinnen mit Sicherheit festgestellt 
habe. Die somatische Vorbedingung für solche selbständige 
Schöpfung einer Phantasie, die sich dann mit dem Tun der Per- 
versen deckt, war nämlich bei ihr durch eine beachtenswerte 
Tatsache gegeben. Sie erinnerte sich sehr wohl, daß sie in ihren 
Kinderjahren eine „Lutscherin" gewesen war. Auch der Vater 
erinnerte sich, daß er es ihr abgewöhnt hatte, als es sich bis ins 
vierte oder fünfte Lebensjahr fortsetzte. Dora selbst hatte ein 
Bild aus ihren Kleinkinderjahren in klarem Gedächtnis, wie sie 
in einem Winkel auf den Boden saß, an ihrem linken Daumen 
lutschend, während sie dabei mit der rechten Hand den ruhig 



1) Diese Sätze über sexuelle Perversionen sind mehrere Jahre vor dem ausge- 
zeichneten Buche von I. Bloch (Beiträge rar Ätiologie der Psychopathia sexualis. 
1902 und 1905) niedergeschrieben worden. Vgl. auch meine in diesem Jahre (1905) 
erschienenen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". (5. Aufl. 1922. Enthalten in Bd. V 
dieser Gesamtausgabe). 



g 2 Krankengeschichten 



dasitzenden Bruder am Ohrläppchen zupfte. Es ist dies die voll- 
ständige Art der Selbstbefriedigung durch Lutschen, die mir auch 
andere — später anästhetische und hysterische — Patienten be- 
richtet haben. Von einer derselben habe ich eine Angabe erhalten, 
die ein helles Licht auf die Herkunft dieser sonderbaren Gewohn- 
heit wirft. Die junge Frau, die sich das Lutschen überhaupt nie 
abgewöhnt hatte, sah sich in einer Kindererinnerung, angeblich 
aus der ersten Hälfte des zweiten Lebensjahres, an der Ammen- 
brust trinken und dabei die Amme rhytmisch am Ohrläppchen 
ziehen. Ich meine, es wird niemand bestreiten wollen, daß die 
Lippen- und Mundschleimhaut für eine primäre erogene Zone 
erklärt werden darf, da sie einen Teil dieser Bedeutung noch 
für den Kuß, der als normal gilt, beibehalten hat. Die frühzeitige 
ausgiebige Betätigung dieser erogenen Zone ist also die Bedingung 
für das spätere somatische Entgegenkommen von seiten des mit 
den Lippen beginnenden Schleimhauttraktes. Wenn dann zu einer 
Zeit, wo das eigentliche Sexualobjekt, das männliche Glied, schon 
bekannt ist, sich Verhältnisse ergeben, welche die Erregung der 
erhalten gebliebenen erogenen Mundzone wieder steigern, so ge- 
hört kein großer Aufwand von schöpferischer Kraft dazu, um an 
Stelle der ursprünglichen Brustwarze und des für sie vikariierenden 
Fingers das aktuelle Sexualobjekt, den Penis, in die Befriedigungs- 
situation einzusetzen. So hat diese überaus anstößige perverse 
Phantasie vom Saugen am Penis den harmlosesten Ursprung; sie 
ist die Umarbeitung eines prähistorisch zu nennenden Eindruckes 
vom Saugen an der Mutter- oder Ammenbrust, der gewöhnlich 
durch den Umgang mit gesäugten Kindern wieder belebt worden 
ist. Meist hat dabei das Euter der Kuh als passende Mittel Vor- 
stellung zwischen Brustwarze und Penis Dienste geleistet. 

Die eben besprochene Deutung der Halssymptome Doras kann 
auch noch zu einer anderen Bemerkung Anlaß geben. Man kann 
fragen, wie sich diese phantasierte sexuelle Situation mit der 
anderen Erklärung verträgt, daß das Kommen und Gehen der 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 53 



Krankheitserscheinungen die Anwesenheit und Abwesenheit des 
geliebten Mannes nachahmt, also mit Einbeziehung des Benehmens 
der Frau den Gedanken ausdrückt: Wenn ich seine Frau wäre, 
würde ich ihn ganz anders lieben, krank sein (vor Sehnsucht 
etwa), wenn er verreist, und gesund (vor Seligkeit), wenn er 
wieder zu Hause ist. Darauf muß ich nach meinen Erfahrungen 
in der Lösung hysterischer Symptome antworten: es ist nicht 
notwendig, daß sich die verschiedenen Bedeutungen eines Sym- 
ptoms miteinander vertragen, d. h. zu einem Zusammenhange 
ergänzen. Es genügt, wenn der Zusammenhang durch das Thema 
hergestellt ist, welches all den verschiedenen Phantasien den Ur- 
sprung gegeben hat. In unserem Falle ist solche Verträglichkeit 
übrigens nicht ausgeschlossen 5 die eine Bedeutung haftet mehr 
am Husten, die andere an der Aphonie und an dem Verlauf der 
Zustände; eine feinere Analyse hätte wahrscheinlich eine viel 
weitergehende Vergeistigung der Krankheitsdetails erkennen lassen. 
Wir haben bereits erfahren, daß ein Symptom ganz regelmäßig 
mehreren Bedeutungen gleichzeitig entspricht; fügen wir nun 
hinzu, daß es auch mehreren Bedeutungen nacheinander Aus- 
druck geben kann. Das Symptom kann eine seiner Bedeutungen 
oder seine Hauptbedeutung im Laufe der Jahre ändern, oder die 
leitende Rolle kann von einer Bedeutung auf eine andere über- 
gehen. Es ist wie ein konservativer Zug im Charakter der Neu- 
rose, daß das einmal gebildete Symptom womöglich erhalten wird, 
mag auch der unbewußte Gedanke, der in ihm seinen Ausdruck 
fand, seine Bedeutung eingebüßt haben. Es ist aber auch leicht, 
diese Tendenz zur Erhaltung des Symptoms mechanisch zu erklären; 
die Herstellung eines solchen Symptoms ist so schwierig, die 
Übertragung der rein psychischen Erregung ins Körperliche, was 
ich Konversion genannt habe, an soviel begünstigende Be- 
dingungen gebunden, ein somatisches Entgegenkommen, wie man 
es zur Konversion bedarf, ist so wenig leicht zu haben, daß der 
Drang zur Abfuhr der Erregung aus dem Unbewußten dazu führt, 



54 



Ä r anl engeschichten 



sich womöglich mit dem bereits gangbaren Abfuhrweg zu be- 
gnügen. Viel leichter als die Schöpfung einer neuen Konversion 
scheint die Herstellung von Assoziationsbeziehungen zwischen einem 
neuen abfuhrbedürftigen Gedanken und dem alten, der diese Be- 
dürftigkeit verloren hat. Auf dem so gebahnten Wege strömt die 
Erregung aus der neuen Erregungsquelle zur früheren Ausfuhr- 
stelle hin und das Symptom gleicht, wie das Evangelium es aus- 
drückt, einem alten Schlauch, der mit neuem Wein gefüllt 
ist. Erscheint nach diesen Erörterungen auch der somatische 
Anteil des hysterischen Symptoms als das beständigere, schwerer 
ersetzbare, der psychische als das veränderliche, leichter zu ver- 
tretende Element, so möge man doch aus diesem Verhältnis 
keine Rangordnung zwischen den beiden ableiten wollen. Für die 
psychische Therapie ist allemal der psychische Anteil der be- 
deutsamere. 

Die unablässige Wiederholung derselben Gedanken über das 
Verhältnis ihres Vaters zu Frau K. bot der Analyse bei Dora die 
Gelegenheit zu noch anderer wichtiger Ausbeute. 

Ein solcher Gedankenzug darf ein üborstarker, besser ein ver- 
stärkter, überwertiger im Sinne Wem ick es, genannt werden. 
Er erweist sich als krankhaft, trotz seines anscheinend korrekten 
Inhalts, durch die eine Eigentümlichkeit, daß er trotz aller be- 
wußten und willkürlichen Denkbemühungen der Person nicht 
zersetzt und nicht beseitigt werden kann. Mit einem normalen, 
noch so intensiven Gedankenzuge wird man endlich fertig. Dora 
fühlte ganz richtig, daß ihre Gedanken über den Papa eine be- 
sondere Beurteilung herausforderten. „Ich kann an nichts anderes 
denken," klagte sie wiederholt. „Mein Bruder sagt mir wohl, 
wir Kinder haben kein Recht, diese Handlungen des Papas 
zu kritisieren. Wir sollen uns darum nicht kümmern und uns 
vielleicht sogar freuen, daß er eine Frau gefunden hat, an die 
er sein Herz hängen kann, da ihn die Mama doch so wenig 
versteht. Ich sehe das ein und möchte auch so denken wie 



Bruchstück einer Hysterie Analyse 55 

mein Bruder, aber ich kann nicht. Ich kann es ihm nicht ver- 
zeihen" \ 

Was tut man nun angesichts eines solchen überwertigen Ge- 
dankens, nachdem man dessen bewußte Begründung sowie die 
erfolglosen Einwendungen gegen ihn mitangehört hat? Man sagt 
sich daß dieser überstarke Gedankenzug seine Verstärkung 
dem Unbewußten verdankt. Er ist unauflösbar für die Denk- 
arbeit, entweder weil er selbst mit seiner Wurzel bis ins un- 
bewußte, verdrängte Material reicht, oder weil sich ein anderer 
unbewußter Gedanke hinter ihm verbirgt. Letzterer ist dann meist 
sein direkter Gegensatz. Gegensätze sind immer eng miteinander 
verknüpft und häufig so gepaart, daß der eine Gedanke über- 
stark bewußt, sein Widerpart aber verdrängt und un- 
bewußt ist. Dieses Verhältnis ist ein Erfolg des Verdrängungs- 
vorganges. Die Verdrängung nämlich ist häufig in der Weise 
bewerkstelligt worden, daß der Gegensatz des zu verdrängenden 
Gedankens übermäßig verstärkt wurde. Ich heiße dies Reaktions- 
verstärkung, und den einen Gedanken, der sich im Bewußten 
überstark behauptet und nach Art eines Vorurteils unzersetzbar 
zeigt, den Reaktionsgedanken. Die beiden Gedanken verhalten 
sich dann zueinander ungefähr wie die beiden Nadeln eines astati- 
schen Nadelpaares. Mit einem gewissen Überschusse an Intensität 
hält der Reaktionsgedanke den anstößigen in der Verdrängung 
zurück; er ist aber dadurch selbst „gedämpft" und gegen die 
bewußte Denkarbeit gefeit. Das Bewußtmachen des verdrängten 
Geoensatzes ist dann der Weg, um dem überstarken Gedanken 
seine Verstärkung zu entziehen. 

Man darf aus seinen Erwartungen auch den Fall nicht aus- 
schließen, daß nicht eine der beiden Begründungen der Über- 
wertigkeit, sondern eine Konkurrenz von beiden vorliegt. Es 



1) Ein solcher überwertiger Gedanke ist nebst tiefer Verstimmung oft das einzige 
Symptom eines Krankheitszustandes, der gewöhnlich „Melancholie" genannt wird, sich 
aber durch Psychoanalyse lösen läßt wie eine Hysterie. 



56 



Krankengeschichten 



können auch noch andere Komplikationen vorkommen, die sich 
aber leicht einfügen lassen. 

Versuchen wir es bei dem Beispiele, das uns Dora bietet, zu- 
nächst mit der ersten Annahme, daß die Wurzel ihrer zwangs- 
artigen Bekümmerung um das Verhältnis des Vaters zu Frau K. 
ihr selbst unbekannt sei, weil sie im Unbewußten liege. Es ist 
nicht schwierig, diese Wurzel aus den Verhältnissen und Er- 
scheinungen zu erraten. Ihr Benehmen ging offenbar weit über 
die Anteilsphäre der Tochter hinaus, sie fühlte und handelte viel- 
mehr wie eine eifersüchtige Frau, wie man es bei ihrer Mutter 
begreiflich gefunden hätte. Mit ihrer Forderung: „Sie oder ich", 
den Szenen, die sie aufführte, und der Selbstmorddrohung, die 
sie durchblicken ließ, setzte sie sich offenbar an die Stelle der 
Mutter. Wenn die ihrem Husten zugrunde liegende Phantasie 
einer sexuellen Situation richtig erraten ist, so trat sie in derselben 
an die Stelle der Frau K. Sie identifizierte sich also mit den 
beiden, jetzt und früher vom Vater geliebten Frauen. Der Schluß 
liegt nahe, daß ihre Neigung in höherem Maße dem Vater zu- 
gewendet war, als sie wußte oder gern zugegeben hätte, daß sie 
in den Vater verliebt war. 

Solche unbewußte, an ihren abnormen Konsequenzen kenntliche 
Liebesbeziehungen zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn 
habe ich als Auffrischung infantiler Empfindungskeime auffassen 
gelernt. Ich habe an anderer Stelle 1 ausgeführt, wie frühzeitig die 
sexuelle Attraktion sich zwischen Eltern und Kindern geltend 
macht, und gezeigt, daß die Ödipusfabel wahrscheinlich als die 
dichterische Bearbeitung des Typischen an diesen Beziehungen /.u 
verstehen ist. Diese frühzeitige Neigung der Tochter zum Vater, 
des Sohnes zur Mutter, von der sich wahrscheinlich bei den 
meisten Menschen eine deutliche Spur findet, muß bei den 
konstitutionell zur Neurose bestimmten, frühreifen und nach 

1) In der „Traumdeutung", p. , 7 8 (7. Aufl., p. 181), und in der dritten der „Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie« (5. Aufl. 1922). 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 57 

Liebe hungrigen Kindern schon anfänglich intensiver angenommen 
werden. Es kommen dann gewisse hier nicht zu besprechende Ein- 
flüsse zur Geltung, welche die rudimentäre Liebesregung fixieren 
oder so verstärken, daß noch in den Kinderjahren oder erst zur 
Zeit der Pubertät etwas aus ihr wird, was einer sexuellen Neigung 
gleichzustellen ist und was, wie diese, die Libido für sich in 
Anspruch nimmt 1 . Die äußeren Verhältnisse bei unserer Patientin 
sind einer solchen Annahme nicht gerade ungünstig. Ihre Anlage 
hatte sie immer zum Vater hingezogen, seine vielen Erkrankungen 
mußten ihre Zärtlichkeit für ihn steigern; in manchen Krank- 
heiten wurde niemand anders als sie von ihm zu den kleinen 
Leistungen der Krankenpflege zugelassen; stolz auf ihre frühzeitig 
entwickelte Intelligenz hatte er sie schon als Kind zur Vertrauten 
herangezogen. Durch das Auftreten von Frau K. war wirklich 
nicht die Mutter, sondern sie aus mehr als einer Stellung ver- 
drängt worden. 

Als ich Dora mitteilte, ich müßte annehmen, daß ihre Neigung 
zum Vater schon frühzeitig den Charakter voller Verliebtheit be- 
sessen habe, gab sie zwar ihre gewöhnliche Antwort: „Ich erinnere 
mich nicht daran," berichtete aber sofort etwas Analoges von ihrer 
7 jährigen Cousine (von Mutterseite), in der sie häufig wie eine 
Spiegelung ihrer eigenen Kindheit zu sehen meinte. Die Kleine 
war wieder einmal Zeugin einer erregten Auseinandersetzung 
zwischen den [Eltern gewesen und hatte Dora, die darauf zu 
Besuch kam, ins Ohr geflüstert: „Du kannst dir nicht denken, 
wie ich diese Person (auf die Mutter deutend) hasse! Und wenn 
sie einmal stirbt, heirate ich den Papa." Ich bin gewohnt, in 
solchen Einfällen, die etwas zum Inhalte meiner Behauptung 
Stimmendes vorbringen, eine Bestätigung aus dem Unbewußten 
zu sehen. Ein anderes „Ja" läßt sich aus dem Unbewußten 

i) Das hiefür entscheidende Moment ist wohl das frühzeitige Auftreten echter 
Genitalsensationen, sei es spontaner oder durch Verführung und Masturbation hervor- 
gerufener. (Siehe unten. i 

I 



58 



Ä rarikengeschichten 






nicht vernehmen j ein unbewußtes „Nein" gibt es überhaupt 
nicht. 1 

Diese Verliebtheit in den Vater hatte sich Jahre hindurch nicht 
geäußert; vielmehr war sie mit derselben Frau, die sie beim Vater 
verdrängt hatte, eine lange Zeit im herzlichsten Einvernehmen 
gestanden und hatte deren Verhältnis mit dem Vater, wie wir aus 
ihren Sei bst vor würfen wissen, noch begünstigt. Diese Liebe war 
also neuerdings aufgefrischt worden, und wenn dies der Fall war, 
dürfen wir fragen, zu welchem Zwecke es geschah? Offenbar 
als Reaktionssymptom, um etwas anderes zu unterdrücken, was 
also im Unbewußten noch mächtig war. Wie die Dinge lagen, 
mußte ich in erster Linie daran denken, daß die Liebe zu Herrn 
K. dieses Unterdrückte sei. Ich mußte annehmen, ihre Verliebtheit 
dauere noch fort, habe aber seit der Szene am See — aus un- 
bekannten Motiven — ein heiliges Sträuben gegen sich, und das 
Mädchen habe die alte Neigung zum Vater hervorgeholt und 
verstärkt, um von der ihr peinlich gewordenen Liebe ihrer ersten 
Mädchenjahre in ihrem Bewußtsein nichts mehr merken zu müssen. 
Dann bekam ich auch Einsicht in einen Konflikt, der geeignet 
war, das Seelenleben des Mädchens zu zerrütten. Sie war wohl 
einerseits voll Bedauern, den Antrag des Mannes zurückgewiesen 
zu haben, voll Sehnsucht nach seiner Person und den kleinen 
Zeichen seiner Zärtlichkeit; anderseits sträubten sich mächtige 
Motive, unter denen ihr Stolz leicht zu erraten war, gegen diese 
zärtlichen und sehnsüchtigen Regungen. So war sie dazugekommen, 
sich einzureden, sie sei mit der Person des Herrn K. fertig — 
dies war ihr Gewinn bei diesem typischen Verdrängungsvorgange, 
— und doch mußte sie zum Schutze gegen die beständig zum 
Bewußtsein andrängende Verliebtheit die infantile Neigung zum 



j) [Zusatz 192 j.-] Eine andere, sehr merkwürdige und durchaus zuverlässige Form 
der Bestätigung aus dem Unbewußten, die ich damals noch nicht kannte, ist der 
Ausruf des Patienten: „Das habe ich nicht gedacht" oder „daran habe ich nicht ge- 
dacht". Diese Äußerung kann man geradezu übersetzen: Ja, das war mir unbewußt. 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 59 

Vater anrufen und übertreiben. Daß sie dann fast unausgesetzt 
von eifersüchtiger Erbitterung beherrscht war, schien noch einer 
weiteren Determinierung fähig 1 . 

Er widersprach keineswegs meiner Erwartung, daß ich mit 
dieser Darlegung bei Dora den entschiedensten Widerspruch her- 
vorrief. Das „Nein", das man vom Patienten hört, nachdem man 
seiner bewußten Wahrnehmung zuerst den verdrängten Gedanken 
vorgelegt hat, konstatiert bloß die Verdrängung und deren Ent- 
schiedenheit, mißt gleichsam die Stärke derselben. Wenn man 
dieses Nein nicht als den Ausdruck eines unparteiischen Urteils, 
dessen der Kranke ja nicht fähig ist, auffaßt, sondern darüber 
hinweggeht und die Arbeit fortsetzt, so stellen sich bald die ersten 
Beweise ein, daß Nein in solchem Falle das gewünschte Ja be- 
deutet. Sie gab zu, daß Sie Herrn K. nicht in dem Maße böse 
sein könne, wie er es um sie verdient habe. Sie erzählte, daß 
sie eines Tages auf der Straße Herin K. begegnet sei, während 
sie in Begleitung einer Cousine war, die ihn nicht kannte. Die 
Cousine rief plötzlich: „Dora, was ist dir denn? Du bist ja 
totenbleich geworden!" Sie hatte nichts von dieser Veränderung 
an sich gefühlt, mußte aber von mir hören, daß Mienenspiel 
und Affektausdruck eher dem Unbewußten gehorchen als dem 
Bewußten und für das erstere verräterisch seien 2 . Ein andermal 
kam sie nach mehreren Tagen gleichmäßig heiterer Stimmung 
in der bösesten Laune zu mir, für die sie eine Erklärung nicht 
wußte. Sie sei heute so zuwider, erklärte sie; es sei der Geburts- 
tag des Onkels und sie bringe es nicht über sich, ihm zu gratu- 
lieren; sie wisse nicht, warum. Meine Deutungskunst war an dem 
Tage stumpf; ich ließ sie weitersprechen und sie erinnerte sich 
plötzlich, daß heute ja auch Herr K. Geburtstag habe, was ich 
nicht versäumte, gegen sie zu verwerten. Es war dann auch nicht 



1) Welcher wir auch begegnen werden. 

i) Vgl.: „Ruhig kann ich euch erscheinen, 
Ruhig gehen sehen." 






6° ____ Krankengeschichten 



schwer zu erklären, warum die reichen Geschenke zu ihrem 
eigenen Geburtstage einige Tage vorher ihr keine Freude bereitet 
hatten. Es fehlte das eine Geschenk, das von Herrn K., welches 
ihr offenbar früher das wertvollste gewesen war. 

Indes hielt sie noch längere Zeit an ihrem Widerspruche gegen 
meine Behauptung fest, bis gegen Ende der Analyse der entschei- 
dende Beweis für deren Richtigkeit geliefert wurde. 

Ich muß nun einer weiteren Komplikation gedenken, der ich 
gewiß keinen Raum gönnen würde, sollte ich als Dichter einen 
derartigen Seelenzustand für eine Novelle erfinden, anstatt ihn als 
Arzt zu zergliedern. Das Element, auf das ich jetzt hinweisen 
werde, kann den schönen, poesiegerechten Konflikt, den wir bei 
Dora annehmen dürfen, nur trüben und verwischen; es fiele mit 
Recht der Zensur des Dichters, dar ja auch vereinfacht und ab- 
strahiert, wo er als Psychologe auftritt, zum Opfer. In der Wirk- 
lichkeit aber, die ich hier zu schildern bemüht bin, ist die 
Komplikation der Motive, die Häufung und Zusammensetzung 
seelischer Regungen, kurz die Überdeterminierung Regel. Hinter 
dem überwertigen Gedankenzug, der sich mit dem Verhältnis des 
Vaters zu Frau K. beschäftigte, versteckte sich nämlich auch eine 
Eifersuchtsregung, deren Objekt diese Frau war — eine Regung 
also, die nur auf der Neigung zum gleichen Geschlecht beruhen 
konnte. Es ist längst bekannt und vielfach hervorgehoben, daß 
sich bei Knaben und Mädchen in den Pubertätsjahren deutliche 
Anzeichen von der Existenz gleichgeschlechtlicher Neigung auch 
normalerweise beobachten lassen. Die schwärmerische Kivundschaft 
für eine Schulkollegin mit Schwüren, Küssen, dem Versprechen 
ewiger Korrespondenz und mit aller Empfindlichkeit der Eifersucht 
ist der gewöhnliche Vorläufer der ersten intensiveren Verliebtheit 
in einen Mann. Unter günstigen Verhältnissen versiegt die homo- 
sexuelle Strömung dann oft völlig; wo sich das Glück in der 
Liebe zum Mann nicht einstellt, wird sie oft noch in späteren 
Jahren von der Libido wieder geweckt und bis zu der oder jener 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 



61 



Intensität gesteigert. Ist soviel bei Gesunden mühelos festzustellen, 
so werden wir im Anschlüsse an frühere Bemerkungen über die 
bessere Ausbildung der normalen Perversionskeime bei den Neu- 
rotikern auch eine stärkere homosexuelle Anlage in deren Kon- 
stitution zu finden erwarten. Es muß wohl so sein, denn ich bin 
noch bei keiner Psychoanalyse eines Mannes oder Weibes durch- 
gekommen, ohne eine solche recht bedeutsame homosexuelle 
Strömung zu berücksichtigen. Wo bei hysterischen Frauen und 
Mädchen die dem Manne geltende sexuelle Libido eine energische 
Unterdrückung erfahren hat, da findet man regelmäßig die dem 
Weibe geltende durch Vikariieren verstärkt und selbst teilweise 
bewußt. 

Ich werde dieses wichtige und besonders für die Hysterie des 
Mannes zum Verständnis unentbehrliche Thema hier nicht weiter 
behandeln, weil die Analyse Doras zu Ende kam, ehe sie über 
diese Verhältnisse bei ihr Licht verbreiten konnte. Ich erinnere 
aber an jene Gouvernante, mit der sie anfangs in intimem 
Gedankenaustausch lebte, bis sie merkte, daß sie von ihr nicht 
ihrer eigenen Person, sondern des Vaters wegen geschätzt und 
gut behandelt worden sei. Dann zwang sie dieselbe, das Haus zu 
verlassen. Sie verweilte auch auffällig häufig und mit besonderer 
Betonung bei der Erzählung einer anderen Entfremdung, die ihr 
selbst rätselhaft vorkam. Mit ihrer zweiten Cousine, derselben, 
die später Braut wurde, hatte sie sich immer besonders gut ver- 
standen und allerlei Geheimnisse mit ihr geteilt. Als nun der 
Vater zum erstenmal nach dem abgebrochenen Besuch am See 
wieder nach B. fuhr und Dora es natürlich ablehnte, ihn zu 
begleiten, wurde diese Cousine aufgefordert, mit dem Vater zu 
reisen, und nahm es an. Dora fühlte sich von da an erkaltet 
gegen sie und verwunderte sich selbst, wie gleichgültig sie ihr 
geworden war, obwohl sie ja zugestand, sie könne ihr keinen 
großen Vorwurf machen. Diese Empfindlichkeiten veranlaßten 
mich zu fragen, welches ihr Verhältnis zu Frau K. bis zum 



62 Krankengeschichten 



Zerwürfnis gewesen war. Ich erfuhr dann, daß die junge Frau und 
das kaum erwachsene Mädchen Jahre hindurch in der größten 
Vertraulichkeit gelebt hatten. Wenn Dora bei den K. wohnte, 
teilte sie das Schlafzimmer mit der Frau; der Mann wurde aus- 
quartiert. Sie war die Vertraute und Beraterin der Frau in allen 
Schwierigkeiten ihres eheliclien Lebens gewesen; es gab nichts, 
worüber sie nicht gesprochen hatten. Medea war ganz zufrieden 
damit, daß Kreusa die beiden Kinder au sich zog; sie tat gewiß 
auch nichts dazu, um den Verkehr des Vaters dieser Kinder mit 
dem Mädchen zu stören. Wie Dom es zustande brachte, den 
Mann zu lieben, über den ihre geliebte Freundin so viel Schlechtes 
zu sagen wußte, ist ein interessantes psychologiscbes Problem, das 
wohl lösbar wird durch die Einsicht, daß im Unbewußten die 
Gedanken besonders bequem nebeneinander wohnen, auch Gegen- 
sätze sich ohne Widerstreit vertragen, was ja oft genug auch noch 
im Bewußten so bleibt. 

Wenn Dora von Frau K. erzählte, so lobte sie deren „ent- 
zückend weißen Körper" in einem Ton, der eher der Verliebten 
als der besiegten Rivalin entsprach. Mehr wehmütig als bitter 
teilte sie mir ein andermal mit, sie sei Überzeugt, daß die Ge- 
schenke, die der Papa ihr gebracht, von Frau K. besorgt worden 
seien; sie erkenne deren Geschmack. Ein andermal hob sie hervor, 
daß ihr offenbar durch die Vermittlung von Frau K. Schmuck- 
gegenstände zum Geschenk gemacht worden seien, ganz ähnlich 
wie die, welche sie bei Frau K. gesehen und sich damals laut 
gewünscht habe. Ja, ich muß überhaupt sagen, ich hörte nicht 
ein hartes oder erbostes Wort von ihr über die Frau, in der sie 
doch nach dem Standpunkt ihrer überwertigen Gedanken die 
Urheberin ihres Unglücks hätte sehen müssen. Sie benahm sich 
wie inkonsequent, aber die scheinbare Inkonsequenz war eben der 
Ausdruck einer komplizierenden Gefühlsströmung. Denn wie hatte 
sich die schwärmerisch geliebte Freundin gegen sie benommen? 
Nachdem Dora ihre Beschuldigung gegen Herrn K. vorgebracht 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 65 

und dieser vom Vater schriftlich zur Rede gestellt wurde, antwortete 
er zuerst mit Beteuerungen seiner Hochachtung und erbot sich 
nach der Fabrikstadt zu kommen, um alle Mißverständnisse auf- 
zuklären. Einige Wochen später, als ihn der Vater in B. sprach, 
war von Hochachtung nicht mehr die Rede. Er setzte das Mädchen 
herunter und spielte als Trumpf aus: Ein Mädchen, das solche 
Bücher liest und sich für solche Dinge interessiert, das hat keinen 
Anspruch auf die Achtung eines Mannes. Frau K. hatte sie also 
verraten und angeschwärzt; nur mit ihr hatte sie über Mantegazza 
und über verfängliche Themata gesprochen. Es war wieder der- 
selbe Fall wie mit der Gouvernante; auch Frau K. hatte sie nicht 
um ihrer eigenen Person willen geliebt, sondern wegen des Vaters. 
Frau K. hatte sie unbedenklich geopfert, um in ihrem Verhältnis 
mit dem Vater nicht gestört zu werden. Vielleicht, daß diese 
Kränkung ihr näher ging, pathogen wirksamer war als die andere, 
mit der sie jene verdecken wollte, daß der Vater sie geopfert. 
Wies nicht die eine so hartnäckig festgehaltene Amnesie in betreff 
der Quellen ihrer verfänglichen Kenntnis direkt auf den Gefühls- 
wert der Beschuldigung und demnach auf den Verrat durch die 
Freundin hin? 

Ich glaube also mit der Annahme nicht irre zu gehen, daß 
der überwertige Gedankenzug Doras, der sich mit dem Verhältnis 
des Vaters zur Frau K. beschäftigte, bestimmt war nicht nur zur 
Unterdrückung der einst bewußt gewesenen Liebe zu Herrn K., 
sondern auch die in tieferem Sinne unbewußte Liebe zu Frau K. 
zu verdecken hatte. Zu letzterer Strömung stand er im Verhältnis 
des direkten Gegensatzes. Sie sagte sich unablässig vor, daß der 
Papa sie dieser Frau geopfert habe, demonstrierte geräuschvoll, 
daß sie ihr den Besitz des Papas nicht gönne, und verbarg sich 
so das Gegenteil, daß sie dem Papa die Liebe dieser Frau nicht 
gönnen konnte und der geliebten Frau die Enttäuschung über 
ihren Verrat nicht vergeben hatte. Die eifersüchtige Regung des 
Weibes war im Unbewußten an eine wie von einem Mann 



6 4 



Krankengeschichten 



empfundene Eifersucht gekoppelt. Diese männlichen oder, wie 
man besser sagt, gynäkophilen Gefühlsströmungen sind für das 
unbewußte Liebesleben der hysterischen Mädchen als typisch zu 
betrachten. 






II 

DER ERSTE TRAUM 

Als wir gerade Aussicht hatten, einen dankeln Punkt in dem 
Kinderleben Doras durch das Material, welches sich zur Analyse 
drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe einen Traum, den 
sie in genau der nämlichen Weise schon wiederholt geträumt, in 
einer der letzten Nächte neuerlich gehabt. Ein periodisch wieder- 
kehrender Traum war schon dieses Charakters wegen besonders 
geeignet, meine Neugierde zu wecken; im Interesse der Behandlung 
durfte man ja die Einflechtung dieses Traumes in den Zusammen- 
hang der Analyse ins Auge fassen. Ich beschloß also, diesen Traum 
besonders sorgfältig zu erforschen. 

I. Traum: „In einem Haus brennt es 1 , erzählte Dora, der Vater 
steht vor meinem Bett und weckt mich auf. Ich kleide mich schnell 
an. Die Mama will noch ihr Schmuckkästchen retten, der Papa 
sagt aber: Ich will nicht, daß ich und meine beiden Kinder wegen 
deines Schmuckkästchens verbrennen. Wir eilen herunter, und so- 
wie ich draußen bin, wache ich auf." 

Da es ein wiederkehrender Traum ist, frage ich natürlich, 
wann sie ihn zuerst geträumt. — Das weiß sie nicht. Sie erinnert 
sich aber, daß sie den Traum in L. (dem Orte am See, wo die 
Szene mit Herrn K. vorfiel) in drei Nächten hintereinander gehabt, 

i) Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwortete sie dann auf 
meine Erkundigung. 

Freud, VIII. 5 






66 Krankengeschichten 



dann kam er vor einigen Tagen hier wieder 1 . — Die so her- 
gestellte Verknüpfung des Traumes mit den Ereignissen in L. 

erhöht natürlich meine Erwartungen in betreff der Tranmlösung. 
Ich möchte aber zunächst den Anlaß für seine letzte Wiederkehr 
erfahren und fordere darum Dora, die bereits durch einige kleine, 
vorher analysierte Beispiele für die Traumdeutung geschult ist, 
auf, sich den Traum zu zerlegen und mir mitzuteilen, was ihr 
zu ihm einfällt. 

Sie sagt.: „Etwas, was aber nicht dazu gehören kann, denn es ist 
ganz frisch, während ich den Traum gewiß schon früher gehabt habe. 

Das macht nichts, nur zu; es wird eben das letzte dazu 
Passende sein, 

„Also der Papa hat in diesen Tagen mit der Mama einen Streit 
gehabt, weil sie nachts das Speisezimmer absperrt. Das Zimmer 
meines Bruders hat nämlich keinen eigenen Ausgang, sondern ist 
nur durchs Speisezimmer zugänglich. Der Papa will nicht, daß 
der Bruder bei Nacht so abgesperrt sein soll. Er hat gesagt, das 
ginge nicht; es könnte doch bei Nacht etwas passieren, daß man 
hinaus muß." 

Das haben sie nun auf Feuersgefahr bezogen? 

„Ja." 

Ich bitte Sie, merken Sie sich ihre eigenen Ausdrücke wohl. 
Wir werden sie vielleicht brauchen. Sie haben gesagt: Daß bei 
Nacht etwas passieren kann, daß man hinaus muß 2 . 

Dora hat nun aber die Verbindung zwischen dem rezenten 
und den damaligen Anlässen für den Traum gefunden, denn sie 
fährt fort: 



1) Es läßt sich aus dem Inhalt nachweisen, daß der Traum in L. zuerst geträumt 
worden ist. 

a) Ich greife diese Worte heraus, weil sie micli stutzig machen. Sie klingen mir 
zweideutig. Spricht man nicht mit denselben Worten von gewissen körperlichen 
Bedürfnissen? Zweideutige Worte sind aher wie „Wechsel" für den Assoziations- 
verlauf. Stellt man den Wechsel anders, als er im Trauminhalt eingestellt erscheint, 
so kommt man wohl auf das Geleise, auf dem sich die gesuchten und noch ver- 
borgenen Gedankeii hinter dem Traum bewegen. 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 67 

„Als wir damals in L. ankamen, der Papa und ich, hat er die 
Angst vor einem Brand direkt geäußert. Wir kamen in einem 
heftigen Gewitter an, sahen das kleine Holzhäuschen, das keinen 
Blitzableiter hatte. Da war diese Angst ganz natürlich." 

Eis liegt mir nun daran, die Beziehung zwischen den Ereignissen 
in L. und den damaligen gleichlautenden Träumen zu ergründen. 
Ich frage also: Haben Sie den Traum in den ersten Nächten in 
L. gehabt oder in den letzten vor Ihrer Abreise, also vor oder 
nach der bekannten Szene im Walde? (Ich weiß nämlich, daß 
die Szene nicht gleich am ersten Tage vorfiel, und daß sie nach 
derselben noch einige Tage in L. verblieb, ohne etwas von dem 
Vorfalle merken zu lassen.) 

Sie antwortet zuerst: Ich weiß nicht. Nach einer Weile: Ich 
glaube doch, nachher. 

Nun wußte ich also, daß der Traum eine Reaktion auf jenes 
Erlebnis war. Warum kehrte er aber dort dreimal wieder? Ich 
fragte weiter: Wie lange sind Sie noch nach der Szene in L. 
geblieben ? 

„Noch vier Tage, am fünften bin ich mit dem Papa abgereist." 

Jetzt bin ich sicher, daß der Traum die unmittelbare Wirkung 
des Erlebnisses mit Herrn K. war. Sie haben ihn dort zuerst c;e- 
träumt, nicht früher. Sie haben die Unsicherheit im Erinnern nur 
hinzugefügt, um sich den Zusammenhang zu verwischen 1 . Es 
stimmt mir aber noch nicht ganz mit den Zahlen. Wenn Sie 
noch vier Nächte in L. blieben, können Sie den Traum viermal 
wiederholt haben. Vielleicht war es so? 

Sie widerspricht nicht mehr meiner Behauptung, setzt aber, 
anstatt auf meine Frage zu antworten, fort 2 : „Am Nachmittag 
nach unserer Seefahrt, von der wir, Herr K. und ich, mittags 
zurückkamen, hatte ich mich wie gewöhnlich auf das Sofa im 



1) Vgl. das eingangs Seite 15 über den Zweifel beim Erinnern Gesagte. 

2) Es muß nämlich erst neues Erinnerungsmaterial kommen, ehe die von mir 
gestellte Frage beantwortet werden kann. 

5* 



68 Krankengeschichten 









Schlafzimmer gelegt, um kurz zu schlafen. Ich erwachte plötzlich 
und sah Herrn K. vor mir stehen . . . 

Also wie Sie im Traume den Papa vor Ihrem Bette stehen 
sehen ? 

„Ja. Ich stellte ihn zur Rede, was er hier zu suchen habe. Er 
gab zur Antwort, er lasse sich nicht abhalten, in sein Schlaf- 
zimmer zu gehen, wann er wolle; übrigens habe er etwas holen 
wollen. Dadurch vorsichtig gemacht, habe ich Frau K. gefragt, 
ob denn kein Schlüssel zum Schlafzimmer existiert, und habe 
mich am nächsten Morgen (am zweiten Tag) zur Toilette ein- 
geschlossen. Als ich mich dann nachmittags einschließen wollte, 
um mich wieder aufs Sofa zu legen, fehlte der Schlüssel. Ich bin 
überzeugt, Herr K. hatte ihn beseitigt." 

Das ist also das Thema vom Verschließen oder Nichtverschließen 
des Zimmers, das im ersten Einfall zum Traume vorkommt und 
das zufällig auch im frischen Anlaß zum Traum eine Rolle ge- 
spielt hat 1 . Sollte der Satz: ich kleide mich schnell an, auch 
in diesen Zusammenhang gehören? 

„Damals nahm ich mir vor, nicht ohne den Papa bei K. zu 
bleiben. An den nächsten Morgen mußte ich fürchten, daß mich 
Herr K. bei der Toilette überrasche, und kleidete mich darum 
immer sehr schnell an. Der Papa wohnte ja im Hotel, und Frau 
K. war immer schon früh weggegangen, um mit dem Papa eine 
Partie zu machen. Herr K. belästigte mich aber nicht wieder." 

Ich verstehe, Sie faßten am Nachmittag des zweiten Tages 
den Vorsalz, sich diesen Nachstellungen zu entziehen und hatten 
nun in der zweiten, dritten und vierten Nacht nach der Szene 
im Walde Zeit, sich diesen Vorsatz im Schlafe zu wiederholen. 
Daß Sie am nächsten — dritten — Morgen den Schlüssel nicht 

1} Ich vermute, ohne es noch Dora zu sagen, daß «lies Element wegen seiner 
symbolischen Bedeutung von ihr ergriffen wurde, „Zimmer" im Traum wollen recht 
häufig „Frauenzimmer" verlretcn, und ob ein Frauenzimmer „offen" oder „ver- 
schlossen" ist, kann natürlich nicht gleichgültig sein. Auch welcher „Schlüssel" in 
diesem Falle öffnet, ist wohlbekannt. 



' 



c 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 6 g 

haben würden, um sich beim Ankleiden einzuschließen, wußten 
Sie ja schon am zweiten Nachmittag, also vor dem Traum, und 
konnten sich vornehmen, die Toilette möglichst zu beeilen. Ihr 
Traum kam aber jede Nacht wieder, weil er eben einem Vorsatz 
entsprach. Ein Vorsatz bleibt so lange bestehen, bis er ausgeführt 
ist. Sie sagten sich gleichsam: ich habe keine Ruhe, ich kann 
keinen ruhigen Schlaf finden, bis ich nicht aus diesem Hanse 
heraus bin. Umgekehrt sagen Sie im Traume: Sowie ich draußen 
bin, wache ich auf. 

Ich unterbreche hier die Mitteilung der Analyse, um dieses 
Stückchen einer Traumdeutung an meinen allgemeinen Sätzen 
über den Mechanismus der Traumbildung zu messen. Ich habe 
in meinem Buche 1 ausgeführt, jeder Traum sei ein als erfüllt 
dargestellter Wunsch, die Darstellung sei eine verhüllende, wenn 
der Wunsch ein verdrängter, dem Unbewußten angehöriger sei, 
und außer bei den Kinderträumen habe nur der unbewußte oder 
bis ins Unbewußte reichende Wunsch die Kraft, einen Traum 
zu bilden. Ich glaube, die allgemeine Zustimmung wäre mir 
sicherer gewesen, wenn ich mich begnügt hätte, zu behaupten, 
daß jeder Traum einen Sinn habe, der durch eine gewisse 
Deutungsarbeit aufzudecken sei. Nach vollzogener Deutung könne 
man den Traum durch Gedanken ersetzen, die sich an leicht 
kenntlicher Stelle in das Seelenleben des Wachens einfügen. Ich 
hätte dann fortfahren können, dieser Sinn des Traumes erwiese 
sich als ebenso mannigfaltig wie eben die Gedankengänge des 
Wachens. Es sei das einemal ein erfüllter Wunsch, das andere 
Mal eine verwirklichte Befürchtung, dann etwa eine im Schlafe 
fortgesetzte Überlegung, ein Vorsatz, (wie bei Doras Traum) ein 
Stück geistigen Produzierens im Schlafe usw. Diese Darstellung 
hätte gewiß durch ihre Faßlichkeit bestochen und hätte sich auf 

1) Die Traumdeutung, 1900. (7. Aufl. 1922). 



7 o 



Krankengeschichten 



eine große Anzahl gut gedeuteter Beispiele, wie z. B. auf den 
liier analysierten Traum, stützen können. 

Anstatt dessen habe ich eine allgemeine Behauptung aufgestellt, 
die den Sinn der Träume auf eine einzige Gedankenform, auf 
die Darstellung von Wünschen einschränkt, und habe die all- 
gemeinste Neigung zum Widerspruche wachgerufen. Ich muß 
aber sagen, daß ich weder das Recht, noch die Pflicht zu besitzen 
glaubte, einen Vorgang der Psychologie zur größeren Annehm- 
lichkeit der Leser zu vereinfachen, wenn er meiner Untersuchung 
eine Komplikation bot, deren Lösung zur Einheitlichkeit erst an 
anderer Stelle gefunden werden konnte. Es wird mir darum von 
besonderem Weite sein zu zeigen, daß die scheinbaren Aus- 
nahmen, wie Doras Traum hier, der sich zunächst als ein in 
i\en Schlaf fortgesetzter Tagesvorsatz enthüllt, doch die bestrittene 
Hegel neuerdings bekräftigen. 



Wir haben ja noch ein großes Stück des Traumes zu deuten. 
Ich fragte weiter: Was ist es mit dem Schmuckkästchen, das die 
Mama retten will? 

„Die Mama liebt Schmuck sehr und hat viel vom Papa be- 
kommen." 

Und Sie? 

„Ich habe Schmuck früher auch sehr geliebt; seit der Krank- 
heit trage ich keinen mehr. — Da gab es damals vor vier 
Jahren (ein Jahr vor dem Traum) einen großen Streit zwischen 
Papa und Mama wegen eines Schmuckes. Die Mama wünschte 
sich etwas Bestimmtes, Tropfen von Perlen im Ohre zu tragen. 
Der Papa liebt aber dergleichen nicht und brachte ihr anstatt 
der Tropfen ein Armband. Sie war wütend und sagte ihm, 
wenn er schon soviel Geld ausgegeben habe, um etwas zu 
schenken, was sie nicht möge, so solle er es nur einer anderen 
sc henken." 

Da werden Sie sich gedacht haben, Sie nähinen es gerne? 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 



71 



Ich weiß nicht, 1 weiß überhaupt nicht, wie die Mama in 
den Traum kommt; sie war doch damals nicht mit in L." 2 

Ich werde es Ihnen später erklären. Fällt Ihnen denn nichts 
anderes zum Schmuckkästchen ein? Bis jetzt haben Sie nur von 
Schmuck und nichts von einem Kästchen gesprochen. 

Ja Herr K. hatte mir einige Zeit vorher ein kostbares Schmuck- 
kästchen zum Geschenke gemacht." 

Da war das Gegengeschenk also wohl am Platze. Sie wissen 
vielleicht nicht, daß „Schmuckkästchen" eine beliebte Bezeich- 
nung für dasselbe ist, was sie unlängst mit dem angehängten 
Täschchen angedeutet haben, 3 für das weibliche Genitale. 

„Ich wußte, daß Sie das sagen würden." 4 

Das heißt, Sie wußten es. - Der Sinn des Traumes wird 
nun noch deutlicher. Sie sagten sich: Der Mann stellt mir nach, 
er will in mein Zimmer dringen, meinem „Schmuckkästchen' 
droht Gefahr, und wenn da ein Malheur passiert, wird es die 
Schuld des Papa sein. Damm haben Sie in den Traum eine 
Situation genommen, die das Gegenteil ausdrückt, eine Gefahr, 
aus welcher der Papa Sie rettet. In dieser Region des Traumes 
ist überhaupt alles ins Gegenteil verwandelt; Sie werden bald 
hören, warum. Das Geheimnis liegt allerdings bei der Mama. 
Wie die Mama dazu kommt? Sie ist, wie Sie wissen, Ihre frühere 
Konkurrentin in der Gunst des Papas. Bei der Begebenheit mit 
dem Armbande wollten Sie gerne annehmen, was die Mama 
zurückgewiesen hat. Nun lassen Sie uns einmal „annehmen" 
durch „geben", „zurückweisen" durch „verweigern" ersetzen. 



1) Ihre damals gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen. 

2) Diese Bemerkung, die von gänzlichem Mißverständnisse der ihr sonst wohl- 
bekannten Regeln der Traunierklärung zeugt, sowie die zögernde Art und die spär- 
liche Ausbeute ihrer Einfälle zum Schmuckkästchen bewiesen mir, daß es sich hier 
um Material handle, das mit großem Nachdrucke verdrängt worden sei. 

3) Über dieses Täschchen siehe weiter unten. 

4) Eine sehr häufige Art, eine aus dem Verdrängten auftauchende Kenntnis von 
sich wegzuschieben. 



Das heißt dann, Sie waren bereit, dem Papa zu geben, was die 
Mama ihm verweigert, und das, um was es sich handelt, hätte 
mit Schmuck zu tun 1 . Nun erinnern Sie sich an das Schmuck- 
kastchen, das Herr K. Ihnen geschenkt hat. Sie haben da den 
Anfang einer parallelen Gedankenreihe, in der wie in der 
Situation des vor Ihrem Bette Stehens Herr K. anstatt des Papas 
einzusetzen ist. Er hat Ihnen ein Schmuckkästchen geschenkt, Sie 
sollen ihm also Ihr Schmuckkästchen schenken j darum sprach 
ich vorhin vom „Gegengeschenke". In dieser Gedankenreihe 
wird Ihre Mama durch Frau K. zu ersetzen sein, die doch wohl 
damals anwesend war. Sie sind also bereit, Herrn K. das zu 
schenken, was ihm seine Frau verweigert. Hier haben Sie den 
Gedanken, der mit soviel Anstrengung verdrängt werden muß, 
der die Verwandlung aller Elemente in ihr Gegenteil notwendig 
macht. Wie ich's Ihnen schon vor diesem Traume gesagt habe, 
der Traum bestätigt wieder, daß Sie die alte Liebe zum Pap* 
wachrufen, um sich gegen die Liebe zu K. zu schützen. Was 
beweisen aber alle diese Bemühungen? Nicht nur, daß Sie sich 
vor Herrn K. fürchten, noch mehr fürchten Sie sich vor sich 
selber vor Ihrer Versuchung, ihm nachzugeben. Sie bestätigen 
also dadurch, wie intensiv die Liebe zu ihm war». 

i^eses Stück der Deutung wollte sie natürlich nicht mitmachen. 

Mir hatte s,ch aber auch eine Fortsetzung der Traumdeutung 
ergeben, die ebensowohl für die Anamnese dos Falles wie fül- 
le ineone des Traumes unentbehrlich schien. Ich versprach, 
dieselbe Dora in der nächsten Sitzung mitzuteilen. 

Demun^Lütef JZ^r ""^ "* ^^ *» VOm **» —*■»«■ ^"^ 

Trau m es h in f T en n ?t, hin * U: ÜhligeM mufl icl ' ■»»■ *•* Wiedemuft-uch«««»« 
gekommen erachten »ü 7&? 8ehuoDen ' d *ß Sie dieselbe Situation für wieder- 
P*Pa Sie LSTliZS > >»«Mo««» haben, au, der Kur, «u der ja nur der 

Meine DeuhufJ s trefft ?'' " ** Pol « B * ci & ,e - «* ■«* ich * eratC " *** 
der „ÜbertraJL" all f ,\ . urak,isc »' wie theoretisch höchst bedeutsame Thema 
heil mehr finden werde «"»«'gehen ich in dieser Abhandlung wenig Gelege»" 









Bruchstück einer Hysterie -Analyse 



Ich konnte nämlich den Hinweis nicht vergessen, der sich aus 
den angemerkten zweideutigen Worten zu ergeben seinen (daß 
man hinaus muß, daß bei Nacht ein Malheur passieren 
kann). Dem reihte sich an, daß mir die Aufklärung des Traumes 
unvollständig schien, solange nicht eine gewisse Forderung erfüllt 
war die ich zwar nicht allgemein aufstellen will, nach deren 
Erfüllung ich aber mit Vorliebe suche. Ein ordentlicher Traum 
steht gleichsam auf zwei Beinen, von denen das eine den wesent- 
lichen aktuellen Anlaß, das andere eine folgenschwere Begeben- 
heit der Kinderjahre berührt. Zwischen diesen beiden, dem 
Kindererlebnisse und dem gegenwärtigen, stellt der Traum eine 
Verbindung her, er sucht die Gegenwart nach dem Vorbilde der 
frühesten Vergangenheit umzugestalten. Der Wunsch, der den 
Traum schafft, kommt ja immer aus der Kindheit, er will die 
Kindheit immer wieder von neuem zur Realität erwecken, die 
Gegenwart nach der Kindheit korrigieren. Die Stücke, die sich 
zu einer Anspielung auf ein Kinderereignis zusammensetzen lassen, 
glaubte ich in dem Trauminhalte bereits deutlich zu erkennen. 

Ich begann die Erörterung hierüber mit einem kleinen Ex- 
perimente, das wie gewöhnlich gelang. Auf dem Tische stand 
zufällig ein großer Zündhölzchenbehälter. Ich bat Dora, sich 
doch umzusehen, ob sie auf dem Tische etwas Besonderes sehen 
könne, das gewöhnlich nicht darauf stände. Sie sah nichts. Dann 
fragte ich, ob sie wisse, warum man den Kindern verbiete, mit 
Zündhölzchen zu spielen. 

„Ja, wegen der Feuersgefahr. Die Kinder meines Onkels 
spielen so gerne mit Zündhölzchen.' 

Nicht allein deswegen. Man warnt sie: „Nicht zündeln" und 
knüpft daran einen gewissen Glauben. 

Sie wußte nichts darüber. — Also man fürchtet, daß sie dann 
das Bett naß machen werden. Dem liegt wohl der Gegensatz von 
Wasser und Feuer zugrunde. Etwa, daß sie vom Feuer träumen 
und dann versuchen werden, mit Wasser zu löschen. Das weiß 



74 



Krankengeschichten 



ich nicht genau zu sagen. Aber ich sehe, daß Ihnen der Gegen- 
satz von Wasser und Feuer im Traume ausgezeichnete Dienste 
leistet. Die Mama will das Schmuckkästchen retten, damit es 
nicht verbrennt., in den Traumgedanken kommt es darauf an, 
daß das „Schmuckkästchen" nicht naß wird. Feuer ist aber nicht 
nur als Gegensatz zu Wasser verwendet, es dient auch zur direkten 
Vertretung von Liebe, Verliebt-, Verbrannlsein. Von Feuer geht 
also das eine Geleise über diese symbolische Bedeutung zu den 
Liebesgedanken, das andere Führt über den Gegensatz Wasser, 
nachdem noch die eine Beziehung zur Liebe, die auch naß 
macht, abgezweigt hat, anderswohin. Wohin nun? Denken Sie 
an Ihre Ausdrücke: daß bei Nacht ein Malheur passiert, daß 
man hinaus muß. Bedeutet das nicht ein körperliches Bedürfnis, 
und wenn Sie das Malheur in die Kindheit versetzen, kann es 
ein anderes sein, als daß das Bett naß wird? Was tut man aber, 
um die Kinder vor dem Bettnässen zu hüten? Nicht wahr, man 
weckt sie in der Nacht aus dem Schlafe, ganz so, wie es im 
Traume der Papa mit Ihnen tut? Dieses wäre also die wirk- 
liche Begebenheit, aus weither Sie sich das Recht nehmen, 
Herrn K., der Sie aus dem Schlafe weckt, durch den Papa zu 
ersetzen. Ich muß also schließen, daß Sie an Bettnässen länger, 
als es sich sonst bei Kindern erhält, gelitten haben. Dasselbe 
muß bei Ihrem Bruder der Fall gewesen sein. Der Papa sagt ja: 
Ich will nicht, daß meine beiden Kinder . . . zugrunde 
gehen. Der Bruder hat mit der aktuellen Situation bei K. sonst 
nichts zu tun, er war auch nicht nach L. mitgekommen. Was 
sagen nun Ihre Erinnerungen dazu ? 

„Von mir weiß ich nichts," antwortete sie, „aber der Bruder 
hat bis zum sechsten oder siebenten Jahre das Bett naß gemacht, 
es ist ihm auch manchmal am Tage passiert." 

Ich wollte sie eben aufmerksam machen, wieviel leichter man 
sich an derartiges von seinem Bruder als von sich erinnert, als 
sie mit der wiedergewonnenen Frinnerung fortsetzte: „Ja, ich 






Bruchstück einer Hysterie -Analyse 75 

habe es auch gehabt, aber erst im siebenten oder achten Jahre 
eine Zeitlang. Es muß arg gewesen sein, denn ich weiß jetzt, 
daß der Doktor um Rat gefragt wurde. Es war bis kurz vor 
dem nervösen Asthma. 

Was sagte der Doktor dazu? 

„Er erklärte es für eine nervöse Schwäche: es werde sich 
schon verlieren, meinte er, und verschrieb stärkende Mittel'." 

Die Traumdeutung schien mir nun vollendet 2 . Einen Nach- 
trag zum Traume brachte sie noch tags darauf. Sie habe ver- 
gessen zu erzählen, daß sie nach dem Erwachen jedesmal Rauch 
gerochen. Der Rauch paßte ja wohl zum Feuer, er wies auch 
darauf hin, daß der Traum eine besondere Beziehung zu meiner 
Person habe, denn ich pflegte ihr, wenn sie behauptet hatte, da 
oder dort stecke nichts dahinter, oft entgegenzuhalten: „Wo 
Rauch ist, ist auch Feuer." Sie wandte aber gegen diese aus- 
schließlich persönliche Deutung ein, daß Herr K. und der Papa 
leidenschaftliche Raucher seien, wie übrigens auch ich. Sie 
rauchte selbst am See, und Herr K. hatte ihr, ehe er damals 
mit seiner unglücklichen Werbung begann, eine Zigarette gedreht. 
Sie glaubte sich auch sicher zu erinnern, daß der Geruch nach 
Rauch nicht erst im letzten, sondern schon in dem dreimaligen 
Träumen in L. aufgetreten war. Da sie weitere Auskünfte ver- 
weigerte, blieb es mir überlassen, wie ich mir diesen Nachtrag 
in das Gefüge der Traumgedanken eintragen wolle. Als Anhalts- 
punkt konnte mir dienen, daß die Sensation des Rauches als 
Nachtrag kam, also eine besondere Anstrengung der Verdrängung 
hatte überwinden müssen. Demnach gehörte sie wahrscheinlich 

1) Dieser Arzt war der einzige, zu dem sie Zutrauen zeigte, weil sie an dieser 
Erfahrung gemerkt, er wäre nicht hinter ihr Geheimnis gekommen. Vor jedem 
andern, den sie noch nicht einzuschätzen wußte, empfand sie Angst, die sich jetzt 
also motiviert, er könne ihr Geheimnis erraten. 

2) Der Kern des Traumes würde übersetzt etwa so lauten: Die Versuchung ist so 
stark. Lieber Papa, schütze Du mich wieder wie in den Killderzeiten, daß mein Bett 
nicht naß wird ! 



7 6 



A' rankengeschichten 



zu dem im Traume am dunkelsten dargestellten und bestver- 
drängten Gedanken, a l so dem der Versuchung, sich dem Manne 
willig zu erweisen. Sie konnte dann kaum etwas anderes be- 
deuten als die Sehnsucht nach einem Kusse, der beim Raucher 
notwendigerweise nach Rauch schmeckt; ein Kuß war aber etwa 
zwei Jahre vorher zwischen den beiden vorgefallen und hätte 
sich sicherlich mehr als einmal wiederholt, wenn das Mädchen 
nun der Werbung nachgegeben halte. Die Versuchungsgedanken 
scheinen so auf die frühere Szene zurückgegriffen und die Er- 
innerung an den Kuß aufgeweckt zu haben, gegen dessen Ver- 
lockung sich die Lutscherin seinerzeit durch den Ekel schützte. 
Nehme ich endlich die Anzeichen zusammen, die eine Über- 
tragung auf mich, weil ich auch Raucher bin, wahrscheinlich 
machen, so komme ich zur Ansicht, daß ihr eines Tages wahr- 
scheinlich während der Sitzung eingefallen, sich einen Kuß von 
mir zu wünschen. Dies war für sie der Anlaß, sich den War- 
nungstraum zu wiederholen und den Vorsatz zu fassen, aus der 
Kur zu gehen. So stimmt es sehr gut zusammen, aber vermöge 
der Eigentümlichkeiten der „Übertragung" entzieht es sich dem 
Reweise. 

Ich könnte nun schwanken, ob ich zuerst die Ausbeute dieses 
Traumes für die Krankengeschichte des Falles in Angriff nehmen 
oder lieber den aus ihm gegen die Traumtheorie gewonnenen 
Einwand erledigen soll. Ich wähle das erstere. 

Es verlohnt sich, auf die Bedeutung des Bettnässens in der 
Vorgeschichte der Neurotiker ausführlich einzugehen. Der Über- 
sichtlichkeit zu Liebe beschränke ich mich darauf zu betonen, 
daß Doras Fall von Bettnässen nicht der gewöhnliche war. Die 
Störung hatte sich nicht einfach über die fürs Normale zuge- 
standene Zeit fortgesetzt, sondern war nach ihrer bestimmten 
Angabe zunächst geschwunden und dann verhältnismäßig spät, 
nach dem sechsten Lebensjahre, wieder aufgetreten. Ein solches 
Bettnässen hat meines Wissens keine wahlscheinlichere Ursache 









Bruchstück einer Hysterie -Analyse 77 

als Masturbation, die in der Ätiologie des Bettnässens überhaupt 
eine noch zu gering geschätzte Rolle spielt. Den Kindern selbst 
ist nach meiner Erfahrung dieser Zusammenhang sehr wohl be- 
kannt gewesen, und alle psychischen Folgen leiten sich so davon 
ab, als ob sie ihn niemals vergessen hätten. Nun befanden wir 
uns zur Zeit, als der Traum erzählt wurde, auf einer Linie der 
Forschung, welche direkt auf ein solches Eingeständnis der 
Kindermasturbation zulief. Sie hatte eine Weile vorher die Frage 
aufgeworfen, warum denn gerade sie krank geworden sei, und 
hatte, ehe ich eine Antwort gab, die Schuld auf den Vater ge- 
wälzt. Es waren nicht unbewußte Gedanken, sondern bewußte 
Kenntnis, welche die Begründung übernahm. Das Mädchen wußte 
zu meinem Erstaunen, welcher Natur die Krankheit des Vaters 
gewesen war. Sie hatte nach der Rückkehr des Vaters von meiner 
Ordination ein Gespräch erlauscht, in dem der Name der Krank- 
heit genannt wurde. In noch früheren Jahren, zur Zeit der 
Netzhautablösung, muß ein zu Rate gezogener Augenarzt auf die 
luetische Ätiologie hingewiesen haben, denn das neugierige und 
besorgte Mädchen hörte damals eine alte Tante zur Mutter sagen: 
Er war ja schon vor der Ehe krank" und etwas ihr Unver- 
ständliches hinzufügen, was sie sich später auf unanständige 
Dinge deutete. 

Der Vater war also durch leichtsinnigen Lebenswandel krank 
geworden, und sie nahm an, daß er ihr das Kranksein erblich 
übertragen habe. Ich hütete mich, ihr zu sagen, daß ich, wie 
erwähnt (Seite 18), gleichfalls die Ansicht vertrete, die Nach- 
kommenschaft Luetischer sei zu schweren Neuropsychosen ganz 
besonders prädisponiert. Die Fortsetzung dieses den Vater an- 
klagenden Gedankenganges ging durch unbewußtes Material. Sie 
identifizierte sich einige Tage lang in kleinen Symptomen und 
Eigentümlichkeiten mit der Mutter, was ihr Gelegenheit gab, 
Hervorragendes in Unausstehlichkeit zu leisten, und ließ mich 
dann erraten, daß sie an einen Aufenthalt in Franzensbad denke, 



7& Krankengeschichten 



das sie in Begleitung der Mutter ich weiß nicht mehr, in 

welchem Jahre — besucht hatte. Die Mutter litt an Schmerzen 
im Unterleibe und an einem Ausflusse — Katarrh — , der eine 
Franzensbader Kur notwendig machte. Es war ihre — wahr- 
scheinlich wieder berechtigte — Meinung, daß diese Krankheit 
vom Papa herrühre, der also seine Geschlechtsaffektion auf die 
Mutter übertragen hatte. Ks war ganz begreif] ich, daß sie bei 
diesem Schlüsse, wie ein großer Teil der Laien überhaupt, 
Gonorrhöe und Syphilis, erbliche und Übertragung durch den 
Verkehr zusammenwarf. Ihr Verharren in der Identifizierung 
nötigte mir fast die Frage auf, ob sie denn auch eine Geschlechts- 
krankheit habe, und nun erfuhr ich, daß sie mit einem Katarrh 
(Fluor albus) behaftet sei, an dessen Beginn sie sich nicht erinnern 
könne. 

Ich verstand nun, daß hinter dem Gedankengange, der laut 
den Vater anklagte, wie gewöhnlich eine Selbstbeschuldigung ver- 
borgen sei, und kam ihr entgegen, indem ich ihr versicherte, 
daß der Fluor der jungen Mädchen in meinen Augen vorzugs- 
weise auf Masturbation deute, und daß ich alle anderen Ur- 
sachen, die gewöhnlich für solch ein Leiden angeführt werden, 
neben der Masturbation in den Hintergrund treten lasse'. Sie 
sei also auf dem Wege, ihre Frage, warum gerade sie erkrankt 
sei, durch das Eingeständnis der Masturbation, wahrscheinlich in 

(den Kinderjahren, zu beantworten. Sie leugnete entschiedenst, 
sich an etwas Derartiges erinnern zu können. Aber einige Tage 
später führte sie etwas auf, was ich als weitere Annäherung an 
das Geständnis betrachten mußte. Sie hatte an diesem Tage 
nämlich, was weder früher noch später je der Fall war, ein 
Portemonnaietäschchen von der Form, die eben modern wurde, 
umgehängt und spielte damit, während sie im Liegen sprach, 
indem sie es öffnete, einen Finger hineinsteckte, es wieder schloß, 



i) [Zusatz 192J.] Eine extreme Auffassung, die ich heule nicht mehr vertreten würde. 






Bruchstück einer Hysterie -Analyse 79 

usw. Ich sah ihr eine Weile zu und erklärte ihr dann, was eine 
Symptomhandlung' sei. Symptomhandlungen nenne ich jene 
Verrichtungen, die der Mensch, wie man sagt, automatisch, un- 
bewußt, ohne darauf zu achten, wie spielend, vollzieht, denen er 
jede Bedeutung absprechen möchte, und die er für gleichgültig 
und zufällig erklärt, wenn er nach ihnen gefragt wird. Sorg- 
fältigere Beobachtung zeigt dann, daß solche Handlungen, von 
denen das Bewußtsein nichts weiß oder nichts wissen will, un- 
bewußten Gedanken und Impulsen Ausdruck geben, somit als 
zugelassene Äußerungen des Unbewußten wertvoll und lehrreich 
sind. Es gibt zwei Arten des bewußten Verhaltens gegen die 
Symptomhandlungen. Kann man sie unauffällig motivieren, so 
nimmt man auch Kenntnis von ihnen; fehlt ein solcher Vorwand 
vor dem Bewußten, so merkt man in der Regel gar nicht, daß 
man sie ausführt. Im Falle Doras war die Motivierung leicht: 
„Warum soll ich nicht ein solches Täschchen tragen, wie es jetzt 
modern ist?" Aber eine solche Rechtfertigung hebt die Möglich- 
keit der unbewußten Herkunft der betreffenden Handlung nicht 
auf. Anderseits läßt sich diese Herkunft und der Sinn, den man 
der Handlung beilegt, nicht zwingend erweisen. Man muß sich 
begnügen zu konstatieren, daß ein solcher Sinn in den Zusammen- 
hang der vorliegenden Situation, in die Tagesordnung des Un- 
bewußten ganz ausgezeichnet hineinpaßt. 

Ich werde ein anderes Mal eine Sammlung solcher Symptom- 
handlungen vorlegen, wie man sie bei Gesunden und Nervösen 
beobachten kann. Die Deutungen sind manchmal sehr leicht. 
Das zweiblättrige Täschchen Doras ist nichts anderes als eine 
Darstellung des Genitales, und ihr Spielen damit, ihr Öffnen und 
Fingerhineinstecken eine recht ungenierte, aber unverkennbare 
pantomimische Mitteilung dessen, was sie damit tun möchte, die 

1) Vgl. meine Abhandlung- über die Psychopathologie des Alltagslebens in der 
Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1901. (Als Buch 1904, 10. Aufl. 1924.. 
— Enthalten im Bd. IV. dieser Gesamtausgabe). 



80 Krankengeschichten 






der Masturbation. Vor kurzem ist mir ein ähnlicher Fall vorge- 
kommen, der sehr erheiternd wirkte. Eine ältere Dame zieht 
mitten in der Sitzung, angeblich um sich durch ein Bonbon an- 
zufeuchten, eine kleine beinerne Dose hervor, bemüht sich sie 
zu öffnen, und reicht sie dann mir, damit ich mich überzeuge, 
wie schwer sie aufgeht. Ich äußere mein Mißtrauen, daß diese 
Dose etwas Besonderes bedeuten müsse, icli sehe sie heute doch 
zum ersten Male, obwohl die Eigentümerin mich schon länger 
als ein Jahr besticht. Darauf die Dame im Eifer: „Diese Dose 
trage ich immer bei mir, ich nehme sie überall mit, wohin ich 
gehe!" Sie beruhigt sich erst, nachdem ich sie lachend aufmerk- 
sam gemacht, wie gut ihre Worte auch zu einer anderen Be- 
deutung passen. Die Dose — box, Jtc^ic, — ist wie das Täschchen, 
wie das Schmuckkästchen wieder nur eine Vertreterin der Venus- 
muschel, des weiblichen Genitales! 

Es gibt viel solcher Symbolik im Leben, an der wir gewöhn- 
lich achtlos vorübergehen. Als ich mir die Aufgabe stellte, das, 
was die Menschen verstecken, nicht durch den Zwang der Hyp- 
nose, sondern aus dem, was sie sagen und /.eigen, ans Licht zu 
bringen, hielt ich die Aufgabe für schwerer, als sie wirklich ist. 
Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu boren, überzeugt sich, 
daß die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können. Wessen 
Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen; aus allen 
Poren dringt ihm der Verrat. Und darum ist die Aufgabe, das 
verborgenste Seelische bewußt zu machen, sehr wohl lösbar. 

Doras Symptomhandlung mit dem laschchen war nicht 
der nächste Vorläufer des Traumes. Die Sitzung, die uns die 
Traumerzählung brachte, leitete sie durch eine andere Symptom- 
handlung ein. Als ich in das Zimmer trat, in dem sie wartete, 
versteckte sie rasch einen Brief, in dem sie las. Ich fragte natür- 
lich, von wem der Brief sei, und sie weigerte sich erst es anzu- 
geben. Dann kam etwas heraus, was höchst gleichgültig und 
ohne Beziehung zu unserer Kur war. Es war ein Brief der 






Bruchstück einer Hysterie -Analyse 81 

Großmutter, in dem sie aufgefordert wurde, ihr öfter zu schreiben. 
Ich meine, sie wollte mir nur „Geheimnis" vorspielen und an- 
deuten, daß sie sich jetzt ihr Geheimnis vom Arzt entreißen 
lasse. Ihre Abneigung gegen jeden neuen Arzt erkläre ich mir 
nun durch die Angst, er würde bei der Untersuchung (durch 
den Katarrh) oder beim Examen (durch die Mitteilung des Bett- 
nässens) auf den Grund ihres Leidens kommen, die Masturbation 
bei ihr erraten. Sie sprach dann immer sehr geringschätzig von 
den Ärzten, die sie vorher offenbar überschätzt hatte. 

Anklagen gegen den Vater, daß er sie krank gemacht, mit 
der Selbstanklage dahinter — Fluor albus — Spielen mit dem 
Täschchen — Bettnässen nach dem sechsten Jahre — Geheimnis, 
das sie sich von den Ärzten nicht entreißen lassen will: ich 
halte den Indizienbeweis für die kindliche Masturbation für lücken- 
los hergestellt. Ich hatte in diesem Falle die Masturbation zu 
ahnen begonnen, als sie mir von den Magenkrämpfen der Cousine 
erzählte (siehe Seite 37) und sich dann mit dieser identifizierte, 
indem sie tagelang über die nämlichen schmerzhaften Sensationen 
klagte. Es ist bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei 
Masturbanten auftreten. Nach einer persönlichen Mitteilung von 
W. Fließ sind es gerade solche Gastralgien, die durch Kokaini- 
sierung der von ihm gefundenen „Magenstelle" in der Nase 
unterbrochen und durch deren Ätzung geheilt werden können. 
Dora bestätigte mir bewußterweise zweierlei, daß sie selbst häufig 
an Magenkrämpfen gelitten, und daß sie die Cousine mit guten 
Gründen für eine Masturbantin gehalten habe. Es ist bei den 
Kranken sehr gewöhnlich, daß sie einen Zusammenhang bei 
anderen erkennen, dessen Erkenntnis ihnen bei der eigenen 
Person durch Gefühlswiderstände unmöglich wird. Sie leugnete 
auch nicht mehr, obwohl sie noch nichts erinnerte. Auch die 
Zeitbestimmung des Bettnässens „bis kurz vor dem Auftreten des 
nervösen Asthmas" halte ich für klinisch verwertbar. Die hysterischen 
Symptome treten fast niemals auf, solange die Kinder mastur- 

Freua, VIII. 6 



82 Krankengeschichten 



bieren, sondern erst in der Abstinenz'; sie drücken einen Ersatz 
für die masturbatorische Befriedigung aus, nach der das Ver- 
langen im Unbewußten erhalten bleibt, solange nicht andersartige 
normalere Befriedigung eintritt, wo diese noch möglich geblieben 
ist. Letztere Bedingung ist die Wende für mögliche Heilung der 
Hysterie durch Ehe und normalen (ieschlechtsverkehr. Wird die 
Befriedigung in der Ehe wieder aufgehoben, etwa durch Coitus 
interruptus, psychische Entfremdung u. dgl., so sucht die Libido 
ihr altes Strombett wieder auf mu\ äußert sich wiederum in 
hysterischen Symptomen. 

Ich möchte gerne noch die sichere Auskunft anlügen, wann und 
durch welchen besonderen Einfluß die Masturbation bei Dora 
unterdrückt wurde, aber die Unvollstiindigkeit der Analyse nötigt 
mich, hier lückenhaftes Material vorzubringen. Wir haben gehört, 
daß das Bettnässen bis nahe an die erste Erkrankung an Dyspnoe 
heranreichte. Nun war das einzige, was sie zur Aufklärung dieses 
ersten Zustandes anzugeben wußte, daß der Papa damals das 
erstemal nach seiner Besserung verreist gewesen sei. In diesem 
erhaltenen Stückchen Erinnerung mußte eine Beziehung zur 
Ätiologie der Dyspnoe angedeutet sein. Ich bekam nun durch 
Symptomhandlungen und andere Anzeichen guten (irund zur 
Annahme, daß das Kind, dessen Schlafzimmer sich neben dem 
der Eltern befand, einen nächtlichen Besuch ,|,. s Vaters bei seiner 
Ehefrau belauscht und das Keuchen des ohnedies kurzatmigen 
Mannes beim Koitus gehört habe. Die Kinder ahnen m solchen 
Fällen das Sexuelle in dem unheimlichen Geräusche. Die Aus- 
drucksbewegungen für die sexuelle Erregung liegen ja als mit- 
geborene Mechanismen in ihnen bereit. Daß die Dyspnoe um\ 
das Herzklopfen der Hysterie und Angst neu rose nur losgelöste 
Stücke aus der Koitusaktion sind, habe ich vor Jahren bereits 



i) Bei Erwachsenen gilt prinzipiell dasselbe, doch reicht hier auch relative 
Abstinenz, Einschränkung der Masturbation aus. so dal) bei heftiger Libido Hysterie 
und Masturbation mitsammen vorkommen können. 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 



8$ 



ausgeführt, und in vielen Fällen, wie dem Döras, konnte ich 
das Symptom der Dyspnoe, des nervösen Asthmas, auf die gleiche 
Veranlassung, auf das Belauschen des sexuellen Verkehres Er- 
wachsener, zurückführen. Unter dem Einflüsse der damals gesetzten 
Miterregung konnte sehr wohl der Umschwung in der Sexualität 
der Kleinen eintreten, welcher die Masturbationsneigung durch 
die Neigung zur Angst ersetzte. Eine Weile später, als der Vater 
abwesend war und das verliebte Kind seiner sehnsüchtig gedachte, 
wiederholte sie dann den Eindruck als Asthmaanfall. Aus dem in 
der Erinnerung bewahrten Anlasse zu dieser Erkrankung läßt sich 
noch der angstvolle Gedankengang erraten, der den Anfall be- 
gleitete. Sie bekam ihn zuerst, nachdem sie sich auf einer Berg- 
partie überangestrengt, wahrscheinlich etwas reale Atemnot verspürt 
hatte. Zu dieser trat die Idee, daß dem Vater Bergsteigen verboten 
sei, daß er sich nicht überanstrengen dürfe, weil er kurzen Atem 
habe, dann die Erinnerung, wie sehr er sich in der Nacht bei 
der Mama angestrengt, ob ihm das nicht geschadet habe, dann 
die Sorge, ob sie sich nicht überangestrengt habe bei der gleich- 
falls zum sexuellen Orgasmus mit etwas Dyspnoe führenden 
Masturbation, und dann die verstärkte Wiederkehr dieser Dyspnoe 
als Symptom. Einen Teil dieses Materials konnte ich noch der 
Analyse entnehmen, den andern mußte ich ergänzen. Aus der 
Konstatierung der Masturbation haben wir ja gesehen, daß das 
Material für ein Thema erst stückweise zu verschiedenen Zeiten 
und in verschiedenen Zusammenhängen zusammengebracht wird'. 



1) In ganz ähnlicher Weise wird der Beweis der infantilen Masturbation auch in 
anderen Fällen hergestellt. Das Material dafür ist meist ähnlicher Natur: Hinweise 
auf Fluor albus, Bettnässen, Handzeremoniell (Waschzwang) n. dgl. Ob die Gewöhnung 
von einer Warteperson entdeckt worden ist oder nicht, ob ein Abgewöhnungskampf 
oder ein plötzlicher Umschwung diese Sexualbetätigung zum Ende geführt hat, läfit 
sich aus der Symptomatik des Falles jedesmal mit Sicherheit erraten. Bei Dora war 
die Masturbation unentdeckt geblieben und hatte mit einem Schlage ein Ende ge- 
funden (Geheimnis, Angst vor Ärzten — Ersatz durch Dyspnoe). Die Kranken be- 
streiten zwar regelmäßig die Beweiskraft dieser Indizien und dies selbst dann, wenn 
die Erinnerung an den Katarrh oder an die Verwarnung der Mutter („das mache 
dumm; es sei giftig") in bewußter Erinnerung geblieben ist. Aber einige Zeit nachher 



84 Krankengeschichten 



Es erheben sich nun eine Reihe der gewichtigsten Fragen zur 
Ätiologie der Hysterie, ob man den Fall Doras als typisch für 
die Ätiologie ansehen darf, ob er den einzigen Typus der Ver- 
ursachung darstellt usw. Allein ich tue gewiß recht daran, die 
Beantwortung dieser Fragen erst auf die Mitteilung einer größeren 
Reihe von ähnlich analysierten Fallen warten zu lassen. Ich müßte 
überdies damit beginnen, die Fragestellung zurechtzurücken. An- 
statt mich mit Ja oder Nein darüber zu äußern, ob die Ätiologie 
dieses Krankheitsfalles in der kindlichen Masturbation zu suchen 
ist, würde ich zunächst den Begriff der Ätiologie bei den Psycho- 
neurosen zu erörtern haben. Der Standpunkt, von dem aus ich 
antworten könnte, würde sieb als wesentlich verschoben gegen 
den Standpunkt erweisen, von dem aus die Frage an mich gestellt 
\\ ird. Genug, wenn wir für diesen Fall zur Überzeugung gelangen, 
daß hier Kindermasturbation nachweisbar ist, daß sie nichts Zu- 
fälliges und nichts für die Gestaltung des Krankheitsbildes Gleich- 
gültiges sein kann 1 . Uns winkt ein weiteres Verständnis der 
Symptome bei Dora, wenn wir die Bedeutung des von ihr 

stellt sich auch die so lange verdrängte Erinnerung nn dieses Stück des kindlichen 
Sexuallebens mit Sicherheit, und IWU bei allen Fällen, ein. — Bei einer Patientin 
mit Zwangsvorstellungen, welche direkte Abkömmlinge der infantilen Masturbation 
waren, erwiesen sich die Züge des sich Verbielens, Bestrafens, wenn sie dies eine getan 
habe, dürfe sie das andere nicht, das Nicht-gestört-werden-dürfen, das Pausen-Ein- 
schieben zwischen einer Verrichtung (mit den Händen) und einer nächsten, das 
Hunde waschen usw. uls unverändert erhaltene Stücke der Abgcwühnungsarbeit ihrer 
Pflegeperson. Die Warnung: „Pfui, das ist giftig!" war dos einzige, was dem Ge- 
dächtnisse immer erhalten geblieben war. Vgl. hierzu noch meine „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie", 1905; 5. Aufl. 1922 (in Bd. V dieser Gesamtausgabe). 

1) Mit der Angewöhnung der Masturbation muß der Bruder in irgend welcher 
Verbindung sein, denn in diesem Zusammenhang erzählte sie mit dorn Nachdrucke, 
der eine „Deckorinncrung" verrät, duß der Bruder ihr regelmäßig alle Ansteckungen 
zugetragen, die er selbst leicht, sie aber schwer durchgemacht. Der Bruder wird auch 
im Traume vor dem ,,/ugrnndegehen'' behütet; er hat selbst an Bettnässen gelitten. 
aber noch vor der Schwester damit aufgehört. In gewissem Sinne war es auch eine 
,.Deckerinnerung", wenn sie aussprach, bis zu der ersten Krankheit habe sie mit dem 
Bruder Schritt halten können, von da an sei sie im Lernen gegen ihn zurückgeblieben. 
Als wäre sie bis dahin ein Bub gewesen, dann erst mädchenhaft geworden. Sie war 
wirklich ein wildes Ding, vom „Asthma" an wurde sie still und sittig. Diese Er- 
krankung bildete bei ihr die Grenze zwischen zwei Phasen des Geschlechtslebens, 
von denen die erste männlichen, die spätere weiblichen Charakter hatte. 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 85 

eingestandenen Fluor albus ins Auge fassen. Das Wort „Katarrh", 
mit dem sie ihre Affektion bezeichnen lernte, als ein ähnliches 
Leiden der Mutter Franzensbad nötig machte, ist wiederum ein 
Wechsel", welcher der ganzen Reihe von Gedanken über die 
Krankheitsverschuldung des Papas den Zugang zur Äußerung in 
dem Symptom des Hustens öffneten. Dieser Husten, der gewiß 
ursprünglich von einem geringfügigen realen Katarrh herstammte, 
war ohnedies Nachahmung des auch mit einem Lungenleiden 
behafteten Vaters und konnte ihrem Mitleid und ihrer Sorge für 
ihn Ausdruck geben. Außerdem aber rief er gleichsam in die 
Welt hinaus, was ihr damals vielleicht noch nicht bewußt ge- 
worden war: „Ich bin die Tochter von Papa. Ich habe einen 
Katarrh wie er. Er hat mich krank gemacht, wie er die Mama 
krank gemacht hat. Von ihm habe ich die bösen Leidenschaften, 
die sich durch Krankheit strafen." 1 

Wir können nun den Versuch machen, die verschiedenen 
Determinierungen, die wir für die Anfälle von Husten und 
Heiserkeit gefunden haben, zusammenzustellen. Zu unterst in der 
Schichtung ist ein realer, organisch bedingter Hustenreiz anzu- 
nehmen, das Sandkorn also, um welches das Muscheltier die Perle 
bildet. Dieser Reiz ist fixierbar, weil er eine Körperregion betrifft, 
welche die Bedeutung einer erogenen Zone bei dem Mädchen in 
hohem Grade bewahrt hat. Er ist also geeignet dazu, der erregten 
Libido Ausdruck zu geben. Er wird fixiert durch die wahrschein- 
lich erste psychische Umkleidung, die Mitleidsimitation für den 



1) Die nämliche Rolle spielte das Wort bei dem 14jährigen Mädchen, dessen 
Krankengeschichte ich auf Seite 23 in einige Zeilen zusammengedrängt habe. Ich 
hatte das Kind mit einer intelligenten Dame, die mir die Dienste einer Wärterin 
leistete, in einer Pension installiert. Die Dame berichtete mir, daß die kleine Patientin 
ihre Gegenwart beim Zubettegehen nicht dulde, und daß sie im Bette auffällig huste, 
wovon tagsüber nichts zu hören war. Der Kleinen fiel, als sie über diese Symptome 
befragt wurde, nur ein, daß ihre Großmutter so huste, von der man sage, sie habe 
einen Katarrh. Es war dann klar, daß auch sie einen Katarrh habe, und daß sie bei 
der abends vorgenommenen Reinigung nicht bemerkt werden wolle. Der Katarrh, 
der mittels dieses Wortes von unten nach oben geschoben worden war, zeigte 
sogar eine nicht gewöhnliche Intensität. 



86 Krankengeschichten 



kranken Vater und dann durch die Selbstvorwürfe wogen des 
„Katarrhs". Dieselbe Symptomgruppo zeigt sich ferner fähig, die 
Beziehungen ZU Herrn K. darzustellen, seine Abwesenheit zu be- 
dauern und den Wunsch auszudrücken, ihm eine bessere Frau 
zu sein. Nachdem ein Teil der Libido sich wieder dem Vater 
zugewendet, gewinnt das Symptom seine vielleicht letzte Bedeutung 
zur Darstellung des sexuellen Verkehres mit dem Vater in der 
Identifizierung mit Frau K. Ich möchte dafür bürgen, daß diese 
Reihe keineswegs vollständig ist. Leider ist die unvollständige 
Analyse nicht imstande, dem Wechsel der Bedeutung zeitlich zu 
folgen, die Reihenfolge und die Koexistenz verschiedener Be- 
deutungen klarzulegen. An eine vollständige darf man diese Forde- 
rungen stellen. 

Ich darf nun nicht versäumen, auf weitere Beziehungen des 
Genitalkatarrhs zu den hysterischen Symptomen Doms einzugehen. 
Zu Zeiten, als eine psychische Aufklärung der Hysterie noch in 
weher Ferne lag, hörte ich ältere, erfahrene Kollegen behaupten, 
daß bei den hysterischen Patientinnen mit Fluor eine Ver- 
schlimmerung des Katarrhs regelmäßig eine Verschärfung der 
hysterischen Leiden, besonders der Kßunlusf und des Krbrechens 
nach sich ziehe. Über den Zusammenhang war niemand recht 
klar, aber ich glaube, man neigte zur Anschauung der Gynäko- 
logen hin, die bekanntlich einen direkten und organisch störenden 
Einfluß von Genitalaffektionen auf die nervösen Funktionen im 
breitesten Ausmaße annehmen, wobei uns die therapeutische Probe 
auf die Rechnung zu allermeist im Stich läßt. Bei dem heutigen 
Stande unserer Kinsicht kann man einen solchen direktem und 
organischen F.influß auch nicht für ausgeschlossen erklären, aber 
leichter nachweisbar ist jedenfalls dessen psychische Umkleidung. 
Der Stolz auf die Gestaltung der Genitalien ist bei unseren Frauen 
ein ganz besonderes Stück ihrer Eitelkeit; Affektionen derselben, 
welche für geeignet gehalten werden, Abneigung oder selbst Kkel 
einzuflößen, wirken in ganz unglaublicher Weise kränkend, das 






Bruchstück einer Hysterie- Analyse 87 

Selbstgefühl herabsetzend, machen reizbar, empfindlich und miß- 
trauisch. Die abnorme Sekretion der Scheidenschleimhaut wird als 
ekelerregend angesehen. 

Erinnern wir uns, daß bei Dora nach dem Kusse des Herrn K. 
eine lebhafte Ekelempfindung eintrat, und daß wir Grund fanden, 
uns ihre Erzählung dieser Kußszene dahin zu vervollständigen, daß 
sie den Druck des erigierten Gliedes gegen ihren Leib in der 
Umarmung verspürte. Wir erfahren nun ferner, daß dieselbe 
Gouvernante, welche sie wegen ihrer Untreue von sich gestoßen 
hatte, ihr aus eigener Lebenserfahrung vorgetragen hatte, alle 
Männer seien leichtsinnig und unverläßlich. Für Dora mußte 
das heißen, alle Männer seien wie der Papa. Ihren Vater hielt sie 
aber für geschlechtskrank, hatte er doch diese Krankheit auf sie 
und auf die Mutter übertragen. Sie konnte sich also vorstellen, alle 
Männer seien geschlechtskrank, und ihr Begriff von Geschlechts- 
krankheit war natürlich nach ihrer einzigen und dazu persönlichen 
Erfahrung gebildet. Geschlechtskrank hieß ihr also mit einem 
ekelhaften Ausflusse behaftet — ob dies nicht eine weitere Moti- 
vierung des Ekels war, den sie im Moment der Umarmung 
empfand? Dieser auf die Berührung des Mannes übertragene Ekel 
wäre dann ein nach dem erwähnten primitiven Mechanismus 
(siehe Seite 54) projizierter, der sich in letzter Linie auf ihren 
eigenen Fluor bezog. 

Ich vermute, daß es sich hiebei um unbewußte Gedankengänge 
handelt, welche über vorgebildete organische Zusammenhänge ge- 
zogen sind, etwa wie Blumenfestons über Drahtgewinde, so daß 
man ein andermal andere Gedankenwege zwischen den nämlichen 
Ausgangs- und Endpunkten eingeschaltet finden kann. Doch ist 
die Kenntnis der im einzelnen wirksam gewesenen Gedanken- 
verbindungen für die Lösung der Symptome von unersetz- 
lichem Werte. Daß wir im Falle Doras zu Vermutungen und 
Ergänzungen greifen müssen, ist nur durch den vorzeitigen Ab- 
bruch der Analyse begründet. Was ich zur Ausfüllung der Lücken 



88 



Krankengeschichten 



vorbringe, lehnt sich durchweg an andere, gründlich analysierte 
Fälle an. 



Der Traum, durch dessen Analyst' wir die vorstehenden Auf- 
schlüsse gewonnen haben, entspricht, wie wir fanden, einem Vor- 
satze, den Dora in den Schlaf mitnimmt. Kr wird darum jede 
Nacht wiederholt, bis der Vorsatz erfüllt ist, und er tritt Jahre 
später wieder auf, sowie sich ein Anlaß ergibt, einen analogen 
Vorsatz zu fassen. Der Vorsatz läßt sieh bewußt etwa folgender- 
maßen aussprechen: Fort aus diesem Hause, in dem, wie ich 
gesehen habe, meiner Jungfräulichkeit Gefahr droht; ich reise 
mit dem Papa ab und morgens bei der Toilette will ich meine 
Vorsichten treffen, nicht überrascht zu werden. Diese Gedanken 
finden ihren deutlichen Ausdruck im Traume; sie gehören einer 
Strömung an, die im Wachleben zum Bewußtsein und zur Herr- 
schaft gelangt ist. Hinter ihnen läßt sich ein dunkler vertretener 
Gedankenzug erraten, welcher der gegenteiligen Strömung ent- 
spricht und darum der Unterdrückung verfallen ist. Er gipfelt in 
der Versuchung, sich dem Manne zum Danke für die ihr in 
den letzten Jahren bewiesene Liebe und Zärtlichkeit hinzugeben, 
und ruft vielleicht die Erinnerung an den einzigen Kuß auf, den 
sie bisher von ihm empfangen hat. Aber nach der in meiner 
Traumdeutung entwickelten Theorie reichen solche Elemente 
nicht hin, um einen Traum zu bilden. Ein Traum sei kein 
Vorsatz, der als ausgeführt, sondern ein Wunsch, der als erfüllt 
dargestellt wird, und zwar womöglich ein Wunsch aus dem 
Kinderleben. Wir haben die Verpflichtung zu prüfen, ob dieser 
Satz nicht durch unseren Traum widerlegt wird. 

Der Traum enthält in der Tat infantiles Material, welches in 
keiner auf den ersten Blick ergründbaren Beziehung zum Vorsatze 
steht, das Haus des Herrn K. und die von ihm ausgehende Ver- 
suchung zu fliehen. Wozu taucht wohl die Erinnerung an das 
Bettnässen als Kind und an die Mühe auf, die sich der Vater 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 89 

damals gab, das Kind rein zu gewöhnen? Man kann darauf die 
Antwort geben, weil es nur mit Hilfe dieses Gedankenzuges 
möglich ist, die intensiven Versuchungsgedanken zu unterdrücken 
und den gegen sie gefaßten Vorsatz zur Herrschaft zu bringen. 
Das Kind beschließt, mit seinem Vater zu flüchten ; in Wirklich- 
keit flüchtet es sich in der Angst vor dem ihm nachstellenden 
Manne zu seinem Vater; es ruft eine infantile Neigung zum 
Vater wach, die es gegen die rezente zu dem Fremden schützen 
soll. An der gegenwärtigen Gefahr ist der Vater selbst mitschuldig, 
der sie wegen eigener Liebesinteressen dem fremden Manne aus- 
geliefert hat. Wie viel schöner war es doch, als derselbe Vater 
niemanden anderen lieber hatte als sie und sich bemühte, sie 
vor den Gefahren, die sie damals bedrohten, zu retten. Der 
infantile und heute unbewußte Wunsch, den Vater an die Stelle 
des fremden Mannes zu setzen, ist eine traumbildende Potenz. 
Wenn es eine Situation gegeben hat, die ähnlich einer der gegen- 
wärtigen sich doch durch diese Person Vertretung von ihr unter- 
schied, so wird diese zur Hauptsituation des Trauminhaltes. Es 
gibt eine solche; gerade so wie am Vortage Herr K., stand einst 
der Vater vor ihrem Bette und weckte sie etwa mit einem Kusse, 
wie vielleicht Herr K. beabsichtigt hatte. Der Vorsatz, das Haus 
zu fliehen, ist also nicht an und für sich traumfällig, er wird 
es dadurch, daß sich ihm ein anderer, auf infantile Wünsche 
gestützter Vorsatz beigesellt. Der Wunsch, Herrn K. durch den 
Vater zu ersetzen, gibt die Triebkraft zum Traume ab. Ich er- 
innere an die Deutung, zu der mich der verstärkte, auf das 
Verhältnis des Vaters zu Frau K. bezügliche Gedankenzug nötigte, 
es sei hier eine infantile Neigung zum Vater wachgerufen worden, 
um die verdrängte Liebe zu Herrn K. in der Verdrängung er- 
halten zu können; diesen TJmschwung im Seelenleben der Patientin 
spiegelt der Traum wieder. 

Über das Verhältnis zwischen den in den Schlaf sich fort- 
setzenden Wachgedanken — den Tagesresten — und dem 



90 



A' rankengeschichten 



unbewußten traumbildenden Wunsche habe ich in der „Traum- 
deutung'' (p. 529, 7. Aufl. p. 41Ö) einige Bemerkungen nieder- 
gelegt, die ich hier unverändert zitieren werde, denn ich habe 
ihnen nichts hinzuzufügen, und die Analyse dieses Traumes von 
üora beweist von neuem, daß es sich nicht anders verhält. 

„Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse von Träumen gibt, 
zu denen die Anlegung vorwiegend oder selbst ausschließlich 
aus den Resten des Tageslebens stammt und ich meine, selbst 
mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu weiden 1 , 
hätte mich diese Nacht ruhig schlafen lassen können, wäre nicht 
die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage her 
noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum 
gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte, mußte von 
einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis, 
Och einen solchen Wunsch als Triebkraft des Trauines zu ver- 
schaffen. Um es in einem Gleichnisse zu sagen: Ks ist sehr wohl 
möglich, daß ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers 
für den Traum spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, 
die Idee hat und den Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch 
ohne Kapital nichts machen; er braucht einen Kapitalisten, der 
den Aufwand bestreitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen 
Aufwand für den Traum beistellt, ist allemal und unweigerlich, 
was immer auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus 
dem Unbewußten." 

Wer die Feinheit in der Struktur solcher Gebilde wie der 
Träume kennen gelernt hat, wird nicht überrascht sein, zu finden, 
daß der Wunsch, der Vater möge die Stelle des versuchenden 
Mannes einnehmen, nicht etwa beliebiges Kindheitsmaterial zur 
Erinnerung bringt, sondern gerade solches, das auch die intimsten 
Beziehungen zur Unterdrückung dieser Versuchung unterhält. 
Denn wenn Dora sich unfähig fühlt, der Liebe zu diesem Manne 



1) Dies bezieht sich Ulf die Aiiulyic des dort 711111 Muster genommenen Truuinei. 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 9i 

nachzugeben, wenn es zur Verdrängung dieser Liebe anstatt zur 
Hingebung kommt, so hängt diese Entscheidung mit keinem 
anderen Moment inniger zusammen als mit ihrem vorzeitigen 
Sexualgenusse und mit dessen Folgen, dem Bettnässen, dem 
Katarrh und dem Ekel. Eine solche Vorgeschichte kann je nach 
der Summation der konstitutionellen Bedingungen zweierlei Ver- 
halten gegen die Liebesanforderung in reifer Zeit begründen, 
entweder die volle widerstandslose, ins Perverse greifende Hin- 
gebung an die Sexualität oder in der Reaktion die Ablehnung 
derselben unter neurotischer Erkrankung. Konstitution und die 
Höhe der intellektuellen und moralischen Erziehung hatten bei 
unserer Patientin für das letztere den Ausschlag gegeben. 

Ich will noch besonders darauf aufmerksam machen, daß wir 
von der Analyse dieses Traumes aus den Zugang zu Einzelheiten 
der pathogen wirksamen Erlebnisse gefunden haben, die der Er- 
innerung oder wenigstens der Reproduktion sonst nicht zugänglich 
gewesen waren. Die Erinnerung an das Bettnässen der Kindheit 
war, wie sich ergab, bereits verdrängt. Die Einzelheiten der 
Nachstellung von Seiten des Herrn K. hatte Dora niemals er- 
wähnt, sie waren ihr nicht eingefallen. 

Noch einige Bemerkungen zur Synthese dieses Traumes. Die Traum- 
arbeit nimmt ihren Anfang am Nachmittage des zweiten Tages nach der 
Szene im Walde, nachdem sie bemerkt, daß sie ihr Zimmer nicht mehr 
verschließen kann. Da sagt sie sich: Hier droht mir ernste Gefahr, und 
bildet den Vorsatz, nicht allein im Hause zu bleiben, sondern mit dem 
Papa abzureisen. Dieser Vorsatz wird traumbildungsfähig, weil er sich ins 
Unbewußte fortzusetzen vermag. Dort entspricht ihm, daß sie die infantile 
Liebe zum Vater als Schutz gegen die aktuelle Versuchung aufruft. Die 
Wendung, die sich dabei in ihr vollzieht, fixiert sich und führt sie auf 
den Standpunkt, den ihr überwertiger Gedankengang vertritt (Eifersucht 
gegen Frau K. wegen des Vaters, als ob sie in ihn verliebt wäre). Es 
kämpfen in ihr die Versuchung, dem werbenden Manne nachzugeben, und 
das zusammengesetzte Sträuben dagegen. Letzteres ist zusammengesetzt aus 
Motiven der Wohlanständigkeit und Besonnenheit, aus feindseligen Regungen 



Q2 



Krankengeschichten 



infolge der Eröffnung der Gouvernante (Eifersucht, gekränkter Stolz, siehe 
unten) und aus einem neurotischen Elemente, dem in ihr vorbereiteten 
Stücke Sexualabneigung, welches auf ihrer Kindergeschichte fußt. Die zum 
Schutze gegen die Versuchung wachgerufene Liebe zum Vater stammt aus 
dieser Kindergeschichte. 

Der Traum verwandelt den im Unbewußten vertieften Vorsatz, sich 
zum Vater zu flüchten, in eine Situation, die den Wunsch, der Vater möge 
sie aus der Gefahr retten, erfüllt zeigt. Dabei ist ein im Wege stehender 
Gedanke beiseite zu schieben, der Vater ist es ja, der sie in diese Gefahr 
gebracht hat. Die hier unterdrückte feindselige Regung (Hacheneigung) 
gegen den Vater werden wir als einen der Motoren des zweiten Traumes 
kennen lernen. 

Nach den Redingungen der Traumlnldung wird die phantasierte Situation 
so gewählt, daß sie eine infantile Situation wiederholt. Ein besonderer 
Triumph ist es, wenn es gelingt, eine rezente, etwa gerade die Situation des 
Traumanlasses, in eine infantile zu verwandeln. Das gelingt hier durch reine 
Zufälligkeit des Materials. So wie Herr K. vor ihrem Lager gestanden und 
sie geweckt, so tat es oft in Kinderjahren der Vater. Ihre ganze Wendung 
läßt sich treffend symbolisieren, indem sie in dieser Situation Herrn K. 
durch den Vater ersetzt. 

Der Vater weckte sie aber seinerzeit, damit sie das Rett nicht naß mache. 

Dieses „Naß" wird bestimmend für den weiteren Trauminhalt, in 
welchem es aber nur durch eine entfernte Anspielung und durch seinen 
Gegensatz vertreten ist. 

Der Gegensatz von „Naß", „Wasser" kann leicht „Feuer", „ßrennen", 
sein. Die Zufälligkeit, daß der Vater bei der Ankunft an dem Orte Angst 
vor Feuersgefahr geäußert hatte, hilft mit, um zu entscheiden, daß die 
Gefahr, aus welcher der Vater sie rettet, eine Rrandgclahr sei. Auf diesen 
Zufall und auf den Gegensatz zu „Naß" stützt sich die gewählte Situation 
des Traumbildes: Es brennt, der Vater steht vor ihrem Rette, um sie zu 
wecken. Die zufällige Äußerung des Vaters gelangte wohl nicht zu dieser 
ßedeutung im Trauminhalte, wenn sie nicht so vortrefflich zu der sieg- 
reichen Gefühlsströmung stimmen würde, die in dem Vater durchaus den 
Helfer und Retter linden will. Er hat die (ielahr gleich bei der Ankunft 
geahnt, er hat recht gehabt! (In Wirklichkeit hatte er das Mädchen in 
diese Gefahr gebracht.) 

In den Traumgedanken fällt dem „Naß" infolge leicht herstellbarer 
Reziehungen die Rolle eines Knotenpunktes für mehrere Vorstellungskreise 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 93 

zu. „Naß" gehört nicht allein dem Bettnässen an, sondern auch dem 
Kreise der sexuellen Versuchsgedanken, die unterdrückt hinter diesem 
Trauminhalte stehen. Sie weiß, daß es auch ein Naßwerden beim sexuellen 
Verkehre gibt, daß der Mann dem Weib etwas Flüssiges in Tropfenform 
bei der Begattung schenkt. Sie weiß, daß gerade darin die Gefahr besteht, 
daß ihr die Aufgabe gestellt wird, das Genitale vor dem Benetztwerden 
zu hüten. 

Mit „Naß" und „Tropfen" erschließt sich gleichzeitig der andere 
Assoziationskreis, der des ekelhaften Katarrhs, der in ihren reiferen Jahren 
wohl die nämliche beschämende Bedeutung hat wie in der Kinderzeit das 
Bettnässen. „Naß" wird hier gleichbedeutend mit „Verunreinigt . Das 
Genitale, das reingehalten werden soll, ist ja schon durch den Katarrh 
verunreinigt, übrigens bei der Mama gerade so wie bei ihr (Seite 78). Sie 
scheint zu verstehen, daß die Beinlichkeitssucht der Mama die Reaktion 
gegen diese Verunreinigung ist. 

Beide Kreise treffen in dem einen zusammen: Die Mama hat beides 
vom Papa bekommen, das sexuelle Naß und den verunreinigenden Fluor. 
Die Eifersucht gegen die Mama ist untrennbar von dem Gedankenkreise 
der hier zum Schutze aufgerufenen infantilen Liebe zum Vater. Aber 
darstellungsfähig ist dieses Material noch nicht. Läßt sich aber eine Er- 
innerung finden, die mit beiden Kreisen des „Naß" in ähnlich guter 
Beziehung steht, aber das Anstößige vermeidet, so wird diese die Vertretung 
im Trauminhalte übernehmen können. 

Eine solche findet sich in der Begebenheit von den „Tropfen", die sich 
die Mama als Schmuck gewünscht. Anscheinend ist die Verknüpfung dieser 
Reminiszenz mit den beiden Kreisen des sexuellen Naß und der Ver- 
unreinigung eine äußerliche, oberflächliche, durch die Worte vermittelt, 
denn „Tropfen" ist als „Wechsel", als zweideutiges Wort verwendet, und 
„Schmuck" ist so viel als „rein", ein etwas gezwungener Gegensatz zu 
verunreinigt". Li Wirklichkeit sind die festesten inhaltlichen Verknüpfungen 
nachweisbar. Die Erinnerung stammt aus dem Material der infantil 
wurzelnden, aber weit fortgesetzten Eifersucht gegen die Mama. Über die 
beiden Wortbrücken kann alle Bedeutung, die an den Vorstellungen vom 
sexuellen Verkehre zwischen den Eltern, von der Fluorerkrankung und von 
der quälenden Reinmacherei der Mama haftet, auf die eine Reminiszenz 
von den „Schmucktropfen" übergeführt werden. 

Doch muß noch eine weitere Verschiebung für den Trauminhalt Platz 
greifen. Nicht das dem ursprünglichen „Naß" nähere „Tropfen' , sondern 



94 



f\ rankcngescliichtrn 



das entferntere „Schmuck" gelangt zur Aufnahme in den Traum. El hatte 
also heißen können, wenn dieses Element in die vorher fixierte Traum- 
situation eingefügt wird: Die Mama will noch ihren Schmuck retten. In 
der neuen Abänderung ..Schmuckkästchen" macht sich nun nachträglich 
der Einfluß von Elementen aus dem unterliegenden Kreise der Versuchung 
durch Herrn K. geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl 
aber ein „Kästchen dafür, die Vertretung all der Auszeichnungen und 
Zärtlichkeiten, für die sie jetzt dankbar sein sollte. Und das jetzt ent- 
standene Kompositum „Schmuckkästchen" hat noch einen besonderen ver- 
tretenden Wert. Ist „Schmuckkästchen" nicht ein gebräuchliches ßild für 
das unbefleckte, unversehrte, weibliche Genitale? Und anderseits ein harm- 
loses Wort, also vortrefflich geeignet, die sexuellen Gedanken hinter dem 
Traum ebensosehr anzudeuten wie zu verstecken? 

So heißt es also im Trauminhalte an zwei Stellen: „Schmuckkästchen 
der Mama", und dies Element ersetzt die Erwähnung der infantilen Eifer- 
sucht, der Tropfen, also des sexuellen Nassen, der Verunreinigung durch 
den Fluor und anderseits der jetzt aktuellen Versuchungsgednnken, die auf 
Gegenliebe dringen und die bevorstehende — ersehnt«- und drohende — 
sexuelle Situation ausmalen. Das Element „Schmuckkästchen" ist wie kein 
anderes ein Verdichtungs- und Verschiebungsergebnis und ein Kompromiß 
gegensätzlicher Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft — aus infan- 
tiler wie aus aktueller Quelle — deutet wohl sein zweimaliges Auftreten 
im Trauminhalte. 

Der Traum ist die Reaktion auf ein frisches, erregend wirkendes Er- 
lebnis, welches notwendigerweise die Erinnerung an das einzige analoge 
Erlebnis früherer Jahre wecken muß. Dies ist die Szene mit dem Kusse 
im Laden, bei dem der Ekel auftrat. Dieselbe Szene ist aber assoziativ von 
anderswoher zugänglich, von dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. S. 86) 
und von dem der aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen 
Beitrag zum Trauminhalte, der sich der vorgebildeten Situation anpassen 
muß. Es brennt . . . der Kuß hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie riecht 
also Rauch im Trauminhalte, der sich hier über das Erwachen fortsetzt. 

In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsamkeit eine 
Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund gelegt: Ich will 
nicht, daß meine beiden Kinder usw. (hier ist wohl aus den Trauin- 
gedanken einzufügen: an den Folgen der Masturbation) zugrunde gehen. 
Solche Traumrede ist regelmäßig aus Stücken realer, gehaltener oder ge- 
hörter Rede zusammengesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 95 

dieser Rede erkundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den 
Aufbau des Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiß auch 
durchsichtiger erkennen lassen. 

Soll man annehmen, daß dieser Traum damals in L. genau den näm- 
lichen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während der Kur? 
Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, daß die Menschen häufig 
behaupten, sie hätten denselben Traum gehabt, während sich die einzelnen 
Erscheinungen des wiederkehrenden Traumes durch zahlreiche Details und 
sonst weitgehende Abänderungen unterscheiden. So berichtet eine meiner 
Patientinnen, sie habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wieder- 
kehrenden Lieblingstraum gehabt, daß sie im blauen Meere schwimme, 
mit Genuß die Wogen teile usw. Nähere Nachforschung ergibt, daß auf 
dem gemeinsamen Untergrunde das eine Mal dies, das andere Mal jenes 
Detail aufgetragen ist; ja, einmal schwamm sie im Meere, während es 
gefroren war, mitten zwischen Eisbergen. Andere Träume, die sie selbst 
nicht mehr für die nämlichen auszugeben versucht, zeigen sich mit diesen 
wiederkehrenden innig verknüpft. Sie sieht z. B. nach einer Photographie 
gleichzeitig das Ober- und das Unterland von Helgoland in realen Dimen- 
sionen, auf dem Meere ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von 
ihr befinden usw. 

Sicher ist, daß der während der Kur vorfallende Traum Doras — 
vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern — eine neue aktuelle 
Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traumgedanken eine 
Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach einer Erneuerung des 
damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu entziehen. Wenn keine Er- 
innerungstäuschung von ihrer Seite im Spiele war, als sie behauptete, den 
Rauch nach dem Erwachen schon in L. verspürt zu haben, so ist anzu- 
erkennen, daß sie meinen Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer" sehr 
geschickt unter die fertige Traumform gebracht, wo er zur Überdetermi- 
nierung des letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unleugbarer Zufall 
war es, daß ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speise- 
zimmers von seiten der Mutter, wodurch der Bruder in seinem Schlaf- 
raume eingeschlossen blieb, eine Anknüpfung an die Nachstellung des 
Herrn K. in L. brachte, wo ihr Entschluß zur Reife kam, als sie ihr 
Schlafzimmer nicht verschließen konnte. Vielleicht kam der Bruder in den 
damaligen Träumen nicht vor, so daß die Rede „meine beiden Kinder" 
erst nach dem letzten Anlasse in den Trauminhalt gelangte. 



94 A rankengeschichten 



das entferntere „Schmuck" gelangt zur Aufnahme in den Traum. Es hätte 
also heißen können, wenn dieses Element in die vorher fixierte Traum- 
situation eingefügt wird: Die Mama will noch ihren Schmuck retten. In 
der neuen Abänderung ..Schmuckkästchen" macht sich nun nachträglich 
der Einfluß von Elementen aus dem unterliegenden Kreise der Versuchung 
durch Herrn K. geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl 
aber ein „Kästchen dafür, die Vertretung all der Auszeichnungen und 
Zärtlichkeiten, für die sie jetzt dankbar sein sollte. Und das jetzt ent- 
standene Kompositum „Schmuckkästchen" hat noch einen besonderen ver- 
tretenden Wert. Ist „Schmuckkästchen" nicht ein gebräuchliches Bild für 
das unbefleckte, unversehrte, weibliche Genitale? Und anderseits ein harm- 
loses Wort, also vortrefflich geeignet, die sexuellen Gedanken hinter dem 
Traum ebensosehr anzudeuten wie zu verstecken? 

So heißt es also im Trauminhalte an zwei Stellen: ..Schmuckkästchen 
der Mama'*, und dies Element ersetzt die Erwähnung der infantilen Eifer- 
sucht, der Tropfen, also des sexuellen Nassen, der Verunreinigung durch 
den Fluor und anderseits der jetzt aktuellen Versuchungsgedanken, die auf 
Gegenliebe dringen und die bevorstehende — ersehnte und drohende — 
sexuelle Situation ausmalen. Das Element ..Schmuckkästchen" ist wie kein 
anderes ein Verdichtungs- und Verschiebungsergebnis und ein Kompromiß 
gegensätzlicher Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft — aus infan- 
tiler wie aus aktueller Quelle — deutet wohl sein zweimaliges Auftreten 
im Trauminhalte. 

Der Traum ist die Reaktion auf ein frisches, erregend wirkendes Er- 
lebnis, welches notwendigerweise die Erinnerung an das einzige analoge 
Erlebnis früherer Jahre wecken muß. Dies ist die Szene mit dem Kusse 
im Laden, bei dem der Ekel auftrat. Dieselbe Szene ist aber assoziativ von 
anderswoher zugänglich, von dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. S. 86) 
und von dem der aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen 
Beitrag zum Trauminhalte, der sich der vorgebildeten Situation anpassen 
muß. Es brennt . . . der Kuß hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie riecht 
also Rauch im Trauminhalte, der sich hier über das Erwachen fortsetzt. 

In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsamkeit eine 
Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund gelegt: Ich will 
nicht, daß meine beiden Kinder usw. (hier ist wohl aus den Traum- 
gedanken einzufügen: an den Folgen der Masturbation) zugrunde gehen. 
Solche Traumrede ist regelmäßig aus Stücken realer, gehaltener oder ge- 






hörter Rede zusammengesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 95 

dieser Rede erkundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den 
Aufbau des Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiß auch 
durchsichtiger erkennen lassen. 

Soll man annehmen, daß dieser Traum damals in L. genau den näm- 
lichen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während der Kur? 
Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, daß die Menschen häufig 
behaupten, sie hätten denselben Traum gehabt, während sich die einzelnen 
Erscheinungen des wiederkehrenden Traumes durch zahlreiche Details und 
sonst weitgehende Abänderungen unterscheiden. So berichtet eine meiner 
Patientinnen, sie habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wieder- 
kehrenden Lieblingstraum gehabt, daß sie im blauen Meere schwimme, 
mit Genuß die Wogen teile usw. Nähere Nachforschung ergibt, daß auf 
dem gemeinsamen Untergrunde das eine Mal dies, das andere Mal jenes 
Detail aufgetragen ist; ja, einmal schwamm sie im Meere, während es 
gefroren war, mitten zwischen Eisbergen. Andere Träume, die sie selbst 
nicht mehr für die nämlichen auszugeben versucht, zeigen sich mit diesen 
wiederkehrenden innig verknüpft. Sie sieht z. B. nach einer Photographie 
gleichzeitig das Ober- und das Unterland von Helgoland in realen Dimen- 
sionen, auf dem Meere ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von 
ihr befinden usw. 

Sicher ist, daß der während der Kur vorfallende Traum Doras — 
vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern — eine neue aktuelle 
Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traumgedanken eine 
Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach einer Erneuerung des 
damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu entziehen. Wenn keine Er- 
innerungstäuschung von ihrer Seite im Spiele war, als sie behauptete, den 
Rauch nach dem Erwachen schon in L. verspürt zu haben, so ist anzu- 
erkennen, daß sie meinen Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer'" sehr 
geschickt unter die fertige Traum form gebracht, wo er zur Überdetermi- 
nierung des letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unleugbarer Zufall 
war es, daß ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speise- 
zimmers von seiten der Mutter, wodurch der Bruder in seinem Schlaf- 
raume eingeschlossen blieb, eine Anknüpfung an die Nachstellung des 
Herrn K. in L. brachte, wo ihr Entschluß zur Reife kam, als sie ihr 
Schlafzimmer nicht verschließen konnte. Vielleicht kam der Bruder in den 
damaligen Träumen nicht vor, so daß die Rede „meine beiden Kinder" 
erst nach dem letzten Anlasse in den Trauminhalt gelangte. 



98 Ä rankengescftichten 



Sie irrt allein in einer fremden Stadt, sieht Straßen 
und Plätze. Sie versichert, es war gewiß nicht 15-, worauf ich 
zuerst geraten hatte, sondern eine Stadt, in der sie nie gewesen 
war. Es lag nahe, fortzusetzen: Sic können ja Bilder oder Photo- 
graphien gesehen haben, denen Sie die Traumbilder entnehmen. 
Nach dieser Bemerkung stellte sich der Nachtrag von dam 
Monumente auf einem Platze ein und dann sofort die Kenntnis der 
Quelle. Sie hatte zu den Weihnachtsfeiertagen ein Album mit Stadt- 
ansichten aus einem deutschen Kurorte bekommen und dasselbe 
gerade gestern hervorgesuchl, um es dvn Verwandten, die bei ihnen 
zu Gast waren, zu zeigen. Es lag in einer Bilderscharhtel, die sich nicht 
gleich vorfand, und sie fragte die Mama: Wo ist die Schachtel? 1 
Eines der Bilder zeigte einen Platz mit einem Monumente. Der 
Spender aber war ein junger Ingenieur, dessen flüchtige Bekanntschaft 
sie einst in der Fabrikstadt gemacht hatte. Der junge Mann hatte eine 
Stellung in Deutschland angenommen, um rascher zur Selbständig- 
keit zu kommen, benützte jede Gelegenheit, um sich in Erinnerung 
zu bringen, und es war leicht zu erraten, daß er vorhabe, seinerzeit, 
wenn sich seine Position gebessert, mit einer Werbung um Dora 
hervorzutreten. Aber das brauchte noch Zeit, da hieß es warten. 

Das Umherwandern in einer fremden Stallt war überdotor- 
miniert. Es führte zu einem der Tagesanlässe. Zu den Feiertagen 
war ein jugendlicher Cousin auf Besuch gekommen, dem sie jetzt 
die Stadt Wien zeigen mußte. Dieser Tagesaida B war freilich 
ein höchst indifferenter. Der Vetter erinnerte sie aber au einen 
kurzen ersten Aufenthalt in Dresden. Damals wanderte sie als 
Fremde herum, versäumte natürlich nicht die berühmte Galerie 
zu besuchen. Ein anderer Vetter, der mit ihnen war und Dresden 
kannte, wollte den Führer durch die Galerie machen. Aber sie 
wies ihn ab und ging allein, blieb vor den Bildern stehen, 
die ihr gefielen. Vor der Sixtina verweilte sie zwei Stunden 

1) Im Traume fragt sie: Wo ist der Bahnhof? Aus dieser Annäherung zog ich 
einen Schluß, den ich später entwickeln werde. 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse 99 

lang in still träumender Bewunderung. Auf die Frage, was ihr 
an dem Bilde so sehr gefallen, wußte sie nichts Klares zu ant- 
worten. Endlich sagte sie: Die Madonna. 

Daß diese Einfälle wirklich dem träum bildenden Material an- 
gehören, ist doch gewiß. Sie schließen Bestandteile ein, die wir 
unverändert im Trauminhalte wiederfinden (sie wies ihn ab und 
ging allein — zwei Stunden). Ich merke bereits, daß „Bilder" 
einem Knotenpunkte in dem Gew r ebe der Traumgedanken ent- 
sprechen (die Bilder im Album — die Bilder in Dresden). Auch 
das Thema der Madonna, der jungfräulichen Mutter, möchte 
ich für weitere Verfolgung herausgreifen. Vor allem abersehe ich, daß 
sie sich in diesem ersten Teile des Traumes mit einem jungen 
Manne identifiziert. Er irrt in der Fremde herum, er bestrebt sich, 
ein Ziel zu erreichen, aber er wird hingehalten, er braucht Geduld, 
er muß warten. Wenn sie dabei an den Ingenieur dachte, so hätte 
es gestimmt, daß dieses Ziel der Besitz eines Weibes, ihrer eigenen 
Person, sein sollte. Anstatt dessen war es ein — Bahnhof, für den 
wir allerdings nach dem Verhältnisse der Frage im Traume zu der 
wirklich getanen Frage eine Schachtel einsetzen dürfen. Eine 
Schachtel und ein Weib, das geht schon besser zusammen. 

Sie fragt wohl hundertmal . . . Das führt zu einer anderen, 
minder indifferenten Veranlassung des Traumes. Gestern abends 
nach der Gesellschaft bat sie der Vater, ihm den Cognac zu holen; er 
schlafe nicht, wenn er nicht vorher Cognac getrunken. Sie verlangte 
den Schlüssel zum Speisekasten von der Mutter, aber die war in 
ein Gespräch verwickelt und gab ihr keine Antwort, bis sie mit 
der ungeduldigen Übertreibung herausfuhr: Jetzt habe ich dich 
schon hundertmal gefragt, wo der Schlüssel ist. In Wirklichkeit 
hatte sie die Frage natürlich nur etwa fünfmal wiederholt 1 . 

1) Im Trauminhalte sieht die Zahl fünf bei der Zeilangabc: 5 Minuten. In 
meinem Buche über die Traumdeutung habe ich an mehreren Beispielen gezeigt, 
wie in den Traumgedanken vorkommende Zahlen vom Traume behandelt werden; 
man findet sie häufig aus ihren Beziehungen gerissen und in neue Zusammenhänge 
eingetragen. 

f 



ioo Krankengeschichten 



Wo ist der Schlüssel? scheint mir das männliche Gegen- 
stück zur Frage: Wo ist die Schachtel? (siehe den ersten Traum. 
Seile 68) Es sind also Fragen — nach den Genitalien. 

In derselben Versammlung Verwandter hatte jemand einen 
Trinkspruch auf den Papa gehalten und die Hoffnung ausge- 
sprochen, daß er noch lange in bester Gesundheit usw. Dabei 
hatte es so eigentümlich in den müden Mienen des Vaters ge- 
zuckt, und sie hatte verstanden, welche Gedanken er zu unter- 
drücken hatte. Der arme kranke Mann ! Wer konnte wissen, wie 
•lange Lebensdauer ihm noch beschieden war. 

Damit sind wir beim Inhalte des Briefes im Traume ange- 
langt. Der Vater war gestorben, sie hatte sich eigenmächtig vom 
Haus entfernt. Ich mahnte sie bei dem Briefe im Traume sofort 
an den Abschiedsbrief, den sie den Eltern geschrieben oder 
wenigstens für die Eltern aufgesetzt hatte. Dieser Brief war be- 
stimmt, den Vater in Schrecken zu versetzen, damit er von Frau K. 
ablasse, oder wenigstens an ihm Rache zu nehmen, wenn er da- 
zu nicht zu bewegen sei. Wir stehen beim Thema ihres Todes 
und beim Tode ihres Vaters (Friedhof später im Traume). 
Gehen wir irre, wenn wir annehmen, daß die Situation, welche 
die Fassade des Traumes bildet, einer Rachephantasie gegen den 
Vater entspricht? Die mitleidigen Gedanken vom Tage vorher 
würden gut dazu stimmen. Die Phantasie aber lautete: Sie ginge 
von Haus weg in die Fremde, und dem Vater würde aus 
Kummer darüber, vor Sehnsucht nach ihr das Herz brechen. 
Dann wäre sie gerächt. Sie verstand ja sehr gut, was dem Vater 
fehlte, der jetzt nicht ohne Cognac schlafen konnte'. 

W 7 ir wollen uns die Rachsucht als ein neues Element für 
eine spätere Synthese der Traumgedanken merken. 

1) Die sexuelle Befriedigung ist unzweifelhaft das beste Schlafmittel, sowie 
Schlaflosigkeit zu allermeist die Folge der Unbefriedigung ist. Der Vuler schlief 
nicht, weil ihm der Verkehr mit der geliebten Frau fehlte. Vgl. hierzu das unten 
Folgende: Ich habe nichts an meiner Frau. 






1 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 101 



Der Inhalt des Briefes mußte aber weitere Determinieruno- zu- 
lassen. Woher stammte der Zusatz: Wenn Du willst? 

Da fiel ihr der Nachtrag ein, daß hinter dem Worte „willst" 
ein Fragezeichen gestanden hatte, und damit erkannte sie auch 
diese Worte als Zitat aus dem Briefe der Frau K., welcher die 
Einladung nach L. (am See) enthalten hatte. In ganz auffälliger 
Weise stand in diesem Briefe nach der Einschaltung: „wenn Du 
kommen willst?" mitten im Gefüge des Satzes ein Fragezeichen. 
Da wären wir also wieder bei der Szene am See und bei den 
Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir diese Szene 
einmal ausführlich zu erzählen. Sie brachte zuerst nicht viel 
Neues. Herr K. hatte eine einigermaßen ernsthafte Einleitung 
vorgebracht; sie ließ ihn aber nicht ausreden. Sobald sie nur 
verstanden hatte, um was es sich handle, schlug sie ihm ins 
Gesicht und eilte davon. Ich wollte wissen, welche Worte er 
gebraucht; sie erinnerte sich nur an seine Begündung: „Sie 
wissen, ich habe nichts an meiner Frau 1 ." Sie wollte dann, um 
nicht mehr mit ihm zusammenzutreffen, den Wefi nach L. zu 
Fuß um den See machen und fragte einen Mann, der ihr 
begegnete, wie weit sie dahin habe. Auf seine Antwort: 
„q7 3 Stunden" gab sie diese Absicht auf und suchte doch wieder 
das Schiff auf, das bald nachher abfuhr. Herr K. war auch 
wieder da, näherte sich ihr, bat sie, ihn zu entschuldigen und 
nichts von dem Vorfalle zu erzählen. Sie gab aber keine Ant- 
wort. — Ja, der Wald im Traume war ganz ähnlich dem 
Walde am Seeufer, in dem sich die eben von neuem beschriebene 
Szene abgespielt hatte. Genau den nämlichen dichten Wald hatte 
sie aber gestern auf einem Gemälde in der Sezessionsausstellung 
gesehen. Im Hintergrunde des Bildes sah man Nymphen 2 . 



1) Diese Worte werden zur Lösung eines unserer Rätsel führen. 

2) Hier zum drittenmal: Bild (Städtebilder, Galerie in Dresden 1 ,, aber in weit 
bedeutsamerer Verknüpfung. Durch das, was man an dem Bilde sieht, wird es zum 
Weibsbilde (Wald. Nymphen). 



i o 2 Ä rankengeschichten 



Jetzt wurde ein Verdacht bei mir zur Gewißheit. Bahnhof 1 
und Friedhof, an Stelle von weiblichen Genitalien, war auffällig 
genug, hatte aber meine geschärfte Aufmerksamkeit auf das ähnlich 
gebildete „Vorhof" gelenkt, einen anatomischen Terminus für 
eine bestimmte Region der weiblichen Genitalien. Aber das 
konnte ein witziger Irrtum sein. Nun, da die „Nymphen" dazu 
kamen, die man im Hintergrunde des „dichten Waldes" sieht, 
war ein Zweifel nicht mehr gestattet. Das war symbolische 
Sexualgeographie! Nymphen nennt man, wie dem Arzte, aber 
nicht dem Laien bekannt, wie übrigens auch ersterem nicht sehr 
gebräuchlich, die kleinen Labien im Hintergründe des „dichten 
Waldes von Schamhaaren. Wer aber solche technische Namen 
wie „Vorhof" und „Nymphen" gebrauchte, der mußte seine 
Kenntnis aus Büchern geschöpft haben, und zwar nicht aus 
populären, sondern aus anatomischen Lehrbüchern oder aus einem 
Konversationslexikon, der gewöhnlichen Zuflucht der von sexueller 
Neugierde verzehrten Jugend. Hinter der ersten Situation des 
Traumes verbarg sich also, wenn diese Deutung richtig war, eine 
Deflorationsphantasie, wie ein Mann sich bemüht, ins weibliche 
Genitale einzudringen 3 . 

Ich teilte ihr meine Schlüsse mit. Der Kindruck muß zwingend 
gewesen sein, denn es kam sofort ein vergessenes Stückchen des 
Traumes nach: Daß sie ruhig 3 auf ihr Zimmer geht und 

i) Der „Bahnhof" dient übrigens dem „Verkehre". Die psychische Umkleidung 
mancher Eisenbahnangst. 

2) Die Deflorationsphantasie ist der zweite Bestandteil dieser Situation. Die Hervor- 
hebung der Schwierigkeit im Vorwärtskommen und die im Traume empfundene 
Angst weisen auf die gerne betonte Jungfräulichkeit, die wir an anderer Stelle durch 
die „Sixtina" angedeutet finden. Diese sexuellen Gedanken ergeben eine unbewußte 
Untcrmalung für die vielleicht nur geheim gehaltenen Wünsche, die sich mit dem 
wartenden Bewerber in Deutschland beschäftigen. Als ersten Bestandteil derselben 
Tranmsituation haben wir die Rachephantasic kennen gelernt, die beiden decken 
einander nicht völlig, sondern nur partiell; die Spuren eine» noch bedeutsameren 
dritten Gedankenzuges werden wir später finden. 

3) Ein andermal hatte sie anstatt „ruhig" gesagt „gar nicht „traurig" (S. 97). 
Ich kann diesen Traum als neuen Beweis für die Richtigkeit einer in der Traum- 
deutung (p. 2gg u. ff., 7. Aufl. p. 387) enthaltenen Behauptung verwerten, daß die 






Bruchstück einer Hysterie -Analyse 105 

in einem großen Buch liest, welches auf ihrem Schreib- 
tische Hegt. Der Nachdruck liegt hier auf den beiden Details: 
ruhig und groß bei Buch. Ich fragte: War es Lexikonformat? 
Sie bejahte. Nun lesen Kinder über verbotene Materien niemals 
ruhig im Lexikon nach. Sie zittern und bangen dabei und 
schauen sich ängstlich um, ob wohl jemand kommt. Die Eltern 
sind bei solcher Lektüre sehr im Wege. Aber die wunscherfüllende 
Kraft des Traumes hatte die unbehagliche Situation gründlich 
verbessert. Der Vater war tot und die anderen schon auf den 
Friedhof gefahren. Sie konnte ruhig lesen, was ihr beliebte. 
Sollte das nicht heißen, daß einer ihrer Gründe zur Rache auch 
die Auflehnung gegen den Zwang der Eltern war? Wenn der 
Vater tot war, dann konnte sie lesen oder lieben, wie sie wollte. 
Zunächst wollte sie sich nun nicht erinnern, daß sie je im 
Konversationslexikon gelesen, dann gab sie zu, daß eine solche 
Erinnerung in ihr auftauchte, freilich harmlosen Inhaltes. Zur 
Zeit als die geliebte Tante so schwer krank und ihre Reise 
nach Wien schon beschlossen war, kam von einem anderen 
Onkel ein Brief, sie könnten nicht nach Wien reisen, ein 
Kind, also ein Vetter Doras, sei gefährlich an Blinddarm- 
entzündung erkrankt. Damals las sie im Lexikon nach, welches 
die Symptome einer Blinddarmentzündung seien. Von dem, was 
sie gelesen, erinnert sie noch den charakteristisch lokalisierten 
Schmerz im Leibe. 

Nun erinnerte ich, daß sie kurz nach dem Tode der Tante 
eine angebliche Blinddarmentzündung in Wien durchgemacht. 
Ich hatte mich bisher nicht getraut, diese Erkrankung zu ihren 
hysterischen Leistungen zu rechnen. Sie erzählte, daß sie die ersten 
Tage hoch gefiebert und denselben Schmerz im Unterleibe ver- 
spürt, von dem sie im Lexikon gelesen. Sie habe kalte Umschläge be- 

zucrst vergessenen und nachträglich erinnerten Traumstücke stets die für das Ver- 
ständnis des Traumes wichtigsten sind. Ich ziehe dort den Schluß, daß auch das 
Vergessen der Träume die Erklärung durch den innerpsychischen Widerstand fordert. 



1Q 4 Krankengeschichten 



kommen, sie aber nicht vertragen j am zweiten Tage sei unter heftigen 
Schmerzen die seit ihrem Kranksein sehr unregelmäßige Periode ein- 
getreten. An Stuhlverstopfung habe sie damals konstant gelitten. 
Es ging nicht recht an, diesen Zustand als einen rein hysterischen 
aufzufassen. Wenn auch hysterisches Fieber unzweifelhaft vor- 
kommt, so schien es doch willkürlich, das Fieber dieser frag- 
lichen Erkrankung auf Hysterie anstatt auf eine organische, 
damals wirksame Ursache zu beziehen. Ich wollte die Spur 
wieder aufgeben, als sie selbst weiterhalf, indem sie den letzten 
Nachtrag zum Traume brachte: Sie sehe sich besonders 
deutlich die Treppe hinaufgehen. 

Dafür verlangte ich natürlich eine besondere Determinieruno. 
Ihren wohl nicht ernsthaft gemeinten Einwand, daß sie ja die 
Treppe hinaufgehen müsse, wenn sie in ihre im Stocke gelegene 
Wohnung wolle, konnte ich leicht mit der Bemerkung abweisen, 
wenn sie im Traume von der fremden Stadt nach Wien reisen 
und dabei die Eisenbahnfahrt übergehen könne, so dürfe sie sich 
auch über die Stufen der Treppe im Traume hinwegsetzen. Sie 
erzählte dann weiter: Nach der Blinddarmentzündung habe sie 
schlecht gehen können, weil sie den rechten Fuß nachgezogen. 
Das sei lange so geblieben, und sie hätte darum besonders 
Treppen gerne vermieden. Noch jetzt bleibe der Fuß manchmal 
zurück. Die Ärzte, die sie auf Verlangen des Vaters konsultierte, 
hätten sich über diesen ganz ungewöhnlichen Rest nach einer 
Blinddarmentzündung sehr verwundert, besonders da der Schmerz 
im Leibe nicht wieder aufgetreten sei und keineswegs das Nach- 
ziehen des Fußes begleitete 1 . 

Das war also ein richtiges hysterisches Symptom. Mochte auch 
das Fieber damals organisch bedingt gewesen sein — etwa durch 

Zwischen der „Ovarie" benannten Schmerzhaftigkeit im Abdomen und der Geh 
Störung des gleichseitigen Beines ist ein somatischer Zusammenhang anzunehmen, 
der hier bei Dora eine besonders spezialisierte Deutung, d. h. psychische Über- 
lagerung und Verwertung erfahrt. Vgl. die analoge Bemerkung bei der Analyse der 
Hustensymptome und des Zusammenhanges von Katarrh und EDunlust. 






Brucftstück einer Hysterie -Analyse 105 

eine der so häufigen Influenza-Erkrankungen ohne besondere 
Lokalisation — so war doch sichergestellt, daß sich die Neurose 
des Zufalles bemächtigte, um ihn für eine ihrer Äußerungen zu 
verwerten. Sie hatte sich also eine Krankheit angeschafft, über 
die sie im Lexikon nachgelesen, sich für diese Lektüre bestraft 
und mußte sich sagen, die Strafe konnte unmöglich der Lektüre 
des harmlosen Artikels gelten, sondern war durch eine Verschiebung 
zustande gekommen, nachdem an diese Lektüre sich eine andere 
schuldvollere angeschlossen hatte, die sich heute in der Erinnerung 
hinter der gleichzeitigen harmlosen verbarg'. Vielleicht ließ 
sich noch erforschen, über welche Themata sie damals gelesen 
hatte. 

Was bedeutete denn der Zustand, der eine Perityphlitis nach- 
ahmen wollte? Der Rest der Affektiou, das Nachziehen eines 
Beines, der zu einer Perityphlitis so gar nicht stimmte, mußte 
sich besser zu der geheimen, etwa sexuellen Bedeutung des 
Krankheitsbildes schicken und konnte seinerseits, wenn man ihn 
aufklärte, ein Licht auf diese gesuchte Bedeutung werfen. Ich 
versuchte, einen Zugang zu diesem Rätsel zu finden. Es waren 
im Traume Zeiten vorgekommen; die Zeit ist wahrlich nichts 
Gleichgültiges bei allem biologischen Geschehen. Ich fragte also, 
wann diese Blinddarmentzündung sich ereignet, ob früher oder 
später als die Szene am See. Die prompte, alle Schwierigkeiten 
mit einem Schlage lösende Antwort war: neun Monate nachher. 
Dieser Termin ist wohl charakteristisch. Die angebliche Blind- 
darmentzündung hatte also die Phantasie einer Entbindung 
realisiert mit den bescheidenen Mitteln, die der Patientin zu 
Gebote standen, den Schmerzen und der Periodenblutung 2 . Sie 

ll Ein ganz typisches Beispiel für Entstehung von Symptomen aus Anlässen, die 
anscheinend mit dem Sexuellen nichts zu tun haben. 

2) Ich habe schon angedeutet, daß die meisten hysterischen Symptome, wenn sie 
ihre volle Ausbildung erlangt haben, eine phantasierte Situation des Sexuallebens 
darstellen, also eine Szene des sexuellen Verkehres, eine Schwangerschaft, Ent- 
bindung, Wochenbett u. dgl. 



io6 



A rankengeschickten 



kannte natürlich die Bedeutung dieses Termins und konnte die 
Wahrscheinlichkeit nicht in Abrede stellen, daß sie damals im 
Lexikon über Schwangerschalt und Geburt gelesen. Was war 
aber mit dem nachgezogenen Beine? Ich durfte jetzt ein Erraten 
versuchen. So geht man doch, wenn man sich den Paß über- 
treten hat. Sie hatte also einen „Fehltritt" getan, ganz richtig, 
wenn sie neun Monate nach der Szene am See entbinden konnte. 
Nur mußte ich eine weitere Forderung aufstellen. Man kann 
nach meiner Überzeugung — solche Symptome nur dann 
bekommen, wenn man ein infantiles Vorbild für sie hat. Die 
Erinnerungen, die man von Eindrücken späterer Zeit hat, besitzen, 
wie ich nach meinen bisherigen Erfahrungen strenge festhalten 
muß, nicht die Kraft, sich als Symptome durchzusetzen. Ich 
wagte kaum zu hoffen, daß sie mir das gewünschte Material 
aus der Kinderzeit liefern würde, denn ich kann in Wirklichkeit 
obigen Satz, an den ich gerne glauben möchte, noch nicht all- 
gemein aufstellen. Aber hier kam die Bestätigung sofort. Ja, sie 
hatte sich als Kind einmal denselben Fuß übertreten, sie war in 
B. beim Heruntergehen auf der Treppe über eine Stufe gerutscht; 
der Fuß, es war sogar der nämliche, den sie später nachzog, schwoll 
an, mußte bandagiert werden, sie lag einige Wochen ruhig. Es war 
kurze Zeit vor dem nervösen Asthma im achten Lebensjahre. 

Nun galt es, den Nachweis dieser Phantasie zu verwerten: 
Wenn Sie neun Monate nach der Szene am See eine Entbindung 
durchmachen und dann mit den Polgen des Fehltrittes bis zum 
heutigen Tage herumgehen, so beweist dies, daß Sie im Un- 
bewußten den Ausgang der Szene bedauert haben. Sie haben ihn 
also in ihrem unbewußten Denken korrigiert. Die Voraussetzung 
Ihrer Entbindungsphantasie ist ja, daß damals etwas vorgegangen 
ist 1 , daß Sie damals all das erlebt und erfahren haben, was Sie 

i) Die Deflorutioiisphantnsie findet also ihre Anwendung auf Herrn K., und es 
wird klar, warum dieselbe Region des Trauminhalts Material aus der Szene am See 
enthalt. (Ablehnung, a' '. Stunden, der Wald, Kinladung nach L.) 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 107 

später aus dem Lexikon entnehmen mußten. Sie sehen, daß Ihre 
Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht beendet war, daß sie sich, wie 
ich behauptet habe, bis auf den heutigen Tag — allerdings Ihnen 
unbewußt — fortsetzt. — Sie widersprach dem auch nicht mehr 1 . 

Diese Arbeilen zur Aufklärung des zweiten Traumes hatten 
zwei Stunden in Anspruch genommen. Als ich nach Schluß der 
zweiten Sitzung meiner Befriedigung über das Erreichte Aus- 
druck gab, antwortete sie geringschätzig: Was ist denn da viel 
herausgekommen? und bereitete mich so auf das Herannahen 
weiterer Enthüllungen vor. 

Einige Nachträge zu den bisherigen Deutungen : Die „Madonna" ist offenbar 
sie selbst, erstens wegen des „Anbeters", der ihr die Bilder geschickt hat, dann weil 
sie Herrn K.'s Liebe vor allem durch ihre Mütterlichkeit gegen seine Kinder ge- 
wonnen hatte, und endlich, weil sie als Mädchen doch schon ein Kind gehabt hat, 
im direkten Hinweise auf die Entbindungsphantasie. Die „Madonna" ist übrigens 
eine beliebte Gegenvorstellung, wenn ein Mädchen unter dem Drucke sexueller Be- 
schuldigungen steht, was ja auch bei Dora zutrifft. Ich bekam von diesem Zusammen- 
hange die erste Ahnung als Arzt der psychiatrischen Klinik bei einem Falle von 
halluzinatorischer Verworrenheit raschen Ablaufes, der sich als Beaktion auf einen 
Vorwurf des Bräutigams herausstellte. 

Die mütterliche Sehnsucht nach einem Kinde wäre bei Fortsetzimg der Analyse 
wahrscheinlich als dunkles aber mächtiges Motiv ihres Handelns aufzudecken gewesen. 
j)j e vielen Fragen, die sie in letzter Zeit aufgeworfen hatte, erscheinen wie Spät- 
abkömmlinge der Fragen sexueller Wißbegierde, welche sie aus dem Lexikon zu 
befriedigen gesucht. Es ist anzunehmen, daß sie über Schwangerschaft, Entbindung, 
Jungfräulichkeit und ähnliche Themata nachgelesen. — Eine der Fragen, die in den 
Zusammenhang der zweiten Traumsituation einzufügen sind, hatte sie bei der Be- 
produktion des Traumes vergessen. Es konnte nur die Frage sein: Wohnt hier der 
Herr ***? oder: Wo wohnt der Herr ***? Es muß seinen Grund haben, daß sie 
diese scheinbar harmlose Frage vergessen, nachdem sie sie überhaupt in den Traum 
aufgenommen. Ich finde diesen Grund in dem Familiennamen selbst, der gleichzeitig 
Gegenstandsbedeutnng hat, und zwar mehrfache, also einem „zweideutigen" Worte 
gleichgesetzt werden kann. Ich kann diesen Namen leider nicht mitteilen, um zu 
zeigen, wie geschickt er verwendet worden ist, um „Zweideutiges" und „Unan- 
ständiges" zu bezeichnen. Es stützt diese Deutung, wenn wir in anderer Begion des 
Traumes, wo das Material aus den Erinnerungen an den Tod der Tante stammt, in 
dem Satze ..Sie sind schon auf den Friedhof gefahren" gleichfalls eine Wortanspielung 
auf den Namen der Tante finden. In diesen unanständigen Worten wäre wohl der 
Hinweis auf eine zweite mündliche Quelle gelegen, da für sie das Wörterbuch 
nicht ausreicht. Ich wäre nicht erstaunt gewesen zu hören, daß Frau K. selbst, 
die Verleumderin, diese Quelle war. Dora hätte dann gerade sie edelmütig ver- 
schont, während sie die anderen Personen mit nahezu tückischer Bache verfolgte; 
hinter der schier unübersehbaren Reihe von Verschiebungen, die sich so ergeben, 
könnte man ein einfaches Moment, die tief wurzelnde homosexuelle Liebe zu Frau K., 
vermuten. 



10 8 Krankengeschichten 



Zur dritten Sitzung trat sie mit den Worten an: „Wissen Sie, 
Herr Doktor, daß ich heute das letzte Mal hier bin?" — Ich 
kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon gesagt haben. — 
„Ja, ich habe mir vorgenommen, bis Neujahr' halte ich es noch 
aus; langer will ich aber auf die Heilung nicht warten." — Sie 
wissen, daß Sie die Freiheit, auszutreten, immer haben. Heute 
wollen wir aber noch arbeiten. Wann haben Sie den Entschluß 
gefaßt? — „Vor 14 Tagen, glaube ich." — Das klingt ja wie 
von einem Dienstmädchen, einer Gouvernante, i.|.tägige Kündigung. 
„Eine Gouvernante, die gekündigt hat, war auch damals bei 
K., als ich sie in L. am See besuchte." — So? von der haben 
Sie noch nie erzählt. Bitte, erzählen Sie. 

„Es war also ein junges Mädchen im Hause als Gouvernante 
der Kinder, die ein ganz merkwürdiges Benehmen gegen den 
Herrn zeigte. Sie grüßte ihn nicht, gab ihm keine Antwort, 
reichte ihm nichts bei Tisch, wenn er um etwas bat, kurz, be- 
handelte ihn wie Luft. Er war übrigens auch nicht viel höflicher 
gegen sie. Einen oder zwei Tage vor der Szene am See nahm 
mich das Mädchen auf die Seite; sie habe mir etwas mitzuteilen. 
Sie erzählte mir dann, Herr K. habe sich ihr zu einer Zeit, als 
die Frau gerade für mehrere Wochen abwesend war, genähert, 
sie sehr umworben und sie gebeten, ihm gefällig zu sein; er 
habe nichts von seiner Frau usw." ... Das sind ja dieselben 
Worte, die er dann in der Werbung um Sie gebraucht, bei 
denen Sie ihm den Schlag ins Gesicht gegeben. — „Ja. Sie gab 
ihm nach, aber nach kurzer Zeit kümmerte er sich nicht mehr 
um sie, und sie haßte ihn seitdem." — Und diese Gouvernante 
hatte gekündigt? — „Nein, sie wollte kündigen. Sie sagte mir, 
sie habe sofort, wie sie sich verlassen gefühlt, den Vorfall ihren 
Eltern mitgeteilt, die anständige Leute sind und irgendwo in 
Deutschland wohnen. Die Eltern verlangten, daß sie das Haus 

1) Es war der 51. Dezember. 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse lo9 

äuge nblickli ch verlasse, und schrieben ihr dann, als sie es nicht 
tat, sie wollten nichts mehr von ihr wissen, sie dürfe nicht 
mehr nach Hause zurückkommen." — Und warum ging sie 
nicht fort? — „Sie sagte, sie wolle noch eine kurze Zeit ab- 
warten, ob sich nichts bei Herrn K. ändere. So zu leben, halte 
sie nicht aus. Wenn sie keine Änderung sehe, werde sie kündigen 
und fortgehen." — Und was ist aus dem Mädchen geworden? 
— „Ich weiß nur, daß sie fortgegangen ist." — Ein Kind hat 
sie von dem Abenteuer nicht davongetragen? — „Nein. 

Da war also — wie übrigens ganz regelrecht — inmitten der 
Analyse ein Stück tatsächlichen Materials zum Vorscheine ge- 
kommen, das früher aufgeworfene Probleme lösen half. Ich konnte 
Dora sagen: Jetzt kenne ich das Motiv jenes Schlages, mit dem 
Sie die Werbung beantwortet haben. Es war nicht Kränkung über 
die an Sie gestellte Zumutung, sondern eifersüchtige Rache. Als 
Ihnen das Fräulein seine Geschichte erzählte, machten Sie noch 
von Ihrer Kunst Gebrauch, alles beiseite zu schieben, was Ihren 
Gefühlen nicht paßte. In dem Moment, da Herr K. die Worte 
gebrauchte: Ich habe nichts an meiner Frau, die er auch zu dem 
Fräulein gesagt, wurden neue Regungen in Ihnen wachgerufen, 
und die Wagschale kippte um. Sie sagten sich: Er wagt es, mich 
zu behandeln wie eine Gouvernante, eine dienende Person? Diese 
Hochmutskränkung zur Eifersucht und zu den bewußten be- 
sonnenen Motiven hinzu: das war endlich zu viel 1 . Zum Beweise, 
wie sehr Sie unter dem Eindrucke der Geschichte des Fräuleins 
stehen, halte ich Ihnen die wiederholten Identifizierungen mit 
ihr im Traume und in Ihrem Benehmen vor. Sie sagen es den 
Eltern, was wir bisher nicht verstanden haben, wie das Fräulein 
es den Eltern geschrieben hat. Sie kündigen mir wie eine 
Gouvernante mit l-rtägiger Kündigung. Der Brief im Traume, 

1) Es war vielleicht nicht gleichgültig, daß sie dieselbe Klage über die Frau, 
deren Bedeutung sie wohl verstand, auch vom Vater gehört haben konnte, wie ich 
sie aus seinem Munde gehört habe. 



1 1(> 



Krankengeschichten 



der Ihnen erlaubt, nach Hause zu kommen, ist ein Gegenstück 
zum Briefe der Eltern des Fräuleins, die es ihr verboten hatten. 

„Warum habe ich es dann den Kitern nicht gleich erzählt? 

Welche Zeit haben Sie denn verstreichen hissen? 

„Am letzten Juni fiel die Szene vor; am 14. Juli habe ich's 
der Mutter erzählt." 

Also wieder 14 Tage, der für eine dienende Person charakteristi- 
sche Termin! Ihre Frage kann ich jetzt beantworten. Sie haben 
ja das arme Mädchen sein- wohl verslanden. Sie wollte nicht 
gleich fortgehen, weil sie noch hoffte, weil sie erwartete, daß 
Herr K. seine Zärtlichkeit ihr wieder zuwenden würde. Das muß 
also auch Ihr Motiv gewesen sein. Sie walteten iU-n Termin ab, 
um zu sehen, ob er seine Werbung erneuern würde, daraus 
hätten Sie geschlossen, daß es ihm Frust war, und daß er nicht 
mit Ihnen spielen wollte wie mit der Gouverante. 

„In den ersten Tagen nach der Abreise schickte er noch eine 
Ansichtskarte 1 ." 

Ja, als aber dann nichts weiter kam, da ließen Sie Ihrer Rache 
freien Lauf. Ich kann mir sogar vorstellen, daß damals noch 
Raum für die Nebenabsicht war, ihn durch die Anklage zum 
Hinreisen nach ihrem Aufenthalte zu bewegen. 

„. . . Wie er's uns ja auch zuerst angetragen hat," warf sie 
ein. — Dann wäre Ihre Sehnsucht nach ihm gestillt worden 
hier nickte sie Bestätigung, was ich nicht erwartet hatte - und er 
hätte Ihnen die Genugtuung geben können, die Sie sich verlangten. 

„Welche Genugtuung?" 

Ich fange nämlich an ZU ahnen, daß Sie die Angelegenheit 
mit Herrn K. viel ernster aufgefaßt haben, als Sie bisher verraten 
wollten. War zwischen den K. nicht oft von Scheidung die Rede? 

„Gewiß, zuerst wollte sie nicht der Kinder wegen, und jetzt 
will sie, aber er will nicht mehr.* 

1) Die» die Anlehnung für den Ingenieur, der »ich hinter dem Ich in der ersten 
Traumsituation verbirgt. 



Bruchstück einer Hysterie- Analyse m 



Sollten Sie nicht gedacht haben, daß er sich von seiner Frau 
scheiden lassen will, um Sie zu heiraten? Und daß er jetzt nicht 
mehr will, weil er keinen Ersatz hat? Sie waren freilich vor 
zwei Jahren sehr jung, aber Sie haben mir selbst von der Mama 
erzählt, daß sie mit 17 Jahren verlobt war und dann zwei Jahre 
auf ihren Mann gewartet hat. Die Liebesgeschichte der Mutter 
wird gewöhnlich zum Vorbilde für die Tochter. Sie wollten also 
auch auf ihn warten und nahmen an, daß er nur warte, bis Sie 
reif genug seien, seine Frau zu werden 1 . Ich stelle mir vor, daß 
es ein ganz ernsthafter Lebensplan bei Ihnen war. Sie haben 
nicht einmal das Recht zu behaupten, daß eine solche Absicht 
bei Herrn K. ausgeschlossen war, und haben mir genug von ihm 
erzählt, was direkt auf eine solche Absicht deutet 2 . Auch sein 
Benehmen in L. widerspricht dem nicht. Sie haben ihn ja nicht 
ausreden lassen und wissen nicht, was er Ihnen sagen wollte. 
Nebstbei wäre der Plan gar nicht so unmöglich auszuführen ge- 
wesen. Die Beziehungen des Papa zu Frau K., die Sie wahr- 
scheinlich nur darum so lange unterstützt haben, boten Ihnen 
die Sicherheit, daß die Einwilligung der Frau zur Scheidung zu 
erreichen wäre, und beim Papa setzen Sie durch, was Sie wollen. 
Ja, wenn die Versuchung in L. einen anderen Ausgang genommen 
hätte, wäre dies für alle Teile die einzig mögliche Lösung ge- 
wesen. Ich meine auch, darum haben Sie den anderen Ausgang 
so bedauert und ihn in der Phantasie, die als Blinddarmentzündung 
auftrat, korrigiert. Es mußte also eine schwere Enttäuschung für 
Sie sein, als anstatt einer erneuten Werbung das Leugnen und 
die Schmähungen von seiten des Herrn K. der Erfolg Ihrer An- 
klage wurden. Sie gestehen zu, daß nichts Sie so sehr in Wut 
bringen kann, als wenn man glaubt, Sie hätten sich die Szene 



1) Das Warten, bis man das Ziel erreicht, findet sich im Inhalte der ersten 
Traumsituation ; in dieser Phantasie vom Warten auf die Braut sehe ich ein Stück 
der dritten, bereits angekündigten Komponente dieses Traumes. 

2) Besonders eine Rede, mit der er im letzten Jahre des Zusammenlebens in B. 
das Weihnachtsgeschenk einer Briefschachtel begleitet hatte. 



1 1 2 Krankengeschichten 



am See eingebildet. Ich weiß nun, woran Sie nicht erinnert 
werden wollen, daß Sie sich eingebildet, die Werbung sei ernst- 
haft und Herr K. werde nicht ablassen, bis Sie ihn geheiratet 
Sie hatte zugehört, ohne wie sonst zu widersprechen. Sie schien 
ergriffen, nahm auf die liebenswürdigste Weise mit warmen 
Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und — kam nicht wieder. 
Der Vater, der mich noch einige Male besuchte, versicherte, sie 
werde wiederkommen; man merke ihr die Sehnsucht nach der 
Fortsetzung der Behandlung an. Aber er war wohl nie ganz auf- 
richtig. Er hatte die Kur unterstützt, so lange er sich Hoffnung 
machen konnte, ich würde Dora „ausreden", daß zwischen ihm 
und Frau K. etwas anderes als Freundschaft bestehe. Sein Interesse 
erlosch, als er merkte, daß dieser Erfolg nicht in meiner Absicht 
liege. Ich wußte, daß sie nicht wiederkommen würde. Es war 
ein unzweifelhafter Racheakt, daß sie in so unvermuteter Weise, 
als meine Erwartungen auf glückliche Beendigung der Kur den 
höchsten Stand einnahmen, abbrach und diese Hoffnungen ver- 
nichtete. Auch ihre Tendenz zur Selbstschädigung fand ihre 
Rechnung bei diesem Vorgehen. Wer wie ich die bösesten 
Dämonen, die unvollkommen gebändigt in einer menschlichen 
Brust wohnen, aufweckt, um sie zu bekämpfen, muß darauf 
gefaßt sein, daß er in diesem Ringen selbst nicht unbeschädigt 
bleibe. Ob ich das Mädchen bei der Behandlung erhalten hätte, 
wenn ich mich selbst in eine Rolle gefunden, den Wert ihres 
Verbleibens für mich übertrieben und ihr ein warmes Interesse 
bezeigt hätte, das bei aller Milderung durch meine Stellung als 
Arzt doch wie ein Ersatz für die von ihr ersehnte Zärtlichkeit 
ausgefallen wäre? Ich weiß es nicht. Da ein Teil der Faktoren, 
die sich als Widerstand entgegenstellen, in jedem Falle unbekannt 
bleibt, habe ich es immer vermieden, Rollen zu spielen, und 
mich mit anspruchsloserer psychologischer Kunst begnügt. Bei 
allem theoretischen Interesse und allem ärztlichen Bestreben, zu 
helfen, halte ich mir doch vor, daß der psychischen Beeinflussung 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 113 

notwendig Grenzen gesetzt sind, und respektiere als solche auch 
den Willen und die Einsicht des Patienten. 

Ich weiß auch nicht, ob Herr K. mehr erreicht hätte, wäre 
ihm verraten worden, daß jener Schlag ins Gesicht keineswegs 
ein endgültiges „Nein" Doras bedeutete, sondern der zuletzt 
geweckten Eifersucht entsprach, während noch die stärksten 
Regungen ihres Seelenlebens für ihn Partei nahmen. Würde er 
dieses erste „Nein" überhört und seine Werbung mit über- 
zeugender Leidenschaft fortgesetzt haben, so hätte der Erfolg- 
leicht sein können, daß die Neigung des Mädchens sich über alle 
inneren Schwierigkeiten hinweggesetzt hätte. Aber ich meine, 
vielleicht ebenso leicht wäre sie nur gereizt worden, ihre Rach- 
sucht um so ausgiebiger an ihm zu befriedigen. Auf welche 
Seite sich in dem Widerstreite der Motive die Entscheidung 
neigt, ob zur Aufhebung oder zur Verstärkung der Verdrängung, 
das ist niemals zu berechnen. Die Unfähigkeit zur Erfüllung der 
realen Liebesforderung ist einer der wesentlichsten Charakterzüge 
der Neurose; die Kranken sind vom Gegensatze zwischen der 
Realität und der Phantasie beherrscht. Was sie in ihren Phanta- 
sien am intensivsten ersehnen, davor fliehen sie doch, wenn es 
ihnen in Wirklichkeit entgegentritt, und den Phantasien über- 
lassen sie sich am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr 
zu befürchten brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung 
aufgerichtet hat, kann allerdings unter dem Anstürme heftiger, 
real veranlaßter Erregungen fallen, die Neurose kann noch durch 
die Wirklichkeit überwunden werden. Wir können aber nicht 
allgemein berechnen, bei wem und wodurch diese Heilung mög- 
lich wäre 1 . 



1) Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes, der sich nicht so 
gründlich verstehen läßt, daß man seine Synthese versuchen könnte. Als ein fassaden- 
artig vorgeschobenes Stück läßt sich die Rachephantasie gegen den Vater heraus- 
heben: Sie ist eigenmächtig von Hause weggegangen; der Vater ist erkrankt, dann 
gestorben ... Sie geht jetzt nach Hause, die anderen sind schon alle auf dem Fried- 
hofe. Sie geht gar nicht traurig auf ihr Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter 
zwei Anspielungen auf den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie 

Freud, VIII. a 



ii4 



Krankengeschichten 



die Eltern einen Abschiedsbrief finden ließ: Der Brief (im Traume von der Mama) 
und die Erwähnung des Leichenbegängnisses der für sie vorbildlichen Tante. — 
Hinter dieser Phantasie verbergen sich die Rachegedanken gegen Herrn K., denen 
sie in ihrem Benehmen gegen mich einen Ausweg geschafft hat. Das Dienstmädchen 
— die Einladung — der Wald — die a'/ 2 Stunden stammen aus dem Muterial der 
Vorgänge in L. Die Erinnerung an die Gouvernante und deren Briefverkehr mit 
ihren Eltern tritt mit dem Element ihres Abschiedsbriefes zu dem im Traiiminhalte 
vorfindlichen Brief, der ihr nach Hause zu kommen erlaubt, zusammen. Die Ablehnung, 
sich begleiten zu lassen, der Entschluß, allein zu gehen, läßt sich wohl so übersetzen : 
Weil du mich wie ein Dienstmädchen behandelt hast, lasse ich dich stehen, gehe 
allein meiner Wege und heirate nicht. — Durch diese Rachegedanken verdeckt, 
schimmert an anderen Stellen Material aus zärtlichen Phantasien aus der unbewußt 
fortgesetzten Liebe zu Herrn K. durch: Ich hätte auf dich gewartet, bis ich deine 
Frau geworden wäre — die Defloration — die Entbindung. — Endlich gehört es 
dem vierten, am tiefsten verborgenen Gedankenkreise, dem der Liebe zu Frau K. 
an, daß die Dcflorationsphantasic vom Standpunkte des Mannes dargestellt wird 
(Identifizierung mit dem Verehrer, der jetzt in der Fremde weilt), und daß an zwei 
Stellen die deutlichsten Anspielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr 
X. X.) und auf die nicht mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse (Lexikon) 
enthalten sind. Grausame und sadistische Regungen finden in diesem Traume ihre 
Erfüllung. 



IV 
NACHWORT 

Ich habe diese Mitteilung zwar als Bruchstück einer Analyse 
angekündigt; man wird aber gefunden haben, daß sie in viel 
weiterem Umfange unvollständig ist, als sich nach diesem ihrem 
Titel erwarten ließ. Es geziemt sich wohl, daß ich versuche, 
diese keinesfalls zufälligen Auslassungen zu motivieren. 

Eine Reihe von Ergebnissen der Analyse ist weggeblieben, 
weil sie beim Abbruch der Arbeit teils nicht genügend sicher 
erkannt, teils einer Fortführung bis zu einem allgemeinen Resultat 
bedürftig waren. Andere Male habe ich, wo es mir statthaft 
schien, auf die wahrscheinliche Fortsetzung einzelner Lösungen 
hingewiesen. Die keineswegs selbstverständliche Technik, mittels 
welcher man allein dem Rohmaterial von Einfällen des Kranken 
seinen Reingehalt an wertvollen unbewußten Gedanken entziehen 
kann, ist von mir liier durchwegs übergangen worden, womit 
der Nachteil verbunden bleibt, daß der Leser die Korrektheit 
meines Vorgehens bei diesem Darstellungsprozeß nicht bestätigen 
kann. Ich fand es aber ganz undurchführbar, die Technik einer 
Analyse und die innere Struktur eines Falles von Hysterie in 
einem zu behandeln; es wäre für mich eine fast unmögliche 
Leistung und für den Leser eine sicher ungenießbare Lektüre 
geworden. Die Technik erfordert durchaus eine abgesonderte 
Darstellung, die durch zahlreiche, den verschiedensten Fällen 



n6 



Krankengesch icfit en 



entnommene Beispiele erläutert wird und von dem jedesmaligen 
Ergebnis absehen darf. Auch die psychologischen Voraussetzungen, 
die sich in meinen Beschreibungen psychischer Phänomene ver- 
raten, habe ich hier zu begründen nicht versucht. Eine flüchtige 
Begründung würde nichts leisten; eine ausführliche wäre eine 
Arbeit für sich. Ich kann nur versichern, daß ich, ohne einem 
bestimmten psychologischen System verpflichtet zu sein, an das 
Studium der Phänomene gegangen bin, welche die Beobachtung 
der Psychoneurotiker enthüllt, und daß ich dann meine Meinungen 
um so viel zurechtgerückt habe, bis sie mir geeignet erschienen, 
von dem Zusammenhange des Beobachteten Rechenschaft zu geben. 
Ich setze keinen Stolz darein, die Spekulation vermieden zu haben; 
das Material für diese Hypothesen ist aber durch die ausgedehnteste 
und mühevollste Beobachtung gewonnen worden. Besonders dürfte 
die Entschiedenheit meines Standpunktes in der Frage des Un- 
bewußten Anstoß erregen, indem ich mit unbewußten Vorstel- 
lungen, Godankeuzügen und Begnügen so operiere, als ob sie 
ebenso gute und unzweifelhafte Objekte der Psychologie wären 
wie alles Bewußte; aber ich bin dessen sicher, wer dasselbe Er- 
scheinungsgebiet mit der nämlichen Methode zu erforschen unter- 
nimmt, wird nicht umhin können, sich trotz alles Abmalmens 
der Philosophen auf denselben Standpunkt zu stellen. 

Diejenigen Fachgenossen, welche meine Theorie der Hysterie 
für eine rein psychologische gehalten und darum von vornherein 
für unfähig erklärt haben, ein patbologisches Problem zu lösen, 
werden aus dieser Abhandlung wohl entnehmen, daß ihr Vorwurf 
einen Charakter der Technik ungerechterweise auf die Theorie 
überträgt. Nur die therapeutische Technik ist rein psychologisch; 
die Theorie versäumt es keineswegs, auf die organische Grund- 
lage der Neurose hinzuweisen, wenngleich sie dieselbe nicht in 
einer pathologisch-anatomischen Veränderung sucht und die zu 
erwartende chemische Veränderung als derzeit noch unfaßbar 
durch die Vorläufigkeit der organischen Funktion ersetzt. Der 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 117 

Sexualfunktion, in welcher ich die Begründung der Hysterie wie 
der Psychoneurosen überhaupt sehe, wird den Charakter eines 
organischen Faktors wohl niemand absprechen wollen. Eine Theorie 
des Sexuallebens wird, wie ich vermute, der Annahme bestimmter, 
erregend wirkender Sexualstoffe nicht entbehren können. Die 
Intoxikationen und Abstinenzen beim Gebrauch gewisser chro- 
nischer Gifte stehen ja unter allen Krankheitsbildern, welche 
uns die Klinik kennen lehrt, den genuinen Psychoneurosen am 
nächsten. 

Was sich aber über das „somatische Entgegenkommen", über 
die infantilen Keime zur Perversion, über die erogenen Zonen 
und die Anlage zur Bisexualität heute aussagen läßt, habe ich in 
dieser Abhandlung gleichfalls nicht ausgeführt, sondern nur die 
Stellen hervorgehoben, an denen die Analyse auf diese organischen 
Fundamente der Symptome stößt. Mehr ließ sich von einem 
vereinzelten Falle aus nicht tun, auch hatte ich die nämlichen 
Gründe wie oben, eine beiläufige Erörterung dieser Momente zu 
vermeiden. Hier ist reichlicher Anlaß zu weiteren, auf eine große 
Zahl von Analysen gestützten Arbeiten gegeben. 

Mit dieser soweit unvollständigen Veröffentlichung wollte ich 
doch zweierlei erreichen. Erstens als Ergänzung zu meinem Buche 
über die Traumdeutung zeigen, wie diese sonst unnütze Kunst 
zur Aufdeckung des Verborgenen und Verdrängten im Seelenleben 
verwendet werden kann 5 bei der Analyse der beiden hier mit- 
geteilten Träume ist dann auch die Technik des Traumdeutens, 
welche der psychoanalytischen ähnlich ist, berücksichtigt worden. 
Zweitens wollte ich Interesse für eine Reihe von Verhältnissen 
erwecken, welche heute der Wissenschaft noch völlig unbekannt 
sind, weil sie sich nur bei Anwendung dieses bestimmten Ver- 
fahrens entdecken lassen. Von der Komplikation der psychischen 
Vorgänge bei der Hysterie, dem Nebeneinander der verschieden- 
artigsten Regungen, der gegenseitigen Bindung der Gegensätze, 
den Verdrängungen und Verschiebungen u. a. m. hat wohl 



n8 



Krankengeschichten 



niemand eine richtige Ahnung haben kommen. Janets Hervor- 
hebung der ide'e fixe, die sich in das Symptom umsetzt, be- 
deutet nichts als eine wahrhaft kümmerliche Schematisierung. 
Man wird sich auch der Vermutung nicht, erwehren können, daß 
Erregungen, deren zugehörige Vorstellungen der Bewußtseins- 
fähigkeit ermangeln, anders aufeinander einwirken, anders ver- 
laufen und zu anderen Äußerungen führen als die von uns 
„normal" genannten, deren Vorstellungsinhalt uns bewußt wird. 
Ist man soweit aufgeklärt, so steht dem Verständnis einer 
Therapie nichts mehr im Wege, welche neurotische Symptome 
aufhebt, indem sie Vorstellungen der orsteren Art in normale 
verwandelt. 

Es lag mir auch daran zu zeigen, daß die Sexualität nicht bloß 
als einmal auftretender dem ex machina irgendwo in das Getriebe 
der für die Hysterie charakteristischen Vorgänge eingreift, sondern 
daß sie die Triebkraft für jedes einzelne Symptom \uh\ für jede 
einzelne Äußerung eines Symptoms abgibt. Die Krankheits- 
erscheinungen sind, geradezu gesagt, die Sexualbetätigung der 
Kranken. Ein einzelner Fall wird niemals imstande sein, einen 
so allgemeinen Satz zu erweisen, aber ich kann es nur immer 
wieder von neuem wiederholen, weil ich es niemals anders finde, 
daß die Sexualität der Schlüssel zum Problem der Psychoneurosen 
wie der Neurosen überhaupt ist. Wer ihn verschmäht, wird 
niemals aufzuschließen imstande sein. Ich warte noch auf die 
Untersuchungen, welchen diesen Satz aufzuheben oder einzu- 
schränken vermögen sollen. Was ich bis jetzt dagegen gehört 
habe, waren Äußerungen persönlichen Mißfallens oder Unglaubens, 
denen es genügt, das Wort Charcots entgegenzuhalten: „pz 
n'empeche pas d'exister." 

Der Fall, aus dessen Krauken- und liehandlungsgeschichte ich 
hier ein Bruchstück veröffentlicht habe, ist auch niclit geeignet, 
den Wert der psychoanalytischen Therapie his rechte Licht zu 
setzen. Nicht nur die Kürze der Behandlungsdauer, die kaum 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 



"9 



drei Monate betrug, sondern noch ein anderes dem Falle inne- 
wohnendes Moment haben es verhindert, daß die Kur mit der 
sonst zu erreichenden, vom Kranken und seinen Angehörigen 
zugestandenen Besserung abschloß, die mehr oder weniger nahe 
an vollkommene Heilung heranreicht. Solche erfreuliche Erfolge 
erzielt man, wo die Krankheitserscheinungen allein durch den 
inneren Konflikt zwischen den auf die Sexualität bezüglichen 
Regungen gehalten werden. Man sieht in diesen Fällen das Be- 
finden der Kranken in dem Maße sich bessern, in dem man durch 
Übersetzung des pathogenen Materials in normales zur Lösung 
ihrer psychischen Aufgaben beigetragen hat. Anders ist der Verlauf, 
wo sich die Symptome in den Dienst äußerer Motive des Lebens 
gestellt haben, wie es auch bei Dora seit den letzten zwei Jahren 
geschehen war. Man ist überrascht und könnte leicht irre werden, 
wenn man erfährt, daß das Befinden der Kranken durch die selbst 
weit vorgeschrittene Arbeit nicht merklich geändert wird. In 
Wirklichkeit steht es nicht so arg} die Symptome schwinden 
zwar nicht unter der Arbeit, wohl aber eine Zeit lang nach der- 
selben, wenn die Beziehungen zum Arzte gelöst sind. Der Aufschub 
des Heilung oder Besserung ist wirklich nur durch die Person 
der Arztes verursacht. 

Ich muß etwas weiter ausholen, um diesen Sachverhalt ver- 
ständlich zu machen. Während einer psychoanalytischen Kur ist 
die Neubildung von Symptomen, man darf wohl sagen: regel- 
mäßig, sistiert. Die Produktivität der Neurose ist aber durchaus 
nicht erloschen, sondern betätigt sich in der Schöpfung einer 
besonderen Art von meist unbewußten Gedankenbildungen, welchen 
man den Namen „Übertragungen" verleihen kann. 

Was sind die Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nachbildungen 
von den Regungen und Phantasien, die während des Vordringens 
der Analyse erweckt und bewußt gemacht werden sollen, mit 
einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung einer früheren 
Person durch die Person des Arztes. Um es anders zu sagen: eine 






120 



Krankengeschichten 



ganze Reihe früherer psychischer Erlebnisse wird nicht als ver- 
gangen, sondern als aktuelle Beziehung zur Person des Arztes 
wieder lebendig. Es gibt solche Übertragungen, die sich im Inhalt, 
von ihrem Vorhilde in gar nichts bis auf die Ersetzung unter- 
scheiden. Das sind also, um in dem Gleichnisse zu bleiben, ein- 
fache Neudrucke, unveränderte Neuaullagen. Andere sind kunstvoller 
gemacht, sie haben eine Milderung ihres Inhaltes, eine Subli- 
mierung, wie ich sage, erfahren und vermögen selbst bewußt 
zu werden, indem sie sich an irgend eine geschickt verwertete 
reale Besonderheit an der Person oder in i\oi\ Verhältnissen des 
Arztes anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht mehr 
Neudrucke. 

Wenn man sich in die Theorie der analytischen Technik 
einläßt, kommt man zu der Hinsicht, da 1.1 die Übertragung etwas 
notwendig Gefordertes ist. Praktisch überzeugt man sich wenigstens, 
daß man ihr durch keinerlei Mittel ausweichen kann, und daß 
man diese letzte Schöpfung der Krankheit wie alle früheren zu 
bekämpfen hat. Nun ist dieses Stück der Arbeit das bei weitem 
schwierigste. Das Deuten der Träume, das Extrahieren der un- 
bewußten Gedanken und Erinnerungen aus den Einfallen des 
Kranken und ähnliche Übersetzuugskünste sind leicht zu erlernen; 
dabei liefert immer der Kranke selbst den Text. Die Übertragung 
allein muß man fast selbständig erraten, auf geringfügige Anhalts- 
punkte hin und ohne sich der Willkür schuldig zu machen. Zu 
umgehen ist sie aber nicht, da sie zur Herstellung aller Hinder- 
nisse verwendet wird, welche das Material der Kur unzugänglich 
machen, und da die Überzeuguiigseinpfuidung für die Kichtigkeit 
der konstruierten Zusammenhänge beim Kranken erst nach Lösung 
der Übertragung hervorgerufen wird. 

Man wird geneigt sein, es für einen schweren Nachteil des 
ohnehin unbequemen Verfahrens zu halten, daß dasselbe die Arbeit 
des Arztes durch Schöpfung einer neuen Gattung von krankhaften 
psychischen Produkten noch vermehrt, ja, wird vielleicht eine 



Bruchstück einer Hysterie - Analyse 121 

Schädigung des Kranken durch die analytische Kur aus der 
Existenz der Übertragungen ableiten wollen. Beides wäre irrig. 
Die Arbeit des Arztes wird durch die Übertragung nicht vermehrt; 
es kann ihm ja gleichgültig sein, ob er die betreffende Regung 
des Kranken in Verbindung mit seiner Person oder mit einer 
anderen zu überwinden hat. Die Kur nötigt aber auch dem 
Kranken mit der Übertragung keine neue Leistung auf, die er 
nicht auch sonst vollzogen hätte. Wenn Heilungen von Neurosen 
auch in Anstalten zustande kommen, wo psychisch-analytische Be- 
handlung ausgeschlossen ist, wenn man sagen konnte, daß die 
Hysterie nicht durch die Methode, sondern durch den Arzt geheilt 
wird, wenn sich eine Art von blinder Abhängigkeit und dauernder 
Fesselung des Kranken an den Arzt zu ergeben pflegt, der ihn 
durch hypnotische Suggestion von seinen Symptomen befreit hat, 
so ist die wissenschaftliche Erklärung für all dies in „Übertragungen" 
zu sehen, die der Kranke regelmäßig auf die Person des Arztes 
vornimmt. Die psychoanalytische Kur schafft die Übertragung 
nicht, sie deckt- sie bloß, wie anderes im Seelenleben Ver- 
borgene, auf. Der Unterschied äußert sich nur darin, daß der 
Kranke spontan bloß zärtliche und freundschaftliche Übertragungen 
zu seiner Heilung wachruft; wo dies nicht der Fall sein kann, 
reißt er sich so schnell wie möglich, unbeeinflußt vom Arzte, der 
ihm nicht „sympathisch" ist, los. In der Psychoanalyse werden 
hingegen, entsprechend einer veränderten Motivenanlage, alle 
Regungen, auch die feindseligen, geweckt, durch Bewußtmachen 
für die Analyse verwertet, und dabei wird die Übertragung immer 
wieder vernichtet. Die Übertragung, die das größte Hindernis für 
die Psychoanalyse zu werden bestimmt ist, wird zum mächtigsten 
Hilfsmittel derselben, wenn es gelingt, sie jedesmal zu erraten 
und dem Kranken zu übersetzen 1 . 



1) [Zusatz 192):] Was hier über die Übertragung gesagt wird, findet dann seine 
Fortsetzung in dem technischen Aufsatz über die „Übertragungsliebe" (enthalten in 
Bd. VI. dieser Gesamtausgabe). 



122 



Krankengeschichten 



Ich mußte von der Übertragung sprechen, weil ich die Be- 
sonderheiten der Analyse Doras nur durch dieses Moment aufzu- 
klären vermag. Was den Vorzug derselben ausmacht und sie als 
geeignet für eine erste, einführende Publikation erscheinen läßt, 
ihre besondere Durchsichtigkeit, das hängt mit ihrem großen 
Mangel, welcher zu ihrem vor/.eitigen Abbruche führte, innig zu- 
sammen. Es gelang mir nicht, der Übertragung rechtzeitig Herr 
zu werden ; durch die Bereitwilligkeit, mit welcher sie mir den 
einen Teil des pathogenen Materials in der Kur zur Verfügung 
stellte, vergaß ich der Vorsicht, auf die ersten Zeichen der Über- 
tragung zu achten, welche sie mit einem anderen, mir unbekannt 
gebliebenen Teile desselben Materials vorbereitete. Zu An lang war 
es klar, daß ich ihr in der Phantasie den Vater ersetzte, wie auch 
bei dem Unterschiede unserer Lebensalter nahelag. Sie verglich 
mich auch immer bewußt mit ihm, suchte sich ängstlich zu 
vergewissern, ob ich auch ganz aufrichtig gegen sie sei, denn der 
Vater „bevorzuge immer die Heimlichkeit und einen krummen 
Umweg". Als dann der erste Traum kam, in dem sie sich warnte, 
die Kur zu verlassen wie seinerzeit das Haus des Herrn K., hätte 
ich selbst gewarnt werden müssen und ihr vorhalten sollen: „Jetzt 
haben Sie eine Übertragung von Herrn K. auf mich gemacht. 
Haben Sie etwas bemerkt, was Sie auf böse Absichten schließen 
läßt, die denen des Herrn K. (direkt oder in irgend einer Subli- 
mierung) ähnlich sind, oder ist Ihnen etwas an mir autgefallen 
oder von mir bekannt geworden, was Ihre Zuneigung erzwingt, 
wie ehemals bei Herrn K.?" Dann hätte sich ihre Aufmerksamkeit 
auf irgend ein Detail aus unserem Verkehre, an meiner Person 
oder an meinen Verhältnissen gerichtet, hinter dem etwas Analoges, 
aber ungleich Wichtigeres, das Herrn K. betraf, sieb verborgen 
hielt, und durch die Lösung dieser Übertragung hätte die Analyse 
den Zugang zu neuem, wahrscheinlich tatsächlichem Material der 
Erinnerung gewonnen. Ich überhörte aber diese erste Warnung, 
meinte, es sei reichlich Zeit, da sich andere Stufen der Über- 



Bruchstück einer Hysterie -Analyse 12 3 

tragung nicht einstellten und das Material für die Analyse noch 
nicht versiegte. So wurde ich denn von der Übertragung über- 
rascht und wegen des X, in dem ich sie an Herrn K. erinnerte, 
rächte sie sich an mir, wie sie sich an Herrn K. rächen wollte, 
und verließ mich, wie sie sich von ihm getäuscht und verlassen 
glaubte. Sie agierte so ein wesentliches Stück ihrer Erinnerungen 
und Phantasien, anstatt es in der Kur zu reproduzieren. Welches 
dieses X war, kann ich natürlich nicht wissen: ich vermute, es 
bezog sich auf Geld, oder es war Eifersucht gegen eine andere 
Patientin, die nach ihrer Heilung im Verkehre mit meiner Familie 
geblieben war. Wo sich die Übertragungen frühzeitig in die 
Analyse einbeziehen lassen, da wird deren Verlauf undurchsichtig 
und verlangsamt, aber ihr Bestand ist gegen plötzliche unwider- 
stehliche Widerstände besser gesichert. 

In dem zweiten Traume Doras ist die Übertragung durch 
mehrere deutliche Anspielungen vertreten. Als sie ihn mir erzählte, 
wußte ich noch nicht, erfuhr es erst zwei Tage später, daß wir 
nur noch zwei Stunden Arbeit vor uns hatten, dieselbe Zeit, 
die sie vor dem Bilde der Sixtinischen Madonna verbracht, und 
die sie auch vermittelst einer Korrektur (zwei Stunden anstatt 
zweieinhalb Stunden) zum Maße des von ihr nicht zurückgelegten 
Weges um den See gemacht hatte. Das Streben und Warten im 
Traume, das sich auf den jungen Mann m ueu 
und von ihrem Warten, bis Herr K. sie heiraten könne, hersta ^; 

hatte sich schon einige Tage vorher in der Übe g g g 

__ _. , n i • A n nirht die Geduld haben, 

Die Kur dauere ihr zu lange, sie werde nu-" 1 - 

, fo ,' . . . ör , ten Wochen Einsicht 
so lange zu warten, während sie in den «&«• 

5 . „. ihre volle Herstellung 

genug gezeigt hatte, meine Ankündigung) 

, . ' . , \Zuxi ohne solchen Ein- 

werde etwa ein Jahr m Anspruch nenme«? 

spruch anzuhören. Die Ablehnung der Be fe 

i • -hfalls a us dem Besuche 
sie wolle lieber allein gehen, die gleicm«* 

. 8 ' ° ,, ; c h ja an dem hielur 

in der Dresdener Galerie herrührte, sollte 

„hl den Sinn: Da alle 
bestimmten Tage erfahren. Sie hatte vvoiw 



12 4 



Krankengeschichten 



± 



Männer so abscheulich sind, so will ich lieber nicht heiraten. Dies 
meine Rache. 1 

Wo Regungen der Grausamkeit und Motive der Rache, die 
schon im Leben zur Aufrechthaltung der Symptome verwendet 
worden sind, sich während der Kur auf i\v\i Arzt übertragen, ehe 
er Zeit gehabt hat, dieselben durch Rückführung auf ihre Quellen 
von seiner Person abzulösen, da darf es nicht. Wunder nehmen, 
daß das Befinden der Kranken nicht den Kiufluß seiner therapeuti- 
schen Bemühung zeigt. Denn wodurch könnte die Kranke sich 
wirksamer rächen, als indem sie an ihrer Person dartut, wie 
ohnmächtig und unfähig der Arzt ist? Dennoch bin ich geneigt, 
den therapeutischen Wert auch so fragmentarischer Behandlungen, 
wie die üoras war, nicht gering zu veranschlagen. 



Erst fünf Vierteljahre nach Abschluß der Behandlung und dieser 
Niederschrift erhielt ich Nachricht, von dein Befinden meiner 
Patientin und somit von dem Ausgange der Kur. An einem nicht 
ganz gleichgültigen Datum, am 1. April wir wissen, daß 

Zeiten bei ihr nie bedeutungslos waren — erschien sie bei mir, 
um ihre Geschichte zu beenden und um neuerdings Hilfe zu 



1) Je weiter ich mich zeitlich von der Beendigung dieser Analyse entferne, desto 
wahrscheinlicher wird mir, daß mein technischer Felder in folgender Unterlassung 
bestand: Ich habe es versäumt, rechtzeitig zu erraten und der Kranken mitzuteilen, 
daß die homosexuelle (gynäkophile) Liebesregung für Frau K. die stärkste der unbe- 
wußten Strömungen ihres Seelenlehens war. Ich hätte erraten müssen, daß keine 
andere Person als Frau K. die Hauptcjuelle für ihre Kenntnis sexueller Dinge sein 
konnte, dieselbe Person, von der sie dann wegen ihres Interesses an solchen Gegen- 
ständen verklagt worden war. Es war doch zu auffällig, daß sie alles Anstößige wußte 
und niemals wissen wollte, woher sie es wußte. An dieses Kätscl hätte ich anknüpfen, 
für diese sonderbare Verdrängung hätte ich das Motiv suchen müssen. Der zweite 
Traum hätte es mir dann verraten. Die rücksichtslose Rachsucht, welcher dieser 
Traum den Ausdruck gab, war wie nichts anderes geeignet, die gegensätzliche 
Strömung zu verdecken, den Edelmut, mit dem sie den Verrat der geliebten Freundin 
verzieh und es allen verbarg, daß diese selbst ihr die Eröffnungen gemacht, deren 
Kenntnis dann zu ihrer Verdächtigung verwende! wurde, l'.he ich die Bedeutung 
der homosexuellen Strömung bei den Psychoncurolikern erkannt hatte, bin ich 
oftmals in der Behandlung von Fällen stecken geblieben oder in völlige Verwirrung 
geraten. 






Bruchstück einer Hysterie -Analyse 125 

erbitten: ein Blick auf ihre Miene konnte mir aber verraten, daß 
es ihr mit dieser Bitte nicht ernst war. Sie war noch vier bis 
fünf Wochen, nachdem sie die Behandlung verlassen, im „Durch- 
einander", wie sie sagte. Dann trat eine große Besserung ein, die 
Anfälle wurden seltener, ihre Stimmung gehoben. Im Mai des 
jetzt vergangenen Jahres starb das eine Kind des Ehepaares K., 
das immer gekränkelt hatte. Sie nahm diesen Trauerfall zum 
Anlasse, um den K. einen Kondolenzbesuch zu machen, und 
wurde von ihnen empfangen, als ob in diesen letzten drei Jahren 
nichts vorgefallen wäre. Damals söhnte sie sich mit ihnen aus, 
nahm ihre Rache an ihnen und brachte ihre Angelegenheit zu 
einem für sie befriedigenden Abschlüsse. Der Frau sagte sie: Ich 
weiß, du hast ein Verhältnis mit dem Papa, und diese leugnete 
nicht. Den Mann veranlaßte sie, die von ihm bestrittene Szene 
am See zuzugestehen, und brachte diese, sie rechtfertigende Nach- 
richt ihrem Vater. Sie hat den Verkehr mit der Familie nicht 
wieder aufgenommen. 

Es ging ihr dann ganz gut bis Mitte Oktober, um welche Zeit 
sich wieder ein Anfall von Stimmlosigkeit einstellte, der sechs 
Wochen lang anhielt. Über diese Mitteilung überrascht, frage ich, 
ob dafür ein Anlaß vorhanden war, und höre, daß der Anfall an 
ein heftiges Erschrecken anschloß. Sie mußte zusehen, wie jemand 
von einem Wagen überfahren wurde. Endlich rückte sie damit 
heraus, daß der Unfall keinen anderen als Herrn K. betroffen 
hatte. Sie traf ihn eines Tages auf der Straße; er kam ihr an 
einer Stelle lebhaften Verkehres entgegen, blieb wie verworren 
vor ihr stehen und ließ sich in der Selbstvergessenheit von einem 
Wagen niederwerfen 1 . Sie überzeugte sich übrigens, daß er ohne 
erheblichen Schaden davonkam. Es rege sich noch leise in ihr, 
wenn sie von dem Verhältnisse des Papas zu Frau K. reden höre, 



1) Ein interessanter Beitrag zu dem in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens" 
behandelten indirekten Selbstmordversuche. 



126 



Krankengeschichten 



in welches sie sich sonst nicht mehr menge. Sie lebe ihren 
Studien, gedenke nicht zu heiraten. 

Meine Hilfe suchte sie wegen einer rechtsseitigen Gesichts- 
neuralgie, die jetzt Tag und Nacht anhalte. Seit wann? „Seit 
genau vierzehn Tagen 1 ." — Ich mußte lächeln, da ich ihr nach- 
weisen konnte, daß sie vor genau vierzehn Tagen eine mich 
betreffende Nachricht in der Zeitung gelesen, was sie auch be- 
stätigte (1902). 

Die angebliche Gesichtsneuralgie entsprach also einer Selbst- 
bestrafung, der Reue wegen der Ohrfeige, die sie damals Herrn K. 
gegeben, und der daraus auf mich bezogenen Racheübertragung. 
Welche Art Hilfe sie von mir verlangen wollte, weiß ich nicht, 
aber ich versprach, ihr zu verzeihen, daß sie mich um die Be- 
friedigung gebracht, sie weit gründlicher von ihrem Leiden zu 
befreien. 

Es sind wiederum Jahre seit dem Besuche bei mir vergangen. 
Das Mädchen hat sich seither verheiratet, und zwar mit jenem 
jungen Manne, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, den die 
Einfälle zu Beginn der Analyse des zweiten Traumes erwähnten. 
Wie der erste Traum die Abwendung vom geliebten Manne zum 
Vater, also die Flucht aus dem Leben in die Krankheit bezeichnete, 
so verkündete ja dieser zweite Traum, daß sie sich vom Vater 
losreißen werde und dem Leben wiedergewonnen sei. 



1) Siehe die Bedeutung dieses Termins und dessen Beziehung zum Thema der 
Rache in der Analyse des zweiten Traumes. 



ANALYSE DER PHOBIE 

EINES FÜNFJÄHRIGEN 

KNABEN 



Die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" erschien l<)0<) im „Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen" Bd. 1, dann in 
der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Von Prof . Dr. Sigm. Freud." 
Dritte Folge (Verlag Franz Deuticke, Leipzig u. Ifien KJI}; 2. Auß. l$2l). — 
Die Aufnahme in diese Gesamtausgabe erfolgt mit Genehmigung des Verlages 
Franz Deuticke. 

Die „Nachschrift zur Analyse des kleinen Hans" erschien I<}22 in der „Inter- 
nationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" , Bd. VIII. 






I 

EINLEITUNG 

Die auf den folgenden Blättern darzustellende Kranken- und 
Heilungsgeschichte eines sehr jugendlichen Patienten entstammt, 
streng genommen, nicht meiner Beobachtung. Ich habe zwar den 
Plan der Behandlung im ganzen geleitet und auch ein einziges 
Mal in einem Gespräche mit dem Knaben persönlich eingegriffen 5 
die Behandlung selbst hat aber der Vater des Kleinen durch- 
geführt, dem ich für die Überlassung seiner Notizen zum Zwecke 
der Veröffentlichung zu ernstem Danke verpflichtet bin. Das Verdienst 
des Vaters reicht aber weiter; ich meine, es wäre einer anderen 
Person überhaupt nicht gelungen, das Kind zu solchen Bekennt- 
nissen zu bewegen; die Sachkenntnis, vermöge welcher der Vater 
die Äußerungen seines 5 jährigen Sohnes zu deuten verstand, hätte 
sich nicht ersetzen lassen, die technischen Schwierigkeiten einer 
Psychoanalyse in so zartem Alter wären unüber windbar geblieben. 
Nur die Vereinigung der väterlichen und der ärztlichen Autorität 
in einer Person, das Zusammentreffen des zärtlichen Interesses 
mit dem wissenschaftlichen bei derselben, haben es in diesem 
einen Falle ermöglicht, von der Methode eine Anwendung zu 
machen, zu welcher sie sonst ungeeignet gewesen wäre. 

Der besondere Wert dieser Beobachtung ruht aber in Folgendem: 
Der Arzt, der einen erwachsenen Nervösen psychoanalytisch be- 
handelt, gelangt durch seine Arbeit des schichtweisen Aufdeckens 

Freud. VIII. q 



13° 



Krankengeschichten 



psychischer Bildungen schließlich zu gewissen Annahmen über die 
infantile Sexualität, in deren Komponenten er die Triebkräfte 
aller neurotischen Symptome des späteren Lebens gefunden zu 
haben glaubt. Ich habe diese Annahmen in meinen 1905 ver- 
öffentlichten „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" dargelegt; 
ich weiß, daß sie dem Fernerstehenden ebenso befremdend er- 
scheinen wie dem Psychoanalytiker unabweisbar. Aber auch der 
Psychoanalytiker darf sich den Wunsch nach einem direkteren, 
auf kürzerem Wege gewonnenen Beweise jener fundamentalen 
Sätze eingestehen. Sollte es denn unmöglich sein, unmittelbar 
am Kinde in aller Lebensfrische jene sexuellen Regungen und 
Wunschbildungen zu erfahren, die wir beim Gealterten mit soviel 
Mühe aus ihren Yerschüt Hingen ausgraben, von denen wir noch 
überdies behaupten, daß sie konstitutionelles Gemeingut aller 
Menschen sind und sich beim Neurotiker nur verstärkt oder 

verzerrt zeigen? 

In solcher Absicht pflege ich meine Schüler und Freunde seit 
Jahren anzueifern, daß sie Beobachtungen über das zumeist geschickt 
übersehene oder absichtlich verleugnete Sexualleben der Kinder 
sammeln mögen. Unter dem Material, welches infolge dieser 
Aufforderung in meine Hände gelangte, nahmen die fortlaufenden 
Nachrichten über den kleinen Hans bald eine hervorragende 
Stelle ein. Seine Eltern, die beide zu meinen nächsten Anhängein 
gehörten, waren übereingekommen, ihr erstes Kind mit nicht 
mehr Zwang zu erziehen, als zur Erhaltung guter Sitle unbedingt 
erforderlich werden sollte, und da das Kind sich zu einem heiteren, 
gutartigen und aufgeweckten Buben entwickelte, nahm der Ver- 
such, ihn ohne Einschüchterung aufwachsen und sich äußern zu 
lassen, seinen guten Fortgang. Ich gehe nun die Aulzeichnungen 
des Vaters über den kleinen Hans wieder, wie sie mir zugetragen 
wurden, und werde mich selbstverständlich jedes Versuches ent- 
halten, Naivität und Aufrichtigkeit der Kinderstube durch kon- 
ventionelle Entstellungen zu stören. 



1 









Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



Die ersten Mitteilungen über Hans datieren aus der Zeit, da 
er noch nicht ganz drei Jahre alt war. Er äußerte damals durch 
verschiedene Reden und Fragen ein ganz besonders lebhaftes In- 
teresse für den Teil seines Körpers, den er als „YViwimacher" 
zu bezeichnen gewohnt war. So richtete er einmal an seine Mutter 
die Frage: 

Hans: „Mama hast du auch einen YYiwimacher?" 

Mama: „Selbstverständlich. Weshalb?" 

Hans: „Ich hab' nur gedacht." 

Im gleichen Alter kommt er einmal in einen Stall und sieht, 
wie eine Kuh gemolken wird. „Schau, aus dem YYiwimacher 
kommt Milch." 

Schon diese ersten Beobachtungen machen die Erwartung rege, 
daß vieles, wenn nicht das meiste, was uns der kleine Hans zeigt, 
sich als typisch für die Sexualentwicklung des Kindes heraus- 
stellen wird. Ich habe einmal ausgeführt 1 , daß man nicht zu sehr 
entsetzt zu sein braucht, wenn man bei einem weiblichen Wesen 
die Vorstellung vom Saugen am männlichen Gliede findet. Diese 
anstößige Regung habe eine sehr harmlose Abkunft, da sie sich 
vom Saugen an der Mutterbrust ableitet, wobei das Euter der 
Kuh, — seiner Natur nach eine Mamma, seiner Gestalt und Lage 
nach ein Penis — eine passende Vermittlung übernimmt. Die 
Entdeckung des kleinen Hans bestätigt den letzten Teil meiner 
Aufstellung. 

Sein Interesse für den Wiwimacher ist indes kein bloß theo- 
retisches; wie zu vermuten stand, reizt es ihn auch zu Berührungen 
des Gliedes. Im Alter von 5 a / 2 Jahren wird er von der Mutter, 
die Hand am Penis, betroffen. Diese droht: „Wenn du das machst, 
lass' ich den Dr. A. kommen, der schneidet dir den YYiwimacher 
ab. Womit wirst du dann Wiwi machen?" 

Hans: „Mit dem Popo." 

1) Bruchstück einer Hysterieanalyse, 1905. (In diesem Band S. 1 11, ff.) 



ij2 Krankengeschichten 



Er antwortet noch ohne Schuldbe wustsein, aber er erwirbt bei 
diesem Anlasse den „Kastrationskomplex", den man in den Analysen 
der Neurotiker so oft erschließen muß, während sie sich sämtlich 
gegen die Anerkennung desselben heftig sträuben. Über die Be- 
deutung dieses Elements der Kindergeschichte wäre viel Wichtiges 
zu sagen. Der „Kastrationskomplex" hat im Mythus (und zwar 
nicht nur im griechischen) auffällige Spuren hinterlassen; ich habe 
seine Rolle in einer Stelle der „Traumdeutung" (p. 585 der 
zweiten Auflage, 7. Aufl. p. 456) und noch anderwärts gestreift.' 

Etwa im gleichen Alter (5*/. Jahre) ruft er in Schönbrunn 
vor dem Löwenkäfige freudig erregt aus: „Ich hab' den Wiwi- 
macher vom Löwen gesehen." 

Die Tiere verdanken ein gutes Stück der Bedeutung, die sie 
im Mythus und im Märchen haben, der Offenheit, mit der sie 
dem kleinen, wißbegierigen Menschenkinde ihre Genitalien und 
ihre sexuellen Funktionen zeigen. Die sexuelle Neugierde unseres 
Hans leidet wohl keinen Zweifel, aber sie macht ihn auch zum 
Forscher, gestattet ihm richtige begriffliche Erkenntnisse. 

Er sieht auf dem Bahnhofe, 3 5 / + Jahre alt, wie aus einer 
Lokomotive Wasser ausgelassen wird. „Schau, die Lokomotive 
macht Wiwi. Wo hat sie denn den Wiwimacher?" 

1) [Zusatz 192):] Die Lehre vom Kastrationskomplex hat seither durch die Beilrage 
von Lou Andreas, A. Stärcke, P. Alexander u. A. einen weiteren Ausbau erfahren. 
Man hat geltendgemacht, daß der Säugling schon das jedesmalige Zurückziehen der Mnttcr- 
brnst als Kastration d. h. als Verlust eines bedeutsamen, KU seinem Besitz gerechneten 
Körperteils empfinden mußte, daß er die regelmäßige Abgabe des Stuhlgangs nicht 
anders werten kann, ja daß der Geburtsakt als Trennung von der Mutter, mit der 
man bis daliin eins war, das Urbild jeder Kastration ist. Unter Anerkennung all dieser 
Wurzeln des Komplexes habe ich doch die Forderung aufgestellt, daß der Name 
Kastrationskomplex auf die Erregungen und Wirkungen m beschränken sei, die mit 
dem Verlust des Penis verknüpft sind. Wer sich in den Analysen Erwachsener von 
der Unausbleiblichkeit des Kastrationskomplexes überzeugt hat, wird es nutürheh 
schwierig finden, ihn auf eine zufällige und doch nicht so allgemein vorkommende 
Androhung zurückzuführen, und wird annehmen müssen, daß das Kind sich diese 
Gefahr auf die leisesten Andeutungen hin, an denen es ja niemals fehlt, konstruirt. 
Dies ist ja auch das Motiv, das den Anstoß gegeben hat, nach den allgemein vor- 
findlichen tieferen Wurzeln des Komplexes zu suchen. Umso wertvoller wird es aber, 
daß im Falle des kleinen Hans die Kastrationsandrohung von den Eltern berichtet 
wird und zwar aus einer Zeit, da seine Phobie noch nicht in Frage kam. 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 155 



Nach einer Weile setzt er nachdenklich hinzu: „Ein Hund 
und ein Pferd hat einen Wiwimacher; ein Tisch und ein Sessel 
nicht." So hat er ein wesentliches Kennzeichen für die Unter- 
scheidung des Lebenden vom Leblosen gewonnen. 

Wißbegierde und sexuelle Neugierde scheinen untrennbar von- 
einander zu sein. Hans' Neugierde erstreckt sich ganz besonders 

auf die Eltern. 

Hans, 5 5 /, Jahre: „Papa, hast du auch einen Wiwimacher?" 

Vater: „Ja natürlich." 

Hans: „Aber ich hab' ihn nie gesellen, wenn du dich aus- 
gezogen hast." 

Ein andermal sieht er gespannt zu, wie sich die Mama vor 
dem Schlafengehen entkleidet. Diese fragt: „Was schaust du 

denn so?" „ 

Hans: „Ich schau' nur, ob du auch einen Wiwimacher hast? 
Mama: „Natürlich. Hast du denn das nicht gewußt?" 
Hans: „Nein, ich hab' gedacht, weil du so groß bist, hast du 
einen Wiwimacher wie ein Pferd." 

Wir wollen uns diese Erwartung des kleinen Hans merken; 
sie wird später zu Bedeutung kommen. 

Das große Ereignis in Hansens Leben ist aber die Geburt seiner 
kleinen Schwester Hanna, als er genau 5*/« Janre alt war 
(April 1905 bis Oktober 1906). Sein Benehmen bei diesem Anlasse 
wurde vom Vater unmittelbar notiert: „Früh um 5 Uhr, mit dem 
Beginne der Wehen, wird Hans' Bett ins Nebenzimmer gebracht; 
hier erwacht er um 7 Uhr und hört das Stöhnen der Gebärenden, 
worauf er fragt: „Was hustet denn die Mama?" — Nach einer 
Pause: „Heut' kommt gewiß der Storch." 

„Man hat ihm natürlich in den letzten Tagen oft gesagt, der 

Storch wird ein Mäderl oder Buberl bringen, und er verbindet 

das ungewohnte Stöhnen ganz richtig mit der Ankunft des Storches." 

Später wird er in die Küche gebracht; im Vorzimmer sieht 

er die Tasche des Arztes und fragt: „Was ist das?", worauf man 






154 



A' rankcngeschichtrn 



ihm sagt: „Eine Tasche." Er dann überzeugt: „Heut' kommt der 
Storch." Nach der Entbindung kommt die Hebamme in die Küche 
und Hans hört, wie sie anordnet, man möge einen Tee kochen, 
worauf er sagt: „Aha, weil die Mammi hustet, bekommt sie einen 
Tee." Er wird dann ins Zimmer gerufen, schaut aber nicht auf 
die Mama, sondern auf die Gefäße mit blutigem Wasser, die noch 
im Zimmer stehen, und bemerkt, auf die blutige Leibschüssel 
deutend, befremdet: „Aber aus meinem Wiwimacher kommt 
kein Blut." 

„Alle seine Aussprüche zeigen, daß er das Ungewöhnliche der 
Situation mit der Ankunft des Storches in Zusammenhang bringt. 
Er macht zu allem, was er sieht, eine sehr mißtrauische, gespannte 
Miene, und zweifellos hat sich das erste Mißtrauen gegen 
den Storch bei ihm festgesetzt." 

Hans ist auf den neuen Ankömmling sehr eifersüchtig und 
sagt, wenn irgend wer sie lobt, schön findet usw., sofort höhnisch: 
„Aber sie hat noch keine Zähne 1 ." Als er sie nämlich zum erstenmal 
sah, war er sehr überrascht, daß sie nicht sprechen kann, und 
meinte, sie könne nicht sprechen, weil sie keine Zähne habe. Er 
wird in den ersten Tagen selbstverständlich sehr zurückgesetzt 
und erkrankt plötzlich an Angina. Im Fieber hört man ihn sagen: 
„Aber ich will kein Schwesterl haben!" 

„Nach etwa einem halben Jahre ist die Eifersucht überwunden, 
und er wird ein ebenso zärtlicher wie seiner Überlegenheit be- 
wußter Bruder 2 ." 

„Ein wenig später sieht Hans zu, wie man seine einwöchentliche 
Schwester badet. Er bemerkt: „Aber ihr Wiwimacher ist noch 



Wiederum ein typisches Verhalten. Ein anderer, nur um »WM Jahne allerer 
Bruder pflegte unter den gleichen Verhall nissen ärgerlich mit dem Ausrufe „zu 
k l)ein, zu k(l)ein" abzuwehren. 

2) „Der Storch soll ihn wieder mitnehmen," äußerte ein linderes, etwas älteres, 
Kind zum Willkomm des Brüderchens. Vergleiche hiezu, was ich in der „Traum- 
deutung" über die Träume vom Tode teuerer Verwundter bemerkt habe Qp. 171 ff., 
7. Aufl.)- 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 135 



klein" und setzt wie tröstend hinzu: „Wenn sie wachst, wird 
er schon größer werden 1 ." 

Im gleichen Alter, zu j 3 /+ Jahren, liefert Hans die erste Er- 
zählung eines Traumes. „Heute, wie ich geschlafen habe, habe 
ich geglaubt, ich bin in Gmunden mit der Mariedl." 

„Mariedl ist die 15jährige Tochter des Hausherrn, die oft mit 

ihm gespielt hat." 

Wie nun der Vater den Traum der Mutter in seiner Gegenwart, 
erzählt, bemerkt Hans richtigstellend: „Nicht mit der Mariedl, 
ganz allein mit der Mariedl." 

Hiezu ist zu bemerken: „Hans war im Sommer 1906 in 
Gmunden, wo er sich den Tag über mit den Hausherrnkmdern 
herumtrieb. Als wir von Gmunden abreisten, glaubten wir, daß 



soS R e g Induktion den allgemeinen Satz erworben, daß jedes belebte Wesen nn 
SSE. zun, Unbelebten einen Wiwimacher besitz«; die Mutter hat fl. . d.eser 
Überzeugung bestärk,, indem sie ihm bejahende Auskünfte über solche Personen gab 
«lie sich seiner eigenen Beobachtung entzogen. Er ist nun ganz und gar unfähig, seine 
Errungenschaft wegen der einen Beobachtung an der kleinen Schwester wieder aul- 
S«ben. Er urteilt also, der Wiwimacher ist auch hier vorhanden, er ist nur _ noch 
, e hr klein, aber er wird wachsen, bis er so groß geworden ist wie der «"«Pferdes 
Wir wollen zur Ehrenrettung unseres kleinen Hans ein Weiteres tun. Er benimmt 
,ieh ^entlieh nicht schlechter als ein Philosoph der Wundtschen Schul, tur emen 
ölchen ist das Bewußtsein der nie fehlende Charakter des Seehschen, wie für Hans 
tiZXmSbm das unentbehrliche Kennzeichen alles Lebenden. Stößt der Philosoph 
" Ti f sTelische Vorgänge, die man erschließen muß. an denen aber wirklich nichts 
v B mß n wahrzunehmen ist - man weiß nämlich nichts von ihnen und kann 
.0 h n7cht u hin, sie zu erschließen - so sagt er nicht etwa, dies seien unbewußte 
letcle Vorgang . sondern er heißt sie dunkelbewußte. Der Wiwimacher is noch 
Älffi diesem Vergleicheist der Vorteil noch auf Se.ten unseres kleinen 
H ns Denn wie so häufig bei den Sexualforschungen der Kinder .st auch hier 
£ r ?em Irr.ume ein Stück richtiger Erkenntnis verborgen. Das kleine Madchen 
W», allerdings auch einen kleinen Wiwimacher. den w,r Klitoris heißen wenn 
er" auch nicht wächst, sondern verkümmert bleibt. .Vgl. menie kleine Arbeit „Lber 
infantile Sexualtheorien." Sexualprobleme, .908: enthalten in Bd. \ dieser Gesamt- 
ausgäbe.) 



136 Krankengeschichten 

ihm der Abschied und die Übersiedlung in die Stadt schwer 
fallen würden. Dies war überraschenderweise nicht der Fall. Er 
freute sich offenbar über die Abwechslung und erzählte durch 
mehrere Wochen sehr wenig von Gmunden. Erst nach Ablauf 
von Wochen stiegen öfter lebhaft gefärbte Erinnerungen an die 
in Gmunden verbrachte Zeit in ihm auf. Seit etwa 4 Wochen 
verarbeitet er diese Erinnerungen zu Phantasien. Er phantasiert, 
daß er mit den Kindern Berta, Olga und Fritz) spielt, spricht 
mit ihnen, als ob sie gegenwärtig wären, und ist imstande, sich 
stundenlang so zu unterhalten. Jetzt, wo er eine Schwester be- 
kommen hat und ihn offenbar das Problem des Kinderkriegens 
beschäftigt, nennt er Berta und Olga nur mehr „seine Kinder" 
und fügt einmal hinzu: „Auch meine Kinder, Berta und Olga, 
hat der Storch gebracht." Der Traum, jetzt nach (^monatlicher 
Abwesenheit von Gmunden, ist offenbar als Ausdruck seiner Sehn- 
sucht, nach Gmunden zu fahren, zu verstehen." \ 

So weit der Vater; ich bemerke vorgreifend, daß Hans mit 
der letzten Äußerung über seine Kinder, die der Storch gebracht 
haben soll, einem in ihm steckenden Zweifel laut widerspricht. 

Der Vater hat zum Glück mancherlei notiert, 
was später zu ungeahntem Werte kommen sollte. 
„Ich zeichne Hans, der in letzter Zeit öfter in 
Schönbrunn war, eine Giraffe. Er sagt mir: 
„Zeichne doch auch den Wiwimacher." Ich dar- 
auf: „Zeichne du ihn selbst dazu." Hierauf fügt 
er an das Bild der Giraffe folgenden Strich (die 
Zeichnung liegt bei), den er zuerst kurz zieht 
und dem er dann ein Stück hinzufügt, indem er 
bemerkt: „Der Wiwimacher ist länger." 

„Ich gehe mit Hans an einem Pferde vorbei, das uriniert. Er 
sagt: „Das Pferd hat den Wiwimacher unten so wie ich." 

„Er sieht zu, wie man seine 5 monatliche Schwester badet, und 
sagt bedauernd: „Sie hat einen ganz, ganz kleinen Wiwimacher." 




Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 137 

„Er erhält eine Puppe zum Spielen, die er auskleidet. Er 
schaut sie sorgfaltig an und sagt: „Die hat aber einen ganz kleinen 
Wiwimacher." 

Wir wissen bereits, daß es ihm mit dieser Formel möglich 
gemacht ist, seine Entdeckung (vgl. p. 1 34) aufrecht zu halten. 

Jeder Forscher ist in Gefahr, gelegentlich dem Irrtume zu ver- 
fallen. Ein Trost bleibt es, wenn er, wie unser Hans im nächsten 
Beispiele, nicht allein irrt, sondern sich zur Entschuldigung auf 
den Sprachgebrauch berufen kann. Er sieht nämlich in seinem 
Bilderbuche einen Affen und zeigt auf dessen aufwärts geringelten 
Schwanz: „Schau, Vatti, der Wiwimacher." 

In seinem Interesse für den Wiwimacher bat er sich ein ganz 
besonderes Spiel ausgedacht. „Im Vorzimmer ist der Abort und 
eine dunkle Holzkammer. Seit einiger Zeit geht Hans in die 
Holzkammer und sagt: „Ich geh' in mein Klosett." Einmal schaue 
ich hinein, um zu sehen, was er in der dunklen Kammer macht. 
Er exhibiert und sagt: „Ich mache Wiwi." Das heißt also: er 
, spielt" Klosett. Der Spielcharakter erhellt nicht nur daraus, daß 
er das Wiwimachen bloß fingiert und nicht etwa wirklich aus- 
führt, sondern auch daraus, daß er nicht ins Klosett geht, was 
eigentlich viel einfacher wäre, vielmehr die Holzkammer vorzieht, 
die er „sein Klosett" heißt." 

Wir würden Hans unrecht tun, wenn wir nur die autoerotischen 
Züge seines Sexuallebens verfolgten. Sein Vater hat uns ausführ- 
liche Beobachtungen über seine Liebesbeziehungen zu anderen 
Kindern mitzuteilen, aus denen sich eine „Objektwahl" wie beim 
Erwachsenen ergibt. Freilich auch eine ganz bemerkenswerte Be- 
weglichkeit und polygamische Veranlagung. 

„Im Winter (3 5 / 4 Jahre) nehme ich Hans aut den Eislaufplatz 
mit und mache ihn mit den beiden etwa 1 o Jahre alten Töchterchen 
meines Kollegen N. bekannt. Hans setzt sich neben sie, die im 
Gefühle ihres reifen Alters ziemlich verächtlich auf den Knirps 
herabblicken, und schaut sie verehrungsvoll an, was ihnen keinen 



158 Krankengeschichten 



großen Eindruck macht. Hans spricht trotzdem von ihnen nur 
als „meine Mäderln". „Wo sind denn meine Mäderln? Wann 
kommen denn meine Mäderln?" und quält mich zu Hause einige 
Wochen lang mit der Frage: „Wann geh' ich wieder auf den 
Eisplatz zu meinen Mäderln?" 

Ein 5 jähriger Cousin von Haus isl bei dem mm (.jährigen zu 
Besuch. Hans umarmt ilm fortwährend und sag! einmal bei einer 
solchen zärtlichen Umarmung: „Ich hab' dich aber lieb." 

Es ist dies der erste, aber nicht der letzte Zug von Homo- 
sexualität, dem wir bei Hans begegnen werden. Unser kleiner 
Hans scheint wirklich ein Ausbund aller Schlechtigkeiten zu sein! 
„Wir sind in eine neue Wohnung eingezogen. (I laus ist 4 Jahre 
alt.) Von der Küche führt die Tür auf einen Klopfbalkon, von 
wo aus man in eine vis-ä-vis gelegene Holwohnung sieht. Hier 
hat Hans ein etwa 7 — 8 jähriges Mäderl entdeckt. Er setzt sich 
nun, um sie zu bewundern, auf die Stufe, die zum Klopfbalkon 
führt, und bleibt dort stundenlang sitzen. Speziell um 4 Uhr 
p. m., wenn das Mäderl aus der Schule kommt, isl er nicht im 
Zimmer zu halten und läßt sich nicht abbringen, seineu Heobac hluugs- 
posten zu beziehen. Einmal, als das Mäderl sich nicht zur ge- 
wohnten Stunde beim Fenster zeigt, wird Hans ganz unruhig 
und belästigt die Hausleute mit Kragen: „Wann kommt das 
Mäderl? Wo ist das Mäderl?" usw. Wenn sie dann erscheint, ist 
er ganz selig und wendet den Blick von i\fr Wohnung gegenüber 
nicht mehr ab. Die Heftigkeit, mit der diese „Liehe per Distanz 
auftrat, findet ihre Erklärung darin, dal) Hans keinen Kameraden 
und keine Gespielin hat. Zur normalen Entwicklung des Kindes 
gehört offenbar reichlicher Verkehr mit anderen Kindern." 

„Dieser wird dann Hans zuteil, als wir kurz darauf ( | .*/■ Jahre) 
zum Sommeraufenthalte nach Gmunden übersiedeln. In unserem 
Hause sind seine Spielgeführten die Kinder des Hausherrn: Franzi 



1) W. Busch: Und die Liebe per Distanz, 

Kurzgesagt, mißfällt mir ganz. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 1 39 

(etwa 12 Jahre), Fritzl (8 Jahre), Olga (7 Jahre), Berta (5 Jahre) 
und überdies die Nachbarkinder: Anna (10 Jahre) und noch zwei 
Mäderl im Alter von 9 und 7 Jahren, deren Namen ich nicht 
mehr weiß. Sein Liebling ist Fritzl, den er oft umarmt und seiner 
Liebe versichert. Er wird einmal gefragt: „Welches von den 
Miiderln hast du denn am liebsten?" Er antwortet: „Den Fritzl." 
Gleichzeitig ist er gegen die Mädchen sehr aggressiv, männlich, 
erobernd, umarmt sie und küßt sie ab, was sich namentlich Berta 
ganz gerne gefallen läßt. Als Berta eines Abends aus dem Zimmer 
kommt, umhalst er sie und sagt im zärtlichsten Tone: „Berta, du 
bist aber lieb", was ihn übrigens nicht hindert, auch die anderen 
zu küssen und seiner Liebe zu versichern. Auch die etwa 14 Jahre 
alle Mariedl, ebenfalls eine Tochter des Hausherrn, die mit ihm 
spielt,~hat er gerne und sagt eines Abends, als er zu Bette ge- 
bracht wird: „Die Mariedl soll bei mir schlafen." Auf die Antwort: 
„Das geht nicht," sagt, er: „So soll sie bei der Mammi oder dem 
Vatti schlafen." Man erwidert ihm: „Auch das geht nicht, die 
Mariedl muß bei ihren Eltern schlafen", und nun entwickelt sich 
folgender Dialog: 

Hans: „So geh' ich halt hinunter zur Mariedl schlafen." 

Mama: „Du willst wirklich von der Mammi weggehen, um 
unten zu schlafen?" 

Hans: „No, früh komm' ich doch wieder herauf zum Kaffee- 
trinken und Aufdieseitegehen." 

Mama: „Wenn du wirklich von Vatti und Mammi gehen willst, 
so nimm dir deinen Rock und deine Hose und — adieu!" 

„Hans nimmt wirklich seine Kleider und geht zur Treppe, um 
zur Mariedl schlafen zu gehen, wird natürlich zurückgeholt." 

„(Hinter dem Wunsche: „Die Mariedl soll bei uns schlafen", 
steckt der andere: „Die Mariedl, mit der er so gerne beisammen 
ist, soll in unsere Hausgemeinschaft aufgenommen werden. Zweifel- 
los sind aber dadurch, daß Vater und Mutter Hans, wenn auch 
nicht allzu häufig, in ihr Bett nahmen, bei diesem Beieinander- 



140 Krankengeschichten 



liegen erotische Gefühle in ihm erweckt worden, und der Wunsch, 
bei der Mariedl zu schlafen, hat auch seinen erotischen Sinn. Bei 
Vater oder Mutter im Bette liegen, ist für Hans wie für alle 
Kinder eine Quelle erotischer Regungen.)" 

Unser kleiner Hans hat sich bei der Herausforderung der Mutter 
benommen wie ein rechter Mann, trotz seiner homosexuellen An- 
wandlungen. 

„Auch in dem folgenden Falle sagte Hans zur Mammi : „Hu, ich 
möcht einmal so gerne mit dem Mäderl schlafen." Dieser Fall 
gibt uns reichlich Gelegenheit zur Unterhaltung, denn Hans 
benimmt sich hier wirklich wie ein Großer, der verliebt ist. In 
das Gasthaus, wo wir zu Mittag essen, kommt seit einigen Tagen 
ein etwa 8 jähriges hübsches Mädchen, in das sich Hans natürlich 
sofort verliebt. Er dreht sich auf seinem Sessel fortwährend um, 
um nach ihr zu schielen, stellt sich, nachdem er gegessen hat, 
in ihrer Nähe auf, um mit. ihr zu kokettieren, wird aber feuerrot, 
wenn man ihn dabei beobachtet. Wird sein Blick von dem 
Mäderl erwidert, so schaut er sofort verschämt auf die entgegen- 
gesetzte Seite. Sein Benehmen ist natürlich ein großes Gaudium 
für alle Gasthausgäste. Jeden Tag, wenn er ins Gasthaus geführt 
wird, fragt er: „Glaubst du, wird das Mäderl heute dort sein?" 
Wenn sie endlich kommt, wird er ganz rot wie ein Erwachsener 
im gleichen Falle. Einmal kommt er glückselig zu mir und 
flüstert mir ins Ohr: „Du, ich weiß schon, wo das Mäderl wohnt. 
Dort und dort habe ich gesehen, wie sie die Stiege hinauf- 
gegangen ist." Während er sich gegen die Mäderl im Hause 
aggressiv benimmt, ist er hier ein platonisch schmachtender Ver- 
ehrer. Dies hängt vielleicht damit zusammen, dal! die Mäderl im 
Hause Dorfkinder sind, diese aber eine kultivierte Dame. Daß er 
einmal sagt, er möchte mit ihr schlafen, ist schon erwähnt worden." 

„Da ich Hans nicht in der bisherigen seelischen Spannung 
lassen will, in die ihn seine Liebe zu dem Mäderl versetzt hat, 
habe ich seine Bekanntschaft mit ihr vermittelt, und das Mäderl 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 141 

eingeladen, nachmittags zu ihm in den Garten zu kommen, wenn 
er seinen Nachmittagsschlaf absolviert hat. Hans ist durch die 
Erwartung, daß das Mäderl zu ihm kommen wird, so aufgeregt, 
daß er zum erstenmal am Nachmittage nicht schläft, sondern sich 
unruhig im Bette hin und her wälzt. Die Mama fragt ihn: 
„Warum schläfst du nicht? Denkst du vielleicht an das Mäderl?", 
worauf er beglückt „ja" sagt. Er hat auch, als er aus dem Gast- 
hofe nach Hause kam, allen Leuten im Hause erzählt: „Du, heute 
kommt mein Mäderl zu mir," und die 14 jährige Mariedl berichtet, 
daß er sie fortwährend gefragt hat: „Du, glaubst du, daß sie mit 
mir lieb sein wird? Glaubst du, daß sie mir einen Kuß geben 
wird, wenn ich sie küß?" u. dgl.' 

„Nachmittags regnete es aber und so unterblieb der Besuch, 
worauf sich Hans mit Berta und Olga tröstete." 

Weitere Beobachtungen noch aus der Zeit des Sommeraufent- 
haltes lassen vermuten, daß sich bei dem Kleinen allerlei Neues 
vorbereitet. 

„Hans, 4V4 Jahre. Heute früh wird Hans von seiner Mama wie 
täglich gebadet und nach dem Bade abgetrocknet und eingepudert. 
Wie die Mama bei seinem Penis, und zwar vorsichtig, um ihn 
nicht zu berühren, pudert, sagt Hans: „Warum gibst du denn 
nicht den Finger hin?" 

Mama: „Weil das eine Schweinerei ist." 

Hans: „Was ist das? Eine Schweinerei? Warum denn?" 

Mama: „Weil es unanständig ist.' 

Hans (lachend): „Aber lustig!" 1 

Ein etwa gleichzeitiger Traum unseres Hans kontrastiert recht 
auffällig mit der Dreistigkeit, die er gegen die Mutter gezeigt 



1) Einen ähnlichen Verführungsversuch berichtete mir eine selbst neurotische 
Mutter, die an die infantile Masturbation nicht glauben wollte, von ihrem 5V2 Jahre 
alten Töchterchen. Sie hatte der Kleinen Unterhöschen anfertigen lassen und probierte 
nun, ob sie nicht im Schritt zu eng seien, indem sie mit ihrer Hand an der Innen- 
fläche des Oberschenkels nach aufwärts strich. Die Kleine schloß plötzlich die Beine 
über die Hand zusammen und bat: .,Mama, laß die Hand doch da. Das tut so gut." 



1 42 Krankengeschichten 



hat. Es ist der erste durch Entstellung unkenntliche Traum des 
Kindes. Dem Scharfsinne des Vaters ist es aber gelungen, ihm 
die Lösung abzugewinnen. 

„Hans 4'/ + Jahre. Traum. Heute früh kommt Elans auf und 
erzählt: „Du, heute nachts habe ich gedacht: Einer sagt: Wer 
will zu mir kommen? Dann sagt jemand: Ich. Dann muH 
er ihn Wiwi machen lassen." 

„Weitere Fragen stellten klar, daß diesem Traume alles Visuelle 
fehlt, daß er dem reinen type auditif angehört. Hans spielt seit 
einigen Tagen mit den Kindern des Hausherrn, darunter seine 
Freundinnen Olga (7 Jahre) und Berta (5 Jahre), Gesellschaftsspiele, 
auch Pfanderauslösen. (A.: Wem gehört das Pfand in meiner 
Hand? B.: Mir. Dann wird bestimmt, was B. zu tun hat.) Diesem 
Pfänderspiele ist der Traum nachgebildet, nur wünscht Hans, daß 
derjenige, der das Pfand gezogen hat, nicht zu den usuellen Küssen 
oder Ohrfeigen verurteilt werde, sondern zum Wiwimachen, oder 
genauer: jemand muß ihn Wiwi machen lassen." 

„Ich lasse mir den Traum noch einmal erzählen; er erzählt ihn 
mit denselben Worten, nur setzt er anstatt: „dann sagt jemand' 
— „dann sagt sie". Diese „sie" ist offenbar Berta oder Olga, mit 
denen er gespielt hat. Der Traum lautet also übersetzt: Ich spiele 
mit den Mäderln Pfanderauslösen. Ich frage: Wer will zu um- 
kommen? Sie (Berta oder Olga) antwortet: Ich. Dann muß sie 
mich Wiwi machen lassen. (Beim Urinieren behilflich sein, was 
Hans offenbar angenehm ist.)" 

„Es ist klar, daß das Wiwimachenlassen, wobei dem Kinde die 
Hose geöffnet und der Penis herausgenommen wird, für Hans 
lustbetont ist. Auf Spaziergängen ist es ja zumeist der Vater, der 
dem Kinde diese Hilfe leistet, was Anlaß zur Fixierung homo- 
sexueller Neigung auf den Vater gibt." 

„Zwei Tage vorher hat er, wie berichtet, die Mama heim 
Waschen und Einpudern der Genitalgegend gefragt: „Warum 
gibst du nicht" den Finger hin?" Gestern, als ich Hans auf die 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 1 43 

Seite gehen ließ, sagte er mir zum erstenmal, ich solle ihn hinters 
Haus führen, damit niemand zuschauen könne, und fügte hinzu: 
„Voriges Jahr, wie ich Wiwi gemacht habe, haben mir die Berta 
und die Olga zugesehen." Ich meine, das heißt, voriges Jahr war 
ihm dieses Zuschauen der Mädchen angenehm, jetzt aber nicht 
mehr. Die Exhibitionslust unterliegt jetzt der Verdrängung. Daß 
der Wunsch, Berta und Olga mögen ihm beim Wiwimachen zu- 
schauen (oder ihn Wiwimachen lassen), jetzt im Leben verdrängt 
wird, ist die Erklärung für dessen Auftreten im Traume, in dem 
er sich die hübsche Einkleidung durch das Pfänderspiel geschaffen 
hat. — Ich beobachtete seither wiederholt, daß er beim Wiwi- 
machen nicht gesehen werden will." 

Ich bemerke hiezu nur, daß auch dieser Traum sich der Regel 
fügt, die ich in der „Traumdeutung" (p. 283 f., 7- Aufl -) gegeben 
habe: Reden, die im Traume vorkommen, stammen von gehörten 
oder selbst gehaltenen Reden der nächstvorigen Tage ab. 

Aus der Zeit bald nach der Rückkehr nach Wien hat der 
Vater noch eine Beobachtung fixiert: „Hans (4*/, Jahre) sieht 
wieder zu, wie seine kleine Schwester gebadet wird, und fängt 
an zu lachen. Man fragt ihn: „Warum lachst du?" 

Hans: „Ich lache über den Wiwimacher der Hanna." — 
„Warum?" — „Weil der Wiwimacher so schön ist." 
„Die Antwort ist natürlich eine falsche. Der Wiwimacher kam 
ihm eben komisch vor. Es ist übrigens das erstemal, daß er den 
Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Genitale in 
solche)- Weise anerkennt, anstatt ihn zu verleugnen." 






II 

KRANKENGESCHICHTE UND ANALYSE 

„Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein Stückchen 
Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Krankengeschichte. Wie sie 
daraus lesen, hat sich bei ihm in den letzten Tagen eine nervöse 
Störung entwickelt, die mich und meine Frau sehr beunruhigt, 
weil wir kein Mittel zu ihrer Beseitigung finden konnten. Ich 

erbitte mir die Erlaubnis, Sie morgen zu besuchen, habe 

Ihnen aber .... das verfügbare Material schriftlich aufgezeichnet." 
„Sexuelle Übererregung durch Zärtlichkeit der Mutter hat wohl 
den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich nicht 
anzugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein Pferd 
beißen werde, scheint irgendwie damit zusammenzuhängen, daß 
er durch einen großen Penis geschreckt ist — den großen Penis 
des Pferdes hat er, wie Sie aus einer früheren Aufzeichnung wissen, 
schon zeitig bemerkt, und er hat damals den Schluß gezogen, daß 
die Mama, weil sie so groß ist, einen Wiwimacher haben müsse 
wie ein Pferd." 

„Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er irgendwo 
einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze nur an 
die Mutter an? Es ist uns nicht angenehm, daß er schon jetzt 
anfängt Rätsel aufzugeben. Abgesehen von der Furcht auf die 
Gasse zu gehen und der abendlichen Verstimmung ist er übrigens 
ganz der Alte, lustig, heiter." 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



H5 



Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die ersten 
Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern uns 
zunächst das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar nicht unsere 
Aufgabe, einen Krankheitsfall gleich zu „verstehen", dies kann 
erst später gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke von ihm 
geholt haben. Vorläufig lassen wir unser Urteil in Schwebe und 
nehmen alles zu Beobachtende mit gleicher Aufmerksamkeit hin. 
Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jännertagen 
dieses Jahres, 1908, stammen, lauten: 

„Hans (4 s / 4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt der 
Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich geschlafen hab', 
hab' ich gedacht, du bist fort und ich hab' keine Mammi zum 
Schmeicheln (= liebkosen)." 
„Also ein Angsttraum." ye 

„Etwas Ahnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden 
bemerkt. Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt 
und machte einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber 
keine Mammi hab', wenn du fortgehst, oder ähnlich 5 ich habe 
den Wortlaut nicht in Erinnerung. Wenn er in einer solchen 
elegischen Stimmung war, wurde er leider immer von der Mama 
ins Bett genommen." 

„Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und 
sagte bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. gesagt hat: 
„Er hat aber ein liebes Pischl 1 ." (Tante M. hatte vor 4 Wochen 
bei uns gewohnt j sie sah einmal zu, wie meine Frau den Knaben 
badete, und sagte Obiges tatsächlich leise zu meiner Frau. Hans 
hat es gehört und suchte es zu verwerten.)" 

„Am 7. Jänner geht er mit den Kindermädchen wie gewöhnlich 
in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinen und verlangt, 
daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mit der Mammi 



mj)S!!^ = Genitale - Liebkosungen der Kindergenitalien i„ Worten oder auch 
latlichkeiten von Seiten zärtlicher Verwandter, mitunter auch der Eltern selbst, gehören 
zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen, von denen die Psychoanalysen voll sind. 
Freud, VIII. 



X/ ,ß Krankengeschichten 



„schmeicheln". Zu Hause befragt, weshalb er nicht weiter gehen 
wollte und geweint hat, will er es nicht sagen. Bis zum Abend 
ist er heiter wie gewöhnlich; abends bekommt er sichtlich Angst, 
weint und ist von der Mama nicht fortzubringen; er will wieder 
schmeicheln. Dann wird er wieder heiter und schläft gut." 

„Am 8. Jänner will die Frau selbst mit Ihm spazieren gehen, 
um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schönbrunn, 
wohin er sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen, will 
nicht weggehen, fürchtet sich. Schließlich geht er doch, hat aber 
auf der Straße sichtlich Angst. Auf der Rückfahrt von Schönbrunn 
sagt er nach vielem Sträuben zur Mutter: Ich hab' mich gefürchtet, 
daß mich ein Pferd beißen wird. (Tatsächlich wurde er in 
Schönbrunn unruhig, als er ein Pferd sah.) Abends soll er wieder 
einen ähnlichen Anfall bekommen haben wie tags vorher, mit 
Verlangen zu schmeicheln. Man beruhigt ihn. Er sagt weinend: 
„Ich weiß, ich werde morgen wieder spazieren gehen müssen, 
und später: „Das Pferd wird ins Zimmer kommen." 

Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du vielleicht die 
Hand zum Wiwimacher?" Darauf sagt er: „Ja jeden Abend, wenn 
ich im Bett bin." Am nächsten Tage, 9. Jänner, wird er vor dem 
Nachmittagsschlaf gewarnt, die Hand zum Wiwimacher zu geben. 
Nach dem Aufwachen befragt, sagt er, er hat sie doch für kurze 
Zeit hingegeben." 

Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wir 
merken ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinander 
zu sondern. Das Material erscheint uns übrigens zur Orientierung 
vollkommen ausreichend und kein anderer Zeitpunkt ist dem 
Verständnisse so günstig wie ein solches, leider meist vernachlässigtes 
oder verschwiegenes Anfangsstadium. Die Störung setzt mit ängstlich- 
zärtlichen Gedanken und dann mit einem Angsttraum ein. Inhalt 
des letzteren: Die Mutter zu verlieren, so daß er mit ihr nicht 
schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit für die Mutter muß sich also 
enorm gesteigert haben. Dies das Grundphänomen des Zustandes. 



-Analyse der Phobie eines fünfjä hrigen Knaben 147 

Erinnern wir uns noch zur Bestätigung der beiden Verführungs- 
versuche, die er gegen die Mutter unternimmt, von denen der 
erste noch in den Sommer fällt, der zweite, knapp vor dem 
Ausbruche der Straßenangst, einfach eine Empfehlung seines Genitales 
enthält. Diese gesteigerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die 
in Angst umschlägt, die, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt. 
Wir wissen noch nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt ; 
vielleicht erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden 
Intensität der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir 
noch nicht erkennen, dabei mit. Wir werden es weiterhin erfahren. 
Diese, verdrängter erotischer Sehnsucht entsprechende, Angst ist 
zunächst wie jede Kinderangst objektlos, noch Angst und nicht 
Furcht. Das Kind kann nicht wissen, wovor es sich fürchtet, und 
wenn Hans auf dem ersten Spaziergange mit dem Mädchen nicht 
sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß er es eben noch nicht. 
Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama auf der Straße fehlt, 
mit der er schmeicheln kann, und daß er nicht von der Mama 
weg will. Er verrät da in aller Aufrichtigkeit den ersten Sinn 
seiner Abneigung gegen die Straße. 

Auch seine, an zwei Abenden hintereinander vor dem Schlafen- 
gehen wiederholten, ängstlichen und noch deutlich zärtlich getönten 
Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung eine Phobie 
vor der Straße oder dem Spaziergange oder gar vor den Pferden 
noch gar nicht vorhanden ist. Der abendliche Zustand würde 
dann unerklärlich; wer denkt vor dem Zubettgehen an Straße 
und Spaziergang? Hingegen ist es vollkommen durchsichtig, daß 
er abends so ängstlich wird, wenn ihn vor dem Zubettgehen die 
Libido, deren Objekt die Mutter ist, und deren Ziel etwa sein 
könnte, bei der Mutter zu schlafen, verstärkt überfällt. Er hat 
doch die Erfahrung gemacht, daß die Mutter sich durch solche 
Stimmungen in Gmunden bewegen ließ, ihn in ihr Bett zu 
nehmen, und er möchte dasselbe hier in Wien erreichen. Neben- 
bei vergessen wir nicht daran, daß er in Gmunden zeitweise mit 



! 48 Krankengeschichten 



der Mutter allein war, da der Vater nicht die ganzen Ferien 
dort verbringen konnte; ferner daß sich dort seine Zärtlichkeit 
auf eine Reihe von Gespielen, Freunde, Freundinnen, verteilt 
hatte, die ihm hier abgingen, so daß die Libido wieder un- 
geteilt zur Mutter zurückkehren konnte. 

Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie ist 
nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht auch für 
etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll In Befriedigung verwandeln, 
wenn man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der Angst nützt 
diese Therapie nichts mehr, sie bleibt, auch wenn die Sehnsucht 
befriedigt sein könnte, sie ist nicht mehr voll in Libido zurück- 
zuverwandeln; die Libido wird durch irgend etwas in der Ver- 
drängung zurückgehalten'. Dies zeigt sich bei Hans auf dem 
nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm macht. Er ist jetzt 
mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte Sehnsucht^ 
nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt sich ja doch zum 
Spaziergange bewegen, während er das Dienstmädchen zum Um- 
kehren gezwungen hat; auch ist die Straße nicht der richtige Ort 
fürs „Schmeicheln", oder was der kleine Verliebte sonst möchte. 
Aber die Angst hat die Probe bestanden und muß jetzt ein Objekt 
finden. Auf diesem Spaziergange äußert er zunächst die Furcht, daß 
ihn ein Pferd beißen werde. Woher das Material dieser Phobie 
stammt? Wahrscheinlich aus jenen noch unbekannten Komplexen, 
die zur Verdrängung beigetragen haben und die Libido zur Mutter 
im verdrängten Zustand erhalten. Das ist noch ein Rätsel des 
Falles, dessen weitere Entwicklung wir nun verfolgen müssen, um 
die Lösung zu finden. Gewisse Anhaltspunkte, die wahrscheinlich 
verläßlich sind, hat uns der Vater schon gegeben, daß er die 
Pferde wegen ihrer großen Wiwimacher immer mit Interesse 
beobachtet, daß er angenommen, die Mama müsse einen Wiwi- 



1) Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstlich-sehnsüchtige Empfindung von 
dem Momente an eine pathologische Angst, wenn sie nicht mehr durch die Zu- 
führung des ersehnten Objektes aufzuheben ist. 



Analyse der- Phobie eines fünfjährigen Knaben i/j.9 

macher haben wie ein Pferd u. dgl. So könnte man meinen, das 
Pferd sei nur ein Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen, 
daß Hans am Abend die Furcht äußert, das Pferd werde ins 
Zimmer kommen? Eine dumme Angstidee eines kleinen Kindes, 
wird man sagen. Aber die Neurose sagt nichts Dummes, so wenig 
wie der Traum. Wir schimpfen immer dann, wenn wir nichts 
verstehen. Das heißt, sich die Aufgabe leicht machen. 

Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem andern 
Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede Nacht vor 
dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis beschäftigt. 
Nun, wird der Praktiker gerne sagen, nun ist alles klar. Das 
Kind masturbiert, daher also die Angst. Gemach! Daß das Kind 
sich masturbatorisch Lustgefühle erzeugt, erklärt uns seine Angst 
keineswegs, macht sie vielmehr erst recht rätselhaft. Angst- 
zustände werden nicht durch Masturbation, überhaupt nicht durch 
Befriedigung hervorgerufen. Nebenbei dürfen wir annehmen, daß 
unser Hans, der jetzt 4V* Jahre alt ist, sich dieses Vergnügen 
gewiß schon seit einem Jahre (vgl. p. 151) allabendlich gönnt, 
und werden erfahren, daß er sich gerade jetzt im Abge- 
wöhnungskampfe befindet, was zur Verdrängung und Angst- 
bildung besser paßt. 

Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen 
wir Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen 
Schein von Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und all- 
zu häufige Bereitwilligkeit, das Kind ins Bett zu nehmen, den 
Ausbruch der Neurose herbeigeführt 5 wir könnten ihr ebensowohl 
den Vorwurf machen, daß sie durch ihre energische Abweisung 
seiner Werbungen („das ist eine Schweinerei") den Eintritt der 
Verdrängung beschleunigt habe. Aber sie spielt eine Schicksals- 
rolle und hat einen schweren Stand. 

Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen solle, 
das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts. Die 
Wahrheit sei, daß er die Mama so gern habe und von ihr ins 



1 nü 



Krankengeschichten 



Bett genommen werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher der 
Pferde so sehr interessiert habe, darum fürchte er sich jetzt vor 
den Pferden. Er habe gemerkt, es sei unrecht, sich mit dem 
Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv zu beschäftigen, 
und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner schlug ich dem 
Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung zu betreten. Da 
wir nach der Vorgeschichte des Kleinen annehmen durften, seine 
Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher der Mama zu sehen, 
so solle er ihm dieses Ziel durch die Mitteilung entziehen, daß 
die Mama und alle anderen weiblichen Wesen, wie er ja von 
der Hanna wissen könne, — einen Wiwimacher überhaupt nicht 
besitzen. Letztere Aufklärung sei bei passender Gelegenheit im 
Anschlüsse an irgend eine Frage oder Äußerung von Hans zu 
erteilen. 

Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die 
Zeit vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird 
bald ihre Erklärung finden. 

„Der Aufklärung' folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans ohne 
besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den Stadt- 
park spazieren zu gehen. Seine Furcht vor Pferden verwandelt 
sich mehr und mehr in den Zwang, auf Pferde hinzusehen. Er 
sagt: „Ich muß auf die Pferde sehen und dann fürchte ich mich.' 
„Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett 
fesselt, verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht zu 
bewegen ist, auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon. 
Sonntags fährt er jede Woche mit mir nach Lainz 2 , weil an 
diesem Tage wenig Wagen auf der Straße zu sehen sind, und 
er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg hat. In Lainz weigert 
er sich einmal, aus dem Garten heraus spazieren zu gehen, weil 
ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren Woche, 



1) Was seine Angst bedeute; noch nichts über den Wiwimacher der Frauen. 

2) Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



151 



die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten 
wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar 
auf den Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er 
zum Haustor kommt, rasch wieder um." 

„Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum 
Bahnhofe folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu erklären, 
daß Pferde nicht beißen. Er: „Aber weiße Pferde beißen ; in 
Gmunden ist ein weißes Pferd, das beißt. Wenn man die Finger 
hinhält, beißt es." (Es fällt mir auf, daß er sagt: die Finger 
anstatt: die Hand). Er erzählt dann folgende Geschichte, die ich 
hier zusammenhängend wiedergebe: „Wie die Lizzi hat weg- 
fahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor 
ihrem Hause gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen 
sollte. (Lizzi ist, wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem 
Nachbarhause wohnte.) Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestanden 
und das Pferd hat den Kopf hingewendet (um ihn zu berühren), 
und er hat zur Lizzi gesagt: Gib nicht die Finger zum 
weißen Pferd, sonst beißt es dich". Ich sage darauf: „Du, 
mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern ein 
Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll." 

Er: „Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht." 

Ich: „Vielleicht doch," worauf er mir lebhaft beweisen will, 
daß es wirklich ein weißes Pferd war 1 ." 

Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet: 

Weißt du was? Die Dummheit" — so nennt er seine Phobie — 

wird schwächer werden, wenn du öfter spazieren gehst. Jetzt 

ist sie so stark, weil du nicht aus dem Hause herausgekommen 

bist, weil du krank warst." 

Er: ..O nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die 
Hand zum Wiwimacher gebe jede Nacht." 



<D 



\ 



/w 



i 



1) Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier eine wirkliche Be- 
gebenheit erzählt hat. — Die Juckempfindungen an der Eichel, welche die Kinder zur 
Berührung veranlassen, werden übrigens in der Regel so beschrieben: Es beißt mich. 



152 



Krankengeschichten 



Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin, der 
Onanieangewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des 
gegenwärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht 
an Anzeichen für die Bedeutung anderer Momente. 

„Am 3. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten, das 
sein besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim Zimmer- 
reinigen aufsitzen läßt, nennt er sie nur „mein Pferd" und hält 
sie immer am Rock, „Hüoh" rufend. Am 10, März etwa sagt 
er zu diesem Kindermädchen: „Wenn Sie das oder das tun, 
müssen Sie sich ganz ausziehen, auch das Hemd." (Er meint, 
zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter den Wunsch zu erkennen.) 

Sie: „No, was ist da dran? So werd' ich mir denken, ich 
hab' kein Geld auf Kleider." 

Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch den 
Wiwimacher." 

Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und wie 
es den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer moralisierenden 
Tendenz verdeckt! 

„Am 15. März früh sage ich zu Hans: „Weißt du, wenn du 
nicht mehr die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dumm- 
heit schon schwächer werden." 

Hans: „Aber ich geb' die Hand nicht mehr zum Wiwimacher." 

Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben." 

Hans: „Ja, das schon, aber ,möchten' ist nicht ,tun,' und ,tun* 
ist nicht , möchten'". (!!) 

Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute 
einen Sack zum Schlafen." 

„Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar, sagt 
aber, durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes 
sichtlich gehoben: „No morgen, wenn ich den Sack haben 
werde, wird die Dummheit weg sein." Er fürchtet sich tat- 
sächlich vor Pferden viel weniger und läßt Wagen ziemlich 
ruhig vorüberfahren." 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 153 

„Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen, 
mit mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich geht 
er doch mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige Wao-en 

fc> ö 

fahren, sichtlich wohl und sagte: „Das ist gescheit, daß der 
liebe Gott das Pferd schon ausgelassen hat." Auf dem Wege er- 
kläre ich ihm, daß seine Schwester keinen Wiwimacher hat wie 
er. Mäderl und Frauen haben keinen Wiwimacher. Die Mammi 
hat keinen, die Anna nicht usw." 

Hans: „Hast du einen Wiwimacher?" 

Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?" 

Hans: (Nach einer Pause) „Wie machen aber Mäderl Wiwi, 
wenn sie keinen Wiwimacher haben?" 

Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast du 
noch nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?" 

„Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten usw. 
Erst gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint sich 
vor Pferden zu fürchten." 

„Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach 
Schmeicheln schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten 
Tage wird er von der Mama in die Stadt mitgenommen, hat 
auf der Gasse große Furcht. Tags darauf bleibt er zu Hause 
und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen kommt er gegen 
6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt er: 
„Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben. 
Da hab' ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und 
sie hat den Wiwimacher sehen lassen. Ich hab' der Grete 1 , 
meiner Grete, gezeigt, was die Mama macht, und hab' ihr 
meinen Wiwimacher gezeigt. Dann hab' ich die Hand schnell 
vom Wiwimacher weggegeben." Auf meinen Einwand, es kann 
nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt Hans: „Sie war 



1) Grete ist eines der Gmundner Mäderl, von der Hans gerade jetzt phantasiert; 
er spricht und spielt mit ihr. 



1 54. Kraiikengcschiclttcn 



im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den Wiwi- 
macher gesehen hab\" 

Das ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem 
Traume äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun 
läßt, dient offenbar zu seiner Rechtfertigung: „Wenn die Mammi 
den Wiwimacher zeigt, darf ich es auch." 

Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens, 
daß der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf 
ihn geübt hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten 
keinen Wiwimacher, von ihm zunächst nicht akzeptiert wird. 
Er bedauert es, daß es so sein soll, und hält in der Phantasie 
an ihm fest. Vielleicht hat er auch seine Gründe, dem Vater 
fürs erste den Glauben zu versagen. 



Wochenbericht des Vaters: „Geehrter Herr Professor! Anbei 
folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein ganz 
interessantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie Montag 
in der Ordination aufzusuchen und ^womöglich Hans mitbringen 
— vorausgesetzt, daß er geht. Ich hab' ihn heute gefragt: „Willst 
du Montag mit mir zu dem Professor gehen, der dir die Dumm- 
heit wegnehmen kann?" 

Er: „Nein." 

Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl." — Darauf hat 
er bereitwillig und freudig zugestimmt." 

„Sonntag, '22. März. Um das Sonntagsprogramm zu erweitern, 
schlage ich Hans vor, zuerst nach Schöllbrunn zu fahren und erst 
mittags von dort nach Lainz. Er hat also nicht bloß den Weg 
von der Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt zu Fuß 
zurückzulegen, sondern auch von der Station Hietzing nach Schön- 
brunn und von dort wieder zur Dam pftramway Station Hietzing, 
was er auch absolviert, indem er, wenn Pferde kommen, eiligst 
wegschaut, da ihm offenbar ängstlich zu Mute ist. Mit dem 
Wegschauen befolgt er einen Rat der Mama." 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 155 

„In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst furcht- 
los angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich die 
Giraffe befindet, absolut nicht hinein, will auch zum Elefanten 
nicht, der ihm sonst viel Spaß gemacht hat. Er fürchtet sich vor 
allen großen Tieren, während er sich bei den kleinen sehr unter 
hält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal auch den Pelikan, 
was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen seiner Größe." 

„Ich sage ihm daraufhin: Weißt du, warum du dich vor den ^ 
großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen Wiwi- 
macher, und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen Wiwi- 
macher." 

Hans: „Aber ich habe noch nie von den großen Tieren den 
Wiwimacher gesehen 1 ." 

Ich: „Aber vom Pferde doch und das Pferd ist auch ein 
großes Tier." 

Hans: „Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der Wagen 
vor dem Hause gestanden ist, einmal vor dem Hauptzollamt." 

Ich: „Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in Gmunden 
in einen Stall gegangen " 

Hans (unterbrechend): ..Ja. jeden Tag, wenn in Gmunden die 
Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall gegangen." 

Ich: „ — und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du 
einmal den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber 
davor brauchst du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben 
große Wiwimacher, kleine Tiere kleine Wiwimacher." 

Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der Wiwi- 
macher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja an- 
gewachsen." ") 

„Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen scheint 
die Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors Haustor, 
wohin man ihn nach dem Essen führt." 

1) Das ist falsch. Vergleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfig:, P- 152. Wahrscheinlich 
beginnendes Vergessen infolge der Verdrängung. 









156 



Krankengesch ich t< m 



Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht, auf die Situation und 
gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein wenig zu korrigieren. 
Es ist wahr, daß er hei den großen Tieren Angst hat, weil er an 
deren großen Wiwimacher denken muß, aber man kann eigentlich 
nicht sagen, daß er sich vor dem großen Wiwimacher seihst 
fürchtet. Die Vorstellung eines solchen war ihm früher entschieden 
lustbetont, und er versuchte mit allem Eifer, sich dessen Anblick 
zu verschaffen. Dies Vergnügen ist ihm seither verleidet worden 
durch die allgemeine Verkehrung von Lust in Unlust, die üiif 

noch nicht aufgeklärte Weise — seine ganze Sexualforsch ung be- 
troffen hat, und was uns deutlicher ist, du ich gewisse Erfahrungen 
und Erwägungen, die zu peinlichen Ergebnissen führten. Aus 
seiner Tröstung: Der Wiwimacher warbst mit mir, wenn ich 
größer werde, läßt sich schließen, daß er bei seinen Beobachtungen 
beständig verglichen hat und von der Größe seines eigenen Wiwi- 
machers sehr unbefriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern 
ihn die großen Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm 
sind. Weil aber der ganze Gedankengang wahrscheinlich nicht 
klar bewußt werden kann, wandelt sich auch diese peinliche 
Empfindung in Angst, so daß seine gegenwärtige Angst sich auf 
der ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust aufbaut. Wenn 
einmal der Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die Angst alle 
anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrängung, je 
mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstellungen ins 
Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst verwandeln. 

Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja angewachsen." 
läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten, was er nicht 
aussprechen kann, auch in dieser Analyse nicht ausgesprochen bat. 
Ich ergänze da ein Stück nach meinen Erfahrungen aus den 
Analysen Erwachsener, aber ich hoffe, die Einschaltung wird nicht 
als eine gewaltsame und willkürliche beurteilt werden. „Er ist ja 
angewachsen": wenn das zum Trutze und Tröste gedacht ist, so 
läßt es an die alte Drohung der Mutter denken, sie werde ihm 



*) 'U ^'-dJM fo, \'U-(A fa &A>rvo^v, ^ ^M- (?/..■ 'e^eC'jMtUf' J 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



157 



den Wiwimacher abschneiden lassen, wenn er fortfahre, sich mit 
ihm zu beschäftigen. Diese Drohung blieb damals, als er gV a Jahre 
alt war, wirkungslos. Er antwortete ungerührt, dann werde er 
aber mit dem Popo Wiwi machen. Es wäre durchaus das typische 
Verhalten, wenn die Drohung mit der Kastration jetzt nach- 
träglich zur Wirkung käme, und er jetzt, iV 4 Jahre später, unter 
der Angst stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man 
kann solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen 
in der Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo 
das Intervall ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich 
kenne Fälle, in denen der „nachträgliche Gehorsam" der 
Verdrängung den wesentlichen Anteil an der Determinierung der 

Krankheitssymptome hat. 

Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß Frauen 
wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschütternd auf 
sein Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastrationskomplex 
gewirkt haben. Darum sträubte er sich auch gegen sie, und darum 
blieb ein therapeutischer Erfolg dieser Mitteilung aus: Soll es also 
wirklich lebende Wesen geben, die keinen Wiwimacher besitzen? 
Dann wäre es ja nicht mehr so unglaublich, daß man ihm den Wiwi- 
macher wegnehmen, ihn gleichsam zum Weibe machen könnte! 1 

„In der Nacht vom 27. zum »8. überrascht uns Hans dadurch, 
daß er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und zu uns 



1) Ich kann den Zusammenhang nicht so weit unterbrechen, um darzutun, wieviel 
Typisches an diesen unbewußten Gedankengängen ist, die ich hier dem kleinen Hans 
zumute. Der Kastrationskomplex ist die tie fste unbewußte Wurzel des Antisemitismus,., 
denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis — 
er meint, ein Stück des Penis — abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, 
den Juden zu verachten. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere 
unbewußte Wurzel. Weinin ger, jener hochbegabte und sexuell gestörte junge 
Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Geschlecht und Charakter" sein 
Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem vielbemerkten Kapitel den Juden 
und das Weib mit der gleichen Feindschaft bedacht und mit den nämlichen Schmähungen 
überhäuft. Weininger stand als Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler 
Komplexe: die Beziehung zum Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe 
dort Gemeinsame. 



lAw-C 



1 5^ Krankengescliichten 



ins Bett kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett von unserem 
Schlafzimmer getrennt. Wir fragen ihn, weshalb; ob er sich vielleicht 
gefürchtet habe. Er sagt: „Nein, ich werde es morgen sagen," schläft 
in unserem Bette ein und wird dann in seines zurückgetragen." 

„Am nächsten Tage neh me ich ihn ins Gebet, um zu erfahren, 
weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es entwickelt 
sich nach einigem Sträuben folgender Dialog, den ich sofort steno- 
graphisch festlege: 

Er: „In der Nacht war eine große und eine zerwutzelte 
Giraffe im Zimmer, und die große hat geschrien, weil 
ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab'. Dann hat sie 
aufgehört zu schreien, und dann hab' ich mich auf die 
zerwutzelte Giraffe draufgesetzt." 

Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie war das?" 

Er: „Ja." (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen und 
sagt mir:) „So war sie zerwutzelt." 

Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf- 
gesetzt? Wie?" 

„Er zeigt mir's wieder, setzt sich auf die Erde." 

Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?" 

Er: „Das weiß ich selber nicht." 

Ich: „Hast du dich gefürchtet?" 

Er: „Nein, bestimmt nicht." 

Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?" 

Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab' mir's gedacht — das 
Ganze hab' ich mir gedacht — aufgekommen war ich schon früher." 

Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du weißt 
ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann wie ein 
Stück Papier." 

Er: „Ich weiß' ja. Ich hab's halt geglaubt. Es gibt's ja eh 
net auf der Welt.' Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf dem 



1) Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine Phantasie. 






Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 159 



Fußboden, und ich hab' sie weggenommen, mit den Händen 
genommen." 

Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen 
nehmen?" 

Er: „Die zerwutzelte hab' ich mit der Hand genommen." 

Ich: „Wo war die große unterdessen?" 

Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden." 

Ich: „Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?" 

Er: „Ich hab' sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis die 
große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum schreien 
aufgehört hat, hab' ich mich draufgesetzt. 

Ich: „Weshalb hat die große geschrien?" 

Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab'." (Bemerkt, 
daß ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du das auf?") 

Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die Dumm- 
heit' wegnehmen kann." 

Er: „Aha, da hast du's doch auch aufgeschrieben, daß sich die 
Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem Professor." 

Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, daß 
man eine Giraffe zerwutzeln kann." 

Er: „Sag' ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird er 
nicht fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe ist, 
kann er uns ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben 
wir gleich, ich weiß es selber nicht." 

Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

Ich: „Sag' mir halt schnell, woran du jetzt denkst." 

Er (humoristisch): „An einen Himbeersaft." 

Ich: „Was noch?" 



Er: „Ein Gewehr zum Totschießen. 1 



Seine 
Wünsche 



1) Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit, die klassische Technik der 
Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber was sie ergibt, kann doch im 
Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll werden. 



160 Krankengeschichten 



Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?" 

Er: „Sicher nicht j nein, ich weiß es ganz bestimmt." 

„Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange gebeten, 
ich soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen bin. 
Ich hab's aber nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor der 
Mammi geschämt hab'." 

Ich: „Weshalb?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

„Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag in- 
quiriert, bis er die Giraffengeschichte erzählt hat." 

Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der 
Giraffenphantasie. 

„Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis (der 
lange Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive ihr 
Glied, was also der Erfolg der Aufklärung ist." 

„Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er ein 
Bild einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette hängen." 

„Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich fast 
jeden Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans kommt 
in der Früh immer zu uns, und meine Frau kann es dann 
nicht unterlassen, ihn für einige Minuten zu sich ins Bett zu 
nehmen. Daraufhin fange ich immer an sie zu warnen, sie möge 
ihn nicht zu sich nehmen („die große hat geschrien, weil ich 
ihr die zerwutzelte weggenommen hab'"), und sie erwidert hie 
und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine Minute 
sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze Zeit bei 
ihr. („Dann hat die große Giraffe aufgehört zu schreien und 
dann hab' ich mich auf die zerwutzelte Giraffe drauf gesetzt.") 

„Die Lösung dieser ins Giralfenleben transponierten Eheszene 
ist also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama be- 
kommen, nach ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist des- 
halb ins Schlafzimmer gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung 
der Pferdefurcht." 









Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben X Q X 



Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzu- 
zufügen: „Das Draufsetzen" ist wahrscheinlich Hansens Dar- 
stellung des Besitzergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutz- 
phantasie, die mit Befriedigung an den Sieg über den väterlichen 
Widerstand anknüpft. „Schrei, soviel du willst, die Mammi nimmt 
mich doch ins Bett und die Mammi gehört mir." Es läßt sich 
also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater vermutet: die 
Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwi- 
macher mit dem des Vaters nicht messen kann. 

Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung 
seiner Deutung. 

„Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In der 
Tür verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft: „Adieu, 
große Giraffe." Hans fragt: „Warum Giraffe?" Darauf ich: „Die 
Mammi ist die große Giraffe," worauf Hans sagt: „Nicht wahr, 
und die Hanna ist die zerwutzelte Giraffe?" 

„Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie, worauf er 
sagt: Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich sei die große 
Giraffe, der lange Hals habe ihn an einen Wiwimacher erinnert, 
sagt er: „Die Mammi hat auch einen Hals wie eine Giraffe, das hab' 
ich gesehen, wie sie sich den weißen Hals gewaschen hat."' 

„Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt: 
„Du, heut hab' ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste? Ich 
bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und dann 
sind wir unter den Stricken durchgekrochen, und das haben wir 
dann dem Wachmanne beim Eingang des Gartens gesagt, und 
der hat uns zusammengepackt." Das zweite hat er vergessen. 

„Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen 
gehen wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt, 



1) Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf Vater und Mutter 
nicht die sexuelle Symbolik die in der Giraffe selbst eine Vertretung des Peni^ 
erblick» wül. Wahrschemhch hat diese Symbolik recht, aber von Hans kann man 
wahrlich nicht mehr verlangen. 

Freud, VIII 



11 






j 5 a Krankengeschichten 



so daß wir nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert, 
daß man einen Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter 
dem man doch leicht durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, an- 
ständige Menschen kriechen nicht unter den Strick. Er meinte, 
es ist ja ganz leicht, worauf ich erwiderte, es kann dann ein 
Wachmann kommen, der einen fortführt. Am Eingänge von 
Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich Hans einmal 
gesagt habe, der arretiert schlimme Kinder.' 

„Nach der Rückkehr von dem Besuche bei Ihnen, der am selben 
Tage vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen Gelüste, Verbotenes 
zu tun. „Du, heut früh hab' ich mir wieder etwas gedacht." „Was?" 
„Ich bin mit dir in der Eisenbahn gefahren und wir haben ein 
Fenster zerschlagen und der Wachmann hat uns mitgenommen." 
Die richtige Fortsetzung der Giraifenphantasie. Er ahnt, daß 
es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen; er ist 
auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für verboten an 
sich. Bei den verbotenen Streichen, die er in der Phantasie aus- 
führt, ist jedesmal der Vater dabei und wird niii ihm eingesperrt. 
Der Vater, meint er, tut doch auch jenes rätselhafte Verbotene 
mit der Mutter, das er sich durch etwas Gewalttätiges wie das 
Zerschlagen einer Fensterscheibe, durch das Eindringen in einen 
abgeschlossenen Raum, ersetzt. 

An diesem Nachmittage besuchten mich Vater und Sohn in 
meiner ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen Knirps 
schon und hatte ihn, der in seiner Selbstsicherheit doch so 
liebenswürdig war, jedesmal gern gesehen. Ob er sich meiner 
erinnerte, weiß ich nicht, aber er benahm sich tadellos, wie ein 
ganz vernünftiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Die 
Konsultation war kurz. Der Vater knüpfte daran an, daß trotz 
aller Aufklärungen die Angst vor den Pferden sich noch nicht 
gemindert habe. Wir mußten uns auch eingestehen, daß die 
Beziehungen zwischen den Pferden, vor denen er sich ängstigte, 
und den aufgedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die Mutter 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



165 



wenig ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß 
ihn besonders geniere, was die Pferde vor den Augen haben, 
und das Schwarze um deren Mund, ließen sich von dem aus' 
was wir wußten, gewiß nicht erklären. Aber als ich die beiden' 
so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderung seiner Angst- 
pferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung durch 
den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater ent- 
gehen konnte. Ich fragte Hans scherzend, ob seine Pferde Augen- 
gläser tragen, was er verneinte, dann ob sein Vater Augen- 
gläser trage, was er gegen alle Evidenz wiederum verneinte, ob 
er mit dem Schwarzen um den „Mund" den Schnurrbart meine, 
und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor seinem Vater, eben 
weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben, daß ihm 
der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr, der Vater 
habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos alles bekennen. 
Lange, ehe er auf der Welt war, hätte ich schon gewußt, daß" 
ein kleiner Hans kommen werde, der seine Mutter so lieb hätte 
daß er sich darum vor dem Vater fürchten müßte, und hätte 
es seinem Vater erzählt. „Warum glaubst du denn, daß ich böse" 
auf dich bin," unterbrach mich hier der Vater, „habe ich dich 
denn je geschimpft oder geschlagen?" „0 ja, du hast micli 
geschlagen," verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann denn?" 
„Heute Vormittag" mahnte der Kleine, und der Vater erinnerte 
sich, daß Hans ihn ganz unerwartet mit dem Kopfe in den Bauch 
gestoßen, worauf er ihm wie reflektorisch einen Schlag mit der 
Hand gegeben. Es war bemerkenswert, daß er dieses Detail nicht 
in den Zusammenhang der Neurose aufgenommen hatte; er ver- 
stand es aber jetzt als Ausdruck der feindseligen Disposition des 
Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als Äußerung des Bedürfnisses, 
sich dafür eine Bestrafung zu holen.' 



1) Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater später in deutlicherer 
und vollständigerer Weise, indem er dem Vater zuerst einen Schlag auf die Hand 
gab und dann dieselbe Hand zärtlich küßte. 



D«k t-«v 



164 



Krankengeschichten 






Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht denn 
der Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vorher 
wissen kann?" Ich wäre auf diese Anerkennung aus Kindermund 
außerordentlich stolz, wenn ich sie nicht durch meine scherz- 
haften Prahlereien selbst provoziert hätte. Ich erhielt von dieser 
Konsultation an fast täglich Berichte über die Veränderungen 
im Befinden des kleinen Patienten. Es stand nicht zu erwarten, 
daß er durch meine Mitteilung mit einem Schlage angstfrei 
werden könnte, aber es zeigte sich, daß ihm nun die Möglich- 
keit gegeben war, seine unbewußten Produktionen vorzubringen 
und seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an ein Programm 
aus, das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen konnte. 

„Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung festzu- 
stellen. Während er bisher nie zu bewegen war, für längere 
Zeit vors Haustor zu gehen, und immer, wenn Pferde kamen, 
mit allen Zeichen des Schreckens zurück ins Haus rannte, bleibt 
er diesmal eine Stunde vor dem Haustore, auch wenn Wagen 
vorüberfahren, was bei uns ziemlich häufig vorkommt. Hie und 
da läuft er, wenn er von ferne einen Wagen kommen sieht, 
ins Haus, kehrt jedoch sofort um, als ob er sich anders besinnen 
würde. Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst vorhanden und 
der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu verkennen." 

„Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen, werden 
wir auch in den Stadtpark gehen." 

„Am 5. April kommt er früh zu mir ins Bett, während er die 
letzten Tage nicht mehr gekommen war und sogar stolz aul diese Ent- 
Haltung schien. Ich frage: „Weshalb bist du denn heute gekommen? 

Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht 
mehr kommen." 

Ich: „Du kommst also zu mir, weil du dich fürchtest?' 
Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn 
ich nicht bei dir im Bette bin, da furcht' ich mich. Bis ich 
mich nicht mehr fürchten werde, komme ich nicht mehr.' 






1 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 165 



Ich: „Du hast mich also gern und dir ist bange, wenn du 
früh in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?" 

Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab' die Mammi 
gern, und ich furcht' mich deshalb, wenn ich dich gern hab'?" 
Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit. Kr 
gibt zu erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit der 
Feindseligkeit gegen den Vater infolge seiner Nebenbuhlerrolle 
bei der Mutter ringt, und macht dem Vater den Vorwurf, daß 
er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das in Angst auslaufen mußte, 
nicht aufmerksam gemacht hat. Der Vater versteht ihn noch 
nicht ganz, denn er holt sich erst während dieser Unterhaltung 
die Überzeugung von der Feindseligkeit des Kleinen gegen ihn, 
die ich bei unserer Konsultation behauptet hatte. Das Folgende, 
das ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich bedeutsamer für 
die Aufklärung des Vaters als für den kleinen Patienten. 

„Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner 13e- 
deutung aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat, will er 
mich offenbar weghaben, dann ist er an Vaters Stelle. Dieser 
unterdrückte feindliche^ Wunsch wird zur Angst um den Väter^~ 
und er kommt früh zu mir, um zu sehen, ob ich fort bin. Ich 
habe das leider in diesem Momente noch nicht verstanden und 
sage ihm: 

„Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir und du 
kommst zu mir." 

Hans: „Wenn du weg bist, furcht' ich mich, daß du nicht 
nach Hause kommst." 

Ich: „Hab' ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach 
Hause komme?" 

Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir gesagt, 
daß sie nicht mehr kommt." (Wahrscheinlich war er schlimm, 
und sie hat ihm mit dem Weggehen gedroht.) 

Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst." 

Hans: „Ja." 



i66 



K rankengcschichten 



Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh 1 weg, weil du schlimm 
warst, deshalb kommst du ZU mir." 

„Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf Hans sagt: 
Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn" anstatt „lauf" sagt, 
fällt mir auf und ich repliziere: „Oha, du furchtest dich, das 
Pferd rennt dir davon." Wozu er lacht. 

Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt gefügt 
ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater. Die erstere 
stammt von der Feindseligkeit gegen den Vater, die andere von 
dem Konflikte der Zärtlichkeit, die hier reaktionsweise übertrieben 



wird, mit der Feindseligkeit. 



Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anläng eines wichtigen 
Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus traut, vom Hause aber 
nicht weggeht, daß er beim ersten Anfalle der Angst auf der Hälfte 
des Weges umkehrt, ist motiviert durch die Furcht, die Kitern nicht 
i zu Hause zu treffen, weil sie weggegangen sind. Fr klebt am Hause 
aus Liebe zur Mutter, er fürchtet sich, daß ich weggehe, aus feind- 
lichen Wünschen gegen mich, dann wäre er der Vater." 

„Im Sommer bin ich wiederholt von Gmunden nach Wien 
weggefahren, weil es der Beruf erforderte, dann war er der Vater. 
Ich erinnere daran, daß die Pferdeangst an das Erlebnis in 
Gmunden anknüpft, als ein Pferd das Gepäck der Liz/.i auf den 
Bahnhof bringen sollte. Der verdrängte Wunsch, ich solle auf 
den Bahnhof fahren, dann ist er mit der Mutter allein („das 
Pferd soll wegfahren"), wird dann zur Angst vor dem Wegfahren 
der Pferde, und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst, als 
wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegenden Hole des Haupt- 
zollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in Bewegung setzen. 

„Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen dvn Vater) 
konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß ich nicht böse 
bin, weil er die Mama so gerne hat." 

„Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor ; er geht 
wieder vors Haus und bleibt auch daselbst, wenn Wagen fahren, nur 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 167 

bei einzelnen Wagen hat er Angst und läuft in den Hausflur. Er 
erklärt mir auch: „Nicht alle weißen Pferde beißen;" d. h.: durch die 
Analyse sind bereits einige weiße Pferde als ,Vatti' erkannt worden, 
die beißen nicht mehr, allein es bleiben noch andere zum Beißen." 
„Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: Gegenüber 
ist das Lagerhaus des Verzehrungssteueramtes mit einer Ver- 
ladungsrampe, wo den ganzen Tag über Wagen vorfahren, um 
Kisten u. dgl. abzuholen. Gegen die Straße sperrt ein Gitter 
diesen Hofraum. Vis-ä-vis von unserer Wohnung ist das Einfahrtstor 
des Hofraumes (Fig. 2). Ich bemerke schon seit einigen Tagen, 




Lagerhaus 

3<^ — ""Ve rladungsrampe 



tmmrm vimmmx w/m/tä Wagen- «**«<■» 

J7ofrcLa.ni l ^ 



Eüaah/-ttor 



Untere Viaductg&sse 

Fig. 2 . ^^mS^^mKwKMwMS/m^am 

daß Hans sich besonders fürchtet, wenn Wagen aus dem Hofe heraus- 
oder hineinfahren, wobei sie eine Schwenkung machen müssen. Ich 
habe seinerzeit gefragt, warum er sich so fürchtet, worauf er sagt: 
„Ich furcht' mich, daß die Pferde umfallen, wenn der 
Wagen umwendet (A)." Ebensosehr fürchtet er sich, wenn Wagen, 
die bei der Verladungsrampe stehen, sich plötzlich in Bewegung 
setzen, um fortzufahren (B). Er fürchtet sich ferner (C) vor großen 
Lastpferden mehr als vor kleinen Pferden, vor bäuerischen Pferden 
mehr als vor eleganten (wie z. B. Fiaker-) Pferden. Auch fürchtet 
er sich mehr, wenn ein Wagen schnell vorüberfährt (D), als wenn 
die Pferde langsam dahertrotten. Diese Differenzierungen sind natür- 
lich erst in den letzten Tagen deutlich hervorgetreten." 

Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der 
Patient, sondern auch seine Phobie mehr Courage bekommen 
und wagt es sich zu zeigen. 



i68 



Krankengeschichten 



t 



„Am 5. April kommt Hans wieder ins Schleizimmer und wird 
in sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „Solange du früh ins 
Zimmer kommst, wird die Pferdeangst nicht besser werden." Er 
trotzt aber und antwortet: „Ich werde doch kommen, auch wenn 
ich mich fürchte." Er will sich also den Besuch bei der Mama 
nicht verbieten lassen." 

„Nach dem Frühstück sollen wir hinuntergehen. Hans freut 
sich sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich vor dem 
Haustore zu bleiben, über die Gasse in den Hofraum zu gehen, 
wo er oft genug Gassenbuben spielen sah. Ich sage ihm, es werde 
mich freuen, wenn er hinübergellen werde, und benütze die Gelegen- 
heit, um zu fragen, weshalb er sich so fürchte, wenn die beladenen 
Wagen sich an der Verladungsrampe in Bewegung setzen (B)." 

Hans: „Ich furcht' mich, wenn ich am Wagen steh' und der 
Wagen geschwind wegfahrt, und ich stob' drauf und ich will 
dort auf das Brett gehen (die Verladungsrampe) und ich fahre 
mit dem Wagen weg." 

Ich: „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich 
nicht? Weshalb nicht?" 

Hans: „Wenn der Wagen steht, geh' ich geschwind auf den 
Wagen und geh' auf das Brett." 

„(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungsrampe 
zu klettern und fürchtet sich, daß der Wagen davonfährt, wenn 
er auf dem Wagen oben ist.)" 



Lagerhaus 



■» _> - »■ Vorladung ramp» 



EEpZSr— J%w«. 



JIan.ven.?$e/i}ajtOvltixj 

F'f- 5- 

Ich: „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr 
Hause kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?" 



nach 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knab 



en 



i69 



Hans: „O nein 5 ich kann ja immer noch zur Mama kommen, 
mit dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann ihm ja auch 
die Hausnummer sagen." 

Ich: „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?" 
Hans: „Das weiß ich nicht, der Professor wird's aber wissen. 
Glaubst du, daß er es wissen wird?" 

Ich: „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?" 

Hans: „Weil ich noch nie drüben war, und da hab' ich so 
gern wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab' wollen 
hingehen? Weil ich hab' wollen Gepäck aufladen und einladen 
und auf dem Gepäcke dort hab' ich wollen herumklettern. Da mag 
ich so gerne herumklettern. Weißt du, von wem ich das Herum- 
klettern gelernt habe? Buben haben auf dem Gepäcke geklettert 
und das hab' ich auch gesehen und das will ich auch machen." 

„Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans sich 
auch wieder vors Haustor getraute, die wenigen Schritte über die 
Gasse in den Hofraum wecken in ihm zu große Widerstände, 
weil im Hofe fortwährend Wagen fahren." 

Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte Spiel 
Hansens mit den beladenen Wagen in eine symbolische, ersetzende 
Beziehung zu einem andern Wunsche geraten sein muß, von dem 
er noch nichts geäußert hat. Aber dieser Wunsch ließe sich, wenn 
es nicht zu kühn schiene, schon jetzt konstruieren. 

„Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor und zurückgekehrt 
frage ich Hans: 

„Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am meisten?" 

Hans: „Vor allen." 

Ich: „Das ist nicht wahr." 

Hans: „Am meisten furcht' ich mich vor den Pferden, die am 
Munde so etwas haben." 

Ich: „Was meinst du? Das Eisen, das sie im Munde haben?" 

Hans: „Nein, sie haben etwas Schwarzes am Munde (deckt 
seinen Mund mit der Hand zu)." 






170 



K rankengeschicli tvn 




Ich: „Was, vielleicht einen Schnurrbart?" 

Hans (lacht): „0 nein." 

Ich: „Hauen das alle?" 

Hans: „Nein, nur einige." 

Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?" 

Hans: „So etwas Schwarzes." 
„Ich glaube, es ist. in der Realität das 
dicke Riemenzeug der Lastpferde über 
der Schnauze." 

„Auch vor einem Möbelwagen furcht' 
ich mich am meisten." 
Fig. 4. Ich: „Warum?" 

Hans: „Ich glaub', wenn die Möbelpferde einen schweren Wagen 
ziehen, fallen sie um." 

Ich: „Bei einem kleinen Wagen fürchtest du dich also 

nicht?" 

Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Postwagen 
furcht' ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwagen kommt, furcht' 
ich mich am meisten. 

Ich: „Warum, weil er so groß ist?' 

Hans: „Nein, weil einmal bei so c-inem Wagen ein Pferd um- 
gefallen ist." 

Ich: „Wann?" 

Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin trotz 
der „Dummheit", wie ich die Weste gekauft hab'." 

„(Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.)" 

Ich : „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd umgefallen ist?" 

Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden beim 
Stellwagen umfallen." 

Ich: „Bei jedem Stellwagen?" 

Hans: „Ja! Und auch beim Möbelwagen. Beim Möbelwagen 
nicht so oft." 

Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?" 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 1 7 x 

Hans: „Nein, ich hab' sie erst gekriegt. Wie das Pferd vom 
Stellwagen umgefallen ist, hab' ich mich so sehr erschrocken 
wirklich! Wie ich gegangen bin, hab' ich sie gekriegt." 

Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast, ein 
Pferd wird dich beißen, und jetzt sagst du, du hast dich ge- 
fürchtet, daß ein Pferd umfallen wird." 



«1 



Hans: „Umfallen und beißen wird. 

Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?" 

Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat (legt 
sich auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor). Ich 
hab' mich erschrocken, weil es einen ,Krawall' gemacht hat 
mit den Füßen." 

Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?" 

Hans: „Zuerst am Eislaufplatze, dann im Kaffeehause, dann 
eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der Mammi 
und dann nach Hause am Abend; da sind wir durch den Stadt- 
park durchgegangen." 

„(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß un- 
mittelbar nachher die Angst ausgebrochen ist)." 

Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Woher weißt du das?" 

Hans: „Weil ich 's gesehen hab' (lacht). Nein, es war gar nicht tot." 

Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist." 

Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab's nur im Spaße gesagt." 
„(Seine Miene war aber damals ernst.)" 

„Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzählt mir nur 
noch, daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann vor allen 
anderen und zuletzt erst vor Möbelwagenpferden gefürchtet habe." 

Auf dem Rückwege nach Lainz noch einige Fragen: 

1) Hans hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch klingt. Der Zu- 
sammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß das Pferd (der Vater) ihn beißen 
werde wegen seines Wunsches, daß es (der Vater) umfallen möge. 



172 Krankengeschichten 



Ich: „Wie das Stell wagenpferd gefallen ist, was für Farbe hat 
es gehabt? Weiß, rot, braun, grau?" 

Hans: „Schwarz, beide Pferde waren schwarz." 

Ich: „War es groß oder klein?" 

Hans: „Groß." 

Ich: „Dick oder dünn?" 

Hans: „Dick, sehr groß und dick." 

Ich: „Hast du, wie das Pferd gefallen ist, ;m den Valti 
gedacht?" 

Hans: „Vielleicht. Ja. Es ist möglich." 

Der Vater mag an manchen Stellen ohne Erfolg geforscht 
haben; aber es schadet nichts, eine solche Phobie, die man 
gerne nach ihrem neuen Objekte benennen möchte, aus der 
Nähe kennen zu lernen. Wir erfahren so, wie diffus sie eigent- 
lich ist. Sie geht auf Pferde und auf Wagen, darauf, daß Pferde 
fallen, und daß sie beißen, auf Pferde besonderer Beschaffen- 
heit, auf Wagen, die schwer beladen sind. Verraten wir gleich, 
daß alle diese Eigentümlichkeiten daher rühren, daß die Angst 
ursprünglich gar nicht den Pferden galt, sondern sekundär auf 
sie transponiert wurde und sich nun an den Stellen des Pferde- 
komplexes fixierte, die sich zu gewissen Übertragungen geeignet 
zeigten. Ein wesentliches Ergebnis der Inquisition des Vaters 
müssen wir besonders anerkennen. Wir haben den aktuellen 
Anlaß erfahren, nach welchem die Phobie ausbrach. Dies war, 
als der Knabe ein großes schweres Pferd fallen sah, und 
wenigstens eine der Deutungen dieses Eindruckes scheint die 
vom Vater betonte zu sein, daß Hans damals den Wunsch ver- 
spürte, der Vater möge so fallen — und tot sein. Die ernste 
Miene bei der Erzählung galt wohl diesem unbewußten Sinne. 
Ob nicht noch anderer Sinn sich dahinter verbirgt? Und was 
soll das Krawallmachen mit den Beinen bedeuten ? 



Analyse der Phobie eines fün f jährigen Knaben 173 

„Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt herum 
fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal bindet er 
sich ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt läuft er 
auf mich zu und beißt mich." 

Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener, als er 
es mit Worten kann, natürlich aber mit Rollenvertauschung, 
da das Spiel im Dienste einer Wunschphantasie steht. Also er 
ist das Pferd, er beißt den Vater, übrigens identifiziert er sich 
dabei mit dem Vater. 

„Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in ent- 
schiedenster Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, sondern 
ganz lustig. Ist es, weil er sich vor mir, dem Pferde, nicht 
mehr fürchtet?" 

„6. April. Am Nachmittage mit Hans vor dem Hause. Ich 
frage ihn bei allen Pferden, ob er bei ihnen das „Schwarze am 
Munde" sieht; er verneint es bei allen. Ich frage ihn, wie das 
Schwarze eigentlich ausschaut ; er sagt, es ist schwarzes Eisen. 
Meine erste Vermutung, er meine die dicken Lederriemen des 
Geschirres bei den Lastpferden, bestätigt sich also nicht. Ich frage, 
ob das „Schwarze" an einen Schnurrbart erinnert 5 er sagt: nur durch 
die Farbe. Was es in Wirklichkeit ist, weiß ich bis jetzt also nicht." 

„Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bis zum 
Nachbarhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der Ferne 
Pferdetraben hört. Als ein Wagen bei unserem Haustore vor- 
fährt und hält, gerät er in Angst und läuft ins Haus, da das 
Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich frage ihn, weshalb er sich 
fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil es so gemacht habe 
(stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt: „Mach' doch keinen 
solchen Krawall mit den Füßen !" Vergleiche dazu die Äußerung 
über das gefallene Stellwagenpferd." 

„Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbelwagens. 
Er läuft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleichgültig: „Sieht 
so ein Möbelwagen eigentlich nicht wie ein Stellwagen aus?" 



174 



K i -a n Teengesch ich ten 



Er sagt nichts. Ich wiederhole die Frage. Er sagt dann: „Na 
natürlich, sonst würde ich mich nicht so vor einem Möbel- 
wagen fürchten." 

„7. April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze am 
Munde" der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maulkorb. Das 
Merkwürdige ist, daß seit 5 Tagen kein Pferd vorüberkommt, 
an dem er diesen „Maulkorb" konstatieren kann; ich selbst habe 
bei keinem Spaziergange ein solches Pferd gesehen, obzwar Hans 
beteuert, daß es solche gebe. Ich vermute, daß ihn wirklich eine 
Art von Kopfzäumung der Pferde — das dicke Riemenzeug um 
den Mund etwa — an einen Schnurrbart erinnert hat, und daß 
mit meiner Andeutung auch diese Furcht verschwunden ist. 

„Die Besserung Hansens ist konstant, der Radius seines Aktions- 
kreises mit dem Haustore als Zentrum größer; er unternimmt 
sogar das für ihn bisher unmögliche Kunststück, aufs Trott oir 
vis-ä-vis hinüberzulaufen. Alle Furcht, die übrig ist, hängt mit 
der Stellwagenszene zusammen, deren Sinn mir allerdings noch 

nicht klar ist." 

„9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich mit 
entblößtem Oberkörper wasche. 

Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!" 

Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd. 

Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend). Oder 
ist es vielleicht der schwarze Maulkorb?" 

Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim 
Professor war, und sage: „Der will einiges wissen," worauf 
Hans: „Da bin ich aber neugierig." 

Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit den 
Füßen Krawall macht. Er unterbricht mich: „Nicht wahr, wenn 
ich einen „Zürn" habe oder wenn ich Lumpf machen soll und 
lieber spielen will. (Im Zorne hat er allerdings die Gewohnheit, 
mit den Füßen Krawall zu machen, d. h.: aufzustampfen. 
„Lumpf machen" bedeutet auf die große Seite gehen. Als Hans 



jgfftgf der Phobie eüles fünfjährigen Knaben i 75 

klein war, sagte er eines Tages, vom Topfe aufstehend: „Schau 
den Lumpf". [Er meinte: Strumpf wegen der Form und der 
Farbe]. Diese Bezeichnung ist geblieben bis heute. — In ganz 
frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetzt werden sollte und sich 
weigerte, das Spiel stehen zu lassen, stampfte er wütend mit den 
Füßen auf, zappelte und warf sich eventuell auch auf den Boden). 

„Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen 
sollst und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest." 

Er: „Du, ich muß Wiwi machen" — und geht hinaus, wohl 
als Bestätigung." 

Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage an mich ge- 
richtet, woran wohl das Zappeln mit den Füßen beim gefallenen 
Pferde Hans erinnert haben möchte, und ich hatte vorgebracht, 
daß dies wohl seine eigene Reaktion bei zurückgehaltenem 
Harndrange gewesen sein könnte. Das bestätigt nun Hans durch 
das Wiederauftreten des Harndranges im Gespräche und fügt 
noch andere Bedeutungen des Krawallmachens mit den Füßen 
hinzu. 

„Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein Kohlen- 
wagen kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte ich mich 
auch stark." Ich: „Vielleicht, weil er auch so groß ist wie ein 
Stell wagen." Hans: „Ja, und weil er so schwer beladen ist und 
die Pferde haben soviel zu ziehen und können leicht fallen. Wenn 
ein Wagen leer ist, furcht' ich mich nicht." Tatsächlich versetzt 
ihn, wie schon früher konstatiert, nur Schwerfuhr werk in Angst." 

Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die Analyse 
macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung fürchte ich, wird 
dem Leser bald langweilig werden. Indes, es gibt in jeder Psycho- 
analyse solche dunklen Zeiten. Hans begibt sich jetzt bald auf 
ein von uns nicht in Erwartung gezogenes Gebiet. 



„Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau, die 
verschiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt. Darunter 



176 



K ranken geschickten 



ist eine gelbe Unterhose. Hans sagt, einige Male: „Pfui!", wirft 
sich auf die Erde und spuckt aus. Meine Frau sagt, er habe das 
schon einige Male getan, sowie er die Hose gesehen habe." 

„Ich frage: „Warum sagst, du Pfui?" 

Hans: „Wegen der Hose." 

Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an Wiwi 
oder an Lumpf erinnert?" 

Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder schwarz." — 
Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf, wenn man 
Käse ißt? (Das hatte ich einmal gesagt, als er mich fragte, wozu 
ich Käse esse)." 

Ich: „Ja." 

Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf machen? 
Ich möchte so gerne Käse auf Butterbrot essen." 

„Gestern schon fragte er mich, als er auf der Gasse herum- 
sprang: „Du, nicht wahr, wenn man soviel herumspringt, macht 
man leicht Lumpf?" — Seit jeher macht sein Stuhlgang Schwierig- 
keiten, Kindermeth und Klystiere werden häufig gebraucht. Ein- 
mal war seine habituelle Verstopfung so stark, daß meine Frau 
Dr. L. um Rat fragte. Dieser meinte, Hans werde überfüttert, 
was ja auch stimmte, und empfahl mäßigere Kost, was den Zu- 
stand auch sofort behob. In der letzten Zeit trat Verstopfung 
wieder häufiger auf." 

„Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor 
wieder schreiben", und er diktierte mir: „Wie ich die gelbe 
Hose gesehen habe, habe ich gesagt: Pfui, da spei' ich, hab' 
mich niedergeworfen, hab' die Augen zugemacht und hab' nicht 
geschaut." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei der 
schwarzen Hose 1 habe ich auch so. etwas gemacht. Die schwarze 

») „Meine Frau ist seil einigen Wochen im Besitze einer schwarzen Reformhose 
für Radfahrpartien." 



Analyse der Phobie eines fünfjä hrigen Knaben i 77 

ist auch so eine Hose, nur schwarz war sie." (Sich unter- 
brechend). „Du, ich bin froh; wenn ich dem Professor schreiben 
kann, bin ich immer so froh." 

Ich: „"Weshalb hast du Pfui gesagt? Hast du dich geekelt?" 

Hans: „Ja, weil ich das gesehen hab\ Ich hab' geglaubt, ich 
muß Lumpf machen." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Ich weiß nicht." 

Ich: „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?" 

Hans: „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da war — 
bei der Mama — sie hat sie erst vom Kaufen nach Hause ge- 
bracht." (Diese Angabe wird von meiner Frau bestätigt.)" 

Ich: „Hast du dich auch geekelt?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?" 

Hans: „Nein." 

Ich: „Wenn sie sich angezogen hat?" 

Hans: „Die gelbe hab ich' schon einmal gesehen, wie sie sie 
gekauft hat (Widerspruch ! Wie die Mama die gelbe gekauft hat, 
hat er sie zum erstenmal gesehen). Die schwarze hat sie heute 
auch an (richtig!), weil ich gesehen hab' wie sie in der Früh 
sie sich ausgezogen hat." 

Ich: „Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose ausgezogen?" 

Hans: „In der Früh', wie sie weggegangen ist, hat sie sich 
die schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat 
sie sich noch einmal die schwarze angezogen." 

„Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt. Sie 
sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen natür- 
lich nicht die Hose gewechselt." 

„Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die Mammi 
hat sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie weggegangen 
ist, hat sie sie ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sie 
noch einmal angezogen. Die Mammi sagt aber, das ist nicht wahr." 

Freud, VIII. 






178 Krankengeschichten 






Hans: „Mir scheint, ich hab' vielleicht vergessen, daß sie 
sie nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß' mich endlich in 
Ruh'." 

Zur Erläuterung dieser Hosengescbichte bemerke ich nun: Hans 
heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt, daß er nun über 
diese Angelegenheit Rede stehen darf. Am Ende wirft er die 
Maske ab und wird grob gegen seinen Vater. Es handelt sich 
um Dinge, die ihm früher viel Lust bereitet haben, und deren 
er sich jetzt nacb eingetretener Verdrängung sehr schämt, zu 
ekeln vorgibt. Er lügt geradezu, um dem beobachteten Hosen- 
wechsel der Mama andere Veranlassungen unterzuschieben; in 
Wirklichkeit gehört das An- und Ausziehen der Hose in den 
„Lumpf"-Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf es hier 
ankommt, und was Hans verbergen will. 

„Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn sie 
sich aufs Klosett begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt" so lange, > 

bis sie es ihm erlaubt; das täten alle Kinder." 

Wir wollen uns aber die heute bereits verdrängte Lust, die 
Mama beim Lumpfmachen zu sehen, gut merken. 

„Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig, und wie er fort- 
während gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich: „Du, wer 
ist eigentlich ein Stellwagenpferd? Ich, du oder die Mammi?" 

Hans (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd." 

„Als er in der stärksten Angstzeit Pferde springen sah, Angst 
hatte und mich fragte, warum sie das täten, sagte ich, um ihn 
zu beruhigen: „Weißt du, das sind junge Pferde, die springen 
halt wie die jungen Buben. Du springst ja auch und bist ein 
Bub." Seither, wenn er Pferde springen sieht, sagt er: „Das ist 
wahr, das sind junge Pferde!" 

„Auf der Treppe frage ich beim Heraufgehen fast gedanken- 
los: „Hast du in Gmunden mit den Kindern Pferdl gespielt?" 

Er: „Ja! (Nachdenklich.) Mir scheint, da hab' ich die Dumm- 
heit gekriegt." 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 179 

Ich: „Wer war das Pferdl?" 

Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher." 

Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?" 

Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich schnell 
gelaufen, sogar gerannt." 1 

Ich : „Stellwagen habt ihr nie gespielt?" 

Hans: „Nein, gewöhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen. 
Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne Wagen 
gehen und der Wagen kann ja zu Hause sein." 

Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?" 

Hans: „Sehr oft. Der Fritzl (wie bekannt auch ein Hausherrn- 
kind) ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzi Kutscher, 
und der Fritzl ist so stark gelaufen und auf einmal ist er auf 
einen Stein getreten und hat geblutet." 

Ich: „Ist er vielleicht gefallen?" 

Hans: „Nein, er hat den Fuß in ein Wasser hineingegeben 
und dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben." 2 

Ich: „Warst du oft Pferd?" 

Hans: „0 ja." 

Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt." 

Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „wegen dem Pferd" und 
„wegen dem Pferd" (er betont das „wegen"), und so haV ich 
vielleicht, weil sie so geredet haben „wegen dem Pferd", hab ich 
vielleicht die Dummheit gekriegt." 3 

1) „Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glöckchen." 

2) Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig;, daß Fritzl damals ge- 
fallen ist. 

5) Ich erläutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals die Dummheit 
gekriegt hat, sondern im Zusammenhange damit. Es muß ja wohl so zugehen, die 
Theorie fordert es, daß dasselbe einmal Gegenstand einer hohen Lust war, was heute 
das Objekt der Phobie ist. Und dann ergänze ich für ihn, was das Kind ja nicht zu 
sagen weiß, daß das Wörtchen „wegen" der Ausbreitung der Phobie vom Pferde 
auf die Wagen (oder wie Hans zu hören und zu sprechen gewohnt ist: Wägen) 
den Weg eröffnet hat. Man darf nie daran vergessen, um wieviel dinglicher das Kind 
die Worte behandelt als der Erwachsene, wie bedeutungsvoll ihm darum Wortgleich- 
klänge sind. 

12* 






1 8 o A' rankcngesch ic fiten 



1) Es ist da nämlich nichts anderes KU holen als die Wortnnknüpfung, die dem 
Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den Bedingungen, unter denen die analytische 
Bemühung fehlschlägt. 






Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen Pfaden. 

Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Was?" 

Hans: „Ich hab's vergessen." 

Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?" 

Hans: „O nein!" 

Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?" 

Hans: „0 nein, ich hab' mich gar nicht gefürchtet." 

Ich: „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein 

Pferd . . ." 

Hans: (unterbrechend) „Wiwi macht? Nein!" 

„Am 10. April knüpfe ich an das gestrige Gespräch an und 
will wissen, was das „wegen dem Pferde" bedeutet habe. Hans 
weiß sich nicht zu erinnern, er weiß nur, daß früh mehrere 
Kinder vor dem Haustore gestanden sind und „wegen dem Pferde, 
wegen dem Pferde" gesagt haben. Er selbst war dabei. Wie ich 
dringender werde, erklärt er, sie hätten gar nicht „wegen dem 
Pferde" gesagt, er habe sich falsch erinnert." 

Ich: „Ihr wäret doch auch oft im Stalle, da habt ihr gewiß 
vom Pferde gesprochen." — „Wir haben nicht gesprochen. 
„Wovon habt ihr gesprochen?" — „Von nichts." — „Soviel Kinder 
wäret ihr und ihr habt von nichts gesprochen?" — „Etwas haben 
wir schon gesprochen, aber nicht vom Pferde." — „Was denn? 
„Das weiß ich jetzt nicht mehr." 

„Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu groß 
sind,' und frage: „Mit der Berta hast du gern gespielt?" 

Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht $ weißt, was die Olga 
getan hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papierball 
geschenkt und die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta hätt' 






Analyse der Phobie eines fünf jahrigen Knaben 18 1 



mir den Ball nie zerrissen. Mit der Berta liab' ich sehr «rem 
gespielt." 

Ich: „H ast du gesehen, wie der Wiwimacher von der Berta aussieht?" 

Er: „Nein vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle war, und 
da hab' ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen." 

Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwimacher 
von der Berta und von der Mammi aus?" 

Er: „Ja!" 

„Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat, die 
Mäderl wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht." 

Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus 
nicht gekränkt, sondern sehr befriedigt), öfters. Wo der kleine 
Garten ist, wo die Rettige sind, hab' ich Wiwi gemacht, und 
sie ist vor dem Haustore gestanden und hat hergeschaut." 

Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zugeschaut?" 

Er: „Sie ist ja aufs Klosett gegangen." 

Ich: „Und du warst neugierig?" 

Er: „Ich war ja im Klosett drinnen, wenn sie drin w r ar." 

„(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt, und 
ich erinnere mich, wir haben es Hans verboten.)" 

Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?" 

Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta erlaubt 
hat. Es ist ja keine Schande." 

Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen." 

Er: „Ja, ich hab' ihn aber nicht gesehen." 

„Ich erinnere ihn an den Gmundner Traum: Was soll das Pfand 
in meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden gewünscht, 
daß dich die Berta Wiwi machen lassen soll?" 

Er: „Gesagt hab' ich ihr nie." 

Ich: „Warum hast du's ihr nie gesagt?" 

Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab'. (Sich unterbrechend.) 
Wenn ich alles dem Professor schreib', wird die Dummheit sehr 
bald vorüber sein, nicht wahr?" 



1 8 2 Krankengeschichten 



Ich: „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich Wiwi 
machen lassen soll?" 

Er: „Ich weiß nicht. Weil sie zugeschaut hat. 

Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwimacher 
geben?" 

Er: „Ja. (Ablenkend). In Gmunden war's sehr lustig. In dem 
kleinen Garten, wo die Rettige drin sind, ist ein kleiner Sand- 
haufen, dort spiel' ich mit der Schaufel." 

„(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)" 

Ich: „Hast du in Gmunden, wenn du im Bette gelegen bist, 
die Hand zum Wiwimacher gegeben?" 

Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab' ich so gut geschlafen, 
daß ich gar nicht daran gedenkt hab'. Nur in der — gasse 1 und 
jetzt hab ich's getan." 

Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwimacher 
gegeben ?" 

Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr's nie gesagt hab'. 

Ich: „Wann hast du dir's denn gewünscht?" 

Er: „Einen Tag halt in Gmunden." 

Ich: „Nur einmal?" 

Er: „Ja, öfters." 

Ich: „Immer wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie herge- 
schaut; sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust." 

Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher 
aussieht." 

Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?" 

Er: „Auf die Berta, auf die Olga." 

Ich: „Auf wen noch?" 

Er: „Auf niemand andern.' 

Ich: „Das ist ja nicht wahr. Aul die Mammi auch." 



» « 



Er: „Auf die Mammi schon." 



i) In der früheren Wohnung vor dem Urninge. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 183 

Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt doch 
wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?" 

Er: „Er wird aber wachsen, nicht?" 1 

Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht ausschaun 
wie deiner." 

Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist], nur 
größer." 

Ich: „Warst du neugierig in Gmunden, wenn die Mama sich 
ausgezogen hat?" 

Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab ich den Wiwi- 
macher gesehen." 

Ich: „Bei der Mammi auch?" 

Er: „Nein!" 

Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der Mammi 
gesehen hast." 

Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab', wenn sie 
sie gekauft hat, dann spei ich, aber wenn sie sich die Hose 
anzieht oder auszieht, dann spei ich nicht. Dann spei ich, 
weil die schwarze Hose doch schwarz ist wie ein 
Lumpf und die gelbe wie ein Wiwi, und da glaub' 
ich, ich muß Wiwi machen. Wenn die Mammi die 
Hose trägt, dann seh' ich sie nicht, dann hat sie doch die 
Kleider vor." 

Ich: „Und wenn sie sich die Kleider auszieht?" 

Er: „Dann spei ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann sieht 
sie aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe herunter 
und sie wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist sie ganz 
rein, zu Hause hat man sie schon schmutzig gemacht. Wenn 
sie gekauft ist, ist sie neu, und wenn sie nicht gekauft ist, ist 
sie alt." 

Ich: „Vor der alten ekelt dich also nicht?" 

1) Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher wachsen wird. 



i8 4 



Krankengeschichten 



Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein Lumpf 
nicht wahr? Ein bissei schwärzer ist sie." 1 

Ich: „Mit der Mammi warst du oft im Klosett?" 

Er: „Sehr oft." 

Ich: „Da hast du dich geekelt?" 

Er: „Ja . . . Nein!" 

Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder Lumpf 
macht?" 

Er: „Sehr gerne." 

Ich: „Warum so gerne?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

Ich: „Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst." 

Er: „Ja das glaub' ich auch." 

Ich: „Warum willst du aber in Lainz nie ins Klosett gehen?" 

„(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Klosett 
führen; er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das herab- 
stürzende Spülwasser macht.)" 

Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man 
herunterzieht." 

Ich: „Da fürchtest du dich." 

Er: „Ja!" 

Ich: „Und in unserem Klosett hier?" 

Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck ich, wenn du herunterläßt. 
Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann erschrecke ich auch." 

Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung nicht 
fürchte, fordert er mich auf, ins Klosett zu gehen und die Wasser- 
spülung in Bewegung zu setzen. Dann erklärt er mir: 

„Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn das 
Wasser herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall macht, bleib' 

1) Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht darzustellen weiß, und 
wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht meint er, daß die Hosen die Ekel- 
ennnerung nur dann erwecken, wenn er sie für sich sieht; sobald sie am Leibe der 
Mutter sind, bringt er sie nicht mehr mit Lumpf oder Wiwi in Zusammenhang, 
dann interessieren sie ihn in anderer Weise. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 185 



ich lieber drin, wenn es einen schwachen macht, geh' ich lieber 
hinaus." 

Ich: „Weil du dich fürchtest?" 

Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall 
sehen (korrigiert sich), hören, und da bleib' ich lieber drin, daß 
ich ihn fest hör'." 

Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?" 
Er: „Daß ich im Klosett Lumpf machen muß. (Also dasselbe 
wie die schwarze Hose.)" 
Ich: „Warum?" 

Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall hört 
sich so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Krawall 
erinnert am Lumpf, ein kleiner an Wiwi (vgl. die schwarze und 
die gelbe Hose)." 

Ich: „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe gehabt 
wie ein Lumpf? ' (Es war nach seiner Angabe schwarz.) 
Er (sehr betroffen): „Ja!" 

Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt zu viel 
und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt derr Kleinen sich 
äußern zu lassen. Dadurch wird die Analyse undurchsichtig und 
unsicher. Hans geht seinen eigenen Weg und leistet nichts, wenn 
man ihn von diesem ablocken will. Sein Interesse ist jetzt offen- 
bar bei Lumpf und Wiwi, wir wissen nicht, weshalb. Die Krawall- 
geschichte ist so wenig befriedigend aufgeklärt wie die mit der 
gelben und schwarzen Hose. Ich vermute, sein scharfes Ohr hat 
die Verschiedenheit der Geräusche, wenn ein Mann oder ein 
Weib uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse hat das Material 
aber etwas künstlich in den Gegensatz der beiden Bedürfnisse 
gepresst. Dem Leser, der noch selbst keine Analyse gemacht hat, 
kann ich nur den Rat geben, nicht alles sogleich verstehen zu 
wollen, sondern allem, was kommt, eine gewisse unparteiische 
Aufmerksamkeit zu schenken und das Weitere abzuwarten. 



i86 



K ranken geschickten 



„ i x. April. Heute früh kommt Hans wieder ins Zimmer und 
wird, wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen." 

„Später erzählt er: „Du, ich hab mir was gedacht: 

„Ich bin in der Badewanne, 1 da kommt der Schlosser 
und schraubt sie los." Da nimmt er einen großen Bohrer 
und stoßt mich in den Bauch." 

Der Vater übersetzt sich diese Phantasie. „Ich bin im Bette 
bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich weg. Mit 
seinem großen Penis verdrängt er mich von der Mama." 

Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten. 

„Ferner erzählt er etwas zweites, was er sich ausgedacht: „Wir 
fahren im Zuge nach G munden. In der Station ziehen wir die 
Kleider an, werden damit aber nicht fertig und der Zug fährt 
mit uns davon." 

„Später frage ich: „Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf 
machen gesehen?" 

Hans: „Ja, sehr oft." 

Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpf machen?'" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „An was erinnert dich der Krawall?" 

Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt." 

„Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den Füßen 
macht, ist wohl — ein Lumpf, der herabfällt und dabei Geräusch 
macht. Die Furcht vor der Defäkation, die Furcht vor schwer 
beladenen Wagen ist überhaupt gleich der Furcht vor schwer- 
beladenem Bauche." 

Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige Sach- 
verhalt. 

.,11. April. Hans sagt beim Mittagessen : „Wenn wir nur in 
Gmunden eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die Bade- 



1) „Hans wird von der Mama gebadet." 

2) „Um sie in Reparatur zu nehmen." 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 187 

anstalt gehen muß." Er wurde in Gmunden nämlich, um ihn 
warm zu baden, immer in die nahe gelegene Badeanstalt geführt, 
wogegen er mit heftigem Weinen zu protestieren pflegte. Auch 
in Wien schreit er immer, wenn er zum Baden in die große 
Wanne gesetzt oder gelegt wird. Er muß knieend oder stehend 
gebadet werden." 

Diese Rede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch 
selbständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Verbindung 
zwischen seinen beiden letzten Phantasien (vom Schlosser, der die 
Badewanne abschraubt, und von der mißglückten Reise nach 
Gmunden) her. Der Vater hatte mit Recht aus letzterer eine 
Abneigung gegen Gmunden erschlossen. Übrigens wieder eine 
gute Mahnung daran, daß man das aus dem Unbewußten Auf- 
tauchende nicht mit Hilfe des Vorhergegangenen, sondern des 
Nachkommenden zu verstehen hat. 

„Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet." 

Hans: „Weil ich hineinfall'." 

Ich: „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du in 
der kleinen Badewanne gebadet worden bist?" 

Hans: „Da bin ich ja gesessen, da hab' ich mich nicht legen 
können, die war ja zu klein.' 

Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast du 
dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?" 

Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab', und da kann ich 
nicht hineinfallen. Ich furcht' mich nur in der großen Badewanne, 
daß ich hineinfall." 

Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich, daß 
dich die Mammi ins Wasser werfen wird?" 

Hans: „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle ins 
Wasser mit dem Kopf." 

Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird doch 
nicht die Hände weggeben." 

Hans: „Ich hab's halt geglaubt." 



i88 



Krankengeschichten 



Ich: „Warum?" 

Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht. 

Ich: „Vielleicht weil du schlimm warst und du geglaubt hast, 
daß sie dich nicht mehr gerne hat?" 

Hans: „Ja !" 

Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna ge- 
badet hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand loslassen, 
damit die Hanna hineinrällt?" 

Hans: „Ja." 

Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten. 



12. April. „Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten Klasse 
sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpülster sieht: „Pfui, da 
spei ich, bei den schwarzen Hosen und den schwarzen Pferden 
spei ich auch, weil ich muß Lumpf machen." 

Ich: „Hast du vielleicht bei der Mammi etwas Schwarzes 
gesehen, was dich erschreckt hat?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Was denn?" 

Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze 
Strümpfe." 

Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn du 
neugierig warst und hingeschaut hast." 

Hans (entschuldigend): „Aber den Wiwimacher hab' ich nicht 
gesehen." 

Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoflor 
vis-a-vis ein Wagen fuhr, fragte ich: „Sieht dieses Tor nicht aus 
wie ein Podl?" 

Er: „Und die Pferde sind die Lumpf el" Seitdem sagt er immer, 
wenn er einen Wagen herausfahren siebt: „Schau, ein ,Lumpfi' 
kommt." Die Form Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd, sie klingt 
wie ein Kosewort. Meine Schwägerin heißt ihr Kind immer 
„Wumpfi". 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 189 

„Am 13. April sieht er in der Suppe ein Stück Leber und 
sagt: „Pfui, ein Lumpf". Auch faschiertes Fleisch ißt er sichtlich 
ungern wegen der Form und Farbe, die ihn an einen Lumpf 
erinnern." 

„Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon ge- 
wesen und habe dann gesagt: „Ich hab' gedacht, die Hanna ist 
am Balkon gewesen und ist hinuntergefallen." Ich hatte ihm 
öfter gesagt, er soll, wenn die Hanna auf dem Balkon ist, acht- 
geben, daß sie nicht zu nah ans Geländer kommt, das von einem 
sezessionistischen Schlosser höchst ungeschickt — mit großen 
Öffnungen, die ich erst mit einem Drahtnetz verkleinern lassen 
mußte — konstruiert worden ist. Der verdrängte Wunsch Hansens 
ist sehr durchsichtig. Die Mama fragt ihn, ob es ihm lieber wäre, 
wenn die Hanna nicht da wäre, was er bejaht." 

„14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrund. Er hatte, 
wie aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen das neu- 
geborene Kind, das ihm einen Teil der Liebe der Eltern raubte, 
eine große Aversion, die auch jetzt noch nicht ganz geschwunden 
und durch übergroße Zärtlichkeit nur zum Teil überkompensiert a 

ist. 1 Er äußerte sich öfter schon, der Storch solle kein Kind mehr 
bringen, wir sollen ihm Geld geben, daß er keines mehr aus 
der großen Kiste, worin die Kinder sind, bringe. (Vgl. die 
Furcht vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein S.tellwagen wie 
ein große Kiste aus?) Die Hanna mache soviel Geschrei, das sei 
ihm lästig." 

„Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie die 
Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette gelegen, 
so lieb und brav." (Dieses Lob hat verdächtig falsch geklungen!)" 

„Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer 
Fortschritt zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm geringere 
Furcht ein. Einmal ruft er fast freudig: „Da kommt ein Pferd 



1) Wenn das Thema „Hanna" das Thema ..Lumpf" direkt ablöst, so leuchtet uns 
der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist seihst ein : .Lumpf". Kinder sind Lumpfe! 



igo Krankengeschichten 



mit was Schwarzem am Munde" und ich kann endlich konstatieren, 
daß es ein Pferd mit einem Maulkorbe aus Leder ist. Hans hat 
aber gar keine Angst vor diesem Pferde." 

„Einmal schläft er mit seinem Stocke auf das Pflaster und 

77 & 

fragt: „Du, ist da ein Mann unten . . . einer, der begraben ist . . ., 
oder gibt's das nur am Friedhofe?" Ihn beschäftigt also nicht nur 
das Rätsel des Lebens, sondern auch das des Todes." 

„Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen und 
Hans safft: „Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden mit- 
gefahren. Immer wenn wir nach Gmunden gefahren sind, ist sie 
mitgefahren in der Kiste. Du glaubst mir schon wieder nicht? 
Wirklich, Vatti. Glaub' mir. Wir haben eine große Kiste gekriegt 
und da sind lauter Kinder drin, in der Badewanne sitzen sie 
drin. (In der Kiste ist eine kleine Badewanne eingepackt wor- 
den.) Ich hab' sie hineingesetzt, wirklich. Icli kann mich gut 
erinnern." 1 

Ich: „Was kannst du dich erinnern?" 

Hans: „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil ich's 
nicht vergessen hab'. Mein Ehrenwort!" 

Ich: „ Aher voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupe mitgefahren. ' 

Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste mit- 
gefahren." 

Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt?" 

Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt!" 

Ich: „Wo denn?" 

Hans: „Zu Hause am Boden." 

Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen?' 



>«9 



1) Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste und Badewanne ihm 
das gleiche bedeuten. Vertretungen des Raumes, in dem sich die Kinder befinden. 
Beachten wir seine wiederholten Beteuerungen! 

2) Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans andeuten, daß er 
dies versteht. Auch das Kästchen, in dem die Helden des Mythus ausgesetzt werden, 
von König Sargon von Agade an, ist nichts anderes. — [Zusatz 192):] Vgl. Rank's 
Studie: Der Mythus von der Geburt des Helden 1909 (zweite Auflage 1922). 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



191 



Hans: „Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird 
die Hanna auch in der Kiste fahren." 

Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?" 

Hans: „Man hat sie herausgenommen." 

Ich: „Die Mammi?" 

Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen 
eingestiegen und die Hanna ist am Pferde geritten und der 
Kutscher hat ,Hüöh' gesagt. Der Kutscher war am Bocke. Warst 
du mit? Die Mammi weiß es sogar. Die Mammi weiß es nicht, 
sie hat es schon wieder vergessen, aber nichts ihr sagen!" 

„Ich lasse mir alles wiederholen." 

Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen." 

Ich : „Sie hat noch gar nicht gehen können." 

Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben." 

Ich: „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat ja 
voriges Jahr noch gar nicht sitzen können." 

Hans: „O ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen ,Hüöh' 
und gepeitscht ,Hüöh, hüöh' mit der Peitsche, die ich früher 
gehabt hab'. Das Pferd hat gar keinen Steigbügel gehabt und die 
Hanna hat geritten; Vatti, aber nicht im Spaße vielleicht." 

Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es ist 
kein Unsinn, es ist Parodie und Hansens Rache an seinem 
Vater. Es heißt soviel als: Kannst du mir zumuten, daß ich 
glauben soll, der Storch habe die Hanna im Oktober ge- 
bracht, wo ich doch den großen Leib der Mutter schon 
im Sommer, wie wir nach Gmunden gefahren sind, 
bemerkt hab', so kann ich verlangen, daß du mir meine 
Lügen glaubst. Was kann die Behauptung, daß die Hanna 
schon im vorigen Sommer „in der Kiste" nach Gmunden mit- 
gefahren ist, anderes bedeuten als sein Wissen um die Gravididät 
der Mutter? Daß er die Wiederholung dieser Fahrt in der Kiste 
für jedes folgende Jahr in Aussicht stellt, entspricht einer häufigen 
Form des Auftauchens eines unbewußten Gedankens aus der 



192 Krankengeschichten 



Vergangenheit, oder es hat spezielle Gründe und drückt seine 
Angst aus, eine solche Gravididät zur nächsten Sommerreise wieder- 
holt zu sehen. Wir haben jetzt auch erfahren, durch welchen 
Zusammenhang ihm die Reise nach Gmunden verleidet war, 
was seine zweite Phantasie andeutete. 

„Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt 
eigentlich ins Bett der Mama gekommen ist." 

Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln." 

Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus (die 
Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen 
können. Aber der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen 
hat sie ja nicht können. (In einem Zuge fortfahrend). Der Storch 
ist bis im Gang gegangen auf der Stiegen und dann hat er 
geklopft und da haben alle geschlafen und er hat den richtigen 
Schlüssel gehabt und hat aufgesperrt und hat die Hanna in 
dein 1 Bett gelegt und die Mammi hat geschlafen — nein, der 
Storch hat sie in ihr Bett gelegt. Es war schon ganz Nacht, und 
dann hat sie der Storch ganz ruhig ins Bett gelegt, hat gar 
nicht gestrampelt, und dann hat er sich den Hut genommen, und 
dann ist er wieder weggegangen. Nein, Hut hat er nicht gehabt. 

Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor 
vielleicht?" 

Hans: „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause ge- 
gangen und dann hat er angeläutet und alle Leute im Hause 
haben nicht mehr geschlafen. Aber erzähl' das nicht der Mammi 
und der Tinni (der Köchin). Das ist Geheimnis!" 

Ich: „Hast du die Hanna gerne?" 

Hans: „O ja, sehr gerne." 

Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die 
Welt gekommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der 
Welt ist?" 

1) Hohn natürlich! Sowie die spätere Bitte, der Mama nichts von dem Geheimnis 
zu verraten. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 195 



Hans: „Mir war' lieber, daß sie nicht auf die Welt ge- 
kommen war'." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so und ich kann das 
Schreien nicht aushalten. 

Ich: „Du schreist ja selbst." 

Hans: „Die Hanna schreit ja auch." 

Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?" 

Hans: „Weil sie so stark schreit." 

Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht." 

Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann 
schreit sie." 

Ich: „Hast du sie einmal gehaut?" 

Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo haut, dann 
schreit sie." 

Ich: „Das hast du nicht gerne?" 

Hans: „Nein . . . Warum? Weil sie so einen Krawall macht 
mit dem Schreien.". 

Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt 
war,' hast du sie ja gar nicht gern." 

Hans: „Hm, hm (zustimmend)." 

Ich: „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi sie badet, 
wenn sie die Hände weggeben möcht', dann möchte sie ins 
Wasser fallen . . ." 

Hans (ergänzt): — „und sterben." 

Ich: „Und du wärst dann allein mit der Mammi. Und ein 
braver Bub' wünscht das doch nicht." 

Hans: „Aber denken darf er's." 

Ich: „Das ist aber nicht gut." 

Hans: „Wenn er's denken tut, ist es doch gut, damit 
man's dem Professor schreibt." 1 

1) Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Erwachsenen ein besseres 
Verständnis der Psychoanalyse. 

Freud, VIII 13 



1Q4 Krankengeschichten 



„Später sag' ich ihm: „Weißt du, wenn die Hanna größer sein 
wird und wird sprechen können, wirst du sie schon lieber haben." 

Hans: „O nein. Ich hab' sie ja lieb. Wenn sie im Herbst 
groß sein wird, werd' ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark 
gehen und werd' ihr alles erklären." 

„Wie ich mit einer weiteren Aufklärung anfangen will, unter- 
bricht er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß es 
nicht so schlimm ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht." 

Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch 
wie sie noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch 
auf der Welt." 

Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht." 

Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie 
gehabt." 

Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?" 

Hans: „Na, von ihm." 

Ich: „Wo hat er sie denn gehabt?" 

Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste." 

Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus?" 

Hans: „Rot. Rot angestrichen." (Blut?) 

Ich: „Wer hat dir's denn gesagt?" 

Hans: „Die Mammi — ich hab' mir's gedacht — im Buche 
steht's." 

Ich: „In welchem Buche?" 

Hans: „Im Bilderbuche." (Ich lasse mir sein erstes Bilderbuch 
bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet auf 
einem roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist auf 
demselben Blatt ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird. In die 
Kiste verlegt Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht findet). 

Ich: „Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?" 

Hans: „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel. 
Weißt, der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm 
beißt." (Reminiszenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn). 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 195 

Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanna ge- 
bracht hat?" 

Hans: „Du, da hab' ich doch noch geschlafen. In der Früh 
kann kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht. Weißt 
warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal, wenn 
Früh ist, ist ein Mädel da." 1 

Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der 
Storch gemacht hat?" 

Hans: „0 ja!" 

Ich : „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?" 

Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig." 

Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie dir 
aber nicht gefallen." 

Hans: „0 sehr!" 

Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wie klein war sie?" 

Hans: „Wie ein junger Storch." 

Ich: „Wie war's noch? Wie ein Lumpf vielleicht?" 

Hans: „0 nein, ein Lumpf ist viel größer . . . bissei kleiner, 
wie die Hanna wirklich." 

Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des Kleinen 
sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der Geburt des 
Schwesterchens werde zurückführen lassen, aber ich hatte ver- 
säumt, ihn aufmerksam zu machen, daß ein Kind ein „Lumpf" 
für die infantile Sexualtheorie sei, so daß Hans den Exkremental- 

1) Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im vorigen Gespräch ist 
der Unglaube an den Storch aus seinem Unbewußten zum Vorschein gekommen, der 
mit seiner Erbitterimg gegen den geheimtuerischen Vater verknüpft war. Jetzt ist er 
ruhiger geworden und antwortet mit offiziellen Gedanken, in denen er sich für die 
vielen mit der Storchhypothese verbundenen Schwierigkeiten Erklärungen zurecht 
gemacht hat. 

13* 



x g6 Krankengeschichten 



komplex passieren werde. Aus dieser meiner Nachlässigkeit 
entsprang die zeitweise Verdunkelung der Kur. Jetzt nach erfolgter 
Klärung versucht der Vater, Hans über diesen wichtigen Punkt 
ein zweitesmal zu vernehmen. 

„Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte Ge- 
schichte nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna ist in 
der großen Kiste nach Gmunden gefahren, und die Mammi im 
Coupe - und die Hanna ist im Lastzuge mit der Kiste gefahren, 
und dann, wie wir in Gmunden waren, haben ich und die 
Mammi die Hanna herausgehoben, haben sie aufs Pferd gesetzt. 
Der Kutscher war am Bocke und die Hanna hat die vorige 
(vorjährige) Peitsche gehabt und hat das Pferd gepeitscht und 
hat immer gesagt: „Hüoh", und das war immer lustig, und 
der Kutscher hat auch gepeitscht. — Der Kutscher hat gar 
nicht gepeitscht, weil die Hanna die Peitsche gehabt hat. 
Der Kutscher hat die Zügel gehabt — auch die Zügel hat 
die Hanna gehabt (wir sind jedesmal mit einem Wagen von 
der Bahn zum Hause gefahren} Hans sucht hier Wirklichkeit 
und Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden 
haben wir die Hanna vom Pferde heruntergehoben, und 
sie ist allein über die Stiege gegangen." (Als Hanna voriges 
Jahr in Gmunden war, war sie 8 Monate alt. Ein Jahr 
früher, worauf sich offenbar Hans' Phantasie bezieht, waren 
bei der Ankunft in Gmunden 5 Monate der Gravidität ver- 
strichen.) 

Ich: „Das vorige Jahr war die Hanna schon da. 

Hans: „Voriges Jahr ist sie im Wagen gefahren, aber ein 
Jahr vorher, wie sie bei uns auf der Welt war . . . 

Ich: „Bei uns war sie schon?" 

Hans: „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir 
Schinakel zu fahren, und die Anna hat dich bedient." 

Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna 
noch gar nicht auf der Welt. 



. 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 197 

Hans: „Ja, da war sie auf der Welt. Wie sie erst in der 
Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon ,Anna' 
sagen." (Das kann sie erst seit 4 Monaten). 

Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns." 

Hans: „O ja, da war sie doch beim Storche." 

Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?" 

Hans: „Sie wird im Herbste 2 Jahre. Die Hanna war doch 
da, du weißt es doch." 

Ich: ,Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?" 

Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist. 
Schon sehr lange." 

Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie in 
Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können." 

Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon." 

Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden." 

Hans: „Nein! Sie war zweimal? ja, das ist richtig. Ich kann mich 
sehr gut erinnern. Frag' nur die Mammi, die wird dir's schon sagen." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr." 

Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das erste- 
mal war, hat sie gehen und reiten können und später 
hat man sie tragen müssen. — Nein, später ist sie erst ge- 
ritten und voriges Jahr hat man sie tragen müssen. 

Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden 
hat sie nicht gehen können." 

Hans: „Ja, schreib's nur auf. Ich kann mich ganz gut er- 
innern. — Warum lachst du?" 

Ich: „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt, 
daß die Hanna nur einmal in Gmunden war." 

Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf dem 
Pferde* geritten . . . und das zweitemal (wird offenbar unsicher)." 

Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?" 

Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner." 

Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner gefahren." 



1 98 Krankengeschichten 



Hans: „So war's halt ein Fiaker." 

Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?" 

Hans: „Man hat ihr ein Butterbrod und Hering und Rettig 
(ein Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und daweil die 
Hanna gefahren ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert 
und hat 5omal gegessen." 

Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?" 

Hans: „Nein!" 

Ich: „Was hat sie denn gemacht?" 

Hans: „Ganz ruhig d'rin gesessen." 

Ich: „Hat sie nicht gestoßen?" 

Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich nicht 
einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie ausgetrunken 
— bis in der Früh war alles weg und den Mist hat sie in der 
Kiste gelassen, die Blätter von den zwei Rettigen und ein Messer 
zum Rettigschneiden; sie hat alles zusammengeputzt wie ein 
Has', in einer Minute und sie war fertig. Das war eine Hetz'. 
Ich und die Hanna bin sogar mitgefahren in der Kiste, ich hab' 
in der Kiste geschlafen die ganze Nacht (wir sind vor 2 Jahren 
tatsächlich in der Nacht nach Gmunden gefahren) und die 
Mammi ist im Coupe" gefahren. Immer haben wir gegessen auch 
im Wagen, das war eine Gaude. — Sie ist gar nicht am Pferde 
geritten (er ist jetzt unsicher geworden, weil er weiß, daß wir 
im Zweispänner gefahren sind) ... sie ist im Wagen gesessen. 
Das ist das Richtige, aber ganz allein bin ich und die Hanna 
gefahren ... die Mammi ist auf dem Pferde geritten, die Karolin' 
(unser Mädchen vom vorigen Jahre) auf dem andern . . . Du, 
was ich dir da erzähl', ist nicht einmal wahr." 

Ich: „Was ist nicht wahr?" 

Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die 
Kiste 1 und ich werde in die Kiste Wiwi maclu-n. Ich werd' 



1) Die Kiste für dos Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer stellt. 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 199 

halt in die Hosen Wiwi machen, liegt mir gar nichts d'ran, ist 
gar keine Schand'. Du, das ist aber kein Spaß, aber lustig ist 
es schon!" 

„Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen 
ist, wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut 
genommen hat." 

Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?" 

Hans: „In der Tasche." 

Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?" 

Hans: „Im Schnabel." 

Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt! Ich hab' noch keinen 
Storch gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat." 

Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie kommt 
denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht wahr, 
ich hab' mich nur geirrt, der Storch läutet an und jemand 
macht auf." 

Ich: „Wie läutet er denn?" 

Hans: „Auf der Glocke." 

Ich: „Wie macht er das?" 

Hans: „Er nimmt den Schnabel und drückt mit dem 
Schnabel an." 

Ich: „Und er hat die Tür wieder zugemacht?" 

Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht Die war 
ja schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht." 

Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?" 

Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In Schön- 
brunn vielleicht." 

Ich: „Ich hab' in Schönbrunn keine Kiste gesehen." 

Hani: „Die wird halt weiter weg sein. — Weißt, wie der 
Storch die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel — die 
Kiste hat auch einen Schlüssel — er nimmt den Schabel und eins 
(eine Schnabelhälfte) läßt er auf und sperrt so auf (demonstriert 
es mir am Schreibtischschlosse). Das ist ja auch ein Henkel." 






BOO 



Krankengeschichten 



Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?" 

Hans: „0 nein!" 

Ich: „Du, sieht ein Stellwagen nicht wie eine Storchen- 
kiste aus?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Und ein Möbelwagen?" 

Hans: „Ein Gsindel werkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort für 
unartige Kinder) auch." 

„17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplanten Vorsatz 
ausgeführt und ist in den Hof vis-ä-vis hinübergegangen. Heute 
wollte er es nicht tun, weil gerade gegenüber dem Einfahrts- 
tore ein Wagen an der Ausladerampe stand. Er sagte mir: 
„Wenn dort ein Wagen steht, so furcht' ich mich, daß ich die 
Pferde necken werde und sie fallen um und machen mit 
den Füßen Krawall." 

Ich: „Wie neckt man denn Pferde?" 

Hans: „Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man sie, 
wenn man Hühü schreit." 1 

Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?" 

Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich's tu, 
aber wahr ist es nicht." 

Ich: „Hast du schon in Gmunden Pferde geneckt?" 



Hans: „Nein!" 

Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?" 
Hans: „0 ja, sehr gerne!" 
Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?" 
Hans: „Ja!" 

Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mamrni 
die Hanna? Das hast du ja auch gerne." 



1) „Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher die Pferde schlugen 
und Hü schrien." 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 201 



Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie 
schlägt. (So hab' ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor 
dem Peitschen der Pferde zu mäßigen). Ich hab's einmal wirk- 
lich getan. Ich hab' einmal die Peitsche gehabt und hab' das 
Pferd gepeitscht und es ist umgefallen und hat mit den Füßen 
Krawall gemacht. u 

Ich: „Wann?" 

Hans : „In Gmunden. ' 

Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wagen angespannt war?" 

Hans: „Es war außer'm Wagen." 

Ich: „Wo war's denn?" 

Hans: „Ich hab's halt gehalten, daß es nicht davonrennen 
soll." (Das klang natürlich alles unwahrscheinlich)." 

Ich: „Wo war das?" 

Hans: „Beim Brunnen." 

Ich: „Wer hat's dir erlaubt? Hat's der Kutscher dort stehen 

lassen?" 

Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle." 

Ich: „Wie ist es zum Brunnen gekommen?" 

Hans: „Ich hab's hingeführt." 

Ich: „Woher? Aus dem Stalle?" 

Hans: „Ich hab's herausgeführt, weil ich es hab' wollen 
peitschen." 

Ich: „War im Stalle niemand?" 

Hans: „O ja, der Loisl (der Kutscher in Gmunden)." 

Ich: „Hat er dir's erlaubt?" 

Hans: „Ich hab' mit ihm lieb geredet und er hat gesagt, ich 
darf es tun/ 

Ich: „Was hast du ihm gesagt?" 

Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und 
schreien. Er hat gesagt, ja." 

Ich: „Hast du's viel gepeitscht?" 

Hans: „Was ich dir da erzähl', ist gar nicht wahr." 



202 



Kraiikcngcscliiclit ru 



Ich: „Was ist davon wahr?" 

Hans: „Nix ist davon wahr, das hab' ich dir nur im Spaße 
erzählt." 

Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?" 

Hans: „O nein!" 

Ich: „Gewünscht hast du dir's." 

Hans: „O, gewünscht schon, gedacht hab' ich mir's." 

Ich: „In Gmunden?" 

Hans: „Nein, erst hier. In der Früh hab' ich mir's schon ge- 
dacht, wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh im Bette. 

Ich: „Warum hast du mir's nie erzählt?" 

Hans: „Ich hab' nicht d'ran gedacht." 

Ich: „Du hast dir's gedacht, weil du auf die Straßen ge- 
sehen hast." 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die Mammi, 

die Hanna oder mich?" 

Hans: „Die Mammi." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Ich möcht' sie halt schlagen." 

Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi 
schlägt?" 

Hans: „Ich hab's noch nie gesehen, in meinem Leben nie. 

Ich : „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest 
du das tun?" 

Hans: „Mit dem Pracker." (Mit dem Pracker droht die 
Mama öfter ihn zu schlagen). 

„Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen." 

„Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbelwagen, 
Kohlenwagen seien Storchkistenwagen." 

Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwandlung 
unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang mit unserem 
Thema sein. 



Analyse der Phobie eines fünfjäh rigen Knaben 203 

„21. April. Heute Früh erzählt Hans, er habe sich gedacht: 
„Ein Zug war in Lainz und ich bin mit der Lainzer Großmama 
nach Hauptzollamt gefahren. Du warst noch nicht herunter von der 
Brücke und der zweite Zug war schon in St. Veit. Wie du herunter- 
gekommen bist, war der Zug schon da und da sind wir eingestiegen." 

„(Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteigeperron zu 
kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von dem Perron 
sieht man die Schienen entlang bis zur Station St. Veit. Die 
Sache ist etwas undeutlich. Ursprünglich hat sich Hans wohl 
gedacht: er ist mit dem ersten Zuge, den ich versäumt habe, 
davongefahren, dann ist aus Unter-St. Veit ein zweiter Zug ge- 
kommen, mit dem ich nachgefahren bin. Ein Stück dieser 
Ausreißerphantasie hat er entstellt, so daß er schließlich sagt: 
Wir sind beide erst mit dem zweiten Zuge weggefahren." 

„Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten un- 
gedeuteten, die davon handelt, wir hätten in Gmunden zuviel 
Zeit verbraucht, um die Kleider in der Bahn anzuziehen, und 
der Zug wäre davongefahren)." 

„Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins Haus, als 
ein Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich nichts Außer- 
gewöhnliches bemerken kann. Ich frage ihn, was er hat. Er 
sagt: „Ich fürchte mich, weil die Pferde so stolz sind, daß sie 
umfallen." (Die Pferde wurden vom Kutscher scharf am Zügel 
gehalten, so daß sie in kurzem Schritte gingen, die Köpfe hoch- 
haltend — sie hatten wirklich einen stolzen Gang)." 

„Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei." 

Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm'." 

Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen?" 

Er: „la, du sollst als Nackter (er meint: barfüßig wie seiner- 
zeit Fritzl) auf einen Stein anstoßen und da soll Blut fließen 
und wenigstens kann ich mit der Mammi ein bißchen allein 
sein. Wenn du in die Wohnung heraufkommst, kann ich 
geschwind weglaufen von der Mammi, daß du's nicht siehst." 



ao4 



Krankengeschicht cti 



Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine ange- 
stoßen hat?" 

Er: „Ja, der Fritzl." 

Ich: „Wie der Fritzl hineingefallen ist, was hast du dir 
gedacht?" ' 

Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst." 

Ich: „Du möchtest also gerne zur Mammi?" 

Er: „Ja!" 

Ich: „Weshalb schimpf ich denn eigentlich?" 

Er: „Das weiß ich nicht." (!!) 

Ich: „Warum?" 

Er: „Weil du eifern tust." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr!" 

Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das muß 

wahr sein." 

„Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins 
Bett kommen, große in ihrem eigenen Bett schlafen, hat ihm 
also nicht sehr imponiert." 

„Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken" i. e. 
schlagen, anschreien, nicht, wie er angab, auf die Mama, sondern 
auf mich geht. Er hat die Mama wohl nur vorgeschoben, weil 
er mir das andere nicht eingestehen wollte. In den letzten 
Tagen ist er von besonderer Zärtlichkeit gegen mich. 

Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich" so leicht er- 
wirbt, wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch 
Hansens, das Pferd zu „necken", doppelt gefügt ist, zusammen- 
gesetzt aus einem dunkeln, sadistischen Gelüste auf die Mutter 
und einem klaren Rachedrange gegen den Vater. Der letztere 
konnte nicht eher reproduziert werden, als bis im Zusammen- 
hange des Graviditätskomplexes das erstere an die Reihe ge- 
kommen war. Bei der Bildung der Phobie aus den unbewußten 



1) Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit geleugnet hat. 



Analyse der Phob ie eines fünf jährigen Knaben 205 

Gedanken findet ja eine Verdichtung statt; darum kann der 
Weg der Analyse niemals den Entwicklungsgang der Neurose 
wiederholen. 

„22. April. Heute Früh hat sich Hans wieder etwas gedacht: 
„Ein Gassenbuhe ist auf dem Wagerl gefahren und der Kondukteur 
ist gekommen und hat den Buben ganz nackt ausgezogen und 
bis in der Früh dort stehen lassen und in der Früh hat der 
Bub dem Kondukteur 50.000 Gulden gegeben, damit er mit 
dem Wagerl fahren darf." 

„(Vis-ä-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stock- 
geleise steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen Gassen- 
buben fahren sah, was er auch tun wollte. Ich habe ihm ge- 
sagt, das dürfe man nicht, sonst käme der Kondukteur. Ein 
zweites Element der Phantasie ist der verdrängte Nacktheits- 
wunsch)." 

Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phantasie 
„im Zeichen des Verkehres" schafft und konsequenterweise vom 
Pferde, das den Wagen zieht, zur Eisenbahn fortschreitet. So 
gesellt sich ja auch zu jeder Straßenphobie mit der Zeit die 
Eisenbahnangst hinzu. 

„Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag mit 
einer Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte. 
Er hat durch die Öffnung, in der einmal das kleine 
Blechpfeifchen befestigt war, ein kleines Taschenmesser 
hineingesteckt und ihr dann die Füße voneinander- 
gerissen, um das Messer herausfallen zu lassen. Dem 
Kindermädchen sagte er, zwischen die Füße der Puppe 
zeigend: „Schau, hier ist der Wiwimacher!" 

Ich: „Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe 
gespielt?" 

Er: „Ich hab' die Füße auseinandergerissen, weißt warum? 
Weil ein Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. Das 



206 



Krankengeschichten 



hab' ich hineingegeben, wo der Kopf quietscht, und dann hab' 
ich die Fuß' auseinandergerissen und dort ist es hinausgegangen." 

Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinandergerissen? Damit 
du den Wiwimacher sehen kannst?" 

Er: „Er war ja auch zuerst da, da hab' ich ihn auch sehen 

können." 

Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben?" 

Er: „Ich weiß es nicht." 

Ich: „Wie sieht denn das Messerl aus?" 

„Er bringt es mir. 

Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?' 

Er: „Nein, ich hab' mir gar nichts gedacht, aber der Storch 
hat, mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt — oder wer." 

Ich: „Wann?" 

Er: „Einmal. Ich hab's gehört, oder hab' ichs gar nicht ge- 
hört, oder hab' ich mich verredet?" 

Ich: „Was heißt verredet?" 

Er; „Es ist nicht wahr." 

Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissei wahr." 

Er: „No ja, ein bißchen." 

Ich (nach einem Übergange): „Wie hast du dir gedacht, 
kommen die Hendl auf die Welt?" 

Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt die 
Hendl wachsen, — nein, der liebe Gott. 

„Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den 
Eiern wieder Hendl kommen. ' 

„Hans lacht." 

Ich: „Warum lachst du?" 

Er: „Weil mir's gefällt, was du mir da erzählst." 

„Er sagt, er habe das bereits gesehen." 

Ich: „Wo denn?" 

Hans: „Bei dir!" 

Ich: „Wo hab' ich ein Ei gelegt?" 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



207 



Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt und auf 
einmal ist ein Hendl außigsprungen. Du hast einmal ein Ei 
gelegt, das weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir's 
die Mammi gesagt hat." 

Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist." 
Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab' schon einmal 
ein Ei gelegt, da ist ein Hendl außigsprungen." 
Ich: „Wo?" 

Hans: „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein 
gekniet und da haben die Kinder gar nicht hergeschaut und 
auf einmal in der Früh hab' ich gesagt: Suchts, Kinder, gestern 
hab' ich ein Ei gelegt! Und auf einmal haben sie geschaut und 
auf einmal haben sie ein Ei gesehen und aus dem ist ein 
kleiner Hans gekommen. Was lachst du denn? Die Mammi 
weiß es nicht und die Karolin' weiß es nicht, weil niemand 
zugeschaut hat und auf einmal hab' ich ein Ei gelegt und auf 
einmal war's da. Wirklich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus 
dem Ei? Wenn man es stehen läßt? Muß man das essen?" 
„Ich erkläre ihm das." 

Hans: „No ja, lassen's wir bei der Henne, dann wächst ein 
Hendl. Packen wir's in die Kiste und lassen wir 's nach Gmunden 
fahren." 

Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen Griffe 
an sich gerissen, da die Eltern mit den längst berechtigten Auf- 
klärungen zögerten, und in einer glänzenden Symptomhandlung 
mitgeteilt: „Seht ihr, so stelle ich mir eine Geburt vor.'' 
Was er dem Dienstmädchen über den Sinn seines Spieles mit 
der Puppe gesagt, war nicht aufrichtig; dem Vater gegenüber 
weist er es direkt ab, daß er nur den Wiwimacher sehen wollte. 
Nachdem ihm der Vater gleichsam als Abschlagszahlung die 
Entstehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt hat, vereinigen 
sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein Besserwissen 
zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen letzten Worten 






20 8 Krankengeschichten 



zu einer deutlichen Anspielung auf die Geburt der Schwester 

steigert. 

Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?" 

Hans: „Ich hab' ihr Grete gesagt." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab'." 

Ich: „Wie hast du dich gespielt?" 

Hans: „Ich hab' sie halt so gepflegt wie ein wirkliches Kind." 

Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?" 

Hans: „O ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber die 
Mammi darf keines kriegen, ich mag's nicht." 

„(Er hat sich schon so oft ausgesprochen. Er fürchtet durch 
ein drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden).' 

Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind. 

Hans: „Ich krieg ein Mäderl." 

Ich: „Wo kriegst du es denn her?" 

Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl heraus 
und das Mäderl legt auf einmal ein Ei und aus dem Ei kommt 
dann noch eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus der Hanna 
kommt noch eine Hanna. Nein, es kommt eine Hanna heraus." 

Ich: „Du möchtest gerne ein Mäderl haben." 

Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg' ich eins, das wird auch 

Hanna heißen." 

Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl bekommen? 

Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag." 

Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen." 

Hans: „0 ja, ein Bub kriegt ein Mäderl und ein Mäderl 

kriegt einen Buben. 

Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen nur 

Frauen, Mammis." 

Hans: „Warum denn ich nicht?" 



1) Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheoric mit ungeahntem Sinne. 






-Andyse der Phobie eines fünfjährigen Knabe n 2 o9 

Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat." 

Hans: „Warum kriegst denn du keines? ja, du wirst schon 
eins kriegen, nur warten." 

Ich: „Da kann ich lang warten." 

Hans: „Ich gehör' doch dir." 

Ich: „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht. Du 
gehörst dann der Mammi und mir." 

Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?" 

Ich: „Der Mammi." 

Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der 
Mammi?" 

Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir." 

Hans: „Na also!" 

Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im Ver- 
standnisse der Sexualbeziehungen, solange das weibliche Genitale 
unentdeckt ist. 

„Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau soweit 
aufgeklärt, daß Kinder in der Mammi wachsen und dann, was 
große Schmerzen bereite, mittels Drückens wie ein „Lumpf" in 
die Welt gesetzt werden." 

„Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm eine 
sichtliche Erleichterung eingetreten, er läuft Wagen nach und 
nur der Umstand, daß er sich aus der Nähe des Haupttores 
nicht wegtraut, respektive zu keinem größeren Spaziergange zu 
bewegen ist, verrät den Rest von Angst." 

„Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den Bauch, 
was er schon früher einmal getan hat. Ich frage ihn, ob er eine 
Ziege ist." 

Er sagt: „Ja ein Wieder (Widder)." — „Wo er einen Widder 
gesehen hat?" 

Er: „In Gmunden, der Fritzl hat einen gehabt." (Der Fritzl 
hat ein kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt.) 

Freud, VIII. 



Bio Krankengeschichten 

Ich: „Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat es 
gemacht?" 

Hans: „Du weißt, das Fräulein Mi/zi (eine Lehrerin, die im 
Hause wohnte) hat immer die Hanna auf das Lamperl gesetzt, 
da hat es aber nicht aufstehen können, da hat es nicht stoßen 
können. Wenn man hingeht, stößt es schon, weil es Hörner hat. 
Der Fritzl tut's halt an der Schnur führen und an einen Baum 
anbinden. Er bindet's immer an einen Baum an." 
Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?" 

Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat mich 
einmal hingegeben ... ich bin einmal hingegangen und hab's 
nicht gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinaufgesprungen. 
Das war so lustig — erschrocken bin ich nicht." 
„Das ist gewiß unwahr." 
Ich: „Hast du den Vatti gern?" 
Hans: „0 ja." 

Ich: „Vielleicht auch nicht?" 

Hans (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem Moment 
fällt das Pferdl um. Er schreit:) „Das Pferdl ist umgefallen! Siehst 
du, wie's Krawall macht!" 

Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mainini 
gern hat." 

Hans: „Nein." 

Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi mir 
einen Kuß gibt? Weil du eifersüchtig bist." 
Hans: „Das schon." 

Ich: „Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti wärst." 
Hans: „Und du der Hans? Da möcht ich dich jeden 

Sonntag nach Lainz fahren, nein, auch jeden Wochentag. Wenn 
ich der Vatti war', war' ich gar brav." 

Ich: „Was möchtest du mit der Mammi machen?" 
Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen." 
Ich: „Was sonst noch?" 






Analyse der Phobie eines fü nfjährigen Knaben 2 1 1 

Hans: „Nix." 



ir 



Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig?" 

Hans: „Das weiß ich nicht." 

Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?" 

Hans: „In Gmunden nicht (das ist nicht wahr). In Gmunden 
hab' ich meine Sachen gehabt, einen Garten hab' icli in Gmunden 
gehabt^ und auch Kinder." 

Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuli das Kalberl 
bekommen hat?" 

Hans: „0 ja. Es ist mit einem Wagen dahergekommen ( — das 
hat man ihm wohl damals in Gmunden gesagt; auch ein 
Stoß gegen die Storchtheorie — ) und eine andere Kuh hat es 
aus dem Podl herausgedrückt." (Das ist bereits die Frucht der 
Aufklärung, die er mit der „Wagerltheorie" in Einklang bringen 
will.) 

Ich : „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl 
gekommen ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle 



war." 



„Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh 
gesehen. Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahr- 
scheinlich erzählt hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen 
sei. Er gibt es schließlich zu: „Es hat mir's wahrscheinlich die 
Berta gesagt oder nein — oder vielleicht der Hausherr. Er war 
dabei und es war doch Nacht, deshalb ist es doch wahr, wie 
ich's dir sage, oder mir scheint, es hat mir's niemand gesagt, 
ich hab' mir's in der Nacht gedacht." 

„Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weg- 
geführt; daher die Verwechslung." 

Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat's 
gebracht?" 

Hans: „Das hab' ich mir nicht denken wollen." 

Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast du 
dir gedacht?" 



>+• 



212 



A' ra iikengcschich tcn 



Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab' ich mir's gedacht. 
— Du Vatti, war der Herr Reisenbichler (der Hausherr) dabei, 
wie das Kalberl von der Kuh gekommen ist?" 1 

Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?" 

Hans : „Ich glaub' schon . . . Vatti hast du schon öfter gesehen, 
wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?" 

Ich: „Ich hab's schon öfter gesehen auf der Straße in Gmunden." 

Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?" 

Hans : „Ja. 

Ich: „Und dann hast dir gedacht, du bist der Vatti?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Und dann hast du dich vor dorn Vatti gefürchtet?" 
Hans: „Du weißt ja alles, ich hab" nichts gewußt." 
Ich: „Wie der Fritzl gefallen ist, hast du dir gedacht, wenn 
der Vatti so fallen möchte, und wie dich das Lamperl gestoßen 
hat, wenn es den Vatti stoßen möcht'. Kannst du dich an das 
Begräbnis in Gmunden erinnern?" (Das erste Begräbnis, das Hans 
sah. Er erinnert sich öfter daran, eine zweifellose Deckerinnerung.) 

Elans: „Ja, was war da?" 

Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht', wärst 

du der Vatti." 
Hans: „Ja." 
Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?" 

Hans: „Vor allen." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr." 

Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen, vor 
Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn sie 
aber leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll aufgeladen 



i^ Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachsenen mißtrauisch 
xu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaubwürdiger sei als der Vater. 

2) Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwanen am Munde der Pferde 
hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen, bis es sich endlich hat verifizieren 
lassen. 



_ 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 2 1 5 

hat, da furcht' ich mich, und wenn's zwei Pferde sind und voll 
aufgeladen haben, da furcht' ich mich nicht." 

Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, weil drin soviel 
Leute sind?" 

Hans : „Weil am Dach soviel Gepäck ist." 

Ich : „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat, 
nicht auch voll aufgeladen?" 

Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgeladen sein, wenn 
sie wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen 
wird, bis wieder eins drin sein wird." 

Ich: „Das möchtest du halt gern." 

Hans: „Ja." 

Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi noch 
ein Kind bekommen soll." 

Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgeladen sein. Die 
Mammi hat gesagt, wenn die Mammi keins will, wüTs der liebe 
Gott auch nicht. Wird die Mammi auch keins wollen, so wird 
sie keins bekommen." (Hans hat natürlich gestern auch gefragt, 
ob in der Mammi noch Kinder sind. Ich habe ihm gesagt, nein, 
wenn der liebe Gott nicht will, wird's in ihr auch nicht wachsen). 

Hans : „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht will, 
wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe Gott 
nicht will." 

„Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe, 
worauf er bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß 
besser." — Er stellte also die Mama zur Rede, und die stellte 
die Konkordanz her, indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle, 
wolle auch der liebe Gott nicht. 1 

Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll ein 
Kind bekommen? 

Hans: „Aber haben will ich's nicht." 

1) Ce que femme veut Dieu veut, Hans hat hier in seinem Scharfsinne wieder ein 
sehr ernsthaftes Problem entdeckt. 



2 1 4 Krankengeschichten 



Ich: „Aber du wünschest es?" 

Hans: „Wünschen schon." 

Ich: „Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern der 
Vatti sein möchst." 

Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschieht'?" 

Ich: „Welche Geschieht'?" 

Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Geschieht' 
dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht'?" 

Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi ver- 
heiratet sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart 
haben und möchtest, daß die Mammi ein Kind bekommen soll. 

Hans: „Vatti, und bis ich verheiratet sein werde, werde ich 
nur eines kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi 
verheiratet sein werde, und wenn ich kein Kind will, will der 
liebe Gott auch nicht, wenn ich geheiratet hab\" 

Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?' 

Hans: „O ja." 

Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie noch 
durch die Unsicherheit über die Rolle des Vaters und die 
Zweifel an der Beherrschung des Kinderkriegens gestört wird. 

„Am Abend desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett gelegt 
wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach'? Jetzt sprech' 
ich noch bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei mir im Bett. 
Immer sind meine Kinder bei mir im Bett. Kannst du mir sagen, 
wie das ist?" — Da er schon sehr schläfrig ist, verspreche ich 
ihm, wir würden das morgen aufschreiben, und er schläft ein. 

„Aus den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans seit 
seiner Rückkehr von G munden immer von seinen „Kindern 
phantasiert, er führt mit ihnen Gespräche usw."' 

l) Es ist keine Nötigung, hier bei Han« einen femininen Zug von Sehnsucht 
nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseligenden Erlebnisse als Kind bei der 
Mutter gehabt hat, wiederholt er diese nun in aktiver Rolle, wobei er selbst die 
Mutter spielen muß. 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knaben 215 



„Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer 
von seinen Kindern spricht." 

Hans: „Warum? Weil ich so gerne Kinder haben mag, 
aber ich wünsch' mir's nie, haben mag ich sie nicht."' 

Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga usw. 
sind deine Kinder?" 

Hans: „Ja, der Franzi, der Fritzl und der Paul (sein Gespiele 
in Lainz) auch und die Lodi." Ein fingierter Name. Sein Lieblings- ^M ■ 
kind, von dem er am öftesten spricht. — Ich betone hier, daß 
die Persönlichkeit der Lodi nicht erst seit einigen Tagen, seit 
dem Datum der letzten Aufklärung (24. April) besteht." 

Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in Gmunden?" 

Hans: „Nein." 

Ich: „Gibts eine Lodi?" 

Hans: „Ja, ich kenn' sie schon." 

Ich: „Welche denn?" 

Hans: „Die da, die ich hab'." 

Ich: „Wie sieht sie denn aus?" 

Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare... ich hab' 
sie einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie ich in 
die Stadt gegangen bin." 

Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies er- 
funden ist." 2 

Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?" 

Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi." 

Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?" 

Hans : „Bei mir hab' ich sie schlafen lassen, Mädeln und Buben." 

Ich: „Jeden Tag?" ^_^^ 



1) Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie und Wirklichkeit 
_ wünschen und haben. Er weiß, daß er in Wirklichkeit Kind ist, da würden ihn 
andere Kinder nur stören, in der Phantasie ist er Mutter und braucht Kinder, mit 
denen er die selbst erlebten Zärtlichkeiten wiederholen kann. 

2) Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in Gmunden zum Ideal 
erhoben hat, das übrigens in der Farbe von Augen und Haaren der Mutter nach- 
gebildet ist. 



3i 6 Krankengeschichten 



Hans: „Na freilich." 

Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?" 

Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen sind, 
habe ich welche Kinder aufs Sofa gelegt und welche in den 
Kinderwagen gesetzt, wenn noch übrig geblieben sind, hab' ich 
sie am Boden getragen und in die Kiste gelegt, da waren noch 
Kinder und ich hab' sie in die andere Kiste gelegt." 

Ich: „Also die Storchenkinderkisten sind am Boden gestanden?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Wann hast du die Kinder bekommen? War die Hanna 
schon auf der Welt?" 

Hans: „Ja, schon lange." 

Ich: „Aber von wem hast du dir gedacht, daß du die Kinder 
bekommen hast?" 

Hans: „No, von mir." 1 

Ich : „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß die 
Kinder von einem kommen." 

Hans: „Ich hab' mir gedacht, der Storch hat sie gebracht." 

(Offenbar Lüge und Ausflucht)." 

Ich: „Gestern war die Grete bei dir, aber du weißt doch 
schon, daß ein Bub keine Kinder haben kann." 

Hans: „No ja, ich glaub's aber doch." 

Ich: „Wie bist du auf den Namen Loch gekommen? So heißt 
doch kein Mäderl. Vielleicht Lotti?" 

Hans: „0 nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner Name 
ist es doch." 

Ich (scherzend): „Meinst du vielleicht eine Schokolodi?" 
Hans (sofort): „Nein, eine Saflalodi 5 . . . weil ich so gern 
Wurst essen tu, Salami auch." 



i) Hans kann nicht anders ah vom Standpunkte de» Autorrotismus antworten. 
2) Es sind Phantasie-, d. h. Onaniekinder. 

5) „Soffaladi = Zervelatwurst. Meine Frau erzählt gern, daß ihre Tante immer 
Soffilodi sagt, das mag er gehört haben." 



^ 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 317 

Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lumpf aus?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wie sieht denn ein Lumpf aus?" 

Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen und 
Schnurrbart) wie das und das." 

Ich: „Wie noch? Rund wie eine Saffaladi?" 

Hans: „Ja." 

Ich : „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lumpf gekommen 
ist, hast du dir gedacht, daß du ein Kind bekommst?" 

Hans (lachend): „Ja, in der **gasse schon und auch hier." 

Ich: „Weißt du, wie die Stell wagenpferde umgefallen sind? Der 
Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und wenn das schwarze 
Pferd umgefallen ist, war es so . . . 

Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt. 

Ich: „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen 
Krawall gemacht hat?" 

Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und 
lieber spielen, dann mach' ich so mit den Füßen Krawall." (Er 
stampft mit den Füßen auf.) 

„Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder ungern 
Kinder bekommt." 

„Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf- und abladen, 
wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen Kisten als Spielzeug. 
Im Hofe des Hauptzollamtes gegenüber interessierte ihn am meisten 
das Auf- und Abladen der Wagen. Er erschrak auch am heftigsten, 
wenn ein Wagen aufgeladen hatte und fortfahren sollte. „Die 
Pferde werden fallen 1 ". Die Türen des Hauptzollamtsschuppens 
nannte er „Loch" (das erste, zweite, dritte . . . Loch). Jetzt sagt 
er „Podlloch". 

„Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er in der 
Nähe des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu haben, wenn er 

1) Heißt man es nicht , .niederkommen' - , wenn eine Frau gebärt? 



218 



K rarderifresciiicfitrn 



sich fürchten sollte. Er flüchtet aber nie mehr ins Haus hinein 
bleibt immer auf der Straße. Bekanntlich hat das Kranksein damit 
begonnen, daß er auf dem Spaziergange weinend umkehrte, und 
als man ihn ein zweites Mal zwang, spazieren zu gehen, nur bis 
zur Stadtbahnstation „Hauptzollamt" ging, von der aus man unsere 
W ohnung noch sieht. Bei der Entbindung der Frau war er natürlich 
von ihr getrennt, und die jetzige Angst, die ihn hindert, die 
Nähe des Hauses aufzugeben, ist noch die damalige Sehnsucht." 



„30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kindern 
spielt, sage ich ihm: „Wieso leben denn deine Kinder noch? Du 
weißt ja, daß ein Bub keine Kinder bekommen kann." 

Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt bin 
ich der Vatti." 

Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?" 

Hans: „No, die Mammi, und du bist der Großvatti." 

Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der Mammi 
verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen." 

Hans: „Ja, das möcht' ich und die Lainzerin (meine Mutter) 
ist dann die Großmammi." 

Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus hat eine glücklichere 
Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben ist. Er gönnt 
seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück, das er 
für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet 
auch ihn mit der eigenen Mutter. 



„Am 1. Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt 
was? Schreiben wir was für den Professor auf." 

Ich: „Was denn?" 

Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf dem 
Klosett. Zuerst hab' ich I.umpf gemacht und Wiwi und sie haben 
zugeschaut. Dann hab' ich sie aufs Klosett gesetzt und sie haben 
\fi iwi und Lumpf gemacht und ich hab' ihnen den Podl mit 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 2 1 9 

Papier ausgewischt. Weißt warum? Weil ich so gerne Kinder 
haben möcht', dann möcht' ich ihnen alles tun, sie aufs Klosett 
f (ihren, ihnen den Podl abputzen, halt alles, was man mit Kindern tut." 

Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl kaum 
anflehen, die an die exkrementellen Funktionen geknüpfte Lust 
bei Hans in Abrede zu stellen. 

„Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadtpark. 
Da es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als sonst, immerhin 
genug, die ihn bisher abgeschreckt haben. Er ist sehr stolz auf 
seine Leistung, und ich muß mit ihm nach der Jause noch einmal 
in den Stadtpark gehen. Auf dem Wege treffen wir einen Stell- 
wagen, den er mir zeigt: „Schau, einen Storchenkistenwagen!" 
Wenn er, wie geplant ist, morgen mit mir wieder in den Stadtpark 
geht, kann man die Krankheit wohl als geheilt ansehen." 

„Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab' mir heute was 
gedacht." Zuerst hat ers vergessen, später erzählt er unter be- 
trächtlichen Widerständen: „Es ist der Installateur gekommen 
und hat mir mit einer Zange zuerst den Podl weggenommen 
und hat mir dann einen andern gegeben und dann den 
Wiwimacher. Er hat gesagt: Laß den Podl sehen und ich hab' 
mich umdrehen müssen, und er hat ihn weggenommen und dann 
hat er gesagt: Laß den Wiwimacher sehen." 

Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie und zweifelt 
keinen Moment an der einzig gestatteten Deutung. 

Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimacher und einen 
größeren Podl gegeben." 
Hans: „Ja. 

Ich: „Wie der Vatti sie hat, weil du gerne der Vatti sein 

möchtest?" 

Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du möcht' ich auch 
haben und solche Haare." (Deutet auf die Haare an meiner Brust.) 

„Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie: Der 
Installateur ist gekommen und hat die Badewanne abgeschraubt 



220 



Krankengeschichten 



und hat mir dann einen Bohrer in den Hauch eingesetzt, rektifiziert 
sich demnach: Die große Badewanne bedeutet den „Podl", der 
Bohrer oder Schraubenzieher, wie damals schon gedeutet, den 
Wiwimacher. 1 Es sind identische Phantasien. Es eröffnet sich auch 
ein neuer Zugang zu Hansens Furcht vor der großen Badewanne, 
die übrigens auch bereits abgenommen hat. Es ist ihm unlieb, 
daß sein „Podl" zu klein ist für die große Wanne." 

In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das Wort, 
um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen Ausdruck zu 
geben. 



Nachtrag des Vaters eine Woche später: 

„Geehrter Herr Professor! Ich möchte die Krankengeschichte 
Hansens noch durch folgendes ergänzen : 

l) Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht so 
vollständig, wie ich sie vielleicht dargestellt hübe. Hans ging aller- 
dings spazieren, aber nur gezwungen und mit großer Angst. Einmal 
ging er mit mir bis zur Station „Hauptzollamt", von wo man 
noch die Wohnung sieht, und war nicht weiter zu bringen." 

a) Ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft bekommt Hans 
bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen ist eine auch ihm 
geläufige Wortvertauschung." 

3) Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes Zimmer 
separiert wurde, war er ungefähr ,j. Jahre all." 

4) Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in Furcht, 
sondern in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen beziehen sich 
meist darauf, woraus die Dinge verfertigt sind (Tramways, Maschinen 



1) Vielleicht darf man hinzusetzen, daß der ..Bohrer" nicht ohne Beziehung auf 
das Wort „geboren", „Geburt" gewühlt worden ist. Das Kind würde so zwischen 
„gebohrt" und „geboren" keinen Unterschied machen. Ich akzeptiere diese mir von 
einem kundigen Kollegen mitgeteilte Vermutung, weiß aber nicht zu sagen, ob hier 
ein tieferer allgemeiner Zusammenhang oder die Ausnutzung eines dem Deutschen 
eigentümlichen Sprachzufallcs vorliegt. Auch Prometheus (Pramantha). der Menschen- 
schöpfer, ist etymologisch der „Bohrer". Vgl. Abraham, Traum und Mythus. 4. Heft 
der „Schriften zur angewandten Seelenkunde", 1908. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 221 

usw.), wer die Dinge macht usw. Charakteristisch für die meisten 
Fragen ist, daß Hans fragt, obzwar er sich die Antwort bereits 
selbst gegeben hat. Er will sich nur vergewissern. Als er mich 
einmal mit Fragen zu sehr ermüdet hatte und ich ihm sagte: 
„Glaubst du denn, daß ich dir auf alles antworten kann, was du 
fragst?", meinte er: „No, ich hab' geglaubt, weil du das vom 
Pferd gewußt hast, daß du das auch weißt." 

5) Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch : „Damals, 
wie ich die Dummheit gehabt hab'." 

6) Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf zerbricht, 
was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch die Mutter 
das Kind zur Welt bringt. Man kann das aus den Fragen schließen, 
wie: „Nicht wahr, ich gehör' auch dir" (Er meint, nicht nur 
der Mutter.) Das: wieso er mir gehört, ist ihm nicht klar. Da- 
gegen habe ich keinen direkten Beweis, daß er, wie Sie meinen, 
einen Koitus der Eltern belauscht hätte. 

7) Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die Heftigkeit 
der Angst aufmerksam gemacht werden, da man sonst sagen würde: 
„Hätte man ihn nur ordentlich durchgeprügelt, so wäre er schon 
spazieren gegangen." 

Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie Hansens 
war auch die vom Kastrationskomplex stammende Angst über- 
wunden, die peinliche Erwartung ins Beglückende gewendet. Ja, 
der Arzt, Installateur usw. kommt, er nimmt den Penis ab, aber 
nur um einen größeren dafür zu geben. Im übrigen mag unser 
kleiner Forscher nur frühzeitig die Erfahrung machen, daß alles 
Wissen Stückwerk ist, und daß auf jeder Stufe ein ungelöster 
Rest bleibt. 



III 

EPIKRISE 



Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung von 
der Entwicklung und Lösung einer Phobie bei einem noch nicht 
fünfjährigen Knaben zu prüfen haben: erstens, inwieweit sie die 
Behauptungen unterstützt, die ich in den „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie", 1905, aufgestellt habe; zweitens, was sie 
zum Verständnis der so häufigen Krankheitsform zu leisten ver- 
mag; drittens, was sich ihr etwa zur Aufklärung des kindlichen 
Seelenlebens und zur Kritik unserer Erziehungsabsichten ab- 
gewinnen läßt. 

1 

Mein Eindruck geht dahin, daü das Bild des kindlichen 
Sexuallebens, wie es aus der Beobachtung dos kleinen Hans her- 
vortritt, in sehr guter Übereinstimmung mit der Schilderung 
steht, die ich in meiner Sexualtheorie nach psychoanalytischen 
Untersuchungen an Erwachsenen entworfen habe. Aber ehe ich 
daran gehe, die Einzelheiten dieser Übereinstimmung zu ver- 
folgen, werde ich zwei Einwendungen erledigen müssen, welche 
sich gegen die Verwertung dieser Analyse erheben. Die erste 
lautet: Der kleine Hans sei kein normales Kind, sondern, wie 
die Folge, eben die Erkrankung, lehrt, ein zur Neurose dispo- 
niertes, ein kleiner „Hereditarier", und es sei darum unstatt- 
haft, Schlüsse, die vielleicht für ihn Gellung haben, auf andere, 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



225 



normale Kinder zu übertragen. Ich werde diesen Einwand, da 
er den Wert der Beobachtung bloß einschränkt, nicht völlig 
aufhebt, später berücksichtigen. Der zweite und strengere Ein- 
spruch wird behaupten, daß die Analyse eines Kindes durch 
seinen Vater, der, in meinen theoretischen Anschauungen be- 
fangen, mit meinen Vorurteilen behaftet an die Arbeit geht, 
überhaupt eines objektiven Wertes entbehre. Ein Kind sei selbst- 
verständlich in hohem Grade suggerierbar, vielleicht gegen keine 
Person mehr als gegen seinen Vater ; es lasse sich alles dem 
Vater zuliebe aufdrängen zum Dank dafür, daß er sich soviel 
mit ihm beschäftige, seine Aussagen hätten keine Beweiskraft 
und seine Produktionen in Einfällen, Phantasien und Träumen 
erfolgten natürlich in der Richtung, nach welcher mau es mit 
allen Mitteln gedrängt habe. Kurz, es sei wieder einmal alles 
„Suggestion" und deren Entlarvung beim Kinde nur sehr er- 
leichtert im Vergleiche mit dem Erwachsenen. 

Sonderbar; ich weiß mich zu erinnern, als ich mich vor 
22 Jahren in den Streit der wissenschaftlichen Meinungen ein- 
zumengen begann, mit welchem Spotte damals von der älteren 
Generation der Neurologen und Psychiater die Aufstellung der 
Suggestion und ihrer Wirkungen empfangen wurde. Seither hat 
sich die Situation gründlich geändert; der Widerwille ist in all- 
zu entgegenkommende Bereitwilligkeit umgeschlagen, und dies 
nicht allein infolge der Wirkung, welche die Arbeiten Liebeaults, 
Bernheims und ihrer Schüler im Laufe dieser Dezennien ent- 
falten mußten, sondern auch, weil unterdes die Entdeckung ge- 
macht wurde, welche Denkersparnis mit der Anwendung des 
Schlagwortes „Suggestion" verbunden werden kann. Weiß doch 
niemand und bekümmert sich auch niemand zu wissen, was die 
Suggestion ist, woher sie rührt und wann sie sich einstellt; genug, 
daß man alles im Psychischen Unbequeme „Suggestion" heißen darf. 

Ich teile nicht die gegenwärtig beliebte Ansicht, daß Kinder- 
aussagen durchwegs willkürlich und unverläßlich seien. Willkür 



224 Krankengeschichten 



gibt es im Psychischen überhaupt nicht; die Unverläßlichkeit 
in den Aussagen der Kinder rührt her von der Übermacht ihrer 
Phantasie, wie die Unverläßlichkeit der Aussagen Erwachsener 
von der Übermacht ihrer Vorurteile. Sonst lügt auch das Kind 
nicht ohne Grund und hat im ganzen mehr Neigung zur Wahr- 
heitsliebe als die Großen. Mit einer Verwerfung der Angaben 
unseres kleinen Hans in Bausch und Bogen täte man ihm gewiß 
schweres Unrecht; man kann vielmehr ganz deutlich unter- 
scheiden, wo er unter dem Zwange eines Widerstandes fälscht 
oder zurückhält, wo er, selbst unentschieden, dem Vater bei- 
pflichtet, was man nicht als beweisend gelten lassen muß, und 
wo er, vom Drucke befreit, übersprudelnd mitteilt, was seine 
innere Wahrheit ist, und was er bisher allein gewußt hat. 
Größere Sicherheiten bieten auch die Angaben der Erwachsenen 
nicht. Bedauerlich bleibt, daß keine Darstellung einer Psycho- 
analyse die Eindrücke wiedergeben kann, die man während ihrer 
Ausführung empfängt, daß die endgültige Überzeugung nie 
durchs Lesen, sondern nur durchs Erleben vermittelt werden 
kann. Aber dieser Mangel haftet den Analysen mit Erwachsenen 
in gleichem Maße an. 

Den kleinen Hans schildern seine Eltern als ein heiteres, auf- 
richtiges Kind, und so dürfte er auch durch die Erziehung ge- 
worden sein, die ihm die Eltern schenkten, die wesentlich in 
der Unterlassung unserer gebräuchlichen Erziehungssünden be- 
stand. Solange er in fröhlicher Naivität seine Forschungen pflegen 
konnte, ohne Ahnung der aus ihnen bald erwachsenden Konflikte, 
teilte er sich auch rückhaltlos mit, und die Beobachtungen aus 
der Zeit vor seiner Phobie unterliegen auch keinem Zweifel und 
keiner Beanstandung. In der Zeit der Krankheit und während 
der Analyse beginnen für ihn die Inkongruenzen zwischen dem, 
was er sagt, und dem, was er denkt, zum Teil darin begründet, 
daß sich ihm unbewußtes Material aufdrängt, das er nicht mit 
einem Male zu bewältigen weiß, zum andern Teil infolge der 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



225 



inhaltlichen Abhaltungen, die aus seinem Verhältnisse zu den 
Eltern stammen. Ich behaupte, daß ich unparteiisch bleibe, wenn 
ich das Urteil ausspreche, daß auch diese Schwierigkeiten nicht 
größer ausgefallen sind als in soviel anderen Analysen mit 
Erwachsenen. 

Während der Analyse allerdings muß ihm vieles gesagt werden, 
was er selbst nicht zu sagen weiß, müssen ihm Gedanken ein- 
gegeben werden, von denen sich noch nichts bei ihm gezeigt 
hat, muß seine Aufmerksamkeit die Einstellung nach jenen 
Richtungen erfahren, von denen her der Vater das Kommende 
erwartet. Das schwächt die Beweiskraft der Analyse 5 aber in 
jeder verfährt man so. Eine Psychoanalyse ist eben keine tendenz- 
lose, wissenschaftliche Untersuchung, sondern ein therapeutischer 
Eingriff; sie will an sich nichts beweisen, sondern nur etwas 
ändern. Jedesmal gibt der Arzt in der Psychoanalyse dem Patienten 
die bewußten Erwartungsvorstellungen, mit deren Hilfe er im- 
stande sein soll, das Unbewußte zu erkennen und zu erfassen, 
das eine Mal in reichlicherem, das andere in bescheidenerem 
Ausmaße. Es gibt eben Fälle, die mehr, und andere, die weniger 
Nachhilfe brauchen. Ohne solche Hilfe kommt niemand aus. 
Was man etwa bei sich allein zu Ende bringen kann, sind 
leichte Störungen, niemals eine Neurose, die sich dem Ich wie 
etwas Fremdes entgegengestellt hat; zur Bewältigung einer solchen 
braucht es den andern, und soweit der andere helfen kann, so- 
weit ist die Neurose heilbar. Wenn es im Wesen einer Neurose 
liegt, sich vom „andern" abzuwenden, wie es die Charakteristik 
der als Dementia praecox zusammengefaßten Zustände zu ent- 
halten scheint, so sind eben darum diese Zustände für unsere 
Bemühung unheilbar. Es ist nun zugegeben, daß das Kind 
wegen der geringen Entwicklung seiner intellektuellen Systeme 
einer besonders intensiven Nachhilfe bedarf. Aber was der Arzt 
dem Patienten mitteilt, stammt doch selbst wieder aus analy- 
tischen Erfahrungen,*' und es ist wirklich beweisend genug, wenn 

Freud, VIII. 



2 2 6 Krankengeschichten 



mit dem Aufwände dieser ärztlichen Einmengung der Zusammen- 
hang und die Lösung des pathogenen Materials erreicht wird. 

Und doch hat unser kleiner Patient auch während der Analyse 
Selbständigkeit genug bewiesen, um ihn von dem Verdikte der 
„Suggestion" freisprechen zu können. Seine kindlichen Sexual- 
theorien wendet er auf sein Material an wie alle Kinder, ohne 
dazu eine Anregung zu erhalten. Dieselben sind dem Erwachsenen 
so überaus ferne gerückt; ja, in diesem Falle hatte ich es geradezu 
versäumt, den Vater darauf vorzubereiten, daß der Weg zum 
Thema der Geburt für Hans über den Exkretionskomplex führen 
müsse. Was infolge meiner Flüchtigkeil ZU einer dunkeln Partie 
der Analyse wurde, ergab dann wenigstens ein gutes Zeugnis für 
die Echtheit und Selbständigkeit in Hansens Gedankenarbeit. Er 
war auf einmal mit dem „Lumpl" beschäftigt, ebne daß der 
angeblich suggerierende Vater verstehen konnte, wie er dazu kam 
und was daraus werden sollte. Ebensowenig Anteil kann man dem 
Vater an der Entwicklung der beiden Phantasien vom Installateur 
zuschreiben, die von dem frühzeitig erworbenen „Kastraktionskom- 
plexe" ausgehen. Ich muß hier das Geständnis ablegen, daß ich dem 
Vater die Erwartung dieses Zusammenhanges völlig verschwiegen 
habe, aus theoretischem Interesse, um nur die Beweiskraft eines sonst 
schwer erreichbaren Beleges nicht verkümmern zu lassen. 

Bei weiterer Vertiefung in das Detail der Analyse würden 
sich noch reichlich neue Beweise für die Unabhängigkeit unseres 
Hans von der „Suggestion" ergeben, aber ich breche hier die 
Behandlung des ersten Einwandes ab. Ich weiß, daß ich auch 
durch diese Analyse keinen überzeugen werde, der sich nicht 
überzeugen lassen will, und ich setze die Bearbeitung dieser 
Beobachtung für jene Leser fort, die sich eine Überzeugung von 
der Objektivität des unbewußten pathogenen Materials bereits 
erworben haben, nicht ohne die angenehme Gewißheit zu betonen, 
daß die Anzahl der letzteren in beständiger Zunahme begriffen ist. 



I 



- 



Analyse der Phobie eines fünf jährigen Knah 



en 



227 



Der erste dem Sexualleben zuzurechnende Zug bei dem 
kleinen Hans ist ein ganz besonders lebhaftes Interesse für seinen 
„Wiwimacher", wie dies Organ nach der kaum minder wich- 
tigen seiner beiden Funktionen und nach jener, die in der 
Kinderstube nicht zu umgehen ist, genannt wird. Dieses Interesse 
macht ihn zum Forscher; er entdeckt so, daß man auf Grund 
des Vorhandenseins oder Fehlens des Wiwimachers Lebendes 
und Lebloses unterscheiden könne. Bei allen Lebewesen, die er 
als sich ähnlich beurteilt, setzt er diesen bedeutsamen Körperteil 
voraus, studiert ihn an den großen Tieren, vermutet ihn bei 
beiden Eltern und läßt sich auch durch den Augenschein nicht 
abhalten, ihn bei seiner neugeborenen Schwester zu statuieren. 
Es wäre eine zu gewaltige Erschütterung seiner „Weltanschauung", 
könnte man sagen, wenn er sich entschließen sollte, bei einem 
ihm ähnlichen Wesen auf ihn zu verzichten; es wäre so, als 
würde er ihm selbst entrissen. Eine Drohung der Mutter, die 
nichts geringeres als den Verlust des Wiwimachers zum Inhalte 
hat, wird darum wahrscheinlich eiligst zurückgedrängt und darf 
erst in späteren Zeiten ihre Wirkung äußern. Die Einmengung 
der Mutter war erfolgt, weil er sich durch Berührung dieses 
Gliedes Lustgefühle zu verschaffen liebte; der Kleine hat die 
gewöhnlichste und — normalste Art der autoerotischen Sexual- 
tätigkeit begonnen. 

In einer Weise, die Alf. Adler sehr passend als „Triebver- 
schränkung" bezeichnet hat, 1 verknüpft sich die Lust am 
eigenen Geschlechtsgliede mit der Schaulust in ihrer aktiven 
und ihrer passiven Ausbildung. Der Kleine sucht den Wiwi- 
macher anderer Personen zu Gesicht zu bekommen, er ent- 
wickelt sexuelle Neugierde und liebt es, seinen eigenen zu 
zeigen. Einer seiner Träume aus der ersten Zeit der Ver- 
drängung hat den Wunsch zum Inhalte, daß eine seiner kleinen 



1) „Der Aggressionsbetrieb im Leben und in der Neurose". Fortschritte de 
Medizin. 1908. Nr. 19. 



ij* 



228 



Kremkengeschichten 



Freundinnen ihm beim Wiwimachen behilflich sein, also dieses 
Anblickes teilhaftig werden solle. Der Traum bezeugt so, daß 
der Wunsch bis dahin unverdrängt bestanden hat, sowie spätere 
Mitteilungen bestätigen, daß er seine Befriedigung zu finden 
pflegte. Die aktive Richtung der sexuellen Schaulust verbindet 
sich bei ihm bald mit einem bestimmten Motiv. Wenn er so- 
wohl dem Vater wie der Mutter wiederholt sein Bedauern zu 
erkennen gibt, daß er deren Wiwimacher noch nie gesehen 
habe, so drängt ihn dazu wahrscheinlich das Bedürfnis zu ver- 
gleichen. Das Ich bleibt der Maßstab, mit dem man die Welt 
ausmißt; durch beständiges Vergleichen mit der eigenen Person 
lernt man sie verstehen. Hans hat beobachtet, daß die großen 
Tiere soviel größere Wiwimacher haben als er; darum ver- 
mutet er das gleiche Verhältnis auch bei seinen Eltern und 
möchte sich davon überzeugen. Die Mama, meint er, hat gewiß 
einen Wiwimacher „wie ein Pferd". Kr hat dann den Trost 
bereit, daß der Wiwimacher mit ihm wachsen weide; es ist, als 
ob der Größenwunsch des Kindes sich aufs Genitale geworfen 

hätte. 

In der Sexualkonstitution des kleinen Hans ist also die 
Genitalzone von vornherein die am intensivsten lustbetonte unter 
den eroffenen Zonen. Neben ihr ist nur noch die exkrementelle, 
an die Orifizien der Harn- und Stuhlentleerung geknüpfte Lust 
bei ihm bezeugt. Wenn er in seiner letzten Glücksphantasie, 
mit der sein Kranksein überwunden ist, Kinder hat, die er 
aufs Klosett führt, sie Wiwi machen läßt und ihnen den Pool 
auswischt, kurz, „alles mit ihnen tut, was man mit Kindern tun 
kann", so scheint es unabweisbar anzunehmen, daß diese selben 
Verrichtungen während seiner Kinderpflege eine Quelle der 
Lustempfindung für ihn waren. Diese Lust von erogenen Zonen 
wurde für ihn mit Hilfe der ihn pflegenden Person, der Mutter, 
gewonnen, führt also bereits zur Objektwahl; es bleibt aber 
möglich, daß er in noch früheren Zeiten gewohnt war, sich die- 



Analyse der Phobie eines fünfjälirigen Knaben 



229 



selbe autoerotisch zu verschaffen, daß er zu jenen Kindern 
gehört hat, die die Exkrete zurückzuhalten lieben, bis ihnen 
deren Entleerung einen Wollustreiz bereiten kann. Ich sage 
nur, es ist möglich, denn es ist in der Analyse nicht klar- 
gestellt worden j das „Krawallmachen mit den Beinen" (Zappeln), 
vor dem er sich später so sehr fürchtet, deutet nach dieser 
Richtung. Eine auffällige Betonung, wie bei anderen Kindern 
so häufig, haben diese Lustquellen bei ihm übrigens nicht. 
Er ist bald rein geworden, Bettnässen und tägliche Inkontinenz 
haben keine Rolle in seinen ersten Jahren gespielt; von der 
am Erwachsenen so häßlichen Neigung, mit den Exkrementen 
zu spielen, die am Ausgange der psychischen Rückbildungs- 
prozesse wieder aufzutreten pflegt, ist an ihm nichts beobachtet 
worden. 

Heben wir gleich an dieser Stelle hervor, daß während seiner 
Phobie die Verdrängung dieser beiden bei ihm gut ausgebildeten 
Komponenten der Sexualtätigkeit unverkennbar ist. Er schämt 
sich, vor anderen zu urinieren, klagt sich an, daß er den Finger 
zum Wiwimacher gebe, bemüht sich, auch die Onanie aufzu- 
geben, und ekelt sich vor „Lumpf", „Wiwi" und allem, was 
daran erinnert. In der Phantasie von der Kinderpflege nimmt 
er diese letztere Verdrängung wieder zurück. 

Eine Sexualkonstitution wie die unseres kleinen Hans scheint 
die Disposition zur Entwicklung von Perversionen oder ihrem 
Negativ (beschränken wir uns hier auf die Hysterie) nicht zu 
enthalten. Soviel ich erfahren habe (es ist hier wirklich noch 
Zurückhaltung geboten), zeichnet sich die angeborene Konstitution 
der Hysteriker — bei den Perversen versteht es sich beinahe 
von selbst — durch das Zurücktreten der Genitalzonen gegen 
andere erogene Zonen aus. Eine einzige „Abirrung" des Sexual- 
lebens muß von dieser Regel ausdrücklich ausgenommen werden. 
Bei den später Homosexuellen, die nach meiner Erwartung und 
nach den Beobachtungen von J. Sadger alle in der Kindheit 



WU*. 



23° 



Krankengeschichten 



V 



eine amphigene Phase durchmachen, trifft man auf die näm- 
liche infantile Präponderan/. der Genitalzone, speziell des Penis. 
Ja, diese Hochschätzung des männlichen Gliedes wird zum 
Schicksal für die Homosexuellen. Sie wählen das Weib zum 
Sexualobjekt in ihrer Kindheit, solange sie auch beim Weibe 
die Existenz dieses ihnen unentbehrlich dünkenden Körperteiles 
voraussetzen; mit der Überzeugung, daß das Weib sie in diesem 
Punkte getäuscht hat, wird das Weib für sie als Sexualobjekt 
unannehmbar. Sie können dvn Penis bei der Person, die sie 
zum Sexualverkehre reizen soll, nicht entbehren und fixieren 
ihre Libido im günstigen Falle auf „das Weib mit dem Penis'', 
den feminin erscheinenden Jüngling. Die Homosexuellen sind 
also Personen, welche durch die erogene Bedeutung des eigenen 
Genitales gehindert worden sind, bei ihrem Sexualobjekt auf 
diese Übereinstimmung mit der eigenen Person zu verzichten. 
Sie sind in der Entwicklung vom Autoerotismus zur Objekt- 
liebe an einer Stelle, dem Autoerotismus näher, fixiert ge- 
blieben. 

Es ist ganz und gar unzulässig, einen besonderen homo- 
sexuellen Trieb zu unterscheiden; es ist nicht eine Besonderheit 
des Trieblebens, sondern der Objektwahl, die den Homosexuellen 
ausmacht. Ich verweise darauf, was ich in der „Sexualtheorie" 
ausgeführt habe, daß wir uns irrigerweise die Vereinigung von 
Trieb und Objekt im Sexualleben als eine zu innige vorgestellt 
haben. Der Homosexuelle kommt mit seinen — vielleicht nor- 
malen — Trieben von einem, durch eine bestimmte Bedingung 
ausgezeichneten Objekt nicht mehr los; in seiner Kindheit kann 
er sich, weil diese Bedingung überall als selbstverständlich er- 
füllt gilt, benehmen wie unser kleiner Hans, der unterschieds- 
los zärtlich ist mit Buben wie mit Mädchen und gelegentlich 
seinen Freund Fritzl für „sein liebstes Mäderl" erklärt. Hans 
ist homosexuell, wie es alle Kinder sein können, ganz im 
Einklänge mit der nicht zu übersehenden Tatsache, daß er nur 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knab 



en 



*3i 



eine Art von Genitale kennt, ein Genitale wie das 



seinige. ' 



Die weitere Entwickelung unseres kleinen Erotikers geht aber 
nicht zur Homosexualität, sondern zu einer energischen, sich polygam 
gebärdenden Männlichkeit, die sich je nach ihren wechselnden weib- 
lichen Objekten anders zu benehmen weiß, hier dreist zugreift 
und dort sehnsüchtig und verschämt schmachtet. In einer Zeit 
der Armut an anderen Objekten zur Liebe geht diese Neigung 
auf die Mutter zurück, von der her sie sich zu anderen gewendet 
hatte, um bei der Mutter in der Neurose zu scheitern. Erst dann 
erfahren wir, zu welcher Intensität die Liebe zur Mutter sich ent- 
wickelt und welche Schicksale sie durchgemacht hatte. Das Sexualziel, 
das er bei seinen Gespielinnen verfolgte, bei ihnen zu schlafen, 
rührte bereits von der Mutter her; es ist in die Worte gefaßt, 
die es auch im reifen Leben beibehalten kann, wenngleich der 
Inhalt dieser Worte eine Bereicherung erfahren wird. Der Knabe 
hatte auf dem gewöhnlichen Wege, von der Kinderpflege aus, 
den Weg zur Objektliebe gefunden und ein neues Lustergebnis 
war für ihn bestimmend geworden, das Schlafen neben der Mutter, 
auf dessen Zusammensetzung wir die Berührungslust der Haut, 
die uns allen konstitutionell eignet, herausheben würden, während 
es nach der uns artifiziell erscheinenden Nomenklatur von Moll 
als Befriedigung des Kontrektationstriebes zu bezeichnen wäre. 

In seinem Verhältnisse zu Vater und Mutter bestätigt Hans 
aufs grellste und greifbarste alles, was ich in der „Traumdeutung" 
und in der „Sexualtheorie" über die Sexualbeziehungen der Kinder 
zu den Eltern behauptet habe. Er ist wirklich ein kleiner Odipus, 
der den Vater „weg", beseitigt haben möchte, um mit der schönen 
Mutter allein zu sein, bei ihr zu schlafen. Dieser Wunsch entstand 

l) [Zusatz 1923:] Ich habe später (1923) hervorgehoben, daß die Periode der Sexual- 
entwicklung, in der sich auch unser kleiner Patient befindet, ganz allgemein dadurch 
ausgezeichnet ist, daß sie nur ein Genitale, das männliche, kennt; zum Unterschied 
von der späteren Periode der Reife besteht in ihr nicht ein Genitalprimat, sondern 
das Primat des Phallus. 



23 2 Krankengeschichten 



im Sommeraufenthalte, als die Abwechslungen von Anwesenheit 
und Abwesenheit des Vaters ihn auf die Bedingung hinweisen, 
an welche die ersehnte Intimität mit der Mutter gebunden war. 
Er begnügte sich damals mit der Fassung, der Vater solle „weg- 
fahren", an welche später die Angst, von einem weißen Pferde 
gebissen zu werden, unmittelbar anknüpfen konnte, dank einem 
akzidentellen Eindrucke bei einer anderen Abreise. Er erhob sich 
später, wahrscheinlich erst in Wien, wo auf Verreisen des Vaters 
nicht mehr zu rechnen war, zum Inhalte, der Vater solle dauernd 
weg, solle „tot" sein. Die aus diesem Todeswunsche gegen den 
Vater entspringende, also normal zu motivierende Angst vor dem 
Vater bildete das größte Hindernis der Analyse, bis sie in der 
Aussprache in meiner Ordination beseitigt wurde. 1 

Unser Hans ist aber wahrlich kein Bösewicht, nicht einmal ein 
Kind, bei welchem die grausamen und gewalttätigen Neigungen 
der menschlichen Natur um diese Zeit des Lebens noch ungehemmt 
entfaltet sind. Er ist im Gegenteit von ungewöhnlich gutmütigem 
und zärtlichem Wesen; der Vater hat notiert, daß sich die Ver- 
wandlung der Aggressionsneigung in Mitleiden bei ihm sehr früh- 
zeitig vollzogen hat. Lange vor der Phobie wurde er unruhig, 
wenn er im Ringelspiele die Pferde schlagen sah, und er blieb 
nie ungerührt, wenn jemand in seiner Gegenwart weinte. An 
einer Stelle der Analyse kommt in einem gewissen Zusammen- 
hange ein unterdrücktes Stück Sadismus bei ihm zum Vorschein; 2 
aber es war unterdrückt, und wir werden später aus dem Zusammen- 
hange zu erraten haben, wofür es stellt und was es ersetzen soll. 
Hans liebt auch den Vater innig, gegen den er diese Todeswünsche 
hegt, und während seine Intelligenz den Widerspruch beanständet, 5 



1) Die beiden Einfülle Hansens: Himbeersaft und Gewehr mm Totschießen werden 
gewiß nicht nur einseitig determiniert gewesen sein. Sic haben wahrscheinlich mit dem 
Hasse gegen den Vater ebensoviel zu tun wie mit dem Verstopfungskomplex. Der Vater, 
der die letztere Zurück fülirung selbst errät, denkt bei „Himbeersaft" auch an „Blut". 

2) Die Pferde schlagen und necken wollen. 

3) v g J - nie kritischen Fragen an den Vater (oben p. 165,. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 255 

muß er dessen tatsächliches Vorhandensein demonstrieren indem 
er den Vater schlägt und sofort darauf die geschlagene Stelle küßt. 
Auch wir wollen uns hüten, diesen Widerspruch anstößig zu 
finden ; aus solchen Gegensatzpaaren ist das Gefühlsleben der Menschen 
überhaupt zusammengesetzt; 1 ja, es käme vielleicht nicht zur Ver- 
drängung und zur Neurose, wenn es anders wäre. Diese Gefühls- 
gegensätze, die dem Erwachsenen gewöhnlich nur in der höchsten 
Liebesleidenschaft gleichzeitig bewußt werden, sonst einander zu 
unterdrücken pflegen, bis es dem einen gelingt, das andere ver- 
deckt zu halten, finden im Seelenleben des Kindes eine ganze 
Weile über friedlich nebeneinander Raum. 

Die größte Bedeutung für die psychosexueile Entwicklung unseres 
Knaben hat die Geburt einer kleinen Schwester gehabt, als er 
5 ! / 2 Jahre alt war. Dieses Ereignis hat seine Beziehungen zu den 
Eltern verschärft, seinem Denken unlösliche Aufgaben gestellt, 
und das Zuschauen bei der Kinderpflege hat dann die Erinnerungs- 
spuren seiner eigenen frühesten Lusterlebnisse wiederbelebt. Auch 
dieser Einfluß ist ein typischer 5 in einer unerwartet großen Anzahl 
von Lebens- und Krankengeschichten muß man dieses Aufflammen 
der sexuellen Lust und der sexuellen Wißbegierde, das an die 
Geburt des nächsten Kindes anknüpft, zum Ausgangspunkte nehmen. 
Hansens Benehmen gegen den Ankömmling ist das in der „Traum- 
deutung" 2 geschilderte. Im Fieber wenige Tage nachher verrät 
er wie wenig er mit diesem Zuwachs einverstanden ist. Hier ist 
die Feindseligkeit das zeitlich Vorangehende, die Zärtlichkeit mag 
nachfolgen. 5 Die Angst, daß noch ein neues Kind nachkommen 
könne, hat seither eine Stelle in seinem bewußten Denken. In 
der Neurose ist die bereits unterdrückte Feindseligkeit durch eine 



1) „Das macht, ich bin kein ausgeklügelt Buch. 
Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch." 

C. F. Meyer, Huttens letzte Tage. 

2) p. 174, 7. Aufl. 

3) Vgl. seine Vorsätze, wenn die Kleine erst sprechen kann (oben p. 194). 



254 Krankengeschichten 






besondere Angst, die vor der Badewanne, vertreten ; in der Analyse 
bringt er den Todeswunsch gegen die Schwester unverhohlen 
zum Ausdrucke, nicht bloß in Anspielungen, die der Vater ver- 
vollständigen muß. Seine Selbstkritik läßt ihm diesen Wunsch 
nicht so arg erscheinen wie den analogen gegen den Vater; aber 
er hat offenbar beide Personen in gleicher Weise im Unbewußten 
behandelt, weil sie beide ihm die Mammi wegnehmen, ihn im 
Alleinsein mit ihr stören. 

Dies Ereignis und die mit ihm verknüpften Erweckungen haben 
übrigens seinen Wünschen eine neue Richtung gegeben. In der 
sieghaften Schlußphantasie zieht er dann die Summe aller seiner 
erotischen Wunschregungen, der aus der autoerotischen Phase 
stammenden und der mit der Objekt liebe zusammenhängenden. 
Er ist mit der schönen Mutter verheiratet und hat ungezählte 
Kinder, die er nach seiner Weise pflegen kann. 

2 

Hans erkrankt eines Tages an Angst auf der Straße. Er kann 
noch nicht sagen, wovor er sich fürchtet, aber zu Beginn seines 
Angstzustandes verrät er auch dem Vater das Motiv seines Krankseins, 
den Krankheitsgewinn. Er will bei der Mutter bleiben, mit ihr 
schmeicheln ; die Erinnerung, daß er auch von ihr getrennt war 
zur Zeit, als das Kind kam, mag, wie der Vater meint, zu dieser 
Sehnsucht beitragen. Bald erweist sich, daß diese Angst nicht mehr 
in Sehnsucht zurückzuübersetzen ist, er fürchtet sich auch, wenn 
die Mutter mit ihm geht. Unterdes erhalten wir Anzeichen von 
dem, woran sich die zur Angst gewordene Libido fixiert hat. Er 
äußert die ganz spezialisierte Furcht, daß ihn ein weißes Pferd 
beißen wird. 

Wir benennen einen solchen Krankheitszusland eine „Phobie" 
und könnten den Fall unseres Kleinen der Agoraphobie zurechnen, 
wenn diese Affektion nicht dadurch ausgezeichnet wäre, daß die 
sonst unmögliche Leistung im Räume jedesmal durch die Begleitung 



Analyse der Phobie eines fünfjährig en Knaben 255 

einer gewissen dazu auserwählten Person, im äußersten Falle des 
Arztes, leicht möglich wird. Hansens Phobie hält diese Bedingung 
nicht ein, sieht bald vom Räume ab und nimmt immer deutlicher 
das Pferd zum Objekte; in den ersten Tagen äußert er auf der 
Höhe des Angstzustandes die Befürchtung: „Das Pferd wird ins 
Zimmer kommen", die mir das Verständnis seiner Angst so sehr 
erleichtert hat. 

Die Stellung der „Phobien" im System der Neurosen ist bisher 
eine unbestimmte gewesen. Sicher scheint, daß man in den Phobien 
nur Syndrome erblicken darf, die versch iedenen Neurosen angehören 
können, ihnen nicht die Bedeutung besonderer Krankheitsprozesse 
einzuräumen braucht. Für die Phobien von der Art wie die unseres 
kleinen Patienten, die ja die häufigsten sind, scheint mir die 
Bezeichnung „Angsthysterie" nicht unzweckmäßig; ich habe sie 
Herrn Dr. W. Stekel vorgeschlagen, als er die Darstellung der 
nervösen Angstzustände unternahm, und ich hoffe, daß sie sich 
einbürgern wird. 1 Sie rechtfertigt sich durch die vollkommene 
Übereinstimmung im psychischen Mechanismus dieser Phobien mit 
der Hysterie bis auf einen, aber entscheidenden und zur Sonderung 
geeigneten Punkt. Die aus dem pathogenen Material durch die 
Verdrängung entbundene Libido wird nämlich nicht konvertiert, 
aus dem Seelischen heraus zu einer körperlichen Innervation ver- 
wendet, sondern wird als Angst frei. In den vorkommenden 
Krankheitsfällen kann sich diese „Angsthysterie" mit der „Kon- 
versionshysterie" in beliebigem Ausmaße vermengen. Es gibt 
auch reine Konversionshysterie ohne jede Angst sowie bloße Angst- 
hvsterie, die sich in Angstempfindungen und Phobien äußert, ohne 
Konversionszusatz; ein Fall letzterer Art ist der unseres kleinen Hans. 

Die Angsthysterien sind die häufigsten aller psychoneurotischen 
Erkrankungen, vor allem aber die zuerst im Leben auftretenden, 
es sind geradezu die Neurosen der Kinderzeit. Wenn eine Mutter 

l) W. Stekel. Nervöse Angstznstände und ihre Behandlung. igo8. 



236 Krankengeschichten 



etwa von ihrem Kind erzählt, es sei sehr „nervös", so kann man 
in 9 unter 10 Fällen darauf rechnen, daß das Kind irgend eine 
Art von Angst oder viele Ängstlichkeiten zugleich hat. Leider ist 
der feinere Mechanismus dieser so bedeutsamen Erkrankungen 
noch nicht genügend studiert; es ist noch nicht festgestellt, ob 
die Angsthysterie zum Unterschiede von der Konversionshysterie 
und von anderen Neurosen ihre einzige Bedingung in konstitutionellen 
Momenten oder im akzidentellen Krlebeii hat, oder in welcher 
Vereinigung von beiden sie sie findet. 1 Es scheint mir, daß es die- 
jenige neurotische Erkrankung ist, welche die geringsten Ansprüche 
auf eine besondere Konstitution erhebt und im 'Zusammenhange 
damit am leichtesten zu jeder Lebenszeit akquiriert werden kann. 

Ein wesentlicher Charakter der Angsthysterien läßt sich leicht 
hervorheben. Die Angsthysterie entwickelt sich immer mehr zur 
„Phobie"; am Ende kann der Kranke angst frei geworden sein, 
aber nur auf Kosten von Hemmungen und Einschränkungen, denen 
er sich unterwerfen mußte. Es gibt bei der Angsthysterie eine 
von Anfang an fortgesetzte psychische Arbeit, um die frei gewordene 
Angst wieder psychisch zu binden, aber diese Arbeit kann weder 
die Rückverwandlung der Angst in Libido herbeiführen noch an 
dieselben Komplexe anknüpfen, von denen die Libido herrührt. 
Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als jeden der möglichen An- 
lässe zur Angstentwicklung durch einen psychischen Vorbau von 
der Art einer Vorsicht, einer Hemmung, eines Verbots zu sperren, 
und diese Schutzbauten sind es, die uns als Phobien erscheinen 
und für unsere Wahrnehmung das Wesen der Krankheit ausmachen. 

Man darf sagen, daß die Behandlung der Angsthysterie bisher 
eine rein negative gewesen ist. Die Erfahrung hat gezeigt, daß 

i\ [Zusatz 192}:] Die hier aufgeworfene Frage ist zwar nicht weiter verfolgt worden. 
Es besteht aber kein Grund für die Angsthysteric eine Ausnahme von der Regel 
anzunehmen, daß Anlage und Erleben für die Ätiologie einer Neurose zusammen- 
wirken müssen. Ein besonderes Licht auf die in der Kindheil so starke Disposition 
zur Angsthysterie scheint die Auffassung Knnk's von der Wirkung des Geburts- 
traumas zu werfen. 



- 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 237 

es unmöglich, ja unter Umständen gefährlich ist, die Heilung der 
Phobie auf gewalttätige Art zu erreichen, indem man den Kranken 
in eine Situation bringt, in welcher er die Angstentbindung durch- 
machen muß, nachdem man ihm seine Deckung entzogen hat. 
So läßt man ihn notgedrungen Schutz suchen, wo er ihn zu finden 
glaubt, und bezeugt ihm eine wirkungslose Verachtung wegen 
seiner „unbegreiflichen Feigheit . 

Für die Eltern unseres kleinen Patienten stand von Beginn der 
Erkrankung an fest, daß man ihn weder auslachen noch brutalisieren 
dürfe, sondern den Zugang zu seinen verdrängten Wünschen auf 
psychoanalytischem Wege suchen müsse. Der Erfolg belohnte die 
außerordentliche Bemühung seines Vaters, dessen Mitteilungen uns 
Gelegenheit geben werden, in das Gefüge einer solchen Phobie 
einzudringen und den Weg der bei ihr vorgenommenen Analyse 
zu verfolgen. 

Es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß die Analyse durch ihre 
Ausdehnung und Ausführlichkeit dem Leser einigermaßen un- 
durchsichtig geworden ist. Ich will darum zuerst ihren Verlauf 
verkürzt wiederholen mit Weglassung alles störenden Beiwerks und 
Hervorhebung der Ergebnisse, die sich schrittweise erkennen lassen. 

Wir erfahren zunächst, daß der Ausbruch des Angstzustandes 
kein so plötzlicher war, wie es auf den ersten Blick erschien. 
Einige Tage vorher war das Kind aus einem Angsttraum erwacht, 
dessen Inhalt war, die Mama sei weg und er habe jetzt keine 
Mama zum Schmeicheln. Schon dieser Traum weist auf einen 
Verdrängungsvorgang von bedenklicher Intensität. Seine Aufklärung 
kann nicht lauten, wie bei vielen Angstträumen sonst, daß das 
Kind aus irgend welchen somatischen Quellen im Traume Angst 
verspürt und diese Angst nun zur Erfüllung eines sonst intensiv 
verdrängten Wunsches aus dem Unbewußten benutzt hat (vgl. Traum- 
deutung 7. Aufl., p. 455), sondern es ist ein echter Straf- und Ver- 
drängungstraum, bei dem auch die Funktion des Traumes fehl- 



i • I V " 



<N-p \\\ 



2 3 8 



Krankengeschichten 



M- 



*» 



schlägt, da das Kind mit Angst aus dem Schlaf erwacht. Der 
eigentliche Vorgang im Unbewußten laßt sich leicht rekonstruieren. 
' Das Kind hat von Zärtlichkeiten mit der Mutter geträumt, bei 
ihr geschlafen, alle Lust ist in Angst und aller Vorstellungsinhalt 
in sein Gegenteil verwandelt worden. Die Verdrängung hat den 
Sieg über den Traummechanismus davongetragen. 

Aber die Anlange dieser psychologischen Situation gehen noch 
weiter zurück. Schon im Sommer gab es ähnliche sehnsüchtig- 
ängstliche Stimmungen, in denen er ähnliches äußerte, und die 
ihm damals den Vorteil brachten, daß ihn die Mutter zu sich 
ins Bett nahm. Seit dieser Zeit etwa dürften wir den Bestand 
einer gesteigerten sexuellen Erregung bei Haus annehmen, deren 
Objekt die Mutter ist, deren Intensität sich in zwei Verführungs- 
versuchen an der Mutter äußert — der letzte ganz kurz vor dem 
Ausbruche der Angst — , und die sich nebenbei in allabendlicher 
masturbatorischer Befriedigung entlädt. Ob dann der Umschlag 
dieser Erregung sich spontan vollzieht oder infolge der Abweisung 
der Mutter oder durch die zufällige Erweckung früherer Eindrücke 
bei der später zu erfahrenden „Veranlassung" der Erkrankung, 
das ist nicht zu entscheiden, ist wohl auch gleichgültig, da die 
drei verschiedenen Fälle nicht als Gegensätze aufgefaßt werden 
können. Die Tatsache ist die des Umschlags der sexuellen Erregung 
in die Angst. 

Von dem Benehmen des Kindes in der ersten Zeit der Angst 
haben wir schon gehört, auch daß der erste Inhalt, den es seiner 
Angst gibt, lautet: Ein Pferd wird es beißen. Hier findet nun 
die erste Einmengung der Therapie statt. Die Eltern weisen darauf 
hin, daß die Angst die Folge der Masturbation sei, und leiten ihn 
zur Entwöhnung von derselben an. Ich sorge dafür, daß die Zärt- 
lichkeit für die Mutter, die er gegen die Angst vor den Pferden 
vertauschen möchte, kräftig vor ihm betont werde. Eine gering- 
fügige Besserung nach dieser ersten Einflußnahme geht bald in 
einer Zeit körperlichen Krankseins unter. Der Zustand ist unverändert. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 2 ^9 

Bald darauf findet Hans die Ableitung der Furcht, daß ihn ein 
Pferd beißen wird, von der Reminiszenz eines Eindruckes in Gmunden. 
Ein Vater warnte damals sein Kind bei der Abreise: Gib den 
Finger nicht zum Pferde, sonst wird es dich beißen. Der Wortlaut, 
in den Hans die Warnung des Vaters kleidet, erinnert an die 
Wortfassung der Onanieverwarnung (den Finger hingeben). Die 
Eltern scheinen so zuerst recht zu behalten, daß Hans sich vor 
seiner onanistischen Befriedigung schreckt. Der Zusammenhang 
ist aber noch ein loser und das Pferd scheint zu seiner Schreckens- 
rolle recht zufällig geraten zu sein. 

Ich hatte die Vermutung geäußert, daß sein verdrängter Wunsch 
jetzt lauten könnte, er wolle durchaus den Wiwimacher der Mutter 
sehen. Da sein Benehmen gegen ein neu eingetretenes Hausmädchen 
dazu stimmt, wird ihm vom Vater die erste Aufklärung erteilt: 
Frauen haben keinen Wiwimacher. Er reagiert auf diese erste 
Hilfeleistung mit der Mitteilung einer Phantasie, er habe die Mama 
gesehen, wie sie ihren Wiwimacher gezeigt habe. 1 Diese Phantasie 
und eine im Gespräch 'geäußerte Bemerkung, sein Wiwimacher 
sei doch angewachsen, gestatten den ersten Einblick in die un- 
bewußten Gedankengänge des Patienten. Er stand wirklich unter 
dem nachträglichen Eindruck der Kastrationsdrohung der Mutter, 
die l Vi Jahre früher vorgefallen war, denn die Phantasie, daß die 
Mutter das gleiche tue, die gewöhnliche „Retourkutsche" beschuldigter 
Kinder, soll ja seiner Entlastung dienen ; sie ist eine Schutz- und 
Abwehrphantasie. Indes müssen wir uns sagen, daß es die Eltern 
waren, welche aus dem in Hans wirksamen pathogenen Material 
das Thema der Beschäftigung mit dem Wiwimacher hervorgeholt 
haben. Er ist ihnen darin gefolgt, hat aber noch nicht selbsttätig 
in die Analyse eingegriffen. Ein therapeutischer Erfolg ist nicht 
zu beobachten. Die Analyse ist weit weg von den Pferden, und 
die Mitteilung, daß Frauen keinen Wiwimacher haben, ist durch 

i) Aus dem Zusammenhange ist zu ergänzen: und dabei berührt habe (S. 155). Er 
kann ja seinen Wiwimacher nicht zeigen, ohne ihn zu berühren. 



240 Krankengeschichten 



ihren Inhalt eher geeignet, seine Besorgnis um die Erhaltung des 
eigenen Wiwimachers zu steigern. 

Es ist aber nicht der therapeutische Erfolg, den wir an erster 
Stelle anstreben, sondern wir wollen den Patienten in den Stand 
setzen, seine unbewußten Wunschregungen bewußt zu erfassen. 
Dies erreichen wir, indem wir auf Grund der Andeutungen, die 
er uns macht, mit Hilfe unserer Deutekunst den unbewußten 
Komplex mit unseren Worten vor sein Bewußtsein bringen. 
Das Stück Ähnlichkeit zwischen dem, was er geholt hat, und 
dem, was er sucht, das sich selbst, trotz aller Widerstände, zum 
Bewußtsein durchdrängen will, setzt ihn in den Stand, das Un- 
bewußte zu finden. Der Arzt ist ihm im Verständnisse um ein 
Stück voraus; er kommt auf seinen eigenen Wegen nach, bis 
sie sich am bezeichneten Ziel treffen. Anfänger in der Psycho- 
analyse pflegen diese beiden Momente zu verschmelzen und den 
Zeitpunkt, in dem ihnen ein unbewußter Komplex des Kranken 
kenntlich geworden ist, auch für den zu halten, in dem der 
Kranke ihn erfaßt. Sie erwarten zu viel, wenn sie mit der Mit- 
teilung dieser Erkenntnis den Kranken heilen wollen, während 
er das Mitgeteilte nur dazu verwenden kann, mit dessen Hilfe 
den unbewußten Komplex in seinem Unbewußten, dort wo er 
verankert ist, aufzufinden. Einen ersten Erfolg dieser Art er- 
zielen wir nun bei Hans. Er ist jetzt nach der partiellen Be- 
wältigung des Kastrationskomplexes imstande, seine Wünsche auf 
die Mutter mitzuteilen, und er tut dies in noch entstellter Form 
durch die Phantasie von den beiden Giraffen, von denen 
die eine erfolglos schreit, weil er von der anderen Besitz ergreift. 
Die Besitzergreifung stellt er unter dem Bilde des Sichdarauf- 
setzens dar. Der Vater erkennt in dieser Phantasie eine Re- 
produktion einer Szene, die sich morgens im Schlafzimmer 
zwischen den Eltern und dem Kinde abgespielt hat, und ver- 
säumt nicht, dem Wunsche die ihm noch anhaftende Entstellung 
abzustreifen. Er und die Mutter sind die beiden Giraffen. Die 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 



241 



Einkleidung in die Giraffenphantasie ist hinreichend determiniert 
durch den Besuch bei diesen großen Tieren in Schönbrunn 
wenige Tage vorher, durch die Giraffenzeichnung, die der Vater 
aus früheren Zeiten aufbewahrt hat, vielleicht auch durch eine 
unbewußte Vergleichung, die an den langen und steifen Hals der 
Giraffe anknüpft. 1 Wir merken, daß die Giraffe als großes und durch 
seinen Wiwimaeher interessantes Tier ein Konkurrent der Pferde in 
ihrer Angstrolle hätte werden können, und auch daß Vater und 
Mutter beide als Giraffen vorgeführt werden, gibt einen vorläufig 
noch nicht verwerteten Wink für die Deutung der Angstpferde. 

Zwei kleinere Phantasien, die Hans unmittelbar nach der 
Giraffendichtung bringt, daß er in Schönbrunn sich in einen 
verbotenen Raum drängt, daß er in der Stadtbahn ein Fenster 
zerschlägt, wobei beide Male das Strafbare der Handlung betont 
ist und der Vater als Mitschuldiger erscheint, entziehen sich 
leider der Deutung des Vaters. Ihre Mitteilung bringt darum 
auch Hans keinen Nutzen. Aber was so unverstanden geblieben 
ist, das kommt wieder; es ruht nicht, wie ein unerlöster Geist, 
bis es zur Lösung und Erlösung gekommen ist. 

Das Verständnis der beiden verbrecherischen Phantasien bietet 
uns keine Schwierigkeiten. Sie gehören zum Komplex des Besitz- 
ergreifens von der Mutter. In dem Kinde ringt es wie eine 
Ahnung von etwas, was er mit der Mutter machen könnte, wo- 
mit die Besitzergreifung vollzogen wäre, und er findet für das 
Unfaßbare gewisse bildliche Vertretungen, denen das Gewalt- 
tätige, Verbotene gemeinsam ist, deren Inhalt uns so merkwürdig 
gut zur verborgenen Wirklichkeit zu stimmen scheint. Wir 
können nur sagen, es sind symbolische Koitusphantasien, und es 
ist keineswegs nebensächlich, daß der Vater dabei mittut: „Ich 
möchte mit der Mama etwas tun, etwas Verbotenes, ich weiß 
nicht was, aber ich weiß, du tust es auch." 



1) Dazu stimmt die spätere Bewunderung Hansens für den Hals seines Vaters. 
Freud, VIII. 



Q. a Krankengeschichten 



Die Giraffenphantasie hatte bei mir eine Überzeugung ver- 
stärkt, die sich bereits bei der Äußerung des kleinen Hans: 
„Das Pferd wird ins Zimmer kommen", geregt hatte, und ich 
fand den Moment geeignet, ihm als ein wesentlich zu postu- 
lierendes Stück seiner unbewußten Regungen mitzuteilen: seine 
Angst vor dem Vater wegen seiner eifersüchtigen und feind- 
seligen Wünsche gegen ihn. Damit hatte ich ihm teilweise die 
Angst vor den Pferden gedeutet, der Vater mußte das Pferd 
sein, vor dem er sich mit guter innerer Begründung fürchtete. 
Gewisse Einzelheiten, das Schwarze am Munde und das vor den 
Augen (Schnurrbart und Augengläser als Vorrechte des er- • 
wachsenen Mannes), vor denen Hans Angst äußerte, schienen 
mir direkt vom Vater auf die Pferde versetzt ZU sein. 

Mit dieser Aufklärung halte ich den wirksamsten Widerstand 
gegen die Bewußtmachung der unbewußten Gedanken bei Hans 
beseitigt, da ja der Vater selbst die Rolle des Arztes bei ihm 
spielte. Die Höhe des Zustandes war von da an überschritten, 
das Material floß reichlich, der kleine Patient zeigte Mut, die 
Einzelheiten seiner Phobie mitzuteilen, und griff bald selbständig 
in den Ablauf der Analyse ein.' 

Man erfährt erst jetzt, vor welchen Objekten und Eindrücken 
Hans Angst hat. Nicht allein vor Pferden und daß Pferde ihn 
beißen, davon wird es bald stille, sondern auch vor Wagen, 
Möbelwagen und Stellwagen, als deren Gemeinsames sich alsbald 
die schwere Belastung herausstellt, vor Pferden, die sich in Be- 
wegung setzen, Pferden, die groß und schwer aussehen, Pferden, 
die schnell fahren. Den Sinn dieser Bestimmungen gibt Hans 
dann selbst an; er hat Angst, daß die Pferde umfallen, und 



i) Die Angst vor dem Vater spielt noch in den Anulysen, die man als Arzt mit 
Fremden vornimmt, eine der bedeutsamsten Rollen als Widerstand gegen die Re- 
produktion des unbewußten pathogenen Materials. Die Widerstünde s.nd zum Teil 
von der Natur der „Motive«, überdies ist. wie in diesem Beispiel, ein Stuck des un- 
bewußten Materials inhaltlich befähigt, als Hemmung gegen die Reproduktion 
eines andern Stückes m dienen. 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 245 

macht so alles zum Inhalte seiner Phobie, was dies Umfallen 
der Pferde zu erleichtern scheint. 

Es ist gar nicht selten, daß man den eigentlichen Inhalt einer 
Phobie, den richtigen Wortlaut eines Zwangsimpulses u. dgl. 
erst nach einem Stücke psychoanalytischer Bemühung zu hören 
bekommt. Die Verdrängung hat nicht nur die unbewußten 
Komplexe getroffen, sie richtet sich auch noch fortwährend 
gegen deren Abkömmlinge und hindert den Kranken an der 
Wahrnehmung seiner Krankheitsprodukte selbst. Man ist da in 
der seltsamen Lage, als Arzt der Krankheit zu Hilfe zu kommen, 1 
um Aufmerksamkeit für sie zu werben, aber nur wer das? 
Wesen der Psychoanalyse völlig verkennt, wird diese Phase der 
Bemühung hervorheben und darob eine Schädigung durch die 
Analyse erwarten. Die Wahrheit ist, daß die Nürnberger keinen 
henken, den sie nicht zuvor in die Hand bekommen haben, und 
daß es einiger Arbeit bedarf, um der krankhaften Bildungen, die 
man zerstören will, habhaft zu werden. 

Ich erwähnte schon in den die Krankengeschichte begleitenden 
Glossen, daß es sehr instruktiv ist, sich so in das Detail einer 
Phobie zu vertiefen und sich den sicheren Eindruck einer 
sekundär hergestellten Beziehung zwischen der Angst und ihren 
Objekten zu holen. Daher das eigentümlich diffuse und dann 
wiederum so streng bedingte Wesen einer Phobie. Das Material 
zu diesen Speziallösungen hat sich unser kleiner Patient offenbar 
aus den Eindrücken geholt, die er infolge der Lage der Wohnung 
gegenüber dem Hauptzollamte tagsüber vor Augen haben kann. 
Er verrät auch in diesem Zusammenhang eine jetzt durch die 
Angst gehemmte Regung, mit den Ladungen der Wagen, dem 
Gepäcke, den Fässern und Kisten wie die Buben der Gasse zu 
spielen. 

In diesem Stadium der Analyse findet er das an sich nicht 
bedeutsame Erlebnis wieder, welches dem Ausbruche der Krank- 
heit unmittelbar vorausgegangen ist, und das wohl als die Ver- 



244 Krankengeschichten 



anlassung für diesen Ausbruch angesehen werden darf. Er ging 
mit der Mama spazieren und sah ein Stellwagenpferd umfallen 
und mit den Füßen zappeln. Dies machte auf ihn einen großen 
Eindruck. Er erschrak heftig, meinte, das Pferd sei tot; von 
jetzt ab würden alle Pferde umfallen. Der Vater weist ihn 
darauf hin, daß er bei dorn fallenden Pferde an ihn, den Vater, 
gedacht und gewünscht haben muß, er solle so fallen und tot 
sein. Hans sträubt sich nicht gegen diese Deutung; eine Weile 
später akzeptiert er durch ein Spiel, das er aufführt, indem er 
den Vater beißt, die Identifizierung des Vaters mit dem ge- 
fürchteten Pferde und benimmt sich von da ab frei und furcht- 
los, ja, selbst ein wenig übermütig gegen seinen Vater. Die 
Angst vor Pferden hält aber noch an, und infolge welcher Ver- 
kettung das fallende Pferd seine unbewußten Wünsche auf- 
gerührt hat, ist uns noch nicht klar. 

Fassen wir zusammen, was sich bisher ergeben hat: Hinter 
der erst geäußerten Angst, das Pferd werde ihn beißen, ist die 
tiefer liegende Angst, die Pferde werden umfallen, aufgedeckt 
worden, und beide, das beißende wie das fallende Pferd, sind 
der Vater, der ihn strafen wird, weil er so böse Wünsche gegen 
ihn hegt. Von der Mutter sind wir unterdes in der Analyse 
abgekommen. 

Ganz unerwartet und gewiß ohne Dazutun des Vaters be- 
ginnt nun Hans sich mit dem „Lumpf komplex" zu beschäf- 
tigen und Ekel vor Dingen zu zeigen, die ihn an die Stuhl- 
entleerung erinnern. Der Vater, der hier nur ungern mitgeht, 
setzt mittendrin die Fortsetzung der Analyse durch, wie er sie 
leiten möchte, und bringt Hans zur Erinnerung eines Erleb- 
nisses in Gmunden, dessen Eindruck sich hinter dem des fallenden 
Stellwagenpferdes verbarg. Fritzl, sein geliebter Spielgenosse, viel- 
leicht auch sein Konkurrent bei den vielen Gespielinnen, hatte 
im Pferdespiele mit dem Fuße an einen Stein gestoßen, war 
umgefallen und der Fuß hatte geblutet. An diesen Unfall hatte 






Analyse der Phobie eines fünfjähri gen Knaben 245 

das Erlebnis mit dem fallenden Stellwagenpferd erinnert. Es ist 
bemerkenswert, daß Hans, der zurzeit mit anderen Dingen be- 
schäftigt ist, das Umfallen Fritzls, das den Zusammenhang her- 
stellt, zuerst leugnet, erst in einem späteren Stadium der Analyse 
zugesteht. Für uns mag es aber interessant sein hervorzuheben, 
wie sich die Verwandlung von Libido in Angst auf das Haupt- 
objekt der Phobie, das Pferd, projiziert. Pferde waren ihm die 
interessantesten großen Tiere, Pferdespiel das liebste Spiel mit 
seinen kindlichen Genossen. Die Vermutung, daß der Vater ihm 
zuerst als Pferd gedient hat, wird durch Erkundigung beim 
Vater bestätigt, und so konnte sich bei dem Unfälle in Gmunden 
der Person des Vaters die Fritzls substituieren. Nach eingetretenem 
Verdrängungsumschwunge mußte er sich nun vor den Pferden 
fürchten, an die er vorher soviel Lust geknüpft hatte. 

Aber wir sagten schon, daß wir diese letzte bedeutsame Auf- 
klärung über die Wirksamkeit des Krankheitsanlasses dem Ein- 
greifen des Vaters verdanken. Hans ist bei seinen Lumpfinteressen 
und wir müssen ihm endlich dorthin folgen. Wir erfahren, daß 
er sich früher der Mutter als Begleiter aufs Klosett aufzudrängen 
pflegte, und daß er dies bei der damaligen Stellvertreterin der 
Mutter, seiner Freundin Berta, wiederholte, bis es bekannt und 
verboten wurde. Die Lust, bei den Verrichtungen einer geliebten 
Person zuzuschauen, entspricht auch einer „Triebverschränkung , 
von der wir bei Hans bereits ein Beispiel bemerkt hatten. End- 
lich geht auch der Vater auf die Lumpfsymbolik ein und an- 
erkennt eine Analogie zwischen einem schwer beladenen Wagen 
und einem mit Stuhlmassen belasteten Leibe, der Art, wie der 
Wagen aus dem Tore hinausfährt, und wie man den Stuhl aus 
dem Leib entläßt u. dgl. 

Die Stellung Hansens in der Analyse hat sich aber gegen 
frühere Stadien wesentlich geändert. Konnte ihm der Vater 
früher voraussagen, was kommen würde, bis Hans, der An- 
deutung folgend, nachgetrabt war, so eilt er jetzt mit sicherem 



2.J.6 



Krankengeschichten 



Schritte voraus und der Vater hat Mühe ihm zu folgen. Hans 
bringt wie unvermittelt eine neue Phantasie: Der Schlosser oder 
Installateur hat die Badewanne losgeschraubt, in welcher Hans 
sich befindet, und ihm dann mit seinem großen Bohrer in den 
Bauch gestoßen. Von jetzt an hinkt unser Verständnis dem 
Materiale nach. Wir können erst später erraten, daß dies die 
angstentstellte Umarbeitung einer Zeugungsphantasie ist. Die 
große Badewanne, in der Hans im Wasser sitzt, ist der Mutter- 
leib; der „Bohrer", der schon dem Vater als ein großer Penis 
kenntlich wird, dankt seine Erwähnung dem Geborenwerden. 
Es klingt natürlich sehr merkwürdig, wenn wir der Phantasie 
die Deutung geben müssen: Mit deinem großen Penis hast du 
mich „gebohrt" (zur Geburt gebracht) und mich in den Mutter- 
leib hineingesetzt. Aber vorläufig entgeht die Phantasie der 
Deutung und dient Hans nur als Anknüpfung zur Fortführung 
seiner Mitteilungen. 

Vor dem Baden in der großen Wanne zeigt Hans eine Angst, 
die wiederum zusammengesetzt ist. Ein Anteil derselben entgeht 
uns noch, der andere wird durch eine Beziehung zum Baden 
der kleinen Schwester alsbald aufgeklärt. Hans gibt den Wunsch 
zu, daß die Mutter die Kleine beim Baden fallen lassen möge, 
so daß sie sterbe; seine eigene Angst beim Baden war die vor 
der Vergeltung für diesen bösen Wunsch, vor der Strafe, daß es 
ihm so ergehen werde. Er verläßt nun das Thema des Lumpfes 
und übergeht unmittelbar darauf auf das der kleinen Schwester. 
Aber wir können ahnen, was diese Aneinanderreihung bedeutet 
Nichts anderes, als daß die kleine Hanna selbst ein Lumpf ist, 
daß alle Kinder Lumpf«» sind und wie Lumpfe geboren werden. 
Wir verstehen nun, daß alle Möbel-, Stell- und Lastwagen nur 
Storchenkisteu wagen sind, auch nur als symbolische Vertretungen 
der Gravidität Interesse für ihn hatten, und daß er im Um- 
fallen der schweren oder schwer belasteten Pferde nichts 
anderes gesehen haben kann als eine — Entbindung, ein Nieder- 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 247 

kommen. Das fallende Pferd war also nicht nur der sterbende 
Vater, sondern auch die Mutter in der Niederkunft. 

Und nun bringt Hans die Überraschung, auf welche wir in der 
Tat nicht vorbereitet waren. Er hat die Gravidität der Mutter, die 
ja mit der Geburt der Kleinen endigte, als er 5 7* Jahre war, 
bemerkt und sich den richtigen Sachverhalt, wenigstens nach der 
Entbindung, konstruiert, wohl ohne ihn zu äußern, vielleicht ohne 
ihn äußern zu können ; es war damals nur zu beobachten, daß 
er unmittelbar nach der Entbindung sich so sehr skeptisch gegen 
alle Zeichen, die auf die Anwesenheit des Storches deuten sollten, 
benahm. Aber daß er im Unbewußten und ganz im Gegen- 
satze zu seinen offiziellen Reden gewußt, woher das Kind 
kam und wo es früher verweilt hatte, das wird durch diese 
Analyse gegen jeden Zweifel sicher dargetan 5 es ist vielleicht das 
unerschütterlichste Stück derselben. 

Den zwingenden Beweis dafür erbringt die hartnäckig fest- 
gehaltene, mit soviel Einzelheiten ausgeschmückte Phantasie, daß 
Hanna schon im Sommer vor ihrer Geburt mit ihnen in Gmunden 
war, wie sie hingereist ist und damals soviel mehr leisten konnte 
als ein Jahr später, nach ihrer Geburt. Die Frechheit, mit der Hans 
diese Phantasie vorträgt, die ungezählten tollen Lügen, die er in 
sie einflicht, sind beileibe nicht sinnlos 5 das alles soll seiner Rache 
am Vater dienen, dem er wegen der Irreführung durch das Storch- 
märchen grollt. Es ist ganz so, als ob er sagen wollte: hast du 
mich für so dumm gehalten und mir zugemutet zu glauben, daß 
der Storch die Hanna gebracht hat, so kann ich dafür von dir 
verlangen, daß du meine Erfindungen für Wahrheit nimmst. In 
durchsichtigem Zusammenhange mit diesem Racheakte des kleinen 
Forschers an seinem Vater reiht sich nun die Phantasie vom Necken 
und Schlagen der Pferde an. Sie ist wiederum doppelt gefügt, 
lehnt sich einerseits an die Neckerei an, der er eben den Vater 
unterzogen hat, und bringt anderseits jene dunkeln sadistischen 
Gelüste gegen die Mutter wieder, die sich, zuerst von uns noch 






248 



Krankengeschichten 



unverstanden, in den Phantasien vom verbotenen Tun geäußert 
hatten. Bewußt gesteht er auch die Lust, die Mammi zu schlagen, ein. 

Nun haben wir nicht mehr viel Rätsel zu erwarten. Eine dunkle 
Phantasie vom Zugversäumen scheint, eine Vorläuferin der späteren 
Unterbringung des Vaters bei der Großmutter in Lainz zu sein, 
da sie eine Reise nach Lainz behandelt und die Großmutter in 
ihr vorkommt. Eine andere Phantasie, in der ein Hub dem 
Kondukteur 50.000 fl. gibt, damit er ihn mit dem Wagen fähren 
läßt, klingt fast wie ein Plan, dem Vater, dessen Stärke ja zum 
Teil in seinem Reichtume Hegt, die Mutter abzukaufen. Dann 
gesteht er den Wunsch, den Vater zu beseitigen, und die Begründung 
desselben, weil er seine Intimität mit der Mutter störe, mit einer 
Offenheit ein, zu welcher er es bisher noch nicht gebracht hatte. 
Wir dürfen uns nicht verwundern, wenn dieselben Wunschregungen 
im Laufe der Analyse wiederholt auftreten; die Monotonie ent- 
steht nämlich erst durch die angeknüpften Deutungen; für Haus 
sind es nicht bloße Wiederholungen, sondern fortschreitende Ent- 
wicklungen von der schüchternen Andeutung bis zur vollbewußten, 
von jeder Entstellung freien Klarheit. 

Was nun noch folgt, sind solche von Haus ausgehende Be- 
stätigungen der für unsere Deutung bereits gesicherten analytischen 
Ergebnisse. Er zeigt in einer unzweideutigen Symntomhandlung, 
die er nur vor dem Hausmädchen, nicht vor dem Voter, leicht 
verkleidet, wie er sich eine Geburt vorstellt; aber wenn wir genauer 
zusehen, zeigt er noch mehr, deutet auf etwas hin, was in der 
Analyse nicht mehr /ur Sprache kommt. Durch die runde Lücke 
im Gummileibe einer Puppe steckt er ein kleines Messerchen hinein, 
das der Mama gehört, und läßt es wieder herausfallen, indem er 
ihr die Beine auseinanderreißt. Die darauffolgende Aufklärung 
durch die Eltern, daß Kinder tatsächlich im Leibe der Mutter 
wachsen und wie ein Lumpf herausbefördert werden, kommt zu 
spät; sie kann ihm nichts mehr Neues sagen. Durch eine andere, 
wie zufällig erfolgende Symptomhandlung gibt er zu, daß er den 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 2 .i9 

Vater tot gewünscht hat, indem er ein Pferd, mit dem er spielt 
umfallen läßt, d. h. umwirft, in dem Momente, da der Vater von 
diesem Todeswunsche spricht. Mit Worten bekräftigt er, daß die 
schwer beladenen Wagen ihm die Gravidität der Mutter vorstellten, 
und daß das Umfallen des Pferdes so war, wie wenn man ein 
Kind bekommt. Die köstlichste Bestätigung in diesem Zusammen- 
hange, der Beweiß, daß Kinder „Lumpfe" sind, durch die Erfindung 
des Namens „Lodi" für sein Lieblingskind kommt nur verspätet 
zu unserer Kenntnis, denn wir hören, daß er mit diesem Wurst- 
kinde schon die längste Zeit gespielt hat. 1 

Die beiden abschließenden Phantasien Hansens, mit denen seine 
Herstellung vollkommen wird, haben wir bereits gewürdigt. Die 
eine, vom Installateur, der ihm einen neuen und, wie der Vater 
errät, größeren Wiwimacher ansetzt, ist doch nicht bloß die 
Wiederholung der früheren, die sich mit dem Installateur und der 
Badewanne beschäftigte. Sie ist eine siegreiche Wunschphantasie 
und enthält die Überwindung der Kastrationsangst. Die zweite 
Phantasie, die den Wunsch eingesteht, mit der Mutter verheiratet 
zu sein und viele Kinder mit ihr zu haben, erschöpft nicht bloß 
den Inhalt jener unbewußten Komplexe, die sich beim Anblicke 
des fallenden Pferdes gerührt und Angst entwickelt hatten, — sie 
korrigiert auch, was an jenen Gedanken schlechterdings unannehmbar 
war, indem sie, anstatt den Vater zu töten, ihn durch Erhöhung 
zur Ehe mit der Großmutter unschädlich macht. Mit dieser Phantasie 
schließen Krankheit und Analyse berechtigterweise ab. 



Während der Analyse eines Krankheitsfalles kann man einen 
anschaulichen Eindruck von der Struktur und Entwicklung der 
Neurose nicht gewinnen. Es ist das die Sache einer synthetischen 



1) Ein zunächst befremdender Einfall des genialen Zeichners Th. Th. Heine, der 
auf *einem Blatte im Simplizissimus darstellt, wie das Kind des Selchermeisters in die 
Wurstmaschine gerät und dann als Würstchen von den Eltern betrauert, eingesegnet 
wird und gen Himmel fliegt, findet durch die Lodiepisode unserer Analyse seine Zurück- 
führung auf eine infantile Wurzel. 



250 



Krankengeschichten 



Arbeit, der man sich nachher unterziehen muß. Wenn wir diese 
Synthese bei der Phobie unseres kleinen Hnns unternehmen, so 
knüpfen wir an die Schilderung seiner Konstitution, seiner leitenden 
sexuellen Wünsche und seiner Erlebnisse bis zur Geburt der 
Schwester an, die wir auf früheren Seiten dieser Abhandlung 
gegeben haben. 

Die Ankunft dieser Schwester brachte ihm mehrerlei, was ihn 
von nun an nicht zur Ruhe kommen ließ. Zunächst ein Stück 
Entbehrung, zu Anfang eine zeitweilige Trennung von der Mutter 
und dann später eine dauernde Verminderung ihrer Fürsorge und 
Aufmerksamkeit, die er mit der Schwester zu teilen sich gewöhnen 
mußte. Zuzweit eine Wiederbelebung seiner Lusterlebnisse aus der 
Kinderpflege, hervorgerufen durch all das, was er die Mutter mit 
der kleinen Schwester vornehmen sah. Aus beiden Einflüssen ergab 
sich eine Steigerung seiner erotischen Bedürftigkeit, der es an 
Befriedigung zu mangeln begann. Für den Verlust, den ihm die 
Schwester gebracht hatte, entschädigt er sich durch die Phantasie, 
daß er selbst Kinder habe, und solange er (bei seinem zweiten 
Aufenthalte) in Gmunden mit diesen Kindern wirklich spielen 
konnte, fand seine Zärtlichkeit genügende Ableitung. Aber nach 
Wien zurückgekehrt, war er wieder einsam, heftete alle seine 
Ansprüche an die Mutter und litt weitere Entbehrung, da er seit 
dem Alter von .-jZ/a Jahren aus dem Schlafzimmer der Eltern ver- 
bannt worden war. Seine gesteigerte erotische Erregbarkeit äußerte 
sich nun in Phantasien, welche die Sommergespielen in seine 
Einsamkeit beschworen, und in regelmäßigen autoerotischen Be- 
friedigungen durch masturbatorische Reizung des Genitales. 

Drittens brachte ihm aber die Geburt der Schwester die An- 
regung zu einer Denkarbeit, die einerseits nicht zur Lösung zu 
bringen war, anderseits ihn in Gcfühlskonllikte verstrickte. Das 
große Rätsel stellte sich für ihn ein, woher die Kinder kommen, 
das erste Problem vielleicht, dessen Lösung die Geisteskräfte des 
Kindes in Anspruch nimmt, von dem das Rätsel der thebanischen 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 2 5 1 

Sphinx wahrscheinlich nur eine Entstellung wiedergibt. Die ihm 
gebotene Aufklärung, der Storch habe die Hanna gebracht, wies 
er ab. Er hatte doch bemerkt, daß die Mutter Monate vor der 
Geburt der Kleinen einen großen Leib bekommen hatte, daß sie 
dann zu Bett gelegen, bei der Geburt gestöhnt hatte und dann 
schlank aufgestanden war. Er schloß also, die Hanna sei im Leibe 
der Mutter gewesen und dann herausgekommen wie ein „Lumpf". 
Dieses Gebären konnte er sich lustvoll vorstellen, unter Anknüpfung 
an eigene früheste Lustempfindungen beim Stuhlgange, konnte sich 
also mit doppelter Motivierung wünschen, selbst Kinder zu haben, 
um sie mit Lust zu gebären und dann (mit Vergeltungslust gleichsam) 
zu pflegen. In all dem lag nichts, was ihn zu Zweifel oder zu 
Konflikt geführt hätte. 

Aber es war noch etwas anderes da, was ihn stören mußte. 
Der Vater mußte etwas mit der Geburt der kleinen Hanna zu 
tun haben, denn er behauptete, Hanna und er selbst, Hans, seien 
seine Kinder. Er hatte sie aber gewiß nicht in die Welt gesetzt, 
sondern die Mama. Dieser Vater war ihm bei der Mutter im 
Wege. Wenn er da war, konnte er nicht bei der Mutter schlafen, 
und wenn die Mutter Hans ins Bett nehmen wollte, schrie der 
Vater. Hans hatte erfahren, wie gut er's bei Abwesenheit des 
Vaters haben könnte, und der Wunsch, den Vater zu beseitigen, 
war nur gerechtfertigt. Nun erhielt diese Feindseligkeit eine 
Verstärkung. Der Vater hatte ihm die Lüge vom Storch erzählt, 
und es ihm damit unmöglich gemacht, ihn in diesen Dingen 
um Aufklärung zu bitten. Er hinderte ihn nicht nur, bei der 
Mutter im Bette zu sein, sondern vorenthielt ihm auch das 
Wissen, nach dem er strebte. Er benachteiligte ihn nach beiden 
Richtungen, und dies offenbar zu seinem eigenen Vorteile. 

Daß er nun diesen selben Vater, den er als Konkurrenten 
hassen mußte, seit jeher geliebt hatte und weiter lieben mußte, 
daß er ihm Vorbild war, sein erster Spielgenosse und gleichfalls 
sein Pfleger aus den ersten Jahren, das ergab den ersten, zunächst 



25 2 Krankengeschichten 



nicht lösbaren Gefühlskonflikt. Wie Hansens Natur sich entwickelt 
hatte, mußte die Liebe vorläufig, die Oberhand behalten und den 
Haß unterdrücken, ohne ihn aufheben zu können, denn er wurde 
von der Liebe zur Mutter her immer von neuein gespeist. 

Der Vater wußte aber nicht nur, woher die Kinder kommen, 
er übte es auch wirklich üus, das, was Hans nur dunkel ahnen 
konnte. Der Wiwimacher mußte etwas damit zu tun haben, 
dessen Erregung all diese Gedanken begleitete, und /.war ein 
großer, größer als Hans seinen fand. Folgte man den Empfindungs- 
andeutungen, die sich da ergaben, so mußte es sich um eine 
Gewalttätigkeit handeln, die man an der Mama verübte, um ein 
Zerschlagen, ein Öffnungschaffen, ein Eindringen in einen abge- 
schlossenen Raum, den Impuls dazu konnte das Kind in sich 
verspüren; aber obwohl es auf dem Wege war, von seinen Penis- 
sensationen aus, die Vagina zu postulieren, so konnte es doch 
das Rätsel nicht lösen, denn so etwas, wie der Wiwimacher es 
brauchte, bestand ja in seiner Kenntnis nicht; vielmehr stand der 
Lösung die Überzeugung im Wege, daß die Mama einen Wiwi- 
macher wie er besitze. Der Lösungsversuch, was man mit der 
Mama anfangen müßte, damit sie Kinder bekomme, versank im 
Unbewußten, und beiderlei aktive Impulse, der feindselige gegen 
den Vater wie der sadistisch-zärtliche gegen die Muller, blieben 
verwendungslos, der eine infolge der neben dem Hasse vorhandenen 
Liebe, der andere vermöge der Ratlosigkeit, die sich aus den 
infantilen Sexualtheorien ergab. 

Nur in dieser Weise vermag ich, auf die Resultate der Analyse 
gestützt, die unbewußten Komplexe und Wunschregungen zu 
konstruieren, deren Verdrängung und Wiedererweckung die Phobie 
des kleinen Hans zum Vorscheine brachte. Ich weiß, daß damit 
dem Denkvermögen eines Kindes zwischen j, und 5 Jahren viel 
zugemutet ist, aber ich lasse mich von dein leiten, was wir neu 
erfahren haben, und halte mich durch die Vorurteile unserer 
Unwissenheit nicht für gebunden. Vielleicht hätte man die Angst 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 253 

vor dem „Krawallmachen mit den Beinen" benutzen können, um 
noch Lücken in unserem Beweisverfahren auszufüllen. Hans gab 
zwar an, es erinnere ihn an das Zappeln mit den Beinen, wenn 
er gezwungen werden sollte, sein Spiel zu unterbrechen, um 
Lumpf zu machen, so daß dieses Element der Neurose in Be- 
ziehung zu dem Problem gerät, ob die Mama gerne oder nur 
gezwungen Kinder bekomme, aber ich habe nicht den Eindruck, 
daß hiemit die volle Aufklärung für das „Krawallmachen mit den 
Beinen" gegeben ist. Meine Vermutung, daß sich bei dem Kinde 
eine Reminiszenz an einen von ihm im Schlafzimmer beobachteten 
sexuellen Verkehr der Eltern geregt habe, konnte der Vater nicht be- 
stätigen. Begnügen wir uns also mit dem, was wir erfahren haben. 

Durch welchen Einfluß es in der geschilderten Situation bei 
Hans zum Umkippen, zur Verwandlung der libidinösen Sehnsucht 
in Angst gekommen ist, an welchem Ende da die Verdrängung 
eingesetzt hat, das ist schwer zu sagen und könnte wohl nur 
durch die Vergleichung mit mehreren ähnlichen Analysen zu 
entscheiden sein; ob das intellektuelle Unvermögen des Kindes, das 
schwierige Problem der Kinderzeugung zu lösen und die durch die 
Annäherung an die Lösung entbundenen aggressiven Impulse zu 
verwerten, den Ausschlag gab oder ein somatisches Unvermögen, 
eine Intoleranz seiner Konstitution gegen die regelmäßig geübte 
masturbatorische Befriedigung, ob die bloße Fortdauer der sexuellen 
Erregung in so hoher Intensität zum Umschlage führen mußte, 
das stelle ich als fraglich hin, bis uns weitere Erfahrung zu 
Hilfe kommt. 

Dem Gelegenheitsanlasse für den Ausbruch der Krankheit zu 
viel Einfluß zuzuschreiben, verbieten die zeitlichen Verhältnisse, 
denn Andeutungen von Ängstlichkeit waren bei Hans lange vorher, 
ehe er das Stellwagenpferd auf der Straße umfallen sah, zu 
beobachten. 

Immerhin knüpfte die Neurose direkt an dieses akzidentelle 
Erlebnis an und bewahrte die Spur desselben in der Erhebung 



254 Krankengeschichten 



des Pferdes zum Angstobjekt. Eine „traumatische Kraft" kommt 
diesem Eindrucke an und für sich nicht zu; nur die frühere 
Bedeutung des Pferdes als Gegenstand der Vorliebe und des In- 
teresses und die Anknüpfung an das traumatisch geeignetere 
Erlebnis in (»munden, wie Fritzl beim Pferdespiele umfiel, sowie 
der leichte Assoziationsweg von Fritzl zum Vater, haben den zu- 
fällig beobachteten Unfall mit so großer Wirksamkeit ausgestattet 
Ja, wahrscheinlich hätten auch diese Beziehungen nicht ausgereicht, 
wenn nicht dank der Schmiegsamkeit und der Vieldeutigkeit der 
Assoziationsverknüpfungen der gleiche Kindruck sich auch geeignet 
erwiesen hätte, an den zweiten der im Unbewußten bei Hans 
lauernden Komplexe, an den von der Niederkunft der graviden 
Mutter, zu rühren. Von da an war der Weg zur Wiederkehr des 
Verdrängten eröffnet, und nun wurde er in der Weise beschritten, 
daß das pathogene Material auf den Pferdekomplex um- 
gearbeitet (transponiert) und die begleitenden Affekte 
uniform in Angst verwandelt erschienen. 

Bemerkenswerterweise mußte sich der nunmehrige Vorstellungs- 
inhalt der Phobie noch eine Entstellung und Ersetzung gefallen 
lassen, ehe das Bewußtsein Kenntnis von ihm nahm. Der erste 
Wortlaut der Angst, den Hans äußerte, war: das Pferd wird mich 
beißen; er rührt aus einer anderen Szene in Gmunden her, die 
einerseits Beziehung zum feindseligen Wunsche gegen den Vater 
hat, anderseits an die Ona nieverwarnung erinnert. Es hat sich da 
ein ablenkender Einfluß geltend gemacht, der vielleicht von den 
Eltern ausging; ich bin nicht sicher, ob die Berichte über Hans 
damals sorgfältig genug abgefaßt winden, um uns entscheiden 
zu lassen, ob er seiner Angst diesen Ausdruck gegeben, ehe oder 
erst nachdem ihn die Mutter wegen seiner Masturbation 
zur Rede gestellt hatte. Im Gegensätze zur Darstellung der 
Krankengeschichte möchte ich das letzlere vermuten. Im übrigen 
ist unverkennbar, daß der feindselige Komplex gegen den Vater 
bei Hans überall den lüsternen gegen die Mutter verdeckt, 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 255 



sowie er auch in der Analyse zuerst aufgedeckt und erledigt 
wurde. 

In anderen Krankheitsfällen fände sich weit mehr über die 
Struktur einer Neurose, ihre Entwicklung und Ausbreitung zu 
sagen, aber die Krankheitsgeschichte unseres kleinen Hans ist 
sehr kurz; sie wird alsbald nach ihrem Beginne von der Be- 
handlungsgeschichte abgelöst. Wenn die Phobie sich während der 
Behandlung dann weiter zu entwickeln schien, neue Objekte und 
neue Bedingungen in ihren Bereich zog, so war der selbst be- 
handelnde Vater natürlich einsichtsvoll genug, darin nur ein 
Zumvorscheinkommen des bereits Fertigen und nicht eine Neu- 
produktion, die man der Behandlung zur Last legen könnte, zu 
erblicken. Auf solche Einsicht darf man dann in anderen Fällen 
von Behandlung nicht immer rechnen. 

Ehe ich diese Synthese für beendigt erkläre, muß ich noch 
einen andern Gesichtspunkt würdigen, bei dem wir mitten in 
die Schwierigkeiten der Auffassung neurotischer Zustände geraten 
werden. Wir sehen, wie unser kleiner Patient von einem wichtigen 
Verdrängungsschube befallen wird, der gerade seine herrschenden 
sexuellen Komponenten betrifft. 1 Er entäußert sich der Onanie, 
er weist mit Ekel von sich, was an Exkremente und an Zuschauen 
bei den Verrichtungen erinnert. Es sind aber nicht diese Kom- 
ponenten, welche beim Krankheitsanlasse (beim Anblicke des 
fallenden Pferdes) angeregt werden, und die das Material für die 
Symptome, den Inhalt der Phobie, liefern. 

Man hat also da Anlaß, eine prinzipielle Unterscheidung auf- 
zustellen. Wahrscheinlich gelangt man zu einem tieferen Ver- 
ständnisse des Krankheitsfalles, wenn man sich jenen anderen 
Komponenten zuwendet, welche die beiden letztgenannten Be- 
dingungen erfüllen. Dies sind bei Hans Regungen, die bereits 



x) Der Vater hat sogar beobachtet, daß gleichzeitig mit dieser Verdrängung ein Stück 
Sublimierung bei ihm eintritt. Er zeigt vom Beginne der Ängstlichkeit an ein ge- 
steigertes Interesse für Musik und entwickelt seine hereditäre musikalische Begabung. 



256 Krankengeschichten 



vorher unterdrückt waren und sich, soviel wir erfahren, niemals 
ungehemmt äußern konnten, feindselig-eifersüchtige Gefühle gegen 
den Vater und sadistische, Koitusahuungeu entsprechende, Antriebe 
gegen die Mutter. In diesen frühzeitigen Unterdrückungen liegt 
vielleicht die Disposition für die spätere Erkrankung. Diese 
aggressiven Neigungen haben hei Hans keinen Ausweg gefunden, 
und sobald sie in einer Zeit der Entbehrung und gesteigerten 
sexuellen Erregung verstärkt hervorbrechen wollen, entbrennt jener 
Kampf, den wir die „Phobie" nennen. Während derselben dringt 
ein Teil der verdrängten Vorstellungen als Inhalt der Phobie, 
entstellt und auf einen anderen Komplex überschrieben, ins Be- 
wußtsein; aber kein Zweifel, daß dies ein kümmerlicher Erfolg 
ist Der Sieg verbleibt der Verdrängung, die bei dieser Gelegen- 
heit auf andere als die vordringliche Komponente über- 
greift. Das ändert nichts daran, daß das Wesen des Krankheits- 
zustandes durchaus an die Natur der zurückzuweisenden Trieb- 
komponenten gebunden bleibt. Absicht inul Inhal! der Phobie ist. 
eine weitgehende Einschränkung der Bewegungsfreiheit, sie ist 
also eine machtvolle Reaktion gegen die dunklen Bewegungsim- 
pulse, die sich besonders gegen die Mutter wenden wollten. Das 
Pferd war für den Knaben immer das Vorbild der Bewegungs- 
lust („Ich bin ein junges Pferd", sagt Hans im Herumspringen), 
aber da diese Bewegungslust den Koitusimpuls einschließt, wird 
die Bewegungslust von der Neurose eingeschränkt und das Pferd 
zum Sinnbild des Schreckens erhoben. Es scheint, daß den ver- 
drängten Trieben in der Neurose nichts anderes verbleibt als die 
Ehre, der Angst im Bewußtsein die Vorwände zu liefern. Aber 
so deutlich auch der Sieg der Sexualablehnung in der Phobie ist, 
so läßt doch die KompromiHnalur der Krankheit nicht zu, daß 
das Verdrängte nichts anderes erreiche. Die Phobie vor dem 
Pferde ist doch wieder ein Hindernis, auf die Gasse zu gehen, 
und kann als Mittel dienen, um bei der geliebten Mutter im 
Hause zu bleiben. Darin hat sich also die Zärtlichkeit für die 












Analyse der Phobie eines fünfjährigen Kn aben 257 

Mutter siegreich durchgesetzt; der Liebhaber klammert sich infolge 
der Phobie an sein geliebtes Objekt, aber freilich ist nun dafür 
gesorgt, daß er unschädlich bleibt. In diesen beiden Wirkungen 
offenbart sich die eigentliche Natur einer neurotischen Erkrankung. 
Alf. Adler hat kürzlich in einer gedankenreichen Arbeit, 1 der 
ich vorhin die Bezeichnung Triebverschränkung entnommen habe 
ausgeführt, daß die Angst durch die Unterdrückung des von ihm 
sogenannten „Aggressionstriebes" entstehe, und in weitumfassender 
Synthese diesem Triebe die Hauptrolle im Geschehen, „im Leben 
und in der Neurose" zugewiesen. Wenn wir zum Schlüsse ge- 
langt sind, daß in unserem Falle von Phobie die Angst durch 
die Verdrängung jener Aggressionsneigungen, der feindseligen gegen 
den Vater und der sadistischen gegen die Mutter, zu erklären 
sei, scheinen wir eine eklatante Bestätigung für die Anschauung 
Adlers erbracht zu haben. Und doch kann ich derselben, die ich 
für eine irreführende Verallgemeinerung halte, nicht beipflichten. 
Ich kann mich nicht entschließen, einen besonderen Aggressions- 
trieb neben und gleichberechtigt mit den uns vertrauten Selbst- 
erhaltungs- und Sexualtrieben anzunehmen. 2 Es scheint mir, daß 
Adler einen allgemeinen und unerläßlichen Charakter aller Triebe, 
eben das „Triebhafte", Drängende in ihnen, was wir als die 
Fähigkeit, der Motilität Anstoß zu geben, beschreiben können, 
zu einem besonderen Triebe mit Unrecht hypostasiert habe. Von 
den anderen Trieben erübrigte dann nichts anderes als die Be- 
ziehung zu einem Ziele, nachdem ihnen die Beziehung zu den 

1) S. 0. 

2) [Zusatz 192}:] Das im Text Stehende ist zu einer Zeit geschrieben worden, da 
Adler noch auf dem Boden der Psychoanalyse zu stehen schien, vor seiner Auf- 
stellung des männlichen Protests und seiner Verleugnung der Verdrängung. Ich habe 
seither auch einen „Aggressionstrieb" statuieren müssen, der nicht mit dem Adler'schen 
zusammenfällt. Ich ziehe es vor, ihn „Destruktions- oder „Todestrieb" zu heißen 
(„Jenseits des Lustprinzips", „Das Ich und das Es"). Sein Gegensatz zu den libidinösen 
Trieben kommt in der bekannten Polarität von Lieben und Hassen zum Ausdruck. 
Auch mein Widerspruch gegen die Adler'sche Aufstellung, die einen allgemeinen 
Charakter der Triebe überhaupt zu Gunsten eines einzigen beeinträchtigt, bleibt 
aufrecht. 

Freud, VIII. 



2 g8 Krankengeschichten 



Mitteln, dieses Ziel zu erreichen, durch den „Aggressionstrieb" 
abgenommen wird 5 trotz all der Unsicherheit und Ungeklärtheit 
unserer Trieblehre, möchte ich vorläufig an der gewohnten Auf- 
fassung festhalten, welche jedem Triebe sein eigenes Vermögen, 
aggressiv zu werden, beläßt, und in den beiden bei unserem Hans 
zur Verdrängung gelangenden Trieben würde ich altbekannte 
Komponenten der sexuellen Libido erkennen. 

5 

Ehe ich nun in die voraussichtlich kurz gehakenen Er- ( 

örterungen eintrete, was aus der Phobie des kleinen Hans all- 
gemein Wertvolles für Kinderleben und Kindererziehung zu 
entnehmen ist, muß ich dem lange aufgesparten Einwände be- 
gegnen, der uns mahnt, daß Hans ein Neurotiker, Hereditarier, 
D^genere ist, kein normales Kind, von dem aus auf andere 
Kinder übertragen werden darf. Es tut mir lange schon leid, 
daran zu denken, wie alle die Bekenner des „Normalmenschen" 
unseren armen kleinen Hans mißhandeln werden, nachdem sie 
erst erfahren haben, daß ihm tatsächlich hereditäre Belastung 
nachgewiesen werden kann. Seiner schönen Mutter, die in einem 
Konflikte ihrer Mädchenzeit neurotisch erkrankte, hatte ich 
damals Hilfe geleistet, und dies war sogar der Anfang meiner 
Beziehungen zu seinen Kitern. Ich getraue mich nur ganz 
schüchtern, einiges zu seinen Gunsten vorzubringen. 

Zunächst, daß Hans nicht das ist, was man sich nach der 
strengen Observanz unter einem degenerierten, zur Nervosität 
erblich bestimmten Kinde vorstellen würde, sondern vielmehr 
ein körperlich wohlgebildeter, heiterer, liebenswürdiger und geistig 
reger Geselle, an dem nicht nur der eigene Vater seine Freude 
haben kann. An seiner sexuellen Frühreife freilich ist kein 
Zweifel, aber es fehlt da viel Vergleichsmaterial zum richtigen 
Urteile. Aus einer Sammeluntersuchung aus amerikanischer Quelle 
habe ich z. B. ersehen, daß ähnlich frühe Objektwahl und Liebes- 



> 



Analyse der Phobie eines fü nfjährigen Knaben 2 r9 

empfinden bei Knaben nicht gar so selten angetroffen wird und 
aus der Kindergeschichte von später als „groß" erkannten 
Männern weiß man das nämliche, so daß ich meinen möchte 
die sexuelle Frühreife sei ein selten fehlendes Korrelat der intellek- 
tuellen, und darum bei begabten Kindern häufiger anzutreffen 
als man erwarten sollte. 

Ferner mache ich in meiner eingestandenen Parteilichkeit für 
den kleinen Hans geltend, daß er nicht das einzige Kind ist 
das zu irgend einer Zeit seiner Kinderjahre von Phobien befallen 
wird. Solche Erkrankungen sind bekanntlich ganz außerordent- 
lich häufig, auch bei Kindern, deren Erziehung an Strenge nichts 
zu wünschen übrig läßt. Die betreffenden Kinder werden später 
entweder neurotisch, oder sie bleiben gesund. Ihre Phobien 
werden in der Kinderstube niedergeschrien, weil sie der Behand- 
lung unzugänglich und gewiß sehr unbequem sind. Sie lassen 
dann im Laufe von Monaten oder Jahren nach, heilen an- 
scheinend ; welche psychischen Veränderungen eine solche Heilung 
bedingt, welche Charakterveränderungen mit ihr verknüpft sind, 
darin hat niemand Einsicht. Wenn man dann einmal einen er- 
wachsenen Neurotiker in psychoanalytische Behandlung nimmt, der, 
nehmen wir an, erst in reifen Jahren manifest erkrankt ist, so erfährt 
man regelmäßig, daß seine Neurose an jene Kinderangst anknüpft, 
die Fortsetzung derselben darstellt, und daß also eine unausgesetzte, 
aber auch ungestörte psychische Arbeit sich von jenen Kinder- 
konflikten an durchs Leben fortgesponnen hat, ohne Rücksicht 
darauf, ob deren erstes Symptom Bestand hatte oder unter dem 
Drange der Verhältnisse zurückgezogen wurde. Ich meine also, 
unser Hans ist vielleicht nicht stärker erkrankt gewesen als so viele 
andere Kinder, die nicht als „Degenerierte" gebrandmarkt werden ; 
aber da er ohne Einschüchterung, mit möglichster Schonung und 
möglichst geringem Zwang erzogen wurde, hat sich seine Angst 
kühner hervorgewagt. Die Motive des schlechten Gewissens und 
der Furcht vor der Strafe haben ihr gefehlt, die sonst gewiß zu 

17' 



2 6o Krankengeschichten 



ihrer Verkleinerung beitragen. Mir will scheinen, wir geben zu 
viel auf Symptome und kümmern uns zu wenig um das, woraus 
sie hervorgehen. In der Kindererziehung gar wollen wir nichts 
anderes als in Ruhe gelassen werden, keine Schwierigkeiten er- 
leben, kurz, das brave Kind züchten und achten sehr wenig 
darauf, ob dieser Entwicklungsgang dem Kinde auch frommt 
Ich könnte mir also vorstellen, daß es heilsam für unseren Hans 
war, diese Phobie produziert zu haben, weil sie die Aufmerk- 
samkeit der Eltern auf die unvermeidlichen Schwierigkeiten 
lenkte, welche die Überwindung der angeborenen Triebkompo- 
nenten in der Kulturerziehung dem Kinde bereiten muß, und 
weil diese seine Störung die Hilfeleistung des Vaters nach sich 
zoo-. Vielleicht hat er nun vor anderen Kindern das voraus, daß 
er nicht mehr jenen Keim verdrängter Komplexe in sich tragt, 
der fürs spätere Leben jedesmal etwas bedeuten muß, der gewiß 
Charakterverbildung in irgend einem Ausmaße mit sich bringt, 
wenn nicht die Disposition zu einer späteren Neurose. Ich bin 
geneigt, so zu denken, aber ich weiß nicht, ob noch viele andere 
mein Urteil teilen werden, weiß auch nicht, ob die Erfahrung 
mir recht geben wird. 

Ich muß aber fragen, was hat nun bei Hans das Anslicht- 
ziehen der nicht nur von den Kindern verdrängten, sondern 
auch von den Eltern gefürchteten Komplexe geschadet? Hat der 
Kleine nun etwa Ernst gemacht mit seinen Ansprüchen auf die 
Mutter, oder sind an Stelle der bösen Absichten gegen den Vater 
Tätlichkeiten getreten? Sicherlich werden das viele befürchtet 
haben, die das Wesen der Psychoanalyse verkennen und meinen, 
man verstärke die bösen Triebe, wenn man sie bewußt mache. 
Diese Weisen handeln dann nur konsequent, wenn sie um 
Gotteswillen von jeder Beschäftigung mit den bösen Dingen ab- 
raten, die hinter den Neurosen stecken. Sie vergessen dabei 
allerdings, daß sie Ärzte sind, und geraten in eine fatale Ähnlich- 
keit mit Shakespeares Holzapfel in „Viel Lärm um nichts", 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 261 

der der ausgeschickten Wache gleichfalls den Rat gibt sich von 
jeder Berührung mit den etwa angetroffenen Dieben Einbrechern 
recht fernzuhalten. Solches Gesindel sei kein Umgang für ehr- 
liche Leute. 1 

Die einzigen Folgen der Analyse sind vielmehr, daß Hans 
gesund wird, sich vor Pferden nicht mehr fürchtet, und daß er 
mit seinem Vater, wie dieser belustigt mitteilt, eher familär ver- 
kehrt. Aber was der Vater an Respekt etwa einbüßt, das ge- 
winnt er an Vertrauen zurück: „Ich hab' geglaubt, du weißt 
alles, weil du das vom Pferd gewußt hast." Die Analyse macht 
nämlich den Erfolg der Verdrängung nicht rückgängig; die 
Triebe, die damals unterdrückt wurden, bleiben die unterdrückten, 
aber sie erreicht diesen Erfolg auf anderem Weg, ersetzt den 
Prozeß der Verdrängung, der ein automatischer und exzessiver 
ist, durch die maß- und zielvolle Bewältigung mit Hilfe der 
höchsten seelischen Instanzen, mit einem Worte: sie ersetzt 
die Verdrängung durch die Verurteilung. Sie scheint uns 
den lang gehegten Beweis zu erbringen, daß das Bewußtsein 
eine biologische Funktion hat, daß mit seinem Insspieltreten ein 
bedeutsamer Vorteil verbunden ist. 2 

Hätte ich allein die Verfügung darüber gehabt, so hätte ich's 
gewagt, dem Kinde auch noch die eine Aufklärung zu geben, 
welche ihm von den Eltern vorenthalten wurde. Ich hätte seine 
triebhaften Ahnungen bestätigt, indem ich ihm von der Existenz 



1) Ich kann die verwunderte Frage hier nicht unterdrücken, woher diese Gegner 
meiner Anschauungen ihr so sicher vorgetragenes Wissen beziehen, ob die verdrängten 

Sexualtriebe eine Rolle in der Ätiologie der Neurosen spielen und welche, wenn sie 
den Patienten den Mund verschließen, sobald sie von ihren Komplexen und deren 
Abkömmlingen zu reden beginnen? Meine und meiner Anhänger Mitteilungen sind 
ja dann die einzige Wissenschaft, die ihnen zugänglich bleibt. 

2) [Zusatz 192}:] Ich gebrauche hiedurch das Wort Bewußtsein in einem Sinne, de:i 
ich später vermieden habe, für unser normales bewußtseinsfälliges Denken. Wir wissen 
daß auch solche Denkprozesse vorbewußt vor sich gehen können und tun gut, 
deren „Bewußtsein" rein phänomenologisch zu werten. Natürlich wird der Er- 
wartung, auch das Bewußtwerden erfülle eine biologische Funktion, hiemit nicht 
widersprochen. 



262 Krankengeschichten 

der Vagina und des Koitus erzählt hätte, so den ungelösten Rest 
um ein weiteres Stück verkleinert und seinem Fragedrang ein 
Ende gemacht. Ich bin überzeugt, er hätte weder die Liebe zur 
Mutter noch sein kindliches Wesen infolge dieser Aufklärungen 
verloren und hätte eingesehen, daß seine Beschäftigung mit 
diesen wichtigen, ja imposanten Dingen nun ruhen muß, bis 
sich sein Wunsch, groß zu werden, erfüllt hat. Aber das pädago- 
gische Experiment wurde nicht so weit geführt. 

Daß man zwischen „nervösen" und „normalen" Kindern und 
Erwachsenen keine scharfe Grenze ziehen darf, daß „Krankheit" 
ein rein praktischer Summationsbegriff ist, daß Disposition und 
Erleben zusammentreffen müssen, um die Schwelle für die Er- 
reichung dieser Summation überschreiten zu lassen, daß infolge- 
dessen fortwährend viele Individuen aus der Klasse der Gesunden 
in die der nervös Kranken übertreten und eine weit geringere 
Anzahl den Weg auch in umgekehrter Richtung macht, das 
sind Dinge, die so oft gesagt worden sind und soviel Anklang 
gefunden haben, daß ich mit ihrer Behauptung gewiß nicht t 
allein stehe. Daß die Erziehung des Kindes einen mächtigen 
Einfluß geltend machen kann, zugunsten oder Ungunsten der bei 
dieser Summation in Betracht kommenden Krankheitsdisposition, 
ist zum mindesten sehr wahrscheinlich, aber was die Erziehung 
anzustreben und wo sie einzugreifen hat, das erscheint noch 
durchaus fragwürdig. Sie hat sich bisher immer nur die Be- 
herrschung, oft richtiger Unterdrückung der Triebe zur Aufgabe 
gestellt; der Erfolg war kein befriedigender und dort, wo es 
gelang, geschah es zum Vorteil einer kleinen Anzahl bevorzugter 
Menschen, von denen Triebunterdrückung nicht gefordert wird. 
Man fragte auch nicht danach, auf welchem Wege und mit 
welchen Opfern die Unterdrückung der unbequemen Triebe er- 
reicht wurde. Substituiert man dieser Aufgabe eine andere, das 
Individuum mit der geringsten Einbuße an seiner Aktivität 
kulturfähig und sozial verwertbar zu machen, so haben die durch 



Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 263 

die Psychoanalyse gewonnenen Aufklärungen über die Herkunft 
der pathogenen Komplexe und über den Kern einer jeden Neu- 
rose eigentlich den Anspruch, vom Erzieher als unschätzbare 
Winke für sein Benehmen gegen das Kind gewürdigt zu werden. 
Welche praktischen Schlüsse sich hieraus ergeben, und inwieweit 
die Erfahrung die Anwendung derselben innerhalb unserer 
sozialen Verhältnisse rechtfertigen kann, dies überlasse ich anderen 
zur Erprobung und Entscheidung. 

Ich kann von der Phobie unseres kleinen Patienten nicht 
Abschied nehmen, ohne die Vermutung auszusprechen, welche 
mir deren zur Heilung führende Analyse besonders wertvoll 
macht. Ich habe aus dieser Analyse, streng genommen, nichts 
Neues erfahren, nichts, was ich nicht schon, oft in weniger 
deutlicher und mehr vermittelter Weise, bei anderen im 
reifen Alter behandelten Patienten hatte erraten können. Und 
da die Neurosen dieser anderen Kranken jedesmal auf die 
nämlichen infantilen Komplexe zurückzuführen waren, die sich 
hinter der Phobie Hansens aufdecken ließen, bin ich versucht, 
für diese Kinderneurose eine typische und vorbildliche Bedeutung 
in Anspruch zu nehmen, als ob die Mannigfaltigkeit der neuro- 
tischen Verdrängungserscheinungen und die Reichhaltigkeit des 
pathogenen Materials einer Ableitung von sehr wenigen Prozessen 
an den nämlichen Vorstellungskomplexen nicht im Wege stünden. 



NACHSCHRIFT ZUR ANALYSE 

DES KLEINEN HANS | 

Vor einigen Monaten — im Frühjahr des Jahres 1922 — 
stellte sich mir ein junger Mann vor und erklärte, er sei der 
„kleine Hans", über dessen kindliche Neurose ich im Jahre 1909 
berichtet hatte. Ich war sehr froh, ihn wiederzusehen, denn 
er war mir etwa zwei Jahre nach Abschluß seiner Analyse aus 
den Augen geraten und ich hatte seit länger als einem Jahrzent 
nichts von seinen Schicksalen erfahren. Die Veröffentlichung dieser 
ersten Analyse an einem Kinde hatte viel Aufsehen und noch 
mehr Entrüstung hervorgerufen und dem armen Jungen war 
großes Unheil prophezeit worden, weil er in so zartem Alter 
„entharmlost" und zum Opfer einer Psychoanalyse gemacht 
worden war. 

Nichts von all diesen Befürchtungen ist aber eingetroffen. Der 
kleine Hans war jetzt ein stattlicher Jüngling von 19 Jahren. 
Er behauptete, sich durchaus wohl zu befinden und an keinerlei 
Beschwerden oder Hemmungen zu leiden. Er war nicht nur 
ohne Schädigung durch die Pubertät gegangen, sondern hatte 
auch eine der schwersten Belastungsproben für sein Gefühls- 
leben gut bestanden. Seine Eltern hatten sich voneinander ge- 
schieden und jeder Teil eine neue Ehe geschlossen. Er lebe 
infolgedessen allein, stehe aber mit beiden Eltern gut und be- 
daure nur, daß er durch die Auflösung der Familie von seiner 
lieben jüngeren Schwester getrennt worden sei. 






Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben a 6« 

Eine Mitteilung des kleinen Hans war mir besonders merk- 
würdig. Ich getraue mich auch nicht, eine Erklärung für sie zu 
geben. Als er seine Krankengeschichte las, erzählte er, es sei ihm 
alles fremd vorgekommen, er erkannte sich nicht, konnte sich 
an nichts erinnern, und nur als er auf die Reise nach Gmunden 
stieß, dämmerte ihm etwas wie ein Schimmer von Erinnerung 
auf, das könnte er selbst gewesen sein. Die Analyse hatte also 
die Begebenheit nicht vor der Amnesie bewahrt, sondern war 
selbst der Amnesie verfallen. Ähnlich ergeht es dem mit der 
Psychoanalyse Vertrauten manchmal im Schlafe. Er wird durch 
einen Traum geweckt, beschließt ihn ohne Aufschub zu analy- 
sieren, schläft, mit dem Ergebnis seiner Bemühung zufrieden, 
wieder ein und am nächsten Morgen sind Traum und Analyse 
vergessen. 






BEMERKUNGEN ÜBER EINEN 
FALL VON ZWANGSNEUROSE 






Die „Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose" erschienen 1909 
im Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. I, 
dann in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosrnlehre. Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud." Dritte Folge (Verlag Franz Dcuticke, Leipzig u. Wien 
1913, 2. Auß. IQ2I). — Die Aufnahme in diese Gesamtausgabe erfolgt mit 
Genehmigung des genannten Verlages. 



Die nachstellenden Blätter werden zweierlei enthalten: erstens 
fragmentarische Mitteilungen aus der Krankengeschichte eines 
Falles von Zwangsneurose, welcher nach seiner Dauer, seinen 
Schädigungsfolgen und nach subjektiver Wertung zu den ziemlich 
schweren gezählt werden konnte, und dessen Behandlung durch 
etwa ein Jahr zunächst die völlige Herstellung der Persönlichkeit 
und die Aufhebung ihrer Hemmungen erzielte/VZweitens aber in 
Anknüpfung an diesen und in Anlehnung an andere früher 
analysierte Fälle einzelne aphoristische Angaben über die Genese 
und. den feineren Mechanismus der seelischen Zwangsvorgänge, 
durch welche meine im Jahre 1896 veröffentlichten ersten Dar- 
stellungen weitergeführt werden sollen. 1 

Eine derartige Inhaltsangabe scheint mir selbst einer Recht- 
fertigung bedürftig, damit man nicht etwa glaube, ich hielte 
diese Art und Weise der Mitteilung für untadelhaft und nach- 
ahmenswert, während ich in Wirklichkeit nur Hemmungen 
äußerlicher und inhaltlicher Natur Rechnung trage und gerne 
mehr gegeben hätte, wenn ich nur dürfte und könnte. Die voll- 
ständige Behandlungsgeschichte kann ich nämlich nicht mitteilen, 
weil sie ein Eingehen auf die Lebensverhältnisse meines Patienten 
im einzelnen erfordern würde. Die belästigende Aufmerksamkeit 
einer Großstadt, die sich auf meine ärztliche Tätigkeit ganz be- 
sonders richtet, verbietet mir eine wahrheitsgetreue Darstellung; 
Entstellungen aber, mit denen man sich sonst zu behelfen pflegt, 

1) Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. (II. Wesen und 
Mechanismus der Zwangsneurose.) Enthalten in Bd. I dieser Gesamtausgabe. 



27 <> Krankengeschichten 



finde ich immer mehr unzweckmäßig und verwerflich. Sind sie 
geringfügig, so erfüllen sie den Zweck nicht, den Patienten vor 
indiskreter Neugierde zu schützen, und gehen sie weiter, so kosten 
sie zu große Opfer, indem sie das Verständnis der gerade an die 
kleinen Realien des Lebens geknüpften Zusammenhänge zerstören. 
Aus diesem letzteren Umstand ergibt sich dann der paradoxe 
Sachverhalt, daß man weit eher die intimsten Geheimnisse eines 
Patienten der Öffentlichkeit preisgeben darf, bei denen er doch 
unerkannt bleibt, als die harmlosesten und banalsten Bestimmungen 
seiner Person, mit denen er allen bekannt ist, und die ihn für 
alle kenntlich machen würden. 

Entschuldige ich so die arge Verkürzung der Kranken- und 
Behandlungsgeschichte, so steht mir für die Beschränkung auf 
einzelne Ergebnisse aus der psychoanalytischen Untersuchung der 
Zwangsneurose eine noch triftigere Aufklärung zu Gebote./Ich 
bekenne, daß es mir bisher noch nicht gelungen ist, das kom- 
plizierte Gefüge eines schweren Falles von Zwangsneurose restlos 
zu durchschauen, und daß ich es nicht zustande brächte, diese 
analytisch erkannte oder geahnte Struktur durch die Auflagerungen 
der Behandlung hindurch a nderen in der Wiedergabe der Analyse 
sichtbar zu machen. Es sind die Widerstände der Kranken und 
die Formen von deren Äußerung, welche letztere Aufgabe so sehr 
erschweren ; aber man muß sagen, daß das Verständnis einer Zwangs- 
neurose an und für sich nichts leichtes ist, viel schwerer als das eines 
Falles von Hysterie. Eigentlich sollte man das Gegenteil erwarten. 
Die Mittel, durch welche die Zwangsneurose ihre geheimen Ge- 
danken zum Ausdruck bringt, die Sprache der Zwangsneurose ist 
gleichsam nur ein Dialekt der hysterischen Sprache, aber ein Dialekt, 
in welchen uns die Einfühl ung leichter gelingen müßte, weil er dem 
Ausdrucke unseres bewußten Denkens verwandter ist als der hyste- 
rische. Er enthält vor allem nicht jenen Sprung aus dem Seelischen 
in die somatische Innervation, — die hysterische Konversion, — 
den wir mit unserem Begreifen doch niemals mitmachen können. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 271 

Vielleicht trägt auch nur unsere geringere Vertrautheit mit 
der Zwangsneurose die Schuld daran, daß die Wirklichkeit jene 
Erwartung nicht bestätigt. Die Zwangsneurotiker schweren Kalibers 
stellen sich der analytischen Behandlung weit seltener als die 
Hysteriker. Sie dissimulieren auch im Leben ihre Zustände, so 
lange es angeht, und kommen zum Arzt häufig erst in so vor- 
geschrittenen Stadien des Leidens, wie sie bei der Lungentuber- 
kulose z. B. die Aufnahme in eine Heilstätte ausschließen würden. 
Ich ziehe aber diesen Vergleich heran, weil wir bei den leichten 
und den schweren, aber frühzeitig bekämpften Fällen der Zwangs- 
neurose, ganz ähnlich wie bei jener chronischen Infektionskrankheit, 
auf eine Reihe glänzender Heilerfolge hinweisen könnem 

Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes möglich, als 
die Dinge so unvollkommen und so unvollständig mitzuteilen, 
wie man sie weiß und weiter sagen darf. Die hier gebotenen, 
mühselig genug zutage geförderten Brocken von Erkenntn is mögen 
an sich wenig befriedigend wirke^~~Är~~die Arbeit anderer 
Untersucher mag an sie anschließen, und der gemeinsamen Be- 
mühung kann die Leistung gelingen, die für den einzelnen 
vielleicht zu schwer ist. 



1 

AUS DER KRANKENGESCHICHTE 

Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich mit 
der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon seit seiner 
Kindheit, besonders stark aber seit vier Jahren. Hauptinhalt seines 
Leidens seien Befürchtungen, daß zwei Personen, die er sehr 
liebe, etwas geschehen werde, dem Vater und einer Dame, die 
er verehre. Außerdem verspüre er Zwangsimpulse, wie z. B. 
sich mit einem Rasiermesser den Hals abzuschneiden, und produziere 
Verbote, die sich auch auf gleichgültige Dinge beziehen. Er 
habe durch den Kampf gegen seine Ideen Jahre verloren und 
sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den versuchten Kuren 
habe ihm nichts genützt als eine Wasserbehandlung in einer 
Anstalt bei !! *j diese aber wohl nur darum, weil er dort eine 
Bekanntschaft machte, die zu regelmäßigem Sexualverkehr führte. 
Hier habe er keine solche Gelegenheit, verkehre selten und in 
unregelmäßigen Intervallen. Vor Prostituierten empfinde er Ekel. 
Sein Sexualleben sei überhaupt kümmerlich gewesen, Onanie habe 
nur eine geringe Rolle gespielt, im 16. oder 17. Jahre. Seine 
Potenz sei normal ; erster Koitus mit 26 Jahren. 

Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kopfes. 
Von mir befragt, was ihn veranlasse, die Auskünfte über sein 
Sexualleben in den Vordergrund zu rücken, antwortet er, das sei 
dasjenige, was er von meinen Lehren wisse. Er habe sonst nichts 
von meinen Schriften gelesen, aber vor kurzem beim Blättern in 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 273 

einem Buche von mir die Aufklärung sonderbarer Wortver- 
knüpfungen gefunden, 1 die ihn so sehr an seine eigenen „Denk- 
arbeiten" mit seinen Ideen gemahnt hätten, daß er beschlossen 
habe, sich mir anzuvertrauen. 

a) Die Einleitung der Behandlung 

Nachdem ich ihn am nächsten Tage auf die einzige Bedingung 
der Kur verpflichtet, alles zu sagen, was ihm durch den Kopf 
gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei, auch wenn es ihm 
unwichtig, nicht dazu gehörig oder unsinnig erscheine, und 
ihm freigestellt, mit welchem Thema er seine Mitteilungen er- 
öffnen wolle, beginnt er wie folgt: 2 

Er habe einen Freund, den er außerordentlich hochstelle. Zu 
dem gehe er immer, wenn ihn ein verbrecherischer Impuls plage, 
und frage ihn, ob er ihn als Verbrecher verachte. Der Freund 
halte ihn aufrecht, indem er ihm versichere, daß er ein tadel- 
loser Mensch sei, der sich wahrscheinlich von Jugend auf ge- 
wöhnt habe, sein Leben unter solchen Gesichtspunkten zu betrachten. 
Einen ähnlichen Einfluß habe früher einmal ein anderer auf ihn 
geübt, ein Student, der 19 Jahre alt war, während er 14 oder 
15 Jahre war, der GefaUen an ihm fand und sein Selbstgefühl 
außerordentlich hob, so daß er sich als Genie vorkommen durfte. 
Dieser Student wurde später sein Hauslehrer und änderte dann 
plötzlich sein Benehmen, indem er ihn zum Trottel herabsetzte. 
Er merkte endlich, daß jener sich für eine seiner Schwestern 
interessierte und sich mit ihm nur eingelassen habe, um Zutritt 
ins Haus zu gewinnen. Es war dies die erste große Erschütterung 
seines Lebens. 

1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1905, 10. Aufl. 1924; enthalten in 
Bd. IV dieser Gesamtausgabe). 

2) Redigiert nach der Niederschrift am Abend des Behandlungstages in möglichster 
Anlehnung an die erinnerten Reden des Patienten. — Ich kann nur davor warnen, 
die Zeit der Behandlung selbst zur Fixierung des Gehörten zu verwenden. Die Ab- 
lenkung der Aufmerksamkeit des Arztes bringt dem Kranken mehr Schaden, als durch 
den Gewinn an Reproduktionstreue in der Krankengeschichte entschuldigt werden kann. 

Freud, VIII. ,8 



274 Krankengeschichten 



Er fährt dann wie unvermittelt fort: 

b) Die infantile Sexualität 

„Mein Sexualleben hat sehr früh begonnen. Ich erinnere mich 
einer Szene aus meinem 4. bis 5. Jahre (vom 6. Jahre an ist 
meine Erinnerung überhaupt vollständig), die mir Jahre später 
klar aufgetaucht ist. Wir hatten eine sehr schöne, junge Gouver- 
nante, Fräulein Peter. 1 Die lag eines Abends leicht bekleidet 
auf dem Sofa und las j ich lag neben ihr und bat sie um die 
Erlaubnis, unter ihre Röcke zu kriechen. Sie erlaubte es, wenn 
ich niemand etwas davon sagen würde. Sie hatte wenig an und 
ich betastete sie an den Genitalien und am Leibe, der mir 
kurios vorkam. Seitdem blieb mir eine brennende, peinigende 
Neugierde, den weiblichen Körper zu sehen. Ich weiß noch, mit 
welcher Spannung ich im Bade, wohin ich noch mit dem Fräu- 
lein und den Schwestern gehen durfte, darauf wartete, bis das 
Fräulein ausgekleidet ins Wasser stieg. An mehr erinnere ich 
mich vom 6. Jahre an. Wir hatten dann ein anderes Fräulein, 
auch jung und schön, die Abszesse am Gesäß hatte, welche sie 
abends auzudrücken pflegte. Ich lauerte auf diesen Moment, um 
meine Neugierde zu stillen. Ebenso im Bade, obwohl Fräulein 
Lina zurückhaltender war als die erste. (Auf eine Zwischenfrage: 
Ich schlief nicht regelmäßig in ihrem Zimmer, meist, bei den 
Eltern.) Ich erinnere eine Szene, bei der ich 7 Jahre gewesen 
sein muß. 2 Wir saßen am Abend, das Fräulein, die Köchin, ein 

1) Der frühere Analytiker Dr. Alfred Adler gedachte einmal in einem privaten 
Vortrag der besonderen Bedeutung, welche den allerersten Mitteilungen der 
Patienten zukommt. Hier ein Beleg dafür. Die einleitenden Worte des Patienten 
betonen den Einfluß, den Männer auf ihn ausüben, die Rolle der homosexuellen 
Objektwahl in seinem Leben, und lassen gleich darauf ein zweites Motiv anklingen, 
welches später bedeutsam hervortreten wird, den Konflikt und Interessengegensatz 
zwischen Mann und Weib. Auch daß er die erste schöne Gouvernante mit ihrem 
Familiennamen erinnert, welcher zufällig einem männlichen Vornamen gleicht, ist 
in diesen Zusammenhang aufzunehmen. In Wiener Bürgerkreisen pflegt man eine 
Gouvernante häufiger bei ihrem Vornamen zu nennen und behält eher diesen im 
Gedächtnis. 

2) Er gibt später die Wahrscheinlichkeit zu, daß diese Szene 1 bis 2 Jahre später vorfiel. 






Bemerkungen über einen Fall von "Zwangsneurose 275 

anderes Mädchen, ich und mein um 1V2 Jahre jüngerer Bruder 
beisammen. Ich vernahm plötzlich aus dem Gespräch der Mädchen, 
wie Fräulein Lina sagte: Mit dem Kleinen könne man das schon 
machen, aber der Paul (ich) sei zu ungeschickt, er werde gewiß 
daneben fahren. Ich verstand nicht klar, was gemeint war, ver- 
stand aber die Zurücksetzung und begann zu weinen. Lina 
tröstete mich und erzählte mir, daß ein Mädchen, welches etwas 
derartiges mit einem ihr anvertrauten Buben gemacht hatte, für 
mehrere Monat eingesperrt worden sei. Ich glaube nicht, daß 
sie etwas Unrechtes mit mir angestellt hat, aber ich nahm mir 
viel Freiheiten gegen sie heraus. Wenn ich zu ihr ins Bett kam, 
deckte ich sie auf und rührte sie an, was sie sich ruhig gefallen 
ließ. Sie war nicht sehr intelligent und offenbar geschlechtlich 
sehr bedürftig. 25 Jahre alt, hatte sie schon ein Kind gehabt, 
dessen Vater sie später heiratete, so daß sie heute Frau Hofrat 
heißt. Ich sehe sie noch oft auf der Straße." 

„Ich habe schon mit 6 Jahren an Erektionen gelitten und 
weiß, daß ich einmal zur Mutter ging, um mich darüber zu 
beklagen. Ich weiß auch, daß ich dabei Bedenken zu überwinden 
hatte, denn ich ahnte den Zusammenhang mit meinen Vorstel- 
lungen und meiner Neugierde und hatte damals eine Zeitlang 
die krankhafte Idee, die Eltern wüßten meine Gedanken, 
was ich mir so erklärte, daß ich sie ausgesprochen, ohne 
es aber selbst zu hören. Ich sehe hierin den Beginn meiner 
Krankheit. Es gab Personen, Mädchen, die mir sehr gefielen, 
und die ich mir dringendst nackt zu sehen wünschte. Ich 
hatte aber bei diesen Wünschen ein unheimliches Gefühl, 
als müßte etwas geschehen, wenn ich das dächte, und ich 
müßte allerlei tun, um es zu verhindern." 

(Als Probe dieser Befürchtungen gibt er auf Befragen an: 
Z. B. mein Vater würde sterben.) „Gedanken an den Tod 
des Vaters haben mich frühzeitig und durch lange Zeit beschäftigt 
und sehr traurig gestimmt." 

18 



o--6 Krankengeschichten 



Ich vernehme bei dieser Gelegenheit mit Erstaunen, daß sein 
Vater, um den sich doch seine heutigen Zwangsbefürchtungen 
kümmern, schon vor mehreren Jahren gestorben ist. 

Was unser Patient in der ersten Stunde der Behandlung aus 
seinem 6. oder 7. Jahre schildert, ist nicht nur, wie er meint, 
der Beginn der Krankheit, sondern bereits die Krankheit selbst. 
Eine vollständige Zwangsneurose, der kein wesentliches Element 
mehr abgeht, zugleich der Kern und das Vorbild des späteren 
Leidens, der Elementarorganismus gleichsam, dessen Studium 
allein uns das Verhältnis der komplizierten Organisation der 
heutigen Erkrankung vermitteln kann. Wir sehen das^Kind 
* unter der Herrschaft einer sexuellen Triebkomponente, der Schau- 
lust, deren Ergebnis der mit großer Intensität immer wieder von 
neuem auftretende Wunsch ist, weibliche Personen, die ihm ge- 
fallen, nackt zu sehen. Dieser Wunsch entspricht der späteren 
Zwangsidee; wenn er den Zwangscharakter noch nicht hat, so 
kommt dies daher, daß das Ich sich noch nicht in vollen 
Wiederspruch zu ihm gesetzt hat, ihn nicht als fremd verspürt, 
doch regt sich bereits von irgendwoher ein Widerspruch gegen 
diesen Wunsch, denn ein peinlicher Affekt begleitet regelmäßig 
das Auftauchen desselben. 1 Ein Konflikt ist offenbar in dem 
Seelenleben des kleinen Lüsternen vorhanden 5 neben dem Zwangs- 
wunsch steht eine Zwangsbefürchtung innig an den Wunsch 
geknüpft: so oft er so etwas denkt, muß er fürchten, es werde 
etwas Schreckliches geschehen. Dies Schreckliche kleidet sich 
bereits in eine charakteristische Unbestimmtheit, die fortan in 
den Äußerungen der Neurose niemals fehlen wird. Doch ist es 
beim Kinde nicht schwer, das durch solche Unbestimmtheit 
Verhüllte aufzufinden. Kann man für irgend eine der ver- 
schwommenen Allgemeinheiten der Zwangsneurose ein Beispiel^ 
erfahren, so sei man sicher, dies Beispiel ist das Ursprüngliche 

1) Es sei daran erinnert, daß man den Versuch gemacht hat, Zwangsvorstel- 
lungen ohne Rücksicht auf die Affektivität zu erklären! 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 277 

und Eigentliche selbst, das durch die Verallgemeinerung ver- 
steckt werden sollte. Die Zwangsbefürchtung lautete also, ihrem 
Sinne nach wiederhergestellt: Wenn ich den Wunsch habe, ein e 
Frau nackt zu sehen, muß mein Vater sterben. Der peinliche 
Affekt nimmt deutlich die Färbung des Unheimlichen, Aber- 
gläubischen an und gibt bereits Impulsen den Ursprung, etwas 
zur Abwendung des Unheiles zu tun, wie sie sich in den späteren 
Schutzmaßregeln durchsetzen werden. 

Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung gegen ihn, 
ein (noch nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits zwang- 
hafte) ihr widerstrebende Befürchtung, ein peinlicher Affekt und 
ein Drang zu Abwehrhandlungen; das Inventar der Neurose ist 
vollzählig. Ja, es ist noch etwas anderes vorhanden, eine Art von 
Delir- oder Wahnbildung sonderbaren Inhalts: die Eltern 
wüßten seine Gedanken, weil er sie ausspreche, ohne sie selbst 
zu hören. Wir werden kaum irregehen, wenn wir in diesem 
kindlichen Erklärungsversuch eine Ahnung jener merkwürdigen 
seelischen Vorgänge vernehmen, die wir unbewußte heißen und 
deren wir zur wissenschaftlichen Aufhellung des dunklen Sach- 
verhaltes nicht entraten können. „Ich spreche meine Gedanken 
aus, ohne sie zu hören" klingt wie eine Projektion nach außen 
unserer eigenen Annahme, daß er Gedanken hat, ohne etwas 
von ihnen zu wissen, wie eine endopsychische Wahrnehmung 

des Verdrängten. 

Wir erkennen es nämlich klar: Diese infantile Elementarneu- 
rose hat bereits ihr Problem und ihre scheinbare Absurdität wie 
jede komplizierte Neurose eines Erwachsenen. Was soll es heißen, 
daß der Vater sterben muß, wenn im Kinde jener lüsterne 
Wunsch rege wird? Ist das barer Unsinn, oder gibt es Wege, 
diesen Satz zu verstehen, ihn als notwendiges Ergebnis früherer 
Vorgänge und Voraussetzungen zu erfassen? 

Wenn wir anderswo gewonnene Einsichten auf diesen Fall 
von Kinderneurose anwenden, so müssen wir vermuten, daß 



278 Kranken ge schichten 




auch hier, also vor dem 6. Jahre, traumatische Erlebnisse, 
Konflikte und Verdrängungen vorgefallen sind, die selbst der 
Amnesie verfielen, aber als Residuum diesen Inhalt der Zwangs- 
befürchtung zurückgelassen haben. Wir werden späterhin er- 
fahren, wieweit es uns möglich ist, diese vergessenen Erlebnisse 
wieder aufzufinden oder mit einiger Sicherheit zu konstruieren. 
Unterdes wollen wir noch als ein wahrscheinlich nicht gleich- 
gültiges Zusammentreffen betonen, daß die Kindheitsamnesie 
unserer Patienten gerade mit dem 6. Jahre ihr Ende erreicht. 

Einen derartigen Beginn einer chronischen Zwangsneurose in 
der frühen Kindheit mit solch lüsternen Wünschen, an die un- 
heimliche Erwartungen und Neigung zu Abwehrhandlungen 
geknüpft sind, kenne ich von mehreren anderen Fällen. Er ist 
absolut typisch, wenn auch wahrscheinlich nicht der einzig mög- 
liche Typus. Noch ein Wort über die sexuellen Früherlebnisse 
des Patienten, ehe wir zum Inhalt.' drr zweiten Sitzung über- 
gehen. Man wird sich kaum sträuben, sie als besonders reich- 
haltig und wirkungsvoll zu bezeichnen. So ist es aber auch in 
den andern Fällen von Zwangsneurose, die ich analysieren konnte. 
Der Charakter der vorzeitigen sexuellen Aktivität wird im 
Gegensatze zur Hysterie hier niemals vermißt. Die Zwangsneu- 
rose läßt viel deutlicher als die Hysterie erkennen, daß die 
Momente, welche die Psychoneurose formen, nicht im aktuellen, 
sondern im infantilen Sexualleben zu suchen sind. Das gegen- 
wärtige Sexualleben der Zwangsneurotiker kann dem oberfläch- 
lichen Erforscher oft völlig normal erscheinen 5 es bietet häufig 
weit weniger pathogene Momente und Abnormitäten als gerade 
bei unserem Patienten. 

c) Die große Zwangsbefürchtung 

„Ich denke, heute will ich mit dem Erlebnisse beginnen, 
welches der direkte Anlaß für mich war, Sie aufzusuchen. Es 
war im August während der Waffenübung in **. Ich war vorher 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 27g 

elend und hatte mich mit allerlei Zwangsgedanken gequält, 
die aber während der Übung bald zurücktraten. Es hat mich 
interessiert, den Berufsoffizieren zu zeigen, daß man nicht nur 
etwas gelernt hat, sondern auch etwas aushalten kann. Eines 
Tages machten wir einen kleinen Marsch von * aus. Auf der 
Rast verlor ich meinen Zwicker, und obwohl ich ihn leicht 
hätte finden können, wollte ich doch den Aufbruch nicht ver- 
zögern und verzichtete auf ihn, telegraphierte aber an meinen 
Optiker nach Wien, er solle mir umgehend einen Ersatz schicken. 
Auf derselben Rast nahm ich Platz zwischen zwei Offizieren, 
von denen einer, ein Hauptmann mit tschechischem Namen, für 
mich bedeutungsvoll werden sollte. Ich hatte eine gewisse Angst 
vor dem Manne, denn er liebte offenbar das Grausame. 
Ich will nicht behaupten, daß er schlecht war, aber er war 
während der Offiziersmenage wiederholt für die Einführung der 
Prügelstrafe eingetreten, so daß ich ihm energisch hatte wider- 
sprechen müssen. Auf dieser Rast nun kamen wir ins Gespräch 
und der Hauptmann erzählte, daß er von einer besonders schreck- 
lichen Strafe im Orient gelesen habe . . . 

Hier unterbricht er sich, steht auf und bittet mich, ihm die 
Schilderung der Details zu erlassen. Ich versichere ihm, daß ich 
selbst gar keine Neigung zur Grausamkeit habe, ihn gewiß nicht 
gerne quälen wolle, daß ich ihm natürlich aber nichts schenken 
könne, worüber ich keine Verfügung habe. Ebensogut könne er 
mich bitten, ihm zwei Kometen zu schenken. Die Überwindung 
von Widerständen sei ein Gebot der Kur, über das wir uns un- 
möglich hinwegsetzen könnten. (Den Begriff „Widerstand" hatte 
ich ihm zu Anfang dieser Stunde vorgetragen, als er sagte, er 
habe vieles in sich zu überwinden, wenn er sein Erlebnis mit- 
teilen solle.) Ich fuhr fort: Was ich aber tun könnte, um etwas 
von ihm Angedeutetes voll zu erraten, das solle geschehen. Ob 
er etwa die Pfählung meine? — Nein, das nicht, sondern der 
"Verurteilte werde angebunden — (er drückte sich so undeutlich 



a8o Krankengeschichten 



aus, daß ich nicht sogleich erraten konnte, in welcher Stellung) 
— über sein Gesäß ein Topf gestülpt, in diesen dann Ratten 
eingelassen, die sich — er war wieder aufgestanden und gab 
alle Zeichen des Grausens und Widerstandes von sich — ein- 
bohrten. In den After, durfte ich ergänzen. 

Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt man 
an ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichtsaus- 
druck, den ich nur als Grausen vor seiner ihm selbst un- 
bekannten Lust auflösen kann. Er fährt mit allen Schwierig- 
keiten fort: „In dem Momente durchzuckte mich die Vor- 
stellung, daß dies mit einer mir teuren Person ge- 
schehe." 1 Auf direktes Befragen gibt er an, daß nicht etwa er 
selbst diese Strafe vollziehe, sondern, daß sie unpersönlich an ihr 
vollzogen werde. Nach kurzem Raten weiß ich, daß es die von 
ihm verehrte Dame war, auf die sich jene „Vorstellung" bezog. 

Er unterbricht die Erzählung, um mir zu versichern, wie 
fremd und feindselig sich diese Gedanken ihm gegenüberstellen, 
und mit welch außerordentlicher Raschheit alles in ihm abläuft, 
was sich weiter an sie knüpft. Mit der Idee gleichzeitig ist 
auch stets die „Sanktion" da, d. h. die Abwehrmaßregel, der er 
folgen muß, damit sich eine solche Phantasie nicht erfülle. Als 
der Hauptmann von jener gräßlichen Strafe sprach und jene 
Ideen in ihm aufstiegen, gelang es ihm, sich beider noch mit 
seinen gewöhnlichen Formeln zu erwehren, mit einem „aber", 
das von einer wegwerfenden Handbewegung begleitet ist, und 
mit der Rede „Was fällt dir denn ein". 

Der Plural machte mich stutzig, sowie er auch dem Leser 
unverständlich geblieben sein wird. Wir haben ja bisher nur 
von der einen Idee gehört, daß an der Dame die Rattenstrafe 
vollzogen werde. Nun muß er zugestehen, daß gleichzeitig die 

i) Er sagt: Vorstellung; die stärkere und wichtigere Bezeichnung Wunsch 
respektive Befürchtung ist offenhar durch Zensur gedeckt. Die eigentümliche Un- 
bestimmtheit aller seiner Reden kann ich leider nicht wiedergeben. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 281 

andere Idee in ihm auftauchte, die Strafe treffe auch seinen 
Vater. Da sein Vater vor vielen Jahren gestorben ist, diese 
Zwangsbefürchtung also noch viel unsinniger ist als die erste, ver- 
suchte sie sich noch eine Weile vor dem Eingeständnis zu bergen. 

Am nächsten Abend überreichte ihm derselbe Hauptmann ein 
mit der Post angelangtes Paket und sagte: Der Oberleutnant A. 1 
hat die Nachnahme für dich ausgelegt. Du mußt sie ihm 
zurückgeben. In dem Paket befand sich der telegraphisch be- 
stellte Zwicker. In dem Moment aber gestaltete sich ihm eine 
„Sanktion": Nicht das Geld zurückgeben, sonst geschieht das 
(d. h. die Phantasie von den Ratten verwirkliche sich an Vater 
und Dame). Und nach einem ihm bekannten Typus erhob sich 
sofort zur Bekämpfung dieser Sanktion ein Gebot wie ein Eid- 
schwur: Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 5*80 
zurückgeben, was er beinahe halblaut vor sich hinsagte. 

Zwei Tage später hatte die Waffenübung ihr Ende gefunden. 
Die Zeit bis dahin füllte er mit Bemühungen aus, dem Ober- 
leutnant A. die kleine Summe zurückzustellen, wogegen sich 
immer mehr Schwierigkeiten anscheinend objektiver Natur er- 
hoben. Zunächst versuchte er die Zahlung durch einen andern 
Offizier zu leisten, der zur Post ging, war aber sehr froh, als 
dieser ihm das Geld mit der Erklärung zurückbrachte, er habe 
den Oberleutnant A. nicht auf der Post angetroffen, denn dieser 
Modus der Eiderfüllung befriedigte ihn nicht, weil er dem 
Wortlaute: Du mußt dem Oberleutnant A. das Geld zurück- 
geben, nicht entsprach. Endlich traf er die gesuchte Person A., 
die aber das Geld mit dem Bemerken zurückwies, sie habe 
nichts für ihn ausgelegt, sie habe überhaupt nicht die Post, 
sondern Oberleutnant B. Er war nun sehr betroffen, daß er 
seinen Eid nicht halten könne, weil dessen Voraussetzung falsch 
sei und klügelte sich sehr sonderbare Auskünfte aus: Er werde 
mit beiden Herren A. und B. zur Post gehen, dort werde A. 

1) Die Namen sind hier fast indifferent. 



282 Krankengeschichten 

dem Postfräulein Kronen 5'8o geben, das Postfräulein diese dem 
B., und er werde nach dem Wortlaute des Eides dann dem A. 
die Kronen 5*80 zurückgeben. 

Ich werde mich nicht verwundern, wenn das Verständnis der 
Leser an dieser Stelle versagt, denn auch die ausführliche Dar- 
stellung, die mir der Patient von den äußeren Vorgängen dieser 
Tage und seiner Reaktionen auf sie gab, litt an inneren Wider- 
sprüchen und klang heillos verworren. Erst bei einer dritten 
Erzählung gelang es, ihn zur Einsicht in diese Unklarheiten 
zu bringen, und die Erinnerungstäuschungen und Verschiebungen 
bloßzulegen, in die er sich begeben hatte. Ich erspare mir die 
Wiedergabe dieser Details, von denen wir das Wesentliche bald 
nachholen können, und bemerke noch, daß er sich am Ende 
dieser zweiten. Sitzung wie betäubt, und verworren benahm. Er 
sprach mich wiederholt „Herr Hauptmann" an, wahrscheinlich, 
weil ich zu Eingang der Stunde bemerkt hatte, ich sei selbst 
kein Grausamer wie der Hauptmann M. und habe nicht die 
Absicht ihn unnötigerweise zu quälen. 

Ich erhielt von ihm in dieser Stunde nur noch die Aufklärung, 
daß er von Anfang an, auch bei allen früheren Befürchtungen, 
daß seinen Lieben etwas geschehen werde, diese Strafen nicht 
allem in die Zeitlichkeit, sondern auch in die Ewigkeit, ins Jenseits 
verlegt habe. Er war bis zum 14. oder 15. Jahre sehr gewissen- 
haft religiös gewesen, von wo an er sich bis zu seinem heutigen 
Freidenkertum entwickelt halte. Er gleiche den Widerspruch aus, 
indem er sich sage: Was weißt du vom Leben im Jenseits? Was 
wissen die anderen davon? Man kann ja doch nichts wissen, du 
riskierst ja nichts, also tu 's. Diese Schlußweise hält der sonst so 
scharfsinnige Mann für einwandfrei und nutzt die Unsicherheit 
der Vernunft in dieser Frage solcher Art zugunsten der über- 
wundenen frommen Weltanschauung aus. 

In der dritten Sitzung beendigt er die sehr charakteristische 
Erzählung seiner Bemühungen, den Zwangseid zu erfüllen: Am 




Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 285 



Abende fand die letzte Zusammenkunft der Offiziere vor dem 
Schlüsse der Waffenübung statt. Ihm fiel es zu, für den Toast 
auf die Herren von der Reserve" zu danken. Er sprach gut, 
aber wie im Schlafwandel, denn im Hintergrunde plagte ihn 
immer sein Eid. Die Nacht war entsetzlich; Argumente und 
Gegenargumente bekämpften einander 5 Hauptargument war natür- 
lich daß die Voraussetzung seines Eides, Oberleutnant A. habe 
das Geld für ihn gezahlt, ja nicht zuträfe. Aber er tröstete sich 
damit, daß es ja noch nicht vorüber sei, da A. den morgigen 
Ritt zur Bahnstation P. bis zu einer gewissen Stelle mitmachen 
werde, so daß er Zeit haben werde, ihn um die Gefälligkeit an- 
zusprechen. Er tat es nun nicht, ließ A. abschwenken, gab aber 
doch seinem Burschen den Auftrag, ihm seinen Besuch für den 
Nachmittag anzukündigen. Er selbst gelangte um 7 a io Uhr vor- 
mittags zum Bahnhofe, legte sein Gepäck ab, machte in der 
kleinen Stadt allerlei Besorgungen und nahm sich vor, darauf 
den Besuch bei A. zu machen. Das Dorf, in dem A. stationiert 
war, lag etwa eine Stunde mit dem Wagen von der Stadt P. 
entfernt. Die Eisenbahnfahrt nach dem Orte, wo sich das Postamt 
befand, hätte drei Stunden betragen; so meinte er, es wurde 
noch gerade gelingen, nach Ausführung seines komplizierten Planes 
den von P. nach Wien abgehenden Abendzug zu erreichen. Die 
Ideen, die sich bekämpften, lauteten einerseits: es sei doch eine 
Feigheit von ihm, er wolle sich offenbar nur die Unbequemlichkeit 
ersparen, von A. dieses Opfer zu verlangen und vor ihm als Narr 
dazustehen, und setze sich deshalb über seinen Eid hinweg; 
anderseits: es sei im Gegenteile eine Feigheit, wenn er den Eid 
ausführe, "da er sich dadurch nur Ruhe vor den Zwangsvor- 
stellungen schaffen wolle. Wenn in einer Überlegung die Argumente 
einander so die Wage hielten, so lasse er sich gewöhnlich von 
zufälligen Ereignissen wie von Gottesurteilen treiben. Darum sagte 
er: Ja, als ein Gepäckträger ihn auf dem Bahnhofe fragte: Zum 
Zug um 1 o Uhr, Herr Leutnant?, fuhr um 1 o Uhr ab und 



284 Krankengeschichten 




hatte so ein fait accompli geschaffen, das ihn sehr erleichterte. 
Beim Kondukteur des Speisewagens nahm er noch eine Marke 
für die Table d'hote. In der ersten Station fiel ihm plötzlich ein, 
jetzt könne er noch aussteigen, den Gegenzug abwarten, mit 
diesem nach P. und an den Ort, wo Oberleutnant A. sich aufhielt, 
fahren, mit ihm dann die dreistündige Bahnfahrt zum Postamt 
machen usf. Nur die Rücksicht auf die Zusage, die er dem Kellner 
gegeben, hielt ihn von der Ausführung dieser Absicht ab$ er gab 
sie aber nicht auf, sondern verschob das Aussteigen auf eine 
spätere Station. So schlug er sich von Station zu Station durch, 
bis er zu einer gelangte, in welcher ihm das Aussteigen unmöglich 
erschien, weil er dort Verwandte hatte, und er beschloß nach 
Wien durchzufahren, dort seinen Freund aufzusuchen, ihm die 
Sache vorzutragen und nach dessen Entscheidung noch mit dem 
Nachtzug nach P. zurückzufahren. Meinem Zweifel, ob das zu- 
sammengegangen wäre, begegnet er mit der Versicherung, er 
hätte zwischen der Ankunft des einen und der Abfahrt des 
anderen Zuges eine halbe Stunde frei gehabt. In Wien angelangt, 
traf er den Freund aber nicht in dem Gasthause, wo er ihn zu 
treffen erwartet hatte, kam erst um 1 1 Uhr abends in die 
Wohnung seines Freundes und trug ihm noch in der Nacht seine 
Sache vor. Der Freund schlug die Hände zusammen, daß er noch 
immer zweifeln könne, ob es eine Zwangsvorstellung gewesen 
sei, beruhigte ihn für diese Nacht, so daß er ausgezeichnet schlief, 
und ging mit ihm am nächsten Vormittag zur Post, um die 
Kronen 3*80 — an die Adresse des Postamtes, woselbst das 
Zwickerpaket angekommen war, aufzugeben. 

Letztere Mitteilung gab mir den Anhaltspunkt, die Entstellungen 
seiner Erzählung zu entwirren. Wenn er, durch den Freund zur 
Besinnung gebracht, die kleine Summe nicht an Oberleutnant A. 
und nicht an Oberleutnant B., sondern ans Postamt direkt ab- 
sandte, so mußte er ja wissen und schon bei seiner Abreise gewußt 
haben, daß er niemand anderem als dem Postbeamten die 






Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 285 



Nachnahmegebühr schuldig geblieben sei. Es ergab sich wirklich, 
daß er dies schon vor der Aufforderung des Hauptmanns und 
vor seinem Eide gewußt hatte, denn er erinnerte sich jetzt, daß 
er einige Stunden vor der Begegnung mit dem grausamen Haupt- 
manne Gelegenheit hatte, sich einem andern Hauptmann vor- 
zustellen der ihm den richtigen Sachverhalt mitgeteilt hatte. 
Dieser Offizier erzählte ihm, als er seinen Namen hörte, er sei 
vor kurzem auf dem Postamt gewesen und vom Postfräulein 
befragt worden, ob er einen Leutnant H. (eben unseren Patienten) 
kenne, für den ein Paket mit Nachnahme angekommen sei. Er 
erwiderte verneinend, aber das Fräulein meinte, sie habe Zutrauen 
zu dem unbekannten Leutnant und werde unterdes die Gebühr 
selbst erlegen. Auf diese Weise kam unser Patient in den Besitz 
des von ihm bestellten Zwickers. Der grausame Hauptmann be- 
ging einen Irrtum, als er bei der Einhändigung des Pakets mahnte, 
die Kronen 3-80 dem A. zurückzugeben. Unser Patient mußte 
wissen, daß dies ein Irrtum sei. Trotzdem leistete er den auf 
diesen Irrtum gegründeten Schwur, der ihm zur Qual werden 
mußte. Die Episode des andern Hauptmannes und die Existenz 
des vertrauensvollen Postfräuleins hatte er dabei sich und m der 
Wiedergabe auch mir unterschlagen. Ich gebe zu, daß sein Be- 
nehmen nach dieser Richtigstellung noch unsinniger und unver- 
ständlicher wird als vorher. 

Nachdem er seinen Freund verlassen hatte und zu seiner 
Familie zurückgekehrt war, befielen ihn die Zweifel von neuem. 
Die Argumente seines Freundes seien ja keine anderen gewesen 
als seine eigenen, und er täuschte sich nicht darüber, daß die 
zeitweilige Beruhigung nur auf den persönlichen Einfluß des 
Freundes zurückzuführen war. Der Entschluß, einen Arzt aufzu- 
suchen wurde auf folgende geschickte Art in das Delir verwoben. 
Er werde sich von einem Arzte ein Zeugnis ausstellen lassen, 
daß er eines solchen Aktes, wie er ihn mit Oberleutnant A. aus- 
gedacht, zu seiner Herstellung bedürfe, und dieser werde sich 






286 Krankengeschichten 

durch das Zeugnis gewiß bewegen lassen, die Kronen 5*80 von 
ihm anzunehmen. Der Zufall, der ihm gerade damals ein Buch 
von mir in die Hand spielte, lenkte seine Wahl auf mich. Bei 
mir war aber von jenem Zeugnis nicht die Rede, er forderte 
sehr verständig nur die Befreiung von seinen Zwangsvorstellungen. 
Viele Monate später tauchte auf der Höhe des Widerstandes 
wieder einmal die Versuchung auf, doch nach P. zu fahren, den 
Oberleutnant A. aufzusuchen und mit ihm die Komödie des 
Geldzurückgebens aufzuführen. 

d) Die Einführung ins Verständnis der Kur 

Man erwarte nicht, so bald zu hören, was ich zur Aufhellung 
dieser sonderbar unsinnigen Zwangsvorstellungen (von den Ratten) 
vorzubringen habe ; die richtige psychoanalytische Technik heißt 
den Arzt seine Neugierde unterdrücken und läßt dem Patienten 
die freie Verfügung über die Reihenfolge der Themata in der 
Arbeit. Ich empfing also den Patienten in der vierten Sitzung 
mit der Frage: Wie werden Sie nun fortfahren? 

„Ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, was ich für 
sehr bedeutsam halte und was mich von Anbeginn an quält." 
Er erzählt nun sehr breit die Krankengeschichte seines Vaters, 
der vor 9 Jahren an Emphysem verstarb. Eines Abends fragte 
er in der Meinung, es sei ein krisenhafter Zustand, den Arzt, 
wann die Gefahr als beseitigt gelten könnte. Die Antwort lautete: 
Übermorgen abends. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß der 
Vater diesen Termin nicht erleben könnte. Er legte sich um 
7« 1 2 Uhr nachts für eine Stunde zu Bette, und als er um 1 Uhr 
erwachte, hörte er von einem ärztlichen Freunde, der Vater sei 
gestorben. Er machte sich den Vorwurf, daß er beim Tode nicht 
zugegen gewesen sei, der sich verstärkte, als ihm die Pflegerin 
mitteilte, der Vater habe in den letzten Tagen einmal seinen 
Namen genannt und an sie, als sie zu ihm trat, die Frage ge- 
richtet: Sind Sie der Paul? Er glaubte bemerkt zu haben, daß 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 287 

die Mutter und die Schwestern sich ähnliche Vorwürfe machen 
wollten; sie sprachen aber nicht darüber. Der Vorwurf war aber 
zunächst kein quälender; er realisierte lange Zeit die Tatsache 
seines Todes nicht; es passierte ihm immer wieder, daß er sich, 
wenn er einen guten Witz gehört hatte, sagte: Das muß ich 
dem Vater erzählen. Auch spielte seine Phantasie mit dem Vater, 
so daß er häufig, wenn es an die Türe klopfte, meinte: Jetzt 
kommt der Vater, wenn er ein Zimmer betrat, erwartete, den 
Vater darin zu finden, und wiewohl er die Tatsache seines Todes 
nie vergaß, hatte die Erwartung solcher Geistererscheinung nichts 
Schreckhaftes, sondern etwas höchst Erwünschtes für ihn. Erst 
lV a Jahre später erwachte die Erinnerung an sein Versäumnis 
und begann ihn entsetzlich zu quälen, so daß er sich als Ver- 
brecher behandelte. Veranlassung war der Tod einer angeheirateten 
Tante und sein Besuch im Trauerhause. Von da an fügte ei- 
sernem Gedankengebäude die Fortsetzung ins Jenseits an. Sclrwere_ 
Arbeitsunfähigkeit war die nächste Folge dieses Anfalles. 1 Da er 
erzählt, nur die Tröstungen seines Freundes hätten ihn damals 
aufrecht gehalten, der diese Vorwürfe immer als arg übertrieben 
zurückgewiesen, bediene ich mich dieses Anlasses, um ihm den 
ersten Einblick in die Voraussetzungen der psychoanalytischen 
Therapie zu geben. Wenn eine Mesalliance zwischen Vorstellungs- ; 
inhalt und Affekt, also zwischen Größe des Vorwurfs und Anlaß j 
des Vorwurfs vorliegt, so würde der Laie sagen, der Affekt sei 
zu groß für den Anlaß, also übertrieben, die aus dem Vorwurfe 
gezogene Folgerung, ein Verbrecher zu sein, sei also falsch. Der 
Arzt sagt im Gegenteile: Nein, der Affekt ist berechtigt, das 
Schuldbewußtsein ist nicht weiter zu kritisieren, aber es gehört 



1) Ein Verständnis dieser Einwirkung: ergibt sich später aus der genaueren Be- 
schreibung des Anlasses. Der verwitwete Onkel hatte jammernd ausgerufen: „Andere 
Männer vergönnen sich alles mögliche, und ich habe nur für diese Frau gelebt!" 
Unser Patient nahm an, der Onkel spiele auf den Vater an und verdächtige dessen 
eheliche Treue, und obwohl der Onkel diese Deutung seiner Worte aufs entschiedenste 
bestritt, war deren Wirkung nicht mehr aufzuheben. 



288 Krankengeschichten 



V 



zu einem andern Inhalte, der nicht bekannt (unbewußt) ist 
und der erst gesucht werden muß. Der bekannte Vorstellungs- 
inhalt ist nur durch falsche Verknüpfung an diese Stelle geraten. 
Wir sind aber nicht gewohnt, starke Affekte ohne Vorstellungs- 
inhalt in uns zu verspüren, und nehmen daher bei fehlendem 
Inhalt einen irgendwie passenden anderen als Surrogat auf, etwa 
wie unsere Polizei, wenn sie den richtigen Mörder nicht erwischen 
kann, einen unrechten an seiner Stelle verhaftet. Die Tatsache 
der falschen Verknüpfung erklärt auch allein die Ohnmacht der 
logischen Arbeit gegen die peinigende Vorstellung. Ich schließe 
dann mit dem Zugeständnisse, daß sich aus dieser neuen Auf- 
fassung zunächst große Rätsel ableiten, denn wie solle er seinem 
Vorwurf, ein Verbrecher gegen den Vater zu sein, recht geben, 
wenn er doch wissen müsse, daß er eigentlich nie etwas Ver- 
brecherisches gegen ihn begangen habe. 

Er zeigt dann in der nächsten Sitzung großes Interesse für 
meine Darlegungen, gestattet sich aber einige Zweifel vorzu- 
bringen: Wie eigentlich die Mitteilung, daß der Vorwurf, das 
Schuldbewußtsein, recht habe, heilend wirken könne? — 
Nicht diese Mitteilung hat die Wirkung, sondern die Auffindung 
des unbekannten Inhaltes, zu dem der Vorwurf gehört. — Ja, 
gerade darauf beziehe sich seine Frage. — Ich erläutere meine 
kurzen Angaben über die psychologischen Unterschiede des 
Bewußten vom Unbewußten, über die Usur, der alles Be- 
wußte unterliegt, während das Unbewußte relativ unveränderlich 
ist, durch einen Hinweis auf die in meinem Zimmer aufge- 
stellten Antiquitäten. Es seien eigentlich nur Grabfunde, die 
Verschüttung habe für sie die Erhaltung bedeutet. Pompeji gehe 
erst jetzt zugrunde, seitdem es aufgedeckt sei. — Ob es eine 
Garantie gebe, fragt er weiter, wie man sich gegen das Ge- 
fundene verhalten werde. Der eine, meint er, wohl so, daß er 
dann den Vorwurf überwinde, der andere aber nicht. — Nein, 
es liege in der Natur der Verhältnisse, daß der Affekt dann 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 



289 



jedesmal meist schon während der Arbeit überwunden werde. 
Pompeji bestrebe man sich eben zu erhalten, solche peinigende 
Ideen wolle man durchaus los werden. — Er habe sich gesagt, 
ein Vorwurf kann ja nur durch Verletzung der eigensten per- 
sönlichen Sittengesetze, nicht der äußerlichen, entstehen. (Ich 
bestätige, wer bloß die verletzt, fühle sich ja oft als Held.) Ein 
solcher Vorgang sei also nur möglich bei einem Zerfalle der 
Persönlichkeit, der von Anfang an gegeben sei. Ob er die 
Einheit der Persönlichkeit wiedergewinnen werde? In diesem 
Falle getraue er sich vieles zu leisten, vielleicht mehr als 
andere. — Ich darauf: Ich sei mit dieser Spaltung der Persön- 
lichkeit durchaus einverstanden, er möge diesen neuen Gegen- 
satz zwischen der sittlichen Person und dem Bösen nur mit dem 
vorigen, dem Gegensatze zwischen Bewußtem und Unbewußtem, 
zusammenlöten. Die sittliche Person sei das Bewußte, das Böse 
unbewußt. 1 — Er könne sich erinnern, daß er, obwohl er sich 
für eine sittliche Person halte, doch ganz bestimmt in seiner 
Kindheit Dinge getan habe, die von der andern Person aus- 
gegangen seien. — Ich meine, er habe da so nebenbei einen 
Hauptcharakter des Unbewußten entdeckt, die Beziehung zum 
Infantilen. Das Unbewußte sei das Infantile, und zwar jenes 
Stück der Person, r das sich damals von ihr abgesondert, die 
weitere Entwicklung nicht mitgemacht habe und darum ver- 
drängt worden sei. Die Abkömmlinge dieses verdrängten Un- 
bewußten seien die Elemente, welche das unwillkürliche Denken 
unterhalten, in dem sein Leiden bestehe. Er könne jetzt noch einen 
Charakter des Unbewußten entdecken ; das wolle ich ihm gerne über- 
lassen. — Er findet direkt nichts Weiteres, dafür äußert er den 
Zweifel, ob so lange bestehende Veränderungen rückgängig zu 
machen seien. Was wolle man speziell gegen die Idee vom Jenseits 
tun, die doch logisch nicht widerlegt werden könne? — Ich 



1) Das ist alles zwar nur im gröbsten richtig, reicht aber zur Einführung 



zu- 



nächst hin. 
Freud, VIII. 



19 



s9o Krankengeschichten 



bestreite die Schwere seines Falles und die Bedeutung seiner Kon- 
struktionen nicht, aber sein Alter sei ein sehr günstiges, und 
günstig sei auch die Intaktheit seiner Persönlichkeit, wobei ich ein 
anerkennendes Urteil über ihn ausspreche, das ihn sichtlich erfreut. 
In der nächsten Sitzung beginnt er, er müsse etwas Tatsäch- 
liches aus seiner Kindheit erzählen. Nach 7 Jahren hatte er, wie 
schon erzählt, die Angst, daß die Eltern seine Gedanken erraten, 
die ihm eigentlich durch das weitere Leben verblieben sei. Mit 
1 2 Jahren liebte er ein kleines Mädchen, Schwester eines 
Freundes (auf Befragen: nicht sinnlich, er wollte sie nicht nackt 
sehen, sie war zu klein), die aber mit ihm nicht so zärtlich war, 
wie er es wünschte. Und da kam ihm die Idee, daß sie liebe- 
voll mit ihm sein würde, wenn ihn ein Unglück träfe; als 
solches drängte sich ihm der Tod des Vaters auf. Er wies diese 
Idee sofort energisch zurück, wehrt sich auch jetzt gegen die 
Möglichkeit, es könne sich ein „Wunsch" so geäußert haben. 
Es war eben nur eine „Denkverbindung". 1 — Ich wende ein: 
wenn es kein Wunsch war, wozu das Sträuben? — Ja, nur 
wegen des Inhaltes der Vorstellung, daß der Vater sterben 
könne. — Ich: Er behandle diesen Wortlaut wie den einer 
Majestätsbeleidigung, wobei es bekanntlich ebenso bestraft wird, 
wenn jemand sagt: Der Kaiser ist ein Esel, wie wenn er diese 

verpönten Worte einkleidet: Wenn jemand sagt , so 

hat er es mit mir zu tun. Ich könnte ihm ohne weiteres den 
Vorstellungsinhalt, gegen den er sich so sträubte, in einen Zu- 
sammenhang bringen, der dies Sträuben ausschließen würde; 
z. B.: Wenn mein Vater stirbt, töte ich mich auf seinem Grabe. 
— Er ist erschüttert, ohne seinen Widerspruch aufzugeben, so 
daß ich den Streit mit der Bemerkung abbreche, die Idee vom 
Tode des Vaters sei ja in diesem Falle nicht zum ersten Male 
aufgetreten, sie stamme offenbar von früher her, und wir würden 

1) Mit solchen Wortabschwächungen gibt sich nicht allein der Zwangsneurotiker 

zufrieden. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 201 

ihrer Herkunft einmal nachspüren müssen. — Er erzählt weiter 
ein zweites Mal sei ihm ein ganz ähnlicher Gedanke blitzähnlich 
ein halbes Jahr vor dem Tode des Vaters gekommen. Er war 
bereits in jene Dame verliebt, 1 konnte aber wegen materieller 
Hindernisse nicht an eine Verbindung denken. Da habe die Idee 
gelautet: Durch den Tod des Vaters werde er vielleicht 
so reich werden, daß er sie heiraten könne. In seiner Ab- 
wehr ging er dann so weit, daß er wünschte, der Vater solle 
gar nichts hinterlassen, damit kein Gewinn diesen für ihn ent- 
setzlichen Verlust kompensiere. Ein drittes Mal kam dieselbe Idee, 
aber sehr gemildert, am Tage vor dem Tode des Vaters. Er 
dachte: Ich kann jetzt mein Liebstes verlieren und dagegen kam 
der Widerspruch: Nein, es gibt noch eine andere Person, deren 
Verlust dir noch schmerzlicher wäre. 2 Er verwundere sich sehr 
über diese Gedanken, da er ja ganz sicher sei, der Tod des 
Vaters könne nie Gegenstand seines Wunsches gewesen sein, 
immer nur einer Befürchtung. — Nach dieser mit voller Stärke 
ausgesprochenen Rede halte ich es für zweckmäßig, ihm ein 
neues Stückchen der Theorie vorzuführen. Die Theorie behaupte, 
daß solche Angst einem ehemaligen, nun verdrängten Wunsch a 

entspreche, so daß man das gerade Gegenteil von seiner Be- 
teuerung annehmen müsse. Es stimmt dies auch zur Forderung, 
daß das unbewußte der kontradiktorische Gegensatz des Bewußten 
sein solle. Er ist sehr bewegt, sehr ungläubig und wundert sich, 
wie dieser Wunsch bei ihm möglich gewesen sein solle, wenn 
ihm der Vater doch der liebste aller Menschen war. Es leide 
keinen Zweifel, daß er auf jedes persönliche Glück verzichtet 
hätte, wenn er dadurch des Vaters Leben hätte retten können. 
Ich antworte, gerade diese intensive Liebe sei die Bedingung des 
verdrängten Hasses. Bei indifferenten Personen werde es ihm 

1) Vor lehn Jahren. 

2) Ein Gegensatz zwischen den beiden geliebten Personen, Vater und „Dame", 
ist hier unverkennbar angezeigt. 

19* 



2g2 Krankengeschichten 



OlK 



gewiß leicht gelingen, die Motive zu einer mäßigen Neigung 
und ebensolchen Abneigung nebeneinander zu halten, etwa wenn 
er Beamter sei und von seinem Bureauchef denke, er sei ein 
angenehmer Vorgesetzter, aber ein kleinlicher Jurist und in- 
humaner Richter. Ähnlich sage doch Brutus über Cäsar bei 
Shakespeare (III, 2): „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um 
ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, 
ehr' ich ihn 5 aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn." 
Und diese Rede wirke bereits befremdend, weil wir uns des 
Brutus Affektion für Cäsar intensiver vorgestellt haben. Bei einer 
Person, die ihm näher stehe, seiner Frau etwa, werde er das 
Bestreben nach einer einheitlichen Empfindung haben und darum, 
wie allgemein menschlich, ihre Fehler, die seine Abneigung 
hervorrufen könnten, vernachlässigen, wie verblendet übersehen. 
Also gerade die große Liebe lasse es nicht zu, daß der Haß 
(karikiert so bezeichnet), der wohl irgend eine Quelle haben 
müsse, bewußt bleibe. Ein Problem sei es allerdings, woher 
dieser Haß stamme; seine Aussagen deuteten selbst auf die Zeit 
hin, in welcher er gefürchtet, daß die Eltern seine Gedanken 
erraten. Anderseits könne man auch fragen, warum die große 
Liebe nicht den Haß habe auslöschen können, wie man es so 
von gegensätzliehen Regungen gewohnt sei. Man könne nur an- 
nehmen, daß der Haß doch mit einer Quelle, einem Anlaß in 
einer Verbindung stehe, die ihn unzerstörbar mache. Also einer- 
seits schütze ein solcher Zusammenhang den Haß gegen den 
Vater vor dem Untergange, anderseits hindere die große Liebe 
ihn am Bewußtwerden, so daß ihm eben nur die Existenz im 
Unbewußten übrig bleibe, aus der er sich doch in einzelnen 
Momenten blitzähnlich verdrängen könne. 

Er gibt zu, daß dies alles ganz plausibel anzuhören ist, hat 
aber natürlich keine Spur von Überzeugung. 1 Er möchte sich 

1) Es ist niemals die Absicht solcher Diskussionen, Überzeugung hervorzurufen. 
Sie sollen nur die verdrängten Komplexe ins Bewußtsein einführen, den Streit un» 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 293 

die Frage erlauben, wie es zugehe, daß eine solche Idee Pausen 
machen könne, mit 12 Jahren für einen Moment komme, dann 
mit 20 Jahren wieder und zwei Jahre später von neuem, um 
von da an anzuhalten. Er könne doch nicht glauben, daß in- 
zwischen die Feindseligkeit erloschen gewesen sei, und doch habe 
sich in den Pausen nichts von Vorwürfen gezeigt. Ich darauf: 
Wenn jemand so eine Frage stellt, so hat er auch schon die 
Antwort bereit. Man braucht ihn nur weitersprechen zu lassen. 
Er setzt nun in anscheinend lockerem Zusammenhange fort: Er 
sei der beste Freund des Vaters gewesen, wie dieser seiner; bis 
auf wenige Gebiete, auf denen Vater und Sohn einander auszu- 
weichen pflegen (was meint er wohl?), sei die Intimität zwischen 
ihnen größer gewesen als jetzt mit seinem besten Freunde. Jene 
Dame, um deren wegen er den Vater in der Idee zurückgesetzt, 
habe er zwar sehr geliebt, aber eigentlich sinnliche Wünsche, 
wie sie seine Kindheit erfüllten, hätten sich in Bezug auf sie nie 
geregt; seine sinnlichen Regungen seien in der Kindheit über- 
haupt viel stärker gewesen als zur Zeit der Pubertät. Jxh 
meine nun, er habe jetzt die Antwort gegeben, auf die wir 
warteten, und gleichzeitig den dritten großen Charakter des Un- 
bewußten aufgefunden. Die Quelle, aus welcher die Feindseligkeit 
gegen den Vater ihre Unzerstörbarkeit beziehe, sei offenbar von 
der Natur sinnlicher Begierden, dabei habe er den Vater 
irgendwie als störend empfunden. Ein solcher Konflikt zwischen 
Sinnlicheit und Kindesliebe sei ein durchaus typischer. Die Pausen 
habe es bei ihm gegeben, weil infolge der vorzeitigen Explosion 
seiner Sinnlichkeit zunächst eine so erhebliche Dämpfung der- 
selben eingetreten sei. Erst als sich wieder intensive verliebte 
Wünsche bei ihm eingestellt hätten, sei diese Feindseligkeit aus 
der analogen Situation heraus wieder aufgetreten. Ich lasse mir 

sie auf den Boden bewußter Seelentätigkeit anfachen und das Auftauchen neuen 
Materials aus dem Unbewußten erleichtern. Die Überzeugung stellt sich erst nach 
der Bearbeitung des wiedergewonnenen Materials durch den Kranken her, und so- 
lange sie schwankend ist, darf man das Material als nicht erschöpft beurteilen. 



294 Krankengeschichten 



übrigens von ihm bestätigen, daß ich ihn weder auf das infantile 
noch auf das sexuelle Thema gelenkt habe, sondern daß er selb- 
ständig auf beide gekommen sei. — Er fragt nun weiter, warum 
er nicht zur Zeit der Verliebtheit in die Dame einfach bei sich 
die Entscheidung gefallt, die Störung dieser Liebe durch den 
Vater könne gegen seine Liebe zum Vater nicht in Betracht 
kommen. — Ich antwortete: Es ist schwer möglich, jemand in 
absentia zu erschlagen. Um jene Entscheidung zu ermöglichen, 
hätte ihm der beanständete Wunsch damals zum ersten Male 
kommen müssen; es war aber ein altverdrängter, gegen den 
er sich nicht anders benehmen konnte als vorher, und der darum 
der Vernichtung entzogen blieb. Der Wunsch (den Vater als 
Störer zu beseitigen) müßte in Zeiten entstanden sein, in denen 
die Verhältnisse ganz anders lagen, etwa daß er den Vater damals 
nicht stärker liebte als die sinnlich begehrte Person, oder daß 
er einer klaren Entscheidung nicht fähig war, also in sehr früher 
Kindheit, vor 6 Jahren, ehe seine kontinuierliche Erinnerung 
einsetzte, und das sei eben für alle Zeiten so geblieben. — Mit 
dieser Konstruktion schließt die Erörterung vorläufig ab. 

In der nächsten, der siebenten Sitzung, greift er dasselbe Thema 
wieder auf. Er könne nicht glauben, daß er je den Wunsch 
gegen den Vater gehabt habe. Er erinnere sich einer Novelle 
von Sudermann, die ihm einen tiefen Eindruck gemacht, in 
welcher eine Schwester am Krankenbette der andern diesen 
Todeswunsch gegen sie verspüre, um deren Mann heiraten zu 
können. Sie töte sich dann, weil sie nach solcher Gemeinheit 
nicht verdiene zu leben. Er verstehe das, und es sei ihm ganz 
recht, wenn er an seinen Gedanken zugrunde gehe, denn er 
verdiene es nicht anders. 1 Ich bemerke, es sei uns wohl bekannt, 
daß den Kranken ihr Leiden eine gewisse Befriedigung gewähre, 

1) Dies Schuldbewußtsein enthält den offenbarsten Widerspruch gegen sein an- 
fängliches Nein, er habe den bösen Wunsch gegen den Vater nie gehabt. Es ist ein 
häufiger Typus in der Reaktion gegen das bekannt gewordene Verdrängte, daß sich 
an das erste Nein der Ablehnung alsbald die zunächst indirekte Bestätigung anschließt. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 295 

so daß sie sich eigentlich alle partiell sträuben, gesund zu werden. 
Er möge nicht aus den Augen verlieren, daß eine Behandlung 
wie die unserige unter beständigem Widerstände vor sich 
gehe; ich werde ihn immer wieder daran erinnern. 

Er will jetzt von einer verbrecherischen Handlung sprechen, 
in der er sich nicht erkenne, an die er sich aber ganz bestimmt 
erinnere. Er zitiert ein Wort von Nietzsche: „Das habe ich 
getan," sagt mein Gedächtnis, „das kann ich nicht getan 
haben" — sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. End- 
lich — gibt das Gedächtnis nach. 2 „Darin hat also mein 
Gedächtnis nicht nachgegeben." — Eben weil Sie zur Selbst- 
bestrafung aus Ihren Vorwürfen Lust ziehen. — „Mit meinem 
jüngeren Bruder — ich bin ihm jetzt wirklich gut, er bereitet 
mir gerade große Sorge, indem er eine Heirat machen will, die 
ich für einen Unsinn halte; ich hab' schon die Idee gehabt, 
hinzureisen und die Person umzubringen, damit er sie nicht 
heiraten kann — habe ich als Kind viel gerauft. Daneben hatten 
wir einander sehr lieb und waren unzertrennlich, aber mich 
beherrschte offenbar Eifersucht, denn er war der stärkere, schönere 
und darum beliebtere." — Sie haben ja schon eine solche Eifer- 
suchtsszene mit Fräulein Lina mitgeteilt. — „Also nach einer 
solchen Gelegenheit, gewiß vor 8 Jahren, denn ich ging noch 
nicht in die Schule, in die ich mit 8 Jahren gekommen bin, 
tat ich folgendes: Wir hatten Kindergewehre von der bekannten 
Konstruktion; ich lud meines mit dem Ladstock, sagte ihm, er 
solle in den Lauf hineinschauen, er werde etwas sehen, und als 
er hineinschaute, drückte ich los. Es traf ihn auf die Stirne und 
machte ihm nichts, aber es war meine Absicht gewesen, ihm 
sehr wehe zu tun. Ich war dann ganz außer mir, warf mich 
auf den Boden und fragte mich: Wie habe ich das nur tun 
können? — Aber ich habe es getan." — Ich benutze die Ge- 
legenheit, um für meine Sache zu plaidieren. Wenn er eine 

2) Jenseits von Gut und Böse, IV, 68. 



sg6 



Krankengeschichten 



solche, ihm so fremde Tat im Gedächtnis bewahrt habe, so könne 
er doch nicht die Möglichkeit in Abrede stellen, daß in noch 
früheren Jahren etwas Ähnliches, was er heute nicht mehr 
erinnere, gegen den Vater vorgekommen sei. — Er wisse noch 
von anderen Regungen der Rachsucht gegen jene Dame, die er 
so sehr verehre, und von deren Charakter er eine begeisterte 
Schilderung gibt. Sie könne vielleicht nicht leicht lieben, sie spare 
sich ganz für den einen auf, dem sie einmal angehören werde $ 
ihn liebe sie nicht. Als er dessen sicher wurde, gestaltete sich 
ihm eine bewußte Phantasie, er werde sehr reich werden, eine 
andere heiraten und dann mit ihr einen Besuch bei der Dame 
machen, um sie zu kränken. Aber da versagte ihm die Phantasie, 
denn er mußte sich eingestehen, daß ihm die andere, die Frau, 
ganz gleichgültig sei, seine Gedanken verwirrten sich und am 
Ende wurde ihm klar, daß diese andere sterben solle. Auch in 
dieser Phantasie findet er, wie in dem Anschlag gegen den Bruder, 
den Charakter der Feigheit, der ihm so entsetzlich ist.' — Im 
weiteren Gespräche mit ihm mache ich geltend, daß er sich ja 
logischerweise für ganz unverantwortlich für alle diese Charakter- 
züge erklären müsse, denn all diese verwerflichen Regungen 
stammten aus dem Kinderleben, entsprächen den im Unbewußten 
fortlebenden Abkömmlingen des Kindercharakters, und er wisse 
doch, daß für das Kind die ethische Verantwortlichkeit nicht gelten 
könne. Aus der Summe der Anlagen des Kindes entstehe der 
ethisch verantwortliche Mensch erst im Laufe der Entwicklung. 9 
Er bezweifelt aber, daß alle seine bösen Regungen von dieser Her- 
kunft sind. Ich verspreche, es ihm im Laufe der Kur zu beweisen. 
Er führt noch an, daß sich die Krankheit seit dem Tode des 
Vaters so enorm gesteigert hat, und ich gebe ihm insofern recht, 

1) Was späterhin seine Erklärung finden soll. 

2) Ich bringe diese Argumente nur vor, um mir wieder von neuem bestätigen zu 
lassen, wie ohnmächtig sie sind. Ich kann es nicht begreifen, wenn andere Psycho- 
therapeuten berichten, daß sie mit solchen Waffen die Neurosen erfolgreich bekämpfen. 






Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 29? 

als ich die Trauer um den Vater als Hauptquelle der Krank- 
heitsintensität anerkenne. Die Trauer hat in der Krankheit 
gleichsam einen pathologischen Ausdruck gefunden. Während eine 
normale Trauer in 1 bis 2 Jahren ihren Ablauf erreicht, ist eine 
pathologische wie seine in ihrer Dauer unbegrenzt. 

Soweit reicht, was ich aus dieser Krankengeschichte ausführlich 
und in der Reihenfolge erzählen kann. Es deckt sich ungefähr 
mit der Exposition der über 1 1 Monate verlaufenden Behandlung. 

e) Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung 

Zwangsvorstellungen erscheinen bekanntlich entweder unmoti- 
viert oder unsinnig, ganz wie der Wortlaut unserer nächtlichen 
Träume, und die nächste Aufgabe, die sie stellen, geht dahin, 
ihnen Sinn und Halt im Seelenleben des Individuums zu geben, 
so daß sie verständlich, ja eigentlich selbstverständlich werden. 
Man lasse sich in dieser Aufgabe der Übersetzung niemals durch 
den Anschein der Unlösbarkeit beirren; die tollsten oder absonder- 
lichsten Zwangsideen lassen sich durch gebührende Vertiefung 
lösen. Zu dieser Lösung gelangt man aber, wenn man die Zw angs- 
ideen in zeitlichen Zusammenhang mit dem Erleben des Patienten 
bringt, also indem man erforscht, wann die einzelne Zwangsidee 
zuerst aufgetreten ist, und unter welchen äußeren Umständen 
sie sich zu wiederholen pflegt. Bei Zwangsideen, die es, wie so 
häufig, zu keiner Dauerexistenz gebracht haben, vereinfacht sich 
dementsprechend auch die Lösungsarbeit. Man kann sich leicht 
überzeugen, daß nach der Aufdeckung des Zusammenhanges der 
Zwangsidee mit dem Erleben des Kranken alles andere Rätsel- 
hafte und Wissenswerte an dem pathologischen Gebilde, seine 
Bedeutung, der Mechanismus seiner Entstehung, seine Abkunft 
von den maßgebenden psychischen Triebkräften unserer Einsicht 
leicht zugänglich wird. 

Ich beginne mit einem besonders durchsichtigen Beispiel des 
bei unserem Patienten so häufigen Selbstmordimpulses, welches 



/' " 



Ow-v-v 




298 Krankengeschichten 




sich in der Darstellung beinahe von selbst analysiert: Er verlor 
einige Wochen im Studium infolge der Abwesenheit seiner Dame, 
welche abgereist war, um ihre schwer erkrankte Großmutter zu 
pflegen. „Mitten im eifrigsten Studium fiel ihm da ein: Das 
Gebot, sich den ersten möglichen Prüfungstermin im Semester 
zu nehmen, könne man sich ja gefallen lassen. Wie aber, wenn 
dir das Gebot käme, dir den Hals mit dem Rasiermesser abzu- 
schneiden? Er merkte sofort, daß dieses Gebot bereits erflossen 
war, eilte zum Schrank, um das Rasiermesser zu holen, da fiel 
ihm ein: Nein, so einfach ist das nicht. Du mußt 1 hinreisen und 
die alte Frau umbringen. Da fiel er vor Entsetzen auf den Boden. 

Der Zusammenhang dieser Zwangsidee mit dem Leben ist hier 
im Eingange des Berichtes enthalten. Seine Dame war abwesend, 
während er angestrengt für eine Prüfung studierte, um die Ver- 
bindung mit ihr eher zu ermöglichen. Da überfiel ihn während 
des Studiums die Sehnsucht nach der Abwesenden und der 
Gedanke an den Grund ihrer Abwesenheit. Und nun kam etwas, 
was bei einem normalen Menschen etwa eine unmutige Regung 
gegen die Großmutter gewesen wäre: Muß die alte Frau gerade 
jetzt krank werden, wo ich mich nach ihr so schrecklich sehne! 
Etwas Ähnliches, aber weit Intensiveres muß man nun bei 
unserem Patienten supponieren, einen unbewußten Wutanfall, 
der sich gleichzeitig mit der Sehnsucht in den Ausruf kleiden 
könnte: Oh, ich möchte hinreisen und die alte Frau umbringen, 
die mich meiner Geliebten beraubt! Darauf folgt das Gebot: 
Bring dich selbst um, als Selbstbestrafung für solche Wut- und 
Mordgelüste, und der ganze Vorgang tritt unter heftigstem Affekt^ 
i:: umgekehrter Reihenfolge das Strafgebot voran, am 

Ende die Erwähnung des strafbaren Gelüstes — in das Bewußt- 
sein des Zwangskranken. Ich glaube nicht, daß dieser Erklärungs- 
versuch gezwungen erscheinen kann oder viel hypothetische 
Elemente aufgenommen hat. 

1) Ich ergänze hier: „vorher". 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 299 

Ein anderer, länger anhaltender Impuls zum gleichsam in- 
direkten Selbstmord war nicht so leicht aufzuklären, weil er seine 
Beziehung zum Erleben hinter einer der äußerlichen Assoziationen, 
wie sie unserem Bewußtsein so sehr anstößig erscheinen, ver- 
bergen konnte. Eines Tages kam ihm im Sommeraufenthalte 
plötzlich die Idee, er sei zu dick, er müsse abmagern. Er be- 
gann nun, noch vor der Mehlspeise vom Tische aufzustehen, 
ohne Hut in der Sonnenglut des Augusts auf die Straße zu 
rennen und dann im Laufschritt auf die Berge zu steigen, bis er 
schweißüberströmt Halt machen mußte. Hinter dieser Abmagerungs- 
sucht kam auch die Selbstmordabsicht einmal unverhüllt zum 
Vorschein, als ihm auf einem scharfen Abhang plötzlich das 
Gebot laut wurde, da herunterzuspringen, was sicherer Tod ge- 
wesen wäre. Die Lösung dieses unsinnigen Zwangshandelns ergab 
sich unserem Patienten erst, als ihm plötzlich einfiel, zu jener 
Zeit sei auch die geliebte Dame in dem Sommeraufenthalte ge- 
wesen, aber in Begleitung eines englischen Vetters, der sich sehr 
um sie bemühte, und auf den er sehr eifersüchtig war. Der 
Vetter hieß Richard und wurde, wie in England allgemein 
üblich, Dick~genannt. Diesen Dick wollte er nun umbringen, 
er war auf ihn viel eifersüchtiger und wütender, als er sich ein- 
gestehen konnte, und darum legte er sich zur Selbstbestrafung 
die Pein jener Abmagerungskur auf. So verschieden dieser Zwangs- 
impuls auch vom vorigen direkten Selbstmordgebot zu sein scheint, 
ein bedeutsamer Zug ist den beiden gemeinsam, die Entstehung 
als Reaktion auf eine ungeheure, vom Bewußtsein nicht zu er- 
fassende Wut gegen eine Person, die als Störerin der Liebe auftritt. 1 



1) Die Verwendung von Namen und Worten zur Herstellung der Verknüpfung 
zwischen den unbewußten Gedanken (Regungen, Phantasien) und den Symptomen 
trescliieht bei der Zwangsneurose lange nicht so häufig und so rücksichtslos wie bei 
Hysterie. Doch habe ich gerade für den Namen Richard ein anderes Beispiel bei 
einem vor langer Zeit analysierten Kranken in Erinnerung. Nach einem Zwiste mit 
seinem Bruder begann er zu grübeln, wie er sich seines Reichtums entledigen könne, 
er wolle nichts mehr mit Geld zu tiui haben usf. Sein Bruder hieß Richard (richard 
im französischen: ein Reicher). 



3°° 



Krankengesch ich ten 




Andere Zwangsvorstellungen, wiederum nach der Geliebten 
orientiert, lassen doch anderen Mechanismus und andere Trieb- 
abkunft erkennen. Zur Zeit der Anwesenheit seiner Dame in 
seinem Sommeraufenthalte produzierte er außer jener Abmagerungs- 
sucht eine ganze Reihe von Zwangstätigkeiten, die sich wenigstens 
teilweise direkt auf ihre Person bezogen. Als er einmal mit ihr 
auf einem Schiffe fuhr, während ein scharfer Wind ging, mußte 
er sie nötigen, seine Kappe aufzusetzen, weil sich bei ihm das 
Gebot gebildet hatte, es dürfe ihr nichts geschehen. 1 Es war 
eine Art von Schutzzwang, der auch andere Blüten trieb. Ein 
andermal stellte sich bei ihm während eines Zusammenseins im 
Gewitter der Zwang ein, zwischen Blitz und Donner bis 40 oder 
50 gezählt zu haben, wofür ihm jedes Verständnis abging. Am 
Tage, als sie abreiste, stieß er mit dem Fuße gegen einen auf 
der Straße liegenden Stein und mußte ihn nun auf die Seite 
räumen, weil ihm die Idee kam, in einigen Stunden werde ihr 
Wagen auf derselben Straße fahren und vielleicht an diesem Stein 
zu Schaden kommen, aber einige Minuten später fiel ihm ein, 
das sei doch ein Unsinn, und er mußte nun zurückgehen und 
den Stein wieder an seine frühere Stelle mitten auf der Straße 
legen. Nach ihrer Abreise bemächtigte sich seiner ein Versteh- 
zwang, der ihn allen den Seinigen unausstehlich machte. Er 
nötigte sich, jede Silbe, die irgend jemand zu ihm sprach, genau 
zu verstehen, als ob ihm sonst ein großer Schatz entginge. So 
fragte er immer: Was hast du jetzt gesagt? Und wenn man es 
ihm wiederholte, meinte er, es habe doch das erste Mal anders 
gelautet, und blieb unbefriedigt. 

Alle diese Erzeugnisse der Krankheit hängen von einer Be- 
gebenheit ab, welche damals sein Verhältnis zur Geliebten domi- 
nierte. Als er sich vor dem Sommer von ihr in Wien verabschiedete, 
legte er eine ihrer Reden so aus, als ob sie ihn vor der anwesenden 
Gesellschaft verleugnen wollte, und war darüber sehr unglücklich. 

>) Zu ergänzen: woran er Schuld haben könnte. 






Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 501 

Im Sommeraufenthalte gab es Gelegenheit zur Aussprache, und 
da konnte die Dame ihm nachweisen, daß sie mit jenen von ihm 
mißverstandenen Worten ihn vielmehr vor Lächerlichkeit be- 
wahren wollte. Er war nun wiederum sehr glücklich. Den deut- 
lichsten Hinweis auf diesen Vorfall enthält der Verstehzwang, der 
so gebildet ist, als ob er sich gesagt hätte: Nach dieser Erfahrung 
darfst du jetzt nie wieder jemanden mißverstehen, wenn du dir 
überflüssige Pein ersparen willst. Aber dieser Vorsatz ist nicht 
nur von dem einen Anlaß her verallgemeinert, er ist auch — 
vielleicht wegen der Abwesenheit der Geliebten — von ihrer 
hochgeschätzten Person auf alle anderen minderwertigen Personen 
verschoben. Der Zwang kann auch nicht allein aus der Befriedigung 
über die von ihr empfangene Aufklärung hervorgegangen sein, 
er muß noch etwas anderes ausdrücken, denn er läuft ja in den 
unbefriedigenden Zweifel an der Wiedergabe des Gehörten aus. 
Die anderen Zwangsgebote leiten auf die Spur dieses andern 
Elementes. Der Schutzzwang kann nichts anderes bedeuten als X ) 
die Reaktion — Reue und Buße — gegen eine gegensätzliche, 
also feindselige Regung, die sich vor der Aufklärung gegen die 
Geliebte gerichtet hatte. Der Zählzwang beim Gewitter deutet 
sich durch das beigebrachte Material als eine Abwehrmaßregel 
gegen Befürchtungen, welche Lebensgefahr bedeuteten. Durch die 
Analysen der ersterwähnten Zwangsvorstellungen sind wir bereits 
darauf vorbereitet, die feindseligen Regungen unseres Patienten 
für besonders heftig, von der Art der sinnlosen Wut, zu schätzen, 
und dann finden wir, daß diese Wut gegen die Dame auch nach 
der Versöhnung ihren Beitrag zu den Zwangsbildungen stellt. In 
der Zweifelsucht, ob er richtig gehört, ist der fortwirkende Zweifel 
dargestellt, ob er wohl diesmal die Geliebte richtig verstanden 
hat und ihre Worte mit Recht als Beweis ihrer zärtlichen Neigung 
auffassen darf. Der Zweifel des Verstehzwanges ist Zweifel an 
ihrer Liebe. Es tobt in unserem Verliebten ein Kampf zwischen 
Liebe und Haß, die der gleichen Person gelten, und dieser Kampf 

r * - 






302 



Krankengeschichten 






wird plastisch dargestellt in der zwanghaften, auch symbolisch 
bedeutsamen Handlung, den Stein von dem Wege, den sie be- 
fahren soll, wegzuräumen und dann diese Liebestat wieder rück- 
gängig zu machen, den Stein wieder hinzulegen, wo er lag, 
damit ihr Wagen an ihm scheitere und sie zu Schaden komme. 
Wir verstehen diesen zweiten Teil der Zwanghandluna nicht 
richtig, wenn wir ihn nur als kritische Abwendung vom krank- 
haften Tun auffassen, wofür er sich selbst ausgeben möchte. Daß 
auch er sich unter der Empfindung des Zwanges vollzieht, verrät, 
daß er selbst ein Stück des krankhaften Tuns ist, welches aber 
von dem Gegensatz zum Motiv des ersten Stückes bedingt wird. 
Solche zweizeitige Zwangshandlungen, deren erstes Tempo vom 
zweiten aufgehoben wird, sind ein typisches Vorkommnis bei der 
Zwangsneurose. Sie werden vom bewußten Denken des Kranken 
natürlich mißverstanden und mit einer sekundären Motivierung 
versehen — rationalisiert. 1 Ihre wirkliche Bedeutung liegt aber 
in der Darstellung des Konfliktes zweier annähernd gleich großer 
CUc*~>^t * gegensätzlicher Regungen, soviel ich bisher erfahren konnte, stets 
4««Ja*. r . des Gegensatzes von Liebe und Haß. Sie beanspruchen ein be- 
sonderes theoretisches Interesse, weil sie einen neuen Typus der 
Symptombildung erkennen lassen. Anstatt, wie es bei Hysterie 
regelmäßig geschieht, ein Kompromiß zu finden, welches beiden 
Gegensätzen in einer Darstellung genügt, zwei Fliegen mit einem 
Schlag trifft, 2 werden hier die beiden Gegensätze, jeder einzeln, 
befriedigt, zuerst der eine und dann der andere, natürlich nicht 
ohne daß der Versuch gemacht würde, zwischen den beiden 
einander feindseligen eine Art von logischer Verknüpfung — oft 
mit Beugung aller Logik — herzustellen. 8 

1) Vgl. Ernest Jones, Rationalisation in evcry-day life. Journal of abnormal 
psychology, 1908. 

2) Vgl. Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität. (Enthalten in 
Bd. V. dieser Gesamtausgabe.) 

3) Ein anderer Zwangskranker berichtete mir einmal, er sei im Parke von Schön- 
brunn mit dem Fuße auf einen im Wege liegenden Ast gestoßen, den er nun in die 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 



5°3 



Der Konflikt zwischen Liebe und Haß tat sich bei unserem 
Patienten auch durch andere Anzeichen kund. Zur Zeit seiner 
wiedererwachenden Frömmigkeit richtete er sich Gebete ein, die 
allmählich bis zu i7 a Stunden in Anspruch nahmen, weil sich 
ihm — ein umgekehrter Bileam — in die frommen Formeln 
immer etwas einmengte, was sie ins Gegenteil verkehrte. Sagte 
er z. B. Gott schütze ihn — so gab der böse Geist schnell 
ein „nicht" dazu. 1 Einmal kam ihm dabei die Idee zu fluchen; 
da werde sich doch gewiß ein Widerspruch einschleichen; in 
diesem Einfalle brach sich die ursprüngliche, durch das Gebet 
verdrängte Intention Bahn. In solcher Bedrängnis fand er den 
Ausweg, die Gebete abzustellen und sie durch eine kurze Formel 
zu ersetzen, die aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben 
verschiedener Gebete zusammengebraut war. Diese sprach er dann 
so rasch aus, daß ihm nichts dazwischen fahren konnte. 

Er brachte mir einmal einen Traum, der die Darstellung des- 
selben Konfliktes in der Übertragung auf den Arzt enthielt: 
Meine Mutter ist gestorben. Er will kondolieren, fürchtet aber, 
daß er dabei das impertinente Lachen produzieren wird, das 
er schon wiederholt bei Todesfällen gezeigt hat. Er schreibt darum 
lieber eine Karte mit p. c, aber diese Buchstaben verwandeln 
sich ihm beim Schreiben in p. f.' 

Der Widerstreit seiner Gefühle gegen seine Dame war zu 
deutlich, als daß er sich seiner bewußten Wahrnehmung gänzlich 

den Weg begrenzende Hecke schleuderte. Auf dem Heimwege überkam ihn plötzlich 
die Sorge, in der neuen Lage könnte der jetzt vielleicht etwas vorragende Ast zum 
Anlasse eines Unfalles für jemand werden, der nach ihm an derselben Stelle vorbei- 
gehe. Er mußte von der Trambahn abspringen, in den Park zurückeilen, die Stelle 
aufsuchen und den Ast in die frühere Lage zurückbringen, obwohl es jedem anderen 
als dem Kranken einleuchten würde, daß die frühere Lage doch für einen Passanten 
gefährlicher sein müßte als die neue im Gebüsche. Die zweite feindselige Handlung, 
die sich als Zwang durchsetzte, hatte sich vor dem bewußten Denken mit der Moti- 
vierung der ersten, menschenfreundlichen, geschmückt. 

1) Vergleiche den ähnlichen Mechanismus der bekannten sakrilegischen Einfälle 
der Frommen. 

2) Dieser JTraum gibt die Aufklärung des so häufigen und als rätselhaft betrachteten 
Zwanffslachens bei Traueranlässen. . — 



\A 



3°4 Krankengeschichten 



hätte entziehen können, wenngleich wir aus den Zwangsäußerungen 
desselben schließen dürfen, daß er für die Tiefe seiner negativen 
Regungen die richtige Schätzung nicht besaß. Die Dame hatte 
seine erste Werbung vor zehn Jahren mit einem Nein beantwortet. 
Seither wechselten Zeiten, in denen er sie intensiv zu lieben 
glaubte, mit anderen, in welchen er gleichgültig gegen sie fühlte, 
auch in seinem Wissen miteinander ab. Wenn er im Laufe der 
Behandlung einen Schritt tun sollte, welcher ihn dem Ziele der 
Bewerbung näher brachte, so äußerte sich sein Widerstand ge- 
wöhnlich zuerst in der Übeiv.eugung, er habe sie eigentlich gar 
nicht so lieb, die freilich bald überwunden wurde. Als sie einmal 
in schwerer Krankheit zu Bette lag, was seine äußerste Teilnahme 
hervorrief, brach bei ihrem Anblicke der Wunsch bei ihm durch: 
so soll sie immer liegen bleiben. Er deutete sich diesen Einfall 
durch das spitzfindige Mißverständnis, er wünsche nur darum ihr 
beständiges Kranksein, damit er die Angst vor wiederholten 
Krankheitsanfällen los werde, die er nicht ertragen könne! 1 Ge- 
legentlich beschäftigte er seine Phantasie mit Tagträumen, die er 
selbt als „Rachephantasien" erkannte und deren er sich schämte. 
Weil er meinte, daß sie einen großen Wert auf die soziale 
Stellung eines Bewerbers legen würde, phantasierte er, daß sie 
einen solchen Mann in amtlicher Position geheiratet habe. Er tritt 
nun in dasselbe Amt ein, bringt es dort viel weiter als jener, 
der zu seinem Untergebenen wird. Eines Tages hat dieser Mann 
eine unlautere Handlung begangen. Die Dame fällt ihm zu Füßen, 
beschwört ihn, ihren Mann zu retten. Er verspricht es, eröffnet 
ihr, daß er nur aus Liebe zu ihr in das Amt eingetreten sei, weil 
er einen solchen Moment vorausgesehen habe. Jetzt sei mit der 
Rettung ihres Mannes seine Mission erfüllt; er lege sein Amt nieder. 
In anderen Phantasien, des Inhaltes, daß er ihr einen großen 
Dienst leiste u. dgl., ohne daß sie erfahre, daß er es sei, aner- 

1) Ein Beitrag einet andern Motiv« tu diesem Zwangseinfalle ist nicht abzuweisen: 
des Wunsches, sie wehrlos gegen seine Absichten zu wissen. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 



3°5 



kannte er bloß die Zärtlichkeit, ohne den zur Verdrängung der 
Rachsucht bestimmten Edelmut nach Muster des Dumasschen 
Grafen von Monte Christo nach dieser seiner Herkunft und 
Tendenz zu würdigen. Übrigens gestand er zu, daß er gelegentlich 
unter sehr deutlichen Impulsen stehe, der von ihm verehrten 
Dame etwas anzutun. Diese Impulse schwiegen meist in ihrer 
Gegenwart und träten in ihrer Abwesenheit hervor. 

f) Die Krankheitsveranlassung 

Eines Tages erwähnte unser Patient flüchtig eine Begebenheit, 
in welcher ich sofort die Krankheits veranlassung, wenigstens den 
rezenten Anlaß des noch heute anhaltenden Krankheitsausbruches 
vor etwa 6 Jahren erkennen mußte. Er selbst hatte keine Ahnung, 
daß er etwas Bedeutsames vorgebracht hatte ; er konnte sich nicht 
erinnern, der Begebenheit, die er übrigens niemals vergessen 
hatte, einen Wert beigelegt zu haben. Dieses Verhalten fordert 
eine theoretische Würdigung heraus. 

Bei Hyste rie ist e s Regej^aß_dje_rezentgn Anlässe der E r- 
krankung der Amnesie ebenso verfallen wie die infantilen Er- 
lebnisse, mit deren Hilfe jene ihre Affektenergie in Symptome 
umsetzen. Wo ein völliges Vergessen unmöglich ist, da wird die 
rezente traumatische Veranlassung doch von der Amnesie ange- 
nagt und zum mindesten ihrer bedeutsamsten Bestandteile beraubt. 
Wir sehen in solcher Amnesie den Erweis der stattgehabten 
Verdrängung. Anders ist es in der Regel bei der Zwan gsneu rose. 
Die infantilen Voraussetzungen der Neurose mögen einer — oft 
nur unvollständigen — Amnesie verfallen sein; die rezenten 
Anlässe der Erkrankung finden sich dagegen im Gedächtnis er- i 
halten. Die Verdrängung hat sich hier eines andern, eigentlich 
einfacheren Mechanismus bedient 3 anstatt das Trauma zu ver- 
gessen, hat sie ihm die Affektbesetzung entzogen, so daß im Be- 
wußtsein ein indifferenter, für unwesentlich erachteter Vor- 
stellungsinhalt erübrigt. Der Unterschied liegt im psychischen 

Freud, VIII. 



506 Krankengeschichten 




Geschehen, das wir hinter den Phänomenen konstruieren dürfen; 
der Erfolg des Vorganges ist fast der nämliche, denn der in- 
differente Erinnerungsinhalt wird nur selten reproduziert und 
spielt in der bewußten Gedankentätigkeit der Person keine Rolle. 
Zur Unterscheidung der beiden Arten der Verdrängung könnerj, 
wir zunächst nur die Versicherung des Patienten verwenden, jer 
habe die Empfindung, daß er das eine immer gewußt, das andere 
seit langer Zeit vergessen habe. 1 

Es ist darum kein seltenes Vorkommnis, daß Zwangskranke, 
die an Selbstvorwürfen leiden und ihre Affekte an falsche Ver- 
anlassungen geknüpft haben, dem Arzt auch von den richtigen 
Mitteilung machen, ohne zu ahnen, daß ihre Vorwürfe nur 
von diesen letzteren abgetrennt sind. Sie äußern dabei gelegentlich 
verwundert oder selbst wie prahlerisch: Daraus mache ich mir 
aber gar nichts. So war es auch in dem ersten Falle von Zwangs- 
neurose, der mir vor vielen Jahren das Verständnis des Leidens 
eröffnete. Der Patient, ein Staatsbeamter, der an ungezählten 
Bedenklich keiten litt, derselbe, von dem ich die Zwangshandlung 
an dem Ast im Schünbrunner Park berichtet habe, fiel mir da- 
durch auf, daß er mir für den Besuch in der Sprechstunde stets 
reine und glatte Papiergulden überreichte. (Wir hatten damals 
in Österreich noch kein Silbergeld.) Als ich einmal bemerkte, 
man erkenne doch gleich den Staatsbeamten an den nagelneuen 
Gulden, die er von der Staatskasse beziehe, belehrte er mich, 
die Gulden seien keineswegs neu, sondern in seinem Hause ge- 
bügelt (geplättet) worden. Er mache sich ein Gewissen daraus, 

11) Man muß also zugeben, daß es für die Zwangsneurose zweierlei Wissen und 
Kennen gibt, und darf mit dem gleichen Rechte behaupten, der Zwangskranke „kenne" 
seine Traumen, wie, daß er sie nicht „kenne". Er kennt sie nämlich, insofern er sie 
nicht vergessen hat, er kennt sie nicht, da er nicht ihre Bedeutung erkennt. Es 
ist im normalen Leben oft auch nicht anders. Die Kellner, die den Philosophen 
Schopenhauer in seinem Stammgasthaus zu bedienen pflegten, „kannten" ihn in 
gewissem Sinne zu einer Zeit, da er sonst in und außerhalb Frankfurt unbekannt 
war, aber nicht in dem Sinne, den wir heute mit der „Kenntnis" von Schopenhauer 
verbinden. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 507 

jemand schmutzige Papiergulden in die Hand zu geben; da 
klebten die gefährlichsten Bakterien daran, die dem Empfänger 
Schaden bringen könnten. Mir dämmerte damals bereits in un- 
sicherer Ahnung der Zusammenhang der Neurosen mit dem 
Sexualleben, und so wagte ich es, den Patienten ein andermal 
zu befragen, wie er es in diesem Punkte hielte. Oh, alles in 
Ordnung, meinte er leichthin, ich leide keinen Mangel. Ich spiele 
in vielen guten Bürgerhäusern die Rolle eines lieben alten Onkels 
und die benütze ich, um mir von Zeit zu Zeit ein junges Mädchen 
für eine Landpartie auszubitten. Ich richte es dann so ein, daß 
wir den Zug; versäumen und auf dem Lande übernachten müssen. 
Ich nehme dann immer zwei Zimmer, ich bin sehr nobel; aber 
wenn das Mädchen zu Bett ist, komme ich zu ihr und masturbiere 
sie mit meinen Fingern. — Ja, fürchten Sie denn nicht, daß 
Sie ihr schaden, wenn Sie mit Ihrer schmutzigen Hand in ihren 
Genitalien herumarbeiten? — Da brauste er aber auf: Schaden? 
Was soll es ihr denn schaden? Keiner hat es noch geschadet 
und jeder war es recht. Einige von ihnen sind jetzt schon ver- 
heiratet und es hat ihnen nicht geschadet. — Er nahm m eine 
Beanständung sehr übel auf und kam nie wieder. Ich konnte 
nur~aber " den Kontrast zwischen seiner Bedenklichkeit bei den Ui*~> 
Papiergulden und seine Rücksichtslosigkeit beim Mißbrauch der *$**■** 
ihm anvertrauten Mädchen nur durch eine Versch iebung^ des 
Vorwurfsaffekts erklären. Die Tendenz dieser Verschiebung war 
deutlich genug; wenn er den Vorwurf dort beließ, wohin er 
gehörte, so mußte er auf eine sexuelle Befriedigung verzichten, 
zu der er wahrscheinlich durch starke infantile Determinanten 
gedrängt war. Er erzielte also durch die Verschiebung einen 
namhaften Krank heitsgewinn. 

1 Auf die Krankheitsveranlassung bei unserem Patienten muß 
ich aber nun ausführlicher eingehen. Seine Mutter war als ent- 
fernte Verwandte in einer reichen Familie aufgezogen worden, 
,die ein großes industrielles Unternehmen betrieb. Sein Vater trat 



,-£.- 



20' 



508 Krankengeschichten 




gleichzeitig mit der Heirat in den Dienst dieses Unternehmens 
und gelangte so eigentlich infolge seiner Ehewahl zu ziemlichem 
Wohlstand. Durch Neckereien zwischen den in vortrefflicher 
Ehe lebenden Eltern hatte der Sohn erfahren, daß der Vater 
einem hübschen armen Mädchen aus bescheidener Famile den 
Hof gemacht hatte, eine Zeitlang bevor er die Mutter kennen 
lernte. Dies die Vorgeschichte. Nach dem Tode des Vaters teilte 
die Mutter eines Tages dem Sohne mit, es sei zwischen ihr und 
ihren reichen Verwandten die Rede von seiner Zukunft gewesen, 
und einer der Vettern habe seine Bereitwilligkeit ausgedrückt, 
ihm eine seiner Töchter zu geben, wenn er seine Studien be- 
endigt habe; die geschäftliche Verbindung mit der Firma werde 
ihm dann auch in seinem Berufe glänzende Aussichten eröffnen. 
Dieser Plan der Familie entzündete in ihm den Konflikt, ob er 
seiner armen Geliebten treu bleiben oder in die Fußstapfen des 
Vaters treten und das schöne, reiche, vornehme Mädchen, das 
ihm bestimmt worden, zur Frau nehmen solle. Und diesen 
Konflikt, der eigentlich ein solcher zwischen seiner Liebe und 
dem fortwirkenden Willen des Vaters war, löste er durch Er- 
krankung, richtiger gesagt: er entzog sich durch die Erkrankung 
der Aufgabe, ihn in der Realität zu lösen.' 

Der Beweis für diese Auffassung liegt in der Tatsache, daß 
hartnäckige Arbeitsunfähigkeit, die ihn die Beendigung seiner 
Studien um Jahre aufschieben ließ, der Haupterfolg der Er- 
krankung war. Was aber der Erfolg einer Krankheit ist, das lag 
in der Absicht derselben; die anscheinende Krankheitsfolge ist in 
Wirklichkeit die Ursache, das Motiv des Krankwerdens. 

Meine Aufklärung fand begreiflicherweise bei dem Kranken 
zunächst keine Anerkennung. Er könne sich eine solche Wirkung 
des Heiratsplanes nicht vorstellen, derselbe habe ihm seinerzeit 



1) Es ist hervorzuheben, daß die Flucht in die Krankheit ihm durch die Identi- 
fizierung mit dem Vater ermöglicht wurde. Diese gestattete ihm die Regression der 
Affekte auf die Kindlieitsreste. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 509 

nicht den mindesten Eindruck gemacht. Im weiteren Verlaufe 
der Kur mußte er sich aber auf einem eigentümlichen Weo-e 
von der Richtigkeit meiner Vermutung überzeugen. Er erlebte 
mit Hilfe einer Übertragungsphantasie als neu und gegenwärtig, 
was er aus der Vergangenheit vergessen hatte, oder was nur 
unbewußt bei ihm abgelaufen war. Aus einer dunkeln und 
schwierigen Periode der Behandlungsarbeit ergab sich endlich, 
daß er ein junges Mädchen, welches er einmal auf der Stiege 
meines Hauses angetroffen, zu meiner Tochter erhoben hatte. 
Sie erregte sein Wohlgefallen und er imaginierte, daß ich nur 
darum so liebenswürdig und unerhört geduldig mit ihm sei, weil 
ich ihn zum Schwiegersohne wünsche, wobei er den Reichtum 
und die Vornehmheit meines Hauses bis zu dem ihm zum Vor- 
bild passenden Niveau erhöhte. Gegen diese Versuchung stritt 
aber in ihm die unauslöschliche Liebe zu seiner Dame. Nach- 
dem wir eine Reihe der schwersten Widerstände und ärgsten 
Beschimpfungen überwunden hatten, konnte er sich der über- 
zeugenden Wirkung der vollen Analogie zwischen der phanta- 
sierten Übertragung und der damaligen Realität nicht entziehen. 
Ich gebe einen seiner Träume aus dieser Zeit wieder, um den 
Stil seiner Darstellung an einer Probe zu zeigen. Er sieht meine 
Tochter vor sich, aber sie hat zwei Dreckpatzen anstatt der 
Augen. Für jeden, der die Sprache der Träume versteht, wird 
die Übersetzung leicht sein: Er heiratet meine Tochter 
nicht ihrer schönen Augen, sondern ihres Geldes 
weg e n. 

g) Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee 

Von der Krankheitsveranlassung reiferer Jahre führte ein 
Faden zurück in die Kindheit unseres Patienten. Er fand sich 
in einer Situation, wie sie nach seinem Wissen oder Vermuten 
der Vater vor seiner eigenen Eheschließung bestanden hatte, 
und konnte sich mit dem Vater identifizieren. Noch in anderer 






310 Krankengeschichten 



Weise spielte der verstorbene Vater in die rezente Erkrankung 
hinein. Der Krankheitskonflikt war im Wesen ein Widerstreit 
zwischen dem fortwirkenden Willen des Vaters und seiner 
eigenen verliebten Neigung. Nehmen wir Rücksicht auf die 
Mitteilungen, die der Patient in den ersten Stunden der Behand- 
lung gemacht hatte, so können wir die Vermutung nicht abweisen, 
daß dieser Widerstreit ein uralter gewesen sei und sich schon in 
den Kinderjahren des Kranken ergeben habe. 

Der Vater unseres Patienten war nach allen Auskünften ein 
ganz vortrefflicher Mann. Er war vor der Heirat Unteroffizier 
gewesen und hatte eine aufrichtige soldatische Art sowie eine 
Vorliebe für derbe Ausdrücke als Niederschlag aus diesem Stücke 
seines Lebens behalten. Außer den Tugenden, die der Leichen- 
stein an jedermann zu rühmen pflegt, zeichnete ihn ei n herz - 
licher Humor und eine gütige Nachsicht gegen seine Mit- 
menschen aus; es steht gewiß nicht im Widerspruche mit diesem 
Charakter, stellt sich vielmehr als Ergänzung zu ihm dar, daß 
er jäh und heftig sein konnte, was den Kindern, solange sie 
klein und schlimm waren, gelegentlich zu sehr empfindlichen 
Züchtigungen verhalf. Als die Kinder heranwuchsen, wich er 
von anderen Vätern darin ab, daß er sich nicht zur unantast- 
baren Autorität emporheben wollte, sondern in gutmütiger Offen- 
heit die kleinen Verfehlungen und Mißgeschicke seines Lebens 
ihrer Mitwissenschaft preisgab. Der Sohn übertrieb gewiß nicht, 
wenn er aussprach, sie hätten miteinander verkehrt wie die 
besten Freunde, bis auf einen einzigen Punkt (vgl. S. 293). An 
diesem einen Punkte mußte es wohl gelegen sein, wenn den 
Kleinen der Gedanke an den Tod des Vaters mit ungewöhnlicher 
und ungebührlicher Intensität beschäftigte (S. 275), wenn solche 
Gedanken im Wortlaute seiner kindlichen Zwangsideen auftraten, 
wenn er sich wünschen konnte, der Vater möge sterben, damit 
ein gewisses Mädchen, durch Mitleid erweicht, zärtlicher gegen 
ihn werde (S. 2g 1). 




Bemerkungen Über einen Fall von Zwangsneurose xn 



Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf dem Gebiete der Sexua- 
lität etwas zwischen Vater und Sohn stand, und daß der Vater 
in einen bestimmten Gegensatz zu der frühzeitig erwachten 
Erotik des Sohnes geraten war. Mehrere Jahre nach dem Tode 
des Vaters drängte sich dem Sohne, als er zum ersten Male die 
Lustempfindung eines Koitus erfuhr, die Idee auf: das ist doch 
großartig; dafür könnte man seinen Vater ermorden! Dies zu- 
gleich ein Nachklang und eine Verdeutlichung seiner kindlichen 
Zwangsideen. Kurz vor seinem Tode hatte der Vater übrigens 
direkt gegen die später dominierende Neigung unseres Patienten 
Stellung genommen. Er merkte, daß er die Gesellschaft jener 
Dame aufsuchte und riet ihm von ihr mit den Worten ab, es 
sei nicht klug und er werde sich nur blamieren. 

Zu diesen vollkommen gesicherten Anhaltspunkten kommt 
anderes hinzu, wenn wir uns zur Geschichte der onanistischen 
Sexualbetätigung unseres Patienten wenden. Es besteht auf diesem 
Gebiete ein noch nicht verwerteter Gegensatz zwischen den An- 
sichten der Ärzte und der Kranken. Letztere sind alle darin einig, 
die Onanie, unter der sie die Pubertätsmasturbation verstehen, 
als Wurzel und Urquell all ihrer Leiden hinzustellen; die Ärzte 
wissen im allgemeinen nicht, wie sie darüber denken sollen, aber 
unter dem Eindrucke der Erfahrung, daß auch die meisten später 
Normalen in den Pubertätsjahren eine Weile onaniert haben, 
neigen sie in ihrer Mehrzahl dazu, die Angaben der Kranken 
als grobe Überschätzungen zu verurteilen. Ich meine, daß die 
Kranken auch hierin eher recht haben als die Ärzte. Den Kranken 
dämmert hier eine richtige Einsicht, während die Ärzte in Ge- 
fahr sind, etwas Wesentliches zu übersehen. Es verhält sich gewiß 
nicht so, wie die Kranken ihren Satz selbst verstehen wollen, 
daß die fast typisch zu nennende Pubertätsonanie für alle neu- 
rotischen Störungen verantwortlich zu machen sei. Der Satz 
bedarf der Deutung. Aber die Onanie der Pub ertäts jähre ist in 
Wirklichkeit nichts anderes als die Auffrischung der bisher stets 



5 12 Krankengeschichten 




vernachlässigten Onanie der Kinderjahre, welche zumeist in den 
Jahren von 3 bis 4 oder 5 eine Art von Höhepunkt erreicht, 
und diese ist allerdings der deutlichste Ausdruck der sexuellen 
Konstitution des Kindes, in welcher auch wir die Ätiologie der 
späteren Neurosen suchen. Die Kranken beschuldigen unter solcher 
Verhüllung also eigentlich ihre infantile Sexualität, und darin 
haben sie vollauf recht. Das Problem der Onanie wird hingegen 
unlösbar, wenn man die Onanie als eine klinische Einheit auf- 
fassen will und daran vergißt, daß sie die Abfuhr der verschieden- 
artigsten Sexualkomponenten und der von ihnen gespeisten 
Phantasien darstellt. Die Schädlichkeit der Onanie ist nur zum 
geringen Anteil eine autonome, durch ihre eigene Natur bedingte. 
Der Hauptsache nach fällt sie mit der pathogenen Bedeutung des 
Sexuallebens überhaupt zusammen. Wenn soviele Individuen die 
Onanie, d. h. ein gewisses Ausmaß dieser Betätigung, ohne 
Schaden vertragen, so lehrt diese Tatsache nichts anderes, als 
daß bei ihnen die sexuelle Konstitution und der Ablauf der 
Entwicklungsvorgänge im Sexualleben die Ausübung der Funk- 
tion unter den kulturellen Bedingungen gestattet hat, 1 während 
andere infolge ungünstiger Sexualkonstitution oder gestörter Ent- 
wicklung an ihrer Sexualität erkranken, d. h. die Anforderungen 
zur Unterdrückung und Sublimierung der sexuellen Kompo- 
nenten nicht ohne Hemmungen und Ersatzbildungen erfüllen 
können. 

Unser Patient war in seinem Onanieverhalten recht auffällig; 
er entwickelte keine Puberlätsonanie und hätte also nach gewissen 
Erwartungen ein Anrecht darauf gehabt, frei von Neurose zu 
bleiben. Dagegen trat der Drang zur onanistischen Betätigung 
im 2\. Jahre bei ihm auf, kurze Zeit nach dem Tode des 
Vaters. Er war sehr beschämt nach jeder Befriedigung und 
schwor ihr bald wieder ab. Von da an trat die Onanie nur bei 



Vgl. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905. (Bd. V. dieser Gesamtausgabe.) 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 513 



seltenen und sehr merkwürdigen Anlässen wieder auf. ,,Besonders 
schöne Momente, die er erlebte, oder besonders schöne Stellen, 
die er las, riefen sie hervor. So z. B. als er an einem schönen 
Sommernachmittag einen Postillon in der Innern Stadt so herrlich 
blasen hörte, bis ein Wachmann es ihm untersagte, weil in der 
Stadt das Blasen verboten sei! Oder ein andermal, als er in 
,Dichtung und Wahrheit' las, wie sich der junge Goethe in zärt- 
licher Aufwallung von der Wirkung eines Fluches befreite, den 
eine Eifersüchtige über die ausgesprochen, welche nach ihr seine 
Lippen küssen würde. Lange hatte er sich wie abergläubisch 
durch diesen Fluch abhalten lassen, jetzt aber zerriß er die Fessel 
und küßte sein Lieb herzlich ab." 

Er verwunderte sich nicht wenig, daß er gerade bei solchen 
schönen und erhebenden Anlässen zur Masturbation gedrängt 
worden sei. Ich mußt e aber aus diesen beiden Beispielen als das 
Gemeinsame" das Verbot und das Sichhinaussetzen über ein 

Gebot herausheben. 

In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonderbares 
Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prüfung studierte und 
mit der ihm liebgewordenen Phantasie spielte, der Vater lebe 
noch und könne jeden Moment wiederkommen. Er richtete es 
sich damals so ein, daß sein Studium auf die spätesten Nacht- 
stunden fiel. Zwischen 12 und 1 Uhr nachts unterbrach er sich, 
öffnete die auf die Hausflur führende Tür, als ob der Vater da- 
vor stünde, und betrachtete dann, nachdem er zurückgekommen 
war, im Spiegel des Vorzimmers seinen entblößten Penis. Dies 
tolle Treiben wird unter der Voraussetzung verständlich, daß er 
sich so benahm, als ob er den Besuch des Vaters um die Geister- 
stunde erwartete. Zu seinen Lebzeiten war er eher ein fauler 
Student gewesen, worüber sich der Vater oft gekränkt hatte. 
Nun sollte er Freude an ihm haben, wenn er als Geist 
wiederkam und ihn beim Studieren traf. An dem andern Teile 
seines Tuns konnte der Vater aber unmöglich Freude haben; 



5 ' 4 Krankengeschichten 



damit trotzte er ihm also und brachte so in einer unverstandenen 
Zwangshandlung die beiden Seiten seines Verhältnisses zum Vater 
nebeneinander zum Ausdrucke, ähnlich wie in der späteren 
Zwangshandlung vom Steine auf der Straße gegen die geliebte 
Dame. 

Auf diese und ähnliche Anzeichen gestützt, wagte ich die 
Konstruktion, er habe als Kind im Alter von 6 Jahren irgend 
eine sexuelle Missetat im Zusammenhange mit der Onanie be- 
gangen und sei dafür vom Vater empfindlich gezüchtigt worden. 
Diese Bestrafung hätte der Onanie allerdings ein Ende gemacht, 
aber anderseits einen unauslöschlichen Groll gegen den Vater 
hinterlassen und dessen Rolle als Störer des sexuellen Genusses 
für alle Zeiten fixiert. (Vgl. die ähnlichen Vermutungen in einer 
der ersten Sitzungen S. 277). Zu meinem großen Erstaunen be- 
richtete nun der Patient, ein solcher Vorfall aus seinen ersten 
Kinderjahren sei ihm von der Mutter wiederholt erzählt worden 
und offenbar darum nicht in Vergessenheit geraten, weil sich 
so merkwürdige Dinge an ihn knüpften. Seine eigene Erinnerung 
wisse allerdings nichts 'davon. Die Erzählung aber lautete: Als 
er noch sehr klein war — die genauere Zeitbestimmung ließe 
sich noch durch das Zusammentreffen mit der Todeskrankheit 
einer älteren Schwester gewinnen — soll er etwas Arges an- 
gestellt haben, wofür ihn der Vater prügelte. Da sei der klein e 
Knirps in eine schreckliche Wut geraten und habe noch unter 
den Schlägen den Vater beschimpft. Da er aber noch keine 
Schimpfwörter kannte, habe er ihm alle Namen von Gegen- 
ständen gegeben, die [ihm einfielen, und gesagt: du Lampe, du 
Handtuch, du Teller usw. Der Vater hielt erschüttert über diesen 
elementaren Ausbruch im Schlagen inne und äußerte: Der Kleine 
da wird entweder ein großer Mann oder ein großer Verbrecher! 1 




1) Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten Ausgang so voneitiger 
Leidenschaftlichkeit, an den in Neurose, hatte der Vater nicht gedacht. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 515 

Er meint, der Eindruck dieser Szene sei sowohl für ihn wie für 
den Vater ein dauernd wirksamer gewesen. Der Vater habe ihn 
nie wieder geprügelt; er selbst leitet aber ein Stück seiner 
Charakterveränderung von dem Erlebnisse ab. Aus Angst vor der 
Größe seiner Wut sei er von da an feige geworden. Er hatte 
übrigens sein ganzes Leben über schreckliche Angst vor Schlägen 
und verkroch sich vor Entsetzen und Empörung, wenn eines 
seiner Geschwister geprügelt wurde. 

Eine erneuerte Nachfrage bei der Mutter brachte außer der 
Bestätigung dieser Erzählung die Auskunft, daß er damals zwischen 
5 und 4 Jahre alt war, und daß er die Strafe verdient, weil er 
jemanden gebissen hatte. Näheres erinnerte auch die Mutter 
nicht mehr; sie meinte recht unsicher, die von dem Kleinen 
beschädigte Person möge die Kinderfrau gewesen sein; von einem 
sexuellen Charakter des Delikts war in ihrer Mitteilung nicht 
die Rede. 1 

Man hat es in den Psychoanalysen häufig mit solchen Begebenheiten aus den 
ersten Kinderjahren zu tun, in denen die infantüe SexuaMtigkeit zu •««* «*«* 
und häufig durch einen Unfall oder eine Bestrafung ein katastr ophales bhU* 
Sie zeigen sich schattenhaft in Träumen an, werden oft so deutlich daß man sie 
greifbaf zu besitzen vermeint, aber sie entziehen sich doch der endgültigen Klar- 
stellung, und wenn man nicht mit besonderer Vorsicht und mit Geschick verfahrt 
Ä es unentschieden lassen, ob eine solche Szene wirklich vorgefallen ist. Auf 
d,e richtige Spur der Deutung wird man durch die Erkenntnis gefuhrt daß von 
solchen Szenen mehr als eine Version, oft sehr verschiedenartige, ,„ der unbewußten 
Phantasie des Patienten aufzuspüren sind. Wenn man in der Beurteilung der Realität 
nicht irregehen will, muß man sich vor allem daran erinnern, daß die „Kindheits- 
erinnerungen« der Menschen erst in einem späteren Alter (meist zur Zeit der Pubertät) 
fesTgestellt und dabei einem komplizierten Umarbeitungsprozeß unterzogen werden, 
welcher der Sagenbildung eines Volkes über seine Urgeschichte durchaus analog ist. 
Es läßt sich deutlich erkennen, daß der heranwachsende Mensch in diesen Phantasie- } 
Bildungen über seine erste Kindheit das Andenken an seine autoerotische 
Betätigung zu verwischen sucht, indem er seine Erinnerungsspuren auf die 
Stufe der Objektliebe hebt, also wie ein richtiger Geschichtschreiber die Vergangen- 
\ it im Lichte der Gegenwart erblicken will. Dalier die Überfülle von Verführungen 
nd Attentaten in diesen Phantasien, wo die Wirklichkeit sich auf autoerotische Be- 
tätigung und auf Anregung dazu durch Zärtlichkeiten und Strafen beschränkt. Ferner 
wird man gewahr, daß der über seine Kindheit Phantasierende seine Erinnerungen 
sexualisiert, d. h., daß er banale Erlebnisse mit seiner Sexualbetätigung in Be- 
ziehung bringt, sein Sexualinteresse über sie ausdehnt, wobei er wahrscheinlich den 
Snuren des wirklich vorhandenen Zusammenhanges nachfährt. Daß es nicht die Ab- 




5 lb Krankengeschichten 




Indem ich die Diskussion dieser Kindheitsszene in die Fuß- 
note verweise, führe ich an, daß durch deren Auftauchen seine 
Weigerung, an eine prähistorisch erworbene und später latent 
gewordene Wut gegen den geliebten Vater 7.11 glauben, zuerst 
ins Wanken geriet. Ich hatte nur eine stärkere Wirkung er- 



sieht dieser Bemerkungen ist, die von mir behauptete Bedeutung der infantilen Sexua- 
lität nachträglich durch die Reduktion auf das Sexualintcrcsse der Pubertät herabzu- 
setzen, wird mir jeder glauben, der die von mir mitgeteilte „Analyse der Phobie 
eines fünfjährigen Knaben" im Gedächtnis hat. Ich beabsichtige nur^ technische An- 
weisungen zur Auflösung jener Phantasicbildungen zu geben, welche dazu bestimmt 
sind, das Bild jener infantilen Sexualbetätignng zu verfälschen. 

Nur selten ist man wie bei unserem Patienten in der glücklichen Lage, die tat- 
sächliche Grundlage dieser Dichtungen über die Urzeit durch das unerschütterliche 
Zeugnis eines Erwachsenen festzustellen. Immerhin laßt die Aussage der Mutter den 
Weg für mehrfuche Möglichkeiten offen. DaO sie die sexuelle Natur des Vergehens, 
für welches das Kind gestraft wurde, nicht proklamierte, mag seinen Grund in ihrer 
eigenen Zensur haben, welche bei allen Eltern gerade dieses Element aus der Ver- 
gangenheit ihrer Kinder auszuschalten bemüht ist. Es ist aber ebenso möglich, daß 
das Kind damals wegen einer banalen Unart nicht sexueller Natur von der Kinder- 
frau oder der Mutter selbst zurechtgewiesen und dann wegen seiner gewalttätigen 
Reaktion vom Vater gezüchtigt wurde. Die Kinderfrau oder eine andere dienende 
Person wird in solchen Phantasien regelmäßig durch die vornehmere der Mutter er- 
setzt. Wenn man sich in die Deutung der diesbezüglichen Träume des Patienten tiefer 
einließ, fand man die deutlichsten Hinweise auf eine episch zu nennende Dichtung, 
in welcher sexuelle Gelüste gegen Mutter und Schwester und der frühzeitige Tod 
dieser Schwester mit jener Züchtigung des kleinen Helden durch den Vater zusammen- 
gebracht wurden. Es gelang nicht, dieses Gewebe von Phantasicumhüllungen Faden 
für Faden abzuspinnen; gerade der therapeutische Erfolg war hier das Hi ndern is. 
Der Patient war hergestellt und das Leben forderte von ihm, mehrfache, ohnedjesjtu. 
hinge aufgeschobene, Aufgaben in Angriff zu nehmen, die mit der ForUeUungJgr 
Kur nicht verträglich waren. Man mache mir also aus dieser Lücke in der Analyse 
keinen \ orwurf. Die wissenschaftliche Erforschung durch die Psychoanalyse ist ja 
heute nur ein Nebenerfolg der therapeutischen Bemühung, und darum ist die Aus- 
beute oft gerade bei unglücklich behandelten Fällen am größten. 

Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in der autoerotischen Betätigung 
der vorherrschenden Sexualkomponenten, in Spuren von Objcktliebe und in der 
Bildung jenes Komplexes, den man den Korn komplex der Neurosen nennen 
könnte, der die ersten zärtlichen wie feindseligen Regungen gegen Eltern und Ge- 
schwister umfaßt, nachdem die Wißbegierde des Kleinen, meist durch die Ankunft 
eines neuen Geschwisterchens, geweckt worden ist. Aus der Uniformität dieses Inhaltes 
und aus der Konstanz der späteren modifizierenden Einwirkungen erklärt es sich 
leicht, daß im allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit gebildet 
werden, gleichgültig wieviel oder wie wenig Beiträge das wirkliche Erleben dazu 
gestellt hat. Es entspricht durchaus dem infantilen Kernkomplex, daß der Vater zur 
Rolle des sexuellen Gegners und des Stiirers der autoerotischen Sexualbetätigung ge- 
langt, und die Wirklichkeit hat daran zumeist einen guten Anteil. 




Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 317 

wartet, denn diese Begebenheit war ihm so oft auch vom Vater 
selbst erzählt worden, daß ihre Realität keinem Zweifel unter- 
lag. Mit einer Fähigkeit, die Logik zu beugen, welche bei den 
sehr intelligenten Zwangskranken jedesmal höchst befremdend wirkt, 
machte er aber immer wieder gegen die Beweiskraft der Er- 
zählung geltend, er erinnere sich doch nicht selbst daran. Er 
mußte sich also die Überzeugung, daß sein Verhältnis zum Vater 
wirklich jene unbewußte Ergänzung erforderte, erst auf dem 
schmerzhaften Wege der Übertragung erwerben. Es kam b ald %y * 
dazu, daß er mich und die Meinigen in Träumen, Tages- ^^.-^ 
Phantasien und Einfällen aufs gröblichste und unflätigste be- 
schimpfte^ während " er mir doch mit Absicht niemals etwas ~/ lZeCitte £ o( 
anderes als die größte Ehrerbietung entgegenbrachte. Sein Be- iy ^ i ~ , 
nehmen während der Mitteilung dieser Beschimpfungen war das 
eines Verzweifelten. „Wie kommen Herr Professor dazu, sich 
von einem schmierigen, hergelaufenen Kerl wie ich so be- 
schimpfen zu lassen? Sie müssen mich hinauswerfen j ich verdiene 
es nicht besser." Bei diesen Reden pflegte er vom Diwan auf- 
zustehen und im Zimmer herumzulaufen, was er zuerst mit 
Feinfühligkeit motivierte; er bringe es nicht über sich, so gräß- 
liche Dinge zu sagen, während er behaglich daliege. Er fand 
aber bald selbst die triftigere Erklärung, daß er sich meiner 
Nähe entziehe, aus Angst von mir geprügelt zu werden. Wenn 
er sitzen blieb, so benahm er sich wie einer, der sich in ver- 
zweifelter Angst vor maßlosen Züchtigungen schützen will 5 er 
stützte den Kopf in die Hände, deckte sein Gesicht mit dem 
Arme lief plötzlich mit schmerzlich verzerrten Zügen davon 
usw. Er erinnerte, daß der Vater jähzornig gewesen war und in 
seiner Heftigkeit manchmal nicht mehr wußte, wieweit er gehen 
durfte. In solcher Schule des Leidens gewann er allmählich die ihm 
mangelnde Überzeugung, die sich jedem andern nicht persönlich 
Beteiligten wie selbstverständlich ergeben hätte; dann war aber 
auch der Weg zur Auflösung der Rattenvorstellung frei. Eine 



5 1 8 Kra nkengeschickten 



Fülle von bisher zurückgehaltenen tatsächlichen Mitteilungen 
wurde nun auf der Höhe der Kur zur Herstellung des Zusammen- 
hanges verfügbar. 

In der Darstellung desselben werde ich, wie angekündigt, 
aufs äußerste verkürzen und resümieren. Das erste Rätsel war 
* ,'<■ L offenbar, weshalb die beiden Reden des iechniseften Haupt- 

mannes, die Rattenerzählung und die Aufforderung, dem Ober- 
leutnant A. das Geld zurückzugeben, so aufregend auf ihn ge- 
wirkt und so heftige pathologische Reaktionen hervorgerufen 
hatten. Es war anzunehmen, daß hier „Komploxempfindlich- 
keit" vorlag, daß durch jene Reden hyperästhetische Stellen 
seines Unbewußten unsanft berührt worden waren. So war es 
auch; er befand sich, wie jedesmal im militärischen Verhältnisse, 
in einer unbewußten Identifizierung mit dem Vater, der selbst 
durch mehrere Jahre gedient hatte und vieles aus seiner Soldaten- 
zeit zu erzählen pflegte. Nun gestattete der Zufall, der bei der 
Symptombildung mithelfen darf wie der Wortlaut beim Witz 
daß eines der kleinen Abenteuer des Vaters ein wichtiges Element 
mit der Aufforderung des Hauptmannes gemeinsam hatte. Der 
Vater hatte einmal eine kleine Summe Geldes, über die er als 
Unteroffizier verfügen sollte, im Kartenspiele verloren (Spiel - 
ratte; und wäre in arge Bedrängnis gekommen, wenn ein 
Kamerad sie ihm nicht vorgestreckt hätte. Nachdem er das 
Militär verlassen und wohlhabend geworden war, suchte er den 
hilfreichen Kameraden auf, um ihm das Geld zurückzugeben, 
fand ihn aber nicht mehr. Unser Patient war nicht sicher, ob 
ihm die Rückerstattung überhaupt je gelang; die Erinnerung an 
diese Jugendsünde des Vaters war ihm peinlich, da doch sein 
Unbewußtes von feindseligen Ausstellungen am Charakter des 
Vaters erfüllt war. Die Worte des Hauptmannes: Du mußt 
dem Oberleutnant A. die Kronen 580 zurückgeben, klangen 
ihm wie eine Anspielung an jene uneingelöste Schuld des 
Vaters. 




Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose -i9 



3' 



Die Mitteilung aber, daß das Postfräulein in Z. die Nachnahme 
mit einigen für ihn schmeichelhaften Worten selbst erlegt hatte ' 
verstärkte die Identifizierung mit dem Vater auf einem andern 
Gebiete. Er trug jetzt nach, daß in dem kleinen Orte, wo sich 
auch das Postamt befand, die hübsche Wirtstochter dem schmucken 
jungen Offizier viel Entgegenkommen gezeigt hatte, so daß er 
sich vornehmen konnte, nach Schluß der Manöver dorthin zurück- 
zukommen, um seine Chancen bei dem Mädchen zu verfolgen. 
Nun war ihr in dem Postfräulein eine Konkurrentin erstanden j 
er konnte, wie der Vater in seinem Eheroman, schwanken, welcher 
von beiden er nach dem Verlassen des Militärdienstes seine Gunst 
zuwenden sollte. Wir merken mit einem Male, daß seine sonderbare 
Unschlüssigkeit, ob er nach Wien reisen oder an den Ort des 
Postamtes zurückkehren solle, seine beständigen Versuchungen, 
auf der Reise umzukehren (vgl. S. 38+), nicht so sinnlos waren, 
wie sie uns zuerst erscheinen mußten. Für sein bewußtes Denken 
war die Anziehung des Ortes Z., an dem sich das Postamt befand, 
durch das Bedürfnis motiviert, dort mit Hilfe des Oberleutnants A. 
seinen Eid zu erfüllen. In Wirklichkeit war das im nämlichen 
Ort befindliche Postfräulein der Gegenstand seiner Sehnsucht und 
der Oberleutnant nur ein guter Ersatz für sie, da er am selben 
Ort gewohnt und selbst den militärischen Postdienst versehen hatte. 
Als er dann hörte, nicht der Oberleutnant A., sondern ein anderer 
Offizier B. habe an dem Tage bei der Post amtiert, zog er auch 
diesen in seine Kombination und konnte sein Schwanken zwischen 
den beiden ihm gnädig gesinnten Mädchen nun in den Delirien 
mit den beiden Offizieren wiederholen. 2 

1) Vergessen wir nicht, daß er dies erfahren hatte, ehe der Hauptmann die (un- 
berechtigte) Aufforderung der Rückzahlung an Oberleutnant A, an ihn richtete. Es 
ist dies der für das Verhältnis unentbehrliche Punkt, durch dessen Unterdrückung er 
sich die heilloseste Verwirrung bereitete und mir eine Zeitlang den Einblick in den 
Sinn des Ganzen verwehrte. 

2) [Zusatz I92J.-J Nachdem der Patient alles dazu getan hatte, die kleine Begebenheit 
von der Rückzahlung der Nachnahme für den Zwicker zu verwirren, ist es vielleicht auch 
meiner Darstellung nicht gelungen, sie ohne Rückstand durchsichtig zu machen. Ich 



320 Krankengeschichten 



Bei der Aufklärung der Wirkungen, welche von der Ratten- 
erzählung des Hauptmannes ausgingen, müssen wir uns enger an 
den Ablauf der Analyse halten. Es ergab sich zunächst eine außer- 
ordentliche Fülle von assoziativem Material, ohne daß vorläufig 
die Situation der Zwangsbildung durchsichtiger wurde. Die Vor- 
stellung der mit den Ratten vollzogenen Strafe hatte eine Anzahl 
von Trieben gereizt, eine Menge von Erinnerungen geweckt, und 
die Ratten hatten darum in dem kurzen Intervalle zwischen der 
Erzählung des Hauptmannes und seiner Mahnung, das Geld zurück- 
zugeben, eine Reihe von symbolischen Bedeutungen erworben, zu 
welchen in der Folgezeit immer neue hinzutraten. Mein Bericht 
über all dies kann freilich nur sehr unvollständig ausfallen. Die 
Rattenstrafe rüttelte vor allem die Analerotik auf, die in seiner 
Kindheit eine große Rolle gespielt hatte und durch jahrelang fort- 
gesetzten Wurmreiz unterhalten worden war. Die Ratten kamen 
so zur Bedeutung: Geld, 1 welcher Zusammenhang sich durch den 
Einfall Raten zu Ratten anzeigte. Er hatte sich in seinen Zwangs- 

reproduziere darum hier eine 
kleine Karte, durch die Mr. und 
Mrs. Strachcy die Situation zu 
Ende der Waffen Übung verdeut- 
lichen wollten. Meine Übersetzer 
haben mit Recht bemerkt, daß 
das Benehmen des Patienten noch 
immer unverständlich ist, so lange 
man nicht ausdrücklich anführt, 



Dorf in dem A 
lUtlonlcrl w*r 



WtiuJ" U daß Oblt. A. früher am Ort des 



Jen üb 




Poitiml Z 



Postamtes '/.. gewohnt und dort 
die militärische Post versehen 
hatte, daß er aber in den letzten 
Tagen der Übung dieses Amt an 
Obtl. B. abgegeben und nach A. 
versetzt worden war. Der „grau- 
same" Hauptmann wußte noch 
nichts von dieser Änderung, da- 
her sein Irrtum, die Nachnahme 
sei nn Oblt. A. zurückzuzahlen. 

i) Vgl. „Charakter und Anal- 
erotik" (Enthalten in Bd. V. dieser 
Gesamtausgabe). 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsne 



■urose 



321 



delirien eine förmliche Rattenwährung eingesetzt; z. B. als ich 
ihm auf Befragen den Preis einer Behandlungsstunde mitteilte 
hieß es bei ihm, was ich ein halbes Jahr später erfuhr: soviel 
Gulden soviel Ratten. In diese Sprache wurde allmählich der 
ganze Komplex der Geldinteressen, die sich an die Erbschaft nach 
dem Vater knüpften, umgesetzt, d. h. alle dahin gehörigen Vor- 
stellungen wurden über diese Wortbrücke Raten — Ratten ins 
Zwanghafte eingetragen und dem Unbewußten unterworfen. Diese 
Geldbedeutung der Ratten stützte sich überdies auf die Mahnung 
des Hauptmannes, den Betrag der Nachnahme zurückzugeben, mit 
Hilfe der Wortbrücke Spielratte, von der aus der Zugang zur 
Spielverfehlung des Vaters aufzufinden war. 

Die Ratte war ihm aber auch als Träger gefährlicher Infektionen 
bekannt und konnte darum als Symbol für die beim Militär so 
berechtigte Angst vor syphilitischer Infektion verwendet werden, 
wohinter allerlei Zweifel an der Lebensführung des Vaters während 
seiner militärischen Dienstzeit versteckt waren. In anderem Sinne: 
Träger der syphilitischen Infektion war der Penis selbst, und so 
wurde die Ratte zum Geschlechtsglied, für welche Verwendung 
sie noch ein anderes Anrecht geltend machen konnte. Der Penis, 
besonders der des kleinen Kindes, kann ohne weiteres als Wurm 
beschrieben werden, und in der Erzählung des Hauptmannes 
wühlten die Ratten im After, wie in seinen Kinderjahren die 
großen Spulwürmer. So ruhte die Penisbedeutung der Ratten 
wiederum auf der Analerotik. Die Ratte ist ohnedies ein schmutziges 
Tier, das sich von Exkrementen nährt und in Kanälen lebt, die 
den Abfall führen. 1 Es ist ziemlich überflüssig anzuführen, welcher 
Ausbreitung das Rattendelirium durch diese neue Bedeutung fähig 
wurde. „Soviel Ratten — soviel Gulden", konnte z. B. als eine 
treffliche Charakteristik eines ihm sehr verhaßten weiblichen 

1) Wer diese Sprünge der neurotischen Phantasie kopfschüttelnd ablehnen will, 
der sei an ähnliche Capriccios erinnert, in denen sicli die Phantasie der Künstler 
gelegentlich ergeht, z. B. an die Diableries crotiques von Le Poitevin. 

Freud, VIII. 

31 



5 - 2 Krankengeschichten 



Gewerbes gelten. Hingegen ist es wohl nicht gleichgültig, daß die 
Einsetzung des Penis für die Ratte in der Erzählung des Haupt- 
mannes eine Situation von Verkehr per anum ergab, die ihm in 
ihrer Beziehung auf Vater und Geliebte besonders widerlich er- 
scheinen mußte. Trat diese Situation in der Zwan<>sandrohuns 
wieder auf, welche sich nach der Mahnung des Hauptmannes bei 
ihm gestaltete, so erinnerte dies unverkennbar an gewisse bei dvn 
Südslawen gebräuchliche Flüche, deren Wortlaut man in der 
von F. S. Krauß herausgegebenen „Authropophvteia" nachlesen 
kann. All dieses Material und noch anderes reihte sich übrigens 
mit dem Deckeinfall „heiraten" in das Gefüge der Ratten- 
diskussion ein. 

Daß die Erzählung von der Rattenstrafe bei unserem Patienten 
alle vorzeitlich unterdrückten Kegungen eigensüchtiger und sexueller 
Grausamkeit in Aufruhr brachte, wird ja durch seine eigene 
Schilderung und durch seine Mimik bei der Wiedererzählung bezeugt. 
Doch fiel trotz all dieses reichen Materials so lange kein Licht 
auf die Bedeutung seiner Zwangsidee, bis eines Tages die Ratten- 
mamsell aus Ibsens „Klein Eyolf" auftauchte und die Folgerung 
unabweisbar machte, in vielen Ausgestaltungen seiner Zwangs- 
delirien bedeuteten die Ratten auch Kinder.' Forschte man nach 
der Entstehung dieser neuen Bedeutung, so stieß man sofort auf 
die ältesten und bedeutsamsten Wurzeln. Bei einem Besuche am 
Grabe des Vaters hatte er einmal ein großes Tier, das er für eine 
Ratte hielt, am Grabhügel vorbeihuschen gesellen. 2 Er nahm an, 
sie käme aus dem Grabe des Vaters selbst und hätte soeben ihre 
Mahlzeit von seinem Leichnam eingenommen. Von der Vorstellung 

1) Ibsens Rattenmamsell ist ju sicherlich von dem sagenhaften Rattenfänger von 
Hameln abgeleitet, der zuerst die Ratten ins Wasser lockt und dann mit denselben 
Mitteln die Kinder der Stadt auf Nimmerwiederkehr verführt. Auch Klein Eyolf 
stürzt sich unter dem Banne der Kattcnmumsell ins Wasser. Die Ratte erscheint in 
der Sage überhaupt nicht so sehr als ekelhaftes, sondern nls unheimliches, man 
möchte sagen chthonisches Tier, und wird zur Darstellung der Seelen Verstorbener 
verwendet. 

2) Eines der auf dem Wiener Zcntralfricdhofe so häufigen Erdwicsel. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsn, 



curose 



5*3 



der Ratte bleibt als unzertrennlich, daß sie mit scharfen Zähnen 
nagt und beißt; 1 die Ratte ist aber nicht etwa ohne Strafe bissin- 
gefräßig und schmutzig, sondern sie wird von den Menschen wie 
er oft mit Grausen gesehen hatte, grausam verfolgt und schonungs- 
los erschlagen. Oft hatte er Mitleid mit solchen armen Ratten 
verspürt. Nun war er selbst ein so ekelhafter, schmutziger, kleiner 
Kerl gewesen, der in der Wut um sich beißen konnte und dafür 
fürchterlich gezüchtigt worden war (vgl. Seite 514). Er konnte 
wirklich sein ganz „natürlich Ebenbild" 2 in der Ratte finden. 
Das Schicksal hatte ihm in der Erzählung des Hauptmannes so- 
zusagen ein Komplexreizwort zugerufen, und er versäumte nicht, 
mit seiner Zwangsidee darauf zu reagieren. 

Ratten waren also Kinder nach seinen frühesten und folgen- 
schwersten Erfahrungen. Und nun brachte er eine Mitteilung, 
die er lange genug aus dem Zusammenhange ferngehalten hatte, 
die aber jetzt das Interesse, das er für Kinder haben mußte, voll 
aufklärte. Die Dame, die er durch so lange Jahre verehrte und 
zu heiraten sich doch nicht entschließen konnte, war infolge 
einer gynäkologischen Operation, der Entfernung beider Ovarien, 
zur Kinderlosigkeit verurteilt; es war dies sogar für ihn, der 
Kinder außerordentlich liebte, der Hauptgrund seines Schwankens. 

Erst jetzt wurde es möglich, den unbegreiflichen Vorgang bei 
der Bildung seiner Zwangsidee zu verstehen; mit Zuhilfenahme 
der infantilen Sexualtheorien und der Symbolik, die man aus der 
Deutung von Träumen kennt, ließ sich alles sinnreich übersetzen. 
Als der Hauptmann auf der Nachmittagsrast, bei der er seinen 
Zwicker einbüßte, von der Rattenstrafe erzählte, packte ihn zuerst 
nur der grausam lüsterne Charakter der vorgestellten Situation. 
Aber sofort stellte sich die Verbindung mit jener Kinderszene 



1) „Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten. 
Bedarf ich eines Rattenzahns. 



Noch einen Biß, so ist's geschehn" — sagt Mephisto. 
2) Auerbachs Keller. 






21« 



~j 2 4 Krankengeschichten 



her, in der er selbst gebissen hatte; der Hauptmann, der für 
solche Strafen eintreten konnte, rückte ihm an die Stelle des 
Vaters und zog einen Teil der wiederkehrenden Erbitterung auf 
sich, die sich damals gegen den grausamen Vater empört hatte. 
Die flüchtig auftauchende Idee, es könnte einer ihm lieben Person 
etwas dergleichen geschehen, wäre zu übersetzen durch die 
Wunschregung: Dir sollte man so etwas tun, die sich gegen den 
Erzähler, dahinter aber schon gegen den Vater richtete. Als ihm 
dann iV 2 Tage später 1 der Hauptmann das mit Nachnahme an- 
gelangte Paket überreicht und ihn mahnt, die 5 Kronen 80 Heller 
dem Oberleutnant A. zurückzugeben, weiß er bereits, daß der 
„grausame Vorgesetzte" sich irrt, und daß er niemand anderem 
als dem Postfräulein verpflichtet ist. Es liegt ihm also nahe, eine 
höhnische Antwort zu bilden wie: Ja freilich, was fällt dir denn 
ein? oder: Ja, Schnecken, oder: Ja, einen Schmarren 2 werd' ich 
ihm das Geld zurückgeben, Antworten, die er nicht hätte aus- 
sprechen müssen. Aber aus dem unterdes aufgerührten Vater- 
komplex und der Erinnerung an jene Infantilszene gestaltet sich 
ihm die Antwort: Ja, ich werde dem A. das Geld zurückgeben, 
wenn mein Vater und meine Geliebte Kinder bekommen, oder: 
So wahr mein Vater und die Dame Kinder bekommen können, 
so gewiß werde ich ihm das Geld zurückgeben. Also eine höhnende 
Beteuerung an eine unerfüllbare absurde Bedingung geknüpft. 5 
Aber nun war das Verbrechen begangen, die beiden ihm 
teuersten Personen, Vater und Geliebte, von ihm geschmäht; 
das forderte Strafe, und die Bestrafung bestand in dem Aufer- 
legen eines unmöglich zu erfüllenden Eides, der den Wortlaut 

1) Nicht am nächsten Abend, wie er zuerst erzählte. Es ist ganz unmöglich, daß 
der bestellte Zwicker noch «in gelben Tage ungclangt wäre. Er verkürzt diese 
Zwischenzeit in der Erinnerung, weil in ihr die entscheidenden Gedankenverbin- 
dungen sich herstellten, und weil er die in sie fallende Begegnung mit dem Offizier 
verdrängt, der ihm vom freundlichen Benehmen des Postfräuleins erzählte. 

2) Wienerisch. 

ri 3) Die Absurdität bedeutet also auch in der Sprache des Zwangsdenkcns Hohn 
i\»owie im Traume. Siehe Traumdeutung, 7. Aufl. S. 295. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 



des Gehorsams gegen die unberechtigte Mahnung des Vorgesetzten 
einhielt: Jetzt mußt du wirklich dem A. das Geld zurück- 
geben. Im krampfhaften Gehorsam verdrängte er sein besseres 
Wissen, daß der Hauptmann seine Mahnung auf eine irrige 
Voraussetzung gründe: „Ja, du mußt dem A. das Geld zurück- 
geben, wie der Stellvertreter des Vaters verlangt hat. Der 
Vater kann nicht irren." Auch die Majestät kann nicht irren, 
und wenn sie einen Untertan mit einem ihm nicht ge- 
bührenden Titel angesprochen hat, so trägt er fortan diesen 
Titel. 

Von diesem Vorgange gelangt in sein Bewußtsein nur un- 
deutliche Kunde, aber die Auflehnung gegen das Gebot des 
Hauptmannes und der Umschlag ins Gegenteil sind auch im 
Bewußtsein vertreten. (Zuerst: Nicht das Geld zurückgeben, 
sonst geschieht das .... [die Rattenstrafe], und dann die Ver- 
wandlung in den gegenteiligen Eidauftrag als Strafe für die Auf- 
lehnung.) 

Man vergegenwärtige sich noch die Konstellation, in welche 
die Bildung der großen Zwangsidee fiel. Er war durch lange 
Abstinenz sowie durch das freundliche Entgegenkommen, auf das 
der junge Offizier bei den Frauen rechnen darf, libidinüs geworden, 
war überdies in einer gewissen Entfremdung von seiner Dame 
zur Waffenübung eingerückt. Diese Libidosteigerung machte ihn 
geneigt, den uralten Kampf gegen die Autorität des Vaters wieder 
aufzunehmen, und er getraute sich an sexuelle Befriedigung bei 
anderen Frauen zu denken. Die Zweifel am Andenken des Vaters 
und die Bedenken gegen den Wert der Geliebten hatten sich 
gesteigert; in solcher Verfassung ließ er sich zur Schmähung 
gegen beide hinreißen, und dann bestrafte er sich dafür. Er 
wiederholte damit ein altes Vorbild. Wenn er dann nach Schluß 
der Waffenübung so lange schwankt, ob er nach Wien reisen 
oder bleiben und den Eid erfüllen solle, so stellt er damit in 
einem die beiden Konflikte dar, die ihn von jeher bewegt hatten, 



3 2( > Krankengeschichten 



ob er dem Vater gehorsam und ob er der Geliebten treu 
bleiben solle. 1 

Noch ein Wort über die Deutung des Inhaltes der Sanktion: 
sonst wird an den beiden Personen die Rattenstrafe vollzogen. 
Sie ruht auf der Geltung zweier infantiler Sexualtheorien, über 
die icli an anderer Stelle Auskunft gegeben habe. 2 Die erste 
dieser Theorien geht dahin, daß die Kinder aus dem After 
herauskommen; die zweite schließt konsequent mit der Möglich- 
keit an, daß Männer ebensowohl Kinder kriegen können wie 
Frauen. Nach den technischen Regeln der Traumdeutung kann 
das Aus-dem-Darm-Hei auskommen durch seinen Gegensatz: ein 
In-den-Darm-Hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dargestellt 
werden und umgekehrt. 

Kinfachere Lösungen für so schwere Zwangsideen oder Lösungen 
mitanderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl nicht berechtigt. Mit 
der Lösung, die sich uns ergab, war das Rattendelirium beseitigt. 



1) Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehorsam gegen den Vater 
wiederum mit der Abwendung von der Dame zusammen fällt. Wenn er bleibt und 
dem A. das Geld zurückgibt, so bat er die Buße gegen den Vater erfüllt und gleich- 
zeitig seine Dame gegen die Anziehung eines anderen Magneten verlassen. Der Sieg 
.n diesem Konflikte verbleibt der Dame, allerdings mit Unterstützung der normalen 
Besinnung. 

2 Vgl. „l'ber infantile Sexualtheorien" (Bd. V dieser Gesamtausgabe,. 



II 

ZUR THEORIE 

a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen 1 

Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangsvor- 
stellungen, sie seien „verwandelte, aus der Verdrängung wieder- 
kehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit Lust 
ausgeführte Aktion der Kinderjahre beziehen", 2 erscheint mir 
heute formell angreifbar, obwohl sie aus den besten Elementen 
zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr nach Vereinheitlichung 
und nahm sich den Vorgang der Zwangskranken selbst zum 
Muster, welche mit der ihnen eigentümlichen Neigung zur Un- 
bestimmtheit die verschiedenartigsten psychischen Bildungen als 
„Zwangsvorstellungen " zusammenwerfen. 3 Es ist in der Tat 
korrekter, von „Zwangsdenken" zu sprechen und hervorzuheben, 
daß die Zwangsgebilde den Wert der verschiedenartigsten psychi- 
schen Akte haben können. Sie lassen sich als Wünsche, Ver- 

1) Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandelten Punkte sind in 
der Literatur der Zwangsneurose bereits erwähnt worden, wie man aus dem gründ- 
lichen Hauptwerke über diese Krankheitsform, dem 1904 veröffentlichten Buch von 
L. Löwenfeld, „Die psychischen Zwangserscheinungen", ersehen kann. 

2) „Weitere Bemerkungen über die Abwehrnetu-opsychosen" 'Bd. I dieser Ge- 
samtansgabe). 

5) Dieser Mangel der Definition wird im Aufsatze selbst verbessert. Es heißt 
darin: „Die wiederbelebten Erinnerungen und die aus ihnen gebildeten Vorwürfe 
treten aber niemals unverändert ins Bewußtsein ein, sondern was als Zwangsvor- 
stellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die pathogene Erinnerung für das bewußte 
Leben substituiert, sind Komproinißbildungen zwischen den verdrängten und 
dm verdrängenden Vorstellungen". In der Definition ist also ein besonderer Akzent 
auf das Wort „verwandelt" zu legen. 



5 g8 Krankengeschichten 



suchungen, Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote 
bestimmen. Die Kranken haben im allgemeinen das Bestreben 
diese Bestimmtheit abzuschwächen und den seines Affektindex 
beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu führen. Ein Beispiel 
für solche Behandlung eines Wunsches, der zur bloßen „Denk- 
verbindung" herabgesetzt werden sollte, bot uns unser Patient in 
einer der ersten Sitzungen (S. 290). 

Man muß auch bald zugestehen, dal) bisher nicht einmal die 
Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend gewürdigt werden 
konnte. In dem sekundären Abwehrkampf, den der Kranke gegen 
die in sein Bewußtsein eingedrungenen „Zwangsvorstellungen" 
führt, kommen Bildungen zustande, die einer besonderen Be- 
nennung würdig sind. Man denke z. B. an die Gedankenreihen, 
die unseren Patienten während seiner Rückfahrt von der Waffen- 
übung beschäftigen. Es sind nicht rein vernünftige Erwägungen, 
die den Zwanksgedanken entgegengesetzt weiden, sondern gleich- 
sam Mischlinge zwischen beiden Denkungsarten, sie nehmen 
gewisse Voraussetzungen des Zwanges, den sie bekämpfen, in sich 
auf und stellen sich (mit den Mitteln der Vernunft) auf den 
Boden des krankhaften Denkens. Ich meine, solche Bildungen 
verdienen den Namen von „Delirien". Ein Beispiel, das ich an 
seine Stelle in der Krankengeschichte einzufügen bitte, wird die 
Unterscheidung klarmachen. Als unser Patient sich eine Zeitlang 
während seines Studiums dem beschriebenen tollen Treiben hin- 
gegeben hatte, bis in die späte Nacht zu arbeiten, dann für den 
Geist des Vaters die Türe zu öffnen, dann seine Genitalien im 
Spiegel zu beschauen (S. 315), suchte er sich mit der Mahnung 
zurecht zu bringen, was wohl der Vater dazu sagen würde, wenn 
er wirklich noch am Leben wäre. Aber dieses Argument hatte 
keinen Erfolg, solange es in dieser vernünftigen Form vorgebracht 
wurde; der Spuk hörte erst auf, nachdem er dieselbe Idee in die Form 
einer deliriösen Drohung gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn 
noch einmal übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel zustoßen. 



Bemerkungen über einen Fall, von Zwangsneurose 329 

Der Wert der sicherlich berechtigten Unterscheidung zwischen 
primärem und sekundärem Abwehrkampf wird in unerwarteter 
Weise durch die Erkenntnis eingeschränkt, daß die Kranken 
den Wortlaut ihrer eigenen Zwangsvorstellungen nicht 
kennen. Es klingt paradox, hat aber seinen guten Sinn. Im 
Verlaufe einer Psychoanalyse wächst nämlich nicht nur der Mut 
des Kranken, sondern gleichsam auch der seiner Krankheit^ sie 
getraut sich deutlicherer Äußerungen. Um die bildliche Darstellung 
zu verlassen, es geht wohl so zu, daß der Kranke, der sich bisher 
erschreckt von der Wahrnehmung seiner krankhaften Produktionen 
abgewendet hatte, ihnen nun seine Aufmerksamkeit schenkt und 
sie deutlicher und ausführlicher erfährt. 1 

Eine schärfere Kenntnis der Zwangsbildungen gewinnt man 
überdies auf zwei besonderen Wegen. Erstens macht man die 
Erfahrung, daß die Träume den eigentlichen Text des Zwangs- 
gebotes u. dgl. bringen können, der im Wachen nur verstümmelt 
und entstellt, wie in einer verunstalteten Depesche, bekannt 
worden ist. Diese Texte treten im Traume als Reden auf, ent- 
gegen der Regel, daß Reden im Traume von Reden am Tage 
herrühren. 2 Zweitens gewinnt man in der analytischen Verfolgung 
einer Krankengeschichte die Überzeugung, daß oft mehrere auf- 
einander folgende, aber im Wortlaute nicht identische Zwangs- 
vorstellungen im Grunde doch eine und diesselbe sind. Die 
Zwangsvorstellung ist das erstemal glücklich abgewiesen worden, 
sie kehrt nun ein andermal in entstellter Form wieder, wird 
nicht erkannt und kann sich vielleicht gerade infolge ihrer Ent- 
stellung im Abwehrkampfe besser behaupten. Die ursprüngliche 
Form aber ist die richtige, die oft ihren Sinn ganz unverhüllt 
erkennen läßt. Hat man eine unverständliche Zwangsidee müh- 



1) Bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer Aufmerksamkeit so weit, 
daß sie den Inhalt einer Zwangsvorstellung überhaupt nicht angeben, eine Zwangs- 
handlung, die sie unzählige Male ausgeführt, nicht beschreiben können. 

2) Vgl- „Traumdeutung'", ?. Aufl. S. 285. 



55° Krankengeschichten 



selig aufgeklart, so kann man nicht selten vom Kranken hören, 
daß ein Einfall, Wunsch, Versuchung wie der konstruierte, wirklich 
vor der Zwangsidee einmal aufgetreten ist, aber sich nicht ge- 
halten hat. Die Beispiele hiefür aus der Geschichte unseres 
Patienten würden leide]- zu umständlich ausfallen. 

Die offiziell so bezeichnete „Zwangsvorstellung" 1 trägt also in 
ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wortlaut die Spuren 
des primären Abwehrkampfes an sich. Ihre Entstellung macht sie 
nun lebensfähig, denn das bewußte Denken ist genötigt, sie in 
ähnlicher Weise mißzuverstehen wie den Trauminhalt, der selbst 
ein Kompromiß- und Entstellungsprodukt ist und vom wachen 
Denken weiter mißverstanden wird. 

Das Mißverständnis des bewußten Denkens läßt sich nun nicht 
nur an den Zwangsideen selbst, sondern auch an den Produkten 
des sekundären Abwehrkampfes, z. ß. an den Schutzformeln nach- 
weisen. HiefÜr kann ich zwei gute Beispiele bringen. Unser 
Patient gebrauchte als Abwehrformel ein [rasch ausgesprochenes 
aber, von einer abweisenden Handbewegung begleitet. Er erzählte 
dann einmal, diese Formel habe sich in letzter Zeit verändert; 
er sage nicht mehr aber, sondern aber. Nach dem Grunde dieser 
Fortentwicklung befragt, gab er an, das stumme e der zweiten 
Silbe gebe ihm keine Sicherheit gegen die gefürchtete Einmengung 
von etwas Fremdem und Gegensätzlichem, und darum habe er 
beschlossen, das e zu akzentuieren. Diese Aufklärung, ganz im 
Stile der Zwangsneurose gehalten, erwies sich doch als unzu- 
treffend, sie konnte höchstens den Weit einer Rationalisierung 
beanspruchen; in Wirklichkeit war das aber eine Angleichung an 
Abwehr, welchen Terminus er aus den theoretischen Gesprächen 
über die Psychoanalyse kannte. Die Kur war also in mißbräuchlicher 
und deliriöser Weise zur Verstärkung einer Abwehrformel ver- 
wendet worden. Ein andermal sprach er von seinem Haupt- 
zauberwort, das er zum Schutze gegen alle Anfechtungen aus 
den Anfangsbuchstaben aller heilkräftigsten Gebete zusammen- 






Bemerkungen aber einen Fall von Zwangsneurose 531 

gesetzt und mit einem angehängten Amen versehen hatte. Ich 
kann das Wort selbst nicht hierhersetzen aus Gründen die sich 
sogleich ergeben werden. Denn, als ich es erfuhr, mußte ich 
bemerken, daß es vielmehr ein Anagramm des Namens seiner 
verehrten Dame war; in diesem Namen war ein 5 enthalten 
welches er ans Ende und unmittelbar vor das angehängte Amen 
gesetzt hatte. Er hatte also — wir dürfen sagen: seinen Samen 
mit der Geliebten zusammengebracht, d. h. mit ihrer Person in 
der Vorstellung onaniert. Diesen aufdringlichen Zusammenhang 
hatte er aber selbst nicht bemerkt; die Abwehr hatte sich vom 
Verdrängten narren lassen. Übrigens ein gutes Beispiel für den 
Satz, daß mit der Zeit das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang 
in das verschafft, wodurch es abgewehrt wird. 

Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken eine Ent- 
stellung erfahren haben ähnlich wie die Traumgedanken, ehe 
sie zum Trauminhalte werden, so darf uns die Technik dieser 
Entstellung interessieren, und es stünde nichts im Wege, die 
verschiedenen Mittel derselben an einer Reihe von übersetzten 
und verstandenen Zwangsideen darzulegen. Auch hiervon kann 
ich aber unter den Bedingungen dieser Publikation nur einzelne 
Proben geben. Nicht alle Zwangsideen unseres Patienten waren 
so kompliziert gebaut und so schwer aufzuschließen w-ie die große 
Rattenvorstellung. Bei anderen war eine sehr einfache Technik 
gebraucht woi'den, die der Entstellung durch Auslassung — 
Ellipse — , die beim Witz so vorzügliche Anwendung findet, 
aber auch liier ihre Schuldigkeit als Schutzmittel gegen das 
Verständnis tat. 

Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangsideen (vom Wert 
einer Mahnung oder Warnung) lautete z. B.: Wenn ich die Dame 
heirate, geschieht dem Vater ein Unglück (im Jenseits). Setzen 
wir die übersprungenen und aus der Analyse bekannten Zwischen- 
glieder ein, so lautet der Gedankengang: Wenn der Vater lebte 
so würde er über meinen Vorsatz, die Dame zu heiraten, ebenso 



55 2 Krankengeschichten 



wütend werden wie damals in der Kinderszene, so daß ich 
wiederum eine Wut gegen ihn bekäme und ihm alles Böse 
wünschte, was sich kraft der Allmacht' meiner Wünsche an ihm 
erfüllen müßte 

Oder ein anderer Fall von elliptisi her Auflösung, gleichfalls 
einer Warnung oder eines asketischen Verbotes. Er hatte eine 
herzige kleine Nichte, die er sehr liebte. Eines Tages bekam er 
die Idee: Heim flu dir einen Koitus gestattest, wird der Ella 
ein Unglück geschehen (sterben). Mit F.insetzung des Ausge- 
lassenen: Bei jedem Koitus, auch mit einer Fremden, mußt du 
doch daran denken, daß der Sexual verkehr in deiner Ehe nie 
ein Kind zur Folge haben wird (die Sterilität seiner Geliebten). 
Das wird dir so leid tun, daß du auf die kleine Ella neidisch 
werden und der Schwester das Kind nicht gönnen wirst. Diese 
neidischen Regungen müssen dvw Tod des Kindes zur Folge 
haben. a 

Die elliptische Kntstellungstechnik scheint für die Zwangs- 
neurose typisch zu sein; ich bin ihr auch bei den Zwangsgedanken 
anderer Patienten begegnet. Besonders durchsichtig und durch 
eine gewisse Ähnlichkeit mit der Struktur der Rattenvorstellung 
interessant war ein Fall von Zweifel bei einer wesentlich an 
Zwangshandlungen leidenden Dame. Sie ging mit ihrem Manne 
in Nürnberg spazieren und ließ sich von ihm in einen Laden 
begleiten, in dem sie verschiedene Gegenstände für ihr Kind, 

Über diese „Allmacht" tiehe später. 

2) An die Verwendung der Auslassungstechnik heim Witie will ich durch einige 
Beispiele erinnern, die ich einer Schrift von mir cnliu-hme. Der Witz und seine 
Beziehung zum Unbewußten, 1905; 5. Aufl. 19JI, S. 63. Enthalten in Bd. IX dieser 
Gesamtausgabe.] „In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der 
sich durch die Schürfe seiner Invoklive wiederholt körperliche Mißhandlungen von 
Seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines seiner 
habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein Dritter: Wenn der X. das hört, 
bekommt er eine Ohr feige.... Der Widersinn vergeht, wenn man in die 
Lücke einsetzt: Dann schreibt er einen so bissigen Artikel gegen den Be- 
treffenden, daß" usw. — Dieser elliptische Witz zeigt auch inhaltliche Überein- 
stimmung mit dem obigen ersten Beispiel. 




Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 333 

darunter auch einen Kamm, einkaufte. Der Mann, dem das 
Wählen zu lange dauerte, gab an, er habe auf dem Wege 
einige Münzen bei einem Antiquar gesehen, die er erwerben 
wolle j er werde sie nach dem Kaufe aus diesem Laden abholen. 
Er blieb aber nach ihrer Schätzung viel zu lange aus. Als er 
wiederkam und auf die Frage, wo er sich aufgehalten, antwortete: 
Eben bei jenem Antiquar, bekam sie in demselben Momente den 
quälenden Zweifel, ob sie den fürs Kind gekauften Kamm nicht 
vielmehr seit jeher besessen habe. Natürlich verstand sie den 
simplen Zusammenhang nicht aufzudecken. Wir können gar nicht 
anders als diesen Zweifel für einen verschobenen erklären und 
den vollständigen unbewußten Gedanken in folgender Art kon- 
struieren: Wenn es wahr ist, daß du nur beim Antiquar warst, 
wenn ich das glauben soll, dann kann ich ebenso glauben, daß 
ich diesen eben gekauften Kamm schon seit Jahren besitze. Also 
eine höhnische persiflierende Gleichstellung, ähnlich wie der 
Gedanke unseres Patienten: Ja so gewiß die Beiden (Vater und 
Dame) Kinder bekommen werden, so gewiß werde ich dem A. 
das Geld zurückgeben. Bei der Dame hing der Zweifel an der 
ihr unbewußten Eifersucht, die sie annehmen ließ, ihr Mann 
habe das Intervall zu einem galanten Besuch benutzt. 

Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens versuche 
ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie würde außerordentlich 
wertvolle Ergebnisse bringen und zur Klärung unserer Einsichten 
in das Wesen des Bewußten und Unbewußten mehr leisten als 
das Studium der Hysterie und der hypnotischen Erscheinungen. 
Es wäre sehr wünschenswert, daß die Philosophen und Psycho- 
logen welche vom Hörensagen her oder aus ihren konventionellen 
Definitionen scharfsinnige Lehren über das Unbewußte entwickeln, 
sich vorher die entscheidenden Eindrücke aus den Erscheinungen 
des Zwangdenkens holten; man könnte es beinahe fordern, wenn 
es nicht soviel mühseliger wäre als die ihnen sonst vertrauten 
Arbeitsweisen. Ich werde hier nur noch anführen, daß bei der 



554 Krank ciigcscliiclitni 



Zwangsneurose gelegentlich die unbewußten seelischen Vorgänge 
üa reinster, unentstellter Form zum Bewußten durchbrechen, daß 
der Durchbruch von den verschiedensten Stadion des unbewußten 

Denkprozesses her erfolgen kann, und daß die Zwangsvorstellungen 
im Momente des Durchbruches meist als längst bestehende 
Bildungen erkannt werden können. Daher die auffällige Krsi heinuno-, 
daß der Zwangskranke, wenn mau mit ihm dem ersten Auftreten 
einer Zwangsidee nachforscht, dieselbe im Laufe der Analyse 
immer weiter nach rückwärts verlegen muß, immer neue erste 
\ eranlassungen für sie findet. 

b) Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken — 
ihr ierhöttnis zur Realität, zum Aberglauben und zum Tod 

Ich habe hier einige seelische Charaktere der Zwangskranken 
zu behandeln, welche an sich nicht wichtig scheinen, aber auf 
dem Wege zum Verständnisse von Wichtigerem liegen. Sie waren 
bei meinem Patienten sehr deutlich ausgesprochen, — ich weiß 
aber, daß sie nicht seiner Individualität, sondern seinem Leiden 
zuzurechnen sind und sich in ganz typischer Weise bei anderen 
Zwangskranken wiederfinden. 

Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch, und dies 
zwar, obwohl er ein hochgebildeter, aufgeklärter Mann von 
bedeutendem Scharfsinn war und zuzeiten versichern konnte, 
daß er von all dem Plunder nichts für wahr halte. Kr war also 
abergläubisch und war es doch nicht und unterschied sich doch 
deutlich von den ungebildeten Abergläubischen, die sich eins mit 
ihrem Glauben fühlen. Er schien zu verstehen, daß sein Aber- 
glaube von seinem Zwangsdenken abhing, obwohl er sich zuzeiten 
voll zu ihm bekannte. Ein so widerspruchsvolles und schwankendes 
Benehmen läßt sich am ehesten unter dem Gesichtswinkel eines 
bestimmten Erklärungsversuches erfassen. Ich habe nicht gezögert 
anzunehmen, daß er betreffs dieser Dinge zwei verschiedene und 







Bemerkungen über ein en Fall von Zwangsneurose *,,- 

entgegengesetzte Überzeugungen hatte und nicht etwa eine noch 
unfertige Meinung. Zwischen diesen beiden Meinungen oszillierte 
er dann in sichtbarster Abhängigkeit von seiner sonstigen 
Stellung zum Zwangsleiden. Sowie er eines Zwanges Herr ge- 
worden war, belächelte er seine Leichtgläubigkeit mit über- 
legenem Verständnis, und es ereignete sich ihm nichts, was ihn 
hätte erschüttern können, und sobald er wieder unter die 
Herrschaft eines ungelösten Zwanges — oder was gleichwertig 
ist: eines Widerstandes — gekommen war, erlebte er die sonder- 
barsten Zufalle, welche der gläubigen Überzeugung zu Hilfe 
kamen. 

Sein Aberglaube war immerhin der eines gebildeten Mannes 
und sah von Abgeschmacktheiten, wie die Angst vor dem Freitag, 
vor der Zahl 1 5 u. dg]., ab. Er glaubte aber an Vorzeichen, an 
prophetische Träume, begegnete beständig jenen Personen, mit 
denen er sich unerklärlicherweise eben beschäftigt hatte, und 
erhielt Briefe von Korrespondenten, die sich ihm nach den längsten 
Pausen plötzlich in geistige Erinnerung gebracht hatten. Dabei 
war er rechtschaffen genug oder vielmehr soweit seiner offiziellen 
Überzeugung getreu, daß er Fälle nicht vergessen hatte, in denen 
die intensivsten Ahnungen zu nichts gekommen waren z. B. einmal 
als er sich in den Sommeraufenthalt, begab, die sichere Ahnung, 
er werde nicht mehr lebend nach Wien zurückkehren. Auch gab 
er zu, daß die größte Mehrzahl der Vorzeichen Dinge betrafen, 
die keine besondere Bedeutung für seine Person hatten, und daß, 
wenn er einem Bekannten begegnete, an den er sehr lange nicht 
und gerade wenige Momente vorher gedacht hatte, sich zwischen 
diesem wundersam Erschauten und ihm weiter nichts zutruo-. 
Natürlich war er auch nicht imstande, es in Abrede zu stellen 
daß alles Bedeutsame seines Lebens sich ohne Vorzeichen zuge- 
tragen hatte, sowie er z. B. vom Tode des Vaters ahnungslos 
überrascht worden war. Aber alle solche Argumente änderten 
an dem Zwiespalt seiner Überzeugungen nichts und erwiesen 



336 Krankengeschichten 



nur den Zwangscharakter seines Aberglaubens, der bereits aus 
dessen mit dem Widerstand gleichsinnigen Schwankungen zu er- 
schließen war. 

Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren Wunder- 
geschichten rationell aufzuklaren, aber für das, was sich von ähn- 
lichen Dingen während der Zeit der Behandlung ereignete, konnte 
ich ihm nachweisen, daß er selbst beständig an der Fabrikation 
der Wunder beteiligt sei, und welcher Mittel er sich dabei bediene. 
Er arbeitete mit dem indirekten Sehen und Lesen, mit Vergessen 
und vor allem mit Gedächtsnistäuschungen. Am Ende half er 
mir selbst die kleinen Taschenspielerkünste aufdecken, durch 
welche jene Wunder gemacht wurden. Als interessante infantile 
Wurzel seines Glaubens an das Eintreffen von Ahnungen und 
von Vorhersagen ergab sich einmal die Erinnerung, daß die 
Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt werden sollte, gesagt 
hatte: „An dem und dem Tage kann ich nicht; da werde ich 
liegen müssen." Und wirklich lag sie an dem angekündigten 
Tage jedesmal zu Bett! 

Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfnis war, im Erleben 
solche Stützpunkte für seinen Aberglauben zu finden, daß er 
darum die bekannten unerklärlichen Zufälligkeiten des Alltags 
so sehr beachtete und mit dem unbewußten Tun nachhalf, wo 
diese nicht ausreichten. Dies Bedürfnis habe ich bei vielen anderen 
Zwangskranken gefunden und vermute es bei noch mehreren. 
Es scheint mir aus dem psychologischen Charakter der Zwangs- 
neurose gut erklärlich. Wie ich vorhin (S. 305) auseinandergesetzt, 
erfolgt bei dieser Störung die Verdrängung nicht durch Amnesie, 
sondern durch Zerreißung von kausalen Zusammenhängen infolge 
von Affektentziehung. Eine gewisse mahnende Kraft — die ich 
an anderer Stelle mit einer endopsy einsehen Wahrnehmung ver- 
glichen habe 1 — scheint nun diesen verdrängten Beziehungen 

1) Zur Psychopathologie des Alltagsleben!. Diese Gesamtausgabe Bd. IV, S. 511.) 



^"^rkungen über einen Fall von Zwangsneur ose ^7 

zu verbleiben, so daß sie auf dem Wege der Projektion in die [ 
Außenwelt eingetragen werden und dort Zeugnis ablegen für 
das im Psychischen Unterbliebene. J 

Ein anderes den Zwangskranken gemeinsames seelisches Be- 
dürfnis, das mit dem eben erwähnten eine gewisse Verwandt- 
schaft hat und dessen Verfolgung tief in die Trieberforschung 
führt, ist das nach der Unsicherheit im Leben oder nach 
dem Zweifel. Die Herstellung der Unsicherheit ist eine der 
Methoden, welche die Neurose anwendet, um den Kranken 
aus der Realität zu ziehen und von der Welt zu isolieren 
was ja in der Tendenz jeder psychoneurotischen Störung liegt. 
Es ist wiederum überdeutlich, wieviel die Kranken dazutun, 
um einer Sicherheit auszuweichen und in einem Zweifel ver- 
harren zu können j ja, bei einigen findet diese Tendenz einen 
lebendigen Ausdruck in ihrer Abneigung gegen — Uhren, die 
wenigstens die Zeitbestimmung sichern, und in ihren unbe- 
wußt ausgeführten Kunststückchen, jedes solche den Zweifel 
ausschließende Instrument unschädlich zu machen. Unser Patient 
hatte eine besondere Geschicklichkeit in der Vermeidung von 
Auskünften entwickelt, welche einer Entscheidung in seinem 
Konflikt förderlich gewesen wären. So war er über die für 
die Eheschließung maßgebendsten Verhältnisse seiner Geliebten 
nicht aufgeklärt, wußte angeblich nicht zu sagen, wer die 
Operation an ihr ausgeführt, und ob sie ein- oder doppelseitig 
gewesen sei. Er wurde dazu verhalten, das Vergessene zu erinnern 
und das Vernachlässigte zu erkunden. 

Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit und 
den Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre Gedanken 
vorzugsweise an jene Themen zu heften, wo die Unsicherheit 
eine allgemein menschliche ist, unser Wissen oder unser Urteil 
durch Notwendigkeit dem Zweifel ausgesetzt bleiben mußte. 
Solche Themen sind vor allem: Die Abstammung vom Vater, 
die Lebensdauer, das Leben nach dem Tode und das Gedächtnis', 

Freud, VIII 

22 

>9 t 



xx8 Krankengeschichten 

dem wir ja Glauben zu schenken pflegen, ohne für seine Ver- 
läßlichkeit die mindeste Gewähr /.u besitzen. 1 

Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die Zwangs- 
neurose in ausgiebigster Weise zur Symptombildung; welche 
Rolle Lebensdauer und Jenseits inhaltlich im Denken der Kranken 
spielen, werden wir bald erfahren. Ich will als passendsten Über- 
gang vorher noch jenen Zug des Aberglaubens bei unserem 
Patienten besprechen, dessen Erwähnung an einer früheren Stelle 
(S. 332) gewiß bei mein- als einem Leser Befremden erregt 

haben wird. 

Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Gedanken 
und Gefühle, guten und bösen Wünsche. Die Versuchung, diese 
Idee für einen Wahn zu erklären, weh I.e. das Maß der Zwangs- 
neurose überschreitet, ist gewiß nicht gering; allein ich habe 
dieselbe Überzeugung bei einem andern Zwangskranken gefunden, 
der seit langem hergestellt ist und sich normal betätigt, und 
eigentlich benehmen sich alle Zwangsneurotiker so, als ob sie 
diese Überzeugung teilten. Es wird unsere Aufgabe sein, diese 
Überschätzung aufzuklären. Nehmen wir ohneweiters an, daß 
in diesem Glauben ein Stück des allen Kindergrüßenwahnes 
ehrlich eingestanden wird, und befragen wir unseren Patienten, 
worauf er seine Überzeugung stützt. Kr antwortet mit der Be- 
rufung auf zwei Erlebnisse. Als er zum zweitenmal in jene 
Wasserheilanstalt kam, in welcher er die erste und einzige Be- 
einflussung seines Leidens erfahren halte, verlangte er das näm- 
liche Zimmer wieder, welches seine Bezieh ungen zu einer der 

1) Lichtenberg: „Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom ungefähr mit 
der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater war, aber nicht mit der, woher 
er weiß, wer seine Mutter gewesen ist." -- Es war ein großer Kulturfortschntt als 
die Menschen sich entschlossen, den Schluß neben dus Zeugnis der Smne iu stellen 
und vom Mutterrecht zum Vntem-.h. Überzug«-!.«-». Prähistorische Figuren, in 

denen eine kleinere Gestalt auf dem Kopfe einer größeren sitzt, stellen die Ab- 
stammung vom Vater dar; die mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte des 
Zeus. Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht, der etwas beglaubigt, 
nach dem männlichen Anli-il am Geschäfte der Fortpflanzung, und schon in den 
Hieroglyphen wird der Zeuge mit dem Hilde der männlichen Genitalien geschrieben. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 



539 



Pflegerinnen durch seine Lage begünstigt hatte. Er erhielt die 
Antwort: das Zimmer sei schon vergeben, ein alter Professor 
habe es bereits bezogen, und er reagiert auf diese, seine Kur- 
aussichten sehr herabsetzende Nachricht mit den unfreundlichen 
Worten: Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tao- e 
später erwachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung einer 
Leiche gestört, und am Morgen hörte er, daß den Professor 
wirklich der Schlag getroffen, und daß man ihn etwa um die 
Zeit seines Erwachens aufs Zimmer gebracht habe. Das andere 
Erlebnis betraf ein älteres, sehr liebebedürftiges Mädchen, welches 
sich sehr entgegenkommend gegen ihn benahm und ihn einmal 
direkt befragte, ob er sie nicht lieb haben könne. Er gab eine 
ausweichende Antwort; wenige Tage nachher hörte er, daß sich 
das Mädchen aus dem Fenster gestürzt habe. Er machte sich 
nun Vorwürfe und sagte sich, es wäre in seiner Macht gelegen, 
sie am Leben zu erhalten, wenn er ihr seine Liebe geschenkt 
hätte. Auf solche Weise gewann er die Überzeugung von der 
Allmacht seiner Liebe und seines Hasses. Ohne die Allmacht der 
Liebe zu leugnen, wollen wir hervorheben, daß es sich in 
beiden Fällen um den Tod handelt, und werden uns der nahe 
liegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient wie andere 
Zwangskranke gezwungen ist, die Wirkung seiner feindseligen 
Gefühle in der Außenwelt zu überschätzen, weil seiner bewußten 
Kenntnis ein großes Stück der innern psychischen Wirkung der- 
selben Gefühle entgeht. Seine Liebe — oder vielmehr sein Haß 
— sind wirklich übermächtig; sie schaffen gerade jene Zwangs- 
gedanken, deren Herkunft er nicht versteht, und gegen die er 
sich erfolglos wehrt.' 

Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz besonderes 
Verhältnis. Er nahm an allen Todesfällen warmen Anteil, be- 



i) [Zusatz 192}:] Die Allmacht der Gedanken, richtiger der Wünsche, ist seither 
als ein wesentliches Stück des primitiven Seelenlebens erkannt worden. (Siehe „Totem 
und Tabu", Bd. X dieser Gesamtausgabe). 



22' 



34<> Krankengeschichten 



teiligle sich pietätvoll an den Leichenbegängnissen, so daß er 
von den Geschwistern spöttisch der Leichen vogel genannt werden 
konnte; er brachte aber auch in der Phantasie beständig Leute 
um, um herzliche Teilnahme mit den Hinterbliebenen zu äußern. 
Der Tod einer älteren Schwester, als er zwischen 5 und 4 Jahren 
alt war, spielte in seinen Phantasien eine große Rolle und war 
in die innigste Beziehung zu den kindlichen Missetaten jener 
Jahre gebracht worden. Wir wissen ferner, wie frühzeitig der 
Gedanke an den Tod des Vaters ihn beschäftigt hatte, und 
dürfen seine Erkrankung selbst als Reaktion auf dieses 15 Jahre 
vorher im Zwange gewünschte Ereignis auffassen. Nichts anderes 
als eine Kompensation für diese Todeswünsche gegen den Vater 
ist die befremdliche Erstreckung seiner Zwangsbefürchtungen auf 
das „Jenseits". Sie wurde eingeführt, als die Trauer um den 
verstorbenen Vater l'/a Jahre später eine Auffrischung erfuhr, 
und sollte, der Realität zum Trotze und dem Wunsche, der sich 
vorher in allerlei Phantasien versucht hatte, zuliebe, den Tod 
des Vaters wieder aufheben. Wir haben den Zusatz „im Jenseits" 
an mehreren Stellen (S. 328, 551) übersetzen gelernt mit den 
Worten: „wenn der Vater noch lebte". 

Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen sich 
andere Zwangskranke, denen das Schicksal nicht ein erstes Zu- 
sammentreffen mit tlein Phänomen des Todes in so frühen Jahren 
beschieden hat. Ihre Gedanken beschäftigen sich unausgesetzt mit 
der Lebensdauer und der Todesmöglichkeit anderer, ihre aber- 
gläubischen Neigungen hatten zuerst keinen andern Inhalt und 
haben vielleicht überhaupt keine andere Herkunft. Vor allem 
aber bedürfen sie der Todesmöglichkeit zur Lösung der von 
ihnen ungelöst gelassenen Konflikte. Ihr wesentlicher Charakter 
ist, daß sie der Entscheidung zumal in Liebessachen unfähig 
sind; sie trachten jede Entscheidung hinauszuschieben und im 
Zweifel, für welche Person oder für welche Maßregel gegen 
eine Person sie die Entscheidung treffen sollen, muß das alte 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 



51 1 



deutsche Reichsgericht ihr Vorbild werden, dessen Prozesse ge- 
wöhnlich durch den Tod der streitenden Parteien vor dem 
Richteispruch beendigt wurden. So lauern sie in jedem Lebens- 
konflikt auf den Tod einer für sie bedeutsamen, zumeist einer 
geliebten Person, sei es eines Teiles der Eltern, sei es eines 
Nebenbuhlers oder eines der Liebesobjekte, zwischen denen ihre 
Neigung schwankt. Mit dieser Würdigung des Todeskomplexes 
bei der Zwangsneurose streifen wir aber bereits an das Trieb- 
leben der Zwangskranken, das uns nun beschäftigen soll. 

c) Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel 

Wenn wir zur Kenntnis der psychischen Kräfte gelangen 
wollen, deren Gegenspiel diese Neurose aufgebaut hat, so müssen 
wir auf das zurückgreifen, was wir bei unserem Patienten über 
die Anlässe seiner Erkrankung im reifen Alter und in der Kind- 
heit erfahren haben. Er erkrankte in den zwanziger Jahren, als 
er vor die Versuchung gestellt wurde, ein anderes Mädchen als 
die von ihm längst Geliebte zu heiraten, und entzog sich der 
Entscheidung dieses Konfliktes durch Aufschub aller für deren 
Vorbereitung erforderlichen Tätigkeiten, wozu ihm die Neurose 
die Mittel lieferte. Das Schwanken zwischen der Geliebten 
und der anderen läßt sich auf den Konflikt zwischen dem Ein- 
fluß des Vaters und der Liebe zur Dame reduzieren, also auf 
eine Konfliktwahl zwischen Vater und Sexualobjekt, wie sie den 
Erinnerungen und Zwangseinfällen zufolge schon in früher Kind- 
heit bestanden hatte. Überdies ist durch sein ganzes Leben un- 
verkennbar, daß in bezug auf seine Geliebte wie auf seinen 
Vater ein Widerstreit zwischen Liebe und Haß bei ihm bestand. 
Rachephantasien und Zwangserscheinungen wie der Verstehzwang 
oder die Hantierung mit dem Steine auf der Landstraße be- 
zeugen diesen Zwiespalt in ihm, der bis zu einem gewissen 
Grade normal verständlich war, denn die Geliebte hatte ihm 
durch eine erste Abweisung und durch spätere Kühle Grund zu 



542 



K in n kr n geschieh ten 



feindseligen Gefühlen gegeben. Aber die gleiche Zwiespältigkeit 
der Gefühle beherrschte, wie wir durch die Übersetzung seiner 
Zwangsgedanken erfahren haben, sein Verhältnis zum Vater, 
und auch der Vater mußte ihm in Kinderzeiten Grund zur 
Feindseligkeit gegeben haben, wie wir fast mit Sicherheit fest- 
stellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feindseligkeit zu- 
sammengesetztes Verhältnis zur Geliebten fiel zum großen Teile 
in seine bewußte Wahrnehmung. Er täuschte sich höchstens 
über das Maß und über den Ausdruck des negativen Gefühls, 
hingegen war die einst intensiv bewußt gewesene Feindseligkeit 
gegen den Vater ihm längst entrückt, und konnte nur gegen 
seinen heftigsten Widerstand ins Bewußtsein zurückgebracht 
werden. In der Verdrängung des infantilen Hasses gegen den 
Vater erblicken wir jenen Vorgang, welcher alles weitere Ge- 
schehen in den Rahmen der Neurose zwang. 

Die einzeln bei unserem Patienten aufgezählten Gefühls- 
konflikte sind nicht unabhängig von einander, sondern paarig mit- 
einander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur 
Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt. Aber 
die zwei Konfliktströmungen, die nach dieser Vereinfachung er- 
übrigen, der Gegensatz zwischen dein Vater und der Geliebten 
und der Widerspruch von Liebe und Haß in jedem einzelnen 
Verhältnisse haben inhaltlich wie genetisch nichts miteinander 
zu schaffen. Der erste der beiden Konflikte entspricht dem 
normalen Schwanken zwischen Mann und Weib als Objekten 
der Liebeswahl, welches dem Kinde zuerst in der berühmten 
Frage nahe gebracht wird: Wen hast du lieber, Papa oder 
Mama? und das ihn dann durchs Leben begleitet trotz aller 
Verschiedenheiten in der Ausbildung der Empfindungsintensitäten 
und in der Fixierung der endgültigen Sexualziele. Nur verliert 
diese Gegensätzlichkeit normalerweise bald den Charakter des 
scharfen Widerspruches, des unerbittlichen Entweder — Oder: 
es wird Raum für die ungleichen Ansprüche beider Teile ge- 



Bemerkungen über einen Fall von 'Zwangsneurose 343 

schaffen, obwohl auch beim Normalen jederzeit die Wert- 
schätzung des einen Geschlechtes durch die Entwertung des 
anderen gehoben wird. 

Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte, der zwischen 
Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende Verliebtheit häufig 
als Haß wahrgenommen wird, daß Liebe, der die Befriedigung 
versagt ist, sich leicht zum Teil in Haß umsetzt, und hören von 
den Dichtern, daß in stürmischen Stadien der Verliebtheit beide 
gegensätzliche Gefühle eine Zeitlang nebeneinander wie im Wett- 
streite bestehen können. Aber ein chronisches Nebeneinander 
von Liebe und Haß gegen dieselbe Person, beide Gefühle von 
höchster Intensität, setzt uns in Erstaunen. Wir hätten erwartet, 
daß die große Liebe längst den Haß überwunden hätte oder 
von ihm aufgezehrt worden wäre. Wirklich ist ein solcher Fort- 
bestand der Gegensätze nur unter besonderen psychologischen 
Bedingungen und durch Mitwirkung des unbewußten Zustandes 
möglich. Die Liebe hat den Haß nicht auslöschen, sondern nur 
ins Unbewußte drängen können, und im Unbewußten kann er, 
gegen die Aufhebung durch die Bewußtseinswirkung geschützt, 
sich erhalten und selbst wachsen. Die bewußte Liebe pflegt 
unter diesen Umständen reaktionsweise zu einer besonders hohen 
Intensität anzuschwellen, damit sie der ihr konstant auferlegten 
Arbeit gewachsen sei, ihr Gegenspiel in der Verdrängung zurück- 
zuhalten. Eine sehr frühzeitig, in den prähistorischen Kindheits- 
jahren erfolgte Scheidung der beiden Gegensätze mit Verdrängung 
des einen Anteiles, gewöhnlich des Hasses, scheint die Bedingung 
dieser befremdenden Konstellation des Liebeslebens zu sein. 1 

Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker überschaut, 
so muß man den Eindruck gewinnen, daß ein solches Verhalten 



1) Vgl. Die Erörterungen hierüber in einer der ersten Sitzungen. — [Zusatz 192}:] 
Für diese Gefühlskonstellation ist später von Bleuler der passende Name „Ambi- 
valenz" geschaffen worden. Vgl. übrigens die spätere Fortführung dieser Erörterungen 
im Aufsatze „Die Disposition zur Zwangsneurose" [Bd. V dieser Gesamtausgabe]. 









344 



Krankengeschichten 



von Liebe und Haß wie bei unserem Patienten zu den häufie- 
sten, ausgesprochensten und darum wahrscheinlich bedeutsamsten 
Charakteren der Zwangsneurose gehört. Aber so verlockend es 
wäre, das Problem der „Neurosen wähl" auf das Triebleben zu 
beziehen, man hat doch Gründe genug, dieser Versuchung aus 
dem Wege zu gehen, und muß sich sagen, daß man bei allen 
Neurosen die nämlichen unterdrückten Triebe als Symptomträger 
aufdeckt. Der von der Liebe in der Unterdrückung des Unbe- 
wußten zurückgehaltene Haß spielt doch auch eine große Rolle 
in der Pathogenese der Hysterie und der Paranoia. Wir kennen 
das Wesen der Liebe zu wenig, um hier eine bestimmte Ent- 
scheidung zu treffen; insbesondere das Verhältnis ihres negativen 
Faktors' zur sadistischen Komponente der Libido ist völlig unge- 
klärt. Es hat daher etwa den Wert einer vorläufigen Auskunft, 
wenn wir sagen: in den besprochenen Fällen von unbewußtem 
Hasse sei die sadistische Komponente der Liebe konstitutionell 
besonders stark entwickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige 
und allzu gründliche Unterdrückung erfahren, und nun leiten 
sich die beobachteten Phänomene der Neurose einerseits von der 
durch Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit, 
anderseits von dem im Unbewußten als Haß fortwirkenden 
Sadismus ab. 

Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten von Liebe und 
Haß zu verstehen sein mag, sein Vorkommen ist durch die Be- 
obachtung an unserem Patienten über jeden Zweifel erhaben, 
und es ist erfreulich zu sehen, wie leicht begreiflich nun die 
rätselhaften Vorgänge der Zwangsneurose durch die Beziehung 
auf dieses eine Moment werden. Steht einer intensiven Liebe 
ein fast ebenso starker Haß bindend entgegen, so muß die nächste 
Folge eine partielle Willenslähmung sein, eine Unfähigkeit zur 

1) „ja oft habe ich den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. 
Und doch wenn das je einträfe, ich weifl, ich würde noch viel unglücklicher sein, 
so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn," sagt Alkibiudes über den Sokra tes 
im Symposion (übersetzt \on R. Ksuner). 






Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 545 

Entschließung in all den Aktionen, für welche die Liebe das 
treibende Motiv sein soll. Aber die Unentschlossenheit bleibt nicht 
lange auf eine Gruppe von Handlungen beschränkt. Denn erstens, 
welche Handlungen eines Liebenden träten nicht mit seinem 
Hauptmotiv in Beziehung? Zweitens kommt dem sexuellen Ver- 
halten eine vorbildliche Macht zu, mit der es umformend auf 
die übrigen Reaktionen eines Menschen wirkt, und drittens liegt 
es im psychologischen Charakter der Zwangsneurose, von dem 
Mechanismus der Verschiebung den ausgiebigsten Gebrauch zu 
machen. So breitet sich die Entschlußlähmung allmählich über 
das gesammte Tun des Menschen aus. 1 

Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel, wie sie 
uns im Seelenleben der Zwangskranken entgegentreten, gegeben. 
Der Zweifel entspricht der innern Wahrnehmung der Unent- 
schlossenheit, welche, infolge der Hemmung der Liebe durch den 
Haß, bei jeder beabsichtigten Handlung sich des Kranken be- 
mächtigt. Er ist eigentlich ein Zweifel an der Liebe, die ja das 
subjektiv Sicherste sein sollte, der auf alles übrige diffundiert 
und sich vorzugsweise auf das indifferenteste Kleinste verschoben 
hat. Wer an seiner Liebe zweifelt, darf, muß doch auch an allem 
andern, geringeren, zweifeln? 2 

Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur Un- 
sicherheit und zur fortgesetzten Wiederholung führt, um diese 
Unsicherheit zu bannen, der es endlich zustande bringt, daß diese 
Schutzhandlungen ebenso unvollziehbar werden wie die ursprünglich 
gehemmte Liebesentschließung. Ich mußte anfangs meiner Er- 
fahrungen eine andere und allgemeinere Ableitung der Unsicherheit 
bei den Zwangskranken annehmen, die sich näher an die Norm 



1 



) Vgl. Die Darstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik, 1. c. S. 64. 

2) Hamlets Liebesverse an Ophelia: 

Doubt thou the Stars are fite; 
Doubt that the swi doth inove; 
Doubt truth to be a liar; 
But never doubt I love. (II, 2.) 



546 Krankengeschichten 






anzuschließen schien. Wenn ich z. B. während der Abfassung 
eines Briefes durch Zwischenfragen einer andern Person gestört 
worden bin, so empfinde ich hernach eine berechtigte Unsicherheit, 
was ich wohl unter dem Einflüsse der Störung geschrieben haben 
mag, und ich bin genötigt, zur Sicherheit den Brief, nachdem 
er fertig geworden ist, nochmals durchzulesen. So konnte ich 
auch meinen, daß die Unsicherheit der Zwangskranken, z. B. 
bei ihren Gebeten, daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich 
unbewußte Phantasien als Störer in die Tätigkeit des Betens 
mengten. Diese Annahme war richtig und ist doch leicht mit 
unserer früheren Behauptung zu \ ersehnen. Es trifft zu, daß die 
Unsicherheit, eine Schut/tnaßiegel vollzogen zu haben, von den 
störenden unbewußten Phantasien herrührt, aber diese Phantasien 
enthalten eben den gegenteiligen Impuls, der gerade durch das 
Gebet abgewehrt werden sollte. Es wird dies einmal überdeutlich 
bei unserem Patienten, indem die Störung nicht unbewußt bleibt, 
sondern sich laut vernehmen läßt. Wenn er beten will „Gott 
schütze sie", so stürzt plötzlich aus dem Unbewußten ein feind- 
seliges „nicht" dazu heraus, und er hat erraten, daß es der An- 
satz zu einem Fluche ist (S. 503). Bliebe dieses „nicht" stumm, 
so befände auch er sich im Zustande der Unsicherheit und würde 
sein Beten immer mehr verlängern; auf das Lautwerden hin hat 
er endlich das Beten aufgegeben. Ehe er das tat, versuchte er 
wie andere Zwangskranke allerlei Methoden, um die Einmengung 
des Gegensatzes hintanzuhalten, die Verkürzung der Gebete, das 
beschleunigte Aussprechen derselben; andere bemühen sich jede 
solche Schutzaktion sorgfältig von anderem zu „isolieren". Aber 
alle diese Techniken fruchten auf die Dauer nichts; hat der 
liebevolle Impuls in seiner Verschiebung auf eine geringfügige 
Handlung etwas durchführen können, so wird ihm der feind- 
selige bald auch dahinfolgen und sein Werk wieder aufheben. 

Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der 
Sicherung unseres Seelenlebens, die Unverläßlichkeit des Gedächt- 




Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 547 

nisses, entdeckt hat, so kann er mit ihrer Hilfe den Zweifel auf 
alles ausdehnen, auch auf bereits vollzogene Handlungen, die 
noch nicht in Beziehung zum Liebe-Haß-Koxnplex standen, und 
auf die ganze Vergangenheit. Ich erinnere an das Beispiel jener 
Frau, die eben im Laden einen Kamm für ihre kleine Tochter 
gekauft hatte, und nach dem Argwohn an ihrem Mann zu zweifeln 
begann, ob sie ihn nicht vielmehr schon längst besessen: Sagt 
diese Frau nicht direkt: Wenn ich an deiner Liebe zweifeln 
kann (und das ist nur eine Projektion ihres Zweifels an der 
eigenen Liebe zu ihm), so kann ich auch daran, so kann ich an 
allem zweifeln, und gibt so den verborgenen Sinn des neurotischen 
Zweifels unserem Verständnisse Preis? 

Der Zwang aber ist ein Versuch zur Kompensation des Zweifels 
und zur Korrektur der unerträglichen Heminungszustände, von 
denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es endlich mit Hilfe der 
Verschiebung gelungen, irgendeinen der gehemmten Vorsätze zum 
Entschluß zu bringen, so muß dieser ausgeführt werden; es ist 
freilich nicht der ursprüngliche mehr, aber die dort aufgestaute 
Energie wird auf die Gelegenheit, an der Ersatzhandlung ihre 
Abfuhr zu finden, nicht mehr verzichten. Sie äußert sich also in Ge- 
boten und Verboten, indem bald der zärtliche, bald der feindliche 
Impuls diesen Weg zur Abfuhr erobert. Die Spannung, wenn das 
Zwangsgebot nicht ausgeführt werden soll, ist eine unerträgliche und 
wird als höchste Angst wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu 
der auf ein Kleinstes verschobenen Ersatzhandlung wird so heiß um- 
stritten, daß diese meist nur als Schutzmaßregel im engsten An- 
schlüsse an einen abzuwehrenden Impuls durchgesetzt werden kann. 

Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende 
Akte an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken 
ersetzt das Handeln, und irgendeine Gedankenvorstufe der Tat 
setzt sich mit Zwangsgewalt durch anstatt der Ersatzhandlung. 
Je nachdem diese Regression vom Handeln aufs Denken mehr 
oder weniger ausgeprägt ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose 



_ 



54-8 Krankengeschichten 



den Charakter des Zwangsdenkens (Zwangsvorstellung) oder des 
Zwangshandelns im engeren Sinne an. Diese eigentlichen Zwangs- 
handlungen werden aher nur dadurch ermöglicht, daß in ihnen 
eine Art Versöhnung der heiden einander bekämpfenden Impulse 
in Kompromißbildungen statt hat. Die Zwangshandlungen nähern 
sich nämlich immer mehr, und je länger das Leiden andauert, um so 
deutlicher, den infantilen Sexualhandlungen nach Art der Onanie. So 
ist es bei dieser Form der Neurose doch zu Liebesakten gekommen, 
aber nur mit Zuhilfenahme einer neuen Regression, nicht mehr zu 
Akten, die einer Person gelten, dem Objekte von Liebe und Haß, 
sondern zu autoerotischen Handlungen wie in der Kindheil. 

Die erstere Regression, die vom Handeln aufs Denken, wird durch 
einen andern an der Entstehung der Neurose beteiligten Faktor be- 
günstigt. Ein fast regelmäßiges Vorkommnis in den Geschichten der 
Zwangskranken ist das frühzeitige Auftreten und die vorzeitige Ver- 
drängung des sexuellen Schau- und Wißtriebes, der ja auch bei unserem 
Patienten ein Stück seiner infantilen Sexualbetätigung dirigiert. 1 

Wir haben der Bedeutung der sadistischen Komponente für 
die Genese der Zwangsneurose bereits gedacht; wo der Wißtrieb 
in der Konstitution des Zwangskranken überwiegt, da wird das 
Grübeln zum Hauptsymptom der Neurose. Der Denkvorgang 
selbst wird sexualisiert, indem die sexuelle Lusl, die sich sonst 
auf den Inhalt des Denkens bezieht, auf den Denkakt selbst 
gewendet wird, und die Befriedigung beim Erreichen eines Denk- 
ergebnisses wird als sexuelle Befriedigung empfunden. Diese 
Beziehung des Wißtriebes zu den Denkvorgängen macht ihn 
besonders geeignet, in den verschiedenen Formen der Zwangs- 
neurose, an denen er Anteil hat, die Energie, die sich vergeblich 
zur Handlung durchzudringen bemüh I, aufs Denken zu locken, 
wo sich die Möglichkeit einer andern Art von Lustbefriedigung 
bietet. So kann sich mit Hilfe des Wißtriebes die Ersatzhandlung 

1) Hiermit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt recht große intellek- 
tuelle Begabung der Zwangskranken zusammen. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 54g 

durch vorbereitende Denkakte weiter ersetzen. Der Aufschub im 
Handeln findet aber bald seinen Ersatz durch das Verweilen im 
Denken, und der ganze Prozeß ist schließlich mit Erhaltung all 
seiner Eigentümlichkeiten auf ein neues Gebiet übersetzt, wie 
die Amerikaner ein Haus zu „moven" vermögen. 

Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten psycho- 
logischen Charakter, der den Produkten der Zwangsneurose das 
„Zwangsartige" verleiht, in Anlehnung an die oben stehenden Er- 
örterungen zu bestimmen. Zwanghaft werden solche Denkvorgänge, 
welche (infolge der Gegensatzhemmung am motorischen Ende der 
Denksysteme) mit einem — qualitativ wie quantitativ — sonst nur 
für das Handeln bestimmten Energieaufwand unternommen werden, 
also Gedanken, die regressiv Taten vertreten müssen. Die An- 
nahme wird wohl keinen Widerspruch erfahren, daß das Denken sonst 
aus ökonomischen Gründen mit kleineren Energieverschiebungen 
(wahrscheinlich auf höherem Niveau) betrieben wird als das zur Ab- 
fuhr und zur Veränderung der Außenwelt bestimmte Handeln. 

Was als Zwangsgedanke überstark zum Bewußtsein durchge- 
druno-en ist, muß nun gegen die auflösenden Bemühungen des 
bewußten Denkens versichert werden. Wir wissen bereits, daß 
dieser Schutz durch die Entstellung erreicht wird, welche der 
Zwangsgedanke vor seinem Bewußtwerden erfahren hat. Doch ist 
dies nicht das einzige Mittel. Überdies wird selten versäumt, die 
einzelne Zwangsidee der Situation ihrer Entstehung zu entrücken, 
in welcher sie trotz der Entstellung am leichtesten dem Verständnisse 
zugänglich wäre. In dieser Absicht wird einerseits ein Intervall 
zwischen die pathogene Situation und die abfolgende Zwangsidee 
eingeschoben, welches die Kausalerforschungen des bewußten 
Denkens irre führt; anderseits wird der Inhalt der Zwangsidee durch 
Verallgemeinerung aus seinen speziellen Beziehungen gelöst. 

Ein Beispiel hiefür gibt unser Patient im „Verstehzwang" 
(S. 500); ein besseres vielleicht eine andere Kranke, die sich 
verbot, irgendwelchen Schmuck zu tragen, obwohl die Veran- 



550 Krankengeschichten 



lassung auf ein einziges Schmuckstück zurückging, um welches 
sie ihre Mutter beneidet hatte, und von dem sie hoffte, es würde 
ihr dereinst durch Erbschaft zufallen. Endlich dient noch zum 
Schutze der Zwangsidee gegen die bewußte Lösungsarbeit der 
unbestimmt oder zweideutig gewählte Wortlaut, wenn man diesen 
von der einheitlichen Entstellung absondern will. Dieser miß- 
verstandene Wortlaut kann nun in die Delirien eingehen und 
die weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des Zwanges werden 
an das Mißverständnis anknüpfen anstatt an den richtigen Text. 
Doch kann man beobachten, daß diese Delirien bestrebt sind, 
immer wieder neue Beziehungen zu dem nicht im bewußten Denken 
aufgenommenen Gehalt und Wortlaut des Zwanges zu gewinnen. 
Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch zum Trieb- 
leben der Zwangsneurose zurückkehren. Unser Patient erwies _ 
sich auch als ein Riecher, der nach seiner Behauptung in der 
Kindheit wie ein Hund jeden Menschen nach dem Geruch 
erkannt hatte, und dem auch heute noch Riechwahrnehmungen 
mehr sagten als anderen. 1 Ich habe ähnliches auch bei anderen 
Neurotikern, Zwangskranken und Hysterikern gefunden und ge- 
lernt, der Rolle einer seit der Kindheit untergegangenen Riechlust 
in der Genese der Neurosen Rechnung zu tragen. 2 Ganz allgemein 
möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht die mit der Abkehrung 
des Menschen vom Erdboden unvermeidlich gewordene Ver- 
kümmerung des Geruchsinnes und die so hergestellte organische 
Verdrängung der Riechlust einen guten Anteil an seiner Befähigung 
zu neurotischen Erkrankungen haben kann. Es ergäbe sich ein 
Verständnis dafür, daß bei steigender Kultur gerade das Sexualleben 
die Opfer der Verdrängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch 
inniger Zusammenhang in der tierischen Organisation zwischen dem 
Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans hergestellt ist. 

1) Ich füge hinzu, daß in seinen Kinderjahren starke koprophile Neigungen ge- 
waltet hatten. Dazu die bereits betonte Analerotik (S. 520). 

2) Z. B. bei gewissen Formen des Fetischismus. 



Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose t«i 

Zum Schlüsse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aussprechen, 
daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mitteilungen wenigsten 
anderen die Anlegung bringen mögen, durch weitere Vertiefung 
in das Studium der Zwangsneurose mehr zutage zu fördern. Das 
Charakteristische dieser Neurose, das, was sie von der Hysterie 
unterscheidet, ist meines Erachtens nicht im Triebleben, sondern 
in den psychologischen Verhältnissen zu suchen. Ich kann meinen 
Patienten nicht verlassen, ohne dem Eindrucke Worte zu leihen, 
daß er gleichsam in drei Persönlichkeiten zerfallen war; ich 
würde sagen: in eine unbewußte und zwei vorbewußte, zwischen 
denen sein Bewußtsein oszillieren konnte. Sein Unbewußtes um- 
schloß die frühzeitig unterdrückten, als leidenschaftlich und böse 
zu bezeichnenden Regungen; in seinem Normalzustande war er 
gut, lebensfroh, überlegen, klug und aufgeklärt, aber in einer 
dritten psychischen Organisation huldigte er dem Aberglauben 
und der Askese, so daß er zwei Überzeugungen haben und 
zweierlei Weltanschauungen vertreten konnte. Diese vorbewußte 
Person enthielt vorwiegend die Reaktionsbildungen auf seine 
verdrängten Wünsche, und es war leicht vorherzusehen, daß sie 
bei weiterem Bestände der Krankheit die normale Person auf- 
gezehrt hätte. Ich habe jetzt Gelegenheit, eine an schweren 
Zwangshandlungen leidende Dame zu studieren, die in ähnlicher 
Weise in eine tolerante, heitere und in eine schwer verdüsterte, 
asketische Persönlichkeit zerfallen ist, die erstere als ihr offizielles 
Ich vorschiebt, während sie von der letzteren beherrscht wird. 
Beide psychischen Organisationen haben Zugang zu ihrem Bewußt- 
sein und hinter der asketischen Person ist das ihr völlig unbekannte 
Unbewußte ihres Wesens aufzufinden, bestehend aus uralten, 
längst verdrängten Wunschregungen. 1 



1) [Zusatz 192):] Der Patient, dem die mitgeteilte Analyse seine psychische 
Gesundheit wiedergegeben hatte, ist wie soviele andere wertvolle und hoffnungsvolle 
junge Männer im großen Krieg umgekommen. 



PSYCHOANALYTISCHE BEMER- 
KUNGEN ÜBER EINEN AUTOBIO- 
GRAPHISCH BESCHRIEBENEN 
FALL VON PARANOIA (DEMENTIA 
PARANOIDES) 






Die „Psychoanalytischen Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides/' erschienen IJII im 
„Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen ', 
Bd. III, Erste Hälfte, (Verlag Franz Deuticke, Leipzig u. Wien)., — der 
„Nachtrag" dazu in der Zweiten Hälfte dieses Bandes, — beide Arbeiten 
dann in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud." Dritte Folge (ebendort 19IJ; 2. Aufl. I<?2l). — Die 
Aufnahme in diese Gesamtausgabe erfolgt mit Genehmigung des geiuinnteii 
Verlages. 



Die analytische Untersuchung der Paranoia bietet uns Ärzten, 
die nicht an öffentlichen Anstalten tätig sind, Schwierigkeiten 
besonderer Natur. Wir können solche Kranke nicht annehmen 
oder nicht lange behalten, weil die Aussicht auf therapeutischen 
Erfolg die Bedingung unserer Behandlung ist. So trifft es sich 
also nur ausnahmsweise, daß ich einen tieferen Einblick in die 
Struktur der Paranoia machen kann, sei es, daß die Unsicherheit 
der nicht immer leichten Diagnose den Versuch einer Beein- 
flussung rechtfertigt, sei es, daß ich den Bitten der Angehörigen 
nachgebe und einen solchen Kranken trotz der gesicherten 
Diagnose für eine gewisse Zeit in Behandlung nehme. Ich sehe 
sonst natürlich Paranoiker (und Demente) genug und erfahre von 
ihnen soviel wie andere Psychiater von ihren Fällen, aber das 
reicht in der Regel nicht aus, um analytische Entscheidungen 

zu treffen. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Paranoia wäre über- 
haupt unmöglich, wenn die Kranken nicht die Eigentümlichkeit 
besäßen, allerdings in entstellter Form, gerade das zu verraten, 
was die anderen Neurotiker als Geheimnis verbergen. Da die 
Paranoiker nicht zur Überwindung ihrer inneren Widerstände 
gezwungen werden können und ohnedies nur sagen, was sie 
sagen wollen, darf gerade bei dieser Affektion der schriftliche 
Bericht oder die gedruckte Krankengeschichte als Ersatz für die 
persönliche Bekanntschaft mit dem Kranken eintreten. Ich halte 
es darum nicht für unstatthaft, analytische Deutungen an die 
Krankengeschichte eines Paranoikers (Dementia paranoides) zu 

23' 



55^ Krankengeschichten 



knüpfen, den ich nie gesehen habe, der aber seine Krankenge- 
schichte selbst beschrieben und zur öffentlichen Kenntnis durch 
den Druck gebracht hat. 

Es ist dies der ehemalige sächsische Senatspräsident Dr. jur. 
Daniel Paul Schreber, dessen „Denkwürdigkeiten eines Nerven- 
kranken" im Jahre 1905 als Buch erschienen sind und, wenn 
ich recht berichtet bin, ein ziemlich großes Interesse bei den 
Ps)-chiatern erweckt haben. Es ist möglich, daß Dr. Schreber 
heute noch lebt und sich von seinem 1905 vertretenen Wahn- 
system so weit zurückgezogen hat, daß er diese Bemerkungen 
über sein Buch peinlich empfindet. Soweit er aber die Identität 
seiner heutigen Persönlichkeit mit der damaligen noch festhält, 
darf ich mich auf seine eigenen Argumente berufen, die der 
„geistig hochstehende Mann von ungewöhnlich scharfem Verstand 
und scharfer Beobachtungsgabe" 1 den Bemühungen, ihn von der 
Publikation abzuhalten, entgegensetzte: „Dabei habe ich mir die 
Bedenken nicht verhehlt, die einer Veröffentlichung entgegen- 
zustehen scheinen: es handelt sich namentlich um die Rücksicht 
auf einzelne noch lebende Personen. Auf der andern Seite bin 
ich der Meinung, daß es für die Wissenschaft und für die Er- 
kenntnis religiöser Wahrheiten von Wert sein könnte, wenn noch 
bei meinen Lebzeiten irgend welche Beobachtungen von berufener 
•Seite an meinem Körper und meinen persönlichen Schicksalen zu 
ermöglichen wären. Dieser Erwägung gegenüber müssen alle 
persönlichen Rücksichten schweigen." 3 An einer andern Stelle 
des Buches spricht er aus, daß er sich entschlossen habe, an dem 
Vorhaben der Veröffentlichung festzuhalten, auch wenn sein Arzt 
Geh. Rat Dr. Flechsig in Leipzig deswegen die Anklage gegen 
ihn erheben würde. Er mutet dabei Flechsig dasselbe zu, was 
ihm selbst jetzt von meiner Seite zugemutet wird: „Ich hoffe, 

1) Diese gewiß nicht unberechtigte Sclbstcharaktcristik findet sich auf S. 55 des 
Schreb ersehen Buches. 

2) Vorrede der „Denkwürdigkeiten". 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 1^7 

daß dann auch bei Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig das wissen- 
schaftliche Interesse an dem Inhalte meiner Denkwürdigkeiten 
etwaige persönliche Empfindlichkeiten zurückdrängen würde." 

Wiewohl ich im folgenden alle Stellen der „Denkwürdigkeiten", 
die meine Deutungen stützen, im Wortlaut anführen werde, bitte 
ich doch die Leser dieser Arbeit, sich vorher mit dem Buche 
wenigstens durch einmalige Lektüre vertraut zu machen. 



KRANKENGESCHICHTE 

(Dr. Schreber berichtet): 1 „Ich bin zweimal nervenkrank ge- 
wesen, beide Male infolge von geistiger Überanstrengung; das 
erstemal (als Landesgerichtsdirektor in Chemnitz) aus Anlaß einer 
Reichstagskandidatur, das zweitemal aus Anlaß der ungewöhn- 
lichen Arbeitslast, die ich beim Antritt des mir neu übertragenen 
Amtes eines Senatspräsidenten beim Oberlandesgericht Dresden 
vorfand." 

Die erste Erkrankung trat im Herbste 1884 hervor und war 
Ende 1885 vollkommen geheilt. Flechsig, auf dessen Klinik der 
Patient damals 6 Monate verbrachte, bezeichnete in einem später 
abgegebenen „Formulargut .achten" den Zustand als einen Anfall 
schwerer Hypochondrie. Dr. Schreber versichert, daß diese Krank- 
heit „ohne jede an das Gebiet, des Übersinnlichen anstreifenden 
Zwischenfälle" verlief. 2 

Über die Vorgeschichte und die näheren Lebensumstände des 
Patienten geben weder seine Niederschriften noch die ihr ange- 
fügten Gutachten der Ärzte genügende Auskunft. Ich wäre nicht 
einmal in der Lage, sein Alter zur Zeit der Erkranknng anzu- 
geben, wiewohl die vor der zweiten Erkrankung erreichte hohe 
Stellung im Justizdienst eine gewisse untere Grenze sichert. Wir 
erfahren, daß Dr. Schreber zur Zeit der „Hypochondrie" bereits 

1) Denkwürdigkeiten, S. 54. 

2) Denkwürdigkeiten, S. 55. 






Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 359 

lange verheiratet war. Er schreibt: „Fast noch inniger wurde der 
Dank von meiner Frau empfunden, die in Professor Flechsig 
geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann wiedergeschenkt 
habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf ihrem 
Arbeitstische stehen hatte" (S. 36.). Und ebenda: „Nach der 
Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich acht, im ganzen 
recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch 
die mehrmalige Vereitlung der Hoffnung auf Kindersegen zeit- 
weilig getrübte Jahre mit meiner Frau verlebt." 

Im Juni 1895 wurde ihm seine bevorstehende Ernennung 
zum Senatspräsidenten angezeigt ; er trat sein Amt am 1. Oktober 
desselben Jahres an. In die Zwischenzeit 1 fallen einige Träume, 
denen Bedeutung beizulegen er erst später veranlaßt wurde. Es 
träumte ihm einige Male, daß seine frühere Nervenkrankheit 
zurückgekehrt war, worüber er sich im Traume ebenso unglück- 
lich fühlte, wie nach dem Erwachen glücklich, daß es eben nur 
ein Traum gewesen war. Ferner hatte er einmal gegen Morgen 
in einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen „die Vor- 
stellung, daß es doch eigentlich recht schön sein müsse, ein Weib 
zu sein, das dem Beischlaf unterliege" (S. 56), eine Vorstellung, 
die er bei vollem Bewußtsein mit großer Entrüstung zurück- 
gewiesen hätte. 

Die zweite Erkrankung setzte Ende Oktober 1895 mit quälender 
Schlaflosigkeit ein, die ihn die Flechsigsche Klinik von neuem 
aufsuchen ließ, wo sich aber sein Zustand rasch verschlechterte. 
Die weitere Entwicklung derselben schildert ein späteres Gutachten, 
welches von dem Direktor der Anstalt Sonnenstein abgegeben 
wurde (S. 380): „Im Beginn seines dortigen Aufenthaltes 2 äußerte 
er mehr hypochondrische Ideen, klagte, daß er an Hirnerweichung 
leide, bald sterben müsse, p. p., doch mischten sich schon Ver- 

1) Also noch vor der Einwirkung der von ihm beschuldigten Überarbeitung in 
seiner neuen Stellung. 

2) Auf der Leipziger Klinik bei Prof. Flechsig. 



36° Krankengeschichten 



folgungsideen in das Krankheitsbild, und zwar auf Grund von 
Sinnestäuschungen, die anfangs allerdings mehr vereinzelt aufzu- 
treten schienen, während gleichzeitig hochgradige Hyperästhesie, 
große Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusch sich geltend 
machte. Später häuften sich die Gesichts- und Gehörstäuschungen 
und beherrschten in Verbindung mit Gemeingefühlsstörungen sein 
ganzes Empfinden und Denken, er hielt sich für tot und ange- 
fault, für pestkrank, wähnte, daß an seinem Körper allerhand 
abscheuliche Manipulationen vorgenommen würden, und machte, 
wie er sich selbst noch jetzt ausspricht, entsetzlichere Dinge 
durch, als jemand geahnt, und zwar um eines heiligen Zweckes 
willen. Die krankhaften Eingebungen nahmen den Kranken so 
sehr in Anspruch, daß er, für jeden andern Eindruck unzugäng- 
lich, stundenlang völlig starr und unbeweglich da saß (hallu- 
zinatorischer Stupor), anderseits quälten sie ihn derartig, daß er 
sich den Tod herbeiwünschte, im Bade wiederholt Ertränkungs- 
versuche machte und das „für ihn bestimmte Zyankalium" ver- 
langte. Allmählich nahmen die Wahnideen den Charakter des 
Mystischen, Religiösen an, er verkehrte direkt mit Gott, die 
Teufel trieben ihr Spiel mit ihm, er sah ,Wundererscheinungen', 
hörte ,heilige Musik' und glaubte schließlich sogar in einer 
andern Welt zu weilen." 

Fügen wir hinzu, daß er verschiedene Personen, von denen 
er sich verfolgt und beeinträchtigt glaubte, vor allen seinen 
früheren Arzt Flechsig, beschimpfte, ihn „Seelenmörder" nannte 
und ungezählte Male „kleiner Flechsig", das erste Wort scharf 
betonend, ausrief (S. 385). In die Anstalt Sonnenstein bei Pirna 
war er aus Leipzig nach kurzem Zwischenaufenthalt im Juni 1894 
gekommen und verblieb dort bis zur endgültigen Gestaltung 
seines Zustandes. Im Laufe der nächsten Jahre veränderte 
sich das Krankheitsbild in einer Weise, die wir am besten 
mit den Worten des Anstaltsdirektors Dr. Weber beschreiben 
werden: 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fa ll von Paranoia 361 

„Ohne noch weiter auf die Einzelheiten des Krankheitsver- 
laufes einzugehen, sei nur darauf hingewiesen, wie in der Folge 
aus der anfänglichen akuteren, das gesamte psychische Geschehen 
unmittelbar in Mitleidenschaft ziehenden Psychose, die als hallu- 
zinatorischer Wahnsinn zu bezeichnen war, immer entschiedener 
das paranoische Krankheitsbild sich hervorhob, sozusagen heraus- 
kristallisierte, das man gegenwärtig vor sich hat" (S. 385). Er 
hatte nämlich einerseits ein kunstvolles Wahngebäude entwickelt, 
welches den größten Anspruch auf unser Interesse hat, ander- 
seits hatte sich seine Persönlichkeit rekonstruiert und sich den 
Aufgaben des Lebens bis auf einzelne Störungen gewachsen gezeigt. 

Dr. Weber berichtet über ihn im Gutachten von 1899: 

„So erscheint zurzeit Herr Senatspräsident Dr. Schreber ab- 
gesehen von den selbst für den flüchtigen Beobachter unmittelbar 
als krankhaft sich aufdrängenden psychomotorischen Symptomen, 
weder verwirrt, noch psychisch gehemmt, noch in seiner Intelligenz 
merklich beeinträchtigt, — er ist besonnen, sein Gedächtnis vor- 
züglich, er verfügt über ein erhebliches Maß von Wissen, nicht 
nur in juristischen Dingen, sondern auch auf vielen anderen 
Gebieten und vermag es in geordnetem Gedankengange wieder- 
zugeben, er hat Interesse für die Vorgänge in Politik, Wissen- 
schaft und Kunst usw. und beschäftigt sich fortgesetzt mit 
ihnen . . . und wird in den angedeuteten Richtungen den von 
seinem Gesamtzustande nicht näher unterrichteten Beobachter 
kaum viel Auffälliges erkennen lassen. Bei alledem ist der Patient 
von krankhaft bedingten Vorstellungen erfüllt, die sich zu einem 
vollständigen System geschlossen haben, mehr oder weniger 
fixiert sind und einer Korrektur durch objektive Auffassung und 
Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse nicht zugänglich er- 
scheinen" (S. 386). 

Der so weit veränderte Kranke hielt sich selbst für existenz- 
fähig und unternahm zweckmäßige Schritte, um die Aufhebung 
seiner Kuratel und die Entlassung aus der Anstalt durchzusetzen. 






362 Krankengeschichten 



Dr. Weber widerstrebte diesen Wünschen und gab Gutachten 
im entgegengesetzten Sinne ab; doch kann er nicht umhin, das 
Wesen und Benehmen des Patienten im Gutachten von igoo 
in folgender anerkennender Weise zu schildern: „Der Unter- 
zeichnete hat seit Z U Jahren bei Einnahme der täglichen Mahl- 
zeiten am Familientisch ausgiebigste Gelegenheit gehabt, mit 
Herrn Präsidenten Schieber über alle möglichen Gegenstände 
sich zu unterhalten. Reiche Dinge nun auch — von seinen 
Wahnideen natürlich abgesehen — zur Sprache gekommen sind, 
mochten sie Vorgänge im Bereiche der, Staatsverwaltung und 
Justiz, der Politik, der Kunst und Literatur, des gesellschaft- 
lichen Lebens oder was sonst berühren, überall bekundete Doktor 
Schieber reges Interesse, eingehende Kenntnisse, gutes Gedächtnis 
und zutreffendes Urteil und auch in ethischer Beziehung eine 
Auffassung, der nur beigetreten werden konnte. Ebenso zeigte er 
sich in leichter Plauderei mit den anwesenden Damen nett und 
liebenswürdig und bei humoristischer Behandlung mancher Dinge 
immer taktvoll und dezent, niemals hat er in die harmlose Tisch- 
unterhaltung die Erörterung von Angelegenheiten hineingezogen, 
<lie nicht dort, sondern bei der ärztlichen Visite zu erledigen 
gewesen wären" (S. 597). Selbst in eine geschäftliche, die Inter- 
essen der ganzen Familie berührende Angelegenheit hatte er 
damals in fachgemäßer und zweckentsprechender Weise einge- 
griffen (S. 401, 510). 

In den wiederholten Eingaben an das Gericht, mittels deren 
Dr. Schreber um seine Befreiung kämpfte, verleugnete er durch- 
aus nicht seinen Wahn und machte kein Hehl aus seiner Ab- 
sicht, die „Denkwürdigkeiten" der Öffentlichkeit zu übergeben. 
Er betonte vielmehr den Wert seiner Gedankengänge für das 
religiöse Leben und deren Unzersetzbarkeit durch die heutige 
Wissenschaft ; gleichzeitig berief er sich aber auch auf die 
absolute Harmlosigkeit (S. 450) all jener Handlungen, zu denen 
er sich durch den Inhalt des Wahnes genötigt wußte. Der 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 563 

Scharfsinn und die logische Treffsicherheit des als Paranoiker 
Erkannten führten denn auch zum Triumph. Im Juli 1902 
wurde die über Dr. Schreber verhängte Entmündigung auf- 
gehoben; im nächsten Jahr erschienen die „Denkwürdigkeiten 
eines Nervenkranken" als Buch, allerdings zensuriert und um 
manches wertvolle Stück ihres Inhaltes geschmälert. 

In der Entscheidung, welche Dr. Schreber die Freiheit wieder- 
gab, ist der Inhalt seines Wahnsystems in wenigen Sätzen zu- 
sammengefaßt: „Er halte sich für berufen, die Welt zu erlösen 
und ihr die verloren gegangene Seligkeit wiederzubringen. Das 
könne er aber nur, wenn er sich zuvor aus einem Manne zu 
einem Weibe verwandelt habe" (S. 475). 

Eine ausführlichere Darstellung des Wahnes in seiner end- 
gültigen Gestaltung können wir dem iSgg vom Anstaltsarzte 
Dr. Weber erstatteten Gutachten entnehmen: „Das Wahnsystem 
des Patienten gipfelt darin, daß er berufen sei, die Welt zu er- 
lösen und der Menschheit die verloren gegangene Seligkeit 
wiederzubringen. Er sei, so behauptet er, zu dieser Aufgabe 
gekommen durch unmittelbar göttliche Eingebungen, ähnlich 
wie dies von den Propheten gelehrt wird; gerade aufgeregtere 
Nerven wie es die seinigen lange Zeit hindurch gewesen seien, 
hätten nämlich die Eigenschaft, anziehend auf Gott zu wirken, 
es handle sich dabei aber um Dinge, die sich entweder gar 
nicht oder doch nur sehr schwer in menschlicher Sprache aus- 
drücken lassen, weil sie außerhalb aller menschlichen Erfahrung 
lHo-en und eben nur ihm offenbart seien. Das wesentlichste bei 
seiner erlösenden Mission sei, daß zunächst seine Verwandlung 
zum Weibe zu erfolgen habe. Nicht etwa, daß er sich zum 
Weibe verwandeln wolle, es handle sich vielmehr um ein in 
der Weltordnuno- begründetes ,Muß', dem er schlechterdings 
nicht entgehen könne, wenn es ihm persönlich auch viel lieber 
gewesen wäre, in seiner ehrenvollen männlichen Lebensstellung 
zu verbleiben, das Jenseits sei aber nun für ihn und die ganze 



364 Krankengeschichten 



übrige Menschheit nicht anders wieder zu erobern als durch 
eine ihm vielleicht erst nach Ablauf vieler Jahre oder Jahr- 
zehnte bevorstehende Verwandlung in ein Weib im Wege gött- 
licher Wunder. Er sei, das stehe für ihn fest, der ausschließende 
Gegenstand göttlicher Wunder, somit der merkwürdigste Mensch, 
der je auf Erden gelebt habe, seit Jahren, in jeder Stunde und 
jeder Minute erfahre er diese Wunder an seinem Leib, erhalte 
sie auch durch die Stimmen, die mit ihm sprächen, bestätigt. 
Er habe in den ersten Jahren seiner Krankheit Zerstörungen 
an einzelnen Organen seines Körpers erfahren, die jedem andern 
Menschen längst den Tod hätten bringen müssen, habe lange 
Zeit gelebt ohne Magen, ohne; Därme, fast ohne Lungen, mit 
zerrissener Speiseröhre, ohne Blase, mit zerschmetterten Rippen- 
knochen, habe seinen Kehlkopf manchmal zum Teil mit auf- 
gegessen usf., göttliche Wunder (»Strahlen') aber hätten das 
Zerstörte immer wieder hergestellt und er sei daher, solange 
er ein Mann bleibe, überhaupt nicht sterblich. Jene bedroh- 
lichen Erscheinungen seien nun längst verschwunden, dafür sei 
in den Vordergrund getreten seine , Weiblichkeit', wobei es 
sich um einen Entwicklungsprozeß handle, der wahrscheinlich 
noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zu seiner Voll- 
endung beanspruche und dessen Ende schwerlich einer der jetzt 
lebenden Menschen erleben werde. Er habe das Gefühl, daß 
bereits massenhafte »weibliche Nerven' in seinen Körper über- 
gegangen seien, aus denen durch unmittelbare Befruchtung 
Gottes neue Menschen hervorgehen würden. Erst dann werde 
er wohl eines natürlichen Todes sterben können und sich 
wie alle anderen Menschen die Seligkeit wieder erworben 
haben. Einstweilen sprächen nicht nur die Sonne, sondern 
auch die Bäume und die Vögel, die so etwas wie ,verwunderte 
Reste früherer Menschenseelen' seien, in menschlichen Lauten 
zu ihm und überall geschähen Wunderdinge um ihn her 
(S. 386). 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 365 

Das Interesse des praktischen Psychiaters an solchen Wahn- 
bildungen ist in der Regel erschöpft, wenn er die Leistung des 
Wahnes festgestellt und seinen Einfluß auf die Lebensführung 
des Kranken beurteilt hat; seine Verwunderung ist nicht der 
Anfang seines Verständnisses. Der Psychoanalytiker bringt von 
seiner Kenntnis der Psychoneurosen her die Vermutung mit, daß 
auch so absonderliche, so weit von dem gewohnten Denken der 
Menschen abweichende Gedankenbildungen aus den allgemeinsten 
und begreiflichsten Regungen des Seelenlebens hervorgegangen 
sind, und möchte die Motive wie die Wege dieser Umbildung 
kennen lernen. In dieser Absicht wird er sich gerne in die Ent- 
wicklungsgeschichte wie in die Einzelheiten des Wahnes vertiefen. 

a) Als die beiden Hauptpunkte werden vom ärztlichen Begut- 
achter die Erlöserrolle und die Verwandlung zum Weibe 
hervorgehoben. Der Erlöserwahn ist eine uns vertraute Phantasie, 
er bildet so häufig den Kern der religiösen Paranoia. Der Zusatz, 
daß die Erlösung durch die Verwandlung des Mannes in ein 
Weib erfolgen müsse, ist ungewöhnlich und an sich befremdend, 
da er sich weit von dem historischen Mythos entfernt, den die 
Phantasie des Kranken reproduzieren will. Es liegt nahe, mit 
dem ärztlichen Gutachten anzunehmen, daß der Ehrgeiz, den 
Erlöser zu spielen, das treibende dieses Wahnkomplexes sei, wobei 
die Entmannung nur die Bedeutung eines Mittels zu diesem 
Zweck in Anspruch nehmen könne. Mag sich dies auch in der 
endgültigen Gestaltung des Wahnes so darstellen, so wird uns 
doch durch das Studium der „Denkwürdigkeiten" eine ganz 
andere Auffassung aufgenötigt. Wir erfahren, daß die Verwandlung 
in ein Weib (Entmannung) der primäre Wahn war, daß sie zu- 
nächst als ein Akt schwerer Beeinträchtigung und Verfolgung 
beurteilt wurde, und daß sie erst sekundär in Beziehung zur Er- 
löserrolle trat. Auch wird es unzweifelhaft, daß sie zuerst zum 
Zwecke sexuellen Mißbrauches und nicht im Dienste höherer 
Absichten erfolgen sollte. Formal ausgedrückt, ein sexueller Ver- 



«66 Kraiikengeschicliti'n 

folgungswahn hat sich dem Patienten nachträglich zum religiösen 
Größenwahn umgebildet. Als Verfolger galt zuerst der behandelnde 
Arzt Prof. Flechsig, später trat Gott selbst an dessen Stelle. 

Ich setze die beweisenden Stellen aus den „Denkwürdigkeiten" 
ungekürzt hierher (S. 56): „Auf diese Weise wurde ein gegen 
mich gerichtetes Komplott fertig (etwa im März oder April 1894), 
welches dahin ging, nach einmal erkannter oder angenommener 
Unheilbarkeit meiner Nervenkrankheit mich einem Menschen in 
der Weise auszuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, 
mein Körper aber — in mißverständlicher Auffassung der oben 
bezeichneten, der Weltordnung zugrunde liegenden Tendenz — 
in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher dem be- 
treffenden Menschen' zum geschlechtlichen Mißbrauch überlassen 
und dann einfach »liegen gelassen', also wohl der Verwesung an- 
heimgegeben werden sollte." 

(S. 59): „Dabei war es vom menschlichen Gesichtspunkte aus, 
der mich damals noch vorzugsweise beherrschte, wohl durchaus 
natürlich, daß ich meinen eigentlichen Feind immer nur in 
Professor Flechsig oder dessen Seele erblickte (später kam noch 
die v. W.-sche Seele hinzu, worüber weiter unten das Nähere) 
und Gottes Allmacht als meine natürliche Bundesgenossin be- 
trachtete, die ich nur dem Professor Flechsig gegenüber in einer 
Notlage wähnte und deshalb mit allen erdenklichen Mitteln bis 
zur Selbstaufopferung unterstützen ZU müssen glaubte. Daß Gott 
selbst der Mitwisser, wenn nicht gar der Anstifter des auf den 
an mir zu verübenden Seelenmord und die Preisgabe meines 
Körpers als weibliche Dirne gerichteten Planes gewesen sei, ist 
ein Gedanke, der sich mir erst sehr viel später aufgedrängt hat, ja 
zum Teil, wie ich sagen darf, mir erst während der Niederschrift 
des gegenwärtigen Aufsatzes zu klarem Bewußtsein gekommen ist. 

1) Es geht aus dem Zusammenhange dieser und anderer Stellen hervor, daß der 
betreffende Mensch, von dem der Mißbrauch geübt werden sollte, kein anderer als 
Flechsig ist (vgl. unten). 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 567 

(S. 61): „Alle auf Verübung eines Seelenmords, auf Entmannuno 
zu weltordnungswidrigen Zwecken 34 (d. h. zur Befriedio-imo- 
der geschlechtlichen Begierde eines Menschen) und später auf 
Zerstörung meines Verstandes gerichteten Versuche sind gescheitert. 
Ich gehe aus dem anscheinend so ungleichen Kampfe eines ein- 
zelnen schwachen Menschen mit Gott selbst, wenn schon nach 
manchen bitteren Leiden und Entbehrungen, als Sieger hervor 
weil die Weltordnung auf meiner Seite steht." 

In der Anmerkung 54 wird dann die spätere Umgestaltung des 
Entmannungswahnes und des Verhältnisses zu Gott angekündigt: 
„Daß eine Entmannung zu einem anderen — weltordnungs- 
mäßigen Zweck im Bereich der Möglichkeit liegt, ja sogar 
vielleicht die wahrscheinliche Lösung des Konfliktes enthält, wird 
später noch angeführt werden." 

Diese Äußerungen sind entscheidend für die Auffassung des 
Entmannungswahnes und somit für das Verständnis des Falles 
überhaupt. Fügen wir hinzu, daß die „Stimmen", die der Patient 
hörte, die Umwandlung in ein Weib nie anders denn als eine 
sexuelle Schmach behandelten, wegen welcher sie den Kranken 
höhnen durften. „ Gottesstrahlen ' glaubten mich nicht selten mit 
Rücksicht auf die angeblich bevorstehende Entmannung als 
,Miss Schreber' verhöhnen zu dürfen" (S. 127). — „Das will 

ein Senatspräsident gewesen sein, der sich f 2 läßt." — 

„Schämen Sie sich denn nicht vor Ihrer Frau Gemahlin?" 

Die primäre Natur der Entmannungsphantasie und ihre an- 
fängliche Unabhängigkeit von der Erlöseridee wird ferner durch 
die eingangs erwähnte, im Halbschlaf aufgetretene „Vorstellung" 
bezeugt, daß es schön sein müsse, ein Weib zu sein, das dem 
Beischlaf unterliege (S. 56). Diese Phantasie war in der Inkubations- 

1) Die „Gottesstrahlen" sind, wie sich ergeben wird, identisch mit den in der 
„Grundsprache" redenden Stimmen. 

2) Diese Auslassung sowie alle anderen Eigentümlichkeiten der Schreibweise 
kopiere ich nach den „Denkwürdigkeiten". Ich selbst wüßte kein Motiv, in ernster 
Sache so schamhaft zu sein. 






5 68 Krankengeschichten 



zeit der Erkrankung, noch vor der Einwirkung der Überbürdung 
in Dresden bewußt worden. 

Der Monat November 1895 wird von Schreber selbst als die Zeit 
hingestellt, in welcher sich der Zusammenhang der Entmannungs- 
phantasie mit der Erlöseridee herstellte und solcher Art eine Ver- 
söhnung mit der ersteren angebahnt wurde. „Nunmehr aber wurde 
mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung, 
möchte sie mir persönlich zusagen oder nicht, gebieterisch ver- 
lange und daß mir daher aus Vernunftgründen gar nichts 
anderes übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der Ver- 
wandlung in ein Weib zu befreunden. Als weitere Folge der 
Entmannung konnte natürlich nur eine Befruchtung durch gött- 
liche Strahlen zum Zwecke der Erschaffung neuer Menschen in 
Betracht kommen" (S. 177). 

Die Verwandlung in ein Weib war das Punctum saliens, der 
erste Keim der Wahnbildung gewesen; sie erwies sich auch als 
das einzige Stück, welches die Herstellung überdauerte, und als 
das einzige, das im wirklichen Handeln des Genesenen seinen 
Platz zu behaupten wußte. „Das Einzige, was in den Augen 
anderer Menschen als etwas Unvernünftiges gelten kann, ist der 
auch von dem Herrn Sachverständigen berührte Umstand, daß 
ich zuweilen mit etwas weiblichem Zierat (Bändern, unechten 
Ketten u. dgl.) bei halb entblößtem Oberkörper vor dem Spiegel 
stehend oder sonst angetroffen werde. Es geschieht dies übrigens 
nur im Alleinsein, niemals, wenigstens soweit ich es vermeiden 
kann, zu Angesicht anderer Personen" (S. 429). Diese Spielereien 
gestand der Herr Senatspräsident zu einer Zeit ein (Juli 1901), 
da er für seine wiedergewonnene praktische Gesundheit den 
treffenden Ausdruck fand: „Jetzt weiß ich längst, daß die Personen, 
die ich vor mir sehe, nicht ,flüchtig hingemachte Männer', sondern 
wirkliche Menschen sind, und daß ich mich daher ihnen gegenüber 
so zu verhalten habe, wie ein vernünftiger Mensch im Verkehr 
mit anderen Menschen zu tun pflegt" (S. 409). Im Gegensatz zu 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 



369 



dieser Betätigung der Entmannungsphantasie hat der Kranke 
für die Anerkennung seiner Erlösermission nie etwas anderes 
unternommen als eben die Veröffentlichung seiner „Denkwürdig- 
keiten". S 

b) Das Verhältnis unseres Kranken zu Gott ist so sonderbar 
und von einander widersprechenden Bestimmungen erfüllt, daß 
ein gutes Stück Zuversicht dazu gehört, wenn man an der Er- 
wartung festhält, daß in diesem „Wahnsinn" doch „Methode" 
zu finden sei. Wir müssen uns nun mit Hilfe der Äußerungen 
in den Denkwürdigkeiten über das theologisch-psychologische 
System des Dr. Schreber genauere Orientierung schaffen und 
seine Ansichten über die Nerven, die Seligkeit, die göttliche 
Hierarchie und die Eigenschaften Gottes in ihrem scheinbaren 
(wahnhaften) Zusammenhange darlegen. In allen Stücken der 
Theorie fällt die merkwürdige Mischung von Plattem und Geist- 
reichem, von geborgten und originellen Elementen auf. 

Die menschliche Seele ist in den Nerven des Körpers enthalten, 
die als Gebilde von außerordentlicher Feinheit — den feinsten 
Zwirnfäden vergleichbar — vorzustellen sind. Einige dieser Nerven 
sind nur zur Aufnahme sinnlicher Wahrnehmungen geeignet 
andere (die Verstandesnerven) leisten alles Psychische, wobei 
das Verhältnis stattfindet, daß jeder einzelne Verstandesnerv 
die gesamte geistige Individualität des Menschen reprä- 
sentiert und die größere oder geringere Zahl der vorhandenen 
Verstandesnerven nur von Einfluß ist auf die Zeitdauer, während 
deren die Eindrücke festgehalten werden können. 1 



i) In der Anmerkung zu dieser von Schreber unterstrichenen Lehre wird deren 
Brauchbarkeit zur Erklärung der Erblichkeit betont. „Der männliche Samen enthält 
einen Nerv des Vaters und vereinigt sich mit einem aus dem Leib der Mutter ent- 
nommenen Nerven zu einer neuentstehenden Einheit" (S. 7). Es ist also hier ein 
Charakter, den wir dem Spermatozoon zuschreiben müssen, auf die Nerven übertragen 
worden und dadurch die Herkunft der Schreberschen „Nerven" aus dem sexuellen 
Vorstellungskreis wahrscheinlich gemacht. In den „Denkwürdigkeiten" trifft es sich 
nicht so selten, daß eine beiläufige Anmerkung zu einer wahnhaften Lehre den er- 
wünschten Hinweis auf die Genese und somit auf die Bedeutung des Wahnes enthält. 

Freud, VIII 



5^o Krankengeschichten 



Während die Menschen aus Körper und Nerven bestehen, ist 
Gott von vornherein nur Nerv. Die Gottesnerven sind jedoch 
nichL wie im menschlichen Körper in beschränkter Zahl vor- 
handen, sondern unendlich oder ewig. Sie besitzen alle Eigen- 
schaften der menschlichen Nerven in enorm gesteigertem Maße. 
In ihrer Fähigkeit zu schaffen, d. h. sich umzusetzen in alle 
möglichen Dinge der erschaffenen Welt, heißen sie Strahlen. 
Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel oder der Sonne be- 
steht eine innige Beziehung.' 

Nach dem Schöpf ungs werk zog sich Gott in ungeheuere Ent- 
fernung zurück (S. ii, 252) und überließ die Welt im allge- 
meinen ihren Gesetzen. Er beschränkte sich darauf, die Seelen 
Verstorbener zu sich heraufzuziehen. Nur ausnahmsweise mochte 
er sich mit einzelnen hochbegabten Menschen in Verbindung 
setzen 2 oder mit einem Wunder in die Geschicke der Welt ein- 
greifen. Ein regelmäßiger Verkehr Gottes mit Menschenseelen 
findet nach der Weltordnung erst nach dem Tode statt. 3 Wenn 
ein Mensch gestorben ist, so werden seine Seelenteile (Nerven) 
einem Läuterungsverfahren unterworfen, um endlich als „Vor- 
höfe des Himmels" Gott selbst wieder angegliedert zu werden. 
Es entsteht so ein ewiger Kreislauf der Dinge, welcher der Welt- 
ordnung zugrunde liegt (S. 1 9). Indem Gott etwas schafft, ent- 
äußert er sich eines Teiles seiner selbst, gibt einem Teile seiner 
Nerven eine veränderte Gestalt. Der scheinbar hierdurch ent- 
stehende Verlust wird wiederum ersetzt, wenn nach Jahrhunderten 
und Jahrtausenden die selig gewordenen Nerven verstorbener 
Menschen als „Vorhöfe des Himmels" ihm wieder zuwachsen. 



1) Über diese siehe weiter .inten: Sonne. - Die Gleichstellung (oder vielmehr 
Verdichtung) von Nerven und Strahlen könnte leicht deren lineare Erscheinung lum 
Gemeinsamen genommen haben. Die Strahlen-Nerven sind übrigens ebenso 

schöpferisch wie die Samenfäden-Nerven. 

a) Das wird in der „Grundsprache" (s. 11.) nls „Nervennnhang bei ihnen nehmen" 
bezeichnet. 

3) Welche Einwürfe gegen Gott sich hieran knüpfen, werden wir später erfahren. 



■ 



über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 



ot 



71 



Die durch den Läuterungsprozeß gereinigten Seelen befinden 
sich im Genüsse der Seligkeit. 1 „Sie haben unterdes ihr Selbst- 
bewußtsein abgeschwächt und sind mit anderen Seelen zu höheren 
Einheiten zusammengeschmolzen. Bedeutsame Seelen, wie die eines 
Goethe, Bismarck u. a., haben ihr Identitätsbewußtsein vielleicht 
noch durch Jahrhunderte zu bewahren, bis sie selbst in höheren 
Seelenkomplexen (wie „Jehovastrahlen" für das alte Judentum, 
„Zoroasterstrahlen" für das Persertum) aufgehen können. Während 
der Läuterung lernen die Seelen die von Gott selbst gesprochene 
Sprache, die sogenannte , Grundsprache', ein „etwas altertümliches, 
aber immerhin kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch 
einen großen Reichtum an Euphemismen auszeichnete (S. 15). 2 

Gott selbst ist kein einfaches Wesen. „Über den , Vorhöfen des 
Himmels' schwebte Gott selbst, dem im Gegensalze zu diesen 
,vorderen Gottesreichen' auch die Bezeichnung der ,hinteren 
Gottesreiche' gegeben wurde. Die hinteren Gottesreiche unterlagen 
(und unterliegen noch jetzt) einer eigentümlichen Zweiteilung, 
nach der ein niederer Gott (Ariman) und ein oberer Gott (Ormuzd) 
unterschieden wurde" (S. 1 9). Über die nähere Bedeutung dieser 
Zweiteilung weiß Schreber nichts anderes zu sagen, als daß der 
niedere Gott sich vorzugsweise den Völkern brünetter Rasse (den 
Semiten) und der obere den blonden Völkern (Ariern) zugeneigt 
hat. Doch wird man von menschlicher Erkenntnis in solchen 
Höhen auch nicht mehr fordern dürfen. Immerhin erfahren wir 
noch, „daß der niedere und der obere Gott ungeachtet der in 
gewisser Beziehung vorhandenen Einheit von Gottes Allmacht 
doch als verschiedene Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein 
jedes von ihnen, auch im Verhältnis untereinander, ihren 
besonderen Egoismus und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb 

1) Diese besteht wesentlich in einem Wollustgefühl (s. u.). 

2) Es war dem Patienten ein einziges Mal während seiner Krankheit vergönnt, 
Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit vor seinem geistigen Auge zu sehen. 
Gott äußerte damals das in der Grundsprache ganz geläufige, kraftvolle, aber nicht 
freundlich klingende Wort: Luder! (S. 136.) 

24- 



372 Krankengeschichten 



haben und sich daher immer wechselseitig vorzuschieben trachten" 
(S. 140). Die beiden göttlichen Wesen benahmen sich auch 
während des akuten Krankheitstadiums in ganz verschiedener 
Weise gegen den unglücklichen Schreber. 1 

Der Senatspräsident Schreber war in gesunden Tagen ein 
Zweifler in religiösen Dingen gewesen (S. 29, 64); er hatte sich 
zu einem festen Glauben an die Existenz eines persönlichen 
Gottes nicht aufzuschwingen vermocht. Ja, er zieht aus dieser 
Tatsache seiner Vorgeschichte ein Argument, um die volle Realität 
seines Wahnes zu stützen. 2 Wer aber das Folgende über die 
Charaktereigenschaften des Schreberschen Gottes erfährt, wird 
sagen müssen, daß die durch die paranoische Erkrankung erzeugte 
Umwandlung keine sehr gründliche war, und daß in dem nun- 
mehrigen Erlöser noch viel vom vormaligen Zweifler übrig ge- 
blieben ist. 

Die Weltordnung hat nämlich eine Lücke, jnfolge deren die 
Existenz Gottes selbst gefährdet, erscheint. Vermöge eines nicht 
näher aufzuklärenden Zusammenhanges üben die Nerven lebender 
Menschen, namentlich im Zustand einer hochgradigen Er- 
regung, eine derartige Anziehung auf die Gottesnerven aus, daß 
Gott nicht wieder von ihnen loskommen kann, also in seiner 
eigenen Existenz bedroht ist (S. 11). Dieser außerordentlich 
seltene Fall ereignete sich nun bei Schreber und hatte die größten 
Leiden für ihn zur Folge. Gottes Selbsterhaltungstrieb wurde 
dadurch rege gemacht (S. 50) und es ergab sich, daß Gott von 



i) Eine Anmerkung S. 20 läßt erraten, daß eine Stelle in Byrons Manfred für 
die Wahl der persischen Gottesnamen den Ausschlag gegeben hat. Wir werden dem 
Einflüsse dieser Dichtung noch ein anderes Mal begegnen. 

2) „Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint mir schon 
von vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, mit Gott oder 
abgeschiedenen Seelen in Verkehr zw stehen, kann doch füglich nur in solchen Menschen 
entstehen, die in ihren krankhaft erregten Nervenzustand bereits einen sicheren 
Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele mitgebracht haben. Dies ist 
aber bei mir, nach dem im Eingang dieses Kapitels Erwähnten gar nicht 
der Fall gewesen" (S. 79). 




über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 



der Vollkommenheit, die ihm die Religionen beilegen, weit ent- 
fernt ist. Durch das ganze Buch Schrebers zieht sich die bittere 
Anklage, daß Gott, nur an den Verkehr mit Verstorbenen ge- 
wöhnt, den lebenden Menschen nicht versteht. 

(S- 55) : „Dabei waltet nun aber ein fundamentales Mißver- 
ständnis ob, welches sich seitdem wie ein roter Faden durch 
mein ganzes Leben hindurchzieht und welches eben darauf be- 
ruht, daß Gott nach der Weltordnung den lebenden 
Menschen eigentlich nicht kannte und nicht zu kennen 
brauchte, sondern weltordnungsgemäß nur mit Leichen zu ver- 
kehren hatte." — (S. 141): „Daß . . . , muß nach meiner 
Überzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht werden, 
daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen nicht umzu- 
gehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allen- 
falls mit dem im Schlafe daliegenden (träumenden) Menschen 
gewöhnt war." — (S. 246): „Incredibile scriptu, möchte ich 
selbst hinzufügen, und doch ist alles tatsächlich wahr, so wenig 
andere Menschen den Gedanken einer so totalen Unfähigkeit 
Gottes, den lebenden Menschen richtig zu beurteilen, werden 
fassen können, und so langer Zeit es auch für mich bedurft hat, 
um mich an diesen Gedanken nach den unzähligen, hierüber 
gemachten Beobachtungen zu gewöhnen." 

Allein infolge dieses Mißverständnisses Gottes für den lebenden 
Menschen konnte es geschehen, daß Gott selbst der Anstifter 
des gegen Schreber gerichteten Komplottes wurde, daß Gott ihn 
für blödsinnig hielt und ihm die beschwerlichsten Prüfungen 
auferlegte (S. 264). Er unterwarf sich einem höchst lästigen 
„Denkzwange", um dieser Verurteilung zu entgehen. (S. 206): 
„Bei jeder Einstellung meiner Denktätigkeit erachtet Gott 
augenblicklich meine geistigen Fähigkeiten für erloschen, die 
von ihm erhoffte Zerstörung des Verstandes (den Blödsinn) für 
eingetreten und damit die Möglichkeit des Rückzuges für ge- 
geben." 






■Z--4, Krankengeschichten 

Eine besonders heftige Empörung wird durch das Benehmen 
Gottes in der Sache des Entleerungs- oder Seh . . . dranges her- 
vorgerufen. Die Stelle ist so charakteristisch, daß ich sie ganz 
zitieren will. Zu ihrem Verständnis schicke ich voraus, daß so- 
wohl die Wunder als auch die Stimmen von Gott (d. h. von 
den göttlichen Strahlen) ausgehen. 

(S. 225): „Wegen ihrer charakteristischen Bedeutung muß 
ich der eben erwähnten Frage ,Warum seh . . . Sie denn 
nicht?' noch einige Bemerkungen widmen, so wenig dezent 
auch das Thema ist, das ich dabei zu berühren genötigt bin. 
Wie alles andere an meinem Körper, wird nämlich auch 
das Ausleerungsbedürfnis durch Wunder hervorgerufen; es ge- 
schieht dies, indem der Kot in den Därmen vorwärts (manch- 
mal auch wieder rückwärts) gedrängt wird und wenn infolge 
geschehener Ausleerungen genügendes Material nicht mehr vor- 
handen ist, wenigstens die noch vorhandenen geringen Reste 
des Darminhaltes auf meine Gesäßöffnung geschmiert werden. 
Es handelt sich dabei um ein Wunder des oberen Gottes, 
das an jedem Tage mindestens mehrere Dutzende von Malen 
wiederholt wird. Damit verbindet sich die für Menschen ge- 
radezu unbegreifliche und nur aus der völligen Unbekanntschaft 
Gottes mit dem lebenden Menschen als Organismus erklär- 
liche Vorstellung, daß das ,Sch . . .' gewissermaßen das letzte 
sei, d. h. mit dem Anwundem des Seh . . dranges das Ziel 
der Zerstörung des Verstandes erreicht und die Möglichkeit 
eines endgültigen Rückzuges der Strahlen gegeben sei. Wie 
mir scheint, muß man, um der Entstehung dieser Vorstellung 
auf den Grund zu gehen, an das Vorliegen eines Mißverständ- 
nisses in betreff der symbolischen Bedeutung des Ausleerungs- 
aktes denken, daß nämlich derjenige, der zu göttlichen 
Strahlen in ein dem meinigen entsprechendes Verhältnis ge- 
kommen ist, gewissermaßen berechtigt sei, auf alle Welt zu 
seh . . « 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 375 

„Zugleich äußert sich dabei aber auch die ganze Perfidie* der 
Politik, die mir gegenüber verfolgt wird. Nahezu jedesmal, wenn 
man mir das Ausleerungsbedürfnis wundert, schickt man — in- 
dem man die Nerven des betreffenden Menschen dazu anregt — 
irgend eine andere Person meiner Umgebung auf den Abtritt, 
um mich am Ausleeren zu verhindern 5 es ist dies eine Erscheinung, 
die ich seit Jahren in so unzähligen (Tausenden von) Malen und 
so regelmäßig beobachtet habe, daß jeder Gedanke an einen Zu- 
fall ausgeschlossen ist. Mir selbst gegenüber wird dann aber auf 
die Frage: , Warum seh ... Sie denn nicht?' mit der famosen 
Antwort fortgefahren: ,Weil ich dumm bin so etwa.' Die 
Feder sträubt sich fast dagegen, den formidablen Unsinn nieder- 
zuschreiben, daß Gott in der Tat in seiner auf Unkenntnis 
der Menschennatur beruhenden Verblendung so weit geht, anzu- 
nehmen, es könne einen Menschen geben, der — was doch 
jedes Tier zu tun vermag — vor Dummheit nicht seh . . . könne. 
Wenn ich dann im Fall eines Bedürfnisses wirklich ausleere — 
wozu ich mich, da ich den Abtritt fast stets besetzt linde, in 
der Regel eines Eimers bediene, — so ist dies jedesmal mit einer 
überaus kräftigen Entwicklung der Seelenwollust verbunden. Die 
Befreiung von dem Drucke, der durch den in den Därmen vor- 
handenen Kot verursacht wird, hat nämlich für die Wollustnerven 
ein intensives Wohlbehagen zur Folge; das gleiche ist auch beim 
Pissen der Fall. Aus diesem Grunde sind noch stets und ohne jede 
Ausnahme beim Ausleeren und Pissen alle Strahlen vereinigt ge- 
wesen; aus eben diesem Grunde sucht man auch stets, wenn ich mich 
zu diesen natürlichen Funktionen anschicke, den Ausleerungs- und 
Pißdrang, wenn auch meist vergeblich, wieder zurückzu wundern. 






«2 



1) Eine Anmerkung bemüht sich hier, das harte Wort „Perfidie" zu mildern, in- 
dem auf eine der noch zu erwähnenden Rechtfertigungen Gottes verwiesen wird. 

2) Dies Eingeständnis der Exkretionslust, die wir als eine der autoerotischen 
Komponenten der infantilen Sexualität kennen gelernt haben, möge man mit den 
Äußerungen des kleinen Hans in der „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" 
(S. 219 dieses Bandes) zusammenhalten. 






570 Krankengeschichten 




Der sonderbare Gott Schrebers ist auch nicht imstande, etwas 
aus der Erfahrung zu lernen. (S. 180): „Aus der so gewonnenen 
Erfahrung eine Lehre für die Zukunft zu ziehen, scheint ver- 
möge irgend welcher, in dem Wesen Gottes liegender Eigen- 
schaften eine Unmöglichkeit zu sein." Er kann daher dieselben 
quälenden Proben, Wunder und Stimmenäußerungen Jahre hin- 
durch ohne Abänderung wiederholen, bis er dem Verfolgten zum 
Gespötte werden muß. 

(S. 533): „Daraus ergibt sich, daß Gott fast in allem, was mir 
gegenüber geschieht, nachdem die Wunder ihre frühere furcht- 
bare Wirkung zum größten Teil eingebüßt haben, mir über- 
wiegend lächerlich oder kindisch erscheint. Daraus folgt für mein 
Verhalten, daß ich häufig durch die Notwehr gezwungen bin, 
nach Befinden auch in lauten Worten den Gottesspötter zu 
spielen . . ."' 

Diese Kritik Gottes und Auflehnung gegen Gott begegnet bei 
Schreber indes einer energischen Gegenströmung, welcher an 
zahlreichen Stellen Ausdruck gegeben wird. (S. 333): »Auf das 
allerentschiedenste habe ich aber auch hier zu betonen, daß es 
sich dabei nur um eine Episode handelt, die, wie ich hoffe, 
spätestens mit meinem Ableben ihre Endschaft erreichen wird, 
daß daher das Recht, Gottes zu spotten, nur mir, nicht aber 
anderen Menschen zusteht. Für andere Menschen bleibt Gott der 
allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde, der Urgrund 
aller Dinge und das Heil ihrer Zukunft, dem — mögen auch 
einzelne der herkömmlichen religiösen Vorstellungen einer Be- 
richtigung bedürfen — Anbetung und höchste Verehrung gebührt." 

Es wird darum zu wiederholten Malen eine Rechtfertigung 
Gottes wegen seines Benehmens gegen den Patienten versucht, 
die, ebenso spitzfindig wie alle Theodiceen, bald in der allgemeinen 



1) Auch in der „Grundsprache 1- war Gott nicht immer der schimpfende Teil, 
sondern gelegentlich auch der beschimpfte, z. B. „Ei verflucht, das sagt sich schwer, 
daß der liebe Gott sich f . . . läßt" (S. 194). 



=1 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 



577 



Natur der Seelen, bald in der Nötigung Gottes, sich selbst zu 
erhalten und in dem irreführenden Einflüsse der Flechsigschen 
Seele die Erklärung findet (S. 60 u. ff., S. 160). Im ganzen aber 
wird die Krankheit als ein Kampf des Menschen Schreber gegen 
Gott aufgefaßt, in welchem der schwache Mensch Sieger bleibt, 
weil er die Weltordnung auf seiner Seite hat (S. 61). 

Aus den ärztlichen Gutachten hätte man leicht schließen 
können, daß man es bei Schreber mit der landläufigen Form der 
Erlöserphantasie zu tun habe. Der Betreffende sei Gottes Sohn, 
dazu bestimmt, die Welt aus ihrem Elend oder vor dem ihr 
drohenden Untergang zu retten usw. Ich habe es daher nicht 
unterlassen, die Besonderheiten des Schreberschen Verhältnisses zu 
Gott ausführlich darzustellen. Die Bedeutung, welche diesem 
Verhältnisse für die übrige Menschheit zukommt, wird in den 
Denkwürdigkeiten nur selten und erst zu Ende der Wahnbildung 
erwähnt. Sie besteht wesentlich darin, daß kein Verstorbener 
selig werden kann, solange seine (Schrebers) Person die Haupt- 
masse der Gottesstrahlen durch ihre Anziehungskraft absorbiert 
(S. 32). Auch die unverhüllte Identifizierung mit Jesus Christus 
kommt erst sehr spät zum Vorscheine (S. 538, 431). 

Es wird kein Erklärungsversuch des Falles Schreber Aussicht 
auf Richtigkeit haben, der nicht diesen Besonderheiten seiner 
Gottesvorstellung, dieser Mischung von Zügen der Verehrung und 
der Auflehnung, Rechnung trägt. Wir wenden uns nun einem 
andern, in inniger Beziehung zu Gott stehenden Thema, dem 
der Seligkeit, zu. 

Die Seligkeit ist auch bei Schreber „das jenseitige Leben", zu 
dem die Menschenseele durch die Läuterung nach dem Tod 
erhoben wird. Er beschreibt sie als einen Zustand ununter- 
brochenen Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes. 
Das ist nun wenig originell, aber dafür werden wir durch die 
Unterscheidung überrascht, die Schreber zwischen einer männ- 
lichen und einer weiblichen Seligkeit macht. (S. 18): „Die 






578 Krankengeschichten 



männliche Seligkeit stand höher als die weibliche Seligkeit, welch 
letztere vorzugsweise in einem ununterbrochenen Wollustgefühle 
bestanden zu haben scheint." 1 Andere Stellen verkünden das 
Zusammenfallen von Seligkeit und Wollust in deutlicherer Sprache 
und ohne Bezug auf den Geschlechtsunterschied, so wie auch von 
dem Bestandteile der Seligkeit, der Anschauung Gottes ist, weiter 
nicht gehandelt wird. So z. B. (S. 51): „ • • • mit der Natur der 
Gottesnerven, vermöge deren die Seligkeit . . ., wenn auch nicht 
ausschließlich, so doch mindestens zugleich eine hochgesteigerte 
Wollustempfindung ist." Und (S. 28 1): „Die Wollust darf als ein 
Stück Seligkeit aufgefaßt werden, das dem Menschen und anderen 
lebenden Geschöpfen gewissermaßen im voraus verliehen ist,' so 
daß die himmlische Seligkeit wesentlich als Steigerung und Fort- 
setzung der irdischen Sinneslust zu verstehen wäre! 

Diese Auffassung der Seligkeit ist keineswegs ein aus den ersten 
Stadien der Krankheit stammendes, später als unverträglich eli- 
miniertes Stück des Schreberschen Wahnes. Noch in der „Berufungs- 
begründung" (Juli 1901) hebt der Kranke als eine seiner großen 
Einsichten hervor, „daß die Wollust nun einmal in einer — 
für andere Menschen bisher nicht erkennbar gewordenen — 
nahen Beziehung zu der Seligkeit der abgeschiedenen Geister steht." 2 

Ja, wir werden hören, daß diese „nahe Beziehung" der Fels 
ist, auf welchem der Kranke die Hoffnung einer endlichen Ver- 
söhnung mit Gott und eines Aufhörens seiner Leiden gebaut hat. 
Die Strahlen Gottes verlieren ihre feindselige Gesinnung, sobald 
sie versichert sind, mit Seelenwollust in seinem Körper aufzugehen 
(S. 135); Gott selbst verlangt danach, die Wollust bei ihm zu 
finden (S. 283) und droht mit dem Rückzuge seiner Strahlen, 



1) Es liegt doch ganz im Sinne der Wunscherfiillung vom Leben im Jenseits, 
daß man dort endlich des Geschlechtsnntcrschiedes ledig wird. 

..Und jene himmlischen Gestalten 

sie fragen nicht nach Mann und Weib." (Mignon) 

2) Über den möglichen Tiefsinn dieses Schreberschen Fundes vgl. unten. 



>1 %.>tä. *£ £yA C-frfyt @uJ*t &Ur;iL^ +-CfAst,^u*&Är | 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 579 

wenn er in der Pflege der Wollust nachläßt und Gott das Ver- 
langte nicht bieten kann (S. 320). 

Diese überraschende Sexualisierung der himmlischen Seligkeit 
macht uns den Eindruck, als ob Schrebers Seligkeitsbegriff durch 
die Verdichtung der zwei Hauptbedeutungen des deutschen Wortes: 
verstorben und sinnlich glücklich entstanden wäre.' Wir 
werden in ihr aber auch den Anlaß finden, das Verhältnis unseres 
Patienten zur Erotik überhaupt, zu den Fragen des sexuellen 
Genießern, der Prüfung zu unterziehen, denn wir Psychoanalytiker 
huldigen bis jetzt der Meinung, daß die Wurzeln jeder nervösen 
und psychischen Erkrankung vorzugsweise im Sexualleben zu finden 
seien, und zwar die einen von uns nur aus Gründen der Erfahrung, 
die anderen überdies noch infolge theoretischer Erwägungen. 

Nach den bisher gegebenen Proben des Schreberschen Wahnes 
ist die Befürchtung, gerade diese paranoide Erkrankung könnte 
sich als der so lange gesuchte „negative Fall" herausstellen, in 
dem die Sexualität eine allzu geringe Rolle spiele, ohneweiters 
abzuweisen. Schreber selbst äußert sich ungezählte Male in solcher 
Art als ob er ein Anhänger unseres Vorurteils wäre. Er nennt 
Nervosität" und erotische Verfehlung stets in einem Atem, als 
ob die beiden nicht voneinander zu trennen wären. 2 



1) ,.Mein seliger Vater" und der Text der Arie aus dem Don Juan: 

„Ja. dein zu sein auf ewig, 

wie selig werd' ich sein" 
als extreme Vertreter der beiden Bedeutungen. Es kann aber auch nicht ohne Sinn 
sein, daß unsere Sprache dasselbe Wort für so verschiedene Situationen verwendet. 

2) (S. 52): „Wenn auf irgend einem Weltkörper sittliche Fäulnis („wollüstige 
Ausschweifungen") oder vielleicht auch Nervosität die ganze Menschheit derart 
ergriffen hatten" — dann meint Schreber, in Anlehnung an die biblischen Berichte 
von Sodom und Gomorrha, von der Sündflut usw., könnte es zu einer Weltkatastrophe 
gekommen sein. — (S. 91.) ,, • • • habe Furcht und Schrecken unter den Menschen 
verbreitet die Grundlagen der Religion zerstört und das Umsichgreifen einer all- 
gemeinen Nervosität und Unsittlichkeit verursacht, in deren Folge dann ver- 
heerende Seuchen über die Menschheit hereingebrochen seien." — (S. 165): „Als 
.Höllenfürst' galt daher wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus 
einem sittlichen Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüber- 
reizung infolge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte." 



580 Krankengeschichten 



Vor seiner Erkrankung war der Senatspräsident Schieber ein 
sittenstrenger Mann gewesen. (S. 281): „Es wird wenige Menschen 
geben" — behauptet er, und ich sehe keine Berechtigung, ihm 
zu mißtrauen — , „die in so strengen sittlichen Grundsätzen auf- 
gewachsen sind wie ich und die sich ihr ganzes Leben hindurch, 
namentlich auch in geschlechtlicher Beziehung, eine diesen Grund- 
sätzen entsprechende Zurückhaltung in dem Maße auferlegt haben, 
wie ich es von mir behaupten darf." Nach dem schweren Seelen- 
kampfe, der sich nach außen durch die Erscheinungen der 
Krankheit kundgab, hatte sich das Verhältnis zur Erotik verändert. 
Er war zur Einsicht gekommen, daß die Pflege der Wollust 
eine Pflicht für ihn sei, deren Erfüllung allein den schweren in 
ihm, wie er meinte, um ihn, ausgebrochenen Konflikt beenden 
könne. Die Wollust war, wie ihm die Stimmen versicherten, 
„gottesfürchtig" geworden (S. 285), und er bedauert nur, daß er 
nicht imstande sei, sich den ganzen Tag über der Pflege der 
Wollust zu widmen' (S. 285). 

Das also war das Fazit der Krankheitsveränderung bei Schreber 
nach den beiden Hauptrichtungen seines Wahnes. Er war vorher 
ein zur sexuellen Askese Geneigter und ein Zweifler an Gott ge- 
wesen, er war nach Ablauf der Krankheit ein Gottesgläubiger 
und der Wollust Beflissener. Aber wie sein wiedergewonnener 
Gottesglaube von absonderlicher Art war, so zeigte auch das Stück 
Sexualgenießen, das er sich erobert hatte, einen ganz ungewöhn- 
lichen Charakter. Es war nicht mehr männliche Sexualfreiheit, 
sondern weibliches Sexualgefüld, er stellte sich feminin gegen 
Gott ein, fühlte sich als Gottes Weib. 2 



1) Im Zusammenhange des Wahnes heißt es (S. 179): „Die Anziehung verlor 
jedoch ihre Schrecken für die betreffenden Nerven, wenn und so weit sie beim Ein- 
gehen in meinem Körper das Gefühl der Seelenwollust antrnfen, an dem sie ihrer- 
seits teilnahmen. Sie fanden dann für die verloren gegangene himmlische Seligkeit, 
die wohl ebenfalls in einem wollustartigen Genießen bestand, einen ganz oder 
mindestens annähernd gleichwertigen Ersatz in meinem Körner wieder." 

2) Anmerkung zu S. 4 der Vorrede: „Etwas der Empfängnis Jesu Christi von 
seiten einer unbefleckten Jungfrau — d. h. von einer solchen, die niemals Umgang 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 381 

Kein anderes Stück seines Wahnes wird von dem Kranken so 
ausführlich, man könnte sagen, so aufdringlich behandelt, wie die 
von ihm behauptete Verwandlung in ein Weib. Die von ihm 
aufgesogenen Nerven haben in seinem Körper den Charakter 
weiblicher Wollustnerven angenommen und demselben auch sonst 
ein mehr oder weniger weibliches Gepräge, insbesondere seiner 
Haut die dem weiblichen Geschlecht eigentümliche Weichheit 
verliehen (S. 87). Er fühlt diese Nerven, wenn er einen leisen 
Druck mit der Hand an einer beliebigen Körperstelle ausübt, als 
Gebilde von faden- oder strangartiger Beschaffenheit unter der 
Hautoberfläche, dieselben sind namentlich an der Brust, da wo 
beim Weibe der Busen ist, vorhanden (S. 277). „Durch einen 
auf diese Gebilde auszuübenden Druck vermag ich mir, nament- 
lich wenn ich an etwas Weibliches denke, eine der weiblichen 
entsprechende Wollustempfindung zu verschaffen." Er weiß sicher, 
daß diese Gebilde nach ihrer Herkunft weiter nichts sind als 
ehemalige Gottesnerven, die doch durch ihren Übergang in seinen 
Körper ihre Eigenschaft als Nerven kaum eingebüßt haben können 
(S. 279). Er ist imstande, sich und den Strahlen durch „Zeichnen" 
(visuelles Vorstellen) den Eindruck zu verschaffen, daß sein Körper 
mit weiblichen Brüsten und weiblichem Geschlechtsteil ausge- 
stattet sei. (S. 255): „Das Zeichnen eines weiblichen Hinteren an 
meinen Körper — honny soit qui mal y pense — ist mir so zur 
Gewohnheit geworden, daß ich dies beim Bücken jedesmal fast 
unwillkürlich tue." Er will es „kühn behaupten, daß jeder, der 
mich mit entblößtem oberen Teile des Rumpfes vor dem Spiegel 
sehen würde, — zumal wenn die Illusion durch etwas weiblichen 



mit einem Manne gepflogen hat — Ähnliches ist in meinem eigenen Leibe vorge- 
gangen. Ich habe (und zwar zu der Zeit, als ich noch in der Flechsigschen Anstalt 
war) zu zwei verschiedenen Malen bereits einen, wenn auch etwas mangelhaft ent- 
wickelten weiblichen Geschlechtsteil gehabt und in meinem Leibe hüpfende Be- 
wegungen wie sie den ersten Lebensregungen des menschlichen Embryo entsprechen, 
empfunden: Durch göttliches Wunder waren dem männlichen Samen entsprechende 
Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden; es hatte also eine Befruchtung 
stattgefunden." 



582 Krankengeschichten 



Aufputz unterstützt wird, — den unzweifelhaften Eindruck eines 
weiblichen Oberkörpers empfangen würde" (S. 280). Er fordert 
die ärztliche Untersuchung heraus, um feststellen zu lassen, daß 
sein ganzer Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit Wollustnerven 
durchsetzt ist, was nach seiner Meinung nur beim weiblichen 
Körper der Fall ist, während beim Manne, soviel ihm bekannt 
ist, Wollustnerven nur am Geschlechtsteile und in unmittelbarer 
Nähe desselben sich befinden (S. 074). Die Seelenwollust, die 
sich durch diese Anhäufung der Nerven in seinem Körper ent- 
wickelt hat, ist so stark, daß es namentlich beim Liegen im 
Bette nur eines geringen Aufwandes von Einbildungskraft bedarf, 
um sich ein sinnliches Behagen zu schaffen, das eine ziemlich 
deutliche Vorahnung von dem weiblichen Geschlechtsgen usse beim 
Beischlafe gewährt (S. 269). 

Erinnern wir uns des Traumes, welcher in der Inkubationszeit 
der Erkrankung, noch vor der Übersiedlung nach Dresden, vorfiel, 
so wird es über jeden Zweifel evident, daß der Wahn der Ver- 
wandlung in ein Weib nichts anderes ist als die Realisierung 
jenes Trauminhalts. Gegen diesen Traum hatte er sich damals 
mit männlicher Empörung gesträubt und ebenso wehrte er sich 
anfänglich gegen dessen Erfüllung während der Krankheit, sah 
die Wandlung zum Weib als eine Schmach an, die in feindseliger 
Absicht über ihn verhängt werden sollte. Aber es kam ein Zeit- 
punkt (November 1895), in dem er sich mit dieser Wandlung 
zu versöhnen begann und sie mit höheren Absichten Gottes in 
Verbindung brachte. (S. 177 und 178): „Ich habe seitdem die 
Pflege der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein auf meine Fahne 
geschrieben." 

Er kam dann zur sicheren Überzeugung, daß Gott selbst zu 
seiner eigenen Befriedigung die Weiblichkeit von ihm verlange. 

(S. 281): „Sobald ich aber — wenn ich mich so ausdrücken 
darf — mit Gott allein bin, ist es eine Notwendigkeit für mich, 
mit allen erdenklichen Mitteln sowie mit dem vollen Aufgebote 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 385 

meiner Verstandeskräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft, 
dahin zu wirken, daß die göttlichen Strahlen von mir möglichst 
fortwährend — oder da dies der Mensch einfach nicht kann — 
wenigstens zu gewissen Tageszeiten den Eindruck eines in wol- 
lüstigen Empfindungen schwelgenden Weibes empfangen." 

(S. 285): „Auf der andern Seite verlangt Gott ein den welt- 
ordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen entsprechendes 
beständiges Genießen; es is meine Aufgabe, ihm dasselbe, . . . 
in der Form ausgiebigster Entwicklung der Seelen wollust zu 
bieten, soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genüsse ab- 
fällt, bin ich berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung 
für das Übermaß der Leiden und Entbehrungen, das mir seit 
Jahren auferlegt ist, mitzunehmen; . . . 

(S. 284): „ . . . ich glaube sogar nach den gewonnenen Ein- 
drücken die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu 
einer Rückzugsaktion vorschreiten würde, wodurch mein körper- 
liches Wohlbefinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert 
wird, sondern ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleich- 
mäßigkeit der Anziehung folgen würde, wenn es mir möglich 
wäre, immer das in geschlechtlicher Umarmung mit mir selbst 
daliegende Weib zu spielen, meinen Blick immer auf weiblichen 
Wesen ruhen zu lassen, immer weibliche Bilder zu besehen usw." 

Die beiden Hauptstücke des Schreberschen Wahnes, die Wand- 
lung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott sind in 
seinem System durch die feminine Einstellung gegen Gott ver- 
knüpft. Es wird eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine wesent- 
liche genetische Beziehung zwischen diesen beiden Stücken 
nachzuweisen, sonst wären wir mit unseren Erläuterungen zu 
Schrebers Wahn in die lächerliche Rolle geraten, die Kant in 
dem berühmten Gleichnis der Kritik der reinen Vernunft als die 
des Mannes beschreibt, der das Sieb unterhält, während ein 
anderer den Bock melkt. 



1 



II 

DEUTUNGS VERSUCHE 

Von zwei Seiten her könnte man den Versuch machen, zum 
Verständnis dieser paranoischen Krankengeschichte vorzudringen, 
die bekannten Komplexe und Triebkräfte des Seelenlebens in ihr 
aufzudecken. Von den wahnhaften Äußerungen des Kranken selbst 
und von den Anlässen seiner Erkrankung. 

Der erste Weg erschiene verlockend, seitdem C. G. Jung uns 
das glänzende Beispiel der Deutung eines ungleich schwereren Falles 
von Dementia praecox, mit vom Normalen ungleich weiter ab- 
liegenden Symptomäußerungen gegeben hat. 1 Auch die hohe 
Intelligenz und Mitteilsamkeit des Kranken scheint uns die Lösung 
der Aufgabe auf diesem Wege zu erleichtern. Gar nicht so selten 
drückt er uns den Schlüssel selbst in die Hand, indem er zu 
einem wahnhaften Satz eine Erläuterung, ein Zitat oder Beispiel, 
wie beiläufig, hinzufügt oder eine ihm selbst auftauchende 
Ähnlichkeit ausdrücklich bestreitet. Man braucht dann nur_ im 
letzten Falle die negative Einkleidung wegzulassen, wie man es 
in der psychoanalytischen Technik zu tun gewohnt ist, das Beispiel 
für das Eigentliche, das Zitat oder die Bestätigung für die Quelle 
zu nehmen, und befindet sich im Besitze, der gesuchten Über- 
setzung aus der paranoischen Ausdrucksweise ins Normale. Ein 
Beleg für diese Technik verdient vielleicht eine ausführlichere 



1) C. G. Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox. 1907. 



Überfeinen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 585 

Darstellung. Schreber beklagt sich über die Belästigung durch die 
sogenannten „gewunderten Vögel" oder „sprechenden Vögel", 
denen er eine Reihe recht auffälliger Eigenschaften zuschreibt 
(S. 208 — 214). Sie sind nach seiner Überzeugung aus Resten 
ehemaliger „Vorhöfe des Himmels", also selig gewesener Menschen- 
seelen, gebildet und mit Leichengift beladen auf ihn gehetzt 
worden. Sie sind in den Stand versetzt, „sinnlos auswendig ge- 
lernte Redensarten" herzusagen, die ihnen „eingebläut" worden 
sind. Jedesmal, wenn sie das ihnen aufgepackte Leichengift bei 
ihm abgelagert, d. h. „die ihnen gewissermaßen .eingebläuten 
Phrasen abgeleiert haben", gehen sie mit den Worten „verfluchter 
Kerl" oder „Ei verflucht" einigermaßen in seiner Seele auf, den' 
einzigen Worten, deren sie im Ausdruck einer echten Empfindung 
überhaupt noch fähig sind. Den Sinn der von ihnen gesprochenen 
Worte verstehen sie nicht, haben aber eine natürlichen Empfäng- 
lichkeit für den Gleichklang der Laute, der kein vollständiger zu 
sein braucht. Es verschlägt daher für sie wenig, ob man sagt: 

Santiago oder Karthago, 

Chinesentum oder Jesuin Christum, 

Abendrot oder Atemnot, 

Ariman oder Ackerman usw. (S. 210.) 
Während man diese Schilderung liest, kann man sich des 
Einfalles nicht erwehren, daß mit ihr junge Mädchen gemeint 
sein müssen, die man in kritischer Stimmung gerne mit Gänsen 
vergleicht, denen man ungalanterweise ein „Vogelgehirn" zu- 
schreibt, von denen man behauptet, daß sie nichts zu reden wissen 
als eingelernte Phrasen, und die ihre Unbildung durch die Ver- 
wechslung ähnlich klingender Fremdwörter verraten. Das „ver- 
fluchter Kerl", mit dem es ihnen allein Ernst ist, wäre dann der 
Triumph des jungen Mannes, der ihnen zu imponieren verstanden 
hat. Und siehe da, einige Seiten später (S. 214) stößt man auf 
die Sätze Schrebers, welche eine solche Deutung sicherstellen. 
„Einer großen Anzahl der übrigen Vogelseelen habe ich scherz- 

Preud, VIII 25 



386 Krankengeschichten 



weise zur Unterscheidung Mädchennamen beigelegt, da sie sich 
sämtlich nach ihrer Neugier, ihrem Hange zur Wollust usw. am 
ersten mit kleinen Mädchen vergleichen lassen. Diese Mädchen- 
namen sind dann zum Teil auch von den Gottesstrahlen auf- 
gegriffen und zur Bezeichnung der betreffenden Vogelseeleu 
beibehalten worden." Aus dieser mühelosen Deutung der „ge- 
wunderten Vögel" entnimmt man dann einen Wink fürs Verständnis 
der rätselhaften „Vorhöfe des Himmels". 

Ich verkenne nicht, daß es jedesmal eines guten Stückes Takt 
und Zurückhaltung bedarf, wenn man die typischen Fälle der 
Deutung in der psychoanalytischen Arbeit verläßt, und daß 
der Hörer oder Leser nur so weit, mitgeht, als die von ihm 
gewonnene Vertrautheit mit der analytischen Technik ihm ge- 
stattet. Man hat also allen Grund vorzusorgen, daß nicht dem 
gesteigerten Aufwand von Scharfsinn ein gemindertes Maß von 
Sicherheit und Glaubwürdigkeit parallel gehe. Es liegt dann in 
der Natur der Sache, daß der eine Arbeite)- die Vorsicht, der 



andere die Kühnheit übertreiben wird. Die richtigen Grenzen der 
Berech ti<>uno- zur Deutung wird man erst nach vielerlei Versuchen 
und besserer Bekanntschaft mit dem Gegenstand abstecken können. 
Bei der Bearbeitung des Falles Schreber wird mir die Zurückhaltung 
durch den Umstand vorgeschrieben, daß die Widerstände gegen die 
Publikation der Denkwürdigkeiten doch den Erfolg gehabt haben, 
einen beträchtlichen Anteil des Materials und wahrscheinlich den 
für das Verständnis bedeutsamsten unserer Kenntnis zu entziehen. 1 



1) Gutachten des Dr. Weber (S. 402): „Überblickt man den Inhalt seiner Schrift, 
berücksichtigt man die Fülle der Indiskretionen, die in Bezug auf ihn und andere 
in ihr enthalten sind, die ungenierte Ausmalung der bedenklichsten und ästhetisch 
geradezu unmöglichen Situationen und Vorgänge, die Verwendung der anstößigsten 
Kraftausdrücke usw.. so würde man es ganz unverständlich finden, daß ein Mann, 
der sich sonsl durch Takt und Feingefühl ausgezeichnet hat, eine ihn vor der Öffent- 
lichkeit so schwer kompromittierende Handlung beabsichtigen könne, wenn eben 
nicht . . ." usw. — Von einer Krankengeschichte, die die gestörte Menschlichkeit und 
deren Ringen nach Wiederherstellung schildern soll, wird man eben nicht fordern 
dürfen, daß sie „diskret" und „ästhetisch" ansprechend sei. 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 537 

So z. B. schließt das Kapitel III des Buches, das mit der viel- 
versprechenden Ankündigung begonnen hat: „Ich behandle nun 
zunächst einige Vorkommnisse an anderen Mitgliedern 
meiner Familie, die denkbarerweise in Beziehung zu dem 
vorausgesetzten Seelenmorde stehen könnten, und die jeden- 
falls alle ein mehr oder weniger rätselhaftes, nach sonstigen 
menschlichen Erfahrungen schwer zu erklärendes Gepräge an sich 
tragen" (S. 55) unmittelbar darauf mit dem Satze: „Der weitere 
Inhalt des Kapitels kommt als zur Veröffentlichung ungeeignet 
für den Druck in Wegfall." Ich werde also zufrieden sein müssen, 
wenn es mir gelingt, gerade den Kern der Wahnbildung mit 
einiger Sicherheit auf seine Herkunft aus bekannten menschlichen 
Motiven zurückzuführen. 

Ich werde in dieser Absicht ein Stückchen der Krankengeschichte 
nachtragen, welches in den Gutachten nicht entsprechend gewürdigt 
wird, obwohl der Kranke selbst alles dazu getan hat, es in den 
Vordergrund zu drängen. Ich meine das Verhältnis Schrebers zu 
seinem ersten Arzte, dem Geheimrate Prof. Flechsig in Leipzig. 

Wir wissen bereits, daß der Fall Schrebers zu Anfang das 
Gepräge des Verfolgungswahnes an sich trug, welches erst von 
dem Wendepunkte der Krankheit an (der „Versöhnung") ver- 
wischt wurde. Die Verfolgungen werden dann immer erträglicher, 
der weltordnungsmäßige Zweck der angedrohten Entmannung 
drängt das Schmachvolle derselben zurück. Der Urheber aller 
Verfolgungen aber ist Flechsig und er bleibt ihr Anstifter über 
den ganzen Verlauf der Krankheit. 1 

Was nun eigentlich die Untat Flechsigs und welches seine 
Motive dabei waren, das wird von dem Kranken mit jener 






i x Vorrede S. VIII: „Noch jetzt wird mir an jedem Tage Ihr Käme von den mit 
'mir redenden Stimmen in stets wiederkehrenden Znsammenhängen insbesondere als 
Urheber jener Schädigungen zu Hunderten von Malen zugerufen, obwohl die persön- 
lichen Beziehungen, die eine Zeitlang zwischen uns bestanden haben, für mich längst 
in den Hintergrund getreten sind und ich selbst daher schwerlich irgendwelchen 
Anlaß hätte, mich Ihrer immer von neuem, insbesondere mit irgendwelcher grollenden 
Empfindung zu erinnern." 



=-/ 



j8 8 Krankengeschichten 



charakteristischen Unbestimmtheit und Unfaßbarkeit erzählt, welche 
als Kennzeichen einer besonders intensiven Wahnbildungsarbeit 
angesehen werden dürfen, wenn es gestattet ist, die Paranoia nach 
dem Vorbilde des umso viel besser bekannten Traumes zu be- 
urteilen. Flechsig hat an dem Kranken einen „Seelenmord" 
begangen oder versucht, ein Akt, der etwa den Bemühungen des 
Teufels und der Dämonen, sich einer Seele zu bemächtigen, 
gleichzustellen ist und der vielleicht in Vorgängen zwischen längst 
verstorbenen Mitgliedern der Familien Flechsig und Schreber 
vorgebildet war.' Gerne möchte man über den Sinn dieses 
Seelenmordes mehr erfahren, aber hier versagen wiederum in 
tendenziöser Weise die Quellen (S. 28): „Worin das eigentliche 
Wesen des Seelenmordes und sozusagen die Technik desselben 
besteht, vermag ich außer dem im obigen Angedeuteten nicht 
zu sagen. Hinzuzufügen wäre nur noch etwa (folgt eine Stelle, 
die sich zur Veröffentlichung nicht eignet)." Infolge dieser 
Auslassung bleibt es für uns undurchsichtig, was unter dem 
„Seelenmord" gemeint ist. Den einzigen Hinweis, welcher der 
Zensur entgangen ist, werden wir an anderer Stelle erwähnen. 
Wie dem immer sei, es erfolgte bald eine weitere Entwicklung 
des Wahnes, welche das Verhältnis des Kranken zu Gott betraf, 
ohne das zu Flechsig zu ändern. Hatte er bisher seinen eigent- 
lichen Feind nur in Flechsig (oder vielmehr in dessen Seele) 
erblickt und Gottes Allmacht als seine Bundesgenossin betrachtet, 
so konnte er dann den Gedanken nicht abweisen, daß Gott selbst 
der Mitwisser, wenn nicht gar Anstifter des gegen ihn gerichteten 
Planes sei (S. 59). Flechsig aber blieb der erste Verführer, dessen 
Einfluß Gott unterlegen war (S. 60). Er hatte es verstanden, 
sicli mit seiner ganzen Seele oder einem Teile derselben zum 
Himmel aufzuschwingen und sich damit selbst — ohne Tod 
und vorgängige Reinigung — zum „Strahlenführer" zu machen 

1) S. 22 und ff. 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 589 



(S. 5t)). 1 Diese Rolle behielt die Flechsigsche Seele bei, auch 
nachdem der Kranke die Leipziger Klinik mit der Piersonschen 
Anstalt vertauscht hatte. Der Einfluß der neuen Umgebung zeigte 
sich dann darin, daß zu ihr die Seele des Oberwärters, in dem 
der Kranke einen ehemaligen Hausgenossen erkannte, als v. W.sche 
Seele hinzutrat. 2 Die Flechsigsche Seele führte dann die „Seelen- 
teilung" ein, die große Dimensionen annahm. Zu einer gewissen 
Zeit gab es 40 bis 60 solcher Abspaltungen der Flechsigschen 
Seele; zwei größere Seelenteile wurden der „obere Flechsig" und 
der „mittlere Flechsig" genannt (S. 111). Ebenso verhielt sich 
die v. W.-sche Seele (die des Oberwärters). Dabei wirkte es zu- 
weilen sehr drollig, wie die beiden Seelen sich trotz ihrer Bundes- 
genossenschaft befehdeten, der Adelsstolz der einen und der 
Professorendünkel der anderen sich gegenseitig abstießen (S. 1 1 5). 
In den ersten Wochen seines endgültigen Aufenthaltes auf dem 
Sonnenstein (Sommer 1894) trat die Seele des neuen Arztes 
Dr. Weber in Aktion, und bald darauf kam jener Umschwung 
in der Entwicklung des Wahnes, den wir als die „Versöhnung"' 

kennen gelernt haben. 

Während des späteren Aufenthaltes auf dem Sonnenstein, als 
Gott den Kranken besser zu würdigen begann, kam eine Razzia 
unter den lästigerweise vervielfältigten Seelen zustande, infolge 
deren die Flechsigsche Seele nur in ein oder zwei Gestalten, die 
v. W.-sche in einziger Gestalt übrig blieb. Die letztere verschwand 



1) Nach einer anderen bedeutungsvollen, aber bald abgewiesenen Version hatte 
sich Prof. Flechsig entweder zu Weißenburg im Elsaß oder im Polizeigefängnis zu 
Leipzig erschossen. Patient sah seinen Leichenzug, der sich aber nicht in der Richtung 
bewegte, die man nach der Lage der Universitätsklinik zum Friedhof erwarten sollte. 
Andere Male erschien ihm Flechsig in Begleitung eines Schutzmannes oder in der 
Unterhaltung mit seiner Frau, deren Zeuge er im Wege des Nervenanhanges wurde, 
und wobei sich Prof. Flechsig seiner Frau gegenüber „Gott Flechsig" nannte, so daß 
diese geneigt war, ihn für verrückt zu halten (S. 82). 

2) Von diesem v. W. sagten ihm die Stimmen, er habe bei einer Enquete vor- 
sätzlich oder fahrlässigerweise unwahre Dinge über ihn ausgesagt, namentlich ihn 
der Onanie beschuldigt; zur Strafe sei ihm jetzt die Bedienung des Patienten auf- 
erlegt worden (S. io8\ 



*9o 



Krankengeschichten 



bald völlig; die Flechsigschen Seelenteile, die langsam ihre 
Intelligenz wie ihre Macht einbüßten, wurden dann als der 
„hintere Flechsig" und als die „Je-nun-Partei" bezeichnet. Daß 
die Flechsigsche Seele ihre Bedeutung bis zum Ende beibehielt, 
wissen wir aus der Vorrede, dem „offenen Brief an Herrn Geh. 
Rat Prof. Dr. Flechsig". 

Dieses merkwürdige Schriftstück drückt die sichere Überzeugung 
aus, daß der ihn beeinflussende Arzt auch selbst die gleichen 
Visionen gehabt und dieselben Aufschlüsse über übersinnliche 
Dinge erhalten habe wie der Kranke, und stellt die Verwahrung 
voran, daß dem Autor der Denkwürdigkeiten die Absicht eines 
Angriffes auf die Ehre des Arztes ferneliege. Dasselbe wird in 
den Eingaben des Kranken (S. 343, 445) mit Ernst und Nach- 
druck wiederholt; man sieht, er bemüht sich, die „Seele Flechsig" 
von dem Lebenden dieses Namens, den wahnhaften von dem 
leibhaften Flechsig zu trennen.' 

Aus dem Studium einer Reihe von Fällen des Verfolgungs- 
wahnes habe ich und haben andere den Eindruck empfangen, 
die Relation des Kranken zu seinem Verfolger sei durch eine 
einfache Formel aufzulösen. 2 Die Person, welcher der Wahn so 
große Macht und Einfluß zuschreibt, in deren Hand alle Fäden 
des Komplotts zusammenlaufen, sei, wenn sie bestimmt genannt 
wird, die nämliche, der vor der Erkrankung eine ähnlich große 
Bedeutung für das Gefühlsleben der Patienten zukam, oder eine 
leicht kenntliche Ersatzperson derselben. Die Gefühlsbedeutung 
wird als äußerliche Macht projiziert, der Gefühlston ins Gegenteil 



1) „Ich habe demnach auch als moplich anzu erkennen, daß alles, was in den 
ersten Abschnitten meiner Denkwürdigkeiten über Vorgänge berichtet worden ist, 
die mit dem Namen Flechsig in Verbindung stehen, nur auf die von dem lebenden 
Menschen Ml unterscheidende Seele Flechsig sicli bezieht, deren besondere Existenz 
zwar gewiß, auf natürlichem Wege aber nicht zu erklären ist" (S. 342). 

2) Vgl. K. Abraham. Die psychoscxiiclleii Differenzen der Hysterie und der 
Dementia praecox. Zentralblatt f. Ncrvenh. 11. Psychiatrie, Juliheft 1908. — In dieser 
Arbeit räumt mir der gewissenhafte Autor einen aus unterem Briefverkehr stammenden 
Einfluß auf die Entwicklung seiner Ansichten ein. 



Über eilten autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia ^Pi 

verkehrt 5 der jetzt wegen seiner Verfolgung Gehaßte und Ge- 
fürchtete sei ein einstiger Geliebter und Verehrter. Die vom. 
Wahne statuierte Verfolgung diene vor allem dazu, die Gefühls-. 
) Verwandlung im Kranken zu rechtfertigen. 

Wenden wir uns mit. diesem Gesichtspunkte zu den Beziehungen, 
die zwischen dem Patienten und seinem Arzte und Verfolger 
Flechsiff früher bestanden hatten. Wir wissen bereits, daß Schreber 
in den Jahren 1884 und 1885 eine erste nervöse Erkrankung 
durchmachte, „die ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen 
anstreifenden Zwischenfälle" (S. 55) verlief. Während dieses 
als „Hypochondrie" bezeichneten Zustandes, der anscheinend die 
Grenzen einer Neurose einhielt, war Flechsig der Arzt des Kranken. 
Schreber brachte damals 6 Monate in der Leipziger Universitäts- 
klinik zu. Man erfährt, daß der Wiederhergestellte seinen Arzt 
in guter Erinnerung behielt. „Die Hauptsache war, daß ich 
schließlich (nach einer längeren Rekonvaleszenzreise) geheilt 
wurde, und ich konnte daher damals nur von Gefühlen leb- 
haften Dankes gegen Prof. Flechsig erfüllt sein, denen ich auch 
durch einen späteren Besuch und ein nach meinem Dafürhalten 
ano-emessenes Honorar noch besonderen Ausdruck gegeben habe." 
Es ist richtig, daß Schreber in den „Denkwürdigkeiten" die Lob- 
preisung der ersten Behandlung Flechsigs nicht ohne einige Ver- 
klausulierungen vorbringt, aber dies mag sich leicht aus der nun 
zum Gegensatze veränderten Einstellung verstehen lassen. Auf 
die ursprüngliche Wärme der Empfindung für den erfolgreichen 
Arzt läßt die Bemerkung schließen, welche die angeführte Äußerung 
Schrebers fortsetzt. „Fast noch inniger wurde der Dank von 
meiner Frau empfunden, die in Prof. Flechsig geradezu den- 
jenigen verehrte, der ihr ihren Mann wiedergeschenkt habe und 
aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf ihrem Arbeitstische 
stehen hatte" (S. 56). 

Da uns der Einblick in die Verursachung der ersten Eikrankung 
verwehrt ist, deren Verständnis für die Aufklärung der schweren 



39 2 Krankengeschichten 



zweiten Krankheit gewiß unentbehrlich wäre, müssen wir jetzt 
aufs Geratewohl in einen uns unbekannten Zusammenhane hinein- 
greifen. Wir wissen, in der Inkubationszeit der Krankheit (zwischen 
seiner Ernennung und seinem Amtsantritt, Juni bis Oktober 1893) 
fielen wiederholt Träume des Inhalts vor, daß die frühere Nerven- 
krankheit wiedergekehrt sei. Ferner trat einmal in einem Zustande 
von Halbschlaf die Empfindung auf, es müsse doch schön sein, 
ein Weib zu sein, das dem Beischlaf unterliege. Bringen wir 
diese Träume und diese Phantasievorstellung, die bei Schreber 
in nächster Kontiguität mitgeteilt werden, auch in inhaltlichen 
Zusammenhang, so dürfen wir schließen, mit der Erinnerung an 
die Krankheit wurde auch die an den Arzt geweckt und die 
feminine Einstellung der Phanlasie galt von Anfang an dem 
Arzte. Oder vielleicht hatte der Traum, die Krankheit sei wieder- 
gekehrt, überhaupt den Sinn einer Sehnsucht : Ich möchte Flechsig 
wieder einmal sehen. Unsere Unwissenheit über den psychischen 
Gehalt der ersten Krankheit läßt uns da nicht weiter kommen. 
Vielleicht war von diesem Zustande eine zärtliche Anhänglich- 
keit an den Arzt übrig geblieben, die jetzt — aus unbekannten 
Gründen eine Verstärkung zur Höhe einer erotischen Zu- 

neigung gewann. Es stellte sich sofort eine entrüstete Abweisung 
der noch unpersönlich gehaltenen femininen Phantasie — ein 
richtiger „männlicher Protest" nach dem Ausdrucke, aber nicht 
im Sinne Alf. Adlers 1 ein; aber in der nun bald aus- 

brechenden schweren Psychose setzte sich die feminine Phantasie 
unaufhaltsam durch, und man braucht die paranoische Unbe- 
stimmtheit der Schreberschen Ausdrucks weise nur um weniges zu 
korrigieren, um zu erraten, daß der Kranke einen sexuellen Miß- 
brauch von seiten des Arztes selbst befürchtete. Ein Vorstoß homo- \ 



1) Adler, Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose. 
Portschritte der Medizin 1910, Nr. 10. — Nach Adler ist der mannliche Protest 
an der Entstehung des Symptoms beteiligt, im hier besprochenen Falle protestiert 
die Person gegen das fertige Symptom. 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 595 

sexueller Libido war also die Veranlassung dieser Erkrankung 
das Objekt derselben war wahrscheinlich von Anfang an der Arzt 
Flechsig, und das Sträuben gegen diese libidinöse Regung erzeugte 
den Konflikt, aus dem die Krankheitserscheinungen entsprangen. 

Ich mache vor einer Flut von Anwürfen und Einwendungen 
einen Augenblick halt. Wer die heutige Psychiatrie kennt, darf 
sich auf Arges gefaßt machen. 

Ist es nicht eine unverantwortliche Leichtfertigkeit, Indiskretion 
und Verleumdung, einen ethisch so hochstehenden Mann wie 
den Senatspräsidenten a. D. Schreber der Homosexualität zu be- 
zichtigen? Nein, der Kranke hat seine Phantasie der Verwandlung 
in ein Weib selbst der Mitwelt kundgegeben und sich aus Inter- 
essen höherer Einsicht über persönliche Empfindlichkeiten hin- 
weggesetzt. Er hat uns also selbst das Recht gegeben, uns mit 
dieser Phantasie zu beschäftigen, und unsere Übersetzung in die 
medizinischen Kunstworte hat dem Inhalte derselben nicht das 
mindeste hinzugefügt. — Ja, aber das tat er als Kranker; sein- 
Wahn, in ein Weib verwandelt zu werden, war eine krankhafte 
Idee. — Das haben wir nicht vergessen. Wir haben es auch nur 
mit der Bedeutung und der Herkunft dieser krankhaften Idee 
zu tun. Wir berufen uns auf seine eigene Unterscheidung 
zwischen dem Menschen Flechsig und der „Flechsig-Seele". Wir 
werfen ihm überhaupt nichts vor, weder daß er homosexuelle 
Regungen hatte, noch daß er sich bestrebte, sie zu verdrängen. 
Die Psvchiater sollten endlich von diesem Kranken lernen, wenn 
er sich in all seinem Wahn bemüht, die Welt des Unbewußten 
nicht mit der Welt der Realität zu verwechseln. 

Aber es wird an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, daß die 
aefürchtete Verwandlung in ein Weib zum Vorteile Flechsigs 
erfolgen solle? — Das ist richtig und es ist nicht schwer zu 
verstehen, daß in den für die Öffentlichkeit bestimmten Denk- 
würdigkeiten, die den Menschen „Flechsig" nicht beleidigen 
wollten, eine so grelle Beschuldigung vermieden wird. Die durch 



594 Krankengeschichten 






solche Rücksicht hervorgerufene Milderung des Ausdrucks reicht 
aber nicht so weit, daß sie den eigentlichen Sinn der Anklage 
verdecken könnte. Man darf* behaupten, es ist doch auch aus- 
drücklich gesagt, z. ß. in folgender Stelle (S. 56): „Auf diese 
Weise wurde ein gegen mich gerichtetes Komplott fertig (etwa 
im März oder April 1894)» welches dahin ging, nach einmal 
erkannter oder angenommener Unheilbarkeit meiner Nerven- 
krankheit mich einem Menschen in der Weise auszu- 
liefern, daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper 
aber, .... in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher 
dem betreffenden Menschen zum geschlechtlichen Mißbrauch 
überlassen .... werden sollte."' Es ist überflüssig zu bemerken, 
daß keine andere Einzelperson je genannt wird, die man an die 
Stelle Flechsigs treten lassen könnte. Zu Ende des Aufenthaltes 
m der Leipziger Klinik taucht die Befürchtung auf, daß er zum 
Zwecke geschlechtlichen Mißbrauches „den Wärtern vorgeworfen 
werden sollte" (S. 98). Die in der weiteren Entwicklung des 
Wahnes ohne Scheu bekannte feminine Einstellung gegen Gott 
löscht dann wohl den letzten Zweifel au der ursprünglich dem 
Arzte zugedachten Rolle aus. Der andere der gegen Flechsig er- 
hobenen Vorwürfe hallt überlaut durch das Buch. Er habe Seelen- 
mord an ihm versucht. Wir wissen bereits, daß der Tatbestand 
dieses Verbrechens dem Kranken selbst unklar ist, daß er aber 
mit diskreten Dingen in Beziehung steht, die man von der Ver- 
öffentlichung ausschließen muß (Kapitel III). Ein einziger Faden 
führt hier weiter. Der Seelenmord wird durch die Anlehnung 
an den Sageninhalt von Goethes „Faust", Lord Byrons „Manfred", 
Webers „Freischütz" usw. erläutert (S. 22) und unter diesen 
Beispielen wird eines auch an anderer Stelle hervorgehoben. Bei 
der Besprechung der Spaltung Gottes in zwei Personen werden 
„der niedere" und der „obere" Gott von Schreber mit Ariman 

Diese Hervorhebungen habe ich angebracht. 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 395 

und Ormuzd identifiziert (S. 19) und etwas später steht die bei- 
läufige Bemerkung: „Der Name Ariman kommt übrigens auch 
z. B. in Lord Byrons „Manfred" in Zusammenhang mit einem 
Seelenmord vor" (S. 20). In der so ausgezeichneten Dichtung 
findet sich kaum etwas, was man dem Seelenpakt im „Faust" 
an die Seite stellen könnte, auch den Ausdruck „Seelenmord" 
suchte ich dort vergeblich, wohl aber ist der Kern und das Ge- 
heimnis des Gedichtes ein — Geschwisterinzest. Hier reißt der 
kurze Faden wieder ab. 1 

Indem wir uns vorbehalten, auf weitere Einwendungen im 
Verlaufe dieser Arbeit zurückzukommen, wollen wir uns nun für 
berechtigt erklären, an einem Ausbruch einer homosexuellen 
Regung als Grundlage der Erkrankung Schrebers festzuhalten. 
Zu dieser Annahme stimmt ein beachtenswertes, sonst nicht zu 
erklärendes Detail der Krankengeschichte. Ein weiterer und für 
den Verlauf entscheidender „Nervensturz" trat bei dem Kranken 
ein während seine Frau einen kurzen Urlaub zu ihrer eigenen 
Erholung nahm. Sie hatte bis dahin täglich mehrere Stunden 
bei ihm verbracht und die Mittagsmahlzeiten mit ihm einge- 
nommen. Als sie nach viertägiger Abwesenheit zurückkam, traf 
sie ihn aufs traurigste verändert, so daß er selbst sie nicht mehr 
zu sehen wünschte. „Entscheidend für meinen geistigen Zu- 
sammenbruch war namentlich eine Nacht, in welcher ich eine 



i") Zur Erhärtung der obenstehenden Behauptung: Manfred sagt dem Dämon, 
der ihn aus dem Leben holen will (Schlußszene): 

. . . my past power 
was purchased by na compact with thy creui. 
Es wird also dem Seelenpakte direkt widersprochen. Dieser Irrtum Schrebers ist 
wahrscheinlich nicht tendenziös. — Es lag übrigens nahe, diesen Inhalt des Manfred 
mit der wiederholt behaupteten inzestuösen Beziehung des Dichters zu seiner Halb- 
schwester in Zusammenhang zu bringen, und es bleibt auffällig, daß das andere 
Drama Bvrons, der großartige Cain, in der Urfamilie spielt, in welcher der Inzest 
unter Geschwistern vorwurfsfrei bleiben muß. — Auch wollen wir das Thema des 
Seelenmordes nicht verlassen, ohne noch folgender Stelle zu gedenken (S. 25): „wo- 
bei in früherer Zeit Flechsig als Urheber des Seelenmords genannt wurde, während 
man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr des Verhältnisses mich 
seihst als denjenigen, der Seelenmord getrieben hahe, .darstellen' will, . . . ." 



596 Krankengeschichten 



ganz ungewöhnliche Anzahl von Pollutionen (wohl ein halbes 
Dutzend) in dieser einen Nacht hatte" (S. 44). Wir verstehen 
es wohl, daß bloß von der Anwesenheit der Frau schützende 
Einflüsse gegen die Anziehung der ihn umgebenden Männer 
ausgingen, und wenn wir zugeben, daß ein Pollutionsvorgang 
bei einem Erwachsenen nicht ohne seelische Mitbeteiligung er- 
folgen kann, werden wir zu den Pollutionen jener Nacht unbe- 
wußt gebliebene homosexuelle Phantasien ergänzen. 

Warum dieser Ausbruch homosexueller Libido den Patienten 
gerade zu jener Zeit, in der Situation zwischen der Ernennung 
und der Übersiedlung traf, das können wir ohne genauere Kennt- 
nis seiner Lebensgeschichte nicht erraten. Im allgemeinen schwankt 
der Mensch sein Leben lang zwischen heterosexuellem und homo- 
sexuellem Fühlen, und Versagung oder Enttäuschung von der 
einen Seite pflegt ihn zur andern hinüberzudrängen. Von diesen 
Momenten ist. uns bei Schreber nichts bekannt; wir wollen aber 
nicht versäumen, auf einen somatischen Faktor aufmerksam zu 
machen, der sehr wohl in Betracht kommen könnte. Dr. Schreber 
war zur Zeit dieser Erkrankung 51 Jahre alt, er befand sich in 
jener für das Sexualleben kritischen Lebenszeit, in welcher nach 
vorheriger Steigerung die sexuelle Funktion des Weibes eine ein- 
greifende Rückbildung erfährt, von deren Bedeutsamkeit aber 
auch der Mann nicht ausgenommen zu sein scheint; es gibt auch 
für den Mann ein „Klimakterium" mit den abfolgenden Krank- 
heitsdispositionen. 1 

Ich kann es mir denken, wie mißlich die Annahme erscheinen 
muß, daß eine Empfindung von Sympathie für einen Arzt bei 
einem Manne acht Jahre später 2 plötzlich verstärkt hervorbrechen 



1) Ich verdanke die Kenntnis des Alters Schrebers bei seiner Erkrankung einer 
freundlichen Mitteilung von seilen seiner Verwandten, die Herr Dr. Stegmann in 
Dresden für mich eingeholt hat. ]u dieser Abhandlung ist aber sonst nichts anderes 
verwertet, als was aus dem Text der „Denkwürdigkeilen" selbst hervorgeht. 

s) Das Intervall zwischen der ersten und der zweiten Erkrankung Schrebers. 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 597 

und zum Anlaß einer so schweren Seelenstörung werden kann. 
Ich meine aber, wir haben nicht das Recht, eine solche Annahme, 
wenn sie uns sonst empfohlen wird, ihrer inneren Unwahr- 
scheinlichkeit wegen fallen zu lassen, anstatt zu versuchen, wie- 
weit man mit ihrer Durchführung kommt. Diese Unwahrschein- 
lichkeit mag eine vorläufige sein und daher rühren, daß die 
fragliche Annahme noch in keinen Zusammenhang eingereiht 
ist, daß sie die erste Annahme ist, mit welcher wir an das 
Problem herantreten. Wer sein Urteil nicht in der Schwebe zu 
halten versteht und unsere Annahme durchaus unerträglich findet, 
dem können wir leicht eine Möglichkeit zeigen, durch welche 
dieselbe ihren befremdenden Charakter verliert. Die Sympathie- 
empfindung für den Arzt kann leicht einem „Übertragungsvor- 
gang" entstammen, durch welchen eine Gefühlsbesetzung beim 
Kranken von einer für ihn bedeutsamen Person auf die eigent- 
lich indifferente des Arztes verlegt wird, so daß der Arzt zum 
Ersatzmann, zum Surrogat, für einen dem Kranken weit näher 
Stehenden erwählt erscheint. Konkreter gesprochen, der Kranke 
ist durch den Arzt an das Wesen seines Bruders oder seines 
Vaters erinnert worden, hat seinen Bruder oder Vater in ihm 
wiedergefunden, und dann hat es unter gewissen Bedingungen 
nichts Befremdendes mehr, wenn die Sehnsucht nach dieser Ersatz- 
person bei ihm wieder auftritt und mit einer Heftigkeit wirkt, 
die sich nur aus ihrer Herkunft und ursprünglichen Bedeutung 
verstehen läßt. 

Im Interesse dieses Erklärungsversuches mußte es mir wissens- 
wert erscheinen, ob der Vater des Patienten zur Zeit seiner Er- 
krankung noch am Leben war, ob er einen Bruder gehabt, und 
ob dieser zur gleichen Zeit ein Lebender oder ein „Seliger 
war. Ich war also befriedigt, als ich nach langem Suchen in den 
Denkwürdigkeiten endlich auf eine Stelle stieß, in welcher der 
Kranke diese Unsicherheit durch die Worte behebt (S. 442): 
„Das Andenken meines Vater« und meines Bruders .... ist mir 



598 Krankengeschichten 



so heilig wie" usw. Beide waren also zur Zeit der zweiten Er- 
krankung (vielleicht auch der ersten?) schon verstorben. 

Ich denke, wir sträuben uns nicht weiter gegen die Annahme, 
daß der Anlaß der Erkrankung das Auftreten einer femininen 
(passiv homosexuellen) Wunschphantasie war, welche die Person 
des Arztes zu ihrem Objekte genommen hatte. Gegen dieselbe 
erhob sich von seilen der Persönlichkeit Schrebers ein intensiver 
Widerstand, und der Abwehrkampf, der vielleicht ebensowohl in 
anderen Formen sich hätte vollziehen können, wählte aus uns 
unbekannten Gründen die Form des Verfolgungswahnes. Der 
Ersehnte wurde jetzt zum Verfolger, der Inhalt der Wunsch- 
phantasie zum Inhalte der Verfolgung. Wir vermuten, daß diese 
schematische Auffassung sich auch bei anderen Fällen von Ver- 
folgungswahn als durchführbar erweisen wird. Was aber den Fall 
Schreber vor anderen auszeichnet, das ist die Entwicklung, die er 
nimmt, und die Verwandlung, der er im Laufe dieser Entwick- 
lung unterliegt. 

Die eine dieser Wandlungen besteht in der Ersetzung Flechsigs 
durch die höhere Person Gottes; sie scheint zunächst eine Ver- 
schärfung des Konfliktes, eine Steigerung der unerträglichen Ver- 
folgung zu bedeuten, aber es zeigt sich bald, daß sie die zweite 
Wandlung und mit ihr die Lösung des Konflikts vorbereitet. 
Wenn es unmöglich war, sich mit der Rolle der weiblichen 
Dirne gegen den Arzt zu befreunden, so stößt die Aufgabe, Gott 
selbst die Wollust zu bieten, die er sucht, nicht auf den gleichen 
Widerstand des Ichs. Die Entmannung ist kein Schimpf mehr, 
sie wird „weltordnungsgemäß", tritt in einen großen kosmischen 
Zusammenhang ein, dient den Zwecken einer Neuschöpfung der 
untergegangenen Menschenwelt. „Neue Menschen aus Schreberschem 
Geist" werden in dem sich verfolgt Wähnenden ihren Ahnen 
verehren. Somit ist ein Ausweg gefunden, der beide streitenden 
Teile befriedigt. Das Ich ist durch den Größenwahn entschädigt., 
die feminine Wunschphantasie aber ist durchgedrungen, akzep- 






Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia x99 

tabel geworden. Kampf und Krankheit können aufhören. Nur 
daß die unterdes erstarkte Rücksicht auf die Wirklichkeit dazu 
nötigt, die Lösung aus der Gegenwart in die ferne Zukunft zu 
verschieben, sich mit einer sozusagen asymptotischen Wunsch- 
erfüllung zu begnügen. 1 Die Verwandlung in ein Weib wird 
voraussichtlich irgend einmal eintreten ; bis dahin wird die Person 
des Dr. Schreber unzerstörbar bleiben. 

In den Lehrbüchern der Psychiatrie ist häufig die Rede von 
einer Entwicklung des Grüßenwahns aus dem Verfolgungswahn, 
die auf folgende Art vor sich gehen soll: Der Kranke, der 
primär vom Wahne befallen worden ist, Gegenstand der Ver- 
folgung von seiten der stärksten Mächte zu sein, fühlt das Be- 
dürfnis, sich diese Verfolgung zu erklären, und gerät so auf die 
Annahme, er sei selbst eine großartige Persönlichkeit, einer 
solchen Verfolgung würdig. Die Auslösung des Größenwahnes 
wird somit einem Vorgange zugeschrieben, den wir nach einem 
guten Wort von E. Jones „Rationalisierung'' heißen. Wir halten 
es aber für ein ganz und gar unpsychologisches Vorgehen, einer 
Rationalisierung so stark affektive Konsequenzen zuzutrauen, und 
wollen unsere Meinung daher scharf sondern von der aus den 
Lehrbüchern zitierten. Wir behaupten zunächst nicht, die Quelle 
des Größenwahnes zu kennen. 

Wenn wir nun zum Falle Schreber zurückkehren, müssen wir 
gestehen, daß die Durchleuchtung der Wandlung in seinem 
Wahn ganz außerordentliche Schwierigkeiten bietet. Auf welchen 
Wegen und mit welchen Mitteln vollzieht sich der Aufstieg von 
Flechsig zu Gott? Woher bezieht er den Größenwahn, der in 
so glücklicher Weise eine Versöhnung mit der Verfolgung er- 
möglicht, analytisch ausgedrückt, die Annahme der zu ver- 



1) „Znut als Möglichkeiten, die hierbei in Betracht kämen, erwähne ich eine doch 
noch etwa zu vollziehende Entmannung mit der Wirkung, daß im Wege gottlicher 
Befruchtung eine Nachkommenschaft aus meinem Schoß hervorginge." heißt es gegen 
Ende des Buches, S. 290. 



.^.0 o Krankengeschichten 

drängenden Wunschphantasie gestattet? Die Denkwürdigkeiten 
geben uns hier zunächst einen Anhaltspunkt, indem sie uns 
zeigen, daß für den Kranken „Flechsig" und „Gott" in einer 
Reihe hegen. Eine Phantasie läßt ihn ein Gespräch Flechsigs 
mit seiner Frau belauschen, in dem dieser sich als „Gott Flechsig" 
vorstellt und darob von ihr für verrückt gehalten wird (S. 82), 
ferner aber werden wir auf folgenden Zug der Schreberschen 
Wahnbildung aufmerksam. Wie der Verfolger sich, wenn wir 
das Ganze des Wahnes überblicken, in Flechsig und Gott zerlegt, 
so spaltet sich Flechsig selbst später in zwei Persönlichkeiten, in 
den „oberen" und den „mittleren" Flechsig und Gott in den 
„niederen" und den „oberen" Gott. Bei Flechsig geht die Zer- 
legung in späten Stadien der Krankheit noch weiter (S. 193). 
Eine solche Zerlegung ist für die Paranoia recht charakteristisch. 
Die Paranoia zerlegt, so wie die Hysterie verdichtet. Oder vielmehr 
die Paranoia bringt die in der unbewußten Phantasie vor- 
genommenen Verdichtungen und Identifizierungen wieder zur 
Auflösung. Daß diese Zerlegung bei Schreber mehrmals wieder- 
holt wird, ist nach C. G. Jung" Ausdruck der Bedeutsamkeit 
der betreffenden Person. Alle diese Spaltungen Flechsigs und 
Gottes in mehrere Personen bedeuten also das nämliche wie die 
Zerteilung des Verfolgers in Flechsig und Gott. Es sind Doub- 
lierungen desselben bedeutsamen Verhältnisses, wie sie O. Rank 
in den Mythenbildungen erkannt hat. 2 Für die Deutung all 
dieser Einzelzüge erübrigt uns aber der Hinweis auf die Zer- 

1) C. G. Jung, Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. Zentralblatt für 
Psychoanalyse Nr. 5, 1910. Es ist wahrscheinlich richtig, wenn Jung fortfährt, daß 
diese Zerlegung, der allgemeinen Tendenz der Schizophrenie entsprechend, eine 
analytisch depotenzierende ist, welche das Zustandekommen zu starker Eindrücke 
verhindern soll. Die Rede einer seiner Patientinnen: „Ah, sind Sie auch ein Dr. J., 
heute morgen war schon einer bei mir, der sich für Dr. J. ausgab," ist aber zu 
übersetzen durch ein Geständnis: Jetzt erinnern Sie mich wieder an einen andern 
aus der Reihe meiner Übertragungen als bei Ihrem vorigen Besuch. 

a) O. Rank, Der Mythus von der Geburt der Helden. Schriften zur angewandten 
Seelenkunde Nr. V, 190g. (2. Aldi. 1922.) 



•' 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 



401 



legung des Verfolgers in Flechsig und Gott und die Auffassung 
dieser Zerlegung als paranoide Reaktion auf eine vorhanden ge- 
wesene Identifizierung der beiden oder ihre Zugehörigkeit zur 
nämlichen Reihe. Wenn der Verfolger Flechsig einstmals eine 
gehebte Person war, so ist Gott auch nur die Wiederkehr einer 
anderen ähnlich geliebten, aber wahrscheinlich bedeutsameren. 

Setzen wir diesen berechtigt scheinenden Gedankengang fort, 
so müssen wir uns sagen, diese andere Person kann niemand 
anderer als der Vater sein, womit ja Flechsig um so deutlicher 
in die Rolle des (hoffentlich älteren 1 ) Bruders gedrängt wird. Die 
Wurzel jener femininen Phantasie, die soviel Widerstreben beim 
Kranken entfesselte, wäre also die zu erotischer Verstärkung ge- 
langte Sehnsucht nach Vater und Bruder gewesen, von denen 
die letztere durch Übertragung auf den Arzt Flechsig überging, 
während mit ihrer Zurückführung auf die erstere ein Ausgleich 
des Kampfes erzielt wurde. 

Soll uns die Einführung des Vaters in den Schreberschen Wahn 
gerechtfertigt erscheinen, so muß sie unserem Verständnis Nutzen 
bringen und uns unbegreifliche Einzelheiten des Wahnes auf- 
klären helfen. Wir erinnern uns ja, welche sonderbaren Züge 
wir an dem Schreberschen Gott und an Schrebers Verhältnis zu 
seinem Gott fanden. Es war die merkwürdigste Vermengung 
von blasphemischer Kritik und rebellischer Auflehnung mit ver- 
ehrungsvoller Ergebenheit. Gott, der dem verführenden Einfluß 
Flechsigs unterlag, war nicht fähig, etwas aus der Erfahrung zu 
lernen, kannte den lebenden Menschen nicht, weil er nur mit 
Leichen umzugehen verstand, und äußerte seine Macht in einer 
Reihe von Wundern, die auffällig genug, dabei aber insipid und 
läppisch waren. 

Nun war der Vater des Senatspräsidenten Dr. Schreber kein 
unbedeutender Mensch gewesen. Es war der Dr. Daniel Gott- 



1) Es ist hierüber aus den „Denkwürdigkeiten" kein Aufschluß zu gewinnen. 
Freud, VIII. „g 



402 Krankengeschichten 






lieb Moritz Schieber, dessen Andenken heute noch von den 
besonders in Sachsen zahlreichen Schieber-Vereinen festgehalten 
wird, ein — Arzt, dessen Bemühungen um die harmonische 
Ausbildung der Jugend, um das Zusammenwirken von Familien- 
und Schülererziehung, um die Verwendung der Körperpflege und 
Körperarbeit zur Hebung der Gesundheit nachhaltige Wirkung 
auf die Zeitgenossen geübt haben. 1 Von seinem Ruf als Be- 
gründer der Heilgymnastik in Deutschland zeugen noch die zahl- 
reichen Auflagen, in denen seine „Ärztliche Zimmergymnastik" 
in unseren Kreisen verbreitet ist. 

Ein solcher Vater war gewiß nicht ungeeignet dazu, in der 
zärtlichen Erinnerung des Sohnes, dem er so früh durch den 
Tod entzogen wurde, zum Gotte verklärt zu werden. Für unser 
Gefühl besteht zwar eine unausfüllbare Kluft /.wischen der Persön- 
lichkeit Gottes und der irgend eines, auch des hervorragendsten 
Menschen. Aber wir müssen daran denken, daß dies nicht immer 
so war. Den alten Völkern standen ihre Götter menschlich näher. 
Bei den Römern wurde der verstorbene Imperator regelrecht 
deifiziert. Der nüchterne und tüchtige Vespasianus sagte bei 
seinem ersten Krankheitsanfall: Weh' mir, ich glaube, ich werde 
ein Gott. 2 

Die infantile Einstellung des Knaben zu seinem Vater ist uns 
genau bekannt; sie enthält die nämliche Vereinigung von ver- 
ehrungsvoller Unterwerfung und rebellischer Auflehnung, die wir 
im Verhältnisse Schrebers zu seinem Gott gefunden haben, sie 
ist das unverkennbare, getreulich kopierte Vorbild dieses letzteren. 

1) Ich verdanke der gütigen Zusendung meines Kollegen Dr. Stegmann in 
Dresden die Einsicht in eine Nummer einer Zeitschrift, die sich „Der Freund der 
Schreber-Vereine" betitelt. Es sind in ihr (II. Jahrgang, Heft X) zur einhundert- 
jährigen Wiederkehr des Geburtstages Dr. Schrebers biographische Daten über das 
Leben des gefeierten Mannes gegeben. Dr. Schreber sen. wurde 1808 geboren und 
starb 1861, nur 53 Jahre alt. Ich weiß aus der frülu-r i-rwähnten Quelle, daß unser 
Patient damals 19 Jahre alt war. 

2) Suetonius' Kaiscrbiographicn, Kap. 25. Diese Vergottimg nahm mit C. Julius 
Caesar ihren Anfang. Augustus nannte sich in seinen Inschriften Divi fittui. \ 






Über einen autobiographisch beschr iebenen Fall von Paranoia 403 

Daß aber der Vater Schrebers ein Arzt, und zwar ein hochan- 
gesehener und gewiß von seinen Patienten verehrter Arzt war 
erklärt uns die auffalligsten Charakterzüge, die Schreber an seinem 
Gotte kritisch hervorhebt. Kann es einen stärkeren Ausdruck des 
Hohnes auf einen solchen Arzt geben, als wenn man von ihm 
behauptet, daß er vom lebenden Menschen nichts versteht und 
nur mit Leichen umzugehen weiß? Es gehört gewiß zum Wesen 
Gottes, daß er Wunder tut, aber auch ein Arzt tut Wunder, wie 
ihm seine enthusiastischen Klienten nachsagen, er vollbringt 
wunderbare Heilungen. Wenn dann gerade diese Wunder, zu 
denen die Hypochondrie des Kranken das Material geliefert hat, 
so unglaubwürdig, absurd und teilweise läppisch ausfallen, so 
werden wir an die Behauptung der „Traumdeutung" gemahnt, 
daß die Absurdität im Traume Spott und Hohn ausdrücke. 1 Sie 
dient also denselben Darstellungszwecken bei der Paranoia. Für 
andere Vorwürfe, z. B. den, daß Gott aus Erfahrung nichts 
lerne, liegt die Auffassung nahe, daß wir es mit dem Mechanis- 
mus der infantilen „Retourkutsche" zu tun haben, 2 der einen 
empfangenen Vorwurf unverändert auf den Absender zurück- 
wendet, ähnlich wie die S. 25 erwähnten Stimmen vermuten 
lassen, daß die gegen Flechsig erhobene Anschuldigung des 
„Seelenmordes" ursprünglich eine Selbstanklage war. 3 

Durch diese Brauchbarkeit des väterlichen Berufes zur Auf- 
klärung der besonderen Eigenschaften des Schreberschen Gottes 
kühn gemacht, können wir es nun wagen, die merkwürdige 
Gliederung des göttlichen Wesens durch eine Deutung zu er- 



1) Traumdeutung, 7. Auflage, S. 295. 

2) Einer solchen Revanche sieht es außerordentlich ähnlich, wenn der Kranke sich 
eines Tages den Satz aufzeichnet : „Jeder Versuch einer erzieherischen Wirkung 
nach außen muß als aussichtslos aufgegeben werden" (S. 188). Der Uner- 
ziehbare ist Gott. 

3) „Während man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr des 
Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord getrieben habe, .darstellen' 
*vill," usw. 

26« 



aqa, Krankengeschichten 



läutern. Die Gotteswelt besteht bekanntlich aus den „vorderen 
Gottesreichen", die auch „Vorhöfe des Himmels" genannt werden 
und die abgeschiedenen Menschenseelen enthalten, und aus dem 
niederen" und „oberen" Gott, die zusammen „hintere Gottes- 
reiche" heißen (S. iq). Wenn wir auch darauf gefaßt sind, eine 
hier vorliegende Verdichtung nicht auflösen zu können, so wollen 
wir doch den früher gewonnenen Fingerzeig, daß die „gewunderten , 
als Mädchen entlarvten Vögel von den Vorhöfen des Himmels 
abgeleitet werden, dazu verwenden, um die vorderen Gottes- 
reiche und Vorhöfe des Himmels als Symbolik für die Weib- 
lichkeit die hinteren Gottesreiche als eine solche für die Männ- 
lichkeit in Anspruch zu nehmen. Wüßte man sicher, daß der 
verstorbene Bruder Schrebers ein älterer war, so dürfte man die 
Zerlegung Gottes in den niederen und oberen Gott als den 
Ausdruck der Erinnerung ansehen, daß nach dem frühen Tode 
des Vaters der ältere Bruder die Stellung des Vaters übernahm. 
Endlich will ich in diesem Zusammenhange der Sonne ge- 
denken, die ja durch ihre „Strahlen" zu so großer Bedeutung 
für den Ausdruck des Wahnes geworden ist. Schreber hat zur 
Sonne ein ganz besonderes Verhältnis. Sie spricht mit ihm in 
menschlichen Worten und gibl sich ihm damit als belebtes 
Wesen oder als Organ eines noch hinter ihr stehenden höheren 
Wesens zu erkennen (S. 9). Aus einem ärztlichen Gutachten er- 
fahren wir, daß er sie „geradezu brüllend mit Droh- und 
Schimpf woiten anschreit" (S. 582),' daß er ihr zuruft, sie müsse 
sich vor ihm verkriechen. Er teilt selbst mit, daß die Sonne vor 
ihm erbleicht. 2 Der Anteil, den sie an seinem Schicksale hat, 

1) „Die Sonne ist eine Hure" (S. 384.) 

2) (S. 159, Anmerkung): „Übrigens gewährt mir auch jetzt noch die Sonne zum 
Teil ein anderes Bild, als ich in den Zeiten vor meiner Krankheit von ihr hatte. 
Ihre Strahlen erbleichen vor mir, wenn ich gegen dieselbe gewendet laut spreche. 
Ich kann ruhig in die Sonne sehen und werde davon nur in sehr bescheidenem Maße 
geblendet, während in gesunden Tagen bei mir, wie wohl bei anderen Menschen,, 
ein minutenlanges Hineinsehen in die Sonne gar nicht möglich gewesen wäre." 






. 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 40,3 

gibt sich dadurch kund, daß sie wichtige Veränderungen ihres 
Aussehens zeigt, sobald bei ihm Änderungen im Gange sind, z. B. 
in den ersten Wochen seines Aufenthaltes auf dem Sonnenstein 
(S- iöo)- Die Deutung dieses Sonnenmythus macht uns Schreber 
leicht. Er identifiziert die Sonne geradezu mit Gott, bald mit 
dem niederen Gott (Ariman), 1 bald mit dem oberen (S. 157): 
„An dem darauffolgenden Tage .... sah ich den oberen Gott 
(Ormuzd) diesmal nicht mit meinem geistigen Auge, sondern mit 
meinem leiblichen Auge. Es war die Sonne, aber nicht die Sonne 
in ihrer gewöhnlichen, allen Menschen bekannten Erscheinung, 
sondern usw." Es ist also nur folgerichtig, wenn er sie nicht 
anders als Gott selbst behandelt. 

Ich bin für die Eintönigkeit der psychoanalytischen Lösungen 
nicht verantwortlich, wenn ich geltend mache, daß die Sonne 
nichts anderes ist als wiederum ein sublimiertes Symbol des Vaters. 
Die Symbolik setzt sich hier über das grammatikalische Geschlecht 
hinaus 5 wenigstens im Deutschen, denn in den meisten anderen 
Sprachen ist die Sonne ein Maskulinum. Ihr Widerpart in dieser 
Spiegelung des Elternpaares ist die allgemein so bezeichnete 
„Mutter Erde". In der psychoanalytischen Auflösung pathogener 
Phantasien bei Neurotikern findet man oft genug die Bestätigung 
für diesen Satz. Auf die Beziehung zu kosmischen Mythen will 
ich nur mit diesem einen Wort verweisen. Einer meiner Patienten, 
der seinen Vater früh verloren hatte und in allem Großen und 
Erhabenen der Natur wiederzufinden suchte, machte es mir wahr- 
scheinlich, daß der Hymnus Nietzsches „Vor Sonnenaufgang" 
der gleichen Sehnsucht Ausdruck gebe. 2 Ein anderer, der in seiner 
Neurose nach dem Tode des Vaters den ersten Angst- und 
Schwindelanfall bekam, als ihn die Sonne während der Garten- 

1) S. 88): „Dieser wird jetzt (seit Juli 1894) von den zu mir redenden Stimmen 
mit der Sonne geradezu identifiziert." 

2) .,Also sprach Zarathustra." Dritter Teil. — Auch Nietzsche hatte seinen Vater 
nur als Kind gekannt. 



406 Krankengeschichten 



arbeit mit dem Spaten beschien, vertrat selbständig die Deutung, 
er habe sich geängstigt, weil ihm der Vater zugeschaut, wie er 
mit einem scharfen Instrument die Mutter bearbeitete. Als ich 
nüchternen Eilispruch wagte, machte er seine Auffassung durch 
die Mitteilung plausibler, er habe den Vater schon bei Lebzeiten 
mit der Sonne verglichen, allerdings damals in parodierender Ab- 
sicht. So oft er gefragt worden sei, wohin sein Vater in diesem 
Sommer gehe, habe er die Antwort mit den tönenden Worten 
des „Prologs im Himmel" gegeben: 

Und seine vorgeschriebene Heise 
Vollendet er mit Donnergang. 

Der Vater pflegte jedes Jahr auf ärztlichen Rat den Kurort 
Marienbad zu besuchen. Bei diesem Kranken hatte sich die in- 
fantile Einstellung gegen den Vater zweizeitig durchgesetzt. Solange 
der Vater lebte, volle Auflehnung und offenes Zerwürfnis; unmittel- 
bar nach seinem Tode eine Neurose, die sich auf sklavische Unter- 
werfung und nachträglichen Gehorsam gegen den Vater gründete. 
Wir befinden uns also auch im Falle Schreber auf dem wohl- 
vertrauten Boden des Vaterkomplexes. 1 Wenn sich dem Kranken 
der Kampf mit Flechsig als ein Konflikt mit Gott enthüllt, so 
müssen wir diesen in einen infantilen Konflikt mit dem geliebten 
Vater übersetzen, dessen uns unbekannte Einzelheiten den Inhalt 
des Wahns bestimmt haben. Es fehlt nichts von dem Material, 
das sonst durch die Analyse in solchen Fällen aufgedeckt wird, 
alles ist durch irgend welche Andeutungen vertreten. Der Vater 
erscheint in diesen Kindererlebnissen als der Störer der vom 
Kinde gesuchten, meist autoerotischen Befriedigung, die in der 
Phantasie später oft durch eine minder ruhmlose ersetzt wird." 
Im Ausgang des Schreberschen Wahnes feiert die infantile Sexual- 
st rebung einen großartigen Triumph; die Wollust wird gottes- 



O Wie auch die „feminine Wimschphantnsic" Sihrcbers nur eine der typischen 
Gestaltungen des infanlilen Kernkomplexes ist. 

2) Vgl. die Bemerkungen vur Analyse des „Ralteninaiines". (S. 515 dieses Bandes). 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Para 



noia 407 



fürchtig, Gott selbst (der Vater) läßt nicht ab, sie von dem 
Kranken zu fordern. Die gefürchtetste Drohung des Vaters, die 
der Kastration, hat der zuerst bekämpften und dann akzeptierten 
Wunschphantasie der Verwandlung in ein Weib geradezu den 
Stoff geliehen. Der Hinweis auf eine Verschuldung, die durch die 
Ersatzbildung „Seelenmord" gedeckt wird, ist überdeutlich. Der 
Oberwärter wird mit jenem Hausgenossen v. W. identisch ge- 
funden, der ihn nach Angabe der Stimmen fälschlich der Onanie 
beschuldigt hat (S. 108). Die Stimmen sagen, gleichsam in der 
Begründung der Kastrationsdrohung (S. 127): „Sie sollen nämlich 
als wollüstigen Ausschweifungen ergeben dargestellt werden."* 
Endlich ist der Denkzwang (S. 47), dem sich der Kranke unter- 
wirft, weil er annimmt, Gott werde glauben, er sei blödsinnig 
geworden, und sich von ihm zurückziehen, wenn er einen Moment 
zu denken aussetze, die uns auch anderswoher bekannte Reaktion 
gegen die Drohung oder Befürchtung, man werde durch sexuelle 
Betätigung, speziell durch Onanie, den Verstand verlieren. 2 Bei 
der Unsumme hypochondrischer Wahnideen, 3 die der Kranke 
entwickelt, ist vielleicht kein großer Wert darauf zu legen, daß 
sich einige derselben mit den hypochondrischen Befürchtungen 
der Onanisten wörtlich decken. 4 

1) Die Systeme des .,Darstellens un d Auf Schreibens" (S. 126) deuten in Verbindung 
mit den „geprüften Seelen" auf Schulerlebnisse hin. 

2) (S. 206): „Daß dies das erstrebte Ziel sei, wurde früher ganz offen in der vom 
oberen Gott ausgehenden, unzählige Male von mir gehörten Phrase ,\Vir wollen 
Ihnen den Verstand zerstören' eingestanden." 

5) Ich will es nicht unterlassen hier zu bemerken, daß ich eine Theorie der 

Paranoia erst dann für vertrauenswert halten werde, wenn es ihr gelungen ist, die 

fast regelmäßigen hypochondrischen Begleitsymptome in ihren Zusammenhang 

einzufügen. Es scheint mir, daß der Hypochondrie dieselbe Stellung zur Paranoia 
zukommt wie der Angstneurose zur Hysterie. 

4) (S. 154): „Man versuchte mir daher das Rückenmark auszupumpen, was durch 
sogenannte ,kleine Männer', die man mir in die Füße setzte, geschah. Über diese 
.kleinen Männer', die mit der bereits in Kap. VI besprochenen Erscheinung einige 
Verwandtschaft zeigten, werde ich später noch Weiteres mitteilen; in der Regel 
waren es je zwei, ,ein kleiner Flechsig' und ein ,kleiner v. W.', deren Stimme ich 
auch in meinen Füßen vernahm." — v. W. ist der nämliche, von dem die Onanie- 



408 Krankengeschichten 



Wer in der Deutung dreister wäre als ich oder durch Be- 
ziehungen zur Familie Schiebers mehr von Personen, Milieu und 
kleinen Vorfallen wüßte, dem müßte es ein leichtes sein, unge- 
zählte Einzelheiten des Schreberschen Wahnes auf ihre Quellen 
zurückzuführen und somit in ihrer Bedeutung zu erkennen, und 
dies trotz der Zensur, der die „Denkwürdigkeiten" unterlegen 
sind. Wir müssen uns notgedrungen mit einer so schatten- 
haften Skizzierung des infantilen Materials begnügen, in wel- 
chem die paranoische Erkrankung den aktuellen Konflikt dar- 
gestellt hat. 

Zur Begründung jenes um die feminine Wunschphantasie aus- 
gebrochenen Konflikts darf ich vielleicht noch ein Wort hinzu- 
fügen. Wir wissen, daß wir die Aufgabe haben, das Hervortreten 
einer Wunschphantasie mit einer Versag ung, einer Entbehrung 
im realen Leben in Zusammenhang zu bringen. Nun gesteht uns 
Schreber eine solche Entbehrung ein. Seine sonst als glücklich 
geschilderte Ehe brachte ihm nicht den Kindeisegen, vor allem 
nicht den Sohn, der ihn für den Verlust von Vater und Bruder 
getröstet hätte, auf den die unbefriedigte homosexuelle Zärtlichkeit 
hätte abströmen können.' Sein Geschlecht drohte auszusterben 
und es scheint, daß er stolz genug war auf seine Abstammung 
und Familie (S. 24). „Die Flechsigs und die Schiebers ge- 
hörten nämlich beide, wie der Ausdruck lautete, ,dem höchsten 
himmlischen Adel' an. Die Schrebers führten insbesondere den 
Titel ,Markgrafen von Tuscien und Tasmanien', entsprechend 
einer Gewohnheit der Seelen, sich, einer Art persönlicher Eitel- 
keit folgend, mit etwas hochtrabenden irdischen Titeln zu 

beschuldigung ausging. Die „kleinen Männer" bezeichnet Schreber selbst als eine 
der merkwürdigsten und in gewisser Beziehung rätselhaftesten Erscheinungen (S. 157). 
Es scheint, daß sie einer Verdichtung von Kindern und — Spermatozoon ent- 
sprungen sind. 

i) (S. 36}: „Nach der Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich acht, im 
ganzen recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die mehr- 
malige Vereitelung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre mit 
meiner Frau verlebt." 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 40Q 

schmücken." 1 Der große Napoleon ließ sich, wiewohl erst nach 
schweren inneren Kämpfen, von seiner Josefine scheiden, weil sie 
die Dynastie nicht fortsetzen konnte j a Dr. Schreber mochte die 
Phantasie gebildet haben, wenn er ein Weib wäre, würde er das 
Kinderbekommen besser treffen, und fand so den Weg, sich in 
die feminine Einstellung zum Vater in den ersten Kinderjahren 
zurück zu versetzen. Der später immer weiter in die Zukunft 
geschobene W T ahn, daß die Welt durch seine Entmannung mit 
„neuen Menschen aus Schreberschem Geist" (S. 288) bevölkert 
würde, war also auch zur Abhilfe seiner Kinderlosigkeit bestimmt. 
Wenn die „kleinen Männer", die Schreber selbst so rätselhaft 
findet, Kinder sind, so finden wir es durchaus verständlich, daß 
sie auf seinem Kopfe in großer Anzahl versammelt stehen (S. 158)5 
es sind ja wirklich die „Kinder seines Geistes". (Vgl. die Be- 
merkung über die Darstellung der Abstammung vom Vater und 
über die Geburt der Athene in der Krankengeschichte des „Ratten- 
mannes". S. 55-, 558 dieses Bandes). 



1) Im Anschluß an diese Äußerung, die den liebenswürdigen Spott gesunder Tage 
im Wahne bewahrt hat, verfolgt er die Beziehungen zwischen den Familien Flechsig 
und Schreber in frühere Jahrhunderte zurück, wie ein Bräutigam, der nicht begreifen 
kann, wie er so lange Jahre ohne Beziehung zur Geliebten leben konnte, ihre Be- 
kanntschaft durchaus schon in früheren Zeiten gemacht haben will. 

2) In dieser Hinsicht ist eine Verwahrung des Patienten gegen Angaben des ärzt- 
lichen Gutachtens erwähnenswert (S. 456): „Ich habe niemals mit dem Gedanken 
einer Scheidung gespielt oder Gleichgültigkeit gegen das Fortbestehen des ehelichen 
Bandes zu erkennen gegeben, wie man nach der Ausdrucks weise des Gutachtens, ,ich 
sei alsbald mit der Andeutung bei der Hand, daß meine Frau sich scheiden lassen 
könne', annehmen möchte.*' 



III 

ÜBER DEN PARANOISCHEN MECHANISMUS 

Wir haben bisher den den Fall Schreber beherrschenden Vater- 
komplex und die zentrale Wunschphantasie der Erkrankung be- 
handelt. An alledem ist nichts für die Krankheitsform der 
Paranoia Charakteristisches, nichts, was wir nicht bei anderen 
Fallen von Neurose finden könnten und auch wirklich gefunden 
haben. Die Eigenart der Paranoia (oder der paranoiden Demenz) 
müssen wir in etwas anderes verlegen, in die besondere Er- 
scheinungsform der Symptome, und für diese wird unsere Er- 
wartung nicht die Komplexe, sondern den Mechanismus der 
Symptombildung oder den der Verdrängung verantwortlich machen. 
Wir würden sagen, der paranoische Charakter liegt darin, daß 
zur Abwehr einer homosexuellen Wunschphantasie gerade mit 
einem Verfolgungswahn von solcher Art reagiert wird. 

Um so bedeutungsvoller ist es, wenn wir durch die Erfahrung 
gemahnt werden, gerade der homosexuellen Wunschphantasie eine 
innigere, vielleicht eine konstante Beziehung zur Krankheitsform 
zuzusprechen. Meiner eigenen Erfahrung hierüber mißtrauend, 
habe ich in den letzten Jahren mit meinen Freunden C. G. Jung 
in Zürich und S. Ferenczi in Budapest eine Anzahl von Fällen 
paranoider Erkrankung aus deren Beobachtung auf diesen einen 
Punkt hin untersucht. Es waren Männer wie Frauen, deren 
Krankengeschichten uns als Untersuchungsmaterial vorlagen, ver- 
schieden durch Rasse, Beruf und sozialen Rang, und wir sahen 
mit Überraschung, wie deutlich in all diesen Fällen die Abwehr 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 411 



des homosexuellen Wunsches im Mittelpunkte des Krankheits- 
konfliktes zu erkennen war, wie sie alle an der Bewältigung 
ihrer unbewußt verstärkten Homosexualität gescheitert waren. ' 
Es entsprach gewiß nicht unserer Erwartung. Gerade bei der 
Paranoia ist die sexuelle Ätiologie keineswegs evident, dagegen 
drängen sich soziale Kränkungen und Zurücksetzungen, besonders 
für den Mann, in der Verursachung der Paranoia auffallig her- 
vor. Es wird nun aber nur geringe Vertiefung erfordert, um an 
diesen sozialen Schädigungen die Beteiligung der homosexuellen 
Komponente des Gefühlslebens als das eigentlich Wirksame zu 
erkennen. Solange die normale Betätigung den Einblick in die 
Tiefen des Seelenlebens verwehrt, darf man es ja bezweifeln, daß 
die Gefühlsbeziehungen eines Individuums zu seinen Neben- 
menschen im sozialen Leben faktisch oder genetisch mit der 
Erotik etwas zu schaffen haben. Der Wahn deckt diese Be- 
ziehungen regelmäßig auf und führt das soziale Gefühl bis auf 
seine Wurzel im grobsinnlichen erotischen Wunsch zurück. Auch 
Dr. Schreber, dessen Wahn in einer unmöglich zu verkennenden 
homosexuellen Wunschphantasie gipfelt, hatte in den Zeiten der 
Gesundheit — allen Berichten zufolge — kein Anzeichen von 
Homosexualität im vulgären Sinne geboten. 

Ich meine, es ist weder überflüssig noch unberechtigt, wenn 
ich zu zeigen versuche, daß unser heutiges, durch Psychoanalyse 
gewonnenes Verständnis der Seelenvorgänge uns bereits das Ver- 
ständnis für die Rolle des homosexuellen Wunsches bei der Er- 
krankung an Paranoia vermitteln kann. Untersuchungen der 
letzten Zeit 2 haben uns auf ein Stadium in der Entwicklungs- 

1) Eine weitere Bestätigung findet sich in der Analyse des Paranoiden J. B. von 
A. Maeder (Psychologische Untersuchungen an Dementia praecox-Kranken. Jahrbuch 
für psychoanalyt. und psychopath. Forschungen. IL, 1910). Ich bedauere, daß ich 
diese Arbeit zur Zeit der Abfassung der meinigen noch nicht lesen konnte. 

2) I. Sadger, Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absenzen. 
Jahrbuch f. psychoanalyt. Forschungen, II. B., 1910. — Freud, Eine Kindheits- 
erinnerung des Leonardo da Vinci. Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft VII, 
1910, 5. Aufl. 1925- [Enthalten in Bd. IX dieser Gesamtausgabe.] 



4 * 2 Krankengeschichten 



geschichte der Libido aufmerksam gemacht, welches auf dem 
Wege vom Autoerotismus zur Objektliebe durchschritten wird." 
Man hat es als Narzissismus bezeichnet; ich ziehe den vielleicht 
minder korrekten, aber kürzeren und weniger übelklingenden 
Namen Narzißmus vor. Es besteht darin, daß das in der Entwick- 
lung begriffene Individuum, welches seine autoerotisch arbeitenden 
Sexualtriebe zu einer Einheit zusammenfaßt, um ein Liebesobjekt 
zu gewinnen, zunächst sich selbst, seinen eigenen Körper zum 
Liebesobjekt nimmt, ehe es von diesem zur Objektwahl einer 
fremden Person übergeht. Eine solche zwischen Autoerotismus 
und Objektwahl vermittelnde Phase ist vielleicht normalerweise 
unerläßlich; es scheint, daß viele Personen ungewöhnlich lange 
in ihr aufgehalten werden, und daß von diesem Zustande viel 
für spätere Entwicklungsstufen erübrigt. An diesem zum Liebes- 
objekt genommenen Selbst können bereits die Genitalien die 
Hauptsache sein. Der weitere Weg führt zur Wahl eines Objekts 
mit ähnlichen Genitalien, also über die homosexuelle Objektwald, 
zur Heterosexualität. Wir nehmen an, daß die später manifest 
Homosexuellen sich von der Anforderung der den eigenen gleichen 
Genitalien beim Objekt nie frei gemacht haben, wobei den kind- 
lichen Sexualtheorien, die beiden Geschlechtern zunächst die 
gleichen Genitalien zuschreiben, ein erheblicher Einfluß zukommt. 
Nach der Erreichung der heterosexuellen Objektwald werden 
die homosexuellen Strebungen nicht etwa aufgehoben oder ein- 
gestellt, sondern bloß vom Sexualziel abgedrängt und neuen Ver- 
wendungen zugeführt. Sie treten nun mit Anteilen der Ichtriebe 
zusammen, um mit ihnen als „angelehnte" Komponenten die 
sozialen Triebe zu konstituieren, und stellen so den Beitrag der 
Erotik zur Freundschaft, Kameradschaft, zum Geineinsinn und 
zur allgemeinen Menschenliebe dar. Wie groß diese Beiträge aus 
erotischer Quelle mit Hemmung des Sexualziels eigentlich sind, 

1) Drei Abhandlungen zur Scxualllieorie. 1905, 5. Au II. ><)-'-• [Bd. V dieser 
Gesamtausgabe.] 



Über, einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 415 

würde man aus den normalen sozialen Beziehungen der Menschen 
kaum erraten. Es gehört aber in den gleichen Zusammenhang, 
daß gerade manifest Homosexuelle und unter ihnen wieder solche, 
die der sinnlichen Betätigung widerstreben, sich durch besonders 
intensive Beteiligung an den allgemeinen, an den durch Subli- 
mierung der Erotik hervorgegangenen Interessen der Menschheit 
auszeichnen. 

Ich habe in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" die 
Ansicht ausgesprochen, daß jede Entwicklungsstufe der Psych o- 
sexualität eine Möglichkeit der „Fixierung" und somit eine Dis- 
positionsstelle ergibt. Personen, welche nicht völlig vom Stadium 
des Narzißmus losgekommen sind, also dort eine Fixierung be- 
sitzen, die als Krankheitsdisposition wirken kann, sind der Gefahr 
ausgesetzt, daß eine Hochflut von Libido, die keinen andern Ab- 
lauf findet, ihre sozialen Triebe der Sexualisierung unterzieht und 
somit ihre in der Entwicklung gewonnenen Sublimierungen 
rückgängig macht. Zu einem solchen Erfolg kann alles führen, 
was eine rückläufige Strömung der Libido („Regression") hervor- 
ruft, sowohl auf der einen Seite eine kollaterale Verstärkung 
durch Enttäuschung beim Weibe, eine direkte Rückstauung durch 
Mißglücken in den sozialen Beziehungen zum Manne — beides 
Fälle der „Versagung", — als auch eine allgemeine Libido- 
steigerung, die zu gewaltig ist, als daß sie auf den bereits er- 
öffneten Wegen Erledigung finden könnte, und die darum an 
der schwachen Stelle des Baues den Damm durchbricht. Da wir 
in unseren Analysen finden, daß die Paranoiker sich einer 
solchen Sexualisierung ihrer sozialen Triebbesetzungen 
zu erwehren suchen, werden wir zur Annahme gedrängt, daß 
die schwache Stelle ihrer Entwicklung in dem Stück zwischen 
Autoerotismus, Narzißmus und Homosexualität zu suchen ist, daß 
dort ihre, vielleicht noch genauer zu bestimmende Krankheits- 
disposition liegt. Eine ähnliche Disposition müßten wir der 
Dementia praecox Kraepelins oder Schizophrenie (nach Bleuler) 



414 Ä rankengeschichten 



zuschreiben und wir hoffen im weiteren Anhaltspunkte zu ge- 
winnen, um die Unterschiede in Form und Ausgang der beiden 
Affektionen durch entsprechende Verschiedenheiten der disponie- 
renden Fixierung zu begründen. 

Wenn wir so die Zumutung der homosexuellen Wunsch- 
phantasie, den Mann zu lieben, für den Kern des Konflikts 
bei der Paranoia des Mannes halten, so werden wir doch gewiß 
nicht vergessen, daß die Sicherung einer so wichtigen Annahme 
die Untersuchung einer großen Anzahl aller Formen von para- 
noischer Erkrankung zur Voraussetzung haben müßte. Wir 
müssen also darauf vorbereitet sein, unsere Behauptung eventuell 
auf einen einzigen Typus der Paranoia einzuschränken. Immer- 
hin bleibt es merkwürdig, daß die bekannten Hauptformen 
der Paranoia alle als Widersprüche gegen den einen Satz „ich 
[ein Mann] liebe ihn [einen Mann]" dargestellt werden können, 
ja, daß sie alle möglichen Formulierungen dieses Widerspruches 
erschöpfen. 

Dem Satze „ich liebe ihn [den Mann]" widerspricht 
a) der Verfolgungswahn, indem er laut proklamiert: 
Ich liebe ihn nicht ich hasse ihn ja. Dieser Widerspruch, 

der im Unbewußten 1 nicht anders lauten könnte, kann aber 
beim Paranoiker nicht in dieser Form bewußt werden. Der 
Mechanismus der Symptom bildung bei der Paranoia fordert, daß 
die innere Wahrnehmung, das Gefühl, durch eine Wahrnehmung 
von außen ersetzt werde. Somit verwandelt sich der Satz „ich 
hasse ihn ja" durch Projektion in den andern: Er haßt (ver- 
folgt) mich, was mich dann berechtigen wird, ihn zu hassen. 
Das treibende unbewußte Gefühl erscheint so als Folgerung aus 
einer äußern Wahrnehmung: 

Ich liebe ihn ja nicht — ich hasse ihn ja — weil er mich 
verfolgt. 

1) In seiner ,,gru ndsprachli oh en" Fassung nach Sclireber. 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 415 



Die Beobachtung läßt keinen Zweifel darüber, daß der Ver- 
folger kein anderer ist, als der einst Geliebte. 

b) Einen andern Angriffspunkt für den Widerspruch nimmt 
die Erotomanie auf, die ohne diese Auffassung ganz unver- 
ständlich bliebe. 

Ich liebe nicht ihn — ich liebe ja sie. 

Und der nämliche Zwang zur Projektion nötigt dem Satz die 
Verwandlung auf: Ich merke, daß sie mich liebt. 

Ich liebe nicht ihn — ich liebe ja sie — weil sie mich 
liebt. Viele Fälle von Erotomanie könnten den Eindruck von 
übertriebenen oder verzerrten heterosexuellen Fixierungen ohne 
andersartige Begründung machen, wenn man nicht aufmerksam 
würde, daß alle diese Verliebtheiten nicht mit der internen Wahr- 
nehmung des Liebens, sondern der von außen kommenden des 
Geliebtwerdens einsetzen. Bei dieser Form der Paranoia kann 
aber auch der Mittelsatz „ich liebe sie" bewußt werden, weil 
sein Widerspruch zum ersten Satz kein kontradiktorischer, kein 
so unverträglicher ist wie der zwischen Lieben und Hassen. Es 
bleibt ja immerhin möglich, neben ihm auch s i e zu lieben. Auf 
diese Art kann es geschehen, daß der Projektionsersatz „sie liebt 
mich" wieder gegen das „grundsprachliche" „ich liebe ja sie" 
zurücktritt. 

c) Die dritte noch mögliche Art des Widerspruches wäre jetzt 
der Eifersuchtswahn, den wir in charakteristischen Formen bei 
Mann und Weib studieren können. 

tt ) Der Eifersuchtswahn des Alkoholikers. Die Rolle des 
Alkohols bei dieser Affektion ist uns nach allen Richtungen ver- 
ständlich. Wir wissen, daß dies Genußmittel Hemmungen auf- 
hebt und Sublimierungen rückgängig macht. Der Mann wird 
nicht selten durch die Enttäuschung beim Weibe zum Alkohol 
getrieben, das heißt aber in der Regel, er begibt sich ins Wirts- 
haus und in die Gesellschaft der Männer, die ihm die in seinem 
Heim beim Weibe vermißte Gefühlsbefriedigung gewährt. Werden 



41 6 Krankengeschichten 



nun diese Männer Objekte einer stärkeren libidinösen Besetzung 
in seinem Unbewußten, so erwehrt er sich derselben durch die 
dritte Art des Widerspruches: 

Nicht ich liebe den Mann — sie liebt ihn ja, — und ver- 
dächtigt die Frau mit all den Männern, die er zu lieben ver- 
sucht ist. 

Die Projektionsentstellung muß hier entfallen, weil mit dem 
Wechsel des liebenden Subjekts der Vorgang ohnedies aus dem 
Ich herausgeworfen ist. Daß die Frau die Männer liebt, bleibt 
eine Angelegenheit der äußern Wahrnehmung; daß man selbst 
nicht liebt, sondern haßt, daß man nicht diese, sondern jene 
Person liebt, das sind allerdings Tatsachen der innern Wahrnehmung. 

ß) Ganz analog stellt sich die eifersüchtige Paranoia der Frauen her. 

Nicht ich liebe die Frauen — sondern er liebt sie. Die Eifer- 
süchtige verdächtigt den Mann mit all den Frauen, die ihr selbst 
gefallen, infolge ihres überstark gewordenen, disponierenden Nar- 
zißmus und ihrer Homosexualität. In der Auswahl der dem 
Manne zugeschobenen Liebesobjekte offenbart sich unverkennbar 
der Einfluß der Lebenszeit, in welcher die Fixierung erfolgte; 
es sind häufig alte, zur realen Liebe ungeeignete Personen, Auf- 
frischungen der Pflegerinnen, Dienerinnen, Freundinnen ihrer 
Kindheit oder direkt ihrer konkurrierenden Schwestern. 

Man sollte nun glauben, ein aus drei Gliedern bestehender 
Satz, wie „ich liebe ihn" ließe nur drei Arten des Widerspruches 
zu. Der Eifersuchtswahn widerspricht dem Subjekt, der Verfolgungs- 
wahn dem Verbum, die Erotomanie dem Objekt. Allein, es ist 
wirklich noch eine vierte Art des Widerspruches möglich, die 
Gesamtablehnung des ganzen Satzes: 

Ich liebe überhaupt nicht und niemand, — und dieser 
Satz scheint psychologisch äquivalent, da man doch mit seiner 
Libido irgendwohin muß, mit dem Satze: Ich liebe nur mich. 
Diese ArL des Widerspruches ergäbe uns also den Größenwahn, den 
wir als eine Sexualüberschätzung des eigenen Ichs auffassen 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 417 

und so der bekannten Überschätzung des Liebesobjekts an die 
Seite stellen können. 1 

Es wird nicht ohne Bedeutung für andere Stücke der Paranoia- 
lehre bleiben, daß ein Zusatz von Größenwahn bei den meisten 
anderen Formen paranoischer Erkrankung zu konstatieren ist. 
Wir haben ja das Recht anzunehmen, daß der Größenwahn 
überhaupt infantil ist, und daß er in der späteren Entwicklung 
der Gesellschaft zum Opfer gebracht wird, so wie er durch keinen 
andern Einfluß so intensiv unterdrückt wird wie durch eine das 
Individuum mächtig ergreifende Verliebtheit. 

Denn wo die Lieb erwachet, stirbt 
das Ich, der finstere Despot. = 

Nach diesen Erörterungen über die unerwartete Bedeutung der 
homosexuellen Wunschphantasie für die Paranoia kehren wir zu 
jenen beiden Momenten zurück, in welche wir das Charakteristische 
dieser Erkrankungsform von vornherein verlegen wollten: zum 
Mechanismus der Symptombildung und zu dem der Ver- 
drängung. 

Wir haben zunächst gewiß kein Recht anzunehmen, daß diese 
beiden Mechanismen identisch seien, daß die Symptombildung 
auf demselben Wege vor sich gehe wie die Verdrängung, etwa 
indem der nämliche Weg dabei in entgegengesetzter Richtung 
beschritten werde. Eine solche Identität ist auch keineswegs sehr 
wahrscheinlich 5 doch wollen wir uns jeder Aussage hierüber vor 
der Untersuchung enthalten. 

An der Symptombildung bei Paranoia ist vor allem jener Zug 
auffällig, der die Benennung Projektion verdient. Eine innere 
Wahrnehmung wird unterdrückt und zum Ersatz für sie kommt 



1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage, 1922, S. 17. [In Bd. V dieser 
Gesamt- Ausgabe.] — Dieselbe Auffassung und Formel bei Abraham (1. c.) und 
Maeder (1. c.). 

2) Dschelaledin Rumi, übersetzt von Rückert; zitiert nach Kuhlenbecks Ein- 
leitung zum. V. Band der Werke von Giordano Bruno. 

Freud, VIII. v 



4 1 8 Krankengeschichten 

ihr Inhalt, nachdem er eine gewisse Entstellung erfahren hat, 
als Wahrnehmung von außen zum Bewußtsein. Die Entstellung 
besteht beim Verfolgungswahn in einer Affektverwandlung; was 
als Liebe innen hätte verspürt werden sollen, wird als Haß von 
außen wahrgenommen. Man wäre versucht, diesen merkwürdigen 
Vorgang als das Bedeutsamste der Paranoia und als absolut 
pathognomonisch für dieselbe hinzustellen, wenn man nicht recht- 
zeitig daran erinnert würde, daß i. die Projektion nicht bei allen 
Formen von Paranoia die gleiche Rolle spielt, und 2. daß sie 
nicht nur bei Paranoia, sondern auch unter anderen Verhältnissen 
im Seelenleben vorkommt, ja, daß ihr ein regelmäßiger Anteil 
an unserer Einstellung zur Außenwelt zugewiesen ist. Wenn wir 
die Ursachen gewisser Sinnesempfindungen nicht wie die anderer 
in uns selbst suchen, sondern sie nach außen verlegen, so ver- 
dient auch dieser normale Vorgang den Namen einer Projektion. 
So aufmerksam geworden, daß es sich beim Verständnis der 
Projektion um allgemeinere psychologische Probleme handelt, 
entschließen wir uns, das Studium der Projektion, und damit 
des Mechanismus der paranoischen Symptombildung überhaupt, 
für einen andern Zusammenhang aufzusparen, und wenden uns 
der Frage zu, welche Vorstellungen wir uns über den Mechanis- 
mus der Verdrängung bei der Paranoia zu bilden vermögen. Ich 
schicke voraus, daß wir zur Rechtfertigung unseres vorläufigen 
Verzichtes finden werden, die Alt des Verdrängungsvorganges hänge 
weit inniger mit der Entwicklungsgeschichte der Libido und der in 
ihr gegebenen Disposition zusammen als die Art der Symptombildung. 

Wir haben in der Psychoanalytik die pathologischen Phänomene 
ganz allgemein aus der Verdrängung hervorgehen lassen. Fassen 
wir das „Verdrängung" Benannte schärfer ins Auge, so finden 
wir Anlaß, den Vorgang in drei Phasen zu zerlegen, die eine 
gute begriffliche Sonderung gestatten. 

l) Die erste Phase besteht in der Fixierung, dem Vorläufer 
und der Bedingung einer jeden „Verdrängung". Die Tatsache 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 41 q 

der Fixierung kann dahin ausgesprochen werden, daß ein Trieb 
oder Triebanteil die als normal vorhergesehene Entwicklung nicht 
mitmacht und infolge dieser Entwicklungshemmung in einem 
infantileren Stadium verbleibt. Die betreffende libidinöse Strömung; 
verhält sich zu den späteren psychischen Bildungen wie eine dem 
System des Unbewußten angehörige, wie eine verdrängte. Wir 
sagten schon, daß in solchen Fixierungen der Triebe die Dispo- 
sition für die spätere Erkrankung liege, und können hinzufügen, 
die Determinierung vor allem für den Ausgang der dritten Phase 
der Verdrängung. 

2) Die zweite Phase der Verdrängung ist die eigentliche Ver- 
drängung, die wir bisher vorzugsweise im Auge gehabt haben. 
Sie geht von den höher entwickelten bewußtseinsfähigen Systemen 
des Ichs aus und kann eigentlich als ein „Nachdrängen" be- 
schrieben werden. Sie macht den Eindruck eines wesentlich 
aktiven Vorganges, während sich die Fixierung als ein eigentlich 
passives Zurückbleiben darstellt. Der Verdrängung unterliegen 
entweder die psychischen Abkömmlinge jener primär zurückge- 
bliebenen Triebe, wenn es durch deren Erstarkung zum Konflikt 
zwischen ihnen und dem Ich (oder den ichgerechten Trieben) 
gekommen ist, oder solche psychische Strebungen, gegen welche 
sich aus anderen Gründen eine starke Abneigung erhebt. Diese 
Abneigung würde aber nicht die Verdrängung zur Folge haben, 
wenn sich nicht zwischen den unliebsamen, zu verdrängenden 
Strebungen und den bereits verdrängten eine Verknüpfung her- 
stellen würde. Wo dies der Fall ist, wirken die Abstoßung der 
bewußten und die Anziehung der unbewußten Systeme gleich- 
sinnig für das Gelingen der Verdrängung. Die beiden hier ge- 
sonderten Fälle mögen in Wirklichkeit weniger scharf geschieden 
sein und sich nur durch ein Mehr oder Minder an Beitrag von 
seiten der primär verdrängten Triebe unterscheiden. 

3) Als dritte, für die pathologischen Phänomene bedeutsamste 
Phase ist die des Mißlingens der Verdrängung, des Durch- 



^20 Krankengeschichten 



bruchs, der Wiederkehr des Verdrängten anzuführen. Dieser 
Durchbruch erfolgt von der Stelle der Fixierung her und hat. 
eine Regression der Libidoentwicklung bis zu dieser Stelle zum 

Inhalte. 

Die Mannigfaltigkeiten der Fixierung haben wir bereits er^ 
wähnt; es sind ihrer so viele als Stufen in der Entwicklung der 
Libido. Wir müssen auf andere Mannigfaltigkeiten in den 
Mechanismen der eigentlichen Verdrängung und in denen des 
Durchbruches (oder der Symptombildung) vorbereitet sein und 
dürfen wohl bereits jetzt vermuten, daß wir nicht alle diese 
Mannigfaltigkeiten allein auf die Entwicklungsgeschichte der Libido 
werden zurückführen können. 

Es ist leicht zu erraten, daß wir mit diesen Erörterungen das 
Problem der Neurosenwahl streifen, welches indes nicht ohne 
Vorarbeiten anderer Art in Angriff genommen werden kann. 
Erinnern wir uns jetzt, daß wir die Fixierung bereits behandelt, 
die Symptombildung zurückgestellt haben, und beschränken wir 
uns auf die Frage, ob sich aus der Analyse des Falles Schreber 
ein Hinweis auf den bei der Paranoia vorwaltenden Mechanismus 
der (eigentlichen) Verdrängung gewinnen läßt. 

Auf der Höhe der Krankheit bildete sich bei Schreber unter 
dem Einfluß von Visionen von „zum Teil grausiger Natur, zum 
Teil aber wiederum von unbeschreiblicher Großartigkeit" (S. 75) 
die Überzeugung einer großen Katastrophe, eines Weltunterganges. 
Stimmen sagten ihm, jetzt sei das Werk einer 14000jährigen 
Vergangenheit verloren (S. 71), der Erde sei nur noch die Dauer 
von 212 Jahren beschieden; in der letzten Zeit seines Aufenthaltes 
in der Flechsigschen Anstalt hielt er diesen Zeitraum für bereits 
abgelaufen. Er selbst war der „einzige noch übrig gebliebene 
wirkliche Mensch", und die wenigen menschlichen Gestalten, die 
er noch sah, den Arzt, die Wärter und Patienten, erklärte er als 
„hingewunderte flüchtig hingemachte Männer". Zeitweilig brach 
sich auch die reziproke Strömung Bahn; es wurde ihm ein 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 421 

Zeitungsblatt vorgelegt, in dem seine eigene Todesnachricht zu 
lesen war (S. 81), er war selbst in einer zweiten, minderwertigen 
Gestalt verhanden und in dieser eines Tages sanft verschieden 
(S. 75). Aber die Gestaltung des Wahnes, die das Ich festhielt 
und die Welt opferte, erwies sich als die bei weitem stärkere. 
Über die Verursachung dieser Katastrophe machte er sich ver- 
schiedene Vorstellungen 5 er dachte bald an eine Vereisung durch 
Zurückziehen der Sonne, bald an eine Zerstörung durch Erdbeben, 
wobei er als „Geisterseher" zu einer ähnlichen Urheberrolle ge- 
langte wie ein anderer Geisterseher angeblich beim Erdbeben 
von Lissabon im Jahre 1755 (S. gi). Oder aber Flechsig war 
der Schuldige, indem er durch seine Zauberkünste Furcht und 
Schrecken unter den Menschen verbreitet, die Grundlagen der 
Religion zerstört und das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosi- 
tät und Unsittlichkeit verursacht hatte, in deren Folge dann ver- 
heerende Seuchen über die Menschen hereingebrochen seien (S. 9 1 ). 
Jedenfalls war der Weltuntergang die Folge des zwischen ihm 
und Flechsig ausgebrochenen Konfliktes oder, wie sich die Ätio- 
logie in der zweiten Phase des Wahnes darstellte, seiner unlösbar 
gewordenen Verbindung mit Gott, also der notwendige Erfolg 
seiner Erkrankung. Jahre später, als Dr. Schreber in die mensch- 
liche Gemeinschaft zurückgekehrt war und an den in seine Hände 
zurückgelangten Büchern, Musikalien und sonstigen Gebrauchs- 
gegenständen nichts entdecken konnte, was mit der Annahme 
einer großen zeitlichen Kluft in der Geschichte der Menschheit 
verträglich wäre, gab er zu, daß seine Auffassung nicht mehr 
aufrecht zu halten sei. (S. 85:) „ . . . . kann ich mich der An- 
erkennung nicht entziehen, daß äußerlich betrachtet alles 
beim alten gebheben ist. Ob nicht gleichwohl eine tief- 
greifende innere Veränderung sich vollzogen hat, wird 
weiter unten besprochen werden." Er konnte nicht daran zweifeln, 
daß die Welt während seiner Erkrankung untergegangen war, 
und die er jetzt vor sich sah, war doch nicht die nämliche. 



422 Krankengeschichten 



Eine solche Weltkataslrophe während des stürmischen Stadiums 
der Paranoia ist auch in anderen Krankengeschichten nicht selten. 1 
Auf dem Boden unserer Auffassung von Libidobesetzung wird 
uns, wenn wir uns von der Wertung der anderen Menschen als 
„flüchtig hingemachter Männer" leiten lassen, die Erklärung dieser 
Katastrophen nicht schwer." Der Kranke hat den Personen seiner 
Umgebung und der Außenweif, überhaupt die Libidobesetzung 
entzogen, die ihnen bisher zugewendet war; damit ist alles für 
ihn gleichgültig und beziehungslos geworden und muß durch 
eine sekundäre Rationalisierung als „hingewundert, flüchtig hin- 
gemacht" erklärt werden. Der Weltuntergang ist die Projektion 
dieser innerlichen Katastrophe; seine subjektive Welt ist unter- 
gegangen, seitdem er ihre seine Liebe entzogen hat. 5 

Nach dem Fluche, mit dem Kaust sich von der Welt lossagt, 

singt der Geisterchor: 

Weh! Weh! 

Du hast sie zerstört, 

«lie schöne Welt, 

mit mächtiger Faust ! 
sie stürzt, sie zerfallt ! 

l'.in Halbgott hat sie zerschlagen! 



Mächtiger 

der Eidensöhne. 

Prächtiger 

haue sie wieder. 

in deinem Busen baue sie auf! 



i) Eine anders motivierte Art: des „Weltunterganges" kommt auf der Höhe der 
Liebesekstase zustande (Wagners Tristan und Isolde); hier saugt nicht das Ich. 
sondern das eine Objekt alle der Außenwelt geschenkten Besetzungen auf. 

2) Vgl. Abraham, Die psychosexucllcn Differenzen der Hysterie und der Dementia 
praecox. Zcntralbl. f. Nervcnh. und Psych., 1908. - Jung, Zur Psychologie der 
Dementia praecox. 1907. — In der kurzen Arbeit von Abraham sind fast alle 
wesentlichen Gesichtspunkte dieser Studie über den Fall Scbreber enthalten. 

3) Vielleicht nicht nur die Libidobesetzung, sondern das Interesse überhaupt, also 
»ncii die vom Ich ausgehenden Besetzungen. Siehe weiter unten die Diskussion 



dieser Frage. 









Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 425 



Und der Paranoiker baut sie wieder auf, nicht prächtiger zwar, 
aber wenigstens so, daß er wieder in ihr leben kann. Er baut 
sie auf durch die Arbeit seines Wahnes. Was wir für die 
Krankheitsproduktion halten, die Wahnbildung ist in 
Wirklichkeit der Heilungsversuch, die Rekonstruktion. 
Diese gelingt nach der Katastrophe mehr oder minder gut, nie- 
mals völ%$ eine „tiefgreifende innere Veränderung" nach den 
Worten Schiebers hat sich mit der Welt vollzogen. Aber der 
Mensch hat eine Beziehung zu den Personen und Dingen der 
Welt wiedergewonnen, oft eine sehr intensive, wenn sie auch 
feindlich sein mag, die früher erwartungsvoll zärtlich war. Wir 
werden also sagen: der^eigentliche Verdrängungsvorgang besteht 
in einer Ablösung der Libido von vorher geliebten Personen — 
unTÖingen. Er vollzieht sich stumm; wir erhalten keine Kunde UO+^t. 
vonThnTsind genötigt, ihn aus den nachfolgenden Vorgängen 
zu erschließen. Was sich uns lärmend bemerkbar macht, das ist 
der Heilungsvorgang, der die Verdrängung rückgängig macht 
und die Libido wieder zu den von ihr verlassenen Personen zurück- 
führt. Er vollzieht sich bei der Paranoia auf dem Wege der 
Projektion. Es war nicht richtig zu sagen, die innerlich unter- 
drückte Empfindung werde nach außen projiziert; wir sehen 
vielmehr ein, daß das innerlich Aufgehobene von außen wieder- 
kehrt. Die gründliche Untersuchung des Prozesses der Projektion, 
die wir auf ein anderes Mal verschoben haben, wird uns hierüber 
die letzte Sicherheit bringen. 

Nun aber wollen wir nicht unzufrieden sein, daß uns die 
neugewonnene Einsicht zu einer Reihe von weiteren Diskussionen 

nötigt. 

1) Die nächste Erwägung sagt uns, daß eine Ablösung der 

Libido weder ausschließlich bei der Paranoia vorkommen noch 

dort, wo sie sonst vorkommt, so unheilvolle Folgen haben kann. 

Es ist sehr wohl möglich, daß die Ablösung der Libido der 

wesentliche und regelmäßige Mechanismus einer jeden Ver- 



4 2 4 Krankengeschichten 



drängung ist; wir wissen nichts darüber, solange nicht die 
anderen Verdrängungsaffektionen einer analogen Untersuchung 
unterzogen worden sind. Es ist sicher, daß wir im normalen 
Seelenleben (und nicht nur in der Trauer) beständig solche 
Loslösungen der Libido von Personen oder anderen Objekten 
vollziehen, ohne dabei zu erkranken. Wenn Faust sich von der 
Welt mit jenen Verfluchungen lossagt, so resultiert daraus keine 
Paranoia oder andere Neurose, sondern eine besondere psychische 
Gesamtstimmung. Die Libidolösung an und für sich kann also 
nicht das Pathogene bei der Paranoia sein, es bedarf eines be- 
sonderen Charakters, der die paranoische Ablösung der Libido 
von anderen Arten des nämlichen Vorganges unterscheiden kann. 
Es ist nicht schwer, einen solchen Charakter in Vorschlag zu 
bringen. Welches ist die weitere Verwendung der durch die 
Lösung frei gewordenen Libido? Normalerweise suchen wir so- 
fort einen Ersatz für die aufgehobene Anheftung; bis dieser 
Ersatz geglückt ist, erhalten wir die freie Libido in der Psyche 
schwebend, wo sie Spannungen ergibt und die Stimmung be- 
<//*' einflußt; in der Hysterie verwandelt sich der befreite Libido- 

• [jtC betrag in körperliche Innervationen oder in Angst. Bei der 

Paranoia aber haben wir ein klinisches Anzeichen dafür, daß 
die dem Objekt entzogene Libido einer besonderen Verwendung 
zugeführt wird. Wir erinnern uns daran, daß die meisten Fälle 
von Paranoia ein Stück Größenwahn zeigen, und daß der Größen- 
wahn für sich allein eine Paranoia konstituieren kann. Daraus 
wollen wir schließen, daß die frei gewordene Libido bei der 
Paranoia zum Ich geschlagen, zur Ichvergrößerung verwendet 
wird. Damit ist das aus der Entwicklung der Libido bekannte 
Stadium des Narzißmus wieder erreicht, in welchem das eigene 
Ich das einzige Sexualobjekt war. Dieser klinischen Aussage wegen 
nehmen wir an, daß die Paranoischen eine Fixierung im Narziß- 
mus mitgebracht haben, und sprechen wir aus, daß der Rück- 
schritt von der sublimierten Homosexualität bis zum 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 425 

Narzißmus den Betrag der für die Paranoia charakteristischen 
Regression angibt. 

2) Eine gleichfalls naheliegende Einwendung kann sich auf die 
Krankengeschichte Schrebers (wie auf viele andere) stützen, 
indem sie geltend macht, daß der Verfolgungswahn (gegen Flechsig) 
unverkennbar früher auftritt als die Phantasie des Weltunter- 
ganges, so daß die angebliche Wiederkehr des Verdrängten der 
Verdrängung selbst vorherginge, was offenbar widersinnig ist. 
Diesem Einwand zuliebe müssen wir von der allgemeinsten Be- 
trachtung zur Einzelwürdigung der gewiß sehr viel komplizierteren 
realen Verhältnisse herabsteigen. Die Möglichkeit muß zugegeben 
werden, daß eine solche Ablösung der Libido ebensowohl eine 
partielle, ein Zurückziehen von einem einzelnen Komplex, wie 
eine allgemeine sein kann. Die partielle Lösung dürfte die bei 
weitem häufigere sein und diejenige, die die allgemeine einleitet, 
weil sie ja durch die Einflüsse des Lebens zunächst allein moti- 
viert wird. Es kann dann bei der partiellen Lösung bleiben oder 
dieselbe zu einer allgemeinen vervollständigt werden, die sich 
durch den Größenwahn auffällig kundgibt. Im Falle Schrebers 
mag die Ablösung der Libido von der Person Flechsigs immerhin 
das Primäre gewesen sein; ihr folgt alsbald der Wahn nach, 
welcher die Libido wieder zu Flechsig (mit negativem Vorzeichen 
als Marke der stattgehabten Verdrängung) zurückführt und so 
das Werk der Verdrängung aufhebt. Nun bricht der Verdrängungs- 
kampf von neuem los, bedient sich aber diesmal stärkerer Mittel; 
in dem Maße, als das umstrittene Objekt das wichtigste in der 
Außenwelt wird, einerseits alle Libido an sich ziehen will, ander- 
seits alle Widerstände gegen sich mobil macht, wird der Kampf 
ums einzelne Objekt mit einer allgemeinen Schlacht vergleichbar, 
in deren Verlauf sich der Sieg der Verdrängung durch die Über- 
zeugung ausdrückt, die Welt sei untergegangen und das Selbst 
allein übrig geblieben. Überblickt man die kunstvollen Konstruk- 
tionen, welche der Wahn Schrebers auf religiösem Boden aufbaut 



426 Krankengeschichten 



(die Hierarchie Gottes — die geprüften Seelen — die Vorhöfe 
des Himmels — den niederen und den oberen Gott), so kann 
man rückschließend ermessen, welcher Reichtum von Subli- 
mierungen durch die Katastrophe der allgemeinen Libidoablösuiig 
zum Einsturz gebracht worden war. 

3) Eine dritte Überlegung, die sich auf den Boden der hier 
entwickelten Anschauungen stellt, wirft die Frage auf, ob wir die 
allgemeine Ablösung der Libido von der Außenwelt als genügend 
wirksam annehmen sollen, um aus ihr den „Weltuntergang" zu 
erklären, ob nicht in diesem Falle die festgehaltenen Ichbesetzungen 
hinreichen müßten, um den Rapport mit der Außenwelt aufrecht 
zu halten. Man müßte dann entweder das, was wir Libidobe- 
Mtzung (Interesse aus erotischen Quellen) heißen, mit dem 
Interesse überhaupt zusammenfallen lassen oder die Möglichkeit 
in Betracht ziehen, daß eine ausgiebige Störung in der Unter- 
bringung der Libido auch eine entsprechende Störung in den 
Ichbesetzungen induzieren kann. Nun sind dies Probleme, zu 
deren Beantwortung wir noch ganz hilflos und ungeschickt sind. 
Könnten wir von einer gesicherten Trieblehre ausgehen, so stünde 
es anders. Aber in Wahrheit verfügen wir über nichts dergleichen. 
Wir fassen den Trieb als den Grenzbegriff des Somatischen gegen 
das Seelische, sehen in ihm den psychischen Repräsentanten 
organischer Mächte und nehmen die populäre Unterscheidung 
von Ichtrieben und Sexualtrieb an, die uns mit. der biologischen 
Doppelstellung des Einzelwesens, welche seine eigene Erhaltung 
wie die der Gattung anstrebt, übereinzustimmen scheint. Aber 
alles Weitere sind Konstruktionen, die wir aufstellen und auch 
bereitwillig wieder fallen lassen, um uns in dem Gewirre der 
dunkleren seelischen Vorgänge zu orientieren, und wir erwarten 
gerade von psychoanalytischen Untersuchungen über krankhafte 
Seelenvorgänge, daß sie uns gewisse Entscheidungen in den Fragen 
der Trieblehre aufnötigen werden. Bei der Jugend und Vereinzelung 
solcher Untersuchungen kann diese Erwartung noch nicht Er- 






Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 427 

füllung gefunden haben. Die Möglichkeit von Rückwirkungen 
der Libidostörungen auf die Ichbesetzungen wird man so wenig 
von der Hand weisen dürfen wie die Umkehrung davon, die 
sekundäre oder induzierte Störung der Libido Vorgänge durch ab- 
norme Veränderungen im Ich. Ja, es ist wahrscheinlich, daß 
Vorgänge dieser Art den unterscheidenden Charakter der Psychose 
ausmachen. Was hievon für die Paranoia in Betracht kommt, 
wird sich gegenwärtig nicht angeben lassen. Ich möchte nur einen 
einzigen Gesichtspunkt hervorheben. Man kann nicht behaupten, 
daß der Paranoiker sein Interesse von der Außenwelt völlig zu- 
rückgezogen hat, auch nicht auf der Höhe der Verdrängung, wie 
man es etwa von gewissen anderen Formen von halluzinatorischen 
Psychosen beschreiben muß (Meynerts Amentia). Er nimmt die 
Außenwelt wahr, er gibt sich Rechenschaft über ihre Veränderungen, 
wird durch ihren Eindruck zu Erklärungsleistungen angeregt (die 
„flüchtig hingemachten" Männer), und darum halte ich es für 
weitaus wahrscheinlicher, daß seine veränderte Relation zur Welt 
allein oder vorwiegend durch den Ausfall des Libidointeresses zu 

erklären ist. 

4) Bei den nahen Beziehungen der Paranoia zur Dementia 
praecox kann man der Frage nicht ausweichen, wie eine solche 
Auffassung der ersteren Affektion auf die der letzteren zurück- 
wirken muß. Ich halte es für einen wohlberechtigten Schritt 
Kraepelins, vieles, was man vorher Paranoia geheißen hat, mit 
der Katatonie und anderen Formen zu einer neuen klinischen 
Einheit zu verschmelzen, für welche der Name Dementia praecox 
allerdings besonders ungeschickt gewählt ist. Auch gegen die 
Bleuler sehe Bezeichnung des gleichen Formenkreises als Schizo- 
phrenie wäre einzuwenden, daß der Name nur dann gut brauchbar 
erscheint, wenn man sich an seine Wortbedeutung nicht erinnert. 
Er ist sonst allzu präjudizierlich, indem er einen theoretisch 
postulierten Charakter zur Benennung verwendet, überdies einen 
solchen, welcher der Affekt ion nicht ausschließend zukommt und 



428 Krankengeschichten 



im Lichte anderer Anschauungen nicht für den wesentlichen 
erklärt werden kann. Es ist aber im ganzen nicht sehr wichtig, 
wie man Krankheitsbilder benennt. Wesentlicher erschiene es mir, 
die Paranoia als selbständigen klinischen Typus aufrecht zu halten, 
auch wenn ihr Bild noch so häufig durch schizophrene Züge 
kompliziert wird, denn vom Standpunkte der Libidotheorie ließe 
sie sich durch eine andere Lokalisation der disponierenden Fixierung 
und einen andern Mechanismus der Wiederkehr (Symptombildung) 
von der Dementia praecox sondern, mit welcher sie den Haupt- 
charakter der eigentlichen Verdrängung, die Libidoablösung mit 
Regression zum Ich, gemeinsam hätte. Ich hielte es für das 
zweckmäßigste, wenn man die Dementia praecox mit dem 
Namen Paraphrenie belegen wollte, welcher, an sich unbe- 
stimmten Inhalts, ihre Beziehungen zu der unabänderlich be- 
nannten Paranoia zum Ausdruck bringt und überdies an die in 
ihr aufgegangene Hebephrenie erinnert. Es käme dabei nicht in 
Betracht, daß dieser Name bereits früher für anderes vorge- 
schlagen wurde, da sich diese anderen Verwendungen nicht 
durchgesetzt haben. 

Daß bei der Dementia praecox der Charakter der Abkehr der 
Libido von der Außenwelt ganz besonders deutlich ist, hat 
Abraham (1. c.) auf sehr eindringliche Weise auseinandergesetzt. 
Aus diesem Charakter erschließen wir die Verdrängung durch 
Libidoablösung. Die Phase der stürmischen Halluzinationen fassen 
wir auch hier als eine des Kampfes der Verdrängung mit einem 
Heilungsversuch, der die Libido wieder zu ihren Objekten bringen 
will. In den Delirien und motorischen Stereotypien der Krank- 
heit hat Jung mit außerordentlichem analytischem Scharfsinn die 
krampfhaft festgehaltenen Reste der einstigen Objektbesetzungen 
erkannt. Dieser vom Beobachter für die Krankheit selbst gehaltene 
Heilungsversuch bedient sich aber nicht wie bei Paranoia der 
Projektion, sondern des halluzinatorischen (hysterischen) Mecha- 
nismus. Dies ist der eine der großen Unterschiede von der 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 429 



Paranoia; er ist einer genetischen Aufklärung von anderer Seite 
her fähig. Der Ausgang der Dementia praecox, wo die Affektion 
nicht allzusehr partiell bleibt, bringt den zweiten Unterschied. 
Er ist im allgemeinen ungünstiger als der der Paranoia; der 
Sieg bleibt nicht wie bei letzterer der Rekonstruktion, sondern 
der Verdrängung. Die Regression geht nicht nur bis zum Narzißmus, 
der sich in Größenwahn äußert, sondern bis zur vollen Auf- 
lassung der Objektliebe und Rückkehr zum infantilen Autoerotis- 
mus. Die disponierende Fixierung muß also weiter zurückliegen 
als die der Paranoia, im Beginn der Entwicklung, die vom Auto- 
erotismus zur Objektliebe strebt, enthalten sein. Es ist auch 
keineswegs wahrscheinlich, daß die homosexuellen Anstöße, die 
wir bei der Paranoia so häufig, vielleicht regelmäßig finden, in 
der Ätiologie der weit uneingeschränkteren Dementia praecox 
eine ähnlich bedeutsame Rolle spielen. 

Unsere Annahmen über die disponierenden Fixierungen bei 
Paranoia und Paraphrenie machen es ohne weiteres verständlich, 
daß ein Fall mit paranoischen Symptomen beginnen und sich 
doch zur Demenz entwickeln kann, daß paranoide und schizophrene 
Erscheinungen sich in jedem Ausmaße kombinieren, daß ein 
Krankheitsbild wie das Schrebers zustande kommen kann, welches 
den Namen einer paranoischen Demenz verdient, durch das Her- 
vortreten der Wunschphantasie und der Halluzinationen dem 
paraphrenen, durch den Anlaß, den Projektionsmechanismus und 
den Ausgang dem paranoiden Charakter Rechnung trägt. Es 
können ja in der Entwicklung mehrere Fixierungen zurückge- 
lassen worden sein und der Reihe nach den Durchbruch der 
abgedrängten Libido gestatten, etwa die später erworbene zuerst 
und im weiteren Verlaufe der Krankheit dann die ursprüngliche, 
dem Ausgangspunkt näher liegende. Man möchte gerne wissen, 
welchen Bedingungen dieser Fall die relativ günstige Erledigung 
verdankt, denn man wird sich nicht gerne entschließen, etwas 
so Zufälliges wie die „Versetzungsbesserung", die mit dem Ver- 



_ 



45° Krankengeschichten 



lassen der Flechsigschen Anstalt eintrat,' allein für den Ausgang 
verantwortlich zu machen. Aber unsere unzulängliche Kenntnis 
der intimen Zusammenhänge in dieser Krankengeschichte macht 
die Antwort auf diese interessante Frage unmöglich. Als Ver- 
mutung könnte man hinstellen, daß die wesentlich positive 
Tönung des Vaterkomplexes, das in der Realität späterer Jahre 
wahrscheinlich ungetrübte Verhältnis zu einem vortrefflichen Vater, 
die Versöhnung mit der homosexuellen Phantasie und damit den 
heilungsartigen Ablauf ermöglicht hat. 

Da ich weder die Kritik fürchte noch die Selbstkritik scheue, 
habe ich kein Motiv, die Erwähnung einer Ähnlichkeit zu ver- 
meiden, die vielleicht unsere Libidotheorie im Urteile vieler Leser 
schädigen wird. Die durch Verdichtung von Sonnenstrahlen, 
Nervenfasern und Samenfäden komponierten „Gottesstrahlen" 
Schrebers sind eigentlich nichts anderes als die dinglich darge- 
stellten, nach außen projizierten Libidobesetzungen und verleihen 
seinem Wahn eine auffallige Übereinstimmung mit unserer Theorie. 
Daß die Welt untergehen muß, weil das Ich des Kranken alle 
Strahlen an sich zieht, daß er später während des Rekonstruktions- 
vorganges ängstlich besorgt sein muß, daß Gott nicht die Strahlen- 
verbindung mit ihm löse, diese und manche andere Einzelheiten 
der Schreberschen Wahnbildung klingen fast wie endopsychische 
Wahrnehmungen der Vorgänge, deren Annahme ich hier einem 
Verständnis der Paranoia zugrunde gelegt habe. Ich kann aber 
das Zeugnis eines Freundes und Fachmannes dafür vorbringen, 
daß ich die Theorie der Paranoia entwickelt habe, ehe mir der 
Inhalt des Schreberschen Buches bekannt war. Es bleibt der 
Zukunft überlassen, zu entscheiden, ob in der Theorie mehr 
Wahn enthalten ist, als ich möchte, oder in dem Wahn mehr 
Wahrheit, als andere heute glaublich finden. 



1) Vgl. Eiklin, Über Versetiungsbesseningen. Psychiatrisch-neurologische Wochen- 
schrift 1905, Nr. 16—18. 












Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 451 

Endlich möchte ich diese Arbeit, die doch wiederum nur ein 
Bruchstück eines größeren Zusammenhanges darstellt, nicht be- 
schließen, ohne einen Ausblick auf die beiden Hauptsätze zu 
geben, auf deren Erweis die Libidotheorie der Neurosen und 
Psychosen hinsteuert, daß die Neurosen im wesentlichen aus dem 
Konflikte des Ichs mit dem Sexualtrieb hervorgehen, und daß 
ihre Formen die Abdrücke der Entwicklungsgeschichte der Libido — 
und des Ichs bewahren. 



NACHTRAG 

In der Behandlung der Krankengeschichte des Senatspräsidenten 
Schreber habe ich mich mit Absicht auf ein Mindestmaß von 
Deutung eingeschränkt und darf darauf vertrauen, daß jeder 
psychoanalytisch geschulte Leser aus dem mitgeteilten Material 
mehr entnommen haben wird, als ich ausdrücklich ausspreche, 
daß es ihm nicht schwer gefallen ist, die Fäden des Zusammen- 
hanges enger anzuziehen und Schlußfolgerungen zu erreichen, die 
ich bloß andeute. Ein freundlicher Zufall, der die Aufmerksamkeit 
anderer Autoren des gleichen Bandes auf die Schrebersche Selbst- 
biographie gelenkt hat, läßt auch erraten, wieviel noch aus dem 
symbolischen Gehalt der Phantasien und "Wahnideen des geist- 
reichen Paranoikers zu schöpfen ist. 1 

Eine zufällige Bereicherung meiner Kenntnisse seit der Ver- 
öffentlichung meiner Arbeit über Schreber bat mich nun in den 
Stand gesetzt, eine seiner wahnhaften Behauptungen besser zu 
würdigen und als mythologisch beziehungsreich zu erkennen. 
Auf Seite 404 erwähne ich das besondere Verhältnis des Kranken 
zur Sonne, die ich für ein sublimiertes „Vatersymbol" erklären 
mußte. Die Sonne spricht mit ihm in menschlichen Worten und 
gibt sich ihm so als ein belebtes Wesen zu erkennen. Er pflegt 
sie zu beschimpfen, mit Drohworten anzuschreien; er versichert 
auch, daß ihre Strahlen vor ihm erbleichen, wenn er gegen sie 






1) Vgl. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch f. psychoanalyt. u. 
psychopalhol. Forschungen III. (1911), >S. 164 und 207, Spielrein, tlber den psychi- 
schen Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw., ebenda S. 350. 






Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 453 

gewendet laut spricht. Nach seiner „Genesung" rühmt er sich, 
daß er ruhig in die Sonne sehen kann und davon nur in sehr 
bescheidenem Maße geblendet wird, was natürlich früher nicht 
möglich gewesen wäre (Anmerkung auf S. 159 des Schreber- 
schen Buches). 

An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne schauen 
zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an. Man liest 
bei S. Reinach, 1 daß die alten Naturforscher dieses Vermögen 
allein den Adlern zugestanden, die als Bewohner der höchsten 
Luftschichten zum Himmel, zur Sonne und zum Blitze in be- 
sonders innige Beziehung gebracht wurden. 2 Dieselben Quellen 
berichten aber auch, daß der Adler seine Jungen einer Probe 
unterzieht, ehe er sie als legitim anerkennt. Wenn sie es nicht 
zustande bringen, in die Sonne zu schauen, ohne zu blinzeln, 
werden sie aus dem Nest geworfen. 

Über die Bedeutung dieses Tiermythus kann kein Zweifel sein. 
Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei den 
Menschen geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit seinen 
Jungen anstellt, ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie sie von 
den verschiedensten Völkern aus alten Zeiten berichtet wird. So 
vertrauten die am Rhein wohnenden Kelten ihre Neugeborenen 
den Fluten des Stromes an, um sich zu überzeugen, ob sie wirk- 
lich ihres Blutes wären. Der Stamm der Psyllen im heutigen 
Tripolis, der sich der Abkunft von Schlangen rühmte, setzte seine 
Kinder der Berührung solcher Schlangen aus; die rechtmäßig 
Geborenen wurden entweder nicht gebissen oder erholten sich 
rasch von den Folgen des Bisses. 3 Die Voraussetzung dieser Er- 
probungen führt tief in die totemistische Denkweise primitiver 
Völker hinein. Der Totem — das Tier oder die animistisch ge- 

1) Cultes, Mythes et Religions, T. III, 1908, p. 80. (Nach Keller, Tiere des Altertums.) 

2) An den höchsten Stellen der Tempel waren Bilder von Adlern angebracht, um 
als „magische" Blitzableiter zu wirken. (S. Rein ach, 1. c.) 

5) Siehe Literaturnachweise bei Reinach 1. c. T. III und T. I, p. 74. 

Freud, VIII. _« 



,i, Krankengeschichten 



dachte Naturmacht, von der der Stamm seine Abkunft herleitet 
verschont die Angehörigen dieses Stammes als seine Kinder, 
wie er selbst von ihnen als Stammvater verehrt und eventuell 
verschont wird. Wir sind hier bei Dingen angelangt, die mir 
berufen erscheinen, ein psychoanalytisches Verständnis für die 
Ursprünge der Religion zu ermöglichen. 

Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt und 
verlangt, daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden, be- 
nimmt sich also wie ein Abkömmling der Sonne, der seine Kinder 
der Ahnenprobe unterwirft. Und wenn Schreber sich rühmt, 
daß er ungestraft und ungeblendet in die Sonne schauen kann, 
hat er den mythologischen Ausdruck für seine Kindesbeziehung 
zur Sonne wiedergefunden, hat. uns von neuem bestätigt, wenn 
wir seine Sonne als ein Symbol des Vaters auffassen. Er- 
innern wir uns daran, daß Schreber in seiner Krankheit seinen 
Familienstolz frei äußert („Die Schrebers gehören dem höchsten 
himmlischen Adel an"),' «laß wir ein menschliches Motiv für seine 
Erkrankung an einer femininen Wunschphantasie in seiner Kinder- 
losigkeit gefunden haben, so wird uns der 'Zusammenhang seines 
wahnhaften Vorrechtes mit den Grundlagen seines Krankseins 
deutlich genug. 

Dieser kleine Nachtrag zur Analyse eines Paranoiden mag 
dartun, wie wohlbegründet die Behauptung Jungs ist, daß die 
mythenbildenden Kräfte der Menschheit nicht erloschen sind, 
sondern heute noch in den Neurosen dieselben psychischen Pro- 
dukte erzeugen wie in den ältesten Zeiten. Ich möchte eine früher 
gemachte Andeutung 3 wieder aufnehmen, indem ich ausspreche, 
daß für die religionsbildenden Kralle dasselbe gilt. Und ich meine, 
es wird bald an der Zeit sein, einen Satz, den wir Psycho- 
analytiker schon vor langem ausgesprochen haben, zu erweitern, 
zu seinem individuellen, ontogenetisch verstandenen Inhalt die 

■ ■ w - ■ ' 

i) Denkwürdigkeiten. S. 2+. — „Adel" gehört zu „Adler". 

2) Zwangshandlungen und Rcligionsiibung. 1907. [Bd. X dieser Gesamtausgabe.] 



Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 435 

anthropologische, phylogenetisch zu fassende Ergänzung hinzuzu- 
fügen. Wir haben gesagt: Im Traume und in der Neurose finden 
wir das Kind wieder mit den Eigentümlichkeiten seiner Denk- 
weisen und seines Affektlebens. Wir werden ergänzen: auch den 
wilden, den primitiven Menschen, wie er sich uns im Lichte 
der Altertumswissenschaft und der Völkerforschung zeigt. 



23" 



AUS DER GESCHICHTE 

EINER INFANTILEN 

NEUROSE 






^ 



..Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" erschien 1918 in der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Von Prof. Dr. Sigm. Freud." 
VierU Folge. (Perlag Hugo Heller <f- Co., Leipzig und Wien) Die Arbeit 
wurde dann aus der zireiien Auflage dieses Bandes (l<?22 im Internati- 
onalen Psychoanalytischen I "erlag Leipzig, Wien, Zürich) weggelassen und 
in die Fünfte Folge der „Sammlung" (l°22 im Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag) aufgenommen. — 1924 erschien die Arbeit im gleichen 
I erläge auch in selbständiger Ih ich form. 



I 

VORBEMERKUNGEN 

Der Krankheitsfall, über welchen ich hier — wiederum nur 
in fragmentarischer Weise — berichten werde, 1 ist durch eine 
Anzahl von Eigentümlichkeiten ausgezeichnet, welche zu ihrer Her- 
vorhebung vor der Darstellung auffordern. Er betrifft einen jungen 
Mann, welcher in seinem achtzehnten Jahr nach einer gonor- 
rhöischen Infektion als krank zusammenbrach und gänzlich ab- 
hängig und existenzunfähig war, als er mehrere Jahre später in 
psychoanalytische Behandlung trat. Das Jahrzehnt seiner Jugend 
vor dem Zeitpunkt der Erkrankung hatte er in annähernd nor- 
maler Weise durchlebt und seine Mittelschulstudien ohne viel 
Störung erledigt. Aber seine früheren Jahre waren von einer 
schweren neurotischen Störung beherrscht gewesen, welche 
knapp vor seinem vierten Geburtstag als Angsthysterie (Tier- 

j) Diese Krankengeschichte ist kurz nach Abschluß der Behandlung im Winter 
1914/1915 niedergeschrieben worden unter dem damals frischen Eindruck der Um- 
deutungen, welche C. G. Jung und Alf. Adler an den psychoanalytischen Ergeb- 
nissen vornehmen wollten. Sie knüpft also an den im „Jahrbuch der Psychoanalyse" 
VI, 1914 veröffentlichten Aufsatz: „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 1 ' 
[Bd. VII dieser Gesamtausgabe] an und ergänzt die dort enthaltene, im wesentlichen 
persönliche Polemik durch objektive Würdigimg des analytischen Materials. Sie war 
ursprünglich für den nächsten Band des Jahrbuches bestimmt, aber da sich das Er- 
scheinen desselben durch die Hemmungen des großen Krieges ins Unbestimmbare 
verzögerte, entschloß ich mich, sie dieser von einem neuen Verleger veranstalteten 
Sammlung anzuschließen. Manches, was in ihr zum erstenmal hätte ausgesprochen 
werden sollen, hatte ich unterdes in meinen 1916/1917 gehaltenen „Vorlesungen zur 
Einführung in die Psychoanalyse" behandeln müssen. Der Text der ersten Nieder- 
schrift hat keine Abänderungen von irgend welchem Belang erfahren: Zusätze sind 
durch eckige Klammern kenntlich gemacht. 



44° Krankengeschichten 



phobie) begann, sich dann in eine Zwangsneurose mit religiösem 
Inhalt umsetzte und mit ihren Ausläufern bis in sein zehntes 
Jahr hineinreichte. 

Nur diese infantile Neurose wird der Gegenstand meiner Mit- 
teilungen sein. Trotz der direkten Aufforderung des Patienten 
habe ich es abgelehnt, die vollständige Geschichte seiner Er- 
krankung, Behandlung und Herstellung zu schreiben, weil ich 
diese Aufgabe als technisch undurchführbar und sozial unzulässig 
erkannte. Damit fällt auch die Möglichkeit weg, den Zusammen- 
hang zwischen seiner infantilen und seiner späteren definitiven 
Erkrankung anfzuzeigen. Ich kann von dieser letzteren nur an- 
geben, daß der Kranke ihretwegen lange Zeit in deutschen 
Sanatorien zugebracht hat und damals von der zuständigsten 
Stelle als ein Fall von „manisch-depressivem Irresein" klassifiziert 
worden ist. Diese Diagnose traf sicherlich für den Vater des 
Patienten zu, dessen an Tätigkeit und Interessen reiches Leben 
durch wiederholte Anfälle von schwerer Depression gestört worden 
war. An dem Sohne selbst habe ich bei mehrjähriger Beobachtung 
keinen Stimmungswandel beobachten können, der an Intensität 
und nach den Bedingungen seines Auftretens über die ersicht- 
liche psychische Situation hinausgegangen wäre. Ich habe mir 
die Vorstellung gebildet, daß dieser Fall sowie viele andere, die 
von der klinischen Psychiatrie mit mannigfaltigen und wechselnden 
Diagnosen belegt werden, als Folge/.ustand nach einer spontan 
abgelaufenen, mit Defekt ausgeheilten Zwangsneurose aufzu- 
fassen ist. 

Meine Beschreibung wird also von einer infantilen Neurose 
handeln, die nicht während ihres Bestandes, sondern erst fünf- 
zehn Jahre nach ihrem Ablauf analysiert worden ist. Diese 
Situation hat ihre Vorzüge ebensowohl wie ihre Nachteile im 
Vergleiche mit der anderen. Die Analyse, die man am neurotischen 
Kind selbst vollzieht, wird von vornherein vertrauenswürdiger er- 
scheinen, aber sie kann nicht sehr inhaltsreich sein; man muß 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 441 

dem Kind zuviel Worte und Gedanken leihen und wird viel- 
leicht doch die tiefsten Schichten undurchdringlich für das Be- 
wußtsein finden. Die Analyse der Kindheitserkrankung durch das 
Medium der Erinnerung bei dem Erwachsenen und geistig Ge- 
reiften ist von diesen Einschränkungen frei 5 aber man wird die 
Verzerrung und Zurichtung in Rechnung bringen, welcher die 
eigene Vergangenheit beim Rückblick aus späterer Zeit unter- 
worfen ist. Der erste Fall gibt vielleicht die überzeugenderen 
Resultate, der zweite ist der bei weitem lehrreichere. 

Auf alle Fälle darf man aber behaupten, daß Analysen von 
kindlichen Neurosen ein besonders hohes theoretisches Interesse 
beanspruchen können. Sie leisten für das richtige Verständnis der 
Neurosen Erwachsener ungefähr soviel wie die Kinderträume für 
die Träume der Erwachsenen. Nicht etwa, daß sie leichter zu 
durchschauen oder ärmer an Elementen wären; die Schwierigkeit 
der Einfühlung ins kindliche Seelenleben macht sie sogar zu 
einem besonders harten Stück Arbeit für den Arzt. Aber es sind 
doch in ihnen so viele der späteren Auflagerungen weggefallen, 
daß das Wesentliche der Neurose unverkennbar hervortritt. Der 
Widerstand gegen die Ergebnisse der Psychoanalyse hat bekannt- 
lich in der gegenwärtigen Phase des Kampfes um die Psycho- 
analyse eine neue Form angenommen. Man begnügte sich früher 
damit, den von der Analyse behaupteten Tatsachen die Wirk- 
lichkeit zu bestreiten, wozu eine Vermeidung der Nachprüfung 
die beste Technik schien. Dies Verfahren scheint sich nun lang- 
sam zu erschöpfen; man schlägt jetzt den anderen Weg ein, die 
Tatsachen anzuerkennen, aber die Folgerungen, die sich aus ihnen 
ergeben, durch Umdeutungen zu beseitigen, so daß man sich 
der anstößigen Neuheiten doch wieder erwehrt hat. Das Studium 
der kindlichen Neurosen erweist die volle Unzulänglichkeit dieser 
seichten oder gewaltsamen Umdeutungsversuche. Es zeigt den 
überragenden Anteil der so gern verleugneten libidinösen Trieb- 
kräfte an der Gestaltung der Neurose auf und läßt die Ab- 



44 2 Krankengeschichten 



Wesenheit fernliegender kultureller Zielstrebungen erkennen, von 
denen das Kind noch nichts weiß, und die ihm darum nichts 
bedeuten können. 

Ein anderer Zug, welcher die hier mitzuteilende Analyse der 
Aufmerksamkeit empfiehlt, hängt mit der Schwere der Er- 
krankung und der Dauer ihrer Behandlung zusammen. Die in 
kurzer Zeit zu einem günstigen Ausgang führenden Analysen 
werden für das Selbstgefühl des Therapeuten wertvoll sein und 
die ärztliche Bedeutung der Psychoanalyse dartun; für die 
Förderung der wissenschaftlichen Erkenntnis bleiben sie meist 
belanglos. Man lernt nichts Neues aus ihnen. Sie sind ja nur 
darum so rasch geglückt, weil man bereits [alles wußte, was zu 
ihrer Erledigung notwendig war. Neues kann man nur aus 
Analysen erfahren, die besondere Schwierigkeiten bieten, zu 
deren Überwindung man dann viel Zeit verbraucht. Nur in 
diesen Fällen erreicht man es, in die tiefsten und primitivsten 
Schichten der seelischen Entwicklung herabzusteigen und von 
dort die Lösungen für die Probleme der späteren Gestaltungen 
zu holen. Man sagt sich dann, daß, streng genommen, erst die 
Analyse, welche so weit vorgedrungen ist, diesen Namen ver- 
dient. Natürlich belehrt ein einzelner Fall nicht über alles, was 
man wissen möchte. Richtiger gesagt, er könnte alles lehren, 
wenn man nur im stände wäre, alles aufzufassen und nicht 
durch die Ungeübtheit der eigenen Wahrnehmung genötigt wäre, 
sich mit wenigem zu begnügen. 

An solchen fruchtbringenden Schwierigkeiten ließ der hier zu 
beschreibende Krankheitsfall nichts zu wünschen übrig. Die 
ersten Jahre der Behandlung erzielten kaum eine Änderung. 
Eine glückliche Konstellation fügte es, daß trotzdem alle äußeren 
Verhältnisse die Fortsetzung des therapeutischen Versuches er- 
möglichten. Ich kann mir leicht denken, daß bei weniger günstigen 
Umständen die Behandlung nach einiger Zeit aufgegeben worden 
wäre. Für den Standpunkt des Arztes kann ich nur aussagen, 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 4.45 

daß er sich in solchem Falle ebenso „zeitlos" verhalten muß 
wie das Unbewußte selbst, wenn er etwas erfahren und erzielen 
will. Das bringt er schließlich zu stände, wenn er auf kurz- 
sichtigen therapeutischen Ehrgeiz zu verzichten vermag. Das 
Ausmaß von Geduld, Gefügigkeit, Einsicht und Zutrauen, welches 
von Seiten des Kranken und seiner Angehörigen erforderlich ist, 
wird man in wenigen anderen Fällen erwarten dürfen. Der 
Analytiker darf sich aber sagen, daß die Ergebnisse, welche er 
an einem Falle in so langer Arbeit gewonnen hat, nun dazu 
verhelfen werden, die Behandlungsdauer einer nächsten, ebenso 
schweren Erkrankung wesentlich zu verkürzen und so die Zeit- 
losigkeit des Unbewußten fortschreitend zu überwinden, nach- 
dem man sich ihr ein erstes Mal unterworfen hat. 

Der Patient, mit dem ich mich hier beschäftige, blieb lange 
Zeit hinter einer Einstellung von gefügiger Teilnahmslosigkeit 
unangreifbar verschanzt. Er hörte zu, verstand und ließ sich 
nichts nahe kommen. Seine untadelige Intelligenz war wie ab- 
geschnitten von den triebhaften Kräften, welche sein Benehmen 
in den wenigen ihm übrig gebliebenen Lebensrelationen be- 
herrschten. Es bedurfte einer langen Erziehung, um ihn zu be- 
wegen, einen selbständigen Anteil an der Arbeit zu nehmen, 
und als infolge dieser Bemühung die ersten Befreiungen auf- 
traten, stellte er sofort die Arbeit ein, um weitere Veränderungen 
zu verhüten und sich in der hergestellten Situation behaglich 
zu erhalten. Seine Scheu vor einer selbständigen Existenz war 
so groß, daß sie alle Beschwerden des Krankseins aufwog. Es 
fand sich ein einziger Weg, um sie zu überwinden. Ich mußte 
warten, bis die Bindung an meine Person stark genug geworden 
war, um ihr das Gleichgewicht zu halten, dann spielte ich 
diesen einen Faktor gegen den anderen aus. Ich bestimmte, 
nicht ohne mich durch gute Anzeichen der Rechtzeitigkeit leiten 
zu lassen, daß die Behandlung zu einem gewissen Termin ab- 
geschlossen werden müsse, gleichgültig, wie weit sie vorgeschritten 



u 



444 Krankengeschichten 



sei. Diesen Tennin war ich einzuhalten entschlossen ; der Patient 
glaubte endlich an meinen Ernst. Unter dem unerbittlichen Druck 
dieser Terminset zung gab sein Widerstand, seine Fixierung ans 
Kranksein nach, und die Analyse lieferte nun in unverhältnis- 
mäßig kurzer Zeit all das Material, welches die Losung seiner 
Hemmungen und die Aufhebung seiner Symptome ermöglichte. 
Aus dieser letzten Zeit der Arbeil, in welcher der Widerstand 
zeitweise verschwunden war und der Kranke den Eindruck einer 
sonst nur in der Hypnose erreichbaren Luzidität machte, stammen 
auch alle die Aufklärungen, welche nur das Verständnis seiner 
infantilen Neurose gestatteten. 

So illustrierte der Verlauf dieser Behandlung ^\v\\ von der 
analytischen Technik längst, gewürdigten Satz, daß die Länge 
des Weges, welchen die Analyse mit dem Patienten zurückzu- 
legen hat, und die Fülle des Materials, welches auf diesem Wege 
zu bewältigen ist, nicht in Betracht kommen gegen den Wider- 
stand, den man während der Arbeil antrifft, und nur soweit in 
Betracht kommen, als sie dem Widerstände notwendigerweise 
proportional sind. Es ist derselbe Vorgang, wie wenn jetzt eine 
feindliche Armee Wochen und Monate verbraucht, um eine Strecke 
Landes zu durchziehen, die sonst in friedlichen Zeiten in wenigen 
Schnellzugsstunden durchfahren wird, und die von der eigenen 
Armee kurz vorher in einigen Tagen zurückgelegt wurde. 

Eine dritte Eigentümlichkeit der hier zu beschreibenden 
Analyse hat nur den Entschluß, sie mitzuteilen, weiterhin er- 
schwert. Die Ergebnisse derselben haben sich im ganzen mit 
unserem bisherigen Wissen befriedigend gedeckt oder guten An- 
schluß daran gefunden. Manche Einzelheiten sind mir aber selbst 
so merkwürdig und unglaubwürdig erschienen, daß ich Bedenken 
trug, bei anderen um Glauben für sie zu werben. Ich habe den 
Patienten zur strengsten Kritik seiner Erinnerungen aufgefordert, 
aber er fand nichts Unwahrscheinliches au seinen Aussagen und 
hielt an ihnen fest. Die Leser mögen wenigstens überzeugt sein, 



Ans der Geschichte einer infantilen Neurose 445 

daß ich selbst nur berichte, was mir als unabhängiges Erlebnis, 
unbeeinflußt durch meine Erwartung, entgegengetreten ist. So 
blieb mir denn nichts übrig, als mich des weisen Wortes zu 
erinnern, es gebe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als 
unsere Schulweisheit sich träumen läßt. Wer es verstünde, seine 
mitgebrachten Überzeugungen noch gründlicher auszuschalten, 
könnte gewiß noch mehr von solchen Dingen entdecken. 






II 

ÜBERSICHT DES MILIEUS UND 
DER KRANKENGESCHICHTE 

Ich kann die Geschichte meines Patienten weder rein historisch 
noch rein pragmatisch schreiben, kann weder eine Behandlungs- 
noch eine Krankengeschichte geben, sondern werde mich ge- 
nötigt sehen, die beiden Darstellungs weisen miteinander zu kom- 
binieren. Es hat sich bekanntlich kein Weg gefunden, um die 
aus der Anahse resultierende Überzeugung in der Wiedergabe 
derselben irgendwie unterzubringen. Erschöpfende protokollarische 
Aufnahmen der Vorgänge in den Analysenslunden würden 
sicherlich nichts dazu leisten; ihre Anfertigung ist auch durch 
die Technik der Behandlung ausgeschlossen. Man publiziert also 
solche Analysen nicht, um Überzeugung bei denen hervorzu- 
rufen, die sich bisher abweisend und ungläubig verhallen haben. 
Man erwartet nur solchen Forschern etwas Neues zu bringen, 
die sich durch eigene Erfahrungen an Kranken bereits Über- 
zeugungen erworben haben. 

Ich werde damit beginnen, die Welt des Kindes zu schildern 
und von seiner Kindheitsgeschichte mitzuteilen, was ohne An- 
strengung zu erfahren war, und mehrere Jahre hindurch nicht 
vollständiger und nicht durchsichtiger wurde. 

Jung verheiratete Ellern, die noch eine glückliche Ehe führen, 
auf welche bald ihre Erkrankungen die ersten Schatten werfen, 
die Unterleibskrankheiten der Mutter und die ersten Ver- 
stimmungsanfälle des Vaters, die seine Abwesenheit vom Hause 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 44.7 

zur Folge hatten. Die Krankheit des Vaters lernt der Patient 
natürlich erst sehr viel später verstehen, die Kränklichkeit der 
Mutter wird ihm schon in frühen Kinderjahren bekannt. Sie 
gab sich darum verhältnismäßig wenig mit den Kindern ab. 
Eines Tages, gewiß vor seinem vierten Jahr, hört er, von der 
Mutter an der Hand geführt, die Klagen der Mutter an den 
Arzt mit an, den sie vom Hause weg begleitet, und prägt sich 
ihre Worte ein, um sie später für sich selbst zu verwenden. 
Er ist nicht das einzige Kind; vor ihm steht eine um zwei 
Jahre ältere Schwester, lebhaft, begabt, und voreilig schlimm, 
der eine große Rolle in seinem Leben zufällt. 

Eine Kinderfrau betreut ihn, soweit er sich zurückerinnert, ein 
ungebildetes altes Weib aus dem Volke, von unermüdlicher Zärt- 
lichkeit für ihn. Er ist ihr der Ersatz für einen eigenen früh 
verstorbenen Sohn. Die Familie lebt auf einem Landgut, welches 
im Sommer mit einem anderen vertauscht wird. Die große Stadt 
ist von beiden Gütern nicht weit. Es ist ein Abschnitt in seiner 
Kindheit, als die Eltern die Güter verkaufen und in die Stadt 
ziehen. Nahe Verwandte halten sich oft für lange Zeiten auf 
diesem oder jenem Gut auf, Brüder des Vaters, Schwestern der 
Mutter und deren Kinder, die Großeltern von Mutterseite. Im 
Sommer pflegen die Eltern auf einige Wochen zu verreisen. Eine 
Deckerinnerung zeigt ihm, wie er mit seiner Kinderfrau dem 
Wagen nachschaut, der Vater, Mutter und Schwester entführt, 
und darauf friedlich ins Haus zurückgeht. Er muß damals sehr 
klein gewesen sein. 1 Im nächsten Sommer wurde die Schwester 
zu Hause gelassen und eine englische Gouvernante aufgenommen, 
der die Oberaufsicht über die Kinder zufiel. 

In späteren Jahren war ihm viel von seiner Kindheit erzählt 
worden. 8 Vieles wußte er selbst, aber natürlich ohne zeitlichen 

1) 2»/ 2 Jahre. Fast alle Zeiten ließen sich später mit Sicherheit bestimmen. 

2) Mitteilungen solcher Art darf man in der Regel als Material von uneinge- 
schränkter Glaubwürdigkeit verwerten. Es läge darum nahe, die Lücken in der 



448 Krankengeschichten 



oder inhaltlichen Zusammenhang. Eine dieser Überlieferungen, 
die aus Anlaß seiner späteren Erkrankung ungezählte Male vor 
ihm wiederholt worden war, macht uns mit dem Problem be- 
kannt, dessen Lösung uns beschäftigen wird. Er soll zuerst ein 
sehr sanftes, gefügiges und eher ruhiges Kind gewesen sein, so 
daß man zu sagen pflegte, er hätte das Mädchen werden sollen 
und die ältere Schwester der Bub. Aber einmal, als die Eltern 
von der Sommerreise zurückkamen, fanden sie ihn verwandelt. 
Er war unzufrieden, reizbar, heftig geworden, fand sich durch 
jeden Anlaß gekränkt, tobte dann und schrie wie ein Wilder, so 
daß die Eltern, als der Zustand andauerte, die Besorgnis äußerten, 
es werde nicht möglich sein, ihn später einmal in die Schule zu 
schicken. Es war der Sommer, in dem die englische Gouvernante 
anwesend war, die sich als eine närrische, unverträgliche, übrigens 
dem Trünke ergebene Person erwies. Die Mutter war darum 
geneigt, die Charakterveränderung des Knaben mit der Einwirkung 
dieser Engländerin zusammenzubringen, und nahm an, sie habe 
ihn durch ihre Behandlung gereizt. Die scharfsichtige Großmutter, 
die den Sommer mit den Kindern geteilt hatte, vertrat die An- 
sicht, daß die Reizbarkeit des Knaben durch die Zwistigkeiten 
zwischen der Engländerin und der Kinderfrau hervorgerufen sei. 
Die Engländerin hatte die Kinderfrau wiederholt eine Hexe 
geheißen, sie gezwungen, das Zimmer zu verlassen ; der Kleine 
hatte offen die Partei seiner geliebten „Nanja" genommen und 
der Gouvernante seinen Haß bezeigt. Wie dem sein mochte, die 
Engländerin wurde bald nach der Rückkehr der Eltern weg- 
geschickt, ohne daß sich am unleidlichen Wesen des Kindes 
etwas änderte. 

Erinnerung des Patienten dnrrh Krkiuidigungcn bei den älteren Familienmitgliedern 
mühelos auszufüllen, allein ich kann nicht entschieden genug von solcher Technik 
abraten. Was die Angehörigen über Befragen und Aufforderung erzählen, unterliegt 
allen kritischen Bedenken, die in Betracht kommen können. Man bedauert es regel- 
mäßig, »ich von diesen Auskünften abhängig gemacht zu haben, hat dabei das Ver- 
trauen in die Analyse gestört und eine andere Instanz über sie gesetzt. Was überhaupt 
erinnert werden kann, kommt im weiteren Verlauf der Analyse zum Vorschein. 



Au* der Geschichte einer infantilen Neurose aaq 

Die Erinnerung an diese schlimme Zeit ist bei dem Patienten 
erhalten geblieben. Er meint, die erste seiner Szenen habe er 
gemacht, als er einmal zu Weihnachten nicht doppelt beschenkt 
wurde, wie ihm gebührt hätte, weil der Weihnachtstag gleich- 
zeitig sein Geburtstag war. Mit seinen Ansprüchen und Empfind- 
lichkeiten verschonte er auch die geliebte Nanja nicht, ja quälte 
vielleicht sie am unerbittlichsten. Aber diese Phase der Charakter- 
veränderung ist in seiner Erinnerung unlösbar verknüpft mit 
vielen anderen sonderbaren und krankhaften Erscheinungen, die 
er zeitlich nicht anzuordnen weiß. Er wirft all das, was jetzt 
berichtet werden soll, was unmöglich gleichzeitig gewesen sein 
kann und voll inhaltlichen Widerspruchs ist, in einen und den- 
selben Zeitraum, den er „noch auf dem ersten Gut" benennt. 
Mit fünf Jahren, glaubt er, hätten sie dieses Gut verlassen. Er 
weiß also zu erzählen, daß er an einer Angst gelitten, welche 
sich seine Schwester zu nutze machte, um ihn zu quälen. Es 
gab ein gewisses Bilderbuch, in dem ein Wolf dargestellt war, 
aufrecht stehend und ausschreitend. Wenn er dieses Bild zu 
Gesicht bekam, fing er an wie rasend zu schreien, er fürchtete 
sich, der Wolf werde kommen und ihn auffressen. Die Schwester 
wußte es aber immer so einzurichten, daß er dieses Bild sehen 
mußte, und ergötzte sich an seinem Schrecken. Er fürchtete sich 
indes auch vor anderen Tieren, großen und kleinen. Einmal 
jagte er einem schönen großen Schmetterling mit gelb gestreiften 
Flügeln, die in Zipfel ausliefen, nach, um ihn zu fangen. (Es 
war wohl ein „Schwalbenschwanz"). Plötzlich faßte ihn entsetz- 
liche Angst vor dem Tier, er gab die Verfolgung schreiend auf. 
Auch vor Käfern und Raupen hatte er Angst und Abscheu. 
Doch wußte er sich zu erinnern, daß er um dieselbe Zeit Käfer 
gequält und Raupen zerschnitten; auch Pferde waren ihm un- 
heimlich. Wenn ein Pferd geschlagen wurde, schrie er auf und 
mußte deswegen einmal den Zirkus verlassen. Anderemale liebte 
er es selbst, Pferde zu schlagen. Ob diese entgegengesetzten 

Freud, VIII. 






450 Krankengeschichten 



Arten des Verhaltens gegen Tiere wirklich gleichzeitig in Kraft 
gewesen, oder ob sie einander nicht vielmehr abgelöst hatten, 
dann aber, in welcher Folge und wann, das ließ seine Erinnerung 
nicht entscheiden. Er konnte auch nicht sagen, ob seine schlimme 
Zeit durch eine Phase von Krankheit ersetzt worden war oder 
sich durch diese hindurch fortgesetzt hatte. Jedenfalls war man 
durch seine nun folgenden Mitteilungen zur Annahme berechtigt, 
daß er in jenen Kinderjahren eine sehr gut kenntliche Er- 
krankung an Zwangsneurose durchgemacht hatte. Er erzählte, er 
sei eine lange Zeit hindurch sehr fromm gewesen. Vor dem Ein- 
schlafen mußte er lange beten und eine unendliche Reihe von 
Kreuzen schlagen. Er pflegte auch abends mit einem Sessel, auf 
den er stieg, die Runde vor allen Heiligenbildern zu machen, 
die im Zimmer hingen, und jedes einzelne andächtig zu küssen. 
Zu diesem frommen Zeremoniell stimmte es dann sehr schlecht 
— oder vielleicht doch ganz gut, — daß er sich an gottes- 
lästerliche Gedanken erinnerte, die ihm wie eine Eingebung des 
Teufels in den Sinn kamen. Er mußte denken: Gott— Schwein 
oder Gott — Kot. Irgend einmal auf einer Reise in einen deutschen 
Radeort war er von dem Zwang gequält, an die heilige Drei- 
einigkeit zu denken, wenn er drei Häufchen Pferdemist oder 
anderen Kot auf der Straße liegen sah. Damals befolgte er auch 
ein eigentümliches Zeremoniell, wenn er Leute sah, die ihm 
leid taten, Bettler, Krüppel, Greise. Er mußte geräuschvoll aus- 
atmen, um nicht so zu werden wie sie, unter gewissen anderen 
Bedingungen auch den Atem kräftig einziehen. Es lag mir 
natürlich nahe anzunehmen, daß diese deutlich zwangsneurotischen 
Symptome einer etwas späteren Zeit und Entwicklungsstufe an- 
gehörten als die Zeichen von Angst und die grausamen Hand- 
lungen gegen Tiere. 

Die reiferen Jahre des Patienten waren durch ein sehr un- 
günstiges Verhältnis zu seinem Vater bestimmt, der damals nach 
wiederholten Anfällen von Depression die krankhaften Seiten 




Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 451 



seines Charakters nicht verbergen konnte. In den ersten Kinder- 
jahren war dies Verhältnis ein sehr zärtliches gewesen, wie die 
Erinnerung des Sohnes bewahrt hatte. Der Vater hatte ihn sehr 
lieb und spielte gerne mit ihm. Er war von klein auf stolz auf 
den Vater und äußerte nur, er wolle so ein Herr werden wie 
der. Die Nanja hatte ihm gesagt, die Schwester sei das Kind 
der Mutter, er aber das des Vaters, womit er sehr zufrieden 
war. Zu Ausgang der Kindheit war eine Entfremdung zwischen 
ihm und dem Vater eingetreten. Der Vater zog die Schwester 
unzweifelhaft vor, und er war sehr gekränkt darüber. Später 
wurde die Angst vor dem Vater dominierend. 

Gegen das achte Jahr etwa verschwanden alle die Erscheinungen, 
die der Patient der mit der Schlimmheit beginnenden Lebens- 
phase zurechnet. Sie verschwanden nicht mit einem Schlage, 
sondern kehrten einigemale wieder, wichen aber endlich, wie 
der Kranke meint, dem Einfluß der Lehrer und Erzieher, die 
dann an die Stelle der weiblichen Pflegepersonen traten. Dies 
also sind im knappsten Umriß die Rätsel, deren Lösung der 
Analyse aufgegeben wurde: Woher rührte die plötzliche Charakter- 
veränderung des Knaben, was bedeutete seine Phobie und seine 
Perversitäten, wie kam er zu seiner zwanghaften Frömmigkeit 
und wie hängen alle diese Phänomene zusammen? Ich erinnere 
nochmals daran, daß unsere therapeutische Arbeit einer späteren 
rezenten neurotischen Erkrankung galt, und daß Aufschlüsse 
über jene früheren Probleme sich nur ergeben konnten, wenn 
der Verlauf der Analyse für eine Zeit von der Gegenwart ab- 
führte, um uns zu dem Umweg durch die kindliche Urzeit 
zu nötigen. 



29* 



III 

DIE VERFÜHRUNG UND IHRE NÄCHSTEN FOLGEN 

Die nächste Vermutung richtete sich begreiflicherweise gegen 
die englische Gouvernante, während deren Anwesenheit die Ver- 
änderung des Knaben aufgetreten war. Es waren zwei an sich 
unverständliche Deckerinnerungen erhalten, die sich auf sie be- 
zogen. Sie hatte einmal, als sie vorausging, zu den Nachkommenden 
gesagt: Schauen Sie doch auf mein Schwänzchen! Ein andermal 
war ihr auf einer Fahrt der Hut weggeflogen zur großen Be- 
friedigung der Geschwister. Das deutete auf den Kastrations- 
komplex hin und gestattete etwa die Konstruktion, eine von ihr 
an den Knaben gerichtete Drohung hätte zur Entstehung seines 
abnormen Benehmens viel beigetragen. Es ist ganz ungefährlich, 
solche Konstruktionen den Analysierten mitzuteilen, sie schaden 
der Analyse niemals, wenn sie irrig sind, und man spricht sie 
doch nicht aus, wenn man nicht Aussicht hat, irgend eine An- 
näherune an die Wirklichkeit durch sie zu erreichen. Als nächste 
Wirkung dieser Aufstellung traten Träume auf, deren Deutung 
nicht vollkommen gelang, die aber immer um denselben Inhalt 
zu spielen schienen. Es handelte sich in ihnen, soweit man sie ver- 
stehen konnte, um aggressive Handlungen des Knaben gegen die 
Schwester oder gegen die Gouvernante und um energische Zu- 
rechtweisungen und Züchtigungen dafür. Als hätte er . . . nach 
dem Bad ... die Schwester entblößen ... ihr die Hüllen . . . 
oder Schleier . . . abreißen wollen und ähnliches. Es gelang aber 






■ 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 455 

nicht, aus der Deutung einen sicheren Inhalt zu gewinnen, und 
als man den Eindruck empfangen hatte, es werde in diesen 
Träumen das nämliche Material in immer wieder wechselnder 
Weise verarbeitet, war die Auffassung dieser angeblichen Reminis- 
zenzen gesichert. Es konnte sich nur um Phantasien handeln, 
die der Träumer irgend einmal, wahrscheinlich in den Pubertäts- 
jahren, über seine Kindheit gemacht hatte und die jetzt in so 
schwer kenntlicher Form wieder aufgetaucht waren. 

Ihr Verständnis ergab sich mit einem Schlage, als der Patient 
sich plötzlich der Tatsache besann, die Schwester habe ihn ja, 
„als er noch sehr klein war, auf dem ersten Gut", zu sexuellen 
Tätlichkeiten verführt. Zunächst kam die Erinnerung, daß sie 
auf dem Abort, den die Kinder häufig gemeinsam benützten, die 
Aufforderung vorgebracht: Wollen wir uns den Popo zeigen, und 
dem Wort auch die Tat habe folgen lassen. Späterhin stellte sich 
das Wesentlichere der Verführung mit allen Einzelheiten der 
Zeit und der Lokalität ein. Es war im Frühjahr, zu einer Zeit, 
da der Vater abwesend war; die Kinder spielten auf dem Boden 
in einem Raum, während im benachbarten die Mutter arbeitete. 
Die Schwester hatte nach seinem Glied gegriffen, damit gespielt 
und dabei unbegreifliche Dinge über die Nanja wie zur Er- 
klärung gesagt. Die Nanja tue dasselbe mit allen Leuten, z. B. 
mit dem Gärtner, sie stelle ihn auf den Kopf und greife dann 
nach seinen Genitalien. 

Damit war das Verständnis der vorhin erratenen Phantasien 
gegeben. Sie sollten die Erinnerung an einen Vorgang, welcher 
später dem männlichen Selbstgefühl des Patienten anstößig er- 
schien, verlöschen, und erreichten dieses Ziel, indem sie einen 
Wunschgegensatz an Stelle der historischen Wahrheit setzten. 
Nach diesen Phantasien hatte nicht er die passive Rolle gegen 
die Schwester gespielt, sondern im Gegenteile, er war aggressiv 
gewesen, hatte die Schwester entblößt sehen wollen, war zurück- 
gewiesen und bestraft worden und darum in die Wut geraten, 



. 



454 



Krankengeschichten 



von der die häusliche Tradition soviel erzählte. Zweckmäßig war 
es auch, die Gouvernante in diese Dichtung zu verweben, der 
nun einmal von Mutter und Großmutter die Hauptschuld an 
seinen Wutanfällen zugeteilt wurde. Diese Phantasien entsprachen 
also genau der Sagenbildung, durch welche eine später große 
und stolze Nation die Kleinheit und das Mißgeschick ihrer An- 
fänge zu verhüllen sucht. 

In Wirklichkeit konnte die Gouvernante an der Verführung 
und ihren Folgen nur einen sehr entlegenen Anteil haben. Die 
Szenen mit der Schwester fanden im Frühjahr des nämlichen 
Jahres statt, in dessen Hochsommermonaten die Engländerin als 
Ersatz der abwesenden Eltern eintrat. Die Feindseligkeit des 
Knaben gegen die Gouvernante kam vielmehr auf eine andere 
Weise zu stände. Indem sie die Kinderfrau beschimpfte und 
als Hexe verleumdete, trat sie bei ihm in die Fußstapfen der 
Schwester, die zuerst jene ungeheuerlichen Dinge von der Kinder- 
frau erzählt hatte, und gestattete ihm so, an ihr die Abneigung 
zum Vorschein zu bringen, die sich infolge der Verführung, wie 
wir hören werden, gegen die Schwester entwickelt hatte. 

Die Verführung durch die Schwester war aber gewiß keine 
Phantasie. Ihre Glaubwürdigkeit wurde durch eine niemals ver- 
gessene Mitteilung aus späteren, reifen Jahren erhöht. Ein um 
mehr als ein Jahrzehnt älterer Vetter hatte ihm in einem Ge- 
spräch über die Schwester gesagt, er erinnere sich sehr wohl 
daran, was für ein vorwitzig sinnliches Ding sie gewesen sei. Als 
Kind von vier oder fünf Jahren habe sie sich einmal auf seinen 
Schoß gesetzt und ihm die Hose geöffnet, um nach seinem Glied 
zu greifen. 

Ich möchte jetzt die Kindergeschichte meines Patienten unter- 
brechen, um von dieser Schwester, ihrer Entwicklung, weiteren 
Schicksalen und von ihrem Einfluß auf ihn zu sprechen. Sie 
war zwei Jahre älter als er und ihm immer voraus geblieben. 
Als Kind bubenhaft unbändig, schlug sie dann eine glänzende 







r 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 4.55 

intellektuelle Entwicklung ein, zeichnete sich durch scharfen 
realistischen Verstand aus, bevorzugte die Naturwissenschaften in 
ihren Studien, produzierte aber auch Gedichte, die der Vater 
hoch einschätzte. Ihren zahlreichen ersten Bewerbern war sie 
geistig sehr überlegen, pflegte sich über sie lustig machen. In 
den ersten Zwanziger) ahren aber begann sie verstimmt zu werden, 
klagte, daß sie nicht schön genug sei, und zog sich von allem 
Umgang zurück. Auf eine Reise in Begleitung einer befreundeten 
älteren Dame geschickt, erzählte sie nach ihrer Heimkehr ganz 
unwahrscheinliche Dinge, wie sie von ihrer Begleiterin mißhandelt 
worden sei blieb aber an die vorgebliche Peinigerin offenbar 
fixiert. Auf einer zweiten Reise bald nachher vergiftete sie sich 
und starb fern vom Hause. Wahrscheinlich entsprach ihre Affektion 
dem Beginne einer Dementia praecox. Sie war eine der Zeugen 
für die ansehnliche neuropathische Heredität in der Familie, 
keineswegs aber die einzige. Ein Onkel, Vaterbruder, starb nach 
langen Jahren einer Sonderlingsexistenz unter Zeichen, die auf 
eine schwere Zwangsneurose schließen lassen; eine gute Anzahl 
von Seitenverwandten war und ist mit leichteren nervösen 
Störungen behaftet. 

Für unseren Patienten war die Schwester in der Kindheit — 
von der Verführung zunächst abgesehen — ein unbequemer 
Konkurrent um die Geltung bei den Eltern, dessen schonungs- 
los gezeigte Überlegenheit er sehr drückend empfand. Er neidete 
ihr dann besonders den Respekt, den der Vater vor ihren geistigen 
Fähigkeiten und intellektuellen Leistungen bezeugte, während er, 
seit seiner Zwangsneurose intellektuell gehemmt, sich mit einer 
geringen Einschätzung begnügen mußte. Von seinem vierzehnten 
Jahr an begann das Verhältnis der Geschwister sich zu bessern; 
ähnliche geistige Anlage und gemeinsame Opposition gegen die 
Eltern führten sie so weit zusammen, daß sie wie die besten 
Kameraden miteinander verkehrten. In der stürmischen sexuellen 
Erregtheit seiner Pubertätszeit wagte er es, eine intime körper- 



45^ Krankengeschichten 




liehe Annäherung bei ihr zu suchen. Als sie ihn ebenso ent- 
schieden als geschickt abgewiesen hatte, wandte er sich von ihr 
sofort zu einem kleinen Bauernmädchen, das im Hause bedienstet 
war und den gleichen Namen wie die Schwester trug. Er hatte 
damit einen für seine heterosexuelle Objektwahl bestimmenden 
Schritt vollzogen, denn alle die Mädchen, in die er sich dann 
später, oft unter den deutlichsten Anzeichen des Zwanges, ver- 
liebte, waren gleichfalls dienende Personen, deren Bildung und 
Intelligenz weit hinter der seinigen zurückstehen mußten. Waren 
alle diese Liebesobjekte Ersatzpersonen für die ihm versagte 
Schwester, so ist nicht abzuweisen, daß eine Tendenz zur Er- 
niedrigung der Schwester, zur Aufhebung ihrer intellektuellen 
Überlegenheit, die ihn einst so bedrückt hatte, dabei die Ent- 
scheidung über seine Objektwahl bekam. 

Motiven dieser Art, die dem Willen zur Macht, dem Behauptungs- 
trieb des Individuums entstammen, hat Alf. Adler wie alles andere 
so auch das sexuelle Verhalten der Menschen untergeordnet. Ich 
bin, ohne die Geltung solcher Macht- und Vorrechtsmotive je zu 
leugnen, nie davon über/engt gewesen, daß sie die ihnen zuge- 
schriebene dominierende und ausschließliche Rolle spielen können. 
Hätte ich die Analyse meines Patienten nicht bis zu Ende ge- 
führt, so hätte ich die Beobachtung dieses Falles zum Anlaß 
nehmen müssen, um eine Korrektur meines Vorurteils im Sinne 
von Adler vorzunehmen. Unerwarteterweise brachte der Schluß 
dieser Analyse neues Material, aus dem sich wiederum ergab, 
daß diese Machtmotive (in unserem Falle die Erniedrigungs- 
tendenz) die Objektwahl nur im Sinne eines Beitrags und einer 
Rationalisierung bestimmt hatten, wärend die eigentliche, tiefere 
Determinierung mir gestattete, an meinen früheren Überzeugungen 
festzuhalten. 1 

Als die Nachricht vom Tode der Schwester anlangte, erzählte 
der Patient, empfand er kaum eine Andeutung von Schmerz. Er 



i; S. unten S. 537. 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 457 

zwang sich zu Zeichen von Trauer und konnte sich in aller 
Kühle darüber freuen, daß er jetzt der alleinige Erbe des Ver- 
mögens geworden sei. Er befand sich schon seit mehreren Jahren 
in seiner rezenten Krankheit, als sich dies zutrug. Ich gestehe 
aber, daß diese eine Mitteilung mich in der diagnostischen Be- 
urteilung des Falles für eine ganze Weile unsicher machte. Es 
war zwar anzunehmen, daß der Schmerz über den Verlust des 
geliebtesten Mitglieds seiner Familie eine Ausdruckshemmung 
durch die fortwirkende Eifersucht gegen sie und durch die Ein- 
meno-ung der unbewußt gewordenen inzestuösen Verliebtheit er- 
fahren würde, aber auf einen Ersatz für den unterbliebenen 
Schmerzausbruch vermochte ich nicht zu verzichten. Ein solcher 
fand sich endlich in einer anderen, ihm unverständlich gebliebenen 
Gefühlsäußerung. Wenige Monate nach dem Tode der Schwester 
machte er selbst eine Reise in die Gegend, wo sie gestorben 
war, suchte dort das Grab eines großen Dichters auf, der damals 
sein Ideal war, und vergoß heiße Tränen auf diesem Grabe. Dies 
war eine auch ihn befremdende Reaktion, denn er wußte, daß 
mehr als zwei Menschenalter seit dem Tode des verehrten 
Dichters dahingegangen waren. Er verstand sie erst, als er sich 
erinnerte, daß der Vater die Gedichte der verstorbenen Schwester 
mit denen des großen Poeten in Vergleich zu bringen pflegte. 
Einen anderen Hinweis auf die richtige Auffassung dieser schein- 
bar an den Dichter gerichteten Huldigung hatte er mir durch 
einen Irrtum in seiner Erzählung gegeben, den ich an dieser 
Stelle hervorziehen konnte. Er hatte vorher wiederholt ange- 
geben, daß sich die Schwester erschossen habe, und mußte dann 
berichtigen, daß sie Gift genommen hatte. Der Poet aber war 
in einem Pistolenduell erschossen worden. 

Ich kehre nun zur Geschichte des Bruders zurück, die ich 
aber von hier ein Stück weit pragmatisch darstellen muß. Als 
das Alter des Knaben zur Zeit, da die Schwester ihre Verführungs- 
aktionen begann, stellte sich 5V4 Jahre heraus. Es geschah, wie 



458 Krankengeschichten 



gesagt, im Frühjahr desselben Jahres, in dessen Herbst die Eltern 
ihn bei ihrer Rückkehr so gründlich verwandelt, fanden. Es liegt 
nun sehr nahe, diese Wandlung mit der unterdes stattgehabten 
Erweckung seiner Sexualtätigkeit in Zusammenhang zu bringen. 

Wie reagierte der Knabe auf die Verlockungen der älteren 
Schwester? Die Antwort lautet: mit Ablehnung, aber die Ab- 
lehnung galt der Person, nicht der Sache. Die Schwester w r ar 
ihm als Sexualobjekt nicht genehm, wahrscheinlich, weil sein 
Verhältnis zu ihr bereits durch den Wettbewerb um die Liebe 
der Eltern im feindseligen Sinne bestimmt war. Er wich ihr 
aus und ihre Werbungen nahmen auch bald ein Ende. Aber er 
suchte an ihrer Statt eine andere, geliebtere Person zu gewinnen, 
und Mitteilungen der Schwester selbst, die sich auf das Vorbild 
der Nanja berufen hatte, lenkten seine Wahl auf diese. Er begann 
also vor der Nanja mit seinem Glied zu spielen, was, wie in so 
vielen anderen Fällen, wenn die Kinder die Onanie nicht ver- 
bergen, als Verführungsversuch aufgefaßt werden muß. Die Nanja 
enttäuschte ihn, sie machte ein ernstes Gesicht und erklärte, das sei 
nicht gut. Kinder, die das täten, bekämen an der Stelle eine „Wunde". 

Die Wirkung dieser Mitteilung, die einer Drohung gleichkam, 
ist nach verschiedenen Richtungen zu verfolgen. Seine Anhäng- 
lichkeit an die Nanja wurde dadurch gelockert. Er hätte böse 
auf sie werden können; später, als seine Wutanfälle einsetzten, 
zeigte es sich auch, daß er wirklich gegen sie erbittert war. Allein 
es war für ihn charakteristisch, daß er jede Libidoposition, die 
er aufgeben sollte, zunächst hartnäckig gegen das Neue verteidigte. 
Als die Gouvernante auf dem Schauplatz erschien und die Nanja 
beschimpfte, aus dem Zimmer jagte, ihre Autorität vernichten 
wollte, übertrieb er vielmehr seine Liebe zu der Bedrohten und 
benahm sich abweisend und trotzig gegen die angreifende Gouver- 
nante. Nichtsdestoweniger begann er im geheimen ein anderes 
Sexualobjekt zu suchen. Die Verführung hatte ihm das passive 
Sexualziel gegeben, an den Genitalien berührt zu werden; wir 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 459 

werden hören, bei wem er dies erreichen wollte, und welche 
Wege ihn zu dieser Wahl führten. 

Es entspricht ganz unseren Erwartungen, wenn wir hören, 
daß mit seinen ersten genitalen Erregungen seine Sexualforschung 
einsetzte und daß er bald auf das Problem der Kastration geriet. 
Er konnte in dieser Zeit zwei Mädchen, seine Schwester und 
ihre Freundin, beim Urinieren beobachten. Sein Scharfsinn hätte 
ihn schon bei diesem Anblicke den Sachverhalt verstehen lassen 
können, allein er benahm sich dabei, wie wir es von anderen 
männlichen Kindern wissen. Er lehnte die Idee, daß er hier die 
von der Nanja angedrohte Wunde bestätigt sehe, ab, und gab 
sich die Erklärung, das sei der „vordere Popo" der Mädchen. 
Das Thema der Kastration war mit dieser Entscheidung nicht 
abgetan; aus allem, was er hörte, entnahm er neue Hindeutungen 
darauf. Als den Kindern einmal gefärbte Zuckerstangen verteilt 
wurden, erklärte die Gouvernante, die zu wüsten Phantasien 
o-eneigt war, es seien Stücke von zerschnittenen Schlangen. Von 
da aus erinnerte er sich, daß der Vater einmal auf einem Spazier- 
weg eine Schlange getroffen und sie mit seinem Stocke in Stücke 
zerschlagen habe. Er hörte die Geschichte (aus Reineke Fuchs 1 ) 
vorlesen, wie der Wolf im Winter Fische fangen wollte und 
seinen Schwanz als Köder benützte, wobei der Schwanz im Eis 
abbrach. Er erfuhr die verschiedenen Namen, mit denen man je 
nach der Intaktheit ihres Geschlechts die Pferde bezeichnet. Er 
war also mit dem Gedanken an die Kastration beschäftigt, aber er 
hatte noch keinen Glauben daran und keine Angst davor. Andere 
Sexualprobleme erstanden ihm aus den Märchen, die ihm um 
diese Zeit bekannt wurden. Im „Rotkäppchen" und in den 
„Sieben Geißlein" wurden die Kinder aus dem Leib des Wolfs 
herausgeholt. War der Wolf also ein weibliches Wesen oder 
konnten auch Männer Kinder im Leib haben? Das war um diese 
Zeit noch nicht entschieden. Übrigens kannte er zur Zeit dieser 
Forschung noch keine Angst vor dem Wolf. 



4-6° Krankengeschichten 



Eine der Mitteilungen des Patienten wird uns den Weg zum 
Verständnis der Charakterveränderung bahnen, die während der 
Abwesenheit der Eltern im entferntem Anschluß an die Verführung 
bei ihm hervortrat. Er erzählt, daß er nach der Abweisung und 
Drohung der Nanja die Onanie sehr bald aufgab. Das be- 
ginnende Sexualleben unter der Leitung der Genital- 
zone war also einer äußeren Hemmung erlegen und 
durch deren Einfluß auf eine frühere Phase prägen italer 
Organisation zurückgeworfen worden. Infolge der Unter- 
drückung der Onanie nahm das Sexualleben des Knaben sadistisch- 
analen Charakter an. Er wurde reizbar, quälerisch, befriedigte sich 
in solcher Weise an Tieren und Menschen. Sein Hauptobjekt 
war die geliebte Nanja, die er zu peinigen verstand, bis sie in 
Tränen ausbrach. So rächte er sich an ihr für die erfahrene 
Abweisung und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles Gelüste in 
der der regressiven Phase entsprechenden Form. Er begann 
Grausamkeit gegen kleine Tiere zu üben, Fliegen zu fangen, um 
ihnen die Flügel auszureißen, Käfer zu zertreten; in seiner 
Phantasie liebte er es, auch große Tiere, Pferde, zu schlagen. 
Das waren also durchwegs aktive, sadistische Betätigungen; von 
den analen Regungen dieser Zeil wird in einem späteren Zusammen- 
hange die Rede sein. 

Es ist sehr wertvoll, daß in der Erinnerung des Patienten auch 
gleichzeitige Phantasien ganz anderer Art auftauchten, des Inhalts, 
daß Knaben gezüchtigt und geschlagen wurden, besonders auf 
den Penis geschlagen; und für wen diese anonymen Objekte als 
Prügelknaben dienten, läßt sich leicht aus anderen Phantasien 
erraten, die sich ausmalten, wie der Thronfolger in einen engen 
Raum eingesperrt und geschlagen wird. Der Thronfolger war 
offenbar er selbst; der Sadismus hatte sich also in der Phantasie 
gegen die eigene Person gewendet und war in Masochismus 
umgeschlagen. Das Detail, daß das Geschlechtsglied selbst die 
Züchtigung empfing, läßt den Schluß zu, daß bei dieser Um- 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 461 

Wandlung bereits ein Schuldbewußtsein beteiligt war, welches 
sich auf die Onanie berief. 

Es blieb in der Analyse kein Zweifel, daß diese passiven 
Strebungen gleichzeitig oder sehr bald nach den aktiv-sadistischen 
aufgetreten waren.* Dies entspricht der ungewöhnlich deutlichen, 
intensiven und anhaltenden Ambivalenz des Kranken, die sich 
hier zum erstenmal in der gleichmäßigen Ausbildung der gegen- 
sätzlichen Partialtriebpaare äußerte. Dieses Verhalten blieb für ihn 
auch in der Folge ebenso charakteristisch wie der weitere Zug, 
daß eigentlich keine der jemals geschaffenen Libidopositionen 
durch eine spätere völlig aufgehoben wurde. Sie blieb vielmehr 
neben allen anderen bestehen und gestattete ihm ein unaus- 
gesetztes Schwanken, welches sich mit dem Erwerb eines fixierten 
Charakters unvereinbar erwies. 

Die masochistischen Strebungen des Knaben leiten zu einem 
anderen Punkt über, dessen Erwähnung ich mir aufgespart 
habe, weil er erst durch die Analyse der nächstfolgenden Phase 
seiner Entwicklung sichergestellt werden kann. Ich erwähnte 
schon, daß er nach der Abweisung durch die Nanja seine libidinöse 
Erwartung von ihr löste und eine andere Person als Sexualobjekt 
in Aussicht nahm. Diese Person war der damals abwesende Vater. 
Zu dieser Wahl wurde er gewiß durch ein Zusammentreffen von 
Momenten geführt, auch durch zufällige wie die Erinnerung an 
die Zerstückelung der Schlange; vor allem aber erneuerte er 
damit seine erste und ursprünglichste Objektwahl, die sich dem 
Narzißmus des kleinen Kindes entsprechend auf dem Wege der 
Identifizierung vollzogen hatte. Wir haben schon gehört, daß 
der Vater sein bewundertes Vorbild gewesen war, daß er, gefragt, 
was er werden wollte, zu antworten pflegte: ein Herr wie der 
Vater. Dies Identifizierungsobjekt seiner aktiven Strömung wurde 

1) Unter passiven Strebungen verstehe ich solche mit passivem Sexualziel, habe 
aber dabei nicht etwa eine Triebverwandlung, sondern nur eine Zielverwandlung 
im Auge. 



462 i Krankengeschicfiten 



nun das Sexualobjekt einer passiven Strömung in der sadistisch- 
analen Phase. Es macht den Eindruck, als hätte ihn die Verführung 
durch die Schwester in die passive Rolle gedrängt und ihm ein 
passives Sexualziel gegeben. Unter dem fortwirkenden Einfluß 
dieses Erlebnisses beschrieb er nun den Weg von der Schwester 
über die Nanja zum Vater, von der passiven Einstellung zum 
Weib bis zu der zum Manne und hatte dabei doch die 
Anknüpfung an seine frühere spontane Entwicklungsphase ge- 
funden. Der Vater war jetzt wieder sein Objekt, die Identi- 
fizierung war der höheren Entwicklung entsprechend durch 
Objektwahl abgelöst, die Verwandlung der aktiven in eine passive 
Einstellung war der Erfolg und das Zeichen der dazwischen vor- 
gefallenen Verführung. Eine aktive Einstellung gegen den über- 
mächtigen Vater in der sadistischen Phase wäre natürlich nicht 
so leicht durchführbar gewesen. Als der Vater im Spätsommer 
oder Herbst zurückkam, bekamen seine Wutnilfälle und Tobszenen 
eine neue Verwendung. Gegen die Nanja hatten sie aktiv- 
sadistischen Zwecken gedient; gegen den Vater verfolgten sie 
masochistische Absichten. Er wollte durch die Vorführung seiner 
Schlimmheit Züchtigung und Schläge von seiten des Vaters 
erzwingen, sich so bei ihm die erwünschte masochistische Sexual- 
befriedigung holen. Seine Schreianfälle waren also geradezu Ver- 
führungsversuche. Der Motivierung des Masochismus entsprechend 
hätte er bei solcher Züchtigung auch die Beiriedigung seines 
Schuldgefühls gefunden. Eine Erinnerung bat ihm aufbewahrt, 
wie er während einer solchen Szene von Schlimmheit sein 
Schreien verstärkt, sobald der Vater zu ihm kommt. Der Vater 
schlägt ihn alier nicht, sondern sucht ihn zu beschwichtigen, 
indem er mit den Polstern des Bettchens vor ihm Ball spielt. 
Ich weiß nicht, wie oft die filtern und Erzieher angesichts der 
unerklärlichen Schlimmheit des Kindes Anlaß hätten, sich dieses 
typischen Zusammenhanges zu erinnern. Das Kind, das sich so 
unbändig benimmt, legt ein Geständnis ab und will Strafe 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 465 

provozieren. Es sucht in der Züchtigung gleichzeitig die Be- 
schwichtigung seines Schuldbewußtseins und die Befriedigung 
seiner masochistischen Sexualstrebung. 

Die weitere Klärung unseres Krankheitsfalles verdanken wir 
nun der mit großer Bestimmtheit auftretenden Erinnerung, daß 
alle Angstsymptome erst von einem gewissen Vorfall an zu den 
Zeichen der Charakteränderung hinzugetreten seien. Vorher habe 
es keine Angst gegeben und unmittelbar nach dem Vorfall habe 
sich die Angst in quälender Form geäußert. Der Zeitpunkt dieser 
Wandlung läßt sich mit Sicherheit angeben, es war knapp vor 
dem vierten Geburtstag. Die Kinderzeit, mit der wir uns beschäf- 
tigen wollten, zerlegt sich dank diesem Anhaltspunkte in zwei 
Phasen, eine erste der Schlimmheit und Perversität von der Ver 
fülirung mit 5 x / 4 Jahren bis zum vierten Geburtstag, und eine 
längere darauffolgende, in der die Zeichen der Neurose vor- 
herrschen. Der Vorfall aber, der diese Scheidung gestattet, war 
kein äußeres Trauma, sondern ein Traum, aus dem er mit Angst 
erwachte. 



IV 
DER TRAUM UND DIE UR SZENE 

Ich habe diesen Traum wegen seines Gehaltes an Märchen- 
stoffen bereits an anderer Stelle publiziert 1 und werde zunächst 
das dort Mitgeteilte wiederholen: 

„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem Bett 
liege, (mein Bett stand mit dem Fußende gegen das Fenster, 
vor dem Fenster befand sich eine Reihe alter Nußbäume. Ich 
weiß, es war Winter, als ich träumte, und Nachtzeit). Plötzlich 
geht das Fenster von selbst auf, und ich sehe mit großem 
Schrecken, daß auf dem großen Nußbaum vor dem Fenster 
ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder sieben Stück. 
Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher aus wie Füchse 
oder Schäferhunde, denn sie hatten große Schwänze wie 
Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie bei den Hunden, 
wenn sie auf etwas passen. Unter großer Angst, offenbar, von 
den Wölfen aufgefressen zu werden, schrie ich auf und er- 
wachte. Meine Kinderfrau eilte zu meinen Bett, um nach- 
zusehen, was mit mir geschehen war. Es dauerte eine ganze 
Weile, bis ich überzeugt war, es sei nur ein Traum gewesen, 
so natürlich und deutlich war mir das Bild vorgekommen, wie 
das Fenster aufgeht und die Wölfe auf dem Baume sitzen. Endlich 
beruhigte ich mich, fühlte mich wie von einer Gefahr befreit 
und schlief wieder ein." 

1) Märchenstofle in Träumen. Int. Zeitschr. f. äritl. Psychoanalyse, Bd. I. 1915. 
[Bd. III. dieser Gesamtausgabe.] 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



4 6 5 



„Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des Fensters, 
denn die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jede Bewegung auf den 
Asten des Baumes, rechts und links vom Stamm und schauten 
mich an. Es sah so aus, als ob sie ihre ganze Aufmerksamkeit 
auf mich gerichtet hätten. — Ich glaube, dies war mein erster 
Angsttraum. Ich war damals drei, vier, höchstens fünf Jahre alt. 
Bis in mein elftes oder zwölftes Jahr hatte ich von da an immer 
Angst, etwas Schreckliches im Traume zu sehen." 




Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den 
Wölfen, die seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des Traumes 
fördert nachstehendes Material zu Tage. 

Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der Erinnerung 
gebracht, daß er in diesen Jahren der Kindheit eine ganz un- 
geheuerliche Angst vor dem Bild eines Wolfes in einem Märchen- 
buche zeigte. Die ältere, ihm recht überlegene Schwester pflegte 
ihn zu necken, indem sie ihm unter irgend einem Vorwand 



Freud, VIII. 



30 



4.66 Krankengeschichten 



gerade dieses Bild vorhielt, worauf er entsetzt zu schreien begann. Auf 
diesem Bild stand der Wolf aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend, 
die Tatzen ausgestreckt und die Ohren aufgestellt. Kr meint, dieses 
Bild habe als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen gehört. 

Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe 
denken, von denen große Herden in der Nähe des Gutes ge- 
halten wurden. Der Vater nahm ihn gelegentlich mit, diese 
Herden zu besuchen, und er war dann jedesmal sehr stolz und 
selig. Später - nach eingezogeneu Erkundigungen kann es leicht 
kurz vor der Zeit dieses Traumes gewesen sein, brach unter 

diesen Schafen eine Seuche aus. Der Vater ließ einen Pasteur- 
schüler kommen, der die Tiere impfte, aber sie starben nach 
der Impfung noch zahlreicher als vorher. 

Wie kommen die Wölfe auf den Baum? Dazu fällt ihm eine 
Geschichte ein. die er den Großvater erzählen gehört. Er kann 
sich nicht erinnern, ob vor oder nach dem Traum, aber ihr 
Inhalt spricht entschieden für das erstere. Die Geschichte lautet: 
Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei der Arbeit, da öffnet 
sich das Fenster und ein Wolf springt herein. Der Schneider 
schlägt mit der Elle nach ihm nein, verbessert er sich, packt 

ihn beim Schwanz und reißt ihm diesen aus, so daß der Wolf 
erschreckt davonrennt. Eine Weile später geht der Schneider in 
den Wald und sieht plötzlich ein Rudel Wölfe herankommen, 
vor denen er sich auf einen Baum flüchtet. Die Wölfe sind 
zunächst ratlos, aber der Verstümmelte, der unter ihnen ist und 
sich am Schneider rächen will, macht den Vorschlag, daß einer 
auf den anderen steigen soll, bis der letzte den Schneider 
erreicht hat. Er selbst es ist ein kräftiger Alter — will die 

Basis dieser Pyramide machen. Die Wölfe tun so, aber der 
Schneider hat den gezüchtigten Besucher erkannt und ruft 
plötzlich wie damals: Packt den Grauen beim Schwanz. Der 
schwanzlose Wolf erschrickt bei dieser Erinnerung, läuft davon 
und die andern purzeln alle herab. 



Jus der Geschichte einer infantilen Neurose 467 

. In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem im 
Traum die Wölfe sitzen. Sie enthält aber auch eine unzwei- 
deutige Anknüpfung an den Kastrationskomplex. Der alte Wolf 
ist vom Schneider um den Schwanz gebracht worden. Die 
Fuchsschwänze der Wölfe im Traum sind wohl Kompensationen 
dieser Schwanzlosigkeit. 

Warum sind es sechs oder sieben Wölfe? Diese Frage schien 
nicht zu beantworten, bis ich den Zweifel aufwarf, ob sich sein 
Angstbild auf das Rotkäppchenmärchen bezogen haben könne. 
Dies Märchen gibt nur Anlaß zu zwei Illustrationen, zur 
Begegnung des Rotkäppchens mit dem Wolf im Walde und zur 
Szene, wo der Wolf mit der Haube der Großmutter im Bette 
liegt. Es müsse sich also ein anderes Märchen hinter der 
Erinnerung an das Bild verbergen. Er fand dann bald, daß es 
nur die Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein sein 
könne. Hier findet sich die Siebenzahl, aber auch die Sechs, denn 
der Wolf frißt nur sechs Geißlein auf, das siebente versteckt 
sich im Uhrkasten. Auch das Weiß kommt in dieser Geschichte 
vor, denn der Wolf läßt sich beim Bäcker die Pfote weiß 
machen, nachdem ihn die Geißlein bei seinem ersten Besuch an 
der grauen Pfote erkannt haben. Beide Märchen haben übrigens 
viel Gemeinsames. In beiden findet sich das Auffressen, das 
Bauchaufschneiden, die Herausbeförderuug der gefressenen Per- 
sonen, deren Ersatz durch schwere Steine, und endlich kommt 
in beiden der böse Wolf um. Im Märchen von den Geißlein 
kommt auch noch der Baum vor. Der Wolf legt sich nach der 
Mahlzeit unter einen Baum und schnarcht. 

Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen 
Umstandes noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und ihn 
dann eingehender deuten und würdigen. Es ist ja ein erster aus 
der Kindheit erinnerter Angsttraum, dessen Inhalt im Zusammen- 
hang mit anderen Träumen, die bald nachher erfolgten, und 
mit gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit des Träumers ein 

so* 



L 



468 Krankengeschichten 



Interesse von ganz besonderer Art wachruft. Hier beschränken 
wir uns auf die Beziehung des Traumes zu zwei Märchen, die 
viel Gemeinsames haben, zum „Rotkäppchen" und zum „Wolf 
und die sieben Geißlein". Der Eindruck dieser Märchen äußerte 
sich bei dem kindlichen Träumer in einer richtigen Tierphobie, 
die sich von anderen ähnlichen Fällen nur dadurch auszeichnete, 
daß das Angsttier nicht ein der Wahrnehmung leicht zugäng- 
liches Objekt war (wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus 
Erzählung und Bilderbuch gekannt. 

Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklärung 
diese Tierphobien haben und welche Bedeutung ihnen zukommt. 
Vorgreifend bemerke ich nur, daß diese Erklärung sehr /.u dem 
Hauptcharakter stimmt, welchen die Neurose des Träumers in 
späteren Lebenszeiten erkennen ließ. Die Angst vor dem Vater 
war das stärkste Motiv seiner Erkrankung gewesen, und die 
ambivalente Einstellung zu jedem Vaterersatz beherrschte sein 
Leben wie sein Verhalten in der Behandlung. 

Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vater- 
ersatz war, so fragt es sich, ob die Märchen vom Wolf, der 
die Geißlein auffrißt, und vom Rotkäppchen etwas anderes als 
die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen Inhalt haben." 
Der Vater meines Patienten hatte übrigens die Eigentümlichkeit 
des „zärtlichen Schimpfens", die so viele Personen im 
Umgang mit ihren Kindern zeigen, und die scherzhafte Drohung 
„ich fress' dich auf" mag in den ersten Jahren, als der später 
strenge Vater mit dem Söhnlein zu spielen und zu kosen pflegte, 
mehr als einmal geäußert worden sein. Eine meiner Patienten 
erzählte mir, daß ihre beiden Kinder den Großvater nie lieb ge- 
winnen konnten, weil er sie in seinem zärtlichen Spiel zu 
schrecken pflegte, er werde ihnen den Bauch aufschneiden. 



1) Vgl. die von O. Hank hervorgehobene Ähnlichkeit dieser beiden Märchen mit 
dem Mythus von Kronos (Völkerpsychologische Parallelen in den infantilen Sexunl- 
theorien. Zentralblatl f. Psychoanalyse, II, 8.) 



c 



Aus der Geschic hte einer infantilen Neurose 469 

Lassen wir nun all das beiseite, was in diesem Aufsatze der 
Verwertung des Traumes vorgreift, und kehren wir zu seiner 
nächsten Deutung zurück. Ich will bemerken, daß diese Deutung 
eine Aufgabe war, deren Lösung sich durch mehrere Jahre hin- 
zog. Der Patient hatte den Traum sehr frühzeitig mitgeteilt und 
sehr bald meine Überzeugung angenommen, daß hinter ihm die 
Verursachung seiner infantilen Neurose verborgen sei. Wir kamen 
im Laufe der Behandlung oft auf den Traum zurück, aber erst 
in den letzten Monaten der Kur gelang es, ihn ganz zu ver- 
stehen, und zwar dank der spontanen Arbeit des Patienten. Er 
hatte immer hervorgehoben, daß zwei Momente des Traumes 
den größten Eindruck auf ihn gemacht hätten, erstens die 
völlige Ruhe und Unbeweglichkeit der Wölfe und zweitens die 
gespannte Aufmerksamkeit, mit der sie alle auf ihn schauten. 
Auch das nachhaltige Wirklichkeitsgefühl, in das der Traum 
auslief, erschien ihm beachtenswert. 

An dies letztere wollen wir anknüpfen. Wir wissen aus den 
Erfahrungen der Traumdeutung, daß diesem Wirklichkeitsgefühl 
eine bestimmte Bedeutung zukommt. Es versichert uns, daß 
etwas in dem latenten Material des Traumes den Anspruch auf 
Wirklichkeit in der Erinnerung erhebt, also daß der Traum sich 
auf eine Begebenheit bezieht, die wirklich vorgefallen und nicht 
bloß phantasiert worden ist. Natürlich kann es sich nur um die 
Wirklichkeit von etwas Unbekanntem handeln; die Überzeugung 
z. B., daß der Großvater wirklich die Gegchichte vom Schneider 
und vom Wolf erzählt, oder daß ihm wirklich die Märchen vom 
Rotkäppchen und von den sieben Geißlein vorgelesen worden 
waren, könnte sich niemals durch das den Traum überdauernde 
Wirklichkeitsgefühl ersetzen. Der Traum schien auf eine Begeben- 
heit hinzudeuten, deren Realität so recht im Gegensatz zur 
Irrealität der Märchen betont wird. 

Wenn eine solche unbekannte, d. h. zur Zeit des Traumes bereits 
vergessene Szene hinter dem Inhalt des Traumes anzunehmen 









-t- 



470 Krankengeschichten 



war, so mußte sie sehr früh vorgefallen sein. Der Träumer sagt ja: 
ich war, als ich den Traum hatte, drei, vier, höchstens fünf Jahre 
alt. Wir können hinzufügen: und wurde durch den Traum an etwas 
erinnert, was einer noch früheren Zeit angehört haben mußte. 

Zum Inhalt dieser Szene mußte führen, was der Träumer aus 
dem manifesten Trauminhalt hervorhob, die Momente des auf^ 
merksamen Schauens und der Bewegungslosigkeit. Wir erwarten 
natürlich, daß dies Material das unbekannte Material der Szene 
in irgend einer Entstellung wiederbringt, vielleicht sogar in der 
Entstellung zur Gegensätzlichkeit. 

Aus dem Rohstoff, welchen die erste Analyse mit dein Patienten 
ergeben hatte, waren gleichfalls mehrere Schlüsse zu ziehen, die 
in den gesuchten Zusammenhang einzufügen waren. Hinter der 
Erwähnung der Schafzucht waren die Belege für seine Sexual- 
forschung zu suchen, deren Interessen er bei seinen Besuchen 
mit dem Vater befriedigen konnte, aber auch Andeutungen von 
Todesangst mußten dabei sein, denn die Schafe waren ja /.um 
größten Teil an der Seuche gestorben. Was im Traum das Vor- 
dringlichste war, die Wölfe auf dem Baume, führte direkt zur 
Erzählung des Großvaters, an welcher kaum etwas anderes als 
die Anknüpfung an das Kastrationsthema «las fesselnde und den 
Traum Anregende gewesen sein konnte. 

Wir hatten aus der ersten unvollständigen Analyse des Traumes 
ferner erschlossen, daß der Wolf ein Vaterersatz sei, so daß dieser 
erste Angstirauni jene Angst vor dem Vater zum Vorschein 
gebracht hätte, welche von nun an sein Leben beherrschen solltet 
Dieser Schluß selbst war allerdings noch nicht verbindlich. Wenn 
wir aber als Ergebnis der vorläufigen Analyse zusammenstellen, 
was sich aus dem vom Träumer gelieferten Material ableitet, so 
liegen uns etwa folgende Bruchstücke zur Rekonstruktion vor: 

Eine wirkliche Begebenheit — aus sehr früher Zeit — 
Schauen — Unbe wegtheit — Sexualprobleme - - Kastrat lou 
■ — der Vater — etwas Schreckliches. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 471 

Eines Tages begann der Patient die Deutung des Traumes 
fortzusetzen. Die Stelle des Traumes, meinte er, in der es heißt: 
Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, ist durch die Beziehung 
zum Fenster, an dem der Schneider sitzt, und durch das der 
Wolf ins Zimmer kommt, nicht ganz aufgeklärt. Es muß die 
Bedeutung haben: die Augen gehen plötzlich auf. Also ich schlafe 
und erwache plötzlich, dabei sehe ich etwas: den Baum mit den 
Wölfen. Dagegen war nichts einzuwenden, aber es ließ weitere 
Ausnutzung- zu. Er war erwacht und hatte etwas zu sehen be- 
kommen. Das aufmerksame Schauen, das im Traum den Wölfen 
7.ugeschrieben wird, ist vielmehr auf ihn zu schieben. Da hatte 
an einem entscheidenden Punkte eine Verkehrung stattgefunden, 
die sich übrigens durch eine andere Verkehrung im manifesten 
Trauminhalt anzeigt. Es war ja auch eine Verkehrung, wenn die 
WÖlfe auf dem Baum saßen, während sie sich in der Erzählung 
des Großvaters unten befanden und nicht auf den Baum steigen 

konnten. 

Wenn nun auch das andere vom Träumer betonte Moment 
durch eine Verkehrung oder Umkehrung entstellt wäre? Dann 
müßte es anstatt Bewegungslosigkeit (die Wölfe sitzen regungslos 
da, schauen auf ihn, aber rühren sich nicht) heißen: heftigste 
Bewegung. Er ist also plötzlich erwacht und hat eine Szene von 
heftiger Bewegtheit vor sich gesehen, auf die er mit gespannter 
Aufmerksamkeit schaute. In dem einen Falle bestünde die Ent- 
stellung in einer Vertauschung von Subjekt und Objekt, Aktivität 
und Passivität, angeschaut werden anstatt anschauen, im anderen 
Falle in einer Verwandlung ins Gegenteil: Ruhe anstatt Be- 
wegtheit. 

Einen weiteren Fortschritt im Verständnis des Traumes brachte 
ein andermal der plötzlich auftauchende Einfall: Der Baum ist 
der Weihnachtsbaum. Jetzt wußte er, der Traum war kurz vor 
Weihnachten in der Weihnachtserwartung geträumt worden. Da 
der Weihnachtstag auch sein Geburtstag war, ließ sich der Zeit- 



47 2 Krankengeschichten 



punkt des Traumes und der von ihm ausgehenden Wandlung 
nun mit Sicherheit feststellen. Es war knapp vor seinem vierten 
Geburtstag. Er war also eingeschlafen in der gespannten Er- 
wartung dos Tages, der ihm eine doppelte Beschenkung bringen 
sollte. Wir wissen, daß das Kind unter solchen Verhältnissen 
leicht die Erfüllung seiner Wünsche im Traum antizipiert. Es 
war also schon Weihnacht im Traume der Inhalt des Traumes 
zeigte ihm seine Bescherung, am Baume hingen die für ihn be- 
stimmten Geschenke. Aber anstatt der Geschenke waren es — 
Wölfe geworden, und der Traum endigte damit, daß er Angst 
bekam, vom Wolf (wahrscheinlich vom Vater) gefressen zu 
werden, und seine Zuflucht zur Kinderfrau nahm. Die Kenntnis 
seiner Sexualentwicklung vor dem Traum macht es uns möglich, 
die Lücke im Traume auszufüllen und die Verwandlung der 
Befriedigung in Angst aufzuklären. Unter den traumbildenden 
Wünschen muß sich, als der stärkste, der nach der sexuellen 
Befriedigung geregt haben, die er damals vom Vater ersehnte. 
Der Stärke dieses Wunsches gelang es, die längst vergessene 
Erinnerungsspur einer Szene aufzufrischen, die ihm zeigen konnte, 
wie die Sexualbefriedigung durch den Vater aussah, und das 
Ergebnis war Schreck. Entsetzen vor der Erfüllung dieses 
Wunsches, Verdrängung der Regung, die sich durch diesen 
Wunsch dargestellt hatte, und darum Flucht vom Vater weg zur 
ungefährlicheren Kinderfrau. 

Die Bedeutung dieses Weihnachtstermins war in der angeb- 
lichen Erinnerung erhalten geblieben, daß er den ersten Wut- 
anfall bekommen, weil er von den Weihnachtsgeschenken un- 
befriedigt gewesen war. Die Erinnerung zog Richtiges und 
Falsches zusammen, sie konnte nicht ohne Abänderung Recht 
haben, denn nach den oft wiederholten Aussagen der Eltern 
war seine Schlimmheit, bereits nach deren Rückkehr im Herbst 
und nicht erst zu Weihnachten aufgefallen, aber das Wesent- 
liche der Beziehungen zwischen mangelnder Liebesbefriedigung, 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 475 

Wut und Weihnachtszeit war in der Erinnerung festgehalten 
worden. 

Welches Bild konnte aber die nächtlicherweise wirkende, 
sexuelle Sehnsucht heraufbeschworen haben, das imstande war, 
so intensiv von der gewünschten Erfüllung abzuschrecken? Dieses 
Bild mußte nach dem Material der Analyse eine Bedingung 
erfüllen, es mußte geeignet sein, die Überzeugung von der 
Existenz der Kastration zu begründen. Die Kastration sangst 
wurde dann der Motor der Affektverwandlung. 

Hier kommt nun die Stelle, an der ich die Anlehnung an 
den Verlauf der Analyse verlassen muß. Ich fürchte, es wird 
auch die Stelle sein, an der der Glaube der Leser mich ver- 
lassen wird. — y- 

Was in jener Nacht aus dem Chaos der unbewußten Ein- 
drucksspuren aktiviert wurde, war das Bild eines Koitus zwischen 
den Eltern unter nicht ganz gewöhnlichen und für die Beob- 
achtung besonders günstigen Umständen. Es gelang allmählich, 
für alle Fragen, die sich an diese Szene knüpfen konnten, be- 
friedigende Antworten zu erhalten, indem jener erste Traum im 
Verlauf der Kur in ungezählten Abänderungen und Neuauflagen 
wiederkehrte, zu denen die Analyse die gewünschten Auf- 
klärungen lieferte. So stellte sich zunächst das Alter des Kindes 
bei der Beobachtung heraus, etwa 1V2 Jahre. 1 Er litt damals an 
einer Malaria, deren Anfall täglich zu bestimmter Stunde wieder- 
kehrte. 2 Von seinem zehnten Jahr an war er zeitweise Stim- 
mungen von Depression unterworfen, die am Nachmittag ein- 
setzten und um die fünfte Stunde ihre Höhe erreichten. Dieses 
Symptom bestand noch zur Zeit der analytischen Behandlung. 
Die wiederkehrende Depression ersetzte den damaligen Fieber- 



1) Daneben käme mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit, eigentlich kaum halt- 
bar, das Alter von »/ a Jahr in Betracht. 

2) Vgl. die späteren Umbildungen dieses Moments in der Zwangsneurose. In den 
Träumen während der Kur Ersetzung durch einen heftigen Wind (aria — Luft). 



474 Krankengeschichten 



oder Mattigkeitsanfall; die fünfte Stunde war entweder die Zeit 
der Fieberhöhe oder die der Koitusbeobachtung, wenn nicht 
beide Zeiten zusammenfallen. 1 Er befand sich wahrscheinlich 
gerade dieses Krankseins wegen im Zimmer der Eltern. Diese 
auch durch direkte Tradition erhärtete Erkrankung legt uns 
nahe, den Vorfall in den Sommer zu verlegen und damit für 
den am Weihnachtstag Geborenen ein Alter von n -•- iVa Jalire 
anzunehmen. Er hatte also im Zimmer der Eltern in seinem 
ßettchen geschlafen und erwachte, etwa infolge des steigenden 
Fiebers, am Nachmittag, vielleicht, um die Später durch De- 
pression ausgezeichnete fünfte Stunde. Es stimmt zur Annahme 
eines heißen Sommertages, wenn sich die Eltern halb entkleidet 3 
zu einem Nachmittagsschläfchen zurückgezogen halten. Als er 
erwachte, wurde er Zeuge eines dreimal wiederholten 5 coitus a 
terffo, konnte das Genitale der Mutter wie das Glied des Vaters 
sehen und verstand den Vorgang wie dessen Bedeutung. 4 Endlich 
störte er den Verkehr der Eltern auf eine Weise, von der später- 
hin die Rede sein wird. 

Im Grunde ist es nichts Außerordentliches, macht nicht den 
Eindruck des Produkts einer ausschweifenden Phantasie, daß ein 
junges, erst wenige Jahre verheiratetes Ehepaar an einen Nach- 
mittagsschlaf zu heißer Sommerszeit einen zärtlichen Verkehr an- 
schließt und sich dabei über die Gegenwart des i */■ Jahre alten, 
in seinem Bettchen schlafenden Knäbleins hinaussetzt. Ich meine 



1) Man bringe damit zusammen, daß der Patient zu seinem Traum nur fünf 
Wölfe gezeichnet hat, obwohl der Text des Traumes von 6 oder 7 spricht. 

2) In weißer Wäsche, die weißen Wölfe. 

3) Woher dreimal? Er stellte plötzl'"> einmal die Behauptung auf, daß ich 
dieses Detail durch Deutung erui.rt hätte. Das traf nicht zu. Es war ein spontaner, 
weiterer Kritik entzogener Eir-i.ill, den er nach seiner Gewohnheit mir zuschob uziu 
ihn durch diese Projektion vertrauenswürdig machte. 

4) Ich meine, er verstand ihn zur Zeit des Traumes mit 4 Jahren, nicht zur Zeit 
der Beobachtung. Mit 1 i/ a Jahren holte er sich die Eindrücke, deren nachträgliches 
Verständnis ihm zur Zeit des Traumes durch seine Entwicklung, seine sexuelle Er- 
regung und seine Sexualfo.'schung ermöglicht wurde. 



Aus der Gescliiclitc einer infantilen Neurose 475 



vielmehr, es wäre etwas durchaus Banales, Alltägliches, und auch 
die erschlossene Stellung heim Koitus kann an diesem Urteil 
nichts ändern. Besonders da aus dem Beweismaterial nicht her- 
vorgeht, daß der Koitus jedesmal in der Stellung von rückwärts 
vollzogen wurde. Ein einziges Mal hätte ja hingereicht, um dem 
Zuschauer die Gelegenheit zu Beobachtungen zu gehen, die durch 
eine andere Lage der Liebenden erschwert oder ausgeschlossen 
wären. Der Inhalt dieser Szene selbst kann also kein Argument 
gegen ihre Glaubwürdigkeit sein. Das Bedenken der Unwahr- 
scheinlichkeit wird sich gegen drei andere Punkte richten: da- 
gegen, daß ein Kind in dem zarten Alter von iV. Jahren im- 
stande sein sollte, die Wahrnehmungen eines so komplizierten 
Vorganges aufzunehmen und sie so getreu in seinem Unbewußten 
zu bewahren, zweitens dagegen, daß eine nachträgliche zum Ver- 
ständnis vordringende Bearbeitung der so empfangenen Eindrücke 
zu 4 Jahren möglich ist, und endlich, daß es durch irgend ein 
Verfahren gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen Szene, 
unter solchen Umständen erlebt und verstanden, in zusammen- 
hängender und überzeugender Weise bewußt zu machen. 1 

Ich werde diese und andere Bedenken später sorgfältig prüfen, 
versichere dem Leser, daß ich nicht weniger kritisch als er gegen 
die Annahme einer solchen Beobachtung des Kindes eingestellt 
bin, und bitte ihn, sich mit mir zum vorläufigen Glauben an 
die Realität dieser Szene zu entschließen. Zunächst wollen wir 
das Studium der Beziehungen dieser „Urszene" zum Traum, zu 
den Symptomen und zur Lebensgeschichte des Patienten fort- 

1) Man kann sich die erste dieser Schwierigkeiten nicht durch die Annahme 
erleichtern, das Kind sei zur Zeit der Beobachtung doch wahrscheinlich um ein Jalir 
alter gewesen, also 2 1/2 Jahre alt, zu welcher Zeit es eventuell vollkommen sprach- 
fähig sein mag. Für meinen Patienten war eine solche Zeitverschiebung durch alle 
Nebenumstände seines Falles fast ausgeschlossen. Übrigens wolle man in Betracht 
ziehen, das solche Szenen von Beobachtung des elterlichen Koitus in der Analyse keines- 
wegs selten aufgedeckt werden. Ihre Bedingung ist aber gerade, daß sie in die 
früheste Kinderzeit fallen. Je älter das Kind ist, desto sorgfältiger werden auf einem 
gewissen sozialen Niveau die Eltern dem Kinde die Gelegenheit zu solcher Beob- 
achtung versagen. 






47 6 Krankengeschichten 



setzen. Wir werden gesondert verfolgen, welche Wirkungen vom 
wesentlichen Inhalt der Szene und von einem ihrer visuellen 
Eindrücke ausgegangen sind. 

Unter letzterem meine ich die Stellungen, welche er die Eltern 
einnehmen sah, die aufrechte des Mannes und die tierähnlich 
gebückte der Frau. Wir haben schon gehört, daß ihn in der 
Angstzeit die Schwester mit dem Bild im Märchenbuch zu 
schrecken pflegte, auf dem der Wolf aufrecht dargestellt war, 
einen Fuß vorgesetzt, die Tatzen ausgestreckt und die Ohren 
aufgestellt. Er ließ sich während der Kur die Mühe nicht ver- 
drießen, in Antiquarläden nachzuspüren, bis er das Märchenbilder- 
buch seiner Kindheit wiedergefunden hatte, und erkannte sein 
Schreckbild in einer Illustration zur Geschichte vom „Wolf und 
den sieben Geißlein". Er meinte, die Stellung des Wolfes auf 
diesem Bild hätte ihn an die des Vaters während der kon- 
struierten Urszene erinnern können. Dieses Bild wurde jedenfalls 
zum Ausgangspunkt weiterer Angstwirkungen. Als er in seinem 
siebenten oder achten Jahr einmal die Ankündigung erhielt, 
morgen werde ein neuer Lehrer zu ihm kommen, träumte er 
in der nächstfolgenden Nacht von diesem Lehrer als Löwen, der 
sich laut brüllend in der Stellung des Wolfes auf jenem Bilde 
seinem Bette näherte, und erwachte wiederum mit Angst. Die 
Wolfsphobie war damals bereits überwunden, er hatte darum die 
Freiheit, sich ein neues Angsttier zu wählen, und anerkannte in 
diesem späten Traum den Lehrer als Vaterersatz. Jeder seiner 
Lehrer spielte in seinen späteren Kinderjahren die gleiche Vater- 
rolle und wurde mit dem Vatereinfluß zum Guten wie zum 
Bösen ausgestattet. 

Das Schicksal schenkte ihm einen sonderbaren Anlaß, seine 
Wolfsphobie in der Gymnasialzeit aufzufrischen und die Relation, 
die ihr zu Grunde lag, zum Ausgang schwerer Hemmungen zu 
machen. Der Lehrer, der den lateinischen Unterricht seiner Klasse 
leitete, hieß Wolf. Er war von Anfang an vor ihm eingeschüchtert, 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 477 

zog sich einmal eine schwere Beschimpfung von ihm zu, weil 
er in einer lateinischen Übersetzung einen dummen Fehler be- 
gangen hatte, und wurde von da an eine lähmende Angst vor 
diesem Lehrer nicht mehr los, die sich bald auf andere Lehrer 
übertrug. Aber die Gelegenheit, bei der er in der Übersetzung 
strauchelte war auch nicht beziehungslos. Er hatte das lateinische 
Wort filius zu übersetzen und tat es mit dem französischen 
füs anstatt mit dem entsprechenden Wort der Muttersprache. 
Der Wolf war eben noch immer der Vater. 1 

Das erste der „passageren Symptome", 2 welches der Patient 
in der Behandlung produzierte, ging noch auf die Wolfsphobie 
und auf das Märchen von den sieben Geißlein zurück. In dem 
Zimmer, wo die ersten Sitzungen abgehalten wurden, befand sich 
eine große Wandkastenuhr gegenüber vom Patienten, der abge- 
wandt von mir auf einem Divan lag. Es fiel mir auf, daß er 
von Zeit zu Zeit das Gesicht zu mir kehrte, mich sehr freund- 
lich, wie begütigend ansah und dann den Blick von mir zur 
Uhr wendete. Ich meinte damals, er gebe so ein Zeichen seiner 
Sehnsucht nach Beendigung der Stunde. Lange Zeit später er- 
innnerte mich der Patient an dieses Gebärdenspiel und gab mir 
dessen Erklärung, indem er daran erinnerte, daß das jüngste der 
sieben Geißlein ein Versteck im Kasten der Wanduhr fände, 
während die sechs Geschwister vom Wolf gefressen würden. Er 
wollte also damals sagen: Sei gut mit mir. Muß ich mich vor 



1) Nach dieser Beschimpfung: durch den Lehrer-Wolf, erfuhr er als die allgemeine 
Meinung der Kollegen, daß der Lehrer zur Beschwichtigung — Geld von ihm er- 
warte. Darauf werden wir später zurückkommen. — Ich kann mir vorstellen, welche 
Erleichterung es für eine rationalistische Betrachtung einer solchen Kindergeschichte 
bedeuten würde, wenn sich annehmen ließe, die ganze Angst vor dem Wolf sei in 
Wirklichkeit von dem Lateinlehrer gleichen Namens ausgegangen, in die Kindheit 
zurückprojiziert worden und hätte in Anlehnung an die Märchenillustration die 
Phantasie der Urszene verursacht. Allein das ist unhaltbar; die zeitliche Priorität der 
Wolfsphobie und deren Verlegung in die Kindheitsjahre auf dem ersten Gut ist all- 
zusicher bezeugt. Und der Traum mit 4 Jahren? 

2^ Ferenczi, Über passagere Symtombildungen während der Analyse. Zentralbl. 
f. Psychoanalyse, II. 1912 S. 588 ff. 



478 KrankengescMchten 



dir fürchten? Wirst du mich auffressen? Soll ich mich wie das 
jüngste Geißlein im Wandkastei] vor dir verstecken? 

Der Wolf, vor dem er sich fürchtete, war unzweifelhaft der 
Vater, aber die Wolfsangst war an die Bedingung der aufrechten 
Stellung gebunden. Seine Erinnerung behauptete mit großer Be- 
stimmheit, daß Bilder vom Wolf, der auf allen Vieren gehe oder 
wie im Rotkäppchenmärchen im Bett liege, ihn nicht geschreckt 
hätten. Nicht mindere Bedeutung zog die Stellung auf sich, die 
er nach unserer Konstruktion der Urszene das Weib hatte ein- 
nehmen sehen; diese Bedeutung blieb aber auf das sexuelle Ge- 
biet beschränkt. Die auffälligste Erscheinung seines Liebeslebens 
nach der Reife waren Anfälle von zwanghafter sinnlicher Ver- 
liebtheit, die in rätselhafter Folge auftraten und wieder ver- 
schwanden, eine riesige Energie bei ihm auch in Zeiten sonstiger 
Hemmung entfesselten und seiner Beherrschung ganz entzogen 
waren. Ich muß die volle Würdigung dieser Zwangslieben wegen 
eines besonders wertvollen Zusammenhanges noch aufschieben, 
aber ich kann hier anführen, daß sie an eine bestimmte, seinem 
Bewußtsein verborgene Bedingung geknüpft waren, die sich erst 
in der Kur erkennen ließ. Das Weib mußte die Stellung ein- 
genommen haben, die wir der Mutter in der Urszene zuschreiben. 
Große, auffällige Hinterbacken empfand er von der Pubertät an 
als den stärksten Reiz des Weibes; ein anderer Koitus als der 
von rückwärts bereitete ihm kaum Genuß. Die kritische Er- 
wägung ist zwar berechtigt, hier einzuwenden, daß solche sexuelle 
Bevorzugung der hinteren Körperpartien ein allgemeiner Charakter 
der zur Zwangsneurose neigenden Personen sei und nicht zur 
Ableitung von einem besonderen Eindruck der Kin derzeit be- 
rechtige. Sie gehöre in das Gefüge der anal-erotischen Veran- 
lagung und zu jenen archaischen Zügen, welche diese Konstitution 
auszeichnen. Man darf die Begattung von rückwärts — more 
ferarum — doch wohl als die phylogenetisch ältere Form auf- 
fassen. Wir werden auch auf diesen Punkt in späterer Diskussion 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 4 "9 

zurückkommen, wenn wir das Material für seine unbewußte 
Liebesbedingung- nachgetragen haben. 

Setzen wir nun in der Erörterung der Beziehungen zwischen 
Traum und Urszene fort. Nach unseren bisherigen Erwartungen 
sollte der Traum dem Kind, das sich auf die Erfüllung seiner 
Wünsche zu Weihnachten freut, dies Bild der Sexualbefriedigung 
durch den Vater vorführen, wie er es in jener Urszene gesehen 
hatte, als Vorbild der eigenen Befriedigung, die er vom Vater 
ersehnt. Anstatt dieses Bildes tritt aber das Material der Geschichte 
auf, die der Großvater kurz vorher erzählt hatte: Der Baum, die 
Wölfe, die Schwanzlosigkeit in der Form der Überkompensation 
in den buschigen Schwänzen der angeblichen Wölfe. Hier fehlt 
uns ein Zusammenhang, eine Assoziationsbrücke, die von dem 
Inhalt der Urgeschichte zu dem der Wolfgeschichte hinüberleitet. 
Diese Verbindung wird wiederum durch die Stellung und nur 
durch diese gegeben. Der schwanzlose Wolf fordert in der Er- 
zählung des Großvaters die andern auf, auf ihn zu steigen. 
Durch dieses Detail wurde die Erinnerung an das Bild der Ur- 
szene geweckt, auf diesem Weg konnte das Material der Urszene 
durch das der Wolfsgeschichte vertreten werden, dabei gleich- 
zeitig die Zweizahl der Eltern in erwünschter Weise durch die 
Mehrzahl der Wölfe ersetzt. Eine nächste Wandlung erfuhr der 
Trauminhalt, indem das Material der Wolfsgeschichte sich dem 
Inhalt des Märchens von den sieben Geißlein anpaßte, die Sieben- 
zahl von ihm entlehnte. 1 

Die Material Wandlung: Urszene — Wolfsgeschichte — Märchen 
von den sieben Geißlein — ist die Spiegelung des Gedanken- 
fortschritts während der Traumbildung: Sehnsucht nach sexueller 
Befriedigung durch den Vater — Einsicht in die daran geknüpfte 
Bedingung der Kastration — Angst vor dem Vater. Ich meine, 

1) 6 oder 7 heißt es im Traum, ü ist die Anzahl der gefressenen Kinder, das 
siebente rettet sich in den Uhrkasten. Es bleibt strenges Gesetz der Traumdeutung, 
daß jede Einzelheit ihre Aufklärung finde. 



4^o Krankengeschichten 



der Angsttraum des vierjährigen Knaben ist erst jetzt restlos auf- 
geklärt. 1 

Über die pathogene Wirkung der Urszene und die Veränderung, 
welche deren Erweckung in seiner Sexualentwicklung hervorruft, 
kann ich mich nach allem, was bisher schon berührt, wurde, 
kurz fassen. Wir werden nur diejenige Wirkung verfolgen, welcher 
der Traum Ausdruck gibt. Später werden wir uns klar machen 
müssen, das nicht etwa eine einzige Sexualströmung von der 

i) Nachdem uns die Synthese dieses Traumes gelungen ist, will ich versuchen, 
die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den latenten Traumgedanken 
übersichtlich darzustellen. 

Es ist Nacht, ich liege in meinem Bette. Das letztere ist der Beginn der Reproduktion 
der Urszene. „Es ist Nacht" ist Entstellung für: ich hatte geschlafen. Die Bemerkung: 
Ich weiß, es war Winter, als ich träumte, und Nachtzeit, bezieht sich auf die Er- 
innerung an den Traum, gehört nicht zu seinem Inhalt. Sie ist richtig, es war eine 
der Nächte vor dem Geburtstag resp. Weihnachtstag. 

Plötzlich geht das Fenster von selbst auf. Zu übersetzen : Plötzlich erwache ich von 
selbst, Erinnerung der Urszene. Der Einfluß der Wolfsgeschichte, in der der Wolf 
durchs Fenster hereinspringt, macht sich modifizierend geltend und verwandelt den 
direkten in einen bildlichen Ausdruck. Gleichzeitig dient die Einführung des Fensters 
dazu, um den folgenden Trauminhalt in der Gegenwart unterzubringen. Am Weih- 
nachtsabend geht die Türe plötzlich auf, und man sieht den Baum mit den Geschenken 
vor sich. Hier macht sich also der Einfluß der aktuellen Weihnachtserwartung 
geltend, welche die sexuelle Befriedigung miteinschließt. 

Der große Nußbaum. Vertreter des Christbaumes, also aktuell: überdies der Baum 
aus der Wolfsgeschichte, auf den sich der verfolgte Schneider flüchtet, unter dem 
die Wölfe lauern. Der hohe Baum ist. auch, wie ich mich oft überzeugen konnte, 
ein Symbol der Beobachtung, des Voyeurlums. Wenn man auf dem Baume sitzt, 
kann man alles sehen, was unten vorgeht, und wird seihst nicht gesehen. Vgl. die 
bekannte Geschichte des Boccaccio und ähnliche Schnurren. 

Die Wölfe. Ihre Zahl: sechs oder sieben. In der Wolfsgeschichte ist es ein Rudel ohne 
angegebene Zahl. Die Zahlbcstimmung zeigt den Einfluß des Märchens von den 
sieben Geißlein, von denen sechs gefressen werden. Die Ersetzung der Zweizahl in 
der Urszene durch eine Mehrzahl, welche in der Urszene absurd wäre, ist dem 
Widerstand als Entstellungsmittel willkommen. In der zum Traum gefertigten Zeichnimg 
hat der Träumer die 5 zum Ausdruck gebracht, die wahrscheinlich die Angabe: es 
war Nacht, korrigiert. 

Sie sitzen auf dem Baum. Sie ersetzen zunächst die am Baum hängenden Weihnachts- 
geschenke. Sie sind aber auch auf den Baum versetzt, weil das heißen kann, sie 
schauen. In der Geschichte des Großvaters lagern sie unten um den Baum. Ihr Ver- 
hältnis zum Baum ist also im Traum umgekehrt worden, woraus zu schließen ist, 
daß im Trauminhalt noch andere Umkehrungen des latenten Materials vorkommen. 

Sie schauen ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an. Dieser Zug ist ganz aus der Urszene, 
anf Kosten einer totalen Verkehrung in den Traum gekommen. 

Sie sind ganz weiß. Dieser an sich unwesentliche, in der Erzählung des Träumers 
stark betonte Zug verdankt seine Intensität einer ausgiebigen Verschmelzung von 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 481 

Urszene ausgegangen ist, sondern eine ganze Reihe von solchen, 
geradezu eine Aufsplitterung der Libido. Ferner werden wir uns 
vorhalten, daß die Aktivierung dieser Szene (ich vermeide ab- 
sichtlich das Wort: Erinnerung) dieselbe Wirkung hat, als ob sie 
ein rezentes Erlebnis wäre. Die Szene wirkt nachträglich und 
hat unterdes, in dem Intervall zwischen iV a und 4 Jahren, nichts 
von ihrer Frische eingebüßt. Vielleicht finden wir im weiteren 



Elementen aus allen Schichten des Materials, und vereinigt dann nebensächliche 
Details der anderen Traumquellen mit. einem bedeutsameren Stück der Urszene. 
Diese letztere Determinierung entstammt wohl der Weiße der Bett- und Leibwäsche 
der Eltern, dazu das Weiß der Schafherden, der Schäferhunde als Anspielung auf 
seine Sexualforschungen an Tieren, das Weiß in den Märchen von den sieben 
Geißlein, in dem die Mutter an der Weiße ihrer Hand erkannt wird. Wir werden 
später die weiße Wäsche auch als Todesandeutung verstehen. 

Sic sitzen regungslos da. Hiemit wird dem auffälligsten Inhalt der beobachteten 
Szene widersprochen; der Bewegtheit, welche durch die Stellung, zu der sie führt 
die Verbindung zwischen Urszene und Wolfsgeschichte herstellt. 

Sie haben Schwänze wie Füchse. Dies soll einem Ergebnis widersprechen, welches 
aus der Einwirkung der Urszene auf die Wolfsgeschichte gewonnen wurde und als 
der wichtigste Schluß der Sexualforschung anzuerkennen ist : Es gibt also wirklich 
eine Kastration. Der Schreck, mit dem dies Denkergebnis aufgenommen wird 
bricht sich endlich im Traume Bahn und erzeugt dessen Schluß. 

DU Angst, von den Wölfen aufgefressen zu werden. Sie erschien dem Träumer als nicht 
durch den Trauminhalt motiviert. Er sagte, ich hätte mich nicht fürchten müssen 
denn die Wölfe sahen eher aus wie Füchse oder Hunde, sie fuhren auch nicht auf 
mich los, wie um mich zu beißen, sondern waren sehr ruhig und gar nicht schrecklich. 
Wir erkennen, daß die Traumarbeit sich eine Weile bemüht hat, die peinlichen 
Inhalte durch Verwandlung ins Gegenteil unschädlich zu machen. (Sie bewegen 
sich nicht, sie haben ja die schönsten Schwänze.) Bis endlich dieses Mittel versagt 
und die Angst losbricht. Sie findet ihren Ausdruck mit Hilfe des Märchens, in dem 
die Geißlein-Kinder vom Wolf-Vater gefressen werden. Möglicherweise hat dieser 
Märcheninhalt selbst an scherzhafte Drohungen des Vaters, wenn er mit dem Kinde 
spielte, erinnert, so daß die Angst, vom Wolf gefressen zu werden, ebensowohl 
Reminiszenz wie Verschiebungsersatz sein könnte. 

Die Wunschmotive dieses Traumes sind handgreifliche; zu den oberflächlichen 
Tageswunschen, Weihnachten mit seinen Geschenken möge schon da sein (Ungedulds- 
traum), gesellt sich der tiefere, um diese Zeit permanente Wunsch nach der Sexual- 
befriedigung durch den Vater, der sich zunächst durch den Wunsch, das wieder- 
zusehen, was damals so fesselnd war, ersetzt. Dann verläuft der psychische 
Vorgang von der Erfüllung dieses Wunsches in der heraufbeschworenen Urszene 
bis zu der jetzt unvermeidlich gewordenen Ablehnung des Wunsches und der Ver- 
drängung. 

Die Breite und Ausführlichkeit der Darstellung, zu der ich durch das Bemühen 
genötigt bin, dem Leser irgend ein Äquivalent für die Beweiskraft einer selbstdurch- 
geführten Analyse zu bieten, mag ihn gleichzeitig davon abbringen, die Publikation 
von Analysen zu verlangen, die sich über mehrere Jahre erstreckt haben. 

Freud, VIII. 

. 5' 



482 Krankengeschichten 



noch einen Anhaltspunkt dafür, daß sie bestimmte Wirkungen 
bereits zur Zeit ihrer Wahrnehmung, also von i'/ 2 Jahren an. 

geübt hat. 

Wenn sich der Patient in die Situation der Urszene vertiefte, 
förderte er folgende Selbstwahrnehmungen zu Tage: Er habe 
vorher angenommen, der beobachtete Vorgang sei ein gewalttätiger 
Akt, allein dazu stimmte das vergnügte Gesicht nicht, das er die 
Mutter machen sah ; er mußte erkennen, daß es sich um eine 
Befriedigung handle. 1 Das wesentliche Neue, das ihm die Be- 
obachtung des Verkehrs der Eltern brachte, war die Überzeugung 
von der Wirklichkeit der Kastration, deren Möglichkeit seine Ge- 
danken schon vorher beschäftigt hatte. (Der Anblick der beiden 
urinierenden Mädchen, die Drohung der Nanja, die Deutung der 
Gouvernante von den Zuckerstangen, die Erinnerung, daß der 
Vater eine Schlange in Stücke geschlagen.) Denn jetzt sah er 
mit eigenen Augen die Wunde, von der die Nanja gesprochen 
hatte, und verstand, daß ihr Vorhandensein eine Bedingung 
des Verkehrs mit dem Vater war Er konnte sie nicht mehr 



1) Der Aussage des Patienten tragen wir vielleicht am ehesten Rechnung, wenn 
wir annehmen, daß der Gegenstand seiner Beobachtung zuerst ein Koitus m normaler 
Stellung gewesen ist, der den Eindruck eines sadistischen Aktes erwecken muß. Erst 
nach diesem sei die Stellung gewechselt worden, so daß er Gelegenheit zu anderen 
Beobachtungen und Urteilen gewann. Allein diese Annahme ist nicht gesichert 
worden, scheint mir auch nicht unentbehrlich. Wir wollen über die abkürzende Dar- 
stellung des Textes die wirkliche Situation nicht außer Auge lassen, daß der Analysierte 
im Alter nach 25 Jahren Eindrücken und Regungen aus seinem vierten Jahr Worte 
verleiht die er damals nicht gefunden hülle. Vernachlässigt man diese Bemerkung, 
so kann man es leicht komisch und unglaubwürdig finden, daß ein vierjähriges 
Kind solcher fachlicher Urteile und gelehrter Gedanken fähig sein sollte. Es ist dies 
einfach ein zweiter Fall von Nachträglichkeit. Das Kind empfängt mit 1 >/ 2 Jahren 
einen Eindruck, auf den es nicht genügend reagieren kann, versieht ihn erst wird 
von ihm ergriffen bei der Wiederbelebung des Eindrucks mit vier Jahren, und kann 
erst zwei Dezennien später in der Analyse mit bewußter Denktätigkeit erfassen, was 
damals in ihm vorgegangen. Der Analysierte setzt sich dann mit Recht über die drei 
Zeitphasen hinweg und setzt sein gegenwärtiges Ich in die längstvergangene Situation 
ein. Wir folgen ihm darin, denn bei korrekter Selbstbeobachtung und Deutung muß 
der Effekt so ausfallen, als ob man die Distanz zwischen der zweiten und der 
dritten Zeitphase vernachlässigen könnte. Auch haben wir kein anderes Mittel, die 
Vorgänge in der zweiten Phase zu beschreiben. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 485 



wie bei der Beobachtung der kleinen Mädchen mit dem Popo ver- 
wechseln.' 

Der Ausgang des Traumes war Angst, von der er sich nicht 
eher beruhigte, als bis er seine Nanja bei sich hatte. Er flüchtete 
sich also zu ihr vom Vater weg. Die Angst war eine Ablehnung 
des Wunsches nach Sexualbefriedigung durch den Vater, welches 
Streben ihm den Traum eingegeben hatte. Ihr Ausdruck: vom 
Wolf gefressen zu werden, war nur eine — wie wir hören 
werden: regressive — Umsetzung des Wunsches, vom Vater 
koitiert, d. h. so befriedigt zu werden wie die Mutter. Sein 
letztes Sexualziel, die passive Einstellung zum Vater, war einer 
Verdrängung erlegen, die Angst vor dem Vater in Gestalt der 
Wolfsphobie an ihre Stelle getreten. 

Und die treibende Kraft dieser Verdrängung? Dem ganzen 
Sachverhalt nach konnte es nur die narzißtische Genitallibido 
sein, die sich als Sorge um sein männliches Glied gegen eine 
Befriedigung sträubte, für die der Verzicht auf dieses Glied Be- 
dingung schien. Aus dem bedrohten Narzißmus schöpfte er die 
Männlichkeit, mit der er sich gegen die passive Einstellung zum 
Vater wehrte. 

Wir werden jetzt darauf aufmerksam, daß wir an diesem Punkte 
der Darstellung unsere Terminologie ändern müssen. Er hatte 
während des Traumes eine neue Phase seiner Sexualorganisation 
erreicht. Die sexuellen Gegensätze waren ihm bisher aktiv und 
passiv gewesen. Sein Sexualziel war seit der Verführung ein 
passives, am Genitale berührt zu werden, dann wandelte es sich 
durch Regression auf die frühere Stufe der sadistisch-analen 
Organisation in das masoch istische, gezüchtigt, gestraft zu werden. 
Es war ihm gleichgültig, ob er dieses Ziel beim Mann oder 
Weib erreichen sollte. Er war ohne Rücksicht auf den Geschlechts- 
unterschied von der Nanja zum Vater gewandert, hatte von der 



1) Wie er sich mit diesem Anteil des Problems weiter auseinandersetzte, werden 
wir später bei der Verfolgung seiner Analerotik erfahren. 

51* 






-8a Krankengeschichten 



Nanja verlangt, am Glied berührt zu werden, vom Vater die 
Züchtigung provozieren wollen. Das Genitale kam dabei außer 
Betracht; in der Phantasie, auf den Penis geschlagen zu werden, 
äußerte sich noch der durch die Regression verdeckte Zusammen- 
hang. Nun führte ihn die Aktivierung der Urszene im Traum 
zur genitalen Organisation zurück. Er entdeckte die Vagina und 
die biologische Bedeutung von männlich und weiblich. Er ver- 
stand jetzt, aktiv sei gleich männlich, passiv aber weiblich. Sein 
passives Sexualziel hätte sich jetzt in ein weibliches verwandeln, 
den Ausdruck annehmen müssen: vom Vater koitiert zu werden, 
anstatt: von ihm auf das Genitale oder auf den Popo geschlagen 
zu werden. Dieses feminine Ziel verfiel nun der Verdrängung 
und mußte sich durch die Angst vor dem Wolf ersetzen lassen. 
Wir müssen die Diskussion seiner Sexualentwicklung hier 
unterbrechen, bis aus späteren Stadien seiner Geschichte neues 
Licht auf diese früheren zurückfällt. Zur Würdigung der Wolfs- 
phobie fügen wir noch hinzu, daß Vater und Mutter, beide, zu 
Wölfen wurden. Die Mutter spielte ja den kastrierten Wolf, der 
die anderen auf sich aufsteigen ließ, der Vater den aufsteigenden. 
Seine Angst bezog sich aber, wie wir ihn versichern gehört haben, 
nur auf den stehenden Wolf, also auf den Vater. Ferner muß 
uns auffallen, daß die Angst, in die der Traum ausging, ein Vor- 
bild in der Erzählung des Großvaters hatte. In dieser wird ja 
der kastrierte Wolf, der die andern auf sich hat steigen lassen, 
von Angst befallen, sowie er an die Tatsache seiner Schwanz- 
losigkeit erinnert wird. Es scheint also, daß er sich während des 
Traumvorganges mit der kastrierten Mutter identifizierte und 
sich nun gegen dieses Ergebnis sträubte. In hoffentlich zutreffen- 
der Übersetzung: Wenn du vom Vater befriedigt werden willst, 
mußt du dir wie die Mutter die Kastration gefallen lassen; das 
will ich aber nicht. Also ein deutlicher Protest der Männlich- 
keit! Machen wir uns übrigens klar, daß die Sexualentwicklung 
des Falles, den wir hier verfolgen, für unsere Forschung den. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



485 



großen Nachteil hat, daß sie keine ungestörte ist. Sie wird zuerst 
durch die Verführung entscheidend beeinflußt und nun durch 
die Szene der Koitusbeobachtung abgelenkt, die nachträglich wie 
eine zweite Verführung wirkt. 



. 



EINIGE DISKUSSIONEN 



Kfe/wt^A- 



Eisbär und Walfisch, hat man gesagt, können nicht mitein- 
ander Krieg führen, weil sie, ein jeder auf sein Element be- 
schränkt, nicht zueinander kommen. Ebenso unmöglich wird es 
mir, mit Arbeitern auf dem Gebiet der Psychologie oder der 
Neurotik zu diskutieren, die die Voraussetzungen der Psycho- 
analyse nicht anerkennen und ihre Ergebnisse für Artefakte 
halten. Daneben hat sich aber in den letzten Jahren eine Oppo- 
sition von Anderen entwickelt, die, nach ihrem eigenen Ver- 
meinen wenigstens, auf dem Boden der Analyse stehen, die 
Technik und Resultate derselben nicht bestreiten und sich nur 
für berechtigt halten, aus dem nämlichen Material andere Fol- 
gerungen abzuleiten und es anderen Auffassungen zu unterziehen. 
Theoretischer Widerspruch ist aber zumeist unfruchtbar. So 
wie man begonnen hat, sich von dem Material, aus dem man 
schöpfen soll, zu entfernen, läuft man Gefahr, sich an seinen 
Behauptungen zu berauschen und endlich Meinungen zu ver- 
treten, denen jede Beobachtung widersprochen hätte. Es scheint 
mir darum ungleich zweckmäßiger, abweichende Auffassungen 
dadurch zu bekämpfen, daß man sie an einzelnen Fällen und 
Problemen erprobt. 

Ich habe oben (S. 475) ausgeführt, es werde gewiß für un- 
wahrscheinlich gehalten werden, „daß ein Kind in dem zarten 
Alter von i*/ fl Jahren imstande sein sollte, die Wahrnehmungen 



Aus der Geschickte einer infantilen Neurose 487 

eines so komplizierten Vorganges in sich aufzunehmen und sie 
so getreu in seinem Unbewußten zu bewahren, zweitens, daß 
eine nachträglich zum Verständnis vordringende Bearbeitung dieses 
Materials zu vier Jahren möglich ist, und endlich, daß es durch 
irgend ein Verfahren gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen 
Szene, unter solchen Umständen erlebt und verstanden, in zu- 
sammenhängender und überzeugender Weise bewußt zu machen". 

Die letzte Frage ist eine rein faktische. Wer sich die Mühe 
nimmt die Analyse mittels der vorgezeichneten Technik in solche 
Tiefen zu treiben, wird sich überzeugen, daß es sehr wohl mög- 
lich ist; wer es unterläßt und in irgend einer höheren Schicht 
die Analyse unterbricht, hat sich des Urteils darüber begeben. 
Aber die Auffassung des von der Tiefenanalyse Erreichten ist 
damit nicht entschieden. 

Die beiden anderen Bedenken stützen sich auf eine Gering- 
schätzung der frühinfantilen Eindrücke, denen so nachhaltige 
Wirkungen nicht zugetraut werden. Sie wollen die Verursachung 
der Neurosen fast ausschließlich in den ernsthaften Konflikten 
des späteren Lebens suchen, und nehmen an, die Bedeutsamkeit 
der Kindheit werde uns in der Analyse nur durch die Neigung 
der Neurotiker vorgespiegelt, ihre gegenwärtigen Interessen in 
Reminiszenzen und Symbolen der frühen Vergangenheit auszu- 
drücken. Mit solcher Einschätzung des infantilen Moments fiele 
manches weg, was zu den intimsten Eigentümlichkeiten der 
Analyse gehört hat, freilich auch vieles, was ihr Widerstände 
schafft und das Zutrauen der Außenstehenden entfremdet. 

Wir stellen also zur Diskussion die Auffassung ein, solche früh- 
infantile Szenen, wie sie eine erschöpfende Analyse der Neurosen, 
z. B. unseres Falles liefert, seien nicht Reproduktionen realer Be- 
gebenheiten, denen man Einfluß auf die Gestaltung des späteren 
Lebens und auf die Symptombildung zuschreiben dürfe, sondern 
Phantasiebildungen, die der Zeit der Reife ihre Anregung ent- 
nehmen, zur gewissermaßen symbolischen Vertretung realer 






488 Krankengeschichten 



Wünsche und Interessen bestimmt sind, und die einer regressiven 
Tendenz, einer Abwendung von den Aufgaben der Gegenwart 
ihre Entstehung verdanken. Wenn dem so ist, dann kann man 
sich natürlich alle die befremdenden Zumutungen an das Seelen- 
leben und die intellektuelle Leistung von Kindern im unmündigsten 
Alter ersparen. 

Dieser Auffassung kommt außer dem uns allen gemeinsamen 
Wunsch nach Rationalisierung und Vereinfachung der schwierigen 
Aufgabe mancherlei Tatsächliches entgegen. Auch kann man im 
vorhinein ein Bedenken aus dem Wege räumen, welches sich 
gerade beim praktischen Analytiker erheben könnte. Man muß 
zugestehen, wenn die besprochene Auffassung dieser infantilen 
Szenen die richtige ist, dann wird an der Ausübung der Analyse 
zunächst nichts geändert. Hat der Neurotiker einmal die üble 
Eigentümlichkeit, sein Interesse von der Gegenwart abzuwenden 
und es an solche regressive Ersatzbildungen seiner Phantasie zu 
heften, so kann man gar nichts anderes tun, als ihm auf seinen 
Wegen zu folgen und ihm diese unbewußten Produktionen zum 
Bewußtsein zu bringen, denn sie sind, von ihrem realen Unwert 
ganz abzusehen, für uns höchst wertvoll als die derzeitigen Träger 
und Besitzer des Interesses, welches wir frei machen wollen, um 
es auf die Aufgaben der Gegenwart zu lenken. Die Analyse 
müßte genau ebenso verlaufen wie jene, die im naiven Zutrauen 
solche Phantasien für wahr nimmt. Erst am Ende der Analyse, 
nach der Aufdeckung dieser Phantasien, käme der Unterschied. 
Man würde dann dem Kranken sagen: „Nun gut; Ihre Neurose 
/ ist so verlaufen, als ob Sie in Ihren Kinderjahren solche Ein- 
drücke empfangen und fortgesponnen hätten. Sie sehen wohl ein, 
daß dies nicht möglich ist. Es waren Produkte Ihrer Phantasie- 
tätigkeit zur Ablenkung von realen Aufgaben, die Ihnen bevor- 
standen. Nun lassen Sie uns nachforschen, welches diese Aufgaben 
waren, und welche Verbindungswege zwischen diesen und Ihren 
Phantasien bestanden haben." Ein zweiter, dem realen Leben zu- 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 489 

gewendeter Abschnitt der Behandlung würde nach dieser Er- 
ledigung der infantilen Phantasien einsetzen können. 

Eine Abkürzung dieses Weges, also eine Abänderung der bis- 
her geübten psychoanalytischen Kur, wäre technisch unzulässig. 
Wenn man dem Kranken diese Phantasien nicht in ihrem vollen 
Umfange bewußt macht, kann man ihm die Verfügung über das 
an sie gebundene Interesse nicht geben. Wenn man ihn von 
ihnen ablenkt, sobald man ihre Existenz und allgemeine Umrisse 
ahnt, unterstützt man nur das Werk der Verdrängung, durch 
das sie für alle Bemühungen des Kranken unantastbar geworden 
sind. Wenn man sie ihm frühzeitig entwertet, etwa indem man 
ihm eröffnet, es werde sich nur um Phantasien handeln, die ja 
keine reale Bedeutung haben, wird man nie seine Mitwirkung 
bereit finden, um sie dem Bewußtsein zuzuführen. Die analytische 
Technik dürfte also bei korrektem Vorgehen keine Änderung 
erfahren wie immer man diese Infantilszenen einschätzt. 

Ich habe erwähnt, daß die Auffassung dieser Szenen als regressiver 
Phantasien manche tatsächlichen Momente zu ihrer Unterstützung 
anrufen kann. Vor allem das eine: Diese Infantilszenen werden y lx 
in der Kur — soweit m eine. Erfahrung bis jetzt reicht — - nicht 
als Erinnerungen reproduziert, sie sind Ergebnisse der Konstruktion. 
Gewiß wird manchem der Streit schon durch dieses eine Zu- 
geständnis entschieden scheinen. 

Ich möchte nicht mißverstanden werden. Jeder Analytiker weiß 
und hat es unzählige Male erfahren, daß in einer gelungenen Kur 
der Patient eine ganze Anzahl spontaner Erinnerungen aus seinen 
Kinderjahren mitteilt, an deren Auttauchen — vielleicht erst- 
maligem Auftauchen — der Arzt sich völlig unschuldig fühlt, 
indem er durch keinerlei Konstruktionsversuch dem Kranken 
einen ähnlichen Inhalt nahe gelegt hat. Diese vorher unbewußten 
Erinnerungen müssen nicht einmal immer wahr sein; sie können 
es sein, aber sie sind oft gegen die Wahrheit entstellt, mit 
phantasierten Elementen durchsetzt, ganz ähnlich wie die spontan 



49o 



Krankengeschichten 



tWsV- 



■JUhL 



erhalten gebliebenen sogenannten Deckerinnerungen. Ich will nur 
sagen: Szenen, wie die bei meinem Patienten, aus so früher Zeit 
und mit solchem Inhalt, die dann eine so außerordentliche Be- 
deutung für die Geschichte des Falles beanspruchen, werden in 
der Regel nicht als Erinnerungen reproduziert, sondern müssen 
schrittweise und mühselig aus einer Summe von Andeutungen 
erraten — konstruiert — werden. Es reicht auch für das Argument 
hin, wenn ich zugebe, daß solche Szenen bei den Fällen von 
Zwangsneurose nicht als Erinnerung bewußt werden, oder wenn 
ich die Angabe auf den einen Fall, den wir hier studieren, 
beschränke. 

Ich bin nun nicht der Meinung, daß diese Szenen notwendiger- 
weise Phantasien sein müßten, weil sie nicht als Erinnerungen 
wiederkommen. Es scheint mir durchaus der Erinnerung gleich- 
wertig, daß sie sich — wie in unserem Falle — durch Träume 
ersetzen, deren Analyse regelmäßig zu derselben Szene zurück- 
führt, die in unermüdlicher Umarbeitung jedes Stück ihres 
Inhalts reproduzieren. Träumen ist ja auch ein Erinnern, wenn 
auch unter den Bedingungen der Nachtzeit und der Traumbildung. 
Durch diese Wiederkehr in Träumen erkläre ich mir, daß sich 
bei den Patienten selbst allmählich eine sichere Überzeugung von 
der Realität dieser Urszenen bildet, eine Überzeugung, die der 
auf Erinnerung gegründeten in nichts nachsteht. 1 

Die Gegner brauchen freilich den Kampf gegen diese Argumente 
nicht als aussichtslos aufzugeben. Träume sind bekanntlich lenkbar. 3 
Und die Überzeugung des Analysierten kann ein Erfolg der 
Suggestion sein, für die immer noch eine Rolle im Kräftespiel 

1) Wie frühzeitig: ich mich mit diesem Problem beschäftigt habe, mag eine Stelle 
aus der ersten Auflage meiner Traumdeutung (1900) beweisen. Dort heißt es S. 126 
zur Analyse der in einem Traum vorkommenden Rede: Das ist nicht mehr zu haben, 
diese Rede stammt von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, „daß 
die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben sind, sondern durch 
„Übertragungen" und Träume in der Analyse ersetzt werden." 

2) Der Mechanismus des Traumes kann nicht beeinflußt werden, aber das Traum- 
material läßt sich partiell kommandieren. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 491 

der analytischen Behandlung gesucht wird. Der Psychotherapeut 
alten Schlages würde seinem Patienten suggerieren, daß er gesund 
ist. seine Hemmungen überwunden hat u. dgl. Der Psychoanalytiker 
aber, daß er als Kind dies oder jenes Erlebnis gehabt hat, das 
er jetzt erinnern müsse, um gesund zu werden. Das wäre der 
Unterschied zwischen beiden. 

Machen wir uns klar, daß dieser letzte Erklärungsversuch der 
Gegner auf eine weit gründlichere Erledigung der Infantilszenen 
hinausläuft, als anfangs angekündigt wurde. Sie sollten nicht 
Wirklichkeiten sein, sondern Phantasien. Nun wird es offenbar: 
nicht Phantasien des Kranken, sondern des Analytikers selbst, die 
er aus irgend welchen persönlichen Komplexen dem Analysierten 
aufdrängt. Der Analytiker freilich, der diesen Vorwurf hört, wird 
sich zu seiner Beruhigung vorführen, wie allmählich die Kon- 
struktion dieser angeblich von ihm eingegebenen Phantasie zu- 
stande gekommen ist, wie unabhängig sich doch deren Aus- 
gestaltung in vielen Punkten von der ärztlichen Anregung be- 
nommen hat, wie von einer gewissen Phase der Behandlung an 
alles auf sie hin zu konvergieren schien, und wie nun in der 
Synthese die verschiedensten merkwürdigen Erfolge von ihr aus- 
strahlen, wie die großen und die kleinsten Probleme und Sonder- 
barkeiten der Krankengeschichte ihre Lösung in der einen An- 
nahme fänden, und wird geltend machen, daß er sich nicht den 
Scharfsinn zutraut, eine Begebenheit auszuhecken, welche alle diese 
Ansprüche in einem erfüllen kann. Aber auch dieses Plaidoyer 
wird nicht auf den anderen Teil wirken, der die Analyse nicht 
selbst erlebt hat. Raffinierte Selbsttäuschung — wird es von der 
einen Seite lauten, Stumpfheit der Beurteilung — von der anderen ; 
eine Entscheidung wird nicht zu fällen sein. 

Wenden wir uns zu einem anderen Moment, welches die 
«regnerische Auffassung der konstruierten Infantilszenen unterstützt. 
Es ist folgendes: Alle die Prozesse, welche zur Aufklärung dieser 
fraglichen Bildungen als Phantasien herangezogen worden sind, 



492 Krankengeschichten 



bestehen wirklich und sind als bedeutungsvoll anzuerkennen. Die 

Abwendung des Interesses von den Aufgaben des realen Lebens/ 
die Existenz von Phantasien als Ersatzbildungen für die unter- 
lassenen Aktionen, die regressive Tendenz, die sieh in diesen 
Schöpfungen ausspricht, — regressiv in mein- als einem Sinne, 
insofern gleichzeitig ein Zurückweichen vor dem Leben und ein 
Zurückgreifen auf die Vergangenheit eintritt, — all das trifft zu 
und läßt sich regelmäßig durch die Analyse bestätigen. Man sollte 
meinen, es würde auch hinreichen, die in Rede stehenden an- 
geblichen frühinfantilen Reminiszenzen aufzuklären, und diese Er- 
klärung hätte nach den ökonomischen Prinzipien der Wissenschalt 
das Vorrecht vor einer anderen, die ohne neue und befremdliche 
Annahmen nicht ausreichen kann. 

Ich gestatte mir, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen, 
daß die Widersprüche in der heutigen psychoanalytischen Literatur 
gewöhnlich nach dem Prinzip des pars pro toto angefertigt 
werden. Man greift aus einem hoch zusammengesetzten Ensemble 
einen Anteil der wirksamen Faktoren heraus, proklamiert diesen 
als die Wahrheit und widerspricht nun zu dessen Gunsten dem 
anderen Anteil und dem Ganzen. Sieht man etwa näher zu, 
welcher Gruppe dieser Vorzug zugefallen ist, so lindet man, es 
ist die, welche das bereits anderswoher Bekannte enthält oder sich 
am ehesten ihm anschließt. So bei Jung die Aktualität und die 
Regression, bei Adler die egoistischen Motive. Zurückgelassen, 
als Irrtum verworfen, wird aber gerade das, was an der Psycho- 
analyse neu ist und ihr eigentümlich zukommt. Auf diesem Wege 
lassen sich die revolutionären Vorstöße der unbequemen Psycho- 
analyse am leichtesten zurückweisen. 

Es ist nicht überflüssig hervorzuheben, daß keines der Momente, 
welche die gegnerische Auffassung zum Verständnis der Kindheits- 
szenen heranzieht, von Jung als Neuheit gelehrt zu werden 



i) Ich xiehe aus guten Gründen vor zu sagen: Die Abwendung der Libido Ton 
den aktuellen Konflikten. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 493 

brauchte. Der aktuelle Konflikt, die Abwendung von der Realität, 
die Ersatzbefriedigung in der Phantasie, die Regression auf 
Material der Vergangenheit, dies alles hat, und zwar in der 
nämlichen Zusammenfügung, vielleicht mit geringer Abänderung 
der Terminologie, von jeher einen integrierenden Bestandteil 
meiner eigenen Lehre gebildet. Es war nicht das Ganze derselben, 
nur der Anteil der Verursachung, der von der Realität her zur 
Neurosenbildung in regressiver Richtung einwirkt. Ich habe da- 
neben noch Raum gelassen für einen zweiten progredienten Ein- 
fluß der von den Kindheitseindrücken her wirkt, der vom Leben 
zurückweichenden Libido den Weg weist und die sonst un- 
erklärliche Regression auf die Kindheit verstehen läßt. So wirken 
die beiden Momente nach meiner Auffassung bei der Symptom- 
bildung zusammen, aber ein früheres Zusammenwirken scheint 
mir ebenso bedeutungsvoll. Ich behaupte, daß der Kindheits- 
einfluß sich bereits in der Anfangssituation der Neu- 
rosenbildung fühlbar macht, indem er in entscheidender 
Weise mitbestimmt, ob und an welcher Stelle das Indivi- 
duum in der Bewältigung der realen Probleme des Lebens 
versagt. 

Im Streit steht also die Bedeutung des infantilen Moments. 
Die Aufgabe geht dahin, einen Fall zu linden, der diese Be- 
deutung, jedem Zweifel entzogen, erweisen kann. Ein solcher ist 
aber der Krankheitsfall, den wir hier so ausführlich behandeln, 
der durch den Charakter ausgezeichnet ist, daß der Neurose im 
späteren Leben eine Neurose in frühen Jahren der Kindheit 
vorhergeht. Gerade darum habe ich ja diesen Fall zur Mitteilung 
gewählt. Sollte jemand ihn etwa darum ablehnen wollen, weil 
ihm die Tierphobie nicht wichtig genug erscheint, um als selb- 
ständige Neurose anerkannt zu werden, so will ich ihn darauf 
verweisen, daß ohne Intervall an diese Phobie ein Zwangszere- 
moniell, Zwangshandlungen und Gedanken anschließen, von denen 
in den folgenden Abschnitten dieser Schrift die Rede sein wird. 



494 Krankengeschichten 



Eine neurotische Erkrankung im vierten und fünften Jahr der 
Kindheit beweist vor allem, daß die infantilen Erlebnisse für 
sich allein im stände sind, eine Neurose zu produzieren, ohne 
daß es dazu der Flucht vor einer im Leben gestellten Aufgabe 
bedürfte. Man wird einwenden, daß auch an das Kind unaus- 
gesetzt Aufgaben herantreten, denen es sich vielleicht entziehen 
möchte. Das ist richtig, aber das Leben eines Kindes vor der 
Schulzeit ist leicht zu übersehen, man kann ja untersuchen, ob 
sich eine die Verursachung der Neurose bestimmende „Aufgabe" 
darin findet. Man entdeckt aber nichts anderes als Triebregungen, 
deren Befriedigung dem Kind unmöglich, deren Bewältigung es 
nicht gewachsen ist, und die Quellen, aus denen diese fließen. 

Die enorme Verkürzung des Intervalls zwischen dem Ausbruch 
der Neurose und der Zeit der in Rede stehenden Kindheits- 
erlebnisse läßt, wie zu erwarten stand, das regressive Stück der 
Verursachung aufs äußerste einschrumpfen und bringt den pro- 
gredienten Anteil derselben, den Einfluß früherer Eindrücke, 
unverdeckt zum Vorschein. Von diesem Verhältnis wird diese 
Krankengeschichte, wie ich hoffe, ein deutliches Bild geben. Auf 
die Frage nach der Natur der Urszenen oder frühesten in der 
Analyse eruierten Kindheitserlebnisse gibt die Kindheitsneurose 
noch aus anderen Gründen eine entscheidende Antwort. 

Nehmen wir als unwidersprochene Voraussetzung an, daß eine 
solche Urszene technisch richtig entwickelt worden sei, daß sie 
unerläßlich sei zur zusammenfassenden Lösung aller Rätsel, welche 
uns die Symptomatik der Kindheitserkrankung aufgibt, daß alle 
Wirkungen von ihr ausstrahlen, wie alle Fäden der Analyse zu 
ihr hingeführt haben, so ist es mit Rücksicht auf ihren Inhalt 
unmöglich, daß sie etwas anderes sei als die Reproduktion einer 
vom Kinde erlebten Realität. Denn das Kind kann wie auch 
der Erwachsene Phantasien nur produzieren mit irgendwo er- 
worbenem Material j die Wege dieser Erwerbung sind dem Kinde 
zum Teil (wie die Lektüre) verschlossen, der für die Erwerbung 



Aus der Geschickte einer infantilen Neurose 495 

zu Gebote stehende Zeitraum ist kurz und leicht nach solchen 
Quellen zu durchforschen. 

In unserem Falle enthält die Urszene das Bild des geschlecht- 
lichen Verkehrs zwischen den Eltern in einer für gewisse Beob- 
achtungen besonders günstigen Stellung. Es würde nun gar nichts 
für die Realität dieser Szene beweisen, wenn wir sie bei einem 
Kranken fänden, dessen Symptome, also die Wirkungen der Szene, 
irgendwann in seinem späteren Leben hervorgetreten wären. Ein 
solcher kann zu den verschiedensten Zeitpunkten des langen Inter- 
valls die Eindrücke, Vorstellungen und Kenntnisse erworben haben, 
die er dann in ein Phantasiebild verwandelt, in seine Kindheit 
zurückprojiziert und an seine Eltern heftet. Aber wenn die 
Wirkungen einer solchen Szene im vierten und fünften Lebens- 
jähr hervortreten, so muß das Kind diese Szene in noch früherem 
Alter mitangesehen haben. Dann bleiben aber alle die befrem- 
denden Folgerungen aufrecht, die sich uns aus der Analyse der 
infantilen Neurose ergeben haben. Es sei denn, es wolle jemand 
annehmen, der Patient habe nicht nur diese Urszene unbewußt 
phantasiert, sondern ebenso seine Charakterveränderung, seine 
Wolfsangst und seinen religiösen Zwang konfabuliert, welcher 
Auskunft aber sein sonstiges nüchternes Wesen und die direkte 
Tradition in seiner Familie widersprechen würde. Es muß also 
dabei bleiben, — ich sehe keine andere Möglichkeit, — ■ entweder 
ist die von seiner Kindheitsneurose ausgehende Analyse überhaupt 
ein Wahnwitz, oder es ist alles so richtig, wie ich es oben dar- 
gestellt habe. 

Wir haben an einer früheren Stelle auch an der Zweideutig- 
keit Anstoß genommen, daß des Patienten Vorliebe für die weib- 
lichen Nates und für den Koitus in derjenigen Stellung, bei 
der diese besonders hervortreten, eine Ableitung von dem beob- 
achteten Koitus der Eltern zu fordern schien, während doch 
solche Bevorzugung ein allgemeiner Zug der zur Zwangsneurose 
disponierten archaischen Konstitutionen ist. Hier bietet sich eine 



4.96 Ki onkrrtKfschichtrn 



nahe liegende Auskunft, dir den \\ iileispiu« h als ( b«rd«i-i - 
minierung löst. Die Person, m «eh her tr ili«'s«- Position I 
Koitus beobachtet, war iIih h sein lcihlit her Vater, von dtU •' 
6 konstitutionelle Vorliehe .mi li ererbt haben könnt«-. Weder 
die späten- Krankheit des Vaters noch die Kamiliengeschichte 
sprechen dagegen; ein Vatersbruder ist, wie bereits erwähnt, in 
einem Zustand gestorlien, <l«-r als Ausgang eiui's schweren /.wangs- 

i-iis aufgefaßt werden muß. 

Wir erinnern uns in diesem Zusamm« nhang«-, «lall du- Siliw«-si.-i 
bei «1er Verführung des '/.jährigen Knaben gegen «In- brav«- alte 
Kmiicili.iu «iie tonderbare Verleumdung ausgesprochen, si«< stelle 
.ili«- Leute .tut (l<-n K«)pi uihI greife ihnen (Liiiii .in die Genta 
licn.' Es mußte sich uns da «li<- Idee eufdrlngen, dafi rieUeichl 
auch die Schwester in ahnlull /art«-in Mti-r dieselbe S/ene mit- 
.in»« »•»•heu wie später der Bruder und sich daher di<- Anregung 
für das Aul den Kopf snllen beim sexuellen Akt geholt hatte 

Diese Annahm«- brächte euch einen Hlnweii auf eine Quelle 
ihrer eigenen eezueUen Voreiligkeit 

[Ich hatte ursprüngli« h nicht die Absicht, die Diskussion über 
den Realwert «l«-r „l'rszein-n" an diesei Stelle weiter zu lühren, 
aber da i< h unterdes \ei;wil.ilit wurden bin, dieses Thema in 
meinen „Vorlesungen /u: Einführung in die IVy« hnanalvs«-" in 
breiterem '/.us.imnn-nhaugi- und im ht mein in p«doinis( her Absicht 
zu behandeln, so war«- i-führend, wollte ich die Anwendung 

«i«-r dort bestimm»-nd«-n (iesichlspunkte aul den uns hier vor- 
liegenden Kall unterlas.s«-u. b li s«-t/«- also ergänzend und berich- 
tigend fort: Es ist dm h noch ein«- andere \uflassung der dem 
Traume /u (»rund«- liegenden I rs/ene moglitli, web In- die vorhin 
getroffene Kntsclu-uhmg um ein gutes Stück ablenkt und uns 
manch«! S« hwierigkeiten überhebt. Die Lehn-, welche die Inlau 
lilszenen zu regressiven S\mbob-n herahdrücken will, wird /u.u 
auch bei dieser Modihk. itinn im bis gewinnen; sie scheint mir 

Vft S. 455~ 






Aus der lieschichte einer infantilen Neurose 497 

überhaupt durch die«© — wie dun h jede andere Analyse 

einer Kinderneurose endgültig erledigt. 

Ich meine nämlich, man kann sich den Sachverhalt auch in 
folgender Art /un-i 'ht legen. Auf die Annahme, daß das Kind 
einen Koitus beobachtet, durch dessen Anblick es die Überzeugung 
gewonnen, dab die Kastration mehr sein könne als eine leere 
Drohung, können wir nicht verzichten; auch läßt uns die Be- 
deutung, welch»- späterhin den Stellungen von Mann und Weib 
für «li.- Angstentwicklung und als Liebesbedingung zukommt, 
keine andere Wahl, als zu schließen, es müsse ein coitus a tergo, 
morr ferarum, gewesen sein. Aber ein anderes Moment ist nicht 
so unersetzlich und mag fallen gelassen werden. Es war vielleicht 
naht ein Koitus der Kitern, sondern ein Tierkoitus, den das Kind 
beobachtet und dann auf die Kitern geschoben, als ob es erschlossen 
hätte, die Kitern machten es auch nicht anders. 

Diesel Auflassung kommt Nor allem Hl »nie. daß die Wolle 

des Traumes ja eigentlich Schäferhunde sind und auch in der 
Zeichnung als solche erscheinen. Kurz vor dem Traum war der 
Knabe wiederholt zu den Schafherden mitgenommen worden, wo 
er solche große weiße Hunde sehen und sie wahrscheinlich auch 
beim Koitus beobachten konnte. Ich möchte auch die Dreizahl, 
die der Träumer ohne jede weitere Motivierung hinstellte, ln<-her 
be/.iehen und annehmen, es sei ihm im Gedächtnis geblieben, 
daß er drei solcher Beobachtungen an den Schäferhunden gemacht 
Was in der erwartungsvollen Erregtheit seiner Traumnacht hin- 
zukam, war dann die Übertragung des kürzlich gewonnenen 
Erinnerungsbildes mit allen seinen Einzelheiten auf die Eltern, 
wodurch aber erst jene mächtigen Affekt Wirkungen ermöglicht 
wurden. Es gab jetzt ein nachträgliches Verständnis jener viel- 
leicht vor wenigen Wochen oder Monaten empfangenen Ein- 
drücke, ein Vorgang, wie ihn vielleicht jeder von uns an sich 
selbst erlebt haben mag. Die Übertragung von den kodierenden 
Hunden auf die Eltern vollzog sich nun nicht mittels eines an 
Kr.ud, vm $» 



4f}8 Krankrngeichiclitrn 



Worte gebundenen Schlußverfahrens, sondern indem eine reale 
Szene vom Beisammensein der Eltern in der Erinnerung .ml. 
sucht wurde, welch* sich mit der Koitussitu.it um \orsc lunel/on 
ließ. Alle in der Traumanalyse behaupteten Details der Szene 
mochten genau reproduziert sein. Es war wirklich an einem 
Sommernachmittag, wahrend das Kind an Mainria litt, die Eltern 
waren in weißer Kleidung heule anwesend, als das Kind aus 
seinem Schlaf erwachte, aher die Szene war harmlos. Das 

Übrige hatte der spatere Wunsch des Wißbegierigen, auch die 
Eltern bei ihrem Liebesverkelu zu belauschen, aul (»rund seiner 
Erfahrungen an den Munden hinzugefügt, und nun entfaltete die 
so phantasierte S/.-ne alle die Wirkungen, die wir ihr nachgesagt 
Kuban, die nämlichen, als oh si<- durchaus real gewesen und nicht 
aus zwei Bestandteilen, einem früheren Indifferenten und einem 
späteren, höchst eindrucksvollen, zusammengekleistert worden will 
Es ist sofort ■nichtlich, um wieviel das Maß der uns zuge 

muteten Gtatbenelafctuag erleichtert wird Wir brauchen nicht 
mehr anzunehmen, «laß die Kitern den Koitus in (Jegenwnrl des, 
wenn auch sehr jugendlichen, Kindes vollzogen haben, was In 
viel«- von uns rine unliebsame Vorstellung ist. Dei Betrag der 
Nachträglichkeit wird sehr herabgesetzt; sie bezieht sich jetzt nur 
auf einige Monate des vierten Lebensjahres und greift überhaupt 
nicht in die dunkeln ersten Kiudheitsjahro zurüc k. An dem Wi 
halten des Kindes, web lies von den Hunden aul die Eltern über 
tr.igt und sich vor dem W'oli anstatt vor dem Vater fürchtet, 
bleibt kaum etwas befremdliches, Es befindet sich ja in der Etil 
wicklungphase seiner Weltanschauung, die in „Totem und Tabu" 
als die Wiederkehr des Totemisinus gekennzeichnet worden ist. 
Die Lehre, welche die Ursz.erien der Neurosen durch '/urück- 
phantasieren aus sjMteren Zeiten aufklären will, scheint in unsere- 
Beobachtung trotz des zarten Alters von vier Jahren bei unserem 
Neurotikei eine starke Unterstützung zu linden. So jung er ist, 
s" hat i-r ex doch zu stände gebracht, einen Eindruck aus dem 



Aus der Getchichte einer infantilen Xeurote 



49g 






vierten Jahr durch ein phantasiertes Traum. 1 mit i ' '> Jahren /u 
ersetzen; diese Begression erscheint aber weder rätselhaft noch 
tendenziös. Die Szene, die herzustellen war, mulJte gewisse Be- 
dingungen erfüllen, welche infolge der Lebensumstände des 
Träumers gerade mir in dieser frühen Zeit zu Enden waten, 
wie z. B. die eine, daß er sich im Schlaf/immer der Kitern im 
Bette befand. 

POr die Richtigkeil der hier \orgeschlagonen Auffassung wird 
es aber dflB meisten Lesern gerade/u entscheidend scheinen, was 
ich aus i\t'u analytischen Ergehnissen an anderen lallen hinzu- 
gehen kann. Die Szene einer Beobachtung des Sexualverkehrt 
der Kitern in sehr früher Kindheit — sei sie nun reale Ki 
UmerUng Od« Phantasie in den \nalyseu neurotischer 

Menschenkinder wahrlich keine Seltenheit. Vielleicht findet sie 

sich ebenso blnfig bd den nicht neurotisch Gewordenen. Viel- 
leicht gehurt sie /um regelmäßigen Bestand ihres bewußten 

oder unbewußten — ErimierungsKhaisas. So oft ich eben eine 

solche S/ene durch Analyst* entwickeln konnte, zeigte sie dieselbe 
Ki»eiitümlichkeit, die uns auch bei unserem Patienten stutzig 
machte, sie bezog sich auf den COBBtl ei tergo der allein dem 
Zuschauer die lnspektion der Genitalien ermöglicht. Da braucht 
man wohl nicht länger zu bezweifeln, daß es sich nur um eine 
Phantasie handelt, die vielleicht regelmäßig durch die Beobachtung 
des tierist hen Sexual Verkehrs angeregt wird. Ja noch mehr; ich 
habe angedeutet, daß meine Darstellung der „l ivzene" unvoll- 
ständig geblieben ist, indem ich mir für später aufsparte mitzu- 
teilen, aul welche Weise das Kind den Verkehr der Kitern stört. 
hh muß jetzt hinzufügen, daß auch die Art dieser Störung in 

allen Pillen die nätuliihe ist. 

Ich kann mir denken, daß ich mich jetzt schweren Verdächti- 
gungen von Seiten der Leser dieser Krankengeschichte aUSgesetZl 
habe. Wenn mir diese Argumente /u Gunsten einer solchen Auf- 
lassung der „Urs/nie' 4 zu Gebote standen, wie könnte ich es 

5»* 



500 Krankrngeschuhtrn 



überhaupt verantworten, zuerst eine so absurd itm hoinende ander«» 
EU vertreten' Oder sollte ich im Intervall zwischen der ersten 
Niederschrift der Krankenges« hi< hte und diesem '/usatz jene neuen 
Währungen gemacht haben, die mich zur Abänderung meiner 
.mfanglichen Auffassung genötigt halten, und wollte dies aus irgend 
welchen Motiven nicht eingestehen? Ich gestehe dafür etwas 
anderes ein: dali ich die Absicht habe, die Diskussion über den 
Realwert der Uratane dietmel mit einem tum lit/uet zu beschlielien. 
Diese Krankengeschichte ist noch nicht zu l'.nde; in ihrem wen. reu 
Verlauf wird ein Moment .iuft.nK heu, welches die Sit herheil 
Hört, deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird wohl 
nicht* anderes übrig bleiben als dei Verweis auf die Stellen in 
meinen „Vorlesungen", in denen ich das Problem der Ur- 
phantasieu nd«*r Drszenen behandelt habe.] 



VI 
DIE ZWANGSNEUROSE 

Zum drittenmal iifuhr er nun eine bVeinllussung, die Mint 
Kntwiiklung in M* heidender Weise abänderte. Als er 4. V. Jahr« 
alt war und sein Zustand von Reizbarkeit und Ängstlichkeit sich 
noch immer nicht gebessert hatte. ent>chloU sich die- Mutter, ihn 
mit der biblischen Geschichte bekannt zu machen, in der 
Hollinmg. ihn M abzulenken und zu erheben. El gelang ihr auch, 
die Kiliführung der Religion machte der bisherigen Phase ein 
Bad«, brach* aber eine Ablösung der Angstsympiome durch 
Zwangssymptome mit sich. Kr hatte bisher nicht leicht ein- 
s.hlalen können, weil er für« htete, ähnlich schlechte Dinge zu 
11. .innen wie in jener Nacht vor Weihnachten; er mußte jetzt 
vor dein Zubettgehen alle Heiligenbilder im Zimmer küssen, 
Gebete hersagen und ungezählte Kreuze über seine Person und 
sein Lager schlagen. 

Seine Kindheit gliedert sich uns nun übersichtlich in folgende 
Knochen: erstens die Vorzeit bis zur Verführung (5*/, J.), in welche 
,li<- OnMIM füllt, zweitens die Zeit der Oiarakterveränderung 
bis zum Angstnaum (4 J.), drittens die Tierphobie bis zur Ein- 
iührimg in die Religion (4'/, J.), und von da an die der Zwangs- 
neurose bis muh «lern zehnten Jahr. Kine momentane und glatte 
Krsct/ung einer Phase durch die nächstfolgende liegt weder in 
der Natur der Verhältnisse, noch in der unseres Patienten, für 
den im Gegenteil die Krhaltung alles Vorangegangenen und dir 












508 Krankengeschichten 



Koexistenz der verschiedenartigsten Strömungen charakteristisch 
waren. Die Schlimmheit ichwand nicht, nls dir- Angst auftrat, 
und letzte sich langsam ahuehmoud in die Zeit der Krönunigkeit 
fort. Von der Wolfsphobie ist aber in dieser letzten Phase nicht 
mehr die Rede. Die Zwangsneurose verliel diskontinuierlich; der 
erste Anfall war der längste und intensivste, andere traten EU 
acht und zehn Jahren auf, jedesmal nach Veranlassungen, die in 
ersichtlicher Beziehung zum Inhalt «1er Neurose« standen. Die 

Matter erzählte ihm die heilige Geschichte seihst und 1 i<*-13 ihm 

tufierdem durch die Nanja aus einem Buch, das mit Illustrationen 
geschmückt war, d.irülx-r vorlesen. Das Ilaupigewicht hei dei 
Mitteilung fiel natürlich auf die Passionsgest hie hie. Die Nania, 
die sehr fromm und abergläubisch war, gab ihre Krlautei ungen 
da/n, muBte .d>er .nah alle Km Wendungen und Zweifel des kleinen 
Kritikers anhören. Wenn die Kample, die ihn nun zu erschüttern 
heganuen, schließlich in einen Sieg des Glaubens ausholen, so 
war der Einfloß der Nanja uichl unbeteiligt daran. 

'Aas er mir als Krinuerung von seinen Reaktionen auf die 
F.iniührung in die Religion mitteilte, tr.il zunächst auf meinen 

ist hiedenen Unglauben. Das konnten, meinte ich, nicht die(»e- 
ilanken eines 4'/, — 5jährigen Kindes sein; wahrscheinlich schob 
<r in diese frühe \ «■rgangeuheil zurück, w.is .ms dem Nachdenken 

des bald 50 {Ihrigen Erwechienen enuprsng. 1 Allein der Patient 

wollte von dieser Korrektur im bis wissen; es gelang nicht, ihn 
wie bei so vielen anderen l rleilsverschiedeuheiteu /.wischen uns 
.11 überführen; der Zusammenhang seinei erinnerten (iedanken 
mit ninen berichteten Symptomen sowie- deren KinlÜguug in 



1) Ich machte auch wnciirrlic.lt den Versuch, die Geichiclite des Kranken wenigsten» 
um ein Jahr »oriusrhirhen, also die Vn ftUtfUBl aul 4 ' 4 Jahre, itrn Tiaum auf den 
fünftrn Geburtstag usw. tu verlegen. An dm I ntcrvnllen war ja nn bis tu gewinni'n. 
allein der l'atient blieb am h ln.i;ii OnfcCtUMm, ohne mich übrigens vom leisten 
'Zweifel daran befreien 111 kminen. Itir den l-'.iiulrui k, den seine (icic In« lite macht. 
und alle daran geknüpften I rurtcruugen und Folgerungen wure ein solcher Aufschnli 
um ein Jahr offenbar gleichgültig. 






Aus der G richte htt einer infantilen Neurose 503 

seine sexuelle Entwicklung nötigten mich s< hlieUIii h, vielmehr 
ihm (il.iuben zu schenken. Ich sagte mir dann auch, daß gerade 
die Kritik gegen die Lehren der Religion, die ich dem Kinde 
nicht zutrauen wollte, nur von einer verschwindenden Minder- 
zahl der \w\ H lisenen zu stände gebracht wird. 

Ich werde nun das Material seiner Erinnerungen vorbringen 
und erst dann nach einem Weg suchen, der zum Verständnis 

desselben führt. 

Der Eindruck, den m von der Erzählung der heiligen (Je 
silmbte empfing Wir, Wie er berichttt, anfangs kein angenehmer. 
Kr sträubte sich BUeret gegen den Leidenscharakter der Person 
Christi, dann gegen den ganzen Zusammenhang seiner Geschichte. 
Kr richtet« seine unzufriedene Kritik gegen Gottvater. Wenn er 
allmächtig -ei, n sei M s.ine Schuld, daß die Menschen schlecht 
seien und andere quälen, wofür sie dann in die Helle kommen. 
I 1 halte sie gut machen sollen; er sei selbst verantwortlich für 
alles S( bleibte und alle Qualen. Kr nahm Anstoß an dem Gebot, 
die uu.leie Wange hinzuhalten, wenn man einen Schlag auf die 
eine empl. mgen habe, daran, daß Christus am Kreuz gewünscht 
habe, der Kebb solle an ihm vorübergehen, aber auch daran, 
daß kein Wunder geschehen sei, um ihn als Gottes Sohn zu er- 
weisen. So war also sein Scharfsinn geweckt und wußte mit un- 
erbittlicher Strenge die Schwächen der heiligen Dichtung aus- 
«yiispüren. 
/.u dieser rationalistischen Kritik gesellten sich aber sehr bald 
Grübeleien und Zweifel, die uns die Mitarbeit geheimer Regungen 
verraten können. Eine der ersten Fragen, die er an die Nanja 
ruhtet«, war, ob Christus auch einen Hintern gehabt habe. Die 
Nanja gab die Auskunft, er sei ein Gott gewesen und auch ein Mensch. 
Als Meusth habe er alles gehabt und getan wie die anderen 
Menschen. Das befriedigte ihn nun gar nicht, aber er wußte sich 
selbst zu trösten, indem er sich sagte, der Hintere sei ja nur die 
l'ortsetzung «1er Reine. Die kaum beschwichtigt«» Angst, die 



5°4 Kranktnfifscliu-hlrn 



heilige Person erniedrigen zu müssen, flammte wieder ,\nl, ,iK 
ihm die Frage auftauchte, ob Christus mich geschissen habe. Die 
Frage getraute er sich nicht, der frommen Nanja vorzulegen, 
aber er fand selbst eine Ausflucht, die sie ihm nicht hatte besser /eigen 
können. Da Christus Wein aus dem Nichts gemacht, hätte er 
auch das Kssen zu nichts machen und sich so die Deliikntion 
ersparen können. 

Wir werden uns dem Verständnis dieser Grübeleien nähern, 
wenn wir an ein vorhin besprochenes Stink seiner Sexualen! 
wicklung anknüpfen. Wir wissen, clali sich sein Sexualleben seil 
der Zurückweisung durch die Nanja und die damit verbundene 
Unterdrückung der beginnenden (ienitnlbetätigung nach den 
Richtungen des Sadismus und Mascxhismus entwickelt hatte. Kr 
quälte, mißhandelte kleine Tiere, phantasierte vom Schlagen der 
Pferde, anderseits vom (iesc hlagenwerden des Thronfolger». 1 Im 
Sadismus hielt er die uralte Identifizierung mit dem Vater auf 
recht, im Mascxhismus hatte er sich dies«! /um Sexualobjekt 
erkoren. Kr befand sich voll in einer Phase der prägenitabjO 
Organisation, in welcher ich die Disposition zur Zwangsneurose 
erblicke. Durch die Kinwirkung jenes Traumes, der ihn unter 
den Einfluß der Crszeue brachte, hätte er den Fortschritt zur 
genitalen Organisation machen und seinen Masochismus gegen 
den Vater in feminine Einstellung gegen ihn, in Homosexualität, 
verwandeln können. Allem dieser Traum brachte den Fortschritt 
nicht, er ging in Angst aus. Das Verhältnis zum Vater, da» von 
dem Sexual/.iel, von ihm gezüchtigt zu werden, zum nächsten 
Ziel hätte führen sollen, vom Vater koitiert zu werden wie ein 
Weib, wurde durch den Einspruch seiner narzißtischen Männlich- 
keit auf eine- noch primitivere Stufe zurückgeworfen und unter 
Verschiebung auf einen Vaterersatz als Angst, vom Wolf gefressen 
zu werden, abgespalten, aber keineswegs .ml diese Weise erledigt. 
Vielmehr können wir dem kompliziert erscheinenden Sachverhalt 



l) Bvtonder» ron Schlagen »uf d»n r>ni». S. 460. 



Aul der Getchichte einer infantilen Neurose 505 

nur gerecht werden, wenn wir an der Koexistenz der drei nuf 
den Vater zielenden Sexualst rebungen festhalten. Er war vom 
Traume au im Unbewußten homosexuell, in A>-r Neurose nuf 
dem Niveau des Kannibalismus; herrschend blieb die frühere 
mnsochistisc he Einstellung. Alle drei Strömungen hatten passive 
Sexualziele; es war dasselbe Objekt, die nämliche Sexualregung, 
aber es hatte sich eine Spaltung derlei Im- n nach drei verschiedenen 
Niveaus herausgebildet. 

Die Kenntnis der heiligen Gochichte gab ihm nun die Mög- 
lichkeit, die vorherrschende masochistische Einstellung zum Vater 
zu sublimieren. Er wurde Christus, was ihm durch den gleichen 
Geburtstag besonders erleichtert war. Damit war er etwas Großes 
;■- norden und aiu h - worauf vorläufig noch nicht genug Akzent 
ii.-l ein M.niu. In dem Zweifel, ob Christus einen Hintern 

haben kann, schimmert die verdrängte homosexuelle Einstellung 
durch, denn die Grubelei konnte nichts anderes bedeuten als die 
1 Vage, ob er vom Vater gebraucht werden könne wie ein Weib, 
nie die Mutter in der Crs/ene, Wenn wir zur Auflösung der 
anderen Zwangsideen kommen, sverden wir diese Deutung be- 
stätigt finden. Der Verdrängung der passiven Homosexualität 
entsprach nun das Bedenken, daß es schimpflich sei, die heilige 
Person mit solchtB Zumutungen iti Verbindung zu bringen. Man! 
merkt, er bemühte sich, seine neue Sublimierung von dem Zusatz 
freizuhalten, den sie aus den Quellen des Verdrängten bezog, j 
Aber es gelang ihm nicht. 

Wir verstehen es noch nicht, warum er sich nun auch gegen 
den passiven Charakter Christi und {[>'^i\ die Mißhandlung durch 
den Vater sträubte, und damit auch sein bisheriges masochistisches 
Ideal, selbst m seiner Sublimierung, zu verleugnen begann. Wir 
dürfen annehmen, daß dieser /weite Konflikt dem Hervortreten 
der erniedrigenden Zwangsgedanken aus dem ersten Konflikt 
(/wischen herrschender DHtOchistischer und verdrängter homo- 
sexueller Strömung) besonders günstig war, denn es ist nur 



506 Krankrnßeschichtfn 



natürlich, daß sich in einem seelischen konlhl-.t - • 1 1 ■ - (■■•;•,< n 
strebungen, wenn auch aus den verschiedensten (Quellen, mit- 
einander summieren. Das Muti\ seines Sträuheus iiinl somit der 
an der Religion geübten Kritik werden wir aus neuen Mitteilungen 
kennen lernen. 

Aus den Mitteilungen über dir beilige Geschichte hatte am h 
seine SexualforVuung Gewinn gezogen. Bisher hatte er keinen 
Grund zur Annahm.- gehabt, daß die Kinder nur von der Krau 
kommen. Im Gegenteil«-, die Nanja hatte ihn glauben lassen, er 
s< i das Kind des Vater», dir Schwerter das der Mutter, utul diese 
nähere Beziehung zum Vater war ihm sehr wertvoll gewesen 
Nun hörte er, daß Maria die Gottesgebarerin hieß. Also kamen 
dir Kinder von der Frau und die Angabe der Nanja war nicht 
mehr zu halten. Ferner wurde er durch die Kr/.ahlungcn irre 
gemacht, wer eigentlich «Irr Vater Christi war. Kr war geneigt, 
Josef dafür EU halft > I D er heile |a, daß sie immer mit- 

sammen gelebt hatten, eher die Nanja sagte: Josef war nur wie 
sein Vater, der eigentliche Vater sei Gott gewesen. Daraus konnte 
er nichts machen. Ki verstand nur soviel: wenn man überhaupt 
darüber diskutieren konnte, so war «las Verhältnis zwischen Vater 
und Sohn kein so inniges, wie er sich s immer vorgestellt hatte 

Der Knabe fühlte gewissermaßen die (iefühlsambivalenz gegen 
den Vater, die in allen Religionen niedergelegt ist, heraus und 
griff seine Religion wegen der Lockerung dieses Vatorverhiilt- 
nisses an. Natürlich hörte seine Opposition bald auf, ein Zweifel 
an der Wahrheit der Lehre zu sein, und wandte rffifa dalür 
direkt gegen die Person Gottes. Gott hatte seinen Sehn hart und 
grausam behandelt, aber er war nicht besser gegen die Menschen. 
Kr hatte seinen Sohn geopfert und dasselbe von Abraham ge- 
fordert. Kr begann Gott zu fürchten. 

Wenn er Christus war, so war der Vater (»Ott. Aber der Gott, 
den ihm die Religion aufdrängte, war kein richtiger Krsatz für 
den Vater, den er geh. ht hatte, und den er sich nichl wollte 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose |M 

rauhen lassen. Die Liehe zu diesem Vater schuf ihm seinen 
kritischen Scharfsinn. Kr wehrte sich gegen Gott, um am Vater 
festhalten zu können, verteidigte dahei eigentlich den alten Vater 
gegen den innen. Er hatte da ein schwieriges Stück der Ab- 
lesung vom Vater BD vollbringen. 

Es war also die alte, in frühester Zeit offenbar gewordene 
Liebe EU seinem Vater, der er die Energie zur Bekämpfung 
(»ottes und drn Scharfsinn zur Kritik der Religion entnahm. 
Aber anderseits war diese Feindseligkeit gegen den neuen Gott 
auch kein ursprünglicher Akt, sie hatte ein Vorbild in einer 
tinidseligen Kegung gegen den Vater, die unter dem Einfluß 
des Angsttraumes entstanden war, und war im Grunde nur ein 
Wiednau lieben derselben. Die beiden gegensätzlichen Gefühls- 
regungen, die sein ganze« späteres Lehen regieren sollten, trafen 
sich hier zum Ambivalenzkampfe beim Thema der Religion. 
Was sich aus diesem Kampfe als Symptom ergab, die blas 
nhemisdien Ideen, der Zwang, der ihn überfiel, Gott— Dreck, 
Gott— Schwein zu denken, war darum auch ein richtiges Kom- 
promibVrgobnis, wie die Analyse dieser Ideen im Zusammenhange 
der Analerotik uns zeigen wird. 

Einige andere Zwangssymptome von minder typischer Art 
lühren ebenso s'u her auf den Vater, lassen aber auch den Zu- 
iimienliang der Zwangsneurose mit den früheren Zufällen 
erkennen. 

Zu dem Frömmigkt itszcremoniell, mit dem er am Ende seine 
Gottesläsiei nngen sühnte, gehörte auch «las Gebot, unter gewissen 
Bedingungen in feierlicher Welse ZU atmen. Beim Kreuzeschlagen 
muüte er jedesmal tiei einatmen oder stark aushauchen. Hauch 
ist in seiner Sprache gleich Geist. Das war also die Rolle des 
Heiligen Geistes. Er muüte den Heiligen Geist einatmen oder 
die bösen Geister, von denen er gehört und gelesen hatte, 1 aus- 

l) Die« Symptom hatte »ich, wie wir hören wrrdrn, mit dem sechsten Jahr, all 

rr latea könnt*, antwioknk. 



508 Krankrngeschichtrn 

atmen. Diesen bösen Geistern schrieb er auch die blasphemischen 
Gedanken zu, für die er sich soviel Bulli- auferlegen mußte. I : 
war al)er genötigt auszuhauchen, wenn er Heuler, Krüppel, häß- 
liche, alte, erbarmenswerte Leute sali, und diesen Zwang VW 
stand er nicht, mit den Geistern zusammenzubringen. Kr gab 
sich selbst nur die Rechenschaft, er tue es, um nichl SU weiden 
wie diese. 

Dann brachte die Analyse im Ans« hin II .in einen Traum die 
Aufklärung, daß das Ausatmen beim Anblick der bedauernsweiten 
Personen erst nach dem sechsten Jahre begonnen halle und nn 
den Vater anschloß. Kr hatte den Vater langt Monate nicht gl 
seilen, als die Mutter einmal sagte, sie würde mit den Kindern 
in die Stadt fahren und ihnen etwas /eigen, was sie sehr ei 
freuen würde. Sie brachte sie dann in ein S.malorium, in HD 
sie den Vater wiedersahen; er sah schlecht aus und tat dem 
Sohne sehr leid. Der Vater war ..No auch das Urbild all der 
Krüppel, Bettler und Armen, vor denen er ausaiinen mnUte, wie 
er sonst das l'rbild der Kratzen ist, die mau in Angstzustiinden 
sieht, und der Karikaturen, die m.ui /um Huhne /ei< hnet. Wir 
werden noch nn anderer Stelle erfahren, daß diese Mitleidsein 
Stellung auf ein besonderes Detail der Urszene zurückgeht, 
welches so spät in der Zwenganauro.se zur Wirkung kam. 

Der Vorsatz, nicht EU werden wie diese, der sein Ausatmen 
vor den Krüppeln tnoti\ierte, war also die alte Vatei ident ib 
zierung, ins Negativ gewandelt. Doch kopierte« er dabei den Vater 
auch im positiven Sinne, denn das starke Almen war eine Nach 
ahmung des Geräusches, das er beim Koitus vom Vater aus 
gehend gehört hatte.' Der Heilige- Geist dankte seinen Ursprung 
diesem Zeichen der sinnlichen Krregung des Mannes. Durch die 
Verdrängung wurde dies Atmen zum bösen (»eist, für den noch 
• -ine andere Genealogie bestand, die Malaria n.imlu b, an der er 
zur Zeit der Unzen« gelitten hatte. 

l) Die reale Natur der Urttene »oraing nctit ' 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose r l(1 <) 

Die Ablehnung dieser bösen Geister entsprach einem unver- 
kennbar asketischen Zug, der sich noch in anderen Reaktionen 
äubVrte. Als M h.ute, daü Christus einmal böse (ieister in Säue 
gebannt hatte, die dann in einen Abgrund stürzten, dachte er 
dinn, daü die Schwester in ihren ersten Kinderjahren vor seiner 
Krinnerung vom Kli|»i>eii\veg des Malens an den Strand herab 
gerollt war. Sie war .null so ein böser (ieist und eine Sau; von 
hier führte ein kurzer Weg EU Gott — Schwein. Der Vater selbst 
hatte «ich als ebenso von Smulic hkeit beherrscht erwiesen. Als 
er die (ie, buhte der ersten Menschen erfuhr, fiel Ihm die Ähn- 
lichkeit seines Schicksals mit dem Adams auf. Kr wunderte sich 
heuchlensi-h. -(-weise im Gespräch mit der Nanja, daß Adam sich 
durch ein V\eib hatte ins Unglück stürzen lassen, und versprach 
der Nanja, er werde nie heiraten. Kine Verfeinduug mit dem 
Weibe wegen dei Verführung durch du- S. hw.ster m ha luv sich 
um diese '/.eit starken Ausdruck. Sie sollte ihn in seinem späteren 
Liebesleben noch oft penug stören. Die Schwert» wurde ihm 
zur dauernden Verkörperung der Versuchung und der Sünde. 
Wenn er gebeichtet hatte, kam er sich rein und sündenfrei vor. 
\).ww\ schien es ihm aber, als ob die Schwester darauf lauerte, 
ihn wieder in Sünde zu stürzen, und ehe er sich's versah, hatte 
er eine Streitszene mit der Schwester provoziert, durch die er 
wieder sündig wurde. So war er genötigt, die Tatsache der Ver- 
führung immer wieder von Neuem zu reproduzieren. Seine blas- 
phemischen Gedanken halte er übrigens, so sehr sie ihn drückten, 
niemals in der Beichte preisgegeben. 

Wir sind unversehens in die Symptomatik der späteren Jahre 
der Zwangsneurose geraten und wollen darum mit Hinwegsetzung 
über soviel, was dazwischen liegt, ül>er ihren Ausgang berichten. 
Wir wissen schon, daU sie, von ihrem permanenten Bestand ab- 
gesehen, zeitweise- Verstärkungen erfuhr, das eine Mal, was uns 
noch Dicht durchsichtig sein kann, als ein Knabe in derselben 
Straüe starb, mit dem er sich identifizieren konnte. Als er zehn 






510 Krankengeschichten 



Jahre alt war, bekam er einen deutschen Hofmeister, der sehr 
bald großen Einfluß auf ihn gewann. Es ist lehr lehrreich, daß 
seine ganze schwere Frömmigkeit dahinschwand, um nie wieder 
aufzuleben, nachdem er gemerkt und in belehrenden (lesprächen 
mit dem Lehrer erfahren hatte, daß dieser Vaterersatz keinen 
Wert auf Frömmigkeit legte und nichts von der Wahrhell <\<-f 
Religion hielt. Die Frömmigkeit fiel mit der Abhängigkeit vom 

Vater, der nun von einem neuen, umgänglicheren Vater abgelöst 

wurde. Dies geschah allerdings ni< hl ebne ein letztes Aufflackern 
der Zwangsneurose, von dem der Zwang besonder» erinnert 
wurde, an die Heilige Dreieinigkeit zu (lenken, so oft er auf der 
Straße drei Häufchen Kot beisammenliegen sah. Li gab eben nie 
ein» i Anregung nach, ohne noch einen Versuch zu machen, das 

Entwertete festzuhalten. Als der Lehrer ihm von den Gramem* 

kalten g egen die kleinen Tiere abredete, machte er auch diesen 
Untaten ein Ende, eher nicht, ohne lieh vorher noch einmal im 
Zerschneiden von Rauften gründlich genug getan zu haben. Kr 
benahm sich noch in der analytischen Behandlung ebenso, indem 

er -ine pass.igere „negativa Ur.iktion" entwickelte' nach |eder 

einsi (meidenden Lösung versuchte er für eine kurze Weih«, deren 

Wirkung durch eine Verschlechterung dea gelösten Symptoms 
zu negieren. Man weiß, daß Kinder sich g.uiz allgemein ähn- 
lich gegen Verbote benehmen. Wenn man sie angefahren hat, 
weil sie z. B. ein unleidluhes (ieriiusch produzieren, so wieder 
holen sie es nach dem Verbol BOCh einmal, ehe sie damit auf- 
hören. Sie haben dabei erreicht, d.ili sie an* heinend freiwillig 
aufgehört und dem Verbot getrotzt haben. 

Unter dem Einfluß des deutschen Lehrers entstand eine neue 
und I Suhlimierung seines Sadismus, der entsprechend der 

nahen Pubertät damals die Oberhand über den Masorhismus ge- 
wonnen hatte. Kr begann fürs Soldatenwesen zu schwärmen, lür 
Uniformen, Waffen und Pferde, und nlihrte damit kontinuier- 
liche Tagträuine. So war er unter dem Kinfluß eines Mannes 



Aus drr Gruhuhlr einer infantilen Seurou t.\\ 

von seinen passiven Einstellungen losgekommen und befand sich 
zunächst in ziemlich normalen Bahnen. Eine Nachwirkung der 
Anhänglichkeit an den Lehrer, der ihn bald darauf verlieb", war 
es, daß er in seinem späteren Leben das deutsche Kleinem 
(Arzte, Alistallen, Lianen) gegen das heimische (Vertretung des 
V.iters) bevorzugte, woraus noch die Übertragung in der Kur 
großen Vorteil zog. 

In die Zeit vor der Befreiung durch den Lehrer fällt noch 
ein Traum, den ich erwähne, weil er bis zu seiner Gelegenheit 
in der Kur vergessen war. Kr sah sich auf einem Pferd reitend 
VOD einer riesigen Raupe verfolgt. Kr erkannte in dem Traum 
eine Anspielung auf einen früheren aus der Zeit vor dem Lehrer, 
den wir längst gedeutet hatten. In diesem früheren Traum sah 
er den Teuiel im schwarzen Gewand und in der aufrechten 
Stellung, die ihn seinerzeit am Wolf und am Löwen so sehr 
<im brockt bitte. Mit dem ausgestreckten Finger wies er auf eine 
riesige Schnecke hin. Kr hatte bald erraten, daß dieser Teufel 
der Dämon aus einer bekannten Dichtung, der Traum selbst die 
Umarbeitung eines seht verbreiteten Bildes sei, das den Dämon 
in einer I iehess/.ene mit einem Mädchen darstellte. Die Schnecke 
war an der Stelle des Weihes als exquisit weihliches Sexual- 
symbol. Durch die zeigende Gebärde des Dämons geleitet, konnten 
wir bald als den Sinn des Traumes angeben, daß er sich nach 
jemand sehne, der ihm die letzten noch fehlenden Belehrungen 
über die Rätsel des Geschlechtsverkehrs gehen sollte, wie seiner- 
zeit der Vater in der Urszene die ersten. 

Zu dem späteren Traum, in dem das weihliche Symbol durch 
du männliche ersetzt war. erinnerte er ein bestimmtes Krlebnis 
kurz, vorher. Kr ritt eines Tages auf dem Landgut an einem 
schlafenden Bauern vorüber, nehen dem sein Junge lag. Dieser 
weckte den Vater und sagte ihm etwas, worauf der Vater den 
Reitenden zu beschimpfen und zu verfolgen begann, so daß 
er sich rasch auf seinem Pferd entfernte. Dazu die zweite 



512 Krankengeschichten 

Erinnerung, daß es auf demselben Gut Baume pah, die ganz weiß, 
ganz von Raupen umsponnen waren. Wir verstellen, daß er 
auch vor der Realisierung der Phantasie die Line In ergrill, daß 
der Solin heim Vater schlafe, und daß er die weißen Bäume 
heranzog, um eine Anspielung an den Angsttiaum von den weißen 
Wölfen auf dem Nußbaum herzustellen. Es war also ein direkter Aus- 
bruch der Angst vor jener femininen Umstellung /.um Mann, gegen 
die er sich zuerst durch die religiöse Siibliiuierimg geschützt hatte 
und bald durch die militai is» he not h wirksamer M hüt/en sollte. 

Es wäre aber ein großer Irrtum anzunehmen, daß nach der 
Aufhebung der Zwangssyndrome keim- permanenten Wirkungen 
der Zwangsneurose~übrig gebliehen wann. Der Prozeß hatte zu 
einem Sieg de> frommen dlaul.ens über die kritisch forschende 
Auflehnung geführt und hatte die \ .1 «!i angung «In homosexuellen 
Einstellung zur Voraussetzung gehabt. Aus Leiden 1'aktoien er- 
gaben sich dauernde Nachteil.-. Die intellektuelle Betätigung blieb 
seit dieser ersten großen Niederlage schwer geschädigt. Es • , nt- 
wickelte sich kein I.erneifaT, et MHgte sich nichts mein von dein 
Scharfsinn, der leiner/eit im zarten Alter von fünf Jahren die 
Lehren der Religion kriti.sih /ersetzt hatte. Die während )<nes 
Angsttraume* erfolgte Verdi. mgung der üherslai ken 1 lomnsexuahtät 
reservierte diese hedeulungsvolle Regung für das Unbewußte, 
erhielt sie so bei der ursprünglichen '/.ieleinstelhing und entzog 
sie all den Sublimierungen, zu denen sie sich sonst bietet. Es 
fehlten dem Patienten darum alle die sozialen Interessen, welche 
dem Leben Inhalt geben. Erst als in der analytischen Kur die 
Lösung dieser Fesselung der Homosexualität gelang, konnte sich 
der Sachverhalt zum Besseren wenden, und es war sehr merk- 
würdig mitzuerleben, \% ie «dun- direkte Mahnung des Arztes 
jedes befreite Stück der homosexuellen Libido eine vnwonduflg 
im Lehen und eine Anheftung an die großen genieinsamen 
Geschäfte der Menschheit suchte. 



VII 
ANALEROTIK UND KASTRATIONSKOMPLEX 

Ich bitte den Leser sich zu erinnern, daß ich diese Geschichte 
einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenprodukt während 
«l'T Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter gewonnen habe. 
Ich mußte sie also aus noch kleineren Brocken zusammensetzen, 
als sonst ih>r Synthese zu Gebote stehen. Diese sonst nicht 
schwierige Arbeit findet eine natürliche Grenze, wo es sich 
darum handelt, ein vieldimensionales Gebilde in die Ebene der 
Deskription zu bannen. Ich muß mich also damit begnügen, 
Gliedernde ke vorzuleben, die der Leser zum lebenden Ganzen 
zusammenfügen mag. Die geschilderte Zwangsneurose entstand, 
wie wiederholt betont, auf dem Boden einer sadistisch-analen 
Konstitution. El war aber bisher nur von dem einen Hauptfaktor, 
dem Sadismus und seinen Umwandlungen, die Rede. Alles, was 
die Analerolik betrifft, ist mit Absicht beiseite gelassen worden 
und soll hier gesammelt nachgetragen werden. 

Die Analytiker sind längst einig darüber, daß den vielfachen 
Triebregungen, die man als Analerotik zusammenfaßt, eine außer- 
ordentliche, gar nicht zu überschätzende Bedeutung für den 
Aufbau des Sexuallebens und der seelischen Tätigkeit überhaupt 
r.ukommt. Ebenso, daß eine der wichtigsten Äußerungen der 
umgebildeten Erotik aus dieser (Quelle in der Behandlung des 
(leides vorliegt, weither wertvolle Stoff im taufe des Lebens 
das psychische Interesse an sich gezogen hat, das ursprünglich 

Kin.d, VIII v 



514 Ä rankengeschkh tcn 



dem Kot, dem Produkt der Analzone, gebührte. Wir hüben uns 
gewöhnt, das Interesse am Gelde, soweit es libidinöser und nicht 
rationeller Natur ist, auf Exkremontallust zurückzuführen und 
vom normalen Menschen zu verlangen, daU er sein Verhältnis 
zum Gelde durchaus von libidinösen Einflüssen frei halte und es 
nach realen Rücksichten regle. 

Bei unserem Patienten war zur '/eil seiner späteren Erkran 
kung dies Verhältnis in besonders argem Malle gestört, und die* 
war nicht das Geringste an seiner Unselbständigkeit und l«ebens- 
untih htigkeit. Er war durch Erbschaft von Vater und Onkel 
sehr reich geworden, legte manifest erweise viel Wert darauf, für 
rpirh zu gelten, und konnte sich sehr kränken, wenn mau ihn 
darin unterschätzte. Aber er wußlo nicht, wieviel er besaß, was 
er verausgabte, was er übrig behielt. Es war schwer zu sagen, 
ob man ihn geizig oder verschwenderisch heilten sollte. Er be 
nahm sich bald so, bald anders, niemals in einer Art, die auf 
eine konsequente Absicht hindeuten konnte. Nach einigen auf- 
fälligen / . die ich weiter unten anfühlen werde, konnte 
man ihn für einen verstockten Geldprotzen halten, der in dem 
Reichtum den größten Vorzug seiner Person erblickt und Gelühls- 
interessi-n nelwn Geldinteressen nicht einmal in Betracht ziehen 
läßt. Aber er schätzte andere nicht nach ihrem Reichtum ein 
und zeigte si( h bei vielen Gelegenheiten vielmehr bescheiden, 
hilfsbereit und mitleidig. Das Geld war eben seiner bewuliteii 
Verfügung entzogen und bedeutete für ihn irgend etwas anderes. 

Ich habe schon erwähnt (S. 457), daß ich die Art sehr be- 
denklich fand, wie t-r sich über den Verlust der Schwester, die 
in den letzten Jahren sein bester Kamerad geworden war, mit 
der Überlegung testete Jetzt brauche er die Erbschaft von den 
Eltern nulit mit ihr zu teilen. Auffälliger vielleicht war noch 
die Ruhe, mit welcher er dies erzählen konnte, als hätte er kein 
Verständnis für die s.« eingestandene Gefühlsroheit. Die Analyse 
rehabilitierte ihn zwar, indem sie zeigte, daß der Schmer/ um 









A us der Geschichte einer infantilen Neurose •-, i 

die Schwester nur eine Verschiebung erfahren hatte, aber es 
■wurde nun erst recht unverständlich, daß er in der Hereicheruiio- 
einen Frsatz lür die Schwester hatte finden wollen. 

Sein Benehmen in einem anderen Falle erschien ihm selhsl 
rätselhaft. Nach dem Tode des Vaters wurde das h int erlassene 
Vermögen zwischen ihm und der Mutter aufgeteilt. Die Mutter 
verwaheit- es und kam seinen Geldansprüchen, wie er selbst zugab, 
in tadelloser, ficigebiger Weise entgegen. Dennoch pflegte jede 
Besprechung über Geldangelegenheiten /wischen ihnen mit den 
heiligsten Voiwürlen von seiner Seite zu endigen, daß sie ihn 
nicht liebe, daß sie daran denke, an ihm zu sparen, und daß sie 
ihn wahiM ln-mli« h am liebsten tot sehen möchte, um allein über 
das Geld zu verfügen. Die Mutter beteuerte dann weinend ihre 
IJneigcnnützigkeit, er schämte sich und konnte mit Recht ver- 
sichern, daß er das gar nicht von ihr denke, aber er war sicher, 
dieselbe Szene bei nächster Gelegenheit zu wiederholen. 

Daß der Kot für ihn lange Zeit vor der Analyse Geldbe- 
deutung gehabt hat, geht aus vielen Zufällen hervor, von denen 
ich zwei mitteilen will. In einer Zeit, da der Darm noch unbe- 
teiligt an seinem Leiden war, besuchte er einmal in einer großen 
Stadt einen atmen Vetter. Als er wegging, machte er sich Vor- 
würfe, daß er diesen Verwandten nicht mit Geld